Alfons als Schulkind

am 10.9.2016 ging es endlich in die 1. Klasse bei Frau Hinze, mit fast allen Freund*innen vom Ziegenhof. Dort blieb er bis zu seiner Erkrankung im April/Mai 2018 bzw. mit dem Tod am 17.10.2018 Schüler.

Nachfolgend erzähle ich Geschichten aus diesen Zeiten.

Schulzeit '16-'18

aufgeschrieben am 24.10.21

Am 17.10,21 meldete sich Janis Saupe bei mir, Alfons‘ Hortnerin. Ich hatte ihr mein Gedicht für Alfons geschickt und auch gefragt, wie es ihr geht. Sie schrieb, und erzählte u.a. dass sie die 1. Klasse übernommen hat: Ich hab es bei mir an der Wand (Anm. Anett: Gemeint ist das Bild mit dem Raben von Alfons aus der Charité). Ich bewahre es auf und ich dachte, ich bring es zum Abiball mit, wenn es nicht vorher schon jemand haben möchte. Ich habe die erste Klasse  und bin ganz entzückt von den Kleinen… Die Kleinen finden Alfons‘ Erfindung übrigens ganz toll mit “ Frau Saupe, die Wohlstandsraupe“… Ich habe etwas fassungslos und ungläubig nachgefragt, ob das tatsächlich Alfons über sie gesagt hat. Ich hatte davon weder von Alfons noch von sonstwem gehört und auch Frau Saupe hatte sich nicht beklagt darüber. Damals. Sie schrieb daraufhin: Doch doch, genau das hat er gesagt. Und das fanden die Kleinen sehr lustig und haben es übernommen. Mit jedem Schritt den wir auf dieser Welt gehen, mit allem was wir tun, hinterlassen wir einen Eindruck in der Welt. So auch Alfons.

Irgendwie macht es mich sprachlos, dass ich drei Jahre nach Alfons‘ Tod noch Dinge über ihn höre und erfahre, die mir nicht bekannt waren. 

 

Als ich Carl davon berichtete, schrieb er: Ach schön, ja frech war er auch damals schon 🙂

aufgeschrieben am 1.7.21

Alfons' Klasse bastelte für Janis, ihre Hortnerin, ein Abschiedsbild. Mit Alfons' Regenbogen drauf. Danke dafür.

aufgeschrieben am 13.6.21

Die Haarspange

Ich habe, als Alfons im Oktober 2017 begann, seine Haare lang wachsen zu lassen, ab einer gewissen Zeit alles möglich versucht, um ihm die langen Haare aus dem Gesicht heraus zu halten. Es gibt Fotos mit Haarbändern, leider keins mit dem schönen Zopf. Den band er sich mit meiner Hilfe an einem Morgen und ging so zur Schule. Er kam empört nach Hause: Frau Hinze und Frau Jerga hatten ihm unterstellt, den Zopf mit Absicht, damit alle lachen, so gebunden zu haben. Darüber war er sehr enttäuscht. Nie wieder konnte ich ihn von einem Zopf oder einer helfenden Spange überzeugen. Eine Spange von Alfons fand ich vor kurzem zufällig bei seinen Dingen im Bad…

aufgeschrieben am 25.4.21

Lesenlernen

Alfons hat nie Lesen gelernt. Eine Freundin fragte mich nach einem Buch: Die drei Fragezeichen; für ihren Sohn. Ob sie es ausleihen könnte. Wir haben es nicht und ich habe Alfons bis zum Schluss vorgelesen. Sein letztes Buch war Die unendliche Geschichte und Tom Sawyer. Ich überlegte, als ich meiner Freundin schrieb, was Alfons lernen mochte. Ende der zweiten Klasse. In den Krankenhausschulen. Geschichte, Englisch, Deutsch und Handarbeiten. Er bat Frau Kießling, an der Schule der Charité, um ein Hasenhäkelset und sie machte die Deutschstunde sehr gern zum Handarbeitsunterricht. Ich half den beiden, aber der Hase wurde nicht fertig. Er steht in seiner Liste hier auf dem Schrank bei den Dingen, die Alfons nicht zu Ende bringen konnte oder die an ihn erinnern… Ich kann mich an Mathe nicht mehr erinnern, aber darin war Alfons ja sehr gut. Und ich glaube, er fragte auch nach Russisch und Herr Zimmermann, der Geschichtslehrer an der Charité, unterrichtete auch Russisch. Für all das war so wenig Zeit. Sie sprachen zusammen über „Die Burg“ und Alfons war begeistert davon. 

aufgeschrieben am 14.6.20

Alfons‘ Ranzen blieb zu Hause
Nach vielen Wochen Nichtschule und Homeschooling gehen die Kinder in Alfons‘ Klasse in A und B geteilt an jeweils zwei Tagen wieder zur Schule. Wie wäre das für Alfons, für mich, Alex, Carl? Viele Blaumachtage, würde Alfons sagen. Ich denke an die Schulanfänger. Baldur, Josephas Sohn, kommt in die Schule und ich denke an Alfons. Und seinen Schulanfang. Endlich war es soweit. Früh war es so aufregend zu Hause. Wir alle waren aufgeregt. Ich hatte einen Apfelkuchen gebacken und mit Malte und seinen Eltern paddelten wir später im Spreewald. Aber zuvor ging es in die Schule zu den Feierlichkeiten.
Es gibt ein schönes Foto: Alfons schick angezogen mit Ranzen auf dem Rücken in der sonnendurchfluteten Küche zu Hause. So stolz. Das breite Lachen war immer ein Ausdruck seines wirklichen Stolzes und Glücklichseins. Wir aßen noch Frühstück, den Ranzen dabei abgestellt in der Küche auf einen Stuhl. Wir brachen auf. Im Auto der Schock, aber wir waren schon in Cottbus. Alfons als einziges Kind ohne Ranzen. Aber Alfons, der leicht meckerte, bemerkte den Ernst, die Sorge, das Maleur und stand alles tapfer durch. Dann stolz mit seiner Zuckertüte. In den besonderen Situationen behielt Alfons die Fassung, seine Kraft. Manchmal gab es schon Tränen beim Pflasterabmachen oder bei Missverständnissen zwischen Mama/Papa und ihm. Aber die ernsten Krisen durchstand er tapfer.

aufgeschrieben am 1.9.19

Das erste Klassenspiel

Mit Frau Hinze und Hannahs Mutti spielten sie das schwedische Märchen Das schöne Schloß, östlich von der Sonne, nördlich von der Erde. Alfons war darin ein Riese, der sich mit einem anderen Riesen um einen Mantel, Stiefel und ein Schwert stritten. Alfons hatte meine grüne lange Jacke an, die bis zum Boden reichte, dazu meine braunen Wildlederstiefel, Größe 39, er hatte die 38 und passt wunderbar hinein und auf dem Foto sieht man, wie er sein Schwert hält, was er mit Papa gesägt, geschmirgelt und grau angestrichen hat. Er spricht mit lauter, deutlicher Stimme – ein Klasse Riese. Ich bin so stolz auf ihn. Auf Carl, der den James in Die Philosophen spielte, im Juni ’19… Was lag alles vor Alfons… Was liegt alles schon hinter Carl…

 

Frau Wolf

Frau Wolf vertrat Frau Hinze einmal in der ersten oder zweiten Klasse. Für mehrere Wochen. Alfons kam zunehmend verstörter nach Hause: die Klasse, die Jungs, er… machten sich über Frau Wolf lustig. Sagten böse Worte und Ausdrücke und irgendeinen Reim auf Wolf. Es war so ähnlich wie die Geschichte mit Nick: es bewegte ihn stark, eigentlich wollte er nicht mitmachen, er weinte zu Hause und nach ein paar Tagen kam er nach Hause und meinte: Ich will mich bei Frau Wolf entschuldigen. Wir überlegten gemeinsam wie. Und dann kamen wir auf die Idee, dass er ein paar aufgefädelte, getöpferte Blüten schenken könnte. Die hatte Alfons selbst getöpfert und bemalt. Zusammen haben wir sie als Geschenke hergerichtet. Eins bekam Frau Wolf.

Nick

Nick wurde von den Jungs seiner Klasse in den Hofpausen gehänselt und gestänkert. Das erzählte Alfons Stück für Stück zu Hause. Und auch seine Verzweiflungen damit. Warum das passiert? Was er machen kann, damit das aufhört? Er findet es ungerecht. Er will nicht mitmachen. Er macht aber mit und es ist so schwer, es seinen Freunden zu sagen. Von Tag zu Tag überlegten wir, was Alfons tun kann und wir besprachen, wie schwer es ist, zu einer Gruppe gehören zu wollen, aber nicht mit allem einverstanden zu sein. Er schlief in dieser Woche schlecht und hatte Albträume. Dann sagte ich: Wenn du es allein nicht lösen kannst, musst du dir Hilfe holen. Auf dem Schulhof sah er dafür niemanden, also erzählten wir es Frau Hinze. Ich musste es machen, Alfons wagte es nicht. Frau Hinze bedankte sich, sie hatte davon noch gar nichts mitbekommen.

Später lud Alfons Nick zu seinem 9. Geburtstag ein. Am 12.5.18 wollte er mit seinen Freunden Bowlen gehen. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Und beide Jungs haben sich nie wiedergesehen.

aufgeschrieben am 11.8.19

Alfons geht in die 4. Klasse. Auf dem Grillfest, zum Ende der 3. Klasse hin, hat niemand mehr nach ihm gefragt und keiner mehr von ihm erzählt. Ich weiß nicht, wie die Kinder an ihn denken oder sich an ihn erinnern. Er hätte seine Freude bei der Feldbauepoche gehabt, beim Hausbauen, im September tritt die Klasse im Tempodrom in Berlin auf. All das erlebt Alfons nicht. Und es gibt keinen Ort, wo die Kinder wissen, Alfons ist hier.

Seine Hortnerin schickte mir ein Foto. Alfons‘ Rabe hängt im neuen Gruppenraum.

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