aufgeschrieben am 8.2.26
Lieber Alfons,
Carl sprach länger mit mir, wie es ihm geht, Dich jeden Tag am Tisch auf dem Foto zu sehen mitsamt der Mutmacherperlenkette aus der Krankenhauszeit. Er sagt – und so geht es ir auch – „wenn ich die Gedanken zulasse und mich auf Alfons einlasse, dann geht es mir einfach schlecht“. Er schiebt es sozusagen davon, um in der nächsten Sekunde, Minute, Stunde nicht zu verzweifeln. Ich denke an Dich und weine. Wie sonst. Gerade such ich Fotos für Susans 60. Geburtstag heraus und brauche Tage, Wochen – die Erinnerungen sind so heftig. Wir lernten uns 2006 auf einer Fortbildung kennen und begannen uns fortan gegenseitig zu besuchen. Bei einem Besuch 2008 bei ihr besuchten wir den Hamburger Dom und fuhren Karussell. Carl, Susan und ich und Du. In meinem Bauch, ich wusste es nur noch nicht. Später erzählte ich die Geschichte immer so, dass Du Deine Vorlieben fürs Schauckeln, Hüpfen, Rumtoben, auf meinen Armen über den Kopf gehalten werden etc. von dieser Karussellfahrt „geerbt“ hattest. Vielleicht ist da auch das Knochenmark durcheinandergewirbelt worden und wollte kein gesundes Blut mehr produzieren? Von diesen Verdächtigungen gibt es viele… Aber zurück zu Carl; ich verstehe ihn und vielleicht schaffe ich es, ein wenig hier in der Küche überschaubar zu halten, wo und wie wir an Dich denken können. Irgendwann hat er vielleicht Kinder und bewertet es anders. Irgendwie bewertet man ohnehin alle 7-10 Jahre die Dinge mit einem anderen Blick.
Ich dachte, ich wäre halberwege stabil im Sinne von „mal wieder Weggehen können“. Aber es passt nicht mehr zu mir. Ich kann mit Konstanze zu Felix Räuber gehen oder wie vor kurzem ins Staatstheater nach Cottbus; ich kann mit Saskia spazieren gehen und einen Kaffee trinken; kann hier Besuch empfangen; mit Asia und Susan jeweils verreisen. Der Grund ist einfach – sie kennen Dich und mich und ich fühle mich sicher. In dem Sinne, dass ich mich nicht erklären muss, warum ich bin wie ich bin. Treffe ich auf „alte Freunde“ wie vor kurzem Bu und später Kuba, dann bleibt es seltsam – ich erzähle von Dir und dem Tod, aber sie haben keine Fragen, wie es mir oder uns geht. Weil es alles so schwer ist, so unvorstellbar, so ungeheuerlich. Niemand mag sich den Verlust eigener Kinder vorstellen, daran denken, keinen Zipfel. Also schweigen sie. Aber aushalten dieses Scheißgefühl, muss ich doch oder? Und klar, ich muss das Schweigen auch verstehen. Mein Herz muss groß sein, damit all dieser Irrsinn Platz hat – Dein Tod und das Schweigen.
Verbittere ich schon, Alfons? Wer soll mich so aushalten? Sie rannten früher weg – „die ist zu kompliziert“ – und heute ist alles so verstrickt, nervig umständlich, prüde, zurückhaltend, wenn man Einem begegnet. Hat das was mit dem Alter zu tun?
Saskia hat mir ein kluges Foto geschickt, was das Problem Vieler ist. Eine mächtige Wahrheit. Und doch laß ich Zahlen: jeder zweite Deutsche erkrankt in seinem Leben einmal an Krebs. Und niemand weiß, warum die Krebserkrankungen so stark zunehmen. Wünschen sich all diese Menschen Gesundheit?
Ach wärest Du nur hier. Lebendig. Nicht nur in meinen Gedanken. All meine Jahre hätten Deine sein können. Vielleicht war ich zu alt, als ich Dich gebar? Du fehlst. Deine Jacke hängt überm Stuhl, als würdest Du gleich wieder reinkommen… Deine Mama
aufgeschrieben am 1.2.26
Lieber Alfons,
beim Abschmücken des Weihnachtsbaums und Ausmistens des sehr großen Kartons mit diversen Weihnachtsutensilien fiel mir ein Holzapfel in die Hände. Wir beide hatten ihn vielleicht zu Weihnachten 2014 oder 2015 für die Tanten und Omas gebastelt. Aus Sperrholz ausgesägt, so wie ich einst mit Carl Engel aussägte und bemalte. Wir beide sägten und Du maltest die Äpfel rot mit einem kleinen Stiel und Blatt obendrauf. Ich dachte bis vor kurzem, wir hätten damals alle Äpfel verschenkt. Aber einer blieb und 10 Jahre später fällt er mir in die Hände und ich freue mich wie ein Kind darüber. Oder wie eine alternde Frau, die ihre Erinnerung um sich scharrt, um sich zu beruhigen in der weiter anhaltenden Ungeheuerlichkeit, dass Du weg bist.
Ich habe die Tage zwischen den Jahren mit einer Serie begonnen – bron/Die Brücke – in der eine Kommissarin mit autistischen Anteilen in ihrer Persönlichkeit vorkommt und dazu ein Kommissar mit weggelaufener Frau und verlorenen Kindern. Beide sind sehr speziell und halten sich mit ihren Jobs mental stabil über Wasser. In all der Düsternis der Handlungen war es schön diese beiden Menschen zu beobachten, die in ihren Hilflosigkeiten doch einen Platz beieinander gefunden haben. Das ist sehr romatisch. Ich habe mich am 31.12.25 auf einer Partneronlinesuche angemeldet und dann am 1.1.26 sehr euphorisch mit einem Menschen mich geschrieben, aber das Warten und Nichtsehen und Wenigwissen und Verängstigtsein – das ist nichts für mich. Das erschüttert mich irgendwie und ich wollte das doch nicht mehr. Aber wo landet man an, wenn man zerschunden ist? Dann ist man fast ein Patient oder? Es ist nicht so, Alfons, dass ich nicht leben will, aber zu den Bedingungen in dieser Welt fällt es mir nicht leicht. Es ist nicht so, dass ich es mir nicht erlaube, zu tanzen, ins Kino zu gehen, Eis zu essen, weil ich es nicht ohne Dich kann und Du es an meiner Statt hättest machen sollen – darum geht es vielleicht auch. Viel schwerer wiegt aber, dass mein Leben erschüttert wurde und ich jetzt diese Dinge nicht mehr brauche. Ich würde sie wiederentdecken wollen, aber allein geht es nicht. Es ergibt keinen Sinn. Also arbeite ich viel. Lerne. Bin mit Menschen zusammen, die mich schätzen und die ich mag und die mich mögen und die ich schätze.
Gerade ist es schwer im Bahnhof und die Supervisionsgruppen bringen Freude, die Arbeit mit ihnen. Manchmal möchte ich einfach nur alles hinter mir lassen im Bahnhof, so schwer ist es. Weißt Du noch, als Du um einen Blaumachtag gebeten hast und mit mir zu Hause bleiben wolltest und ich traurig sagte, dass ich meine Arbeit liebe und gern arbeiten mag. Und wir machten uns einen Blaumachtag aus. Wie musste das für Dich gewesen sein, mich zu teilen? Heute wird so viel darüber gesprochen, dass es fast unmöglich sei, Kinder, Familie, ein Haus zu haben und beide Elternteile gehen je 40h/Woche arbeiten – wir haben das Geld gebraucht, mit weniger Stunden hätten wir nicht auskommen können. Was für merkwürdig einseitige Perspektiven auf das Leben. War der Preis zu hoch, den meine Kinder und ich zahlten? Wäre ich weniger arbeiten gegangen, hätte ich Alfons bis zu seinem Tod häufiger gesehen. Wer weiß schon, was kommt. Warum verhalten wir uns nicht so, dass wir immer mit dem Schlimmsten rechnen und uns deshalb klug verhalten?
Beim Sortieren von Unterlagen fand ich einen Brief an eine langjährige Ärztin in Leipzig, zu der ich seit 1993 fuhr, vielleicht waren wir 2012 zum letzten Mal dort. Ich kann mich nicht erinnern und ich hatte fast vergessen, wie schwer es zum Teil war und das Du krank warst, immer wieder, und wir nicht sehen konnten, was passierte. Ich schrieb:
Bad Muskau, 21.2.2011
Liebe Frau Dr. R., herzliche Grüße aus Bad Muskau von Familie Quint!
Da morgen bei Ihnen K.S. und Familie zur Behandlung sein wird, wollte ich Sie bitten, ihr ein Rezept für untenstehende Mittel mitzugeben. Die Chipkarten der Kinder gebe ich K. morgen direkt mit.
Wenn Sie darüber hinaus Zeit finden, wollte ich Sie um eine Empfehlung bitten, was ich bei Alfons derzeitigem Zustand am besten geben kann:
Er ist häufig, all 2-3 Wochen, mit hohem Fieber (in der vergangenen Woche waren es 41Grad) krank. Krankheiten in diesem Zusammenhang waren Lungenentzündung, Ohrenentzündung (zusammen mit Carl), Bronchitis. Letzte Woche habe ich ausser dem Fieber nichts erkennen können, war deshalb auch nicht beim Arzt (weil es ohnehin nur Antibiotikum gibt) und habe das Fieber mit Aconitum, Belladonna und Chamomilla behandelt. Dazu habe ich später Echinacea gegeben. Das hohe Fieber war nach einem Tag weg, nach 4 Tagen war er Fieberfrei. Die Sorge bleibt, warum er so häufig krank ist. Dazu sorgt mich sein Verhalten gg. uns (es tritt nicht auf, wenn Fremde dabei sind): er schreit, wütet, schmeisst dann Sachen herum, beisst gelegentlich, hat einen ausgeprägten eigenen Willen, was er haben will und was nicht, ist dann aber völlig unentschieden, wenn wir ihm die gewollten Dinge anbieten (z.B. beim Frühstückessen). Wenn wir dass Prozedere abbrechen, dann schreit er wie am Spieß. Ich gebe ihm sein Konstitutionsmittel, dann habe ich Bryonia und Chamomilla versucht. Alles scheint nichts zu bewirken. Wenn er ausgeschlafen ist, ist er ausgeglichener. Spielt er mit Carl, ist alles freidlich, wenn es aber zu sehr ans Toben geht und beide bestimmte Situationen nicht einschätzen können (wann sind wir kaputt, wann droht Gefahr…), kippt die Situation und wieder Schreien. Am Anfang dachte ich, dass das dazu gehört – meine, deine, teilen lernen etc. Aber mittlerweile sind wir alle am Ende unserer Kräfte und manchmal, wenn ich von der Arbeit komme, dann ist davon nicht mehr viel übrig. Da es ab und an auch in der Ehe laut her geht und viele Probleme auf uns warten, befürchte ich, dass er sich das als mögliche Umgangsform „abgeguckt“ hat?! Als letzte Information: er wird am 3.4. 2 Jahre und spricht nicht. Er kann brum, bumm, Mama und Papa, spricht es aber nur in äußerster Bedrängnis/Not. Er versteht alle Sachen, auch komplexe Zusammenhänge/Aufforderungen/Anweisungen; zeigt aber nur auf das, was er haben will oder schreit. Er liebt Bücher, auch seine, aber vor allem Bücher mit viel Text und wenig Bildern und es sieht aus, als würde er sie „lesen“. Manchmal, wenn er unbeobachtet ist, plappert er los, aber sobald ich ihm meine Freude zeige, ihn lobe/unterstütze, zieht er sich zurück – teilweise, als fühlt er sich ertappt, tlw. als wäre er wütend darüber.
Carl ist ein großer Junge geworden, fast auf dem Weg ins jugendliche Alter. Er wird am 28.3. 10 Jahre. Bei ihm sorgen mich seine Bauchschmerzen, wobei mittlerweile klar ist, dass sie in jedem Fall im Zusammenhang mit Stress aller Art stehen (Stress in der Schule, mit Freunden, mit uns, auch Sorgen um uns als Familie). Ich gebe ihm dann Colosynthis, aber auch Graphites, sein Konstitutionsmittel. Ebenfalls klagt er häufig über seinen „Kopf, den ich nicht ausschalten kann“, der „dauernd denken muss“. Und über „Schwere“ am ganzen Körper. Dazu sei gesagt, dass er anfängt sich über Weltall, Klimaschutz, Zellenbau des Körpers etc. Gedanken zu machen. Das beschäftigt ihn bis ins Bett hinein. Hier weiss ich gar nicht, was ich geben kann. Er schläft dann aber tief und fest, selten mit Phantasieren. Gesundheitlich ist er im Grunde stabil. Mental hat er sich gefangen und die Auseinandersetzungen mit uns sind eher abgrenzender Natur.
Wenn es Ihnen möglich ist, uns einen Termin im Frühjahr/Frühsommer anzubieten, würde ich auch gern mit den Kindern zu ihnen kommen.
Nun zuletzt noch die Mittel, um die ich Sie bitten möchte, sie mir aufzuschreiben:
Arnic, Bellis perennis, Calcium phosphoricum, Coffea, Euphrasia, Kalium phosphoricum, Chamomilla, Echinacea, Ferrum Phosporicum
Vielen Dank für Ihre ausserordentliche Hilfe. K. kann Ihnen sicher auch noch die eine oder andere Beobachtung zu uns/ den Kindern geben.
Bitte stellen Sie mir Ihre Bemühungen in Rechnung!
Mit lieben Grüßen aus Bad Muskau.
Anett Quint
Ich schreibe voller Sorge, aber im Alltag habe ich immer versucht, meinen Kopf oben zu behalten. Wer wusste von meinen Sorgen, meinen Zweifeln, meinen Kämpfen allein?
Ich vermisse Dich und darauf bin ich zurückgeworfen. Deine Mama
aufgeschrieben am 23.12.25
Lieber Alfons,
Carl hat einen Weihnachtsbaum gekauft. Obwohl ich es nicht gut fand und es nicht wollte. Aber dann war es schön, als er mit ihm durch die Tür kam. Er steht noch draußen. Wir wollten ihn heute anschmücken, putzen, aber es klappt erst morgen. Carl musste zur Arbeit.
Ich bin krank. Erschöpft. Kann mich kaum konzentrieren, wenig lesen, selten schreiben. Zudem schmerzt es, das Schreiben, und dennoch will ich es, Dich dem Vergessen entreißen. Ja, wir vergessen Dich nicht, aber ich weiß von Anne, dass man vergisst. Deshalb habe ich heute ein Foto von einem Marzipanbrot und unserem kleinen scharfen Messer gemacht. Beim letzten Weihnachten mit Dir, 2017, hast Du das Brot auf der Arbeitsfläche in der Küche hingelegt und bist immer vom roten Sofa aus vorgerannt, hast Dir eine Scheibe Marzipanbrot abgeschnitten, mit eben diesem Messer, und bist zurückgesaust auf’s Sofa. Hast dort genüsslich das kleine Stückchen Marzipan im Mund gelutscht und bist dann wieder vor. Ich hatte nur gesagt, nicht alles auf einmal. Und dann hast Du diese Möglichkeit für Dich erfunden und mit viel Freude warst Du am Hin- und Herlaufen und jeder, der etwas abhaben wollte vom Brot, musste sich sputen.
Vermutlich habe ich diese Weihnachtsgeschichte schon hier im Blog hinterlassen, aber wer liest diese vielen Einträge über Dich und uns und mich? Ich hatte im Sommer schon mit der Vorstellung Probleme, jeden einzelnen Beitrag anzuklicken und rüberzukopieren. Ohne Janine wäre ich an dieser Aufgabe verzweifelt.
Jetzt ist der Blog also neu, umgezogen sozusagen, und weiter muss ich mich daran gewöhnen. Gern würde ich dazu zurückkehren, jeden Sonntag zu schreiben. Aber ich bin, seitdem ich die Ausbildung begonnen habe, oft müde und erschöpft. Wenn ich abends arbeite, was oft der Fall ist, schreibe ich über meine Supervisionsprozesse oder ich arbeite für den Bahnhof etwas nach. Ich weiß, es ist zu viel. Aber wie anders soll ich es machen? Die Aufträge brauche ich, um Geld für die Ausbildung zu verdienen. Weiter lebt Carl von mir, umsonst im Haus, manchmal reicht ihm sein Geld nicht für’s Essen, weil er seinen 2. Beruf aufbaut. Vielleicht ist es diese Summe aus Allem – der Bahnhof mit seinen schweren Geschichten, die aufreibende Supervisionsarbeit, das Aufeinandereinstellen hier zu Hause, meine Einsamkeit – die mich müde macht und oft verzweifeln lässt. Verzweifeln auch deshalb, weil zu all dem auch noch kaputte Heizungsteile, Ärger mit dem Auto (ich hab unwissentlich ein Gebrauchtes mit Totalschaden gekauft), knappes Geld, Kosten für Holz und Öl, im Sommer Ärger mit Alex und mit dem Finanzamt und heftige Nachzahlungen usw. usf. kommen. Wem soll ich das erzählen? Mit wem teilen? Dann fühle ich mich so kraftlos, schaffte es nicht in die Charité, nicht nach Burg, nicht nach Cottbus in die Marienkirche – also fand dieses Jahr kein Gedenken für Dich statt. Alles abgesagt, weil ich zu kaputt war, um es allein in Angriff nehmen zu können.
Meine Therapeutin sagt oder fragt, ob es freie Zonen von Dir geben sollte, im übertragenen Sinne. Seit dem weine ich bei ihr, fühlte mich erst abgerissen von ihr, dann nach dem mühsamen Kitten wird klar oder auch nicht klar, woher diese starke Verletzung kommt und mein Rückzug und mein Sein wie ein Stein. jetzt pflügen wir einmal alles um – die beziehungen, die Ehe, meine Familie, Deinen Tod, Muttis Tod, keine Elternhaben, die ErwachsenenWG hier, die Arbeit, ach und Andreas nicht zu vergessen, der einen großen und schönen Urlaub in Kasachstan plant. Ohne mich. Warum empfinde ich mich als Last, Ballast? Warum geht es ihm ohne mich besser? Warum empfanden mich immer alle „zu kompliziert“?
Wer soll das alles sortieren?
Aber jetzt ist Weihnachten. Zum ersten Mal nach sieben Jahren werde ich nicht in den Bahnhof fahren, zum ersten Mal nach acht Jahren einen Weihnachtsbaum haben. Acht Weihnachten ohne Dich. Heute bei Dir am Grab dachte ich, es wäre lustig geworden, zu dritt. Wir hätten gelacht, gegessen, Filme geschaut. Das passiert nie wieder und irgendwann ist es ja so, da sind die Kinder groß und rauß, aber es fühlt sich für mich mit Dir und uns hier immer noch abgerissen an. Ich würd gern die Tage verschlafen und all das Geschrei um Stille und Ruhe und Frieden ausschalten. Zum ersten Mal ist eine Freundin von Carl, Laura, hier. Sie ist nur zwei Jahre älter als Du. Ihr hättet viel Spaß zu dritt. Wir werden morgen Kartoffelsalat essen und meinen selbstgebackenen Stollen und am 26. gibt es Rosis Ente. Fast alles wie immer.
aufgeschrieben am 2.11.25
Lieber Alfons,
noch muss ich mich etwas in den neuen Blog reinfuchsen. Janine hilft mir sehr dabei. Ich faste, heute ist der 1. Tag, ich bin zermürbt. Früher hast Du mich immer gefragt, warum ich das mache und ich sagte oft, dass es mir gut tut, ausschließlich etwas für mich ganz allein machen zu können. Sonst war ich eigentlich immer für Euch und die Arbeit da. Manchmal habt ihr die Stirn gerunzelt, weil Papa meinte, ich hätte dann nur schlechte Laune. Aber man ist eher insichgekehrt, als das es schlechte Laune wäre.
Ich habe nach Deinem letzten Todestag mit meiner Therapeutin darüber gesprochen, wie es mir geht. Mit dem Trauern, warum die Kinder kommen und ob die wegen Dir kommen oder wegen mir und ob das üebrhaupt jugendgemäß ist. Ich kann die Fragen nicht beantworten. Es ist mir irgendwie auch egal – ich bin dankbar, dass sie zu Dir kommen. Irgendwie haben mich die Fragen wütend gemacht. Auch die Frage nach einer Alfonsfreien Zone im Haus. Nein, die gibt es nicht. Wird das alles zur Belastung für alle außer für mich? Bisher war ich sehr sicher darin, in meinem Tempo mit Deinem Tod umgehen zu können, zu lernen, dass Du nicht mehr bist und wir uns nie wieder sehen und umarmen und reden werden. Jetzt ist das nicht mehr so. Ich denke pausenlos, ich müsste anders sein, etwas anders machen. Ich habe geweint und Susan eine Nachricht geschickt und sie war erschlagen, bestürzt und hat sich unter all der Trauer nicht mehr gesehen gefühlt. Ich werde nicht mehr mit ihr darüber sprechen. Ich kenne keine andere Lösung. Sie hat auch nicht interveniert. Es sind nun sieben Jahre her und ich kann nicht aufhören mit der Trauer und wenn ich sie mit niemandem teilen kann, dann bleibt sie mir. Wie soll es sich für mich verändern? Ich bin ohne Sprache, dass es so sein kann und so gekommen ist, das so enge Freundinnen das Leid nicht mehr mittragen können. Aber vielleicht muss ich es verteilen, das Leid? Mit Josepha kann ich immer an Dich denken und mit ihr über Dich sprechen. Mit Konstanze auch und vor kurzem tauchte Saskia wieder in meinem Leben auf und mir ihr auch Du und Tessa und Thalia. Werde ich es schaffen, mit den anderen nur von schönen Dingen zu sprechen.
aufgeschrieben am 19.10.25
Lieber Alfons, vor zwei Tagen war Dein 7. Todestag. Ein fürchterliches Wort. Immer wieder ertappe ich mich bei den Gedanken, dass es ungeheuerlich ist, sein Kind zu verlieren und jemand in mir sagt und weiß, dass es mir doch passiert ist. Dass es Dir passiert ist, zu sterben. So jung, zu jung. Ich will nicht sterbseln, Mama! hast Du oft gesagt und ich redete an dagegen oder manchmal lenkte Dich im Außen etwas ab und Du hast Deinen Ausspruch vergessen. Am Küchentisch sitzt Du mir gegenüber. Dabei zappelst Du in meinen Erinnerungen nach jedem Frühstück auf meinem Schoß herum. Du wurdest dünner und Deine Knochen stakten sich in meine Beine, aber ich sagte nichts. Papa mochte das nicht. Ihr habt dafür Tischtennis gespielt. Es war so warm, so heiß und am Ende konnten wir nicht mehr klar denken und handeln erst recht nicht mehr. Ich betäube meinen Kopf mit einem stetigen Tun: Laub harken, das Haus wischen, Pizza und Apfelkuchen backen, gespaltenes Holz einstapeln, Feuer machen, die Katzen füttern, die Fenster putzen, telefonieren und Freunden schreiben, die Tage planen, nicht hinsetzen, nicht hinlegen, nicht einschlafen am Tag und in einer Schlafparalyse „wachwerden“, zu Dir laufen, Vogelfutter bringen, gießen… Ich sitze dann auf der neuen Bank, die Dir Konstanze brachte. Sehe auf Deinen Traumzauberbaum, den Anja und ich geputzt, geölt, gewachst haben. Ich habe ein Herz mit roten Rosen zu Dir gelegt. Wie oft noch? Ich vermisse Dich, möchte Deine Stimme hören, Dein Geruch wahrnehmen, durch Deine Haare fahren, mit Dir lachen und Frechdachs zu Dir sagen und Dein „Hast Du mich auch wirklich lieb, Mama?“ hören und mich sagen hören „Ja, unendlich, das weißt Du doch.“ Man kann es ja wissen und trotzdem fragen. Manja sagte einmal dazu, dass Du Dich satthören wolltest davon. Als Du lebtest und ahntest, dass die Zeit so begrenzt ist? Es ist doch alles so wund wie damals, die Bilder leben in mir selbstständig, eingebrannt. Für immer.
Friedrich, Rajdo und Jakob waren da. So groß und schlacksig sind sie. Ihr hättet viel Spaß zusammen. Du wärest jetzt in einem Alter, als Carl von zu Hause wegziehen wollte und es auch tat, ein Jahr später mit 17, da warst Du schon krank. Jetzt ist Carl ein junger Mann, so verändert, so erwachsen und verantwortungsbewusst.
Ich schicke Dir noch Fotos von Caros Kerze und einem Herz von Anne und einem Baum von Saskia, ihrer Erinnerung an Dich, da klettertest Du herum, als Tessa ihren Geburtstag feierte in Halbendorf am See.
Meine Tage sind zu voll, Alfons. Ich möchte Dir mehr schreiben von Dir, wer Du warst. Damit Du nicht verloren gehtst oder vergessen wirst.
Deine Mama
aufgeschrieben am 5.10.25
Lieber Alfons, ich versuche mich daran zu erinnern, was am 5.10.2018 geschah. Du warst bereits anderthalb Wochen im Koma, es gab einen Tag, da brach Dein gesamter Kreislauf zusammen. Ich durfte mich zu Dir legen, was Dich sofort beruhigte. Sie gaben Dir Medikamente, die Deinen Hauptorganen halfen zu leben, aber Deine Beine wurden davon blau. Ich massierte sie stundenlang und hielt sie am Leben. Ich massierte und weinte. Papa war vollkommen handlungsunfähig, aber ich saß, sang, massierte Deine Beine und die Durchblutung kehrte zurück. Der behandelnte Art, dessen Name ich vergaß, kam aus dem Urlaub zurück und war baff. Ich sagte ihm, dass Du doch noch Fußball spielen sollst. Wir hatten so viel Hoffnung. Dabei war klar, als die freundliche, junge Ärztin keinen Dienst mehr bei Dir tat, dass sie Dein Leid nicht mehr ertragen konnte. Ich war traurig darüber. Du hattest so wenig Glück und ich war unfähig, um Glück zu ringen, zu kämpfen, zu bitten, zu flehen, zu handeln, zu fleischen. Ich nahm immer alles nur hin. Wollte niemandem zur Last fallen. Das war vor sieben Jahren. Ich fühle mich nicht so, als würde das Leben stabiler geworden sein. Ich werde fremd mit Vielem. Meine Arbeit kann ich noch gut und auch die Ausbildung gelingt, die ich begonnen habe, aber leben – in den Tag hinein, selbstvergessen, zufrieden, leichtfüssig, unbeschwert, zuversichtlich – das gelingt mir nicht. Das waar immer schwer und das blieb es. Ich habe mich auf eine seltsame Art damit abgefunden, allein zu bleiben mit meinen Verlusten. Dazu nimmt der Kummer nicht ab: die zerstobene Familie, die mich einsam macht oder in der ich mich einsam fühle; Schulden bei Freunden damit ich Schulden beim Finanzamt begleichen kann, die alt sind und um die ich mich allein kümmern muss und deren Höhe mich niederringt; arbeiten und arbeiten und es reicht nicht.
Ich habe geträumt von Dir. Ein kleiner Junge stand im Hof und ich dachte, es wäre Carl, aber dann drehtest Du Dich um und schautest erstaunt. Ich möchte in diesen Träumen aussteigen aus meinem Leben und mich hinüberretten in diese Welt ohne Töne. Dann wären wir zusammen, zeitlos, dort gibt es ja alles auf einmal und zeitgleich, in völliger Stille.
Ich sitze hier an meinem Schreibtisch, auf der anderen Seite des Raumes, wie Du es nicht mehr kennst. Viele Bilder von Dir sehe ich hier täglich. Dein waches Kindergesicht. Dein stolzes Gesicht eines jungen Jungen. Dein breites Lachen. Immer Deine wunderschönen Mandelaugen. Blau, rundherum schwarzes, seidiges Haar. Ich kann es noch fühlen und Deine Wärme beim Zubettgehen und Singen und Vorlesen noch spüren. Das ist alles zerrissen, Alfons, mir entrissen und Du bist abgerissen vom Leben in die Weite katapultiert worden, obwohl Du bleiben wolltest. Ungefragt! Wer soll das verstehen? Wer soll das aushalten?
aufgeschrieben am 21.9.25
Am 16.8.24 schrieb ich das letzte Mal im Blog. Schon lange war es ein Blog über meine Gedanken geworden, über meinen Alltag, meine Sorgen, meine Hoffnungen und immer auch über den Schmerz, dass es Alfons nicht mehr gibt.
Täglich denke ich an Dich. Auch wenn ich nun über ein Jahr nicht mehr schrieb und es kaum abwarten konnte, dass ich es wieder konnte. Es hing mit vielen Dingen zusammen: Ich wollte, dass der Blog zu Alfons‘ Steinbock Springinsfeld zog und am Ende habe ich dafür auch einiges an Geld in die Hand genommen, auf dem Weg jedoch so viel Hilfe und Unterstützung erfahren von Janine Lahr (von greenmotionweb) und von Josepha. Nun habe ich nur noch einen Anbieter und nicht zwei oder drei, wie zwischendurch. Aber vor allem kann ich wieder schreiben und davon erzählen, was in einem Jahr so alles passieren konnte.
So habe ich im Oktober eine dreijährige Ausbildung zur Supervisorin beim Institut Triangel e.V. in Berlin begonnen oder vielmehr wollte ich sie beginnen und kam aber erstmal mit einer erneuten Thrombose (an der alten Stelle wie im Wochenende nach der Entbindung von Carl) ins Krankenhaus nach Weißwasser. Ich blieb da eine Woche und hatte einen ziemlichen Schreck bekommen. Mittlerweile ist klar, dass ich einen genetischen Defekt in meinem Blut habe, der 2001 noch nicht bekannt war. Protein-C-Mangel. Meine Überlegung, ob die Hormonumstellung (damals die Schwangerschaft, heute die Menopause) dazu beigetragen hat, beantwortet einem niemand und vermutlich ist es auch müßig, sich damit beschäftigen zu wollen. Nun nehme ich Blutverdünner, ein Leben lang. Damals konnte ich somit erst zum 2. Modul im Dezember in Hamburg antreten. Seit dem bin ich stolz auf die Ausbildung und sehr erschöpft. Schon Mitte/Ende Dezember, kurz vor Weihnachten 2024, begann ich als Supervisorin i.A. zu arbeiten. Bis heute begleite ich 6 SV-Gruppen/Teams, ab Januar eine 7. Gruppe. Das Geld reicht, um die Ausbildungskosten reinzuwirtschaften, aber nicht um meine Aufenthalte in Berlin und Hamburg zu finanzieren. Leider habe ich mir darüber – damals bei der Anmeldung im Dezember 2023 – keine allzu großen Gedanken gemacht. Ich wollte mein Leben einfach wieder etwas mehr selbst bestimmen – ich will trauern um Alfons, aber nicht um meine Liebe zu Andreas und nicht mein gesamtes Leben dem Bahnhof widmen. Da ich durch meine Scheidung von Alex die Hälfte meiner Rentenpunkte verloren habe und keine von Alex bekam, weil er in der Selbstständigkeit nicht versichert war, weiß ich schon heute, dass ich von meiner Rente nicht werde leben können. Aber als Supervisorin kann ich sehr lange arbeiten und damit alt werden. Das ist der Teil an Optimismus, mit dem ich mich versuche aufrecht zu halte. Ja, es gab die Thrombose, aber es gibt auch die Ausbildung; ja, es gibt den immensen Verlust der Rentenpunkte, aber ich bin selbstständig genug, um auch allein zurecht zu kommen. Im November 2024 ließ ich die Treppe im Haus einbauen; sie lag 20 Jahre auf dem Dachboden. Ich ließ die Flure, die Küche weißen und die Diele oben sowie die Treppe in einem gedeckten Rot streichen. Im Frühjahr hatte ich ja den Sockel am Haus endlich machen lassen und alle Eingänge fertigfließen und noch fast im Winter die Heizung ins Glashaus bauen lassen. Irgendwann berechnete ich, dass ich durch Sparen und Kreditumlagerungen 17.000€ ausgegeben hab. Darauf bin ich stolz. Das Haus ist mein sicherer Ort. Hier wohnt Alfons‘ Seele und wenn nicht sie, dann Vieles von ihm. Sein Steinbock, seine Fimo-Knet-Figuren, Gehäkeltes und Gestricktes, Gemaltes und Gebasteltes, Kurioses aus Lego, gesammelte Steine und Hölzer… Im November 2024 führte Asia ein Dot-Mandale-Seminar für Freundinnen im Seminarraum Papilio, dem Glashaus, durch. Im April 2025 musste ein neues, gebrauchtes Auto her, im Mai 2025 feierte ich mit 50 Freundinnen und Freunden meinen 55. Geburtstag und zwischendrin immer wieder nach Berlin zur Ausbildung, zur Arbeit in den Bahnhof und hin zu meinen Supervisionsgruppen.
Seit Anfang des Jahres kämpfe ich mit Gelenk- und Muskelschmerzen, Ergebnis der Menopause. Mehr Sport wäre gut. Dazu kommen immer wieder finanzielle Sorgen; Aufforderungen vom Finanzamt alte Schulden zu begleichen, die gar nicht wirklich was mit mir zu tun haben. Mir ist oft danach, aufzugeben. Dann zieht es mich zu Alfons, ich sitze bei ihm und viele Kerzen brennen. Aber Hilfe ist nicht in Sicht. Ich muss die Sorgen mit mir allein klären. Daran kann ich mich schwer gewöhnen.

