aufgeschrieben am 13.6.21
Aufräumen
Ich räume im Haus auf und auf dem Grundstück, ich bringe Sachen zu Ende, bessere sie aus, repariere sie, mache sie neu. Andreas hilft mir dabei. Wir haben den umgedrehten Blumentopf gefunden, ein altes Fell verweste darin. Wir vergruben es. Ich erkannte Alfons‘ und meine Malereien zu Halloween 2014. Auf dem letzten Foto sieht man die kräftigen Farben – die Hexe auf dem Besen, ein Feuer, ein Baum, Alfons malte zwei Gespenster, ein Lagerfeuer… Auf dem umgedrehten Blumentopf ein Kürbis mit Hexenhut. Alfons kauert glücklich daneben. Wir haben so viel getan, gebastelt, unternommen….
aufgeschrieben am 28.2.21
Gesellschaftsspiele
Heute habe ich alle unsere Spiele von Staub gefreit. Siedler von Catan; auch das Kartenspiel Siedler; Kniffel; Schach; Lernspiele; ein Mosaik aus Holzwürfel, die sich zu verschiedenen Mustern zusammen legen lassen; ein Magnetspiel, welches Alfons als kleiner Junge hatte; das Zauberschloss, welches Kathrin Carl schenkte und später spielten wir es zu viert oder zu sechst, Alfons von Anfang an auf dem Schoß und schnell lernte er, wie es ging; dann das Kleinkinderspiel Der Wurm ist drin, was wir oft mit der Maxi-Omi spielten; Mensch-ärgere-dich-nicht, was Alfons erst nicht mochte und dann wurde er immer cleverer; und Maulwurf-Company, das Markus einmal arg zusetzte, aber die Kinder mochten es, obwohl wir es mehr mit Carl spielten; Solitär; UNO; SOLO; Phase 10, welches Alfons in der Charité bekam, in dem 30-Tage-Isolationsgeschenkpaket überreicht und er fand das cool und konnte nicht genug danken und sich wundern, dass er solche großartigen Geschenke bekam… So viele Spiele, so viele Abende, so viele Wochenenden haben wir spielend verbracht. Es fehlt mir so. Mein Kind fehlt mir so. Alfons ist tot und diese Spiele warten darauf, berührt und genutzt zu werden. Ich konnte es nicht lange aushalten, über sie zu streichen, um den Staub zu beseitigen und um mich zu erinnern, an das lange Auf- und Abbauen des Siedlerspiels und wie wir vor Spielbeginn Getränke und Süßes bereit stellten, da wir 2 Stunden locker spielten… Jede verbogene Ecke, jede Abschürfung, jede Abnutzung an den Spielen erinnert mich an die Kinder. Erinnert mich an ein Leben, was einfach zerstoben ist, weg, vorbei.
aufgeschrieben am 29.11.20
1. Advent
Mit den Kindern habe ich vor dem 1. Advent immer die Wohnung mit etwas Weihnachtlichkeit verzaubert. Dazu hat Alex unseren großen Weihnachtskarton aus dem Keller geholt; ich habe ihn entstaubt und schon ein paar Kleinigkeiten für die Adventszeit herausgeholt. Kleine Strohsterne für den Adventskranz, den wir in einem blauen, getöpferten Blumenkranz steckten und schmückten. Oder den Herrnhuter Stern für draußen, Oder Scherenschnittsterne, die wir an die Wand klebten. Oder kleine Engel und den Nussknacker und putzige Vögelchen und einen kleinen Pinguin mit Weihnachtsmannmütze, die wir von außen auf die Fensterbänke stellten. Lange stellten wir auch unsere blaue Pyramide auf. Alex und ich hatten sie bei Pobershau gekauft, als wir dort ein Wochenende lang waren, mit Carl im Bauch, 2000. Seit dem brannten ihre Kerzen bei uns. Zur Freude der Kinder. Ich weiß nicht, ob sie auch 2017 noch auf dem Tisch stand. Sie war irgendwann sehr mitgenommen, die blaue Farbe blätterte ab und ich stellte sie in Sicherheit, um mir etwas für eine Reparatur zu überlegen. Dazu ist es nicht gekommen. Und der Sinn für das weihnachtliche Schmücken ist mir mit dem Wegsein von Alfons vergangen. Nichts erinnert hier in der Küche an Weihnachten. Es fehlt mir auch nicht. Wäre es da, würde ich die Kinder vermissen und Alfons Begeisterung, dass nun bald Weihnachten sei….
aufgeschrieben am 11.10.20
Hörgeschichten
Es fällt mir immer schwerer, darüber zu schreiben, wer Alfons war und was er tat und liebte. Ich kann in diesem Blog darüber schreiben, was mir die Freund*innen schicken oder was mir passiert und warum das etwas mit Alfons zu tun hat, aber direkt über Alfons nachzudenken, bringt mich an den Rand meiner Möglichkeiten und der absoluten Verzweiflung.
Aber gestern dachte ich, als ich die Nachricht von Manja las, dass sie „Uuuurlaub“ machen, plötzlich an den Kotzbrocken. Er liebte das Stück. Sultan und Kotzbrocken. Darin gab es eine Geschichte, in der der Sultan lernt, dass der Urlaub nichts mit einer Uhr zu tun hat, die ins Laub gefallen ist, sondern mit Verreisen und Erholen. Die Geschichten sind so wunderbar, dass wir sie oft zusammen hörten. Alfons hörte auch Bär und Biene und Adrian und Lavendel. Eine liebevolle Geschichte über einen Mann, dem eine kleine Lokomotive zugelaufen war und die einmal ausgerissen war und dann auf dem Regenbogen den Staub wischte. Schon Carl mochte die Geschichte. Beide hörten unendlich viel Geschichten, wenn ich oder Papa nicht vorlasen. Carl besonders den Räuber Hotzenplotz. Später hörte Alfons gern und wir manchmal zusammen im Auto Eule findet den Beat. Einige dieser Stücke lud ich auf meinen mp3-Player und gab sie Alfons mit, als er begann, mit Carl und dem Zug nach Hause zu fahren. Meistens dienstags. Er war traurig, dass sich Carl wenig um ihn kümmerte und seine Kopfhörer auf hatte und manchmal im Zug einschlief und er Angst hatte, dass sie den Ausstieg verpassten. Irgendwann brachte der Nikolaus auch Alfons Kopfhörer und zusammen mit meinem mp3-Player hörte Alfons fortan im Zug auch seine Hörgeschichten.
Seine Lieblingsgeschichten waren aber die von Pumuckl. Ich hatte kurz vor der Charité doch noch alle CDs gekauft. Sie sind noch da, teilweise unausgepackt, weil Alfons sie nicht mehr alle hören konnte. Sein Freund Ole borgt sie sich regelmäßig aus. Auch Alfons‘ Kopfhörer sind noch da und eine Weile konnte man unter Alfons‘ WhatsApp-Nummer noch sein Profilbild sehen: Pumuckl auf dem Glücksschwein. Das hatte er sich extra so ausgesucht. Für Alfons hat das Glück nicht gereicht.
aufgeschrieben am 9.8.20
Hüte und Mützen
Alfons hatte einen großen Kopf und beizeiten die Hüte und Mützen von Carl auf, manchmal meine, manch schöne verschwand (wie eine einfache grüne Schirmmütze, die er auf dem Bild aus 2013 trägt, als er mit Carl im Boot fährt) und manche trägt nun Alex, das Hamburg-Cape. Sein allererster Strohhut (auf dem Foto aus 2010) liegt in meinen Auto. Später trug er die größeren dieser Hüte – ich hatte auch jeweils einen für Carl und Alex gekauft – die aber verschwunden sind.
Er interessierte sich nicht sehr für seine Kleidung, trug geduldig, was ich ihm gab. Mochte manchmal keine Pullover mit Kapuzen und dann doch wieder. Später malte er sich seine Fußballshirts selbst, nähte sich zuletzt im März/April 2018 einen Turmbeutel selbst und mochte unsere Kiste mit den Knöpfen und Nadeln und Fäden und Bändern und Wolle und Stoffresten, aus denen man immer noch etwas machen konnte. Auch jetzt denke ich wie damals: wie viel er sich vornahm und tat und wie ich mitunter dachte, dass er nicht unbeschäftigt sein konnte, immer nachfragte, nie locker ließ, wenn er etwas allein nicht konnte. Manchmal war ich so müde von seiner Wissbegierde. Und so stolz auf ihn und so viel Freude machte es mir, mit ihm zu nähen, zu basteln, zu malen. Wie schon einmal mit Carl…
Im Dezember 2019 laß ich in der Süddeutschen einen Artikel und musste dabei an Alfons denken. Es ging um einen alten Laden, der u.a. Knöpfe in allen Größen und Farben vertrieb und nun schloß. Ich dachte, wir hätten uns dort noch Schätze gekauft für unsere Nähaktionen…
aufgeschrieben am 26.7.20
Challenge
Seit Freitag bin ich bei Susan und Andrea in Bokel und wenn man in den Garten schaut, schaut man auf eine dahinterliegende Wiese mit Kühen. Gestern beobachtete ich vom Gartenzaun aus ihr Fressen. Sie bekommen schon Heu, weil es nicht regnet und das Gras nicht wachsen kann und damit nicht ausreicht. Als mich die Kuh wahr nahm, erschrak sie, sprang zurück und blieb dann stehen, um mich durchdringend anzuschauen. Das war mir unheimlich. Ich ging vom Gartenzaun zum Haus zurück und dachte dabei an die gegenwärtige, wirklich dumme und unnötige Challenge „Kühe erschrecken“ und daran, wie dieser Challenge-Hype im Sommer 2014 mit der ALS Ice Bucket Challenge* begann und auch Alfons erfasste. Da war er fünf und ziemlich lange suchte und erprobte er mehrere Challenge-Themen, die er teilweise mit der Kamera aufnahm und wahlweise Papa oder mich zum Mitkämpfen brauchte. Mir war das schnell zu viel, aber heute bin ich dankbar für die vorhandenen Filmchen** über einige dieser Versuche. Einmal mixte Alfons mit dem Elektromixer Kekse, Schokolade, Bonbons und Obst und Milch und Brause zu einem ekelhaften Gebräu und wir mussten es trinken. Dann wieder musste auch etwas getrunken werden, was am anderen Ende der Küche stand und nur vom roten Sofa aus unter einem Hocker hindurch erreicht werden konnte. Nach Zeit. Da ging es auch ums Schnellsein. Um Kräfte und Ausdauer ging es bei der Challenge zwischen Papa und ihm, wer wen am effektivsten im liegenden Zustand vom Sofa verdrängen konnte. Manchmal gab es auch Tränen, aber selten. Dafür kam Alfons mit immer neuen Ideen, bis das Thema „Challenge“ aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwand…
Alfons liebte es, sich solche Beschäftigungen auszudenken und sie mit uns zu spielen. Einmal mussten wir auch einer Art Plan folgen, auf der Suche nach einer Überraschung. Er hatte kleine Zettel gemalt, im Garten und Hof verteilt, die immer wieder zu neuen Zetteln führten (wie eine Art Schnipseljagd) und die uns, Papa und mich, letztendlich auf die Wiese schräg vor unserem Haus unter der Birke zu einem Picknick lotsten. Alfons hatte uns dort eine Decke ausgebreitet und Kekse hingestellt und etwas Wasser und wir konnten sitzen und uns aneinander erfreuen. Unser Kind spürte den harten Alltag den wir oft hatten und die Lieblosigkeit darin und versuchte uns etwas Gutes zu tun. Kinder sind so dünnhäutig und klug und sie sehen so viel und verstehen mehr, als wir wissen und ahnen. Alfons hat mich tief berührt. Wie einst auch Carl. In diesen jungen Jahren mit fünf, sechs, sieben, acht Jahren, bevor sie ganz geerdet sind, wenn sie nach Gott und vielem mehr fragen, wenn sie sich eins mit den Tieren und der Natur fühlen, wenn sie die Dinge untersuchen und den Erzählungen der Älteren lauschen…, in diesen Jahren erwachen sie und ich konnte mich daran erfreuen und konnte sie beschützen, damit sie sicher sind und es ihnen gut ging. Und dann reißt das Leben ab. Mit unvorstellbarer Gewalt. Und nichts ist mehr, wie es war und die Wunden verheilen nicht und Alfons ist verloren gegangen… Sehe ich die Birke, sehe ich Alfons unter ihr sitzen, mit uns. Nichts davon ist mehr da. Nur eine Erinnerung.
*Die ALS Ice Bucket Challenge (deutsch Eiskübelherausforderung) war ein als Spendenkampagne gedachter, kurzfristiger Hype im Sommer 2014. Sie sollte auf die Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) aufmerksam machen und Spendengelder für deren Erforschung und Bekämpfung sammeln.[1][2] Die Herausforderung bestand darin, sich einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf zu gießen und danach drei oder mehr Personen zu nominieren, es einem binnen 24 Stunden gleichzutun, sowie 10 US-Dollar bzw. Euro an die ALS Association zu spenden. Wollte man sich keinen Eimer Wasser über den Kopf gießen, sollte man 100 US-Dollar bzw. Euro an die ALS Association (ALSA) spenden (Quelle: Wikipedia).
**Alfons‘ Filme sind unter „Videos von und über und mit Alfons“ hier unter „Erinnerungen“ zu sehen.
aufgeschrieben am 12.7.20
Alfons beobachtete und interessierte sich für das, was ihn umgab
Anfang dieser Woche holte Alex den Rollrasen und verlegte ihn mit Carl auf der Grabstelle links neben Alfons. Dazu brachten sie massig Steine aus dem Wald zur Begrenzung. Am Tag darauf habe ich die Blumen umgestellt und neu geordnet. Jetzt am Wochenende verschnitt ich den Rasen und wässerte ihn. Dann saß ich und hörte die Vögel und den Lärm eines Nachbarn, der entweder Holz sägt oder das Dorf diskoartig beschallt. Ich denke, vielleicht ist er verzweifelt. Warum durchzieht mich sowas? Ich bin Alfons nah oder seinen Resten. Sehe durch meine Tränen Bienen, Käfer und Schmetterlinge. Und denke, welch schöner Garten für die Tiere. Würde es Alfons heute noch interessieren? Wofür interessieren sich 11jährige? Immer noch Fußball, für immer die Freunde, aber Käfer?
Dabei war das mal anders
Manchmal saßen wir mit einem Kescher im Garten; Carl fing Insekten und mit Alfons auf dem Schoß bestimmte ich sie, um sie anschließend wieder freizulassen. Mancheiner machte Fotos von ihnen im Garten, unscharfe, aber man sieht, was der Fotograf meinte. Alfons brachte manchmal tote Insekten an, die wir in kleinen Streichholzschachteln sammelten und beschrifteten. Und in jeden Urlaub nahm ich unsere Bestimmungsbücher mit. Dazu packte ich in einen unserer Wäschekörbe ein, womit die Kinder spielten, lasen oder wir gemeinsam spielten. So waren wir auch im Urlaub gut mit Mensch-ärgere-dich-nicht, Vorlesebüchern und Hörspielen ausgerüstet…
An all das musste ich heute früh denken, urplötzlich, als ich bei Alfons war und sich mein Weg mit dem eines kleinen blau-weißen Schmetterlings (ein Bläuling?) kreuzte. Also ich ahnte, es war ein Schmetterling. Gedacht habe ich aber, er sieht aus wie das kleine, zarte, unscheinbare blau-weiße Veilchen bei Alfons. Und ich dachte weiter, wie es sein kann, dass die Dinge ruhen und dann fliegen und so identisch aussehen, als könne aus dem Schmetterling ein Blümchen werden und umgekehrt. Und dabei fiel mir das Buch Die Werkstatt der Schmetterlinge ein. Ich las es Carl und Alfons immer mit Tränen in den Augen vor, weil es davon erzählt, dass es sich lohnt, für seine Träume einzustehen und an das Gute und Schöne zu glauben… Aber es geht eben in dem Buch auch um fliegende Blumen, genannt die Schmetterlinge. Es ist gar kein Buch nur für Kinder, wahrscheinlich habe ich es mehr geliebt als Carl und Alfons, aber das weiß ich nicht. Als ich es heute suchte, um ein Foto vom Einband zu machen, sah ich und nahm ich die Bücher und erinnerte mich, ah, dass haben wir gelesen und das auch und dieses ja auch und das dort nicht mehr geschafft. Es ist unglaublich, wie viel wir gelesen haben, wo überall im Haus Bücher waren und nun still warten. Worauf?
Als Sabine mit Ole und den Mädchen zu Besuch war, hatten sie auf dem Handy eine BestimmungsApp. Sie machte ein Foto von einer wilden Pflanzen in unserem Garten und schon wussten wir ihren Namen. Alfons wäre begeistert gewesen! Die hätte ich mir sofort runterladen müssen! Oder wir hätten uns gemeinsam Seiten wie naturspaziergang.de angeschaut; da kann man Käfer, nach den Farben und den Formen sortiert, suchen und finden.
Aber das geht nicht mehr, nie mehr. Auch für mich allein geht es nicht und nur mit Tränen. Heute traf ich bei Alfons einen Gewöhnlichen Bienenkäfer. Sie sind heimisch bei uns, aber ich sah ihn zum ersten Mal in meinem Leben und fand ihn in keinem unserer Bestimmungsbücher, erst im Internet. Er sieht sehr schön aus, rot-schwarz gestreift. Alfons hätte ihn gemocht, er mochte auch Feuerwanzen wegen ihres ausdrucksstarken rot-schwarzen Musters auf dem Rücken. Er hat Tiere nicht gequält oder es mir nicht erzählt. Zusammen haben wir welche gerettet: Mama, mach ihn nicht tot, setze ihn vorsichtig raus! Dann ließ ich alles stehen und liegen, manchmal genervt, weil ohnehin Zeit für vieles fehlte, aber ich rettete den Käfer. So wie heute eine kleine Heuschrecke aus dem Bad.
PS: Die Untersuchungsgläser (auf dem einen Fotos) bekam Alfons von Carl vererbt und in der Kita. In dem kleinen Becher von Carl ist ein 2 Cent-Stück. Ich fand es kurz nach Alfons‘ Tod auf der Stiege nach oben zum Boden. Versteckt von Alfons. Damals war er im Geocaching-Versteck-Fieber. Es stand dort, als warte es auf Alfons, um wieder genommen und verwendet zu werden. Wenn ich solche Gedanken haben und die habe ich, wenn ich seine Knete sehe, seine Stöcker draußen, gesammelte Steine, aufgeschlagene Bücher… dann denke ich an das Lied Irgendwann von Gerhard Schöne.
Irgendwann
Irgendwann siehst du zum letzten Mal Schnee.
Irgendwann trinkst du den letzten Kaffee,
streichelst den Hund, tanzt durch den Saal,
alles, alles gibt’s ein letztes Mal.
Irgendwann schmeckst du zum letzten Mal Brot,
schwimmst du im See und betrachtest ein Boot,
winkst einem Kind, gehst durch ein Tal,
alles, alles gibt’s ein letztes Mal.
Irgendwann hörst du die letzte Musik,
wirst du umarmt und erhaschst einen Blick,
liest einen Brief, schreibst eine Zahl,
alles, alles gibt’s ein letztes Mal.
Irgendwann heißt, es kann morgen geschehn
und dass wir uns heut‘ das letzte Mal sehn.
Drum, was du erlebst, erleb‘ es total,
denn alles, alles gibt’s ein letztes Mal.
Alles, alles gibt’s ein letztes Mal.
Gerhard Schöne (1992) aus „Die sieben Gaben“
aufgeschrieben am 24.5.20
Kurzurlaube
= Weimar =
Ich habe wahrscheinlich an anderer Stelle schon davon erzählt, dass wir im Dezember 2015 zu dritt in Weimar waren. Ich habe Alfons die Anna-Amalia-Bibliothek gezeigt. Sie war zu großen Teilen abgebrannt. Nach der Restauration – wir waren ganz still vor Freude, wie schön sie trotzdem wieder ist, obwohl so viele Bücher verbrannt sind – zeigte und erklärte ich Alfons viel. Und machte einen Fehler aus Unwissenheit: ich dachte und erzählte ihm, dass die grauen Büchereinbände auf die Lücken hinwiesen, die der Brand angerichtet und zurückgelassen hat. Aber unlängst las ich in der Zeitung, dass sie doch mehr Hoffnung in sich tragen, als ich dachte… https://www.berliner-zeitung.de/zukunft-technologie/herzogin-anna-amalia-bibliothek-weimar-aus-asche-werden-neue-buecher-geboren-li.83432 Alfons hätte das bestimmt gefreut!
Nachtrag vom 12.7.20: Vor ein paar Tagen befreiten Petra und ich Alfons‘ Spielzeug, Bücher, Legokisten und viele gebastelten Dinge von Staub. Dabei fielen mir die Eintrittskarten in die Anna-Amalia-Bibliothek, in den Rokokosaal, in die Hände. Auch eine Rechnung von einem fantastischen Burgerladen. Wir schickten damals wahrscheinlich ein Foto von diesen Burgern an Carl, der ja inmitten seiner Pubertät zu Hause geblieben war… In der Küche lehtn auf dem Türrahmen noch ein Bierdeckel der Gaststätte „Franz & Willi“…
= Ostsee =
Josepha war auf Hiddensee und nahm in Gedanken Alfons mit. Sie fanden viele Bernsteine und darunter einen großen, der in der Schachtel nicht transportiert werden konnte. Er verschwand. Ist er bei Alfons? Er sammelt so gern Steine. Viele aus unserem Neiße-Fluß, aus dem Rhein, dem Ärmelkanal, aus Prerow. Sie liegen jetzt neben ihm. Bernstein wollte er immer finden und fand ihn nie.
aufgeschrieben am 27.4.20
Alfons‘ Hexenfeuer
Noch nie habe ich erlebt, dass es in Köbeln kein Hexenfeuer gibt. Aber 2020 wird es so sein. Um diese Zeit herum wäre schon fast alles aufgebaut gewesen. Schon würden Köbelner Nachtwache am Holzstapel halten. Die Hüpfburg, die Alfons so liebte, läge noch zusammengefallen auf der Wiese. Im letzten Jahr floh ich vor den Erinnerungen. 2018 war Alfons furchtbar blas und schlapp und doch gingen wir hinunter und am Ende warf er mit Papa Büchsen und gewann viele Kleinigkeiten, auch den grünen Ball den er noch mit ins CTK später nahm. Es ging ihm nicht gut und trotzdem war er glücklich. Und wir ahnten nichts. Ich sorgte mich, aber wir dachten, es wäre eine Erkältung…
Als ganz kleiner Junge bat mich Alfons, ihm beim Basteln eines Hexenfeuers zu helfen. Vielleicht war er da 4 Jahre alt. Er hatte ganz konkrete Vorstellungen, die ich unterstützte. Bis heute ist dieses Hexenfeuer mit einer Hexe obenauf bei uns; ich erinnere mich an die Handgriffe mit ihm, dass es so fipsig war und schwer, die Schaschlik-Spieße zu halten…
Alfons wäre unzufrieden über die Absage des Hexenfeuers. Ich bin erleichtert.
aufgeschrieben am 22.3.20
Pat und Mat
In Zeiten von Corona, wenn die Schule ausfällt und vieles zu Hause stattfindet, gucken Kinder Fernsehen. Und mir fallen die Filme und Sendungen auf KiKa ein, die Alfons mochte und schon Carl liebte und oft wir auch alle zu viert schauten:
>>> Wissen macht Ah! Klugscheißen mit Shari und Ralf
>>> Das Sonntagsmärchen (Ich denke, die Geschichte vom Fischer und seiner Frau, der nicht sattzubekommenden Ilsebill, die sich über ihren Mann, dem Fischer Hein, immer mehr von einem verwunschenen Butt wünscht und am Ende, als sie Päpstin ist, ganz arm endet; das war Alfons‘ letztes Märchen, bevor es am Montag darauf nach Berlin ging…)
>>> Der kleine Nick (Dazu gibt es ein kleines Video von Alfons. Auf der Unterseite Videos von und über und mit Alfons.)
>>> Bernd, das Brot (Manchmal passierte es in den Ferien, dass die Kinder länger Fernseh schauten und dann noch Bernd, das Brot erwischten und begeistert mitsangen und das Brot unbedingt sehen wollten. Zum Glück wurde es schnell zu viel und verlor seinen Reiz.)
>>> Antboy und Vater hoch vier und Trio liebte er. Ebenso Wallace and Gromit sowie Shawn das Schaf. Und alte und neue Filme vom Räuber Hotzenplotz. (Weihnachten 2015 oder 2016 kam es zur Erstausstrahlung von Trio auf KiKa – wir haben alle begeistert auf dem roten Sofa gesessen und den Film geguckt. Manchmal organisierte Alex auch eine große Leinwand und einen Beamer und wir machten „Kino zu Hause“. Das waren immer besondere und friedliche Momente. Die Kinder waren eingekuschelt und hatten sich zur Feier des Tages schon mit Chips versorgt. Es gab keinen Streit. Alles war in Ordnung. Alte Hotzenplotzfilme schaute Alfons manchmal auf Youtube; da gab es sehr alte Aufnahmen von den Erstverfilmungen in schlechter Qualität. Das störte Alfons jedoch nicht.)
>>> Was wir auch mochten, war Pat und Mat. Ich entdeckte sie zufällig, obwohl sie schon viele Jahrzehnte im tschechischen Fernsehen produziert wurden und weiter produziert werden! 2014 kaufte ich für den Sommerurlaub zweidrei Filme u.a. Adolars phantastische Abenteuer. Schnell war klar, dass die Filme Carl nicht gefielen und für Alfons zu gruselig waren. Aber in der Verpackung fanden wir zwei CDs von Pat und Mat. Und das war ein Glücksgriff! Eine Art Knetmännchen ohne Sprache mit rhythmischer Musik unterlegt, wurschteln sich durchs Leben. Zwei Nachbarn, die das Beste aus allem machen. Was haben wir gelacht mit Alfons. Obwohl Alfons mit seinen 5 Jahren sich ernsthafte Sorgen um sie machte, weil ja offensichtlich war, wie schilderbürgerhaft sie oft waren. Ich weiß nicht, warum ich unlängst an die beiden dachte…
aufgeschrieben am 12.1.20
Mensch-ärgere-dich-nicht
Silvester spielte ich das Spiel und war in Gedanken ganz bei Alfons. Ich sah seine Freude, wenn er mich rausschmeißen konnte. Ich sah, wie er – egal ob er selbst voran kam – den Abstand zwischen seinen und meinen Männchen zählte, ob er es noch schaffen könnte. Mit viel Vor- und Schadenfreude. Und dennoch erschrak ich mich, als ich heute eine Notiz vom Mai 2019 las. Ich war bei Susan und Andrea und notierte: Wir haben heute Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt. Ich habe noch so viele Worte und Handgriffe in mir, die sich auf sein Spiel, auf unser Spiel beziehen. Wie eingebrannt. Wie gestern erst das letzte Mal gespielt. Ich erschrak beim Lesen: Wo sind all diese Erinnerungen hin? Ich habe schon Dinge vergessen! Obwohl ich so oft und jeden Fetzen notiere! Kann es möglich sein, dass ich vergessen werde, dass ich zwei Kinder habe? Ich weiß, dass das möglich ist. Aber Alfons lebt doch nur in unseren Erinnerungen und wenn er vergessen wird, dann stirbt er noch ein mal. Wird mir das passieren?
Dabei steht das Spiel unverändert auf dem Küchentisch. Da wir es in der dunklen Jahreszeit häufig spielten, blieb es auf dem Tisch. Er ist groß genug. Nur im Sommer räumte ich es zu den anderen Spielen. Ich hatte es auch aus der Spieleschachtel herausgenommen. Nur das Spielfeld Mensch-ärgere-dich-nicht herausgenommen, auf der Rückseite Halma. Auch das mochte Alfons. Nach einiger Zeit des Bittens meinerseit, es mit mir zu spielen. Ich mochte Halma sehr. Und bald schlug mich Alfons auch darin. Alle Figuren tat ich in eine Plastikgefrierdose mit rotem Deckel, aus DDR-Zeiten. Wahrscheinlich ein Überbleibsel meiner Mutter. Heute sind diese Dinge noch da, Alfons und seine Oma nicht mehr. Aber wenn ich die Dose öffne, fühlt es sich an, als könne es nicht stimmen, dass der Junge, der damit einmal spielte, nicht mehr da ist. Die Hoffnung oder wie soll ich es nennen, die inständige innerliche Bitte, das eigene Flehen laut in mir zu hören: Lass es nicht wahr sein! Lass mein Kind um die Ecke kommen, springend, fragend, lachend, weinend… Wie kann jemand denken, dass das vorbei geht! Ich kann es auch nach 14,5 Monaten nicht fassen, was passiert ist. Ich weiß, Alfons ist tot, aber ich kann es nicht verstehen, nicht akzeptieren, nicht annehmen. Nichts beruhigt sich in mir. Ich schlafe irgendwie und komme irrlichternd durch den Tag. Alles tut mir weh. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute.
aufgeschrieben am 22.9.19
Vorlesen
Über das Vorlesen habe ich weiter unten schon einmal geschrieben; wie viel und oft wir den Kindern und später dann Alfons vorgelesen haben. Wie sehr Alfons es liebte. Dabei war ich oft müde und musste mir erst einen Kaffee holen, aber dann saßen wir auf dem roten Sofa und lasen….
Am letzten Freitag war ich auf der K1, der onkologischen Kinderstation des Carl-Thiem-Klinikums in Cottbus, vorlesen. Ich mache das zweidreimal im Monat. Wenn Schwester Maren Spätdienst hat. Zu ihr habe ich Vertrauen; Alfons mochte sie auch sehr. Schwester Maren fragt vorher die Kinder, wer es mag, vorgelesen zu bekommen. Ich war dann bei einer kleinen 5Jährigen. Vor ein paar Monaten hatte sie noch laut verkündet, sie habe ein Tablet und brauche nichts Vorgelesenes. Als ich sie am Freitagabend traf, sah ich den kleinen Stoffbeutel auf ihrer Brust und wusste, dass da ein Katheter drin ist, einen wie Alfons ihn auch hatte. Sie hatte alle Haare verloren und ich dachte an die vielen schwarzen, seidigen Haare von Alfons und seine Wut auf mich, weil ich gesagt hätte, sie fallen manchmal nicht alle aus (was sie bei Alfons tatsächlich auch nicht taten). Ich sah den stummen Blick des kleinen Mädchens, alle ihre mitgebrachten Plüschtiere und sah Dobby, Bärchen, Öhrchen… von Alfons im Bett sitzen. Sie lag still und ein kleines Lächeln huschte über ihre Lippen, als ich ihr das Buch von Tilda Apfelkern zeigte. Ich las…
Wenn ich meine Stimme höre, bin ich bei Alfons. Und dann lese ich und meine Gedanken sind weit weg. Das passierte mir macnhmal auch mit Alfons, weil mein Kopf voller Arbeit oder Sorgen war. Wenn ich jetzt lese, denke ich immer an Alfons. Ich weiß noch genau, dass wir dieses Buch eine zeitlang, Geschichte für Geschichte, jeden Abend vorm Einschlafen lasen. Es interessierte ihn nicht so sehr, aber er hörte zu, weil der Schriftsteller – Andreas H. Schmachtl – die wunderbaren Snöfridbücher schrieb, Snöfrid beeindruckte Alfons. Er wurde von ihm nachgetöpfert. Bevor er auf die FIMO-Knete stieß. Snöfrid hat kurze Beine und mag es eigentlich kuschelig und muss dann doch immer wieder zu neuen Abenteuern hinaus. Obwohl er kein Held ist, aber Snöfrid nimmt die Geschicke an. Mit einem Hm. Das mochte Alfons, obwohl ich ihn das nie fragte. Wir lasen alle vier Bücher. Vom letzten war Alfons enttäuscht. Die Geschichte war kurz und am oberen Buchrand fehlte die gemalte Leiste, auf der man sehen konnte, wie sich Snöfrid durch das Buch und die Geschichte bewegte. Heute sind die Bücher bei Fynn, ausgeliehen. Und oben in der Diele stehen viele Bücher stumm und still und warten auf Alfons. Wir hatten sie erst im Dezember 2017 dort neu sortiert, in neugekaufte Regale hinein, nach Rubriken. Auch seine Comics von Asterix sind dort, das Mosaik, Nachschlagewerke von Insekten, Pilsen, dem Universum…
Das kleine Mädchen war eingeschlafen. Es hatte sich llein, still und ohne mich zu unterbrechen, die Decke über die Brust gezogen. Ihr Mund war ein trauriger Bogen, ihre Haut angegriffen und aufgedunsen. Kein Laut, keine Klage drang aus ihr zu mir. Und ich dachte an Alfons und fragte mich, was diese Kinder mit sich selbst abmachen müssen. Weil sie ihre Mamas und Papas und Geschwister nicht beunruhigen wollen. Sie sind kleine stumme Helden, voller Schmerz und Leid und Hoffnung, leben zu können. Alfons gehörte nicht dazu.
aufgeschrieben am 25.8.2019
Tischtennisspielen 2016
Tischtennis 2018
Aus 2017 existieren keine Fotos, aber sicherlich haben Alex, Carl und Alfons Tischtennis gespielt, als ich bei der Kur war.
2018 spielte Alfons, so oft er konnte und wir nicht im CTK waren. Jeder Besuch musste ran. Er wurde besser und besser. Sogar Carl gab sich geschlagen – das sieht man gut auf dem letzten Bild, welches wir im Juni 2018 von uns Dreien bei uns im Hof machten. Da ist Alfons so übermütig (wie oft habe ich dann gesagt: Frechdachs! oder Übermut tut selten gut. Wie dumm von mir…) und wackelt an meinem Arm herum und das Selfie ist damit etwas unscharf. Auf den Bildern mit Markus spielt er in seinen grünen Gartenlatschen, die ich noch heute im Ohr habe, wenn er mit ihnen über den Hof gerannt ist, hin zu Papa ins Büro. Wenn er damit Tischtennis spielte, ermahnte ihn Alex oft: Zieh dir richtige Schuhe an, damit du nicht umknickst und dich verletzt. Hier scheint er dem entwischt zu sein… Auf diesen Fotos spielt Alfons schon mit seinem Katheter, den er am 5.6.18 in einer OP bekam. Ich hatte oft Sorge, er reißt sich den Kathter beim Spielen ab. Aber die Ärzte behielten recht: der Katheter gehörte, als die OP-Schmerzen vorbei waren, zu seinem Körper und er gewöhnte sich schnell an ihn (und nannte ihn FINDUS).
aufgeschrieben am 14.7.2019
Alfons‘ Lieblingsspiele
2006, als ich zum ersten Mal mit Carl bei Susan in Pinneberg zu Besuch war, spielten wir Siedler von Catan. Zu Hause kauften wir es erst 2010 und fortan spielten Carl, Alex und ich häufig Siedler, im Winter oft. Als Alfons auf meinem Schoß sitzen konnte, bildeten er und ich eine Mannschaft. Später spielte Alfons schon allein und Carl immer weniger, weil er u.a. die Sonderregelungem ungerecht fand, die wir einbauten, damit Alfons nicht am Spiel verzweifelte. Bald war das nicht mehr nötig. Wir haben bis zum Schluß Siedler gespielt, noch ein paar Tage vor der Abreise nach Berlin. Aflons gewann fast immer. Wir besorgten uns auch ein Kartenspiel von Siedler. Aber das Original war unschlagbar. Schließe ich die Augen, sehe ich jeden unserer Handgriffe, beim Aufbau des Spiels, beim Verteilen der Karten, beim Getränke und Süßigkeiten auf den Tisch stellen… Unter 2 Stunden spielten wir nie.
An zweiter Stelle kam Mensch-ärgere-dich-nicht. Das stand immer auf unserem großen Küchentisch, an der Stirnseite, in der Nähe vom Jahreszeitentablett, griffbereit. Alfons liebte auch Halli Galli, Kniffel (im letzten Sommer mocht er es sehr). Er mochte nach einiger Gewöhnung, weil ich das Spiel mochte und ich ihn ab und an bat, es mit mir zu spielen, Halma. Er liebte Schach und Silvio, ein ehemaliger Arbeitskollege, schenkte ihm zu seinem Geburtstag ein kleines Schachspiel und manchmal, wenn Silvio mit seinen Hunden zu Besuch kam, spielten sie. Wir spielten auch gern UNO, in der Charité Phase 10 und SOLO. Das Gänsespiel und das Schlangen-/Leiterspiel zu Hause. Manchmal Halma. Das Affenspiel im Krankenhaus; da begann auch das Spielen mit dem tablet. Zu Hause noch das KakerlaLoop. Als kleiner Junge bekam er von Kathrin ein Magnetspiel, mit dem er Muster legen konnte. Ins Krankhaus gab sie ihm ein kniffliges Spiel mit, bei dem auch Legesituationen für zweier, dreier, vierer und fünfer Kugelformationen vorgegeben waren und er weitere dieser „Steine“ ohne Vorlage zuordnen musste. Dafür gab es zig Möglichkeiten, aber Alfons hatte einen Blick dafür. So wie er als kleiner Junge puzzelte, indem er nicht das Bild zusammensetzte, sondern sah, welche Teile der Form nach zusammengehörten. Er puzzelte unaufhörlich. Aber das hörte auf. Wie viele andere Dinge, die er sich eroberte, lernte, begriff, zu Ende brachte und sich dem nächsten zuwandte.
Ergänzung zum Lego-Text vom 7.7.2019
Als im Februar Alex mit Hans und Carl nach Südafrika flogen, hatte Alfons einen besonderen Geschenke-Wunsch. Er wünschte sich ein farbiges, dunkelhäutiges Legomännchen. Alex sagte nach der Rückkehr: Aussichtslos! Wir wissen nicht, wie viele Möglichkeiten der zum Suchen hatte. Für Südafrika mit seiner Mehrheit an fabrigen Menschen fand ich das aber beschämend. Alfons bekam dann von Papa eine aus Fimo-Knete hergestelltes kleines Schatzdöschen mit Ying-Yang-Zeichen darauf. Sofort setzte er sich an einem Wochenende hin und knetete das Döschen nach.
aufgeschrieben am 7.7.2019
Alfons als leidenschaftlicher Legofan!
Alfons entdeckte zuerst das Puzzlen für sich, bald kam das Legobauen. Erst Lego-Duplo, bald baute er schon mit Carls alten Sachen (Carl hatte nicht viel, da ihn Lego gar nicht interessierte), dann kauften wir von Franz gebrauchte Teile hinzu. Wir bauten oft oben in der Diele Fantasiegebilde. Rudimente vom letzten Baueinsatz stehen noch oben bei seinen Spielsachen. Später wünschte sich Alfons Lego-Ninjago. Bald kannte er die Figuren auswendig, ich nähte mit ihm eine Tasche, in die Kai, Zane, Cole… hineinpassten. Später sammelte er sie zusätzlich in einer kleinen Sammelbox aus Holz, in einer Plastikbox zum Tragen, in kleinen Streichholzschachteln… Auf den Treppenstufen nach oben stand Alfons‘ Korb für seine Mützen und Fußballhandschuhe. Darin eine Schachtel aus Pappe in der kleine Figuren lagen; gefilzte, Legofiguren, Schleichtiere, Zwerge… Früh, wenn wir zur Schule aufbrachen, wanderte eines dieser Wesen in seine Jackentasche. Als Glücksbringer, als Handschmeichler, als Tröster… Lego-Ninjago kam zu uns auch als Lego-Film und in ganzen Hauskonstruktionen wie Tempel und Schiffe und Flugboote. Manches davon knetete er nach, aus Fimo-Knete. Auch Lego-Chima kannte Alfons. Dann den Raben oder eine große roboterartige Gestalt. Als er krank wurde, wendete er sich realeren Dingen von Lego-City zu: Forscherfahrzeuge, Goldminensucher, das Pizzaauto, das Wohnmobil im Krankenhaus (was heute bei Ben ist), das Baumhaus und zuletzt das Krankenhaus, was er nicht mehr schafft aufzubauen. Alfons war ideenreich. Er baute die Legobauteile nach Vorlage auf, in null komma nichts, und später war es viel interssanter, wenn wir eigene Sachen bauten. Das taten wir, wie auf den Foto zu sehen ist. Wir hatten dazu ein altes Spannbettlaken, als Unterlage, da kamen alle Legos beim Spielen rauf und beim Einräumen brauchten wir nur das Laken in die Plastikbox packen und alles war verstaut…
In der Krankheit wünschte er sich viele Lego-Dinge und wir kauften sie ihm. Einmal 12 bestimmte Lego-Minifiguren, die sehr teuer waren und die Tante Veronika ermöglichte. Einmal bestimmte Wurfsicheln von Ninjago, die ich irgendwo im Internet fand und bestellen konnte. Einmal baute er aus einer Lego-Kiste ein „Lego-Sonderziehungsgerät“. Alfons mochte Lego, wie viele Jungs in seinem Alter…
aufgeschrieben am 30.6.2019
Der Traumfänger
Carl hatte einen Traumfänger, als wir noch unten zusammen in einem großen Zimmer schliefen. Alex , ich und Carl. Sein Kinderzimmer bezog Carl erst, als wir das Obergeschoss ausgebaut hatten. Da war er 10 und Alfons 2. Der Traumfänger mit Federn und kleinen, klimpernden Metallstangen hing also unten im großen Zimmer am Fenster. Wahrscheinlich durch den Umzug wanderte der Traumfänger nach draußen. Er hängt immer noch – verwittert und etwas geschunden, aber noch vorhanden – an der dürren Weide, die ich an den Sandkasten gepflanzt hatte.
Alfons vermisste irgendwann einen Traumfänger und weil ihn das Fehlen störte, bastelte er sich einen. Er hing im Bett von Alex und mir. Dort schlief Alfons fast immer, mit kurzen Unterbrechungen, weil er nicht allein sein wollte. Den Traumfänger hatte Alfons auf ein Blatt A4-Papier gemalt: ein Kreis mit 5 senkrechten Strichen. Den Kreis schnitt er aus und klebte diesen mit einem Stückchen braunen Paketklebeband an das Kopfende des Bettes. Die Striche waren ungelenk. Er war noch klein, vielleicht drei oder vier, als er ihn sich bastelte. Er hing dort immer. Ich weiß nicht, ob ich ihn abmachte oder jemand anderes. Ich weiß auch nicht, wann das war. Ich muss darüber nachdenken… Was ich weiß, er hing noch zum Schulanfang am 10.9.2016; da bekam Alfons in seiner Zuckertüte einen wunderschönen Traumfänger mit Pfauenfedern. Wir hängten ihn gemeinsam in seinem Zimmer auf. Er hängt heute noch dort. Alfons freute sich darüber und ich dachte, nun wird das Schlafen in seinem Bett einfacher für ihn. Das war aber nicht so. All seine Zeit wollte er nah mit uns verbringen.
Alfons‘ und Carls Sandkasten im Garten
Die Bilder sind alle aus 2016. Alfons liebte den Sandkasten. Er baute dort Wasserrutschbahnen mit Papa, 2017, als ich bei der Reha war. Tunnel. Burgen. Im Herbst räumten wir das Spielzeug in das kleine Pflanzhaus, das ehemalige Backhaus im Garten. Später räumten wir es nur noch unter das Dach im Sandkasten. Im Frühjahr richteten wir alles her. Und dann spielte Alfons. Nicht oft, aber hin und wieder, im Sommer. Mal mit Jim, mal mit Malte, mal mit Rajdo und Jakob bei seinem Geburtstag 2017. Zuletzt machten den Sandkasten seine Freunde am 23.3.2019 sauber und nun, da niemand mehr darin spielt, bahnt sich das Gras und Kraut seinen Weg.
Den Sandkasten gab es schon für Carl in der Schillerstraße, da wohnte wir bis 2004. Er zog mit uns um. Er stand erst im Hof, neben dem Flieder. Dort spielte Carl. Ich genoss es, dass die Kinder aus dem Haus gehen konnten, ohne dass man mit einem Rucksack voll Windeln, Getränken, Essen, Wechselsachen und Spielzeug hinterher musste. Später zog der Sandkasten hinter zum Baumhaus. Das baute Alex schon im Sommer des Einzugs, 2004. Im Sommer 2007, zu Carls Schulanfang, renovierten wir den Sandkasten gründlich. Er bekam ein Dach aus Dachpappe und eine Einfassung aus Holz, grün gestrichen, und frischen Sand. Den borgte sich Alex später ab und an für Bauarbeiten. Dann kam wieder neuer. So gut es ging, habe ich den Rand immer wieder befestigt. Aber das Holz wurde morsch, so wie der Balkon am Baumhaus, mit dem Alfons einbrach! Als die Kinder hier waren, erinnterte sich Malte daran. Vielleicht war er damals auf Besuch, als es passierte oder Alfons hatte es ihm erzählt. Alfons stand damals schockiert in der Küche und weinte.
Den rot-grünen Kipplaster auf den Bildern nahmen Jakob und Rajdo nach der Aufräumaktion im Frühjahr 2019 mit. Ich denke, er ist in guten Händen und Alfons hätte es gefreut.
aufgeschrieben am 15. und 16.6.2019
Steine sammeln
Wenn wir an der Ostsee waren oder an der Neiße oder 2015 mit dem Wohnmobil am Rhein oder bei Zechliner Hütte (Stein vom Großen Wummsee) – wir sammelten immer Steine. Am Darßer Ort kaufte ich Alfons ein Steinebuch, zum Bestimmen. Die letzten Steine – Flußsteine aus der Neiße – sammelte wir am 29.7.18. Sie liegen noch heute auf der Fensterbank des Küchenfensters. Zusammen mit den Schneckenhäusern, dich ich gern sammelte.
Gesägt, gehämmert, gebohrt…
Alfons half Papa beim Ausbau des Kinderzimmers oben. Er bekam eine Pistole geschnitzt, ein Feuerzeug aus Holz zum Fasching und ein Schwert. Er beschliff und lackierte alles. Später ein Schatzkiste aus Holz, die einen grünen Anstrich bekam. Ein Bogen für Pfeile wurde gebaut, ein Pizzaauto geschraubt, ein Tablett hergestellt, in dem Alfons viele Nägel in ein Brett schlug. Diese Art Tablett stand uns viele Jahre als Jahraszeitentisch zur Verfügung – wir hatten an der Stirnseite des Tisches dieses Tablett und dadarauf Blumen, Kerzen, Selbstgebasteltes, Einladungen, Fotos, Postkarten, Getöpfertes… Jetzt steht es in der Mitte unseres Tisches und auf ihm die gebastelten Dinge und seine fast 10m lange Mutmacherperlenkette, dazu Kerzen…
Malen und Basteln
Alfons malte von klein auf. Mit Tusche, später mit Buntstiften, manchmal mit dem Kugelschreiber. Dazu klebte und faltete er, baute eine „Sonderziehungsanlage“ aus einer Legokiste, bastelte ein Hexenfeuer, klebte ein Boot zusammen, faltete Schiffchen, stellte Rosen her analog zur Pinterest-Bastelanleitung, bemalte Shirts mit Fußballlogos und bastelte sich einen eigenen WM-Fußballpokal… Wir haben viele Kartons seiner gemalten Papiere und überall im Haus stehen gebastelte Kleinode. Manchmal bastelten wir zu viert, ab und an zu dritt, viel zu zwei. Ab und an saß ich einfach neben Alfons und spitzte seine Buntstifte aus seiner Federmappe an, während der hochkonzentriert malte…
Wie Alfons Glibber herstellte
Im Januar 2018 bei einem Zahnarztbesuch von Alfons beim Zahnarzt Bartsch in Weißwasser lasen wir im Wartezimmer die Geolino und fanden darin etwas Langgesuchtes: ein richtiges Rezept zur Herstellung von Glibber. Es gab davor schon einige Versuche mit Klebstoff, um die sich Alex und Alfons bemühten und der furchtbar stank. Und auch wir hatten einen Vorläufer, der nicht gelang und der in den kleinen Zipp-Beuteln zerfiel, in die Alfons den „Glibber“ tat, um ihn zu verschenken oder „zu verkaufen“. Dann entdeckten wir also das Rezept und die Grundlage des Glibbers: Flosamen. Ich erinnerte mich, diesen in einem Angebot im PENNY gesehen zu haben. Gleich nach dem Zahnarzt fuhren wir eine Geolino und den Flosamen kaufen. Im Februar stellten wir den Glibber zusammen her und er funktionierte, wie man auf dem Bild sehen kann.
Alfons machte mit vier und fünf Jahren Fotos und darunter ziemliche viele von seinen Füßen
Seit ich den Blog über Alfons schreibe und am Heraussuchen der Fotos bin, ist mir nach und nach aufgefallen, wie viele Fotos Alfons selbst gemacht hat (was ihn mit Carl eint, von dem ich ebenso viele selbstgemachte Fotos fand). Vielleicht ist das nicht ungewöhnlich; beide drehten auch kleinen Videos und das Alfons einen eigenen geschützten Youtube-Kanal hatte, übernahm er als Idee von Carl, der mit 13 Jahren Youtuber werden wollte.
Was bei den Fotos ungewöhnlich ist…
…Alfons fotografierte mit Leidenschaft seine Füße und Schuhe…
Fotos von Alfons
aufgeschrieben am 26.5.2019
Alfons‘ Ginkgo-Baum…
…steht nun an Alfons‘ Grab. Wenn der Rollrasen richtig angewachsen ist, werden wir entscheiden, ob wir ihn auspflanzen. Vielleicht ist er auch zu jung dafür. Ich habe ihn für Alfons 2016 gekauft. Zusammen mit einem großen Baum, den wir Manja zu ihrer Praxiseinweihung schenkten. Davor versuchten wir beide es, aus mehreren großen Samenkörner selber Bäume anzuziehen. Aber die Samen keimten nicht, weil es bei uns wahrscheinlich nie gleichmäßig warm war. Wir hatten sie uns aus Weimar mitgebracht. Dort waren wir im Dezember 2015 und ich zeigte Alfons Goethes Gartenhaus und dort las ich ihm vom Ginkgo vor. Wir sahen uns auch die Anna-Amalia-Bibliothek an, mit den vielen grauen Bücherrücken für all die Bücher, die den Brand am 2.9.2004 nicht überlebt hatten. Alfons war zugleich erschüttert und beeindruckt…
Alfons mochte Bäume, das Grün der Bäume und ihre Schatten. Er kletterte, wie Jahre zuvor schon Carl, auf unseren einzigen Apfelbaum. 2016 hatten wir ihn bei einem Pomologentreff (30.9-2.10.16) in der Orangerie bestimmen lassen. Unser Apfelbaum und seine Früchte heißen Carola. Sie sind im August noch sehr knackig, aber man kann sie gut zum Backen nehmen. Ab Ende August und dann im September buk ich fast an jedem Wochenende ein Blech Apfelkuchen. Schon Carl nahm das mit in die Schule, was wir nicht schafften oder einfach die wunderbar saftigen Äpfel. Bei Alfons in der Klasse war mein Kuchen bekannt. 2016 und 2017 brachten wir oft welchen mit – ein paar Stück aßen wir am Wochenende und über den großen Rest konnte sich Alfons‘ Klasse freuen.
aufgeschrieben am 28.4.2019
Filzen, Stricken, Häkeln und Nähen
Mit fällt das Schreiben schwer. Heute früh habe ich den kleinen, von Alfons selbstgestrickten Igel repariert. Seine Nase und ein Auge hatten sich etwas aufgelöst. Ich muss weinen, weil er mich daran erinnert, wie drängend mich Alfons viele Monate gebeten hat, mit ihm einen Igel zu häkeln…
Er hatte schon in der Schule das Stricken gelernt und zu Hause strickten wir Schals und Alfons sich einen Loop, ganz allein. Wir kauften Nadeln, auch Häkelnadeln, die alle im Hort landeten, dazu bunte Wollen. Viele gestrickte Wollketten liegen bei uns, von Alfons und Carl, als Springseile und zum Budenbauen genutzt. Überall im Haus finden sich festgekettelte Dinge. Auch gestrickte und gefilzte Armbänder, die er selber trug oder uns schenkte. Ich trage nun sein letztes Armband aus dem Krankenhaus, ein Gefilztes in den Regenbogenfarben. Dazu nähte er Köcher für Stöcke, kleine Säckchen für Steine, seinem Zwerg, der nun bei Pia wohnt, einen Rucksack mit selbstgekordeltem Riemen, einen Turnbeutel für den Rücken, den er mit „Cool“ beschriftete und für den er mit Tante Elke lange eine Lösung für die Riemen suchte, dann kauften sie die längsten Schnürsenkel und an dem selben Abend flochten wir zu zweit daraus die Tragegurte für den Turnbeutel. Die Stiftetasche für die erste Klasse filzten sich die Kinder selbst (ich stickte den Namen ALFONS hoch und Alfons war sehr stolz darauf), ebenso strickte er seine Flötentasche allein. Viele weiße Nickis, von denen Alex immer welche in seinem Büro zu Werbezwecken hatte, bemalte er mit Fußballnamen, Zahlen und Clubs.
Es verging nicht ein Tag, an dem Alfons nichts machte. Es war ja nicht nur das. Auch knetete und töpferte er, baute viel mit Lego, viele Phantasiehäuser und -autos, malte und diktierte mir Dinge, die ich aufschreiben sollte, als er kleiner war. Auch im Krankenhaus sah er selten Fernsehen. Auch dort malte er, wir schnitten und klebten und lasen ihm vor. Dort überredete er Frau Kießling, seine Deutschlehrerin, mit ihm nicht nur Deutsch zu machen, sondern zu häkeln. Er hatte sich ein Häschen ausgesucht. Ich half ihm oft. Das konzentrierte Schauen auf die Maschen erschöpfte ihn schnell. Wir wurden nicht fertig damit…
Zurück zum Igel: ich versprach ihm, jemanden zu finden, der ihm etwas häkelt. Aber es gelang mir nicht. Er bat mich oft. Ich ärgerte mich über mich, keine Lösung dafür zu finden. Aber irgendwann kam er nach Hause und hatte ein braunes, gestricktes, eiförmiges Etwas mit, was in meine Hand passte. Er hatte Frau Hinze gebeten, ihm zu helfen, einen Igelkörper zu stricken. Zu Hause machten wir uns sofort daran, mit langen, braunen Fäden die Stacheln nachzubilden. Dann stickte ich noch Augen und Nase, die ich heute repariert habe. Der Igel schlief fortan bei allen anderen Kuscheltieren… Er hatte allein eine Lösung gefunden. So war er. Er zerschnitt Julias Weihnachtsgeschenk – einen Geduldsfaden – sofort in zig kleinen Fäden, weil er keinen Geduld hat, sagte Alfons dazu. Dabei war es genau anders herum: Alfons gab nie auf und hatte so eine Ausdauer. Für ihn muss es schrecklich gewesen sein, im Koma zu liegen und nicht mehr kämpfen zu können. Dabei kämpfte er so! Tante Elke sagte damals in Berlin zu mir: Er kann kämpfen, weil du ihm gezeigt hast, wie schön das Leben ist.
Als Alfons im Koma lag, legte ich den kleinen Igel in seine Hände, damit er ihn fühlen konnte.
Einen noch wirklich professionell gestrickten Elefanten – lila und mit großen Augen und Ohren – fand Alfons zum Kindertag im Elternhaus des CTK. Wir wollten gerade von der Behandlung nach Hause fahren, da kam er mit „Öhrchen“, wie er den Elefanten sofort ansprach, um die Ecke. Für mich hatte er eine kleine Eule ausgesucht. Fortan lebte sie bei mir, bis heute erinnert sie mich jeden Tag an diesen Moment und an Alfons.
aufgeschrieben am 7.4.2019
Töpfern
Es begann in der vorweihnachtlichen Zeit 2016. Alfons ging mit Malte in die Vorschule der Waldorfschule, in die „Wurzelklasse“ auf dem Ziegenhof in Leuthen. Er fuhr dorthin mit Manja und Malte und zurück mit ihnen nach Spremberg und stieg dann zu Papa ins Auto, der in Spremberg arbeitet. Einmal in der Woche nahm Manja Alfons mit zum Töpfern ins Bergschlösschen. Da war Malte angemeldet. Irgendwann kam ich dazu. Später hörte Malte auf, aber Alfons blieb. Ich assistierte ihm. Wir schmunzelten darüber: Alfons und seine Assistentin. Erst nach meiner Kur im Sommer 2017 begann ich auch selber zu töpfern. Alfons war ohnehin schon Profi…
Manchmal mussten wir absagen, weil Alfons nach der Schule zu KO war. Manchmal schaffte ich es zeitlich von der Arbeit her nicht. Manchmal blieben wir nur eine Stunde nicht zwei. Einmal erlebten wir im Oktober 2017 auf der Heimfahrt von Spremberg nach Bad Muskau einen fürchterlichen Sturm. Ich hatte unsägliche Angst um Alfons. Ließ ihn im Fußraum des Beifahrerplatzes niederkauern. Links und rechts an der Straße brachen Bäume wie Strohhalme ab. Ich betete laut, obwohl ich nicht weiß, wie das geht. Zu Hause sagte Alfons zu mir: Was wäre mit dir passiert, Mama, wenn ein Baum auf unser Auto gefallen wäre?
Zum Töpfern fuhren wir noch bis zum Frühjahr 2018, dann war Alfons oft krank…
Das Haus hier ist voll von Alfons‘ Werken. Alle haben wir von ihm eine Müslischüssel; zuerst töpferte er eine für Carl, ein Jahr später eine für Papa und dann für mich. Da reichte die Kraft schon nicht mehr so gut aus, lange an den Objekten zu arbeiten. Er töpferte auch viele kleine Blüten und entwarf selbst Pilze, Äpfel, Blumen. Das Glasieren war eine Friemelarbeit. Später stellten Alfons und ich daraus kleine Girlanden her und wir verschenkten sie in einem Jahr zu Weihnachten. Berühmt sind auch seine Schnecken, mit Haaren aus der Knoblauchpresse. Sie stehen zum Beispiel bei Konstanze im Friseurladen. Viele Dinge sind bei uns geblieben. Zu sehen auf den Bildern unten. Da findet sich auch eine Pizza wieder… Die hat Alfons für Carl getöpfert. Mit viel Mühe und Aufwand. Er wollte sie in einen echten Pizzakarton packen und damit Carl einen Streich spielen. Er gelang! Und Alfons‘ Freude war riesengroß…
aufgeschrieben am 31.3.2019
Fußball
Ich habe lange überlegt, worüber ich heute schreibe. Im Kopf ist mir noch das heutige Geburtstagsmittagessen mit Carl anlässlich seines 18. Geburtstages.
Wir hätten im Garten gegrillt. Mit allen Freunden und Verwandten und Bekannten und der Familie. Ich hätte es mir genehmigt, mit Carl zu trinken und zu tanzen. Alfons wäre mit anderen Kinder herumgetollt, hätte Fußball gespielt, so lange es hell gewesen wäre und hätte müde und verzweifelt in der Mitte des Abends gesagt: Mama, du machst immer nur was mit Carl! Ich hätte ihn dann zu Bett gebracht und vorm Einschlafen würden wir festgestellt haben: Es war ein schöner Tag für uns alle gewesen! Und Alfons hätte es getröstet, weil es für ihn auch wichtig war, dass es Carl gut ging.
Es gab Zeiten, da erlebte Alfons viele aufregende Dinge. Sie ließen ihn nicht schlafen. Ich schlug ihm vor, 10 gute Erlebnisse vom Tag aufzuzählen und dann erst die schlechten Erinnerungen. Wir machten das zusammen. Es machte uns Freude, uns an das Schöne zu erinnern. Ich wollte, dass er nicht nur über die vertanen Dinge am Ende des Tages trauerte. Deshalb lenkte ich seinen Blick auf das Schöne. Und es funktionierte und irgendwann war es nicht mehr nötig. Alfons konnte die guten Dinge am Tag allein sehen….
Zurück zum Fußball.
Alfons spielte mit Alex im Hof. Mit Fynn bei ihm zu Hause. Auch mit Friedrich. Vor allem mit allen Jungs seiner Klasse im Hort. Er kannte Spieler, sammelte Sticker, bemalte eigene T-Shirts mit Spielernummerierungen. Im Sommer 2018 bastelten wir einen WM-Pokal; täuschend echt! Erik, aus seiner Klasse, schenkte ihm drei selbstgebastelte Fußballspieler. Das Panini-Album war 2018 fast voll. Im Juni 2018, als wir uns zum Klassengrillen trafen und ich Angst hatte, Alfons würde sich beim Fußballspielen übernehmen, rannte Alfons auf mich zu und sagte klar und eindringlich: Mama, lass mich bitte spielen.
Er spielte damals das letzte Mal mit seinen Freunden Fußball auf dem Schulhof, in seiner geliebten Schule, mit seinen vermissten Freunden.
aufgeschrieben am 23.2.2019
Kneten
Im Oktober 2017 entdeckte Alfons für sich das Kneten mit FIMO-Knete (nachdem er im Winter 2017 Schals mit Regenbogenwolle strickte und er im Herbst begann, im Hort zu häkeln).
Genau am 1.10.2017 bestellten wir die erste Knete über Amazon, später kauften und probierten wir diverse Produkte, um am Ende doch dauerhaft mit der FIMO-Knete zu arbeiten. Ungefähr 5 Monate von Oktober ´17 bis Februar/März ´18 knetete Alfons in jeder freien Minute.
Phantasiefiguren, Lieblingshelden, Comicmännchen, kleine Burgen, Schilde, Schatztruhen, ein Messer, Kugeln, eine ganzes (Lego)Schiff. An manchen Figuren arbeitete er 8 Stunden, z.B. an der Figur „Freund vom Antboy“ und dem Urmenschen, nur unterbrochen von verordneten Pause von mir, wenn gar nichts mehr ging – Frust, Schreien, Rumtoben. Manchmal fielen Gliedmaßen ab oder die filigranen Kleinteile wollten nicht am Körper halten. Dann verließ Alfons kurz die Kraft, aber nie der Mut weiterzumachen bis zur Fertigstellung. Die passierte dann bei 110-130 Grad Wärme im Backofen.
Danach ging es noch ans Aufräumen, eine ungeliebte Tätigkeit, da schon alle Kraft aus Alfons gewichen war, aber ich war sehr streng – aufgeräumt wurde, dabei lag die Knete überall. Auf dem Küchentisch, dem Fußboden, auf den Arbeitsflächen in der Küche. Unterlagen halfen nicht wirklich. Weil die Knete einen nicht geringen Preis hatte, sorgte ich dafür, dass wir die nicht verwendeten Reste nach Farben sortierten, um sie wiederzuverwenden. Das war eine ziemlich aufwendige Arbeit. Nur superkleine Teilchen klumpte er zu kleinen und großen Kugeln, sogenannten Erbsen und Resteklumpen, zusammen. Die zerschnitt Alfons zu bunten Scheiben oder zertrennte sie halb und fügte Löcher hinzu. Dann fädelte er sie nach dem Backen auf. Eine solche Kette trage ich in meiner Jackentasche und fühle jeden Tag die Dinge, die Alfons mit seinen Händen voller Hingabe und Liebe und Phantasie formte.
Für seine Knetarbeiten hatte Alfons eine Bastelkiste nur für´s Kneten und da war von der Backfolie über Draht und Knete bis hin zu entsprechendem Werkzeug alles drin. Alfons hatte irgendwann bei Tante Elke nach ausrangiertem Zahntechnikerwerkzeug gefragt und es bekommen. Am besten waren aber immer noch die kleinen, dünnen und spitzen Küchenmesser.
Alfons knetete fast ausschließlich für sich. Mit Auftragswerken tat er sich schwer. Er knetete zwei Figuren für Carl und am Ende, kurz vor seinem Tod, besorgte er sich lufttrocknende Knete auf der Station 30i und knetete ein grünes Herz für Carl, mit der Inschrift: A+C=“Herz“. Mit viel Außenmotivation durch Mama knetete er für Markus und Sindiswa einen Hochzeitsgruß. So plötzlich wie das Kneten ins Alfons Leben kam, hörte es wieder auf. Erst in der Charité hat er mir eine lange Liste an Materialwünschen übergeben, die ich bestellte: er wollte für Dr. Hundsdörfer einen Radler mit Locken und HSV-Shirt kneten, als Dank für die Behandlung. Dafür hatte er bei Schwester Bea nach dem Lieblingsfußballclub von Herrn Hundsdörfer gefragt und Bea war ihm bei der Recherche behilflich. Auch musste ich von zu Hause seine beiden Bücher mitbringen, in dem fast alle Figuren aufgeklebt waren. Dazu hatten Papa und er sie ordentlich aufgestellt, gut ins Licht gesetzt und fotografiert. Später klebte Alfons sie auf, wir banden zwei Bücher daraus und ich beschriftete entsprechend Alfons‘ Anleitung jede Figur mit ihrem Namen. In der Klinik zeigte er sie ganz stolz den Krankenschwestern…
Heute wohnen alle Figuren in einem Setzkasten. Davon hatte Alfons immer geträumt, aber Papa und er wollten einen selbst bauen. Am Ende hat die Zeit nicht mehr gereicht… Und dann kamen neue Ideen… Tischtennis, Geo-Caching… Und eine Krankheit, die ihm gar keine Lebenszeit mehr ließ.
zusammengetragen und aufgeschrieben am 3.2.2019
Eine Geschichte ausdenken
Am 30.12.2016 diktierte mir Alfons in einem Fluss eine Geschichte über den Steinbock Springinsfeld*. Ich hörte die Rahmengeschichte heraus, die wörtliche Rede und den Spannungsbogen. Denn am Ende wurde aus dem Steinbock ein Regenbogensteinbock. Alfons musste nichts überlegen, nicht nachdenken, er diktierte mir die Worte, Wort für Wort, und alles war in ihm schon da und fertig und somit war ich manchmal zu langsam und er wartete ungeduldig. Am Ende war er zufrieden und ich konnte es kaum glauben, was er sich da ausgedacht hatte. Aber ich sah, wie Alfons sich mit so vielem beschäftigte. Heute hat die Geschichte eine ganz andere Bedeutung bekommen. Erst nach Alfons‘ Sterben sah ich auf vielen seiner Bilder Regenbögen; er suchte sich Postkarten mit einem Regenbogen aus; er knetete mir eine Blume in den Regenbogenfarben; er malte einen mit der Maltherapeutin während seiner Zeit in der Charité. Dabei war er sich fast immer über die Farbreihenfolge sicher, nie sah ich, dass er dafür eine Anleitung brauchte. Die Maltherapeutin sagte damals, viel kranke Kinder malen einen Regenbogen. Er ist für manche das Symbol für die Brücke ins Jenseits, für andere verbindet er Himmel und Erde, Gott und uns, wieder andere sehe in ihm Freiheit und Frieden, Besserung und Zuversicht. Als Alex am 4.5. hinter dem Krankenwagen her fuhr, der Alfons vom Krankenhaus in Weißwasser ins CTK nach Cottbus verlegte, sah er einen Regenbogen. Er fotografierte ihn und er ist das Titelbild von diesem Blog. Damals gab er uns Hoffnung.
* Am 31.12.2016 diktierte mir Alfons in noch schnellerer Abfolge eine Fortsetzung der Geschichte. Darin unternahm nun der Regenbogensteinbock Springinsfeld Abenteuer und Herausforderungen, die sich in vielen Handlungssträngen und Geschichten ausdrückten. Während des Schreibens habe ich Alfons gesagt und gefragt, wo sind wir eigentlich, wohin geht die Reise der Geschichte, ich kann nicht so schnell schreiben, es wird zu viel… Aber Alfons diktierte unermüdlich. Aber diese Geschichte hat kein Ende und es scheint, als wäre es Alfons nicht so wichtig gewesen. Wichtig war die Hauptgeschichte des Steinbocks.
In dieser Zeit lasen wir viele Bücher über Abenteuerlustige. Allen voran die Geschichten von Snöfrid (den er mochte, weil er eigentlich kein typischer Held ist, sondern gemütlich, langsam, überlegt) sowie von Asterix und Obelix. Deren Geschichten erzählte Alfons nach, erfand etwas hinzu und interpretierte sie um. Auch das schrieb ich, wenn er sie mir diktierte. Schon mit 5 oder 6 Jahren begann er in einem kleinen Schulheft Texte und Sätze zu sammeln, die er mir diktierte und die seinen Alltag beschrieben. Ein paar Fotos davon findet ihr unter der Steinbock-Geschichte.
aufgeschrieben am 27.1.2019
Davon gibt es wohl keine Fotos, dabei taten wir es täglich: Vorlesen. Im Bett. Auf dem roten Sofa. Im Garten. Auf dem Fußboden…
…und im Kindergarten. Schon als Carl klein war, las ich einmal in der Woche in Carls Gruppe. Das war so um 2006 herum. Bei Alfons war es von Oktober 2013 bis Sommer 2015. Am Ende gab es im Kindergarten eine Lesenacht: am letzten feierlichen Verabschiedungstag der nun baldigen Schulkinder in der Grundschule in Bad Muskau ging die orangene und rote Gruppe durch den Park zurück zur Kita. Unterwegs las ich an verschiedenen Orten im Park Geschichten vor. In der Kita selbst gab es davon noch mehr. Die Nacht schliefen alle Kinder, die Betreuerinnen Doreen und Andrea sowie ich auf mitgebrachten Iso-Matten und im Schlafsack im Gruppenraum.
Im Oktober 2013 schrieb ich im Elternbrief:
Vorlesen
Im Oktober habe ich begonnen, Mädchen und Jungen aus der orangenen und roten Gruppe im Blauen Haus vorzulesen. Jeden Dienstag von 9:30-10:00 lese ich ein Buch für jüngere Kinder (2-4 Jahre) und ein Buch für ältere Kinder (4-6 Jahre) vor. Wer mag, bleibt zu beiden Büchern. Wichtig ist nur eine Regel, das Zuhören was zugleich das Lauschen ermöglicht. Beides zusammen lehrt die Kinder Rücksichtnahme untereinander (jeder will was hören und vom Buch sehen) und Respekt der Vorleserin gegenüber. Lachen, Staunen, AHAs und OHs gehören zum Vorlesen und Zuhören.
Die vorgelesenen Bücher bleiben bis zur nächsten Woche im Gruppenraum stehen und können von allen angeschaut und durchgeblättert werden.
Eine Buchliste, die Auskunft über die gelesenen Bücher gibt, hängt im Vorraum des Blauen Hauses. So kann man bei Bedarf die Bücher in einer Bibliothek ausleihen oder sich kaufen.
Anett Quint.
Bis zuletzt lasen wir mit Alfons. Er liebte besonders phantasievolle Geschichten mit Asterix und Obelix (waren die Allerwichtigsten), Snöfrid, Räuber Hotzenplotz, Petronella Apfelmus, Pumuckl (sein Lieblingshörbuch!), die Olchis, Hörbe und Zwottel, Der kleine Drache Kokosnuss… Im Krankenhaus lasen wir Das Wildpferd unterm Kachelofen, Der Herr der Diebe, Matti, Sami und die drei größten Fehler des Universums, Die unendliche Geschichte… Im Fernsehen mochte Alfons die dänischen bzw. nordischen Kinderfilme u.a. Trio (Cybergold u.a. Teile davon), Antboy, Vater hoch vier, den Kleinen Nick, Wallace and Gromit, Shawn das Schaf…, auch das Sonntagsmärchen…
Auf jeder Station im Krankenhaus sagten Schwester und Ärzt*innen zu uns: Es ist so schön, dass sie ihrem Sohn vorlesen. Das sieht man nur noch selten.

