Erinnerungen an Alfons – Teil 2 (25.8.19-19.4.20)

aufgeschrieben am 19.4.2020

Wenn Rosen Tulpen sind

Gestern bei Alfons und beim Anblick der Blumen in seinem Garten, auf seinem Grab, erinnerte ich mich daran, dass sowohl Carl als auch Alfons wenige Dinge nicht auseinander halten konnten. Beide sagten zielsicher zur Tulpe Rose und zur Rose Tulpe. Alle Erklärungen, Beobachtungen und bildhaften Hilfen zum Trotz.

Carl verwechselt heute noch mit großer Zuverlässigkeit Sonnabend und Sonntag bzw. er hält den Sonnabend für den Sonntag. Benenne ich den Sonnabend aber als Samstag, geht es besser. Ich habe mich lange gefragt, an welcher Stelle des Nachahmens und Begreifens und Welterkennens es zu dieser Irritation kam. Bis mich vor kurzem ein Kollege fragte, ob ich mit Sonnabend den Samstag meine, weil der ihn sonst an den Sonntag erinnert. Da dachte ich, es bringt auch andere ins Schleudern.

Um die Sprache, das Sprechen, das Sichausdrückenkönnen, das Verstehen anderer ging es uns immer. Vielleicht kam es durch das viele Vorlesen und durch das miteinander Sprechen über den Tag und das Tun, über die Fragen und die Verletzungen, über Bedenkliches und Schönes, über Aufregendes… An anderer Stelle im Blog schrieb ich, wie Alfons und ich abends im Bett zeitlang ein Ritual hatten, bei dem er 10 blöde Dinge und 10 schöne Dinge vom Tag aufgezählt hat. Ich schlug ihm das vor, weil Alfons viele Abende vor lauter Sorge um Dinge und dem Nichtvergessenkönnen vom Schlimmen nicht einschlafen konnte.

Wir sprachen miteinander, obwohl in einem Teil der Familie das Miteinandersprechen als Laberei ausgelegt wurde. Der Austausch über das Innere wurde lächerlich gemacht, stattdessen das Reden über die Form, über das Außen kultiviert – die schönen Gardinen und der nächste Urlaub.

Aber ich sprach mit meinen Kindern über ihr Herzeleid, die kleinen Freuden und den Sonnenaufgang am Morgen und dass er mich auf den Tag freuen ließ. Die Kinder entwickelten beizeiten eigene Sprachen: Carl sagte lange garso und meinte damit sogar. Alfons wünschte sich zum Mittagessen Salange und meinte Lasagne. Wir lachten darüber. Beide sagten Mapa und Pama, als sie ganz klein waren. Obwohl Alfons erst mit drei Jahren begann zu sprechen, wusste und überprüfte ich, dass er alles verstand. Ich fühlte, wie er keine Lust hatte, zu sprechen, wei´ß aber bis heute nicht warum. Das Vorlesen und Sprechen und Ergründen der Welt führte dazu, dass beide Jungs in ganzen Sätzen sprachen und mit einer großen Vielfalt an Worten. Und auch schwierige Formulierungen nicht scheuten und schnell aufnahmen. Wie Alfons im Krankenhaus Frau Saribeyoglu schnell bei ihrem richtigen Namen ansprechen konnte und eine Folge der Chemo die Mukositis war. Es machte ihn wütend, wenn er mich das falsch aussprechen hörte und er hatte ja recht. Einige Freunde machten mich darauf aufmerksam, wie gut sich die KInder ausdrücken konnten und ich freute mich über die beiden. Und auch ich konnte immer wieder hören, in welchen Bildern sie dachten: Mama, du bist wie ein Ofen. Sagte Alfons am Wochenende, wenn er früh in mein Bett zum Kuscheln kam. Oder er nannte mich frech Qualle. Saß dabei auf meinem Schoß und stupste leicht mit dem Finger in meinen Busen. Verschmitzt lächelnd. Er fand mich zu dick und war doch verliebt in seine Mutter, wie alle Kinder in diesem Altr verliebt in die Mutter sind und sie heiraten wollen. Das sagte Alfons nie, nur: Ich gehe hier niemals weg. Und ich musste ihn oft auch bremsen, wenn er sich gar nicht mehr vor lauter Lachen und Schalk beruhigen konnte. So auch, als sie mit Papa befanden, ich sehe aus wie ein Würzfleisch. Vor einem Jahr tauchte ein kleines Video davon auf. Alfons stürmt in die Küche und freut sich, das Würzfleisch zu sehen. Ich konnte ihn nicht mit Frechdachs und Übermut tut selten gut bremsen, nur mit Strenge und indem ich ihm sagte, dass es mich verletzt. Das half, bis zum nächsten Mal. Wir lachten doch über uns. Und heute bereue ich, diesen dämlichen Spruch mit dem Übermut zu ihm gesagt zu haben.

Eine zeitlang liebte Alfons auch Witze, besonders die Ostfriesenwitze. Darüber lachte er sich schlapp. Aber ansonsten waren sie ihm zu umständlich. Viel lieber machte er einfach selbsterdachten Quatsch und brachte so alle zum Lachen. Das liebte und wollte er. Das bleibt bis heute von ihm. Das erzählen sich jetzt noch seine Freunde.

aufgeschrieben am 13.4.2020

Bleierne Zeit

Die Tage vergehen nicht. Sie ziehen sich lang dahin. Unter der Woche mit viel Arbeit unter schwierigen Bedingungen und am Wochenende mit Schmerzen in Kopf und Bauch und Seele, wenn ich dann bei Alfons am Küchentisch sitze. Unendlich lang, vertieft,weinend, mich nicht erheben kann, um etwas zu tun. Es ist Ostern. Meine Gedanken sind bei Alfons, im Damals, Und auch im Heute. Ich denke oft daran, was wir besprechen würden, höre seine Stimme und was er meint zu den Dingen. Aber am Ende bin es nur ich, die in mir spricht mit der Stimme meines Kindes. Es ist kein Trost. Es ist nur ein Bemerken, wie Alfons fehlt. Und von außen dringen Frohe-Ostern-Wünsche zu mir und erreichen mich nicht. Mein Ostern ist weder sonnig, noch froh, noch kann ich die Sonne genießen, wie mir manche empfehlen. Die Sonne sieht zwielichtig aus, unehrlich, sie ignoriert vollkommen unglückliche Menschenkinder wie mich und sie stört sich nicht daran, dass es Alfons nicht mehr gibt und viele Kinder nach ihm noch sterben werden, obwohl sie leben wollen. Der Sonne kann ich es nicht vorwerfen, aber den Menschen, die diese unsinnigen Tode übergehen und verdrängen und einem „Sonnige Grüße“ schicken, weil sie es gut meinen mit mir. Dabei beziehen sie sich gar nicht auf mich und mein Leid. Sondern ihnen selbst geht es besser, wenn sie glauben können, ich habe es überwunden. Vielleicht ist das normal. Ich will mich damit auch nicht beschäftigen. Nichts ist gut und nichts wird gut. Ein totes Kind bleibt ein totes Kind. Ich falle damit auch niemandem zur Last, sondern bin allein damit. Ich gehe dann zu Alfons. In seinen kleinen Garten. Pflanze und ordne und zünde Kerzen an. Sitze dort still und trinke meinen mitgebrachten Kaffee. Aber wenn ich mich nur einen Moment vom Tun ablenken lasse und ich begreife, dass es das Grab meines Kindes ist, stürzt alles in sich zusammen. Dann gehe ich in den Garten am Haus zurück und ackere und ackere und weiß nicht wozu. Ich sehe Alfons herumspringen. Er hatte keine große Muse zum Pflanzen und Pflegen. Er hatte anderes zu tun, zu basteln, auszuprobieren, Fußball spielen, Fahrrad fahren, Tischtennis… Im Hof spielte er mit Carl und Papa oft Fußball. Ein „Tor“ befand sich auf der Hofseite an der gelben Ziegelmauer, an der im Mai die Maiglöckchen blühen. Zu oft landete der Ball dort und die Blümchen wurden mit verbeulten Trieben groß. Auch im Frühjahr 2018 zürnte ich deshalb wieder und alle versprachen, sich vorzusehen. Aber dann kam mir der Gedanken: Anett, lass es. Irgendwann hört Alfons auf mit dem Fußballspiel, wird älter und dann kommen die Blumen zu ihrem Recht. Und ich sagte nichts mehr. Konnte ich wissen, dass das schon im nächsten Jahr nicht mehr so sein würde?

aufgeschrieben am 5.4.2020

3.4.2009 – 3.4.3020

Lieber Alfons,

du bist jetzt 11. Wie auch Carl liebe ich dich einfach so und immer noch. Unendlich. Du hast mich oft gefragt, ob ich dich auch „wirklich“ lieb habe – ja. Und das ist ganz unanhängig davon, was passiert ist und noch passieren wird. Ich wünsche mir, zu wissen, wie es dir geht. Das umtreibt mich. Dass es dir nicht gut geht und mir das aus der Hand genommen wurde, dafür zu sorgen, dass es dir gut geht. Dass du nicht nur in diesem Sarg liegst, in der kalten Erde. Anne sagt, die Wurzeln der Bäume sind bei dir, die kleinen Tiere, auf die du einst geachtet hast. Zumindest deckt dich jetzt eine Wiese zu und Freunde und Freundinnen kamen und stellten Blumen zu dir. Friedrich hat gesagt, die Sonnebrille ist cool, die ich dir zum Geburtstag geschenkt habe. Papa und ich waren bei dir, wenn wir auch sonst schweigen. Und mit Carl stoße ich jetzt gleich auf dich an. Weißt du, geliebter Mausepiep, ich kann mich nicht daran gewöhnen, dass du nicht mehr hier bist. Ich finde es nicht gerecht, weil du leben wolltest, mit 9 will man noch lange bei seinen Freunden sein und in die Schule gehen, Das waren deine Wünsche. Aber wer nicht so krank ist wie du, wünscht sich ein neues Fahrrad oder ein Auto. Aber nun, wo ein Virus viele Menschen bedroht und sie große Angst vor dem Sterben haben und nicht mehr auf die Straße sollen, da wünschen sich manche auch, bei ihren Freunden sein zu können. Und manche macht ihre Angst feindlich und ungerecht. Wir hätten darüber gesprochen und mit Malte hättest du per tablet gequatscht, auf dem roten Sofa liegend, eingekuschelt. Ich war auch im Garten und fange nach 2 Jahren an, alles irgendwie in Ordnung zu bringen, aber ich weine nur. Sehe dich im Sandkasten, auf der Liege, in Papas Büro, rumlaufend, rufend, sprechend… Ich höre deine Stimme… Ich denke, mein Kopf hält das nicht aus; ich will das nicht sein, die das betrifft. Ich will dieses Schicksal nicht annehmen, nicht tragen. Vor kurzem hast du noch neben mir gesessen, hier in der Küche, auf deinem Platz; hast gebastelt, etwas gegessen, bist auf meinen Schoß gekommen, wir haben gescherzt, uns gedrückt, ich gab dir einen Kuss und du mir einen nassen zurück, die ich nicht leiden konnte und du hast dich gefreut, mich bisschen geärgert zu haben. Nie mehr wird das sein. Warum sollte ich damit je meinen Frieden finden? Ich fahre jetzt zu Carl und wir trinken auf dich und essen deinen Lieblingskuchen, den Papageienkuchen. Und wir werden schweigen, weil die Worte nicht hinreichen zu dem, was wir fühlen. Deine Mama

aufgeschrieben am 1.4.2020

Solang mein Herz schlägt, ist darin dein Grab (Mascha Kaléko)

Nun habe ich eine Stunde an meinen Zeilen für und über Alfons geschrieben und eine unbedachte Handbewegung hat alles gelöscht. Mein Kopf ist voller Wut und meine Augen sehen vor lauter Tränen schon lange nichts mehr auf diesem Bildschirm und so kann ich mich an kaum etwas von dem gerade noch Geschriebenen und nun Verlorenen erinnern. Alfons wird 11, schrieb ich. Und ich fragte, was er sich wohl wünschen würde. Ich habe ihm eine verspiegelte Sonnenbrille gekauft, mit einem blauen Rahmen. Und ein Buch hätte er bekommen, aber es kostet mich zu viel Kraft, auszusuchen, was er wohl lesen würde. Er könnte jetzt lesen. Vielleicht wünschte er sich doch wieder einen Comic von Asterix und Obelix. Den letzten, den er sich gekauft hatte, im LOTTO-Laden der Charité, schafften wir nicht mehr zu lesen. Seine geliebten Bücher, seine Knete, seine Legos, seine großen und kleinen Basteleien umgeben mich und erzählen mir von einem Kind, dass ich furchtbar vermisse. Vorhin schrieb ich in den verlorenen Zeilen, dass das tägliche und oftmals stundenlange Weinen am Morgen und Abend abgelöst wurde durch Alpträume und Träume, durch Schreien und Weinen, das mich hochfahren und erschreckt denken lässt: Ist mein Alfons tot? Seit viele Wochen schon schlafe ich schlecht und habe oft Schlafparalysen. Jetzt weine ich nicht mehr am Anfang und am Ende des Tages, sondern einfach so. Urplötzlich. Unvermittelt. Im Gespräch. Auf Arbeit. Vor meinem PC. Im Auto. Ich fahre im Auto in einen Sonnenuntergang und sage mit zitternder Stimme, weil ich weiß, Alfons sitzt nicht mehr neben mir: Siehst du den wunderschönen Sonnenuntergang? oder Ist der nicht schön? Ich sage das und weine. Ich gratuliere Carl zu seinem 19. Geburtstag vor ein paar Tagen, sitze mit 1m Abstand neben ihm, zünde eine Kerze an und schneide seinen Lieblingskuchen auf und höre Alfons sagen: Mama, du machst immer nur was mit Carl! Ich hebe Geld ab und sehe Alfons‘ kleinen Hände nach dem Geld greifen, weil er es immer herausnehmen durfte als kleiner Junge, bis das Interesse daran nachließ. Ich gehe durch die hintere Eingangstür ins Haus, unter dem Vorbau lang und sehe an dem rechten Balken die Fingerabdrücke seiner schmutzigen Hände, die dort langwischten, als er in der Schaukel saß und sich festhielt oder abstieß. Jeder Tag ist voll mit Erinnerungen an Alfons. Und sie lassen mich weinen und mich traurig sein.

Gerade heute habe ich 20 Mundschutze aus Stoff abgeholt, für die Jugendlichen und die Mitarbeiter*innen im Bahnhof. Alfons mochte sie nicht und musste sie tragen. Oft bat er, sie abnehmen zu dürfen. Er schämte sich mit ihnen. Nun tragen wir sie, als wären sie eine neue Mode. All das erzähle ich Alfons in mir. Wir hätten auch über manches gelacht z.B. dass die Menschen Toilettenpapier hamstern. Wenn er sich hätte nicht mehr beruhigen können, würde ich ihn bitten, nicht gar so frech zu sein. Wir würden ernsthaft nachdenken, warum das passiert. Und Alfons verstand sehr viel von diesen Dingen. Er war selbst lebensbedrohlich erkrankt. Er wusste, was es bedeutet, nicht zu wissen, ob man wird leben können. Mama, ich will nicht sterbseln? Was fühlte er, als er es musste, obwohl ich ihm sagte, dass passiere nicht, nicht jetzt, nicht ihm, einem Kind. Ich war zu feige, dorthin zu denken und habe ihm keine Antworten für das Danach gegeben. Alfons hat nie gefragt. Was hat er nur mit sich ausgemacht? Warum habe ich ihn nicht wirklich getröstet?

Und nun wird er 11 und ist nicht mehr dabei. Er liegt in seinem Garten und ich stehe dort und denke. Denke, dass das nicht fassbar ist, nicht auszuhalten ist, ungeheuerlich ist, dass es nicht stimmt, ein Irrtum ist, ein furchbarer Traum. Dass das nicht mir passiert ist, denke ich. 

In der Welt ist ein Virus, unsichtbar. Corona. Und ihm folgt die Angst und der Angst folgt die Ausgrenzung.

Sichtbar sterben Menschen. Viel mehr als sonst. Es werden Vorbereitungen für das Behandeln und Sterben getroffen. Maßnahmen, um beides zu verhindern: Kontaktsperren, Abstandsregeln, Quarantäne, Einschränkungen, Hygiene, Desinfektion, Schulen und Kitas sind zu, auch Kinos, Tierparks und Schwimmbäder…

Carl weiß nicht, was mit seinem Abi wird, obgleich es stattfinden soll. Ich merke ihm an, dass er nach Alfons‘ Tod keine zweite große Krise bewältigen kann. Er isoliert sich zusätzlich. Er leidet darunter, dass er seine Klassenkamerad*innen nicht sieht, allein lernen soll, was ihm nicht gelingt, sich fragt, warum und wozu. Was passiert mit denen, die die Isolation nicht schaffen? Fällt es jemandem auf? Ein Kollege befürchtet, von den Jugendlichen, den Unvorsichtigen, gehe Gefahr aus, selbst infiziert zu werden.

Aber auch er kann die Jugendlichen infizieren. Warum denken wir, nur die anderen sind es? Kann der Bahnhof kontaminiert werden? Eine junge Frau darf ihre Kinder erst sehen, wenn sie einen Corona-Test bringt, der negativ ist. Aber einen Test bekommt man nicht einfach so und ihre Kinder, die nicht bei ihr leben, könnten sie doch auch anstecken? Was ist, wenn einer obdachlos ist und gar nicht in der Wohnung bleiben kann, weil er keine hat? Was, wenn einer Suchtdruck hat und den Kalten Entzug nicht schafft? Was, wenn die Krankenschwestern von der Staion 30i – in der Nachtschicht mit 3 Pfleger*innen auf 19 Kinder – nun auch noch alles desinfiziert halten müssen, damit die kranken Kinder nicht noch mehr erkranken? Da näht das Staatstheater Cottbus Mundschutze aus Stoff für das Thiem-Klinikum in Cottbus.

Wie viel Bestürzung und Angst und Sorge und Wut nimmt man auf und gibt es weiter? Wie klar bleibt man bei sich, bei all den Verschwörungstheorien, den wankelmütigen politischen Entscheidungen, dem Runterspielen und dem Überdrehen.

So lange ich im Bahnhof für jeden einzelnen jungen Menschen eine Lösung finden kann, werde ich das machen. Ich werde nicht ausgrenzen, nicht selektieren, nicht über das Morgen und das Worst Case nachdenken. Heute entscheide ich vor den bekannten Erkenntnissen, Zahlen und Empfehlung + mit meinem gesunden Menschenverstand für Heute. Was morgen kommt, weiß ich nicht, aber ich werde auch morgen entscheiden, wenn ich es kann.

aufgeschrieben am 22.3.2020

In Zeiten von Corona

Ich sah am Freitag noch Carl und wir haben uns nicht mehr fest umarmt wie sonst immer. Ich denke dabei an Alfons, den ich auch nicht mehr umarmen konnte und nicht küssen und nicht kuscheln, weil auch er nicht durch uns mit irgendetwas angesteckt werden sollte. Einmal fragte er mich auf der Station 30i, kurz vorm Rausgehen, Mama, können wir uns drücken? Und wir drückten uns lange, beide mit Mundschutz und im Kittel und mit Handschuhen an. Carl sagte mir vor ein paar Tagen schon, Alfons wusste was kommt und ist gegangen. So reden wir, um den Schmerz auszuhalten. Dann lief ich gestern bei Alfons im Garten gegen das Vogelfutterhäuschen und hörte in mir Alfons schadenfroh lachen und meinen dummen Spruch, er solle nicht so übermütig sein. Als ich die leeren Kerzenhüllen weggebracht hatte, hörte ich Alfons in mir sagen: Mama, bleib noch kurz. Und ich blieb und weinte voller Wut, auch auf Alex der meint, ich solle mal loslassen, nach vorn schauen. Und plötzlich war vor meinen Augen eine Meise, sie flog auf mich zu und drehte um. Unvermittelt. Sprachlos. So nah war ich keinem Vogel. Und ich dachte in mir, Alfons, bitte schicke die Vögel nicht auf so halsbrecherische Art zu mir. Ich will dir glauben, dass du bist, wenn du mir das zu zeigen versuchst. Aber ich kenne mich, ich bin so schlecht im glauben und warum sollte es mich beruhigen, wo ich weiter nicht weiß, wo mein Kind ist und an der Stelle stehe und mit dem Leben hadere, wo sein Körperchen vor mir vergraben liegt. Wer hält das aus zu denken? 

aufgeschrieben am 15.3.2020

Geburtstag mit Corona

Nun hatte sich der Elternabend von Alfons‘ Klasse dafür entschieden, dass ich zu Alfons‘ 11. Geburtstag einen Kuchen bringen und seine Geschichte vom Regenbogensteinbock Springinsfeldvorlesen könne, da entschied sich das Land für den Shutdown. Die Schulen und Kitas sind zu, Veranstaltungen werden abgesagt, Kontakte zu anderen soll man vermeiden. Alles stellt sich ein auf viele an Corona Erkrankte. Draußen ist es so still wie zu Weihnachten. Eine Freundin meinte, vielleicht erfahren jetzt manche wie es ist mit der Angst um ein Kind, um einen Alten, um einen Gebrechlichen und plötzlich müssen sich schlagartig ALLE mit dem Thema Krankheit und Einschnitte und Ausnahmezustand beschäftigen. Kein Verdrängen half. Und sie stellen fest, dass wir nicht alles in der Hand haben. Es ist eben nicht jeder seines Glückes Schmied.

Am 3.4.2020 werden wir dennoch für Alfons und mit Alfons im Herzen zusammen kommen. Vielleicht kommt Carl und wir essen gemeinsam ein Stück Mozarttorte von Uhlmann, wie einst 2017 (auf dem Foto ist Alfons beim Kuchenfuttern damals zu sehen)… Gestern haben Anne und ich gebastelt; ich malte mit ihren Acrylstiften zwei Kerzengläser für die Kinder. Alfons wäre begeistert gewesen von diesen Möglichkeiten, aber würde er überhaupt noch basteln? Mit 11 ist man mit seinen Freunden zusammen, lernt ein Instrument, macht Sport in einem Klub, liest zusammen Harry Potter – ich erinnere mich, dass es so bei Carl war und es schmerzt unendlich, dass das Alfons alles nicht erleben kann. 

aufgeschrieben am 7.3.2020

Bald haben Carl und Alfons Geburtstag

Carl wird 19 und meinte unlängst zu mir, dass er nicht feiern mag. Alfons wird 11. Was würde er sich wünschen? Würde er sich noch über einen „Blaumachtag“ mit mir freuen? Oder nach einem Handy fragen? Oder doch noch zufrieden mit einem Legobausatz sein? Was würde er mit seinen Freundinnen und Freunden unternehmen wollen? Carl bekam einmal in diesem Alter eine Tischtennisplatte geschenkt; sie steht noch im Hof und die Kinder spielten oft an ihr. Sie stand eine zeitlang, als Carl schon groß und Alfons noch zu klein war, verwaist im Hof, so wie jetzt schon seit anderthalb Jahren… Vielleicht würde sich Alfons kein Sportgerät wünschen, sondern ein Instrument? Pia lernt Cello, Alfons mochte das Instrument und das Spielen darauf gern. Meine Gedanken wandern um Alfons herum. Welche Kleidergröße hätte er jetzt? Die 152 noch oder schon die 158? Oben stehen sie bereit in den Kisten; Bekleidung von Carl und von Hannahs Kindern. Hätte er vielleicht neue Fußballschuhe gewollt?… Und Kerzen habe ich bestellt und überlegt, was ich mit Alfons‘ Freund*innen am 3.4.2020 unternehmen werde. Ich werde Fotos von ihnen und Alfons heraussuchen und ausdrucken und ihnen schenken. Und am Tag selbst am Grab viele Regenbogenluftballons aufhängen. Weil der 3.4. auch der Internationale „Finde den Regenbogen“-Tag ist. Gibt es solche Luftballons? Wie würde Alfons sowas finden? Albern? Oder würde er sehen, wie lieb ich ihn habe? So viele Fragen ohne Antworten und die Leere, die entsteht, wenn man etwas nicht beantworten kann, füllt sich mit einem qualvollen Schmerz. Dabei gibt es Erinnerungen, die sind wach und nah, wie diese hier: Auf dem Fensterbrett in der Küche fand ich heute die beiden Pilze auf dem Foto. Einmal ging ich mit Alfons für Carl Blumen zum Geburtstag kaufen. Rosen. Sie waren so schön und ich kaufte eine passende kleine Vase dazu und dann den linken Pilz. Alfons wurde beim Schauen und Kaufen immer trauriger und fragte, ob er auch solche schönen Sachen bekommen würde. Und ich sagte: Klar, in einer Woche, dann hast du Geburtstag.Aber er wurde nicht ruhiger und so bekam er zum Trost den rechten Pilz. Es gab keinen zweiten „Glückspilz“-Pilz. Nach dem Tod von Alfons bekommen diese Dinge eine Bedeutung, die ihnen nicht zustehen und die trotzdem meinen Kopf fluten: Hätte ein „Glückspilz“-Pilz Alfons Glück gebracht? Ich weiß um die Torheit des Gedankens und denke ich zurück, freute sich Alfons und war glücklich und eine Woche später bekam er auch rosa Rosen in einem wunderschönen Blumentopf.

Die Dinge überlebten Alfons und mit ihnen ihre Geschichten. Nur ich kann sie erzählen.

Wieder habe ich in der Klasse nachgefragt, ob ich einen Kuchen bringen kann und vielleicht die Geschichte von Alfons über den Regenbogensteinbock Springinsfeld vorlesen darf. Wieder ist es nicht so einfach. Frau Hinze muss die Elternversammlung befragen. Und sie fragt nach einem Treffen zwischen ihr und mir. Es wäre das erste Mal seit dem Tod von Alfons, dass wir sprechen. Ich habe nach all den Erfahrungen und Ereignissen Angst davor. Ich haben kaum Kraft, Angst wieder Ablehnung zu erfahren, mich vielleicht rechtfertigen zu müssen….

aufgeschrieben am 1.3.2020

Tod und Leben

Vor 10 Tagen starb die Freundin von Asia an Krebs. Vor zwei Tagen wurde der Sohn von Bekannten geboren und unendlich ist die Hoffnung, alles bleibt gut. Vorhin träumte ich, als ich mich etwas hingelegt hatte, das Haus sei voller Gäste, Freunde, herumtobender Kinder, Alfons unter ihnen. Ich habe ihn lachen gehört. Ich sah in mein Zimmer, auf der Erde viele Isomatten und Schlafsäcke, so voll war es nie, aber immer mal schlief jemand bei uns. Ich wollte ihn halten und umarmen, hörte aber nur seine Stimme als Kinderstimme unter den anderen. Ich sah mir später Fotos an, als wir mit Freunden 2015 in PARADA waren. Alfons teilweise zurückgezogen auf den Bildern, teilweise übermütig lachend. Momente des Glücks. Alles hätte ich mir für mein Leben vorstellen können, den Tod eines meiner Kinder niemals.

Ich fühle mich alt. Denke daran, wie Alfons am 28.5.18, an meinen 48 Geburtstag sitzend auf meinem Schoß, sagte: Mama, du bist keine 48, du bist wie 38. Und irgendwie fühlte ich mich auch so. Alfons war schon krank. Und ich habe pausenlos weitergemacht, Normalität hergestellt. Hätte ich mich nicht an den Rechner setzen sollen und lernen und recherchieren müssen? Über die Krankheit. Aber ich konnte es nicht. Alles was ich laß, waren Berichte aus der Hölle. Alex fand die hoffnungsvollen. Er erzählte mir davon und ich glaubte daran.

Nun fühle ich mich so alt, wie ich es bin. Bald wird Carl 19 und Alfons 11 und ich 50. Ich suche einen Sinn, fühle mich abgerissen, herausgerissen, schuldig. Die Einsamkeit ist nicht das Problem, aber das Schweigen so vieler und meine Verzweiflung über das Geschehene, was nicht zu begreifen ist und die Ermunterungen der anderen zu leben, die sich doch aber nicht vorstellen können, wie es Verwaisten geht. Das alles wächst in mir und füllt mich vollkommen aus. In jeder meiner Zellen ist Alfons‘ Leben, Leiden und Sterben angekommen und ich halte in aller Dunkelheit den Schmerz kaum aus.

aufgeschrieben am 24.2.2020

Ich skeptisch mit der Yogamatte bei Susan kurz vor den Übungen

Bei Susan und Andrea

Ich habe Susan besucht. Und sie hat es geschafft, dass ich doch ein paar Übungen Kundalini-Yoga mit ihr machte (ich hab wieder Kundalini-Joghurt gesagt – darüber hat sich Alfons immer kaputt gelacht und ich kann mir nicht erklären, warum ich diesen Wortverdreher so intus habe). Ich habe nicht gut durchgehalten, obwohl Susan so eine gute Anleiterin ist und mir behilflich war. Meine Beine taten weh und mir wurde schwindelig von Hin- und Herbewegen des Oberkörpers und Kopfes. Am schlimmsten überwältigte mich aber das Atmen: ich kann nicht mehr tief einatmen und die Luft auch kaum rauslassen. Wenn ich beginne, bewusst zu atmen, wird mir übel. Wenn ich tief atme, denke ich an Alfons‘ Brustkorb, der sich so wahnsinnige schnell hob und senkte, weil ihm das Atmen im Koma solche Mühen machte. Sie stellten später die Beatmung auf das Gerät um, damit wurde sein eigener, vegetativer Atemtrieb ersetzt. Menschen die lange so beatmet werden, müssen später nach dem Koma von einer Lungenmaschine künstlich beatmet werden und das Atmen wieder lernen. Als ich also beim Yoga bewusst atmete, schoss mir Alfons‘ Leid in den Kopf und ich konnte nichts mehr tun. Nur weinen. Ich möchte nicht amten, wenn er es nicht mehr kann. Es ist so widersinnig, Sport zu machen, wenn das Kind so gelitten hat und gestorben ist. Er hat so gekämpft. Und ich kann all den Krankengeschichten um verzogene Nackenpartien und Kopfschmerzen nicht mehr zuhören… Ich weiß, wie ungerecht ich bin…

Dabei haben Alfons und ich auch lustige Erinnerungen an meine sportlichen Bemühungen. Als ich im Sommer 2017 von der Kur kam, habe ich QiGong mitgebracht, mir eine Yogamatte und einen Gymnastikball gekauft. Auf dem rollte Alfons fortan umher. Auf der Matte versuchte ich es erfolglos mit dem Beckenbodentraining und meinen QiGong-Übungen. Alfons lachte. Machte mit und lachte weiter. Ich lachte auch. Wir standen beide in der Position des Bogenschützen und es sah einfach lustig aus. Ich hatte fortan keine Ruhe mehr und es fanden sich auch nicht die 15 Minuten am Tag, um ungestört diese Bewegungen auszuführen…

Ich las heute in meinem Tagebuch, welches ich während der Kur schrieb: Mama, genieße die Kur. So viel Luxus wie dort können wir dir nicht bieten. So sagte es Alfons zu mir am Telefon und auch, dass er mich vermisst. Immer wieder sagten Carl und Alfons am Telefon, sie vermissen mich. Und dann war Papa da und die Schwimmhalle und das Grillen und das Fußballspiel im Stadion in Cottbus und der Saurierpark in Kleinwelka. Und ich war weit weg und dachte über meine Leben nach. Wie eitel mir das heute erscheint, wie dumm, sinnlos, wie naiv, nichtsahnend, ichbezogen (nach vielen Jahren wagte ich es, ichbezogen zu sein) – nur ein Jahr später war Alfons schwer erkrankt. WARUM? Was nur lief falsch? Warum fuhr ich überhaupt zu dieser Kur und nahm mir 5 Wochen von Alfons und Carl frei?  Und jetzt beginne ich mit Yoga und QiGong? Wozu? Es fühlt sich so falsch an. Als wäre alles falsch gelaufen.

aufgeschrieben am 9.2.2020

Unser roter Drachen

Es windet. Alfons‘ Nachbarn sind eine Familie. Mutter, Vater, Oma, ein Junge um die 5 und ein Baby. Mutter und Oma ließen mit dem Jungen einen neonfarbenen, grünen Drachen steigen. Es erinnert mich an Lohme auf Rügen; da waren wir im Urlaub. Alfons war 7 Monate und Carl achteinhalb. Er kaufte sich von seinem Tante-Elke-Urlaubsgeld einen roten Drachen. Vorhin suchte ich ihn und konnte ihn im Flur, da hing er an der Garderobe, nicht mehr finden. Das versetzt mich in Unruhe. (Auch beunruhigt mich, ob ich nicht schon einmal über den Drachen geschrieben habe? Ich sammle alle Erinnerungen in einer Datei und beschreibe sie dann hier. Aber was, wenn ich den Überblick verliere? Erinnerungen vergesse? Dann heisst es, Alfons zu vergessen?) Wir gingen hier zu Hause nicht häufig Drachensteigen. Vielleicht zweidrei Mal auf die große Wiese vorm Haus. Dafür fast immer im Urlaub. Die Kinder nahmen ihn auch mit in die Schule. Alfons noch 2017… Als ich vorhin im Kamin Feuer machte, fand ich auf dem Sims ein Bild von Carl. Er malte es 2009 nach dem Urlaub in Lohme* und schenkte es seinem Papa zum Geburtstag. Auf dem Bild sein roter Drache. Ich erinnere mich auch daran, dass Alfons später eifersüchtig war, weil er nicht soooo schön malen konnte, dabei malte und bastelte er bald allen etwas vor und knetete einzigartig für sein Alter.

* Ich habe Carl das Foto von seinem Bild vorhin geschickt. Schrieb, dass ich mich um den Drachen sorge und ihn vermisse, Alfons vermisse, ihn vermisse. Und wie absurd das ist, ein paar Tage nach Thüringen, wo führende Politiker, Vorbilder, Lenker, Leiter sich mit Hilfe der neuen Nazis wählen lassen. Ich einen Jugendliche unterstütze, der von einem Erzieher geschlagen wurde, der aktiver Identitäterer ist. Was wird kommen und wie werde ich mich entscheiden?

aufgeschrieben am 1.2.2020

Von der Schwierigkeit einen Kuchen zu backen

Ich habe davon schon geschrieben, dass ich früher fast an jedem Wochenende mit den Kindern Kuchen buck: Papageienkuchen, Zupfkuchen oder einen Apfelblechkuchen mit Hefeboden. Wir waren nicht sehr einfallsreich – früher, vor allem als Carl klein war, gab es auch häufiger Schoko-Kirsch-Muffins – aber die Kuchen und Küchlein waren selbstgemacht und schmeckten uns. Das Problem dieser Dinge, die man oft tut, ist, dass man jeden Handgriff, jedes gefallene Wort, jeden Blick, jeden Ablauf, jedes besondere Erlebnis im Traum kann. Und so spielen sich in meinem Kopf unglaubliche Szenen ab und die Erinnerungen überwältigen mich, ich höre Alfons, ich verliere mich im Tun und denke, alles ist gut. Aber wenn ich aufblicke, um in Alfons‘ wartendes und freudig-erregtes Gesicht zu schauen, auf dass er endlich die Schüsseln zum Ausschleckern bekommt und ich ja genug drin lasse und nicht zu viel vom guten Teig auskratze, wenn ich aufblicke aus dieser Erinnerung, ist da niemand. Wie eine Wucht kommt die Ungeheuerlickeit in mich zurück, mein Körper verkrampft sich, Tränen überwältigen mich, ich bringe die Zutaten durcheinander; der Kuchen gelingt nur schwer. Ich blicke dabei auf mein Rezept. Ein alter Zettel, 20 Jahre alt, immer wollte ich ihn neu schreiben, die Schrift vergilbt und die Ecken fettig. Aber jetzt hänge ich an ihm. Carl kennt ihn, Alfons auch. Damit haben wir Zupfkuchen gebacken, zusammen. Wir nahmen ihn mit auf die Fahrradausflüge mit Schönes/Heiders in den Muskauer Park; wir nahmen ihn mit auf die Festung Königstein zu einem Ausflug mit dem kleinen Carl und der Maxi-Oma; es ist Carls Lieblingskuchen so wie Alfons‘ Lieblingskuchen der Papageienkuchen ist; ich buck ihn für Carls und Alfons‘ Klasse, für zig Kuchenbasare so wie ich Alfons‘ den Apfelblechkuchen am Montag  für seine Klasse mitgab, von dem wir nur 4 Stückchen am Sonntag geschafft hatten.

Das alles kehrt nie zurück und meine Arme hängen an mir herab, untätig. Ich kann es nicht verstehen, nicht begreifen, nicht annehmen. Ich will keinen Kuchen backen. Es ist nicht schön. Es macht nur Schmerzen. Aber gestern Abend sagte Carl, als ich ihm erzählte, ich backe für die Gedenkveranstaltung im Bahnhof ein Blech Zupfkuchen: Oh wie schön, für mich auch? Und dann buck ich heute noch einen runden Zupfkuchen, nur für Carl und gegen die Schmerzen an.

Seltsam, dass da ein Zettel bleibt und allen Schmerz und Tod überlebt.

Der Kinderrechen

Es gibt noch ein Ding, was überlebt hat. Als Carl klein war, kaufte ich ihm einen kleinen Besen, einen Laubrechen und eine Schippe. Die Schippe musste immer wieder erneuert werden, aber Besen und Rechen wanderten von Carl zu Alfons und es gibt sie heute noch. Sie sind also 18 Jahre alt. Mit dem kleinen Besen kehrte ich auch gern die Treppen zum Hof ab, er hat eine gute Größe. Der Rechen landete im Sandkasten, wie auch die Schippen. Alfons nutzte die Dinge im Sandkasten; er hatte nicht so viel Lust, damit im Garten zu helfen. Ein eigenes Beet wollte er nicht, im Gegensatz zu Carl, der mit mir pflanzte.

Heute hat der Rechen seine rote Farbe verloren, die Zinken sind teilweise verrostet und manche abgebrochen, der Stiel aus Holz ist spröde geworden. Er steht bei Alfons‘ im Garten, versteckt in der Hecke des Nachbargrabes. Ich reche damit Alfons‘ Grab, Blätter und die Früchte des Lebensbaumes, ab. Wieder passt der kleine Rechen gut auf das kleine Kindergrab. Ich weiß nicht, was Alfons dazu sagen würde, dass diese Dinge ihn überleben und so den Widrigkeiten des Daseins trotzen, Hitze und Kälte und Regen ausgesetzt sind. Wenn wir alte Bäume beobachteten, rechneten Alfons und ich oft, wie alt sie sind und was sie gesehen haben. Viele viele Menschenleben. Wenn eine Eiche 500 Jahre alt ist und damals die Menschen nur 40 wurden, nicht wie heute 80 und 90 und 100, dann sah die Eiche 20 Generationen. Wir stellten uns vor, wie zu der damals kleinen Eiche Kinder kamen und nicht ahnen konnten, ob die Eiche groß und alt werden würde. Und wir stellten uns vor, dass wir einmal nicht mehr sind und die alte Eiche noch wachsen würde. Wir sagten, sie überlebt uns. Sowas erzählte ich den Kindern. Unvorstellbare Dinge. Ich weiß nicht warum. Wenn ich heute eine alte Eiche sehe, die gefällt wird, spreche ich zu Alfons, dass ich wüsste, dass es uns ärgern würde, dass wir Mitleid mit dem Baum gehabt hätten und das Alfons traurig gesagt hätte, so wie er immer auf scchlimme Dinge reagiert hat: Warum tun das die Menschen. Ich weiß es nicht, Alfons. Sagte ich damals und sage es heute zu der Stimme von Alfons in mir.

aufgeschrieben am 25.1.2020

Die rote Gartenschere

Sie ist eine einfach Schere. Der Bügel, zum Zusammenhalten der Griffe, ist kaputt. Sie ist immer noch scharf. Nach vielen Jahren. Sie ist älter als Alfons. Sie steckt bei uns in der Küche, bei der Spüle, in einem Glas. Da ist auch noch eine blaue Gartenschere, die Alfons gehört, und da sind noch ausgewaschene Pinsel. Das Glas ist ein Wasserglas zum Tuschen. Schon immer steht das Glas dort. Ich nahm es, füllte Wasser hinein, wenn Alfons malen wollte. Dann legte ich die Scheren für eine kurze Zeit daneben,

Wenn Alfons selbst an die Schere wollte, musste er anfänglich, als er klein war, etwas an der Spüle hochspringen, sich oben halten und die Schere hervorangeln. Er nahm meine rote Gartenschere lieber als seine blaue. Sie schnitt und schneidet hervorragend. Manchmal brachte Alfons Schnittlauch herein, ab und an Rosen, wenn im Mai und Juni die weiße Kletterrose blühte, im Sommer dann Gartenblumen. Er schnitt generell sehr gern: Gartenarbeit bestand für Alfons aus dem Abschneiden vertrockneter Äste, alter Blumenstengel aus dem Vorjahr und dem Stutzen der nachwachsenden Essigbäume (mit einer Astschere)… Manchmal begann ich zu meckern, warum er die Blumen nicht draußen stehen ließ, aber das war ja Quatsch und ich freute mich fortan. Der Strauß ist von 2016. Es war Sommer. Der Hund rannte uns zwischen den Beinen umher und roch an dem Strauß; Alfons spielte danach mit Papa Tischtennis; unterbrach kurz zuvor das Spiel, flitzte in die Küche und dann mit der Schere in den Garten und brachte mir diesen schönen Strauß, über den ich mich so freute… Jetzt ist der Garten verwildert und die rote Schere schneidet tapfer die Stiele der weißen Lilien ab, die ich für Alfons hier auf den Küchentisch zu seinem Bild stelle, und die Stiele der Rosen, die ich zu Alfons ans Grab trage. Die Schere liegt in meiner Hand und ich denke, Alfons hat sie gehalten und benutzt. Ob von ihm noch etwas da dran ist?

 

Mittagsschlaf am Wochenende

In den Wintermonaten fällt auf das rote Sofa hier in der Wohnküche von 13 Uhr bis 14 Uhr Licht durch das Fenster. Direkt auf den Teil des Sofas, auf dem man mit dem Kopf lag. Am Wochenende machte ich dort manchmal Mittagsschlaf, Alfons und Carl oben in ihren Zimmern und ich unten auf dem Sofa. Ich genoss diesen ruhigen Moment, die Stille im Haus, von der es jetzt so aufdringlich viel gibt. Und ich mochte das schwache und doch klare Sonnenlicht auf meinem Gesicht. Ich konnte kurz ausruhen. Bald schon stürmte ein Kind herein und legte sich neben oder auf mich und wir lagen dann oft noch zusammen ein paar Minuten. Alfons lag gern auf mir und er wurde größer und schwerer und mein Schlüsselbein drückte mir, wenn er mit seinem Kopf da drauf lag. Er klagte nie. Er genoss es einfach, so nah mit mir zu sein und ich auch. Wir ruckelten uns zurecht, deckten uns zu, schlossen die Augen oder lasen ein Buch.

Obwohl alle Erinnerungen so lebendig sind, ist es ist kaum vorstellbar, dass es das gab und nun nicht mehr. Und das die Stille von damals, die so selten war und die ich genoss, sich nun mit Alfons‘ Tod verbindet. Die Stille kommt durch die Abwesenheit der Kinder. Und doch vermag ich sie nicht zu durchbrechen. Kein Fernsehen, keine Radio halte ich aus. Das sind Dinge, die zum Leben gehören. Sie fühlen sich falsch an, als würde ich damit etwas übergehen; so tun, als wäre alles normal und gut. Aber das ist es nicht.

Fasten

Mit 23 Jahren fastete ich das erste Mal. Das war 1993. Immer im Januar. 7 Tage lang. Später kamen noch 7 Tage im August hinzu. Ich fastete nach Dahlke. Trank nur Tee und Wasser. Es ging mir nicht ums Abnehmen, aber schön war der Nebeneffekt auch. Wenn man oft fastet und mein Körper stellte sich mental schon darauf ein, wenn ich nur begann daran zu denken und ich mir eine bestimmte Zeit vornahm, wenn man also oft fastet, nimmt man nicht mehr rasend schnell und viel ab. Dann entschlackt der Körper und der Kopf und die Seele. Ganz am Anfang nahm ich Urlaub und räumte meinen Kühlschrank leer. Als ich Carl und Alfons hatte, ging ich weiter arbeiten, während ich fastete, und schmierte früh die Schulbrote. Nie hätte ich den kostbaren Urlaub für´s Fasten hergegeben. Es gab Zeiten, da war das Fasten das einzige was ich wirklich nur für mich tat. Das sagte ich auch den Kindern – ich mache etwas nur für mich, ohne viel Aufwand, ohne weg sein zu müssen, in mir drin, nicht einsehbar und bestreitbar. Ich weiß, dass es mir in diesen Zeiten nicht gut ging, weil ich mich in mein Inneres zurückzog. Für die Kinder war es irgendwann normal, dass es diese Fastenzeiten gab. Einmal aber passierte etwas Ungeplantes: Alfons und ich fuhren während des Fastens ins Kino. Wir holten die Karten und Popcorn und Sprite. Wie immer. Und als der Film begann, aß auch ich wie immer etwas Popcorn und trank Sprite. Ich glaube Alfons sagte zu mir, neben mir sitzend, dass ich doch faste, oder Mama? Vielleicht schoß mir die Erkenntnis auch selbst in den Kopf. Ich dachte, jetzt kollabiert mein Körper. Ich hatte schon 5 Tage nichts mehr gegessen und für’s Fastenbrechen nahm ich mir sonst Zeit und alle Speisen waren wohlüberlegt. Und nun Popcorn! Aber es passierte nichts. Wir fuhren nach Hause und ich machte weiter, als wäre nichts geschehen. Vielleicht war für den Körper die Ausnahme ersichtlich.

Ich denke oft an diese Geschichte. Wenn ich an Manja denke, die Fastenkurse leitet. Wenn ich in Spremberg am Kino vorbeifahre.

Wir sahen dort im März 2018 zu zweit noch einen Hasenfilm. Da war es das normalste der Welt ins Kino zu gehen. Und im Juli 2018, da sahen Alfons und ich einen Film, da war er krank. Kurz vor Berlin. Im Februar waren wir noch zu einem Film im Weltspiegel in Cottbus.

Alfons aß immer Tacos mit Käse und Soße…

aufgeschrieben am 18.1.2020

Bodenlose Traurigkeit

Wenn ich zu Alfons in seinen Garten gehe, an sein Grab, laufe ich ein Stück des Weges unserer Feuerwehrrunde und des Spazierwegs hinunter zur Neiße. Mir krampft sich alles zusammen. Auf die erste Runde, wir gingen meistens zu dritt, viert und fast immer mit Donner, nahm Alfons häufig sein kleines elektrisches Rennauto mit. Papa hatte es ihm irgendwann einmal zwischendurch gekauft. Es stand in der Küche, am Fenster, wo unser Elektrokram lag, und lud auf. Für den nächsten Gang. Manchmal nahm Alfons auch einen Fußball mit. Der war immer dabei, wenn wir zur Neiße gingen. Alfons spielte mit Papa, bergrunter, auf der Jagd nach dem Ball. Alfons war sehr gelenkig und erhaschte ihn fast immer, bevor er im Brennesselgestrüpp landete. Auf der Feuerwehrrunde mussten wir uns durch hungrige Waldameisen durchbeißen, an lauten Hunden vorbei, die Donner anzogen und wild machten, durch Pfützen hindurch, über den staubigen Platz an den Glassammelcontainern und der SeniorenWG vorbei, auf der Straße mit den für Köbeln zu schnellen Autos entlang. Selten kamen uns andere Spazeirgänger entgegen. Diese Runde kannten wir alle im Traum und jetzt kann ich sie nicht mehr gehen und schon beim ersten Stück bekomme ich Atemnot. Ich sehe Alfons jedes Mal davon- oder hinterherspurten. Immer beschäftigt. Immer wach. Heute fahren seine Freunde, wenn sie hier sind, mit Alfons‘ Rad und Roller die Feuerwehrrunde. Sie sagen und tun es, als wäre Alfons dabei.

Wenn ich mir früh einen Kaffee in der Bodumkanne mache, höre ich Alfons als kleinen Jungen sagen: Darf ich runterdrücken?

Wenn die Tür knarrt, erinnert es mich daran, wie Alfons sich manchmal ins Haus eingeschlichen hat, um mich zu überraschen. Ich hab mich dann immer gefreut, ihn entdeckt zu haben. Ich denke heute, ob ich ihn zu wenig gedrückt habe. Ich weiß, ich habe ihn immer gedrückt und ihm gesagt, dass ich ihn lieb habe und ihn mag, aber jetzt habe ich es so lange nicht getan und mein Körper schmerzt davon.

Wenn ich zu Weihnachten das Marzipanbrot in feine Scheiben schnitt, dachte ich an Alfons, als er Weihnachten 2017 sein letztes schnitt. Ich zeigte es ihm, damit er nicht alles sofort auf aß. Er schnitt es auf der Arbeitsfläche in der Küche und lief dann immer zwischen dem roten Sofa und der Arbeitsfläche hin und her, um sich ein Scheibchen Marzipan zu holen.

Wenn das Telefon klingelt hier zu Hause, was nur fast nicht mehr passiert seit Alfons‘ Tod, erinnert es mich an folgendes Bild: Wenn ein Anruf kam, sprang Alfons auf die Arbeitsfläche vorm Fenster, um an das Telefon auf der nächst höheren Arbeitsfläche zu gelangen. Er war klein und es stand ganz hinten und er kam nur mit ausgestrecktem Arm nicht heran. Erst nach seinem Tod habe ich es vorgeräumt. Mit wie viel Unsinnigkeiten man lebt. Ans Telefon ging Alfons mit „Quint“ und manche am anderen Ende des Telefons sprachen dann einfach los und Alfons erklärte dann, wer er ist und das er Papa holen würde. Das Telefon legte ich ihm auch hin, wenn ich Carl oben am Lindenhof vom Bus holte. Alfons hatte oft Angst. Manchmal kam er mit, manchmal blieb er. Wenn er blieb, telefonierten wir zwischendurch. Er saß vorm Fernseher, um sich abzulenken, ging ans Telefon und sagte: Wann kommst du Mama? Und ich sagte, wo ich bin. Langsam wich die Angst. Er wurde größer und bewältigte diese Dinge viel leichter.

Dabei waren sie alle nur eine klitzekleine Prüfung für das was kam. Eine lebensbedrohliche Krankheit und damit die Angst vorm Tod – Mama, ich will nicht sterbseln! – und unser Entsetzen und der Ausnahmezustand in allem von jetzt auf gleich. Und Tränen in der Nacht und am Tag der Mut der aus der Hoffnung kam, Alfons überlebt das.

Aber so war es nicht.

Ich lese ab und an in dem Buch, welches Anne, die auch ihren Sohn Teddy verlor, mir schenkte. Dort schreibt ein Pfarrer über den Verlust. Er schreibt auch viel über die, die bei einem sind und neben einem bleiben, obwohl nichts zu trösten ist. So sollte es sein und so ist nicht. Ich lerne einsam zu sein. So einsam wie Alfons gleich hinter unserem Haus in seinem Garten liegt. So einsam wie Carl manchmal bei seiner Musik ist…

Carl heute im Faulen August in Cottbus und was ich mit ihm und anderen teile

Carl und sein Kollektiv Kraftwerk Sonne legen heute im Rahmen der 4. Living Room Gallery auf. Sie haben dafür lange an der Deko gebaut, an der Musik gearbeitet; Carl macht gerade sein Vorabi und ist zusätzlich krank. Und kann oft einfach nicht mehr, weil Alfons in ihm ist und weiterlebt und man sich einsam fühlt ohne ihn.

Ich versuche Carl zu trösten und erzähle ihm dann kleine Geschichten von „Carl und Alfons“, die zeigen, wie nah sie sich als Brüder waren, auch wenn es ihnen die Pubertät und das Kleinkindalter nicht leicht gemacht haben. Manchmal – nur sehr selten, um Carl nicht zu verstören – teile ich mit ihm meine Einsamkeit: Lieber Carl, wie geht es dir heute? Konntest du dich bisschen erholen (beim Schlafen, beim Dekobauen ;-)? Ich denke, wann immer es geht, an dich und Alfons. Gestern habe ich mir solche Vorwürfe gemacht, dass ich mit der Krankheit von Alfons nicht komplett aufgehört habe zu arbeiten. Ich habe immer zu Alfons gesagt, die Krankheit kann nicht alles verändern und das komplette Leben zerstören, aber für ihn war doch auch alles komplett weg: keine Schule mehr, die Freunde nur noch selten. Ich hab in dem Moment nur an mich gedacht. Manchmal rief er mich an: Mama, wann kommst du nach Hause? Ich hab Angst, seine Stimme zu vergessen. Ich weiß nicht mehr, wie er gerochen hat. In der Nacht plagen mich Alpträume. Aber ich sah Alfons, mit einer Handgeste, die ich schon vergessen hatte und das war schön, dass der Traum sie mir zurück brachte. Ich liebe euch. Und am Sonnabend sehe ich dich inmitten deiner Musik und dann wird es mir ein wenig besser gehen…

Oder ich teile mit anderen meine Gedanken… Naja, wir haben Kaffee getrunken, das Gesicht in die Sonne gehalten, bisschen was gesprochen (Carl konnte kaum, weil seine Nase so zu ist) und ansonsten geschwiegen. Alfons wäre schon dreimal unruhig geworden oder gelangweilt gewesen oder aber sie hätten sich über die Lieblingslehrer unterhalten. Alfons mit Kakao und Keksen… Nun sitze ich schon wieder stundenlang in der Küche bei Alfons. Höre der Spülmaschine und dem Kühlschrank zu. Die Geräusche sind wie damals. Nun sind mehr Kerzen hier und um diese Zeit schlief Alfons ohnehin und Carl kam runter und futterte Cornflakes und wir redeten bisschen. Es ist so unvorstellbar ohne Alfons. Noch immer kann ich es nicht glauben, nicht verstehen, nicht akzeptieren. Ich weiß, er ist tot. Aber es ergibt keinen Sinn. Es haut mir jeden Tag die Beine weg. Jeden früh beim Erwachen: mein Kind ist tot!

Oder…

Ich möchte hoch zu Alfons gehen und mich zu ihm ins Bett kuscheln. Wenn ich früher alles gesungen, vorgelesen, getröstet, besprochen hatte und das Licht aus war und wir kuschelten und Alfons sagte: Mama, bleibst du noch kurz? Da sagte ich oft ja und liebte es, mich an ihn zu schmiegen, um für ein paar Minuten vollkommene Ruhe und so einen inneren Frieden zu verspüren. Er füllte mich ganz aus. So lag ich auch bei Carl. Wartete, bis sie schliefen. Ruhte selbst. Um dann noch mal aufzustehen und den nächsten Tag vorzubereiten… Ich weiß nicht mehr, wie Alfons roch. Er war so weich, die Haare so glatt. Ich habe nicht begriffen, dass es zu Ende geht. Im Bett, beim Schlafengehen dachten wir nie daran. Dabei hatte er oft Sorgen, die er abends im Bett mit mir besprach, aber niemals die Krankheit und seine Angst vorm Tod.

Ich bin dankbar, dass ich das erleben durfte…

 
Carl hat am 10.9.18 ein letztes Mal geknetet. In der Charité. Ein Herz für Carl. Er wollte es ihm selbst geben, aber wagte es nicht. Ich gab es Carl nach dem 25.9.. An dem Tag wurde Alfons ins Koma gelegt.

aufgeschrieben am 12.1.2020

Eine Spur zu Alfons

Ich habe gestern mein Auto gesaugt. Und plötzlich, kurz vor dem Aufsaugen, rettete ich einen Legomann. Die Erinnerung durchflutete mich: ich weiß noch, wie er Alfons runter fiel und wir ihn nicht mehr fanden. (Wie ich hoffte, Alfons würde nicht darauf bestehen, dass ich nun alles einmal umkrempeln müsse. Und wie sich Alfons tatsächlich schnell beruhigte.) Auch beim späteren Saugen ging er nicht verloren und kam auch nicht zum Vorschein. Gestern aber doch. Da sind noch Spuren von Alfons dran. Er hatte ihn zuletzt in der Hand, als er dahinaus in die Tiefen des Autos fiel. Als sei es vorgestern passiert. Dabei war es im Frühjahr 2018.

Pulmotin

Am Freitag rief mich Carl an, sehr verrotzt und krank. Er fragte, was man neben Ingwertee noch machen könne, damit das wieder weggehe. Ich erzählte ihm, dass ich ihnen als Kinder in eine mittlere Schüssel einen Klecks Pulmotin gab, heißes Wasser darauf, Kopf drüber, Handtuch darüber und tief inhalieren. Da kehrten alle Erinnerungen in ihn zurück. Wie ich nach dem Baden auf Rücken und Brust den Kindern das Pulmotin verrieb. Wie sie es rochen und ihre Nasen etwas frei bekamen.

Als Alfons die beginnende Lungenentzündung merkte, in der Charité, ohne Schmerzen zu haben (aber er griff sich häufig an die Brust und an den oberen Schulterbereich und ich sagte zu ihm, Sag es der Ärztin, aber er sagte, wenn sie nachfragte, wie es ihm gehe: Geht so. Und dann sagte ich, dass er dort Schmerzen zu haben scheint. Aber die Brust war frei beim Abhören. Aber Alfons fasst sich weiter dorthin.)… Also als Alfons die beginnende Lungenentzündung merkte, ohne zu wissen was es ist, sagte er zu mir: Mama, bring mir von zu Hause die grüne Tube mit. Die aus dem Bad im Schub, die wir immer genommen haben, wenn wir Husten hatten. Ich sagte: Ja. Und vergaß sie dann doch. Und er war geduldig und sagte den Tag darauf: Nicht so schlimm. Dabei spürte er intuitiv, was war, wo noch keiner was abgehört hatte. Und ich erfüllt ihm diesen Wunsch nicht. Wo er doch in Gedanken zu Hause war und Erinnerungen an sein zu Hause hatte. Wie furchtbar muss es sein, zu ahnen, nicht zurück zu können. Ahnte er es?

Am 4.5.2018, als wir nach dem Besuch bei seiner Kinderärztin Frau Schartel und dem Zusammenbruch von Alfons dort zu Hause die Sachen holten, um ins Krankenhaus nach Weißwasser zu fahren, sagte Alfons, auf seinem Stuhl am Tisch sitznd, halb auf den Tisch gelehnt, schwach, nachdenklich, traurig und klar: Ich komme nie wieder hierher zurück. Ich war entsetzt: Alfons, wie kommst du darauf. Und als wir drei Wochen später zu Pfingsten aus dem CTK beurlaubt wurden (für drei Tage), sagte ich zu Alfons: Sieht du, wir sind zu Hause. Heute empfinde ich das und mich unsäglich dumm. Warum habe ich nicht realisiert, wie wirklich schlimm es um Alfons steht. Aber ich wusste es nicht. Ich glaubte tatsächlich daran, dass wir es schaffen. Wir haben so viel geschafft. Kein Geld im Haus, viel Arbeit, wenig Urlaub, Sorgen… und immer hielt ich die Fäden in der Hand und war mit meinen Kindern, war bei ihnen, immer an ihrer Seite. Sie vertrauten mir. Aber ich konnte Alfons nicht retten. Warum er? Warum nicht ich?

aufgeschrieben am 5.1.2020

Im Zentrum meines Seins die Gefühle von Sinnlosigkeit, Verzweiflung und Einsamkeit. So beschrieb es Markus, ein langjähriger Freund, mit dem ich immer wieder Kontakt habe. Er fasste etwas zusammen, was mir in dieser Klarheit gar nicht bewusst war. Dabei sind diese Gefühle weit wie das Meer und ausfüllend wie die Luft, die uns umgibt. Alles in mir. Er sagte auch, das diese meine Wirkung auf ihn Angst bei ihm auslöst. Angst um mich. Aber auch die Dankbarkeit, diese Gefühle kennenlernen zu dürfen. Weil ich sie teile.

Nun denke ich selbst schon einige Tage darüber nach. Dass ich mich ernst genommen fühle durch seine Worte. Dass es nicht die fröhlichen und gesunden Neujahsgrüße sind, weil mein Kopf und Körper und mein Herz außerhalb der Zeit lebt. Alle Tage fühlen sich gleich an. Ich habe zu tun mit dem Schmerz in mir und mit der Sehnsucht nach Alfons und das bringt die Frage nach dem Sinn hervor, die Ohnmacht von Verzweiflung und die Feststellung, einsam zu sein.

Ich verstehe, dass das für alle um mich herum schwer auszuhalten ist. Mich so zu erleben. Ich spüre es auch daran, dass noch zweidrei Menschen mit mir im engen Kontakt sein können; viele nicht mehr. Ich beweine Alfons und das Verschwinden von Freunden und Freundinnen aus meinem Leben, aber ich schaffe es nicht – so sehr wie ich es auch will und mir erhoffe – die Fäden zu halten. Ich dachte, es ist so einfach: wir kommen zusammen und sprechen über Alfons. Dass ist das, was mir hilft. Aber es ist wohl das Schwerste überhaupt, immer wieder ein totes Kind auferstehen zu lassen.

Dass Carl ähnlich empfindet und in seiner Schule eine einzige Schweigeminute für Alfons weiter vermissen muss, hat in mir wachgerufen, was ich erledigen wollte: der Schule, der Gesellschaft, den Mitmenschen sagen, was wir brauchen, aber was auch sie brauchen – nicht nur Reden von der Menschwerdung, sondern den Kindern, den Freunden von Alfons eine Brücke dahin bauen, zum Menschwerden, zum Mitfühlen, zum das-Leben-nehmen-mitsamt-des-Todes-eines-Kindes und den Klassenraum zu einem hellen Raum mit Erinnerungen an den lebensfrohen Alfons gestalten.

Das rote Bild ist aus der Zeit der Klinikaufenthalte von Alfons im CTK und in der Charité. Alfons hatte sich Rotsehtage, später auch Schwarzsehtage für die Tage mit viel Schmerz und Leid ausgedacht. Ich fotografierte die Schranktür in seinem CTK-Zimmer. Sie bleiben mir als Sinnbild für das was war und ist.

aufgeschrieben am 1.1.2020

Silvester

Silvester hatten wir manchmal Besuch oder manchmal waren wir zu Besuch. 2016 und 2017 waren wir in Familie, 2017 schon ohne Carl, der in Cottbus feierte und dem wir einen Kartoffelsalat für seine Party brachten. Danach spazierten wir zu dritt durch den Branitzer Park. Bei frühlingshaften Temperaturen. Alfons mit langwachsenden Haaren, sprang er auf den Löwen vor dem Gewächshaus herum, sang und improvisierte etwas, Alex nahm es auf. Unter den Videos von und über Alfons ist es zu finden. 2017 machten wir Raclette, spielten Mensch-ärgere-dich-nicht und Alfons wollte immer mal wieder raus zum Knallen und Wunderkerzenanzünden. Er tanzte zu seiner Diskokugelmusik. Ich weiß, wie ich Schwierigkeiten hatte, so lange aufzubleiben. In einem ganz anderen Zusammenhang – an meinem 48. Geburtstag am 28.5.18, am Frühstückstisch, kurz vor der Abfahrt zur Typisierung ins CTK – erklärte mir Alfons, auf meinem Schoß sitzend und voller Hingabe: Mama, du bist keine 48, du bist wie 38! Wir lachten. Er meinte es ernst. Und ich fühlte mich tatsächlich nicht sooo alt wie man eben ist mit 48. Aber manchmal war ich einfach nur 48. Müde, ausgelaugt. 2018 im Ausnahmezustand.

Gestern holte ich die Kiste aus dem Küchenschrank, in der ich mit den Jungs die restlichen Knaller von Silvester verwahrte. Ich fand in der Kiste Luftschlangen, etwas Dekoration für die Kindergeburtstagstafeln, Knaller, Wunderkerzen, große und kleine, Kreisel, auch Wasserbombenballons und normale Luftballons. Vor mir sah ich Alfons. Dort knien vor dem Küchenschrank, kramen, ausräumen, einräumen, sortieren, aufheben für später. Es kam kein später. Die Wunderkerzen bleiben für immer, als käme noch ein Kind, um sein Herz daran zu erfreuen.

Als Alfons klein war, schnitt er einmal aus Werbeprospekten alle Feuerwerksbilder aus und ich heftete sie mit einem Aktendulli zusammen. In jedem Jahr freute er sich auf den 29./30.12., wenn der Verkauf der Böller gestartet wurde und wir uns Wunderkerzen, Lichtkreisel und Fontänen holten. Ein paar.

Gestern zündete nun ich für Alfons Wunderkerzen an.

Silvester 2016

Silvester 2017

Silvester 2019

Am 1.1. eines jeden Jahres…

Am Neujahrstag hatten wir verschiedene Rituale: Ausschlafen, Böllerdreck wegräumen, Omas besuchen, mit Kathrin, Volker und den Kindern (da war Alfons noch sehr klein) mit Sektflasche im Muskauer Faltenbogen wandern gehen (früher feierten wir oft Silvester mit selbstgemachter Pizza in der Schillerstraße, in Köbeln oder in der Schmelzstraße zusammen), von Köbeln bis nach Muskau in den Park spazieren, im „Kaffee König“ ein Stück Frankfurter Kranz (Carl) und einmal Vanilleeis mit heißen, sauren Kirschen (Alfons) essen…

aufgeschrieben am 29.1.2019

Zwischen den Jahren…

…war es still. Die Tage vergingen in einem Gleichklang aus Aufstehen, Frühstücken, in der Wohnung aufräumen, Spielen, Basteln, Spazierengehen, Lesen, Essen, Fernsehgucken, abends Siedler von Catan spielen, im Bett kuscheln und lesen. In dieser Zeit entstand 2016 auch Alfons‘ Geschichte vom Regenbogensteinbock Springinsfeld, die er mir diktierte, an einem dieser ruhigen Abenden. Nur der Schnee fehlte in den letzten Jahren, so waren die Geräusche draußen nicht ganz verstummt. Ich erzählte den Kinder davon, wie es dann ist, ganz still, alles wie in Watte gepackt. Ich genoss diese Zeit, sie war mit 14 Tagen so lang wie ein Urlaub und von Jahr zu Jahr und mit älter werdenden Kindern konnte ich mich in diesen Tagen auch etwas erholen, auch wenn ich meistens vom 27.-29.12. arbeiten ging. Alex fuhr dann mit den Jungs irgendwohin, 2017 ins Riesengebirge. Die Erklimmung des Berges bei Schneesturm war beschwerlich. Aber Alfons war seinem Papa dankbar, es gemeinsam geschafft zu haben. Er war glücklich, es geschafft zu haben und vergaß auf dem Rückweg all die Mühseligkeiten. Er konnte lachen. Wie später im Krankenhaus, wenn eine Etappe wieder absolviert war. Alex erzählte Alfons in der Krankhauszeit oft von dieser gemeinsamen Bergbesteigung. Ich denke, Alfons wusste, dass er leben wollte und er kämpfte. Pia sagte, er ist ein Held. Wer will schon mit 9 Jahren sterben. Wie furchtbar muss dieser Moment für Alfons gewesen sein, zu merken, zu verstehen, zu fühlen – ich schaffe es nicht, ich muss sterben, ich sehe Carl, Mama und Papa nie wieder und keinen meiner Freunde.

Am 24.12. in den dunklen Morgenstunden träumte ich einen langen Traum und träumte dies am Ende: ...und ich drehte mich um und kniete mich vor Alfons und schrie: Was ist, wenn du sterben musst? Er sah so traurig vor sich hin. Sein Blick ging an mir vorbei. Ich war voller Schmerz. Ich schrie und schrie es immer wieder, laut und wachte davon auf… So saß ich am 24.12. und weinte und konnte mich stundenlang nicht beruhigen, weil ich immer aufs Neue verstehen soll, dass mein Kind tot ist.

Kurz vor Weihnachten

Ich werde morgen für Alfons sein Weihnachtsgeschenk basteln. Ich habe Vögel, Fische und Herzen getöpfert. Sie werden an einem Band aufgereiht sein und an den Lebensbäumen in seinem Garten hängen. Vielen Menschen in meinem Umfeld habe ich in diesem Jahr ein getöpfertes Herz geschenkt. Knallrot. Alfons und ich, wir mochten die Farbe.

Seit Tagen sehe ich Weihnachten auf mich zukommen. Denke fast ununterbrochen daran, was ich jetzt mit Carl und Alfons tat, was in Familie, wann ich arbeiten war. Wie in diesem Jahr auch, nur dass ich jetzt auch am 24.12. im Bahnhof bin. Dort mögen viele der Jugendlichen keinen Baum und keine Deko und viele haben nie Gans oder Ente gegessen. Viele sind beschämt, wenn wir ihnen ein Weihnachtsgeschenk übergeben. Warum schämen sich nicht die, die ihren Kindern nichts schenkten und schenken? Alfons und Carl bekamen je ein Geschenk. Niemals verlangten sie nach mehr. Selten lag ich falsch mit meiner Geschenkidee. Nur in diesem Jahr bekommt Carl einen kleinen Bücherberg und noch ein Bild und noch Hausschuhe, weil ich kein Gefühl mehr dafür habe, was angemessen ist.

Einmal bekamen wir von Julia Geduldsfäden. Carl, Alex, Alfons und ich. Unlängst fand ich Alex´ seinen, zerschlissen. Wo ist meiner und der von Carl? Alfons zerschnitt seinen unmittelbar. Sehr resolut. Danach sagte er zu mir: Ich bin so ein Dummmkopf, warum habe ich ihn zerschnitten? Warum habe ich ihn mir nicht aufgehoben? Ich tröstete ihn und sagte: Alfons, alles ist gut. So bist du. Ohne Geduld. Das ist richtig so. Ich habe dich lieb, so wie du bist. Nimm meinen Faden. Er sagte nichts und nahm meinen Faden an. Heute weiß ich nicht, wo seinmein Faden ist. Und ich weiß, es tröstete ihn kein bisschen. Es machte ihn eher noch wütender. Alle nachfolgenden Beruhigungs- und Ablenkversuche, wie so oft in solch unüberschaubaren und vielschichtigen Situationen, endeten in Wut und einem: Lass es!

Ich hörte mich unlängt Lass das sagen und erschrak, weil ich sofort an Alfons dachte. Und als ich mich vor kurzem mit einer Blasenentzündung herumschlug, über die ich nicht sprechen und mit der ich demzufolge anfänglich auch nicht zum Arzt gehen konnte, weil sie mich so sehr an Alfons und sein Weinen in der Charité erinnerte, als er 14 Tage mit solcher Erkrankung kämpfte, da fragte mich einer: Wie geht es dir? Und ich sagte: Geht so! Und da erschrak ich abermals heftig, sagte das doch Alfons, wenn die Ärzte an der Charité und dem CTK ihn nach seinem Befinden fragten. Egal wie schlecht es ihm ging, sagte er dann: Geht so! Ich bat ihn inbrünstig: Sag bitte, wie es dir wirklich geht. Erst heute sehe ich, dass ich ihm das vorgelebt habe. Wie sollte er es besser können und wissen, wenn ich auch durchgehalten habe. Und er klagte nicht…

Zwischen den Jahren saßen und lasen wir, kuschelten, schauten Vater hoch vier oder Cyber Gold oder das Sonntagsmärchen auf Kika, malten, bastelten, spazierten. Am 24.12. nachmittags – nachdem wir vormittags den Baum* hereingeholt und ich ihn mit den Kindern geschmückt hatte, während Alex die Ente von Rosi machte – spazierten wir also immer auf den Lisberg oder eine Feuerwehrrunde. Immer auf der Suche nach dem Weihnachtsmann, der in dieser Zeit zu uns kam und die Geschenke unter den Baum legte. Immer mit einem unruhig-hüpfenden, freudig-erregten Kind** an der Hand. Einmal, als wir entlag des Lisbergs wanderten, legte ich unbemerkt kleine Minischokoweihnachtsmäner aus. Alfons freute sich unendlich: Der Weihnachtsmann war hier!

Gestern bekam ich welche in der Gaststätte geschenkt. Wie glücklich war ich, mein Kind so glücklich zu sehen. Wie leicht war es, meine Kinder froh zu machen.

 

* Über unsere Weihnachtsbäume gibt es viele gesonderte Geschichten.

** Bei Carl kam der Weihnachtsmann namens Holger und Andy. Bei Alfons hießt der Weihnachtsmann Carl, einmal, später legte Carl die Geschenke unter den Baum, während wir spazieren gingen. Zuletzt am 24.12.17. Alfons war da achtdreiviertel und glaubte an den Weihnachtsmann. Wir haben nie das Geheimnis gelüftet. Er hat uns nie das Geheimnis verraten, ob er tatsächlich an den Weihnachtsmann noch glaubte.

aufgeschrieben am 15.12.2019

Menschels Kindercola

Immer häufiger schreibe ich Geschichten über Alfons, zu denen es nur noch Bilder in meinem Kopf gibt. Keine Fotos mehr. Aber wer fotografiert schon Einkaufssituationen, alltägliche Dinge…

Gestern am Sonnabend holte ich Saft und Limo für Alfons‘ Freunde, die mich am Nachmittag besuchten. Ich kaufte Limo und Kindercola von Menschel, einer kleinen Brauerei in Niesky. Ich sah die Auswahl, kleine und große Flaschen. Noch im Sommer 2018 fuhr ich, wie schon so oft davor, mit Alfons Getränke holen. Damals standen die Menschel-Flaschen noch vereinzelt im Regal. Es gab auch nur große Flaschen, nicht die kleinen 0,33l-Flaschen. Wir drehten immer die gleiche Runde im Getränkemarkt am Ortsrand von Bad Muskau. 1 Kasten Margon-Wasser in Glasflaschen, 1 Kasten Neubert-Saft mit Orange, Apfel trüb und Birne, den Carl gern mochte. Einen kleinen roten Kasten von Menschel mit Apfelsinen- und Walderdbeerlimo sowie Kindercola von Menschel, dazu 3 Mate für Carl und Bier für Papa: Ich weiß, welches Bier Papa trinkt. Er lotste mich zu den Bierkästen und packte drei kleine Flaschen Gessner trüb und einzwei Flaschen Landskron hell ein. Alfons thronte abschließend auf den Kästen; ich schob die Bagage zur Kasse.

Einmal rüpelte ein älterer Mann hinter uns in der Schlage an der Kasse herum, was das Kind da geschoben werden müsse, ob es nicht laufen könne. Ich ignorierte es. Alfons hatte es aber gehört und sah mich verunsichert an. Ich sagte: Du kannst sitzen bleiben, da wo du willst. Ich schiebe dich gern. Wir hatten immer Spaß mit dieser Fuhre und später war Alfons einfach schlapp durch seine Erkrankung. Es machte ihn nachdenklich, warum der Mann soetwas gesagt hatte. Ich war voller Wut auf dieses übergriffige Gequatsche und versuchte, Alfons die Dinge zu erklären. Die Sicht dieser Generation, die den Kindern nicht das Kindsein zugestanden, weil sie selbst so wenig davon abbekommen hatten.

Eine anstrengende Zeit

Wie komme ich dazu, jetzt darüber zu schreiben?Vielleicht, um ein paar Fotos zu zeigen, auf denen Alfons und Carl sind?

Die Fotos entstanden im November 2015. Carl ist 14, Alfons 6. Seit kurzem geht er in die Wurzelklasse auf dem Ziegenhof der Waldorf-schule in Leuthen. Carl ist wortkarg geworden. Müde. Launisch. Hungrig. Auf dem Foto isst er Frühstück. Es ist Sonnabend der 7.11.2015, halb elf. Alfons ist versunken in seine Arbeit. Er näht sich einen Köcher für seine großen Stöcke. Er hängt heute im Flur. Damals nähten wir viel bzw. immer mal wieder, zuletzt für seine Legomännchen eine Tasche und im März 2018 nähte sich Alfons noch einen „coolen“ Sportbeutel. Alles mit Hand.

Auf dem letzten Foto hier sieht man, dass die Situation leicht eskaliert. Carl hat genug von meiner Fotografiererei. Er schnautzt rum. Ich versuche zu erklären, zu vermitteln, zu beschwichtigen. Es hilft nicht. Alfons: Wenn ich mal in der Pubertät bin, werde ich nicht so wie Carl. Ich ärgere euch nicht so. Carl weisst Alfons zurecht und sagt in meine Richtung: Wenn ihr ihn nicht erzieht, muss ich es eben tun. Ich sage bestürzt zu ihm: Wir machen jetzt nichts anderes als damals bei dir. Wir sind mit dir genauso umgegangen.

Es gab hin und wieder solche Situationen. Manchmal piesackte Alfons Carl, klopfte an sein Zimmer, ärgerte ihn, manchmal bedachte Carl Alfons mit unflätigen Betitelungen. Mich machte das unglücklich, aber auflösen konnte ich es nicht. Einmal sagte ich: Es ist hier wie in einer Räuberhöhle, es fehlt nur noch, dass ihr eure Hähnchenkeulen hinter euch werft. Da war auch noch Hans da und der Rüde Donner quetschte sich unterm Abendbrotstisch entlang unserer Beine, weil er sich durch die Absperrung vom Flur zur Küche gemogelt hatte.

aufgeschrieben am 11.12.2019

Cotrim

Eine Woche schleppte ich mich mit einer Blasenentzündung. Ich konnte darüber nicht sprechen. Ich wollte es mit mir ausmachen, weil Alfons 14 Tage daran litt. Weil ich noch heute sein schmerzverzehrtes Gesicht sehe, wenn er auf Toilette saß und seine Fingernägel in meine Hände krallte und erschrocken war, weil er mir nicht weh tun wollte und er hämmerte an die Wand des Bades, um sich vom Schmerz abzulenken. Und das alle 10 Minuten. Tagelang. Wie soll ich da normal denken und handeln können, jetzt, mit der eigenen Entzündung. Ich überlebe das, so oder so, und mag nicht darüber nachdenken. Alfons hatte kein Immunsystem mehr; jedes Virus, jedes Bakterium, jeder Pilz konnte ihn umbringen und sie brachten ihn um. Erst als diesen Montag nichts mehr ging und die Jugendlichen im Bahnhof Mitleid mit meiner gebückten Gestalt hatten, drängte mich Andreas zum Arzt. Und die Ärztin verschrieb Cotrim. Ein Antibiotikum. Das musste Alfons auch nehmen, vorbeugend schon im CTK und später in der Charité, dort wurde damit erfolglos seine Lungenentzündung behandelt. Cotrim. Er hasste diese riesigen Tabletten, bekam sie nicht hinunter, erbrach sich, weinte, flehte, sie nicht nehmen zu müssen…

Nun sitze ich den zweiten Tag bei Alfons in der Küche. Will im Blog schreiben und es fällt mir schwer. Möchte der Schule schreiben, Frau Hinze, der Elternschaft der 4. Klasse und sagen, wie es mir geht ohne Alfons. Mit ihrem Schweigen und Nichtstun. Möchte lesen und kann mich nicht konzentrieren. Lass mich von den Sorgen im Bahnhof am Telefon ablenken. Gehe rüber zu Alfons. Alex findet seinen Garten überladen. Dabei freue ich mich über all die Kerzen, Sterne, Blumen, Gebasteltes von den Kindern. Viele denken an ihn und doch ist es nur eine Handvoll an verbliebenen Freunden und Verwandten, die nach Alfons und uns fragen. So sitze ich untätig den ganzen Tag in der Küche und denke, jetzt hätte ich Alfons abgeholt im Hort, jetzt fahren wir nach Hause, jetzt gehen wir eine Feuerwehrrunde, jetzt spielen wir noch eine kleine Runde Mensch-ärgere-dich-nicht, dazwischen Abendbrot und Sachen rauslegen (ich sage dann laut in die Stille: Alfons, legst du schon deine Sachen für morgen raus.) und Kuscheln und etwas für die Schule heraussuchen und ins Muttiheft einschreiben, das Alfons am nächsten Tag mit Fynn zum Spielen mitgeht. So vergeht der Tag, ohne Geräusche und wenn ich meine Stimme höre und höre, was sie sagt und sich wünscht, weine ich, schreie ich, jammere ich dieses verdammte Leben an und will es nicht tragen. Alles verblasst, wird unwichtig, sinnlos im Angesicht des Todes von Alfons.

Carl und sein zu Hause

Heute schrieb ich Hannah, als sie nach Carl und dem Nachhausekommen fragte: …aber dieses Unkomplizierte im Umgang ist weg. Wir leben nicht mehr zusammen und wir wissen nicht mehr viel voneinander. Vom Alltag. Uns verbindet die Vergangenheit. Er weiß ja gar nicht, wann er das sagen sollte – ich mach das Mama. Ich weiß nicht, wer nach ihm schaut, fragt. Es muss furchtbar für ihn sein. Abgerissen. Er saß im Sommer 2018 auf dem Dach, beim Schornstein. Rauchend. Unten standen Alfons, Alex und ich. Erst bekam ich einen Schreck, dann wusste ich, er nimmt Abschied. Anfang Juni. Mit der WG hat es nach einem Jahr Ringen geklappt, dann ging alles fix. Alfons war zwar lebensbedrohlich erkrankt, aber wir kauften beide Wischmop, Besen, Eimer, Lappen für Carls WG ein. Starterpaket. Alex hatte den Umzug gefahren. Und Angst, er bliebe allein hier zurück. Und Alfons und ich sagten: Mensch, Papa, Carl zieht nur aus und wir sind auch noch da. Wir lachten. Im Sommer war er vielleicht noch zweidreimal hier. Dann zur Beerdigung und zum Lebensfreudefest, danach ganze dreimal für je 2 Stunden, einmal mit unfreiwilliger Übernachtung, weil der Zug weg war. Nein, ich glaube nicht mehr daran, dass er einfach kommt. Als er aus seiner Pubertät erwachte, stand er einmal sinnend am Küchenfenster und sagte: Ich kann mir vorstellen, später als Erwachsener das Haus zu übernehmen und hier zu leben. Alfons sagte gleich: Ich gehe nie von euch weg, Mama. So wie Kinder in dem Alter sind. Er behielt auf grausame Weise recht. Und nun hüte ich das Haus. Ein Haus der absoluten Stille, was für ein Lärm und wie viel Bewegung war hier!

Ich bin froh, dass sich Carl um sich und die Schule kümmert. Er muss sich nicht um mich kümmern. Ich bin nicht krank, ich trauere und das belastet ihn mehr als alles andere. Seine Mutter, der Ursprung, die die immer tat, sprach, hielt, machte…, strauchelt. Ich verstehe, dass er das nicht sehen will. Das nicht auch noch. Zum eigenen Schmerz die leidende Mutter. Ich weiß, wie mich der 1. Selbstmordversuch meiner Mutter traumatisiert hat. Ich war 17, so alt wie Carl bei Alfons‘ Sterben. Ich konnte nicht weg, nicht kämpfen, nur erstarrt zusehen. Dann habe ich meine Mutter zu Hause gepflegt. Ungefragt. Ohne Vorstellung von Zeit. Da habe ich mein Muster des Durchhaltens gelernt und tief verinnerlicht. So tief, dass ich mich aus toxischen Beziehungen nicht entziehen konnte. Wir werden erst in Jahren sehen, wie Carl mit dem Tod von Alfons umgehen wird. Vielleicht vertieft es das Kiffen, vielleicht wird er ein bekannter DJ, vielleicht schafft er das Abi, vielleicht nicht. Aber er trifft seine Entscheidungen allein. Er liebt seinen Vater, Alfons, mich, aber er hat sich schon umgedreht und geht. Es ist so, auch wenn ich ein Jahr versucht habe, dass es anders ist. Erst jetzt verstehe ich, wie einsam er in dem viertel Jahr Charitè war. Wir hatten manchmal 10 Minuten für ein Gespräch, wo er mir die Dinge mitteilte, die wichtig damals waren. Er wohnte irgendwie in einer lausigen WG, über deren flatterhaftes Leben wir Witze machten. Aber schon jetzt stellt es sich anders dar und später werden die Zeiten noch mehr zusammenfließen: der Auszug aus dem Zuhause passiert parallel zu Alfons‘ Erkrankung. Er sagt sich, hätte ich noch Zeit mit Alfons verbracht, jetzt, wo wir anfingen, uns gut als Brüder zu verstehen. Die Chance ist vorbei. Und damals fühlte sich alles normal an, heute dagegen als wäre eine Bombe mitten in uns eingeschlagen. Das und noch mehr verbindet sich mit diesem Haus. Es wird Jahre dauern. Alle Frauen mit verstorbenen Kindern berichten das von den großen Kindern. Fünf Jahre, acht Jahre.

Manchmal rufe ich ihn an oder schreibe ihm oder verleite ihn zum Kaffee, fast nie hat er Zeit. Vor 4 Wochen sahen wir uns das letzte Mal für 2 Stunden. Ich vermisse ihn, wie Alfons. Aber Carl lebt und ist alt genug für die Welt. Alfons braucht unsere Wärme, den Schutz und ist nun irgendwo allein. Und ich weiß nicht wo.

Ich hab zu viel erlebt, als das jetzt noch irgendetwas gut werden könnte. Ich hab keine Hoffnung, keinen Antrieb, keine Lebensfreude, keine Ansprüche. Es ist alles unglaublich anstrengend.

aufgeschrieben am 7.12.2019

Nikolaus

Eigentlich habe ich ihn in diesem Jahr vergessen. Zum ersten Mal. Vor ein paar Tagen kaufte ich für Alfons und später noch für Teddy, Annes und Torstens Sohn, einen Nikolausstiefel aus Pfefferkuchenteig bei der Bäckerei Uhlmann in Peitz. Sonst nichts mehr. Ich vergaß die Jugendlichen im Bahnhof, die immer Süßes bekamen, und Carl in Cottbus, den ich Ende Oktober das letzte Mal sah. Es gelingt mir nicht, mich mit ihm zu verabreden, aber wir schreiben und telefonieren, so oft es geht.

Vor einem Jahr zum Nikolaus war Josepha mit Baldur und Rosa bei mir in Bad Muskau. Am 5.12.18 abends stellte ich den Kindern kleine Weihnachtsmänner in die Stiefel. Alfons und Carl bekamen eine Mandarine und ein Tannenzweiglein dazu, damals, manchmal noch ein Buch und in einem Jahr bekam Alfons‘ seine Kopfhörer, die er bis zum Schluß bei sich hatte und mit ihnen hörte.

Josepha schenkte ich im letzten Jahr Zitronengrasöl. Ich hatte davon noch ein Fläschchen zu Hause und kann es seit dem Tod von Alfons nicht mehr benutzen. Ich bekam es zur Geburt von Alfons von Ola aus Berlin geschenkt. Ich nutzte es hin und wieder, regelmäßig, aber nicht so häufig; mir waren diese Kosmetika fremd geworden. Das Zitronengras fand dennoch langsam seinen Weg zu mir und den Kindern. Ich begann es zu mögen. Beide Kinder liebten es, wenn ich es ihnen ein wenig auftat, auf raue Stellen, nach dem Duschen bei Alfons, am Morgen nahm es Carl. Wir schnupperten dann an uns und freuten uns… Alfons tat ich es auf der Intensivstation vorsichtig unter die Nase, als er im Koma lag. Ich wollte, dass er riecht und spürt, dass ich da bin. Er mochte den Geruch sehr. Als er tot war, packte ich es ein und holte es nicht wieder hervor. Am 24.2.19 schrieb ich Josepha in einer SMS: Liebe Josepha, ich war lange bei Tante Elke. Alfons war dort gern. Sie ist so fürsorglich. Auf dem Rückweg roch es im Auto plötzlich nach Zitronengrasöl. Ganz klar. Ich habe gesagt, Alfons, du bist hier! Es ist mein Öl (eine Flasche als Reserve konnte dir deshalb der Nikolaus bringen) und die Kinder mochten es. Und heute nun ist plötzlich der Geruch im Auto. Nicht von Anfang an, sondern während des Fahrens. Und dann habe ich mit Alfons etwas gesprochen…

aufgeschrieben am 1.12.2019

1. Advent

Überall Weihnachtsmärkte. Ich sehe alles mit Alfons‘ Augen und es überfordert mich. Ich sehe, was er nicht mehr riechen, schmecken, hören, fühlen, wahrnehmen kann und ich muss weinen. Ich erinnere mich an eine Fahrt nach Niesky, ich weiß nicht mehr genau, warum. Wir gingen in einen kirchlichen Buchladen. Ich kaufte einen gelben Herrenhuter Stern, den größten, für den Bahnhof Jamlitz. Alex baute ihn mit Alfons zusammen. Einen weiteren gelben Stern mittlerer Größe für zu Hause. Ich schrieb schon an anderer Stelle, dass dann unser kleiner gelber Stern, den wir viele Jahre zum 1. Advent zum Fenster hinaus hingen, in Alfons‘ Zwergenhaus umzog… In diesem Buchladen fand Alfons das erste Snöfrid-Buch. Er mochte Snöfrid. Er töpferte ihn und einen kleinen Wichtelfreund. Ich denke oft darüber nach, was Alfons an Snöfrid mochte: er liebte es, sich auf seinem Sofa einzukuscheln, mit Kakao und Keksen; er mochte nicht viel sprechen, ein Hm reichte für alle Fragen und Antworten (im Buchtext stand oft in Klammern, was mit dem jeweiligen Hm verbunden war); Snöfrid begab sich nur widerwillig in die Abendteuer, wenn sie dann aber einmal kamen und da waren, nahm er sie an und erledigte, was erledigt werden musste (zum Beispiel musste er einmal mit seinen kurzen Füßen 99 Stufen, oder waren es mehr, hochsteigen, was ihm beschwerlich war) und Snöfrid fühlte sich zu Hause und mit seinen Freunden, einer kleinen Eule und Wichtelfreunden, am behaglichsten. All das gilt auch für Alfons und ich denke, deshalb mochte er die Snöfridbücher besonders. Regelmässig haben wir die Buchläden nach Folgeerscheinungen durchsucht und drei weitere Bücher von Snöfrid gefunden und gekauft.

aufgeschrieben am 24.11.2019

Ein Ausflug nach Lübben

Oft in der Woche fahre ich nach Lübben. Mit den Jugendlichen des Bahnhofs zum Jobcenter, zum Arzt, zum Einkaufen. Immer muss ich am Schloß vorbei. Und immer denke ich dann an Alfons und Alex‘ 40. Geburtstag. 2014. Er lud uns zu einem Klezmer-Musiknachmittag ein. Donner war noch klein und Carl hatte keine Lust auf das Konzert. Er war 13 und fand es nicht mehr so cool, mit seinen Eltern irgendwo zu sitzen und zu hören, was ihn nicht interessierte. Da war es praktisch, dass es den Hund gab. Alfons war 5 und er sprang, unsere Hände links und rechts gefasst, an uns herum und egal wohin. Er liebte es: Eins und zwei und drei und bei drei hoben Alex und ich Alfons zwischen uns vom Boden hoch, mit einem weiten Satz und Sprung nach vorn. Er mochte das und es wurde immer schwieriger, so groß wie er bald war… Wir genossen das Konzert und gingen danach gegenüber ins BUBAK Abendessen. Wir schliefen irgendwo nahe der Autobahn, zwischen Lübben und Lübbenau. In diesem Motel lagen wir später alle in einem Bett und sahen auf dem Laptop Ice Age. Da war dann auch Carl glücklich. Nach dem Frühstück fuhren wir noch im Spreewald Kahn, aber das Wetter war kühl und ich fror, weil ich zu dünn angezogen war. Aber Alfons guckt wach und neugierig… Ich erinnere mich jedes Mal in Lübben an diesen Ausflug und hab ihn in guter Erinnerung. Nur vier Jahre später stirbt Alfons und wird an Alex‘ 44. Geburtstag beerdigt.

Weihnachten

Langsam beginnen die „Sorgen“ um das Fest. Wer ist wo und wann mit wem und was wird gegessen und verschenkt. Und viele schauen mit leichtem Schauder auf die Tage, weil man seine Zeit auch mit Menschen verbringt, die man nicht so mag. Mir ging es auch so, aber immer häufiger habe ich immer mehr Zeit mit denen verbracht, die ich liebte. Die Kinder mochten das Fest. Den Weihnachtskalender am 1.12. das erste Mal öffnen. Kleine Geschenke für die Familienmitglieder basteln. Wunschzettel malen. Den Adventskranz mit Mama stecken und ein klein wenig Sterne und Räucherkerzen und Kerzen im Haus verteilen. Kugeln, die ich nicht mochte, aber die die Kinder liebten. Ich band einen Kranz aus Zweigen für die Tür und Alfons steckte kleine Strohsterne drauf. Ich liebte es, Geschenke auszusuchen und mochte es nicht, von Jahr zu Jahr immer mehr Geschenke für andere zu packen, damit sie dann von den Omas an die Kinder verschenkt werden konnten. In der Vorweihnachtszeit besuchten wir Weihnachtsmärkte. Einmal einen in Dresden, wohin wir mit dem Zug fuhren, dann mal einen in Bautzen und einen in Hornow in der Schokoladenfabrik, zuletzt, 2017, den in Cottbus. Da waren wir immer, fast immer, weil wir fast immer unseren Weihnachtsbaum hinter der Oberkirche aussuchten und mitnahmen. 2017 schossen wir ein Foto von Alfons, Alex, mir und Pulsnitzer Spitzen gefüllt mit Marmelade. Die waren für Carl und wir wollten ihn damit doch noch auf den Weihnachtsmarkt locken. Es gelang uns nicht. Carl war fast am Ende seiner Pubertät angelangt, aber es war eben immer noch uncool, mit den Eltern und kleinem Bruder unterwegs zu sein. Obwohl es sich wandelte. Im letzten Familienurlaub in Prerow, im Oktober 2016, verstanden sich die zwei prima und langsam wuchsen sie wieder zusammen… Auf den Cottbuser Weihnachtsmarkt gingen wir fast immer nach dem Adventsgärtlein. Das gab es an den Waldorfschulen bis zur 3. oder 4. Klasse. Ich mochte diese immer wiederkehrenden Rituale und die Kinder verließen sich darauf und fragten danach. So wie Alfons im September 2018 kurz vor dem Koma: Mama, ich möchte so gern auf den Weihnachtsmarkt hier in Berlin. Seine Wünsche wurden immer kleiner. Mit dem Wohnmobil verreisen, ins RonaldMcDonald-Elternhaus zu uns ins Zimmer ziehen können, ein Weihnachtsgeschenk von ALBA-Berlin bekommen (Alfons hatte sich einen Gameboy gewüscht, aber dann doch keine Geduld gehabt und ich habe ihn ihm gekauft und er konnte ihn ein paar Tage genießen, dann legten sie Alfons ins Koma und den Weihnachtszettel gab ich nie ab) und eben noch einmal zum Weihnachtsmarkt gehen. Ich hoffe, er hat im Koma davon geträumt. Vom heißen Kakao, den Lichtern, der Losbude, der Weihnachtsmusik, den duftenden Ständen, der Bratwurst… Letztens hörte ich jemanden über den Cottbuser Weihnachtsmarkt schimpfen, aber uns hat er genügt. Alfons war glücklich mit so wenig und was ist wenig, wenn alles da ist, so viel im Überfluss.

Am Vormittag des Heiligen Abends holten wir die Tanne ins Haus und schmückten sie. Mit Strohsternen und Holzfiguren, glasklaren Kugeln aus Lauscha, echten Schokokringeln, die die Kinder später auffutterten, mit echten Kerzen. 17 Jahre lang. Und es gab Kartoffelsalat und Wiener Würstchen und am 1. Feiertag Papas Niedrigtemperaturente, gefüllt u.a. mit Maronen und Staudensellerie. Ich liebte die Füllung! Wir naschten meinen selbstgebackenen Stollen, der den Kindern schmeckte. 2017, zu unserem letzten Weihnachten, wo das große Glück längst ausgezogen war und wir mit den glücklichen Momenten zu leben lernten, an diesem letzten Weihnachten konnte Alfons sein Geschenk nicht genießen, weil er an einen obdachlosen Mann in Cottbus dachte, den wir ab und an sahen und er konnte die beiden kleinen Bio-Enten von Rosi nicht mehr essen, weil sie ihm leid taten. Er erklärte sich zum Vegetarier. Er weinte zwei Tage um die Armen und die Tiere. Das Essen wurde kalt und Alex und ich schafften es nicht, unser Kind zu trösten. Aber sein Bruder Carl. Ich sehe beide auf dem roten Sofa, Alfons ganz verweint und Carl so zugewandt und mitfühlend. Das alles war möglich. So viel Liebe ist möglich, ohne das wir uns besitzen müssen.

Und ich denke an die vielen Kindern, die gedemütigt und verunsichert sind, die geschlagen werden und viele Nöte haben. Und vielleicht keine Geschenken und vor allem keine Herzenswärme bekommen.

Dieses Jahr bin ich bei den jungen Menschen im Bahnhof, die diese Kindheiten überlebt haben und die die Liebe ihrer Eltern ein Leben lang suchen werden. Und sich auch fragen: Warum ich? Dort werde ich in diesem Jahr und zu Weihnachten mit meinem Warum Alfons sein und geben, was ich kann.

aufgeschrieben am 17.11.2019

Die Woche begann mit dem 11.11.. Ich holte früh wie immer Semmeln für unsere Jugendlichen im Bahnhof bei Bäcker Uhlmann in Peitz und sah dabei die Faschingspfannkuchen. Es sind immer noch die gleichen Figuren, die auf ihnen thronen. Ich habe die letzten Jahre einen für Carl und einen für Alfons mitgebracht. Manchmal auch Apfeltschen und die leckeren Kekse. Auf dem Bild hält Alfons eine Tulpe in den Händen, aber es gibt auch blaue Karpfen, rosa Herzen und grüne Weihnachtsbäume. Alfons mochte irgendwann, mit der Krankheit, nicht mehr den vielen Zucker in der dicken Glasur. Heute kaufe ich oft die Kekse und stelle sie hier auf den Küchentisch zu seinem Bild.

Am Wochenende (15.-17.11.19) trafen sich verwaiste Eltern in Burg. Seit mehr als 25 Jahren. Ermöglicht durch die Elterninitiative für krebserkrankte Kinder e.V. in Cottbus. Wir sprechen dort über unsere Kinder. Ich konnte sogar Alfons‘ Geschichte über den Steinbock Springinsfeld* vorlesen, der ein Regenbogensteinbock werden wollte. Alfons hat sie mir am 30.12.16 diktiert. Da war er siebeneinhalb. Die Geschichte ist grundweg positiv geschrieben. Das fiel mir diesmal auf, als ich sie allen vorlas… Wir haben an dem ersten Abend Regenbögen gemalt. Mein Bild stellte ich in der Nacht neben mein Bett und als ich früh erwachte, sah ich einen Regenbogen über meinem Regenbogenbild. Ich habe es Anne und Torsten gezeigt, die ihren Sohn Teddy schon mehr als vier Jahre vermissen. Sie sagen, es ist ein Zeichen. Ich möchte so gern daran glauben, dass es mir Alfons schickt. Ich vermisse ihn auch schon lange und stelle mir vor, wie ich ihn berührte. Seine Haare, seine Haut, seine Hände, seine Augen küsste. Mir fällt dabei ein, dass ich seine Finger und Fingernägel auswendig kenne. Alle 14 Tage verschnitt ich sie. Jedes Mal war es nur unter Protest möglich, weil Alfons sagte, es tue ihm weg. Vor allem an den Daumen und den kleinen Finger erinnere ich mich. Der Daumen war ganz glatt und leicht zu schneiden, der kleine Fingernagel hatte einen Knick und da musste ich immer besonders vorsichtig sein. Auch seine Fußnägel sind mir in Erinnerung. Als kleine Jungs saßen Carl und Alfons auf dem Sofa und der Fernseher lenkte sie ab, dann schnitt ich, zügig, bevor es ihnen wieder einfiel, was gerade geschah. Alfons‘ Fußnägel, zu denen er als kleines Kind auch Fingernägel sagte, schnitt ich später im Bad. Er saß nach dem Duschen auf der Waschmaschine, stellte seine Füße auf meine Oberschenkel. Ich saß auf der Toilette gegenüber der Waschmaschine. Seine Nägel rollten sich ein, wenn sie länger wurden. Aber ich konnte so viel erklären, wie ich wollte, also das es wichtig war, die Nägel zu verschneiden. Für Alfons war es vollkommen unwichtig. Er meckerte, sprang dann von der Waschmaschine, nahm Schlafzeug und Hausschuhe und rannte schnell weg, in die Stube, noch Fußball mit Papa gucken oder einen Abendgruß auf KiKa. Es sind solche immer wiederkehrenden Dinge, die ich über Jahre tat und in denen ich ganz bei Alfons oder Carl war. Ich weiß, wie viele Kinder diesen Kontakt zu ihren Eltern nicht haben.

*Der Link führt zu der Unterseite „Alfons schrieb, töpferte, knetete…“. Am Ende der Seite, also bei den ersten Eintragungen, findet ihr die Springinsfeld-Geschichte.

 

17.11.19, 15.30 Uhr, Gemeindehaus Jamlitz

Wir sehen dort einen Film. Über Jakob Richter. Als 15jähriger kam er mit seinem Vater und Onkel ins KZ Lieberose in Jamlitz. Vorher hatte er in Auschwitz seine Schwester verloren. Sie war 11. Etwas älter als Alfons. Mit Omas und Tanten wurde sie vergast. Sie hieß Eva. Ihre und Jakobs Mutter entschied sich an der Rampe zu leben, sich von der Tochter zu trennen, sie überlebte Auschwitz. Sie und Jakob. Über 35 Familienmitglieder wurden an diesem einen Tag in Auschwitz getötet. Jakob kam dann von Auschwitz nach Jamlitz, dort starben Vater und Onkel, dann ging er mit dem Todesmarsch bis Oranienburg (KZ Sachsenhausen), wurde weitergetrieben nach Mauthausen und in einem Nebenlager befreit. 2016 meldete er sich bei Andreas Weigelt, der das Lager in Jamlitz erforscht hat. Er lebe, schrieb er. Fast 90 Jahre alt. Einer von 400 Überlebenden. Einer von 8000 Häftlingen. Einer von vielleicht zehn, die noch heute leben. 2017 entstand ein erster Film über ihn, 2019 ein zweiter. Der erste Film zeigt sein Überleben, der zweite Film sein Leben in den USA.

Ich habe den ganzen Rückweg nach Hause an Eva und Alfons gedacht. An die toten Kinder in den KZs, an die Sterbenden in Syrien, an die Hungernden in Indien, an die Kranken überall, an die Erschlagenen. Jeden Tag kommt in Deutschland ein Kind durch häusliche Gewalt zu Tode. Alfons ist unter den verstorbenen Kindern. Es ist nicht zu begreifen, nicht zu erfassen. Solche Ungeheuerlichkeiten. Tausendfach und doch tabuisiert. Die Spirituellen sprechen von den Seelen, die sich, zur Erfüllung ihrer in der geistigen Welt auferlegten Aufgaben, die Gegebenheiten und Familien suchen, um sie auf der Erde zu bearbeiten. In der Gaskammer? Die Kirche sagt, krank wird, wer sündigt. Wie erklärt sich damit, was passiert ist? Oder waren sie einfach zur falschen Zeit am falschen Ort? Oder hat Alfons einfach Pech gehabt? Ist das der Lauf der Dinge? Sieht so Leben aus? Alfons selbst hat sich und den Körper wahrgenommen, zweigeteilt. Ganz oft und klar hat er es beschrieben: In mir bin ich und mein Körper. So sagte er. Ich kann mich an soetwas nicht erinnern. Nur an eine Begebenheit: Ich bin. Dachte ich plötzlich klar und deutlich. Das war am 28.5.1983. An meinem 13. Geburtstag. Sehr klar entdeckte ich, dass es mich tatsächlich gibt. Und fast war ich erleichtert. Froh. An so ein Gefühl erinnere ich mich. Aber mein Großvater Heinz, der als 17jähriger in den Krieg ziehen musste und in Frankreich drei Jahre in Kriegsgefangenschaft war. Der sagte: Dort habe ich Gott nicht angetroffen. Gott war abwesend. Er brach mit der Kirche. Er sagte mir schon als junges Mädchen: Nach dem Tod kommt nichts. Das Nichts stellte ich mir dann schwarz vor. Ich kann nicht sagen, dass es mich erschüttert hat. Mein Großvater war gut zu mir und vielleicht hoffte ich, er irrt sich. Ich weiß es nicht. Was ich weiß: Alfons‘ Körper gibt es, draußen in der Erde, in der Kälte. Wer will das von seinem Kind sagen? Ich war so darauf konzentriert für die Kinder da zu sein, dass ich nie daran dachte, was wird. Ich hatte genug Sorgen mit dem Alltag, dass das Geld reichte, für die Fahrten nach Cottbus zur Schule, dass es warm war, dass etwas Urlaub drin war. Randvoll war ich mit Sorgen. Ich war dankbar, dass sie gesund waren. Ich kaufte Bio, sie tranken aus Glasflaschen, sie spielten draußen, ich las ihnen vor und zeigte ihnen mit ihrem Papa die Welt. Ich dachte nicht daran, dass sie sterben könnten. Und vor ein paar Tagen sagte Carl zu mir: Ich habe Angst, dass es zu heiß und trocken wird und ich das nicht vertrage. Ich sagte ihm, vor 30 Jahren nach der Wende sprachen wir im Freundeskreis über die Umweltkatastrophe. Was würde sein, wenn alle Chinesen auch Autofahren wollen? Heute fahren alle. Mir scheint, ich habe nichts getan in den letzten 30 Jahren, um irgendwas gegen die Katastrophe zu tun. Und nun sagen junge Menschen in Carls Alter: Wir bekommen keine Kinder. Weil sie vielleicht vor ihrer Zeit sterben würden. Durch Wassermangel, Hitze, Dürre. Sterben. Tod sein. Es klingt, als wäre es ein neuer Bewusstseinszustand. Wo ist Alfons? Wo ist sein ICH, dass er spürte? Lebe ich es weiter? Lebt es in Alex, Carl, in allen, die sich erinnern? Wo sind die ICHs, deren Familien vollständig ausgelöscht wurden? Niemand kann sich an sie erinnern. Und was sie hinterließen, ist vernichtet. Mir fehlt Alfons so sehr, mir fehlt der Alltag mit meinen Kindern, mit seinen Freunden, in der Schule, mit meinen Freunden. Nichts ist mehr, wie es war. Nichts. Es ist ein anderes Nichts als das Nichts meines Großvaters; mein Zustand ist wie ein Nichtleben.

 

aufgeschrieben am 10.11.2019

9.11.2014

Wir waren zu viert in Berlin. Anlässlich der 25 Jahre Mauerfall. Es war mir immer wichtig, den Kindern zu zeigen und zu erklären, in welcher Zeit wir leben, was lange oder kurz vor uns passierte und darüber nachzudenken, wie wir noch leben wollen. So sind wir nach Berlin gefahren. Es war voll. Und Alfons noch klein, fünfeinhalb, und Carl pubertierend, dreizehneinhalb. Carl hatte keine Lust und Alfons hing an unseren Händen inmitten der Massen. Wir liefen von Videoleinwand zu Videoleinwand, von Ausstellung zu Ausstellung. Entlang der nicht mehr sichtbaren Mauer standen im Abstand von einem Meter jeweils ein weißer Ballon. Mannshoch. Später, hörten wir, wurden sie in den Himmel gelassen. Wir flüchteten  irgendwann in ein Café, saßen draußen, also muss es noch warm gewesen sein, und wurden nicht bedient, weil einfach zu viele Menschen da waren. Dann aber, als wir weiterzogen und die Laune zu kippen drohte, fanden wir in der Bernauer Straße einen habtischen Stadtplan der Bernauer Straße um 1989. Wir sahen deutlich die beiden Mauern! Dazwischen das Niemandsland, der Todesstreifen, den Stacheldraht. Das war interessant, für uns alle vier, und aufschlussreich! Danach besuchten wir Hannah, Uli, Arne und Samuel in der Schönhauser Allee. Wir saßen in der Küche, die Kinder spielten sofort miteinander und belegten sich nach und nach selbstgemachte Pizza, Alfons war glücklich und schon müde; ich weiß nicht mehr, wo Carl saß; wir tranken Wein und redeten über Dies und Das und fuhren spät zurück. Alfons schlief im Auto.

Alfons fragte mich immer mal wieder, wann wir so einen Abend mit so einer Pizza nachholen. Zuletzt im Januar 2018. Wir haben es nicht mehr geschafft. Diese Geschichte überlagert meine Erinnerungen an 1989. Eine Geschichte ganz ohne Fotos.

In Alfons‘ Garten…

…sitze ich oft frühmorgens, bevor ich zur Arbeit fahre, und oft auch abends, wenn ich von der Arbeit komme. Ich hätte es mir nicht so vorgestellt. Warum sollte ich mir auch vorstellen, am Grab meines Kindes zu sitzen. Aber nun sitze ich dort. Ich mache nicht viel, aber immer sollen frische Blumen bei ihm sein und Kerzen brennen. So kannte Alfons es: auch auf dem Küchentisch stand sein selbstgebautes Tablett an einer Stirnseite des ovalen Tisches und darauf die Dinge, die wir sammelten, fanden, bekamen, aufheben wollten – Postkarten, Blumen, Einladungen der Schule und von Freunden, Erinnerungen an Theaterstücke und ans Kino, ein Glas mit Bonbons, Gebasteltes von Alfons, halbfertig gebaute Legoautos, Kerzen…

An einem Abend vor ein paar Tagen saß ich bei Alfons und begann seine Schlaflieder zu singen. Ich schrieb an anderer Stelle schon, dass ich jeden Abend, wenn ich ihn zu Bett brachte, was fast immer war, drei Lieder sang: Lalelu, Schlaf, Kindlein, schlaf und Stille, still… So saß ich am Grab und sang, verweint und leise. Vom letzten Lied fehlten mir plötzlich die beiden letzten Strophen. Ich war verzweifelt. Und konnte es nicht ertragen, mich nicht an die Strophen erinnern zu können. Und dann sang und sang und sang ich, bis sie mir alle wieder eingefallen sind. Ich habe sie schon über ein Jahr nicht mehr für Alfons gesungen. Am 17.10.18, als er starb, zum letzten Mal. Wie absurd, krank, unnormal, ungerecht, ungeheurlich, irrtümlich, fehlerhaft das ist. Ich überstehe diese immer noch so schmerzvollen Tage und die vielen nichtigen Probleme und die tausend sinnlosen Befindlichkeiten und frage mich, was das hier alles mit mir zu tun hat. Ich will nur zu Alfons. Nur das. Im Bett liegen neben meinem Kind und ihm beim Einschlafen lauschen und vielleicht neben ihm selbst einschlafen. Ich habe diese Ruhe neben ihm so oft genossen. Nach dem Rumalbern, Lesen, Quatschen, Kuscheln, Singen. Dann dieses zur Ruhe kommen. Habe mich an ihn gekuschelt. Mama, komm noch ein Stück näher an mich. Bleibst du noch kurz, Mama? Wenn ich manchmal noch zu tun hatte und in die Küche wollte. Ja, Alfons, ich bleibe. Schlaf du, sorge dich nicht, es ist schon spät. Ich würde mein Leben geben, so dass er leben könnte. Das erleben könnte.

Zirkus

Obwohl es schon November ist, gastiert ein Zirkus in Bad Muskau. Auch in Cottbus las ich: Weihnachtszirkus. Und in der Zeitung sehe ich ein Foto von einem französischen Zirkus, der mit Pferdegespannen unterwegs ist. 25 km am Tag. In aller Ruhe von Dorf zu Dorf.

Ich war mit Alfons 2016 zuletzt in einem Zirkus auf dem Eiland. Es war sehr heiß. Wir mussten damals noch auf unser Geld gucken: der Eintritt war drin, auch die Zuckerwatte, aber die Tiershow nicht und Reiten wollte Alfons zum Glück nicht. Ich sagte ihm von meinen Sorgen nichts. Alfons war glücklich. Schauen, Erleben, Gespanntsein, Aufregung, Zuckerwatte. Kerstin, seine Tagesmutti, ging auch immer mit den Kindern zu den Tieren gucken, wenn ein Zirkus in der Stadt war. Davon erzählen die anderen Fotos.

Weihnachten im Schuhkarton

Fast in jedem November habe ich mit den Kindern für das Vorhaben „Weihnachten im Schuhkarton“ Päckchen gepackt. Bei Carl konnten wir noch guterhaltene, gebrauchte Sachen einpacken. Später, als ich mit beiden Kindern packte, waren es schon neuwertige Sachen. Das war manchmal nicht einfach, wenn man selbst nicht viel hatte. Ich erinnere mich daran, dass ich zwei Jahre mit beiden Jungs packte, ansonsten immer mit einem Kind. Alfons‘ Kindergärtnerin Doreen lud uns dazu auch einmal in den Kindergarten ein und wir packten gemeinsam die Päckchen. Einmal erstanden wir einen großen, plüschigen Teddy für nur 5€ im Blechen Carré in Cottbus. Alfons war dermaßen traurig, weinte und ich konnte mich nicht durchsetzen, dass wir nicht alles doppelt kaufen können. Am Ende holten wir ihm auch einen Teddy. Er sitzt heute hier in der Stube. Alfons liebte, wie Carl auch, die kleinen, alten, abgegriffenen Teddys, nicht die neuen und großen. Aber es war nie leicht für Alfons, zu teilen, vor allem nicht mich, dass ich auch für andere Kinder etwas kaufte, auf Arbeit andere Kinder behütete und manchmal auch ein fremdes Kind auf dem Schoß hatte – das blieb für Alfons immer eine Herausforderung. Und er lernte sie. Heute denke ich manchmal, was wenn er gespürt hat, dass ihm nicht viel Zeit auf Erden bleibt und dann seine Mama teilen musste?

Als Carl im Sommer 2019 seine WG auflöste, dachte er erst daran, die übriggebliebenen Sachen an „Weihnachten im Schuhkarton“ zu spenden. Er erinnerte sich daran. Ich sagte, die Sachen müssen da neuwertig sein, aber ich nehme sie gern für den Bahnhof, für die Jugendlichen die zu uns von der Straße kommen. Und so machten wir es.

aufgeschrieben am 3.11.2019

„Ich mag dich“

Gestern habe ich Elke nach Dresden begleitet. Alfons wäre mitgekommen. In der Altmarktgalerie fand ich einen Bastelladen, unvorstellbar groß. Ich weiß nicht, wie lange mich Alfons darin beschäftigt hätte oder ich hätte zig Dinge ausprobieren wollen. Daneben ein Laden nur mit Lego und daneben wiederum eine Laden mit Anziehsachen für Teddys. Ich dachte daran, wie wir sein Bärchen im Blechen Carre in Cottbus für die Fahrt nach Berlin eingekleidet haben… Mich macht das alles stumm. Das leben geht weiter. Menschen sind stolz darauf, sich abzugrenzen, gegen alles mögliche Unheil, Unrecht, Leid, auch gegen den Tod von Alfons und den Schmerz, der mir im Gesicht geschrieben steht. Ich kann es nicht ändern. Werd glücklich, sagen viele. Aber es hört sich für mich manchmal so an: Hör auf, so leidend zu sein, dass verdirbt mir die Laune. Ich erinnere die Menschen an die Endlichkeit. An Alfons, weil er mir auch ähnlich sah. Ich will keinem zu nahe treten mit der Trauer, aber ich kann es nicht ändern. Mein Kind ist gestorben und ich wünschte, es wäre nicht so.

Als ich 14 war, dachte ich, was kommt jenseits der 18 und als ich 18 war, dachte ich, das Leben fühlt sich schön und unendlich an. Als ich mit 24 meine Mutti verlor, begann ich, mein Leben mit Demut zu leben. Ich war dankbar für die Kinder und habe alle Kraft ihnen und anderen Kindern und Jugendlichen geschenkt, die ins Leben geboren wurden, ohne geliebt zu sein. Und heute frage ich mich, was hab falsch gemacht? Was übersehen?

Alfons konnte am Ende nichts mehr essen, nicht mehr sprechen und Berühungen nicht mehr ertragen – so sehr zerrte die Krankheit an ihm, dass sie seine volle Aufmerksamkeit brauchte. Alex und ich, wir massierten seine Füße, lasen vor, gaben ihm Hoffnung… Ich habe mit Alfons im September 2018 an einem Abend mit Magnetfolie gebastelt, sie bemalt und ausgeschnitten. Sein Blümchen und mein „Ich mag dich“, was ich vor ihm zeichnete und was ihn glücklich machte, klebte an seinem Nachtschränkchen auf der Station 30i und klebt nun an der Kühlschranktür. Es verblasst. Was wird aus seinem Getöpferten, aus seinen hundert FIMO-Knetfiguren? Was aus dem Lego, den Kinderbüchern?

 

Ich erinnere mich…

… an immer neue Begebenheiten mit Alfons. Fallen sie mir ein, notiere ich sie mir kurz im Handy, später übertrage ich sie in eine Datei auf meinem Rechner. Sie wird größer und größer, dabei schreibe und schreibe ich… Es tut gut, zu wissen, dass Alfons nicht vergessen ist. Wenige fragen regelmäßig nach ihm, viele nicht mehr. Auch daran muss ich mich gewöhnen. Ich schlafe unruhig und wenn ich mühsam wach werde, ist Alfons da. Immer denke auch ich an ihn. Gestern fiel mir ein, wie er, wenn ich weg fuhr, aus dem Fenster schaute und winkte. Dabei kletterte er auf die Küchenarbeitsfläche oder auf die Sofalehne oder klopfte einfach so von innen ans Fenster, so dass ich es draußen hörte. Dann verabschiedeten wir uns noch einmal, winkten uns zu, riefen noch etwas, immer Hab dich lieb

… daran, dass wir bei Herrn König waren, einem Physiotherapeuten in Bad Muskau. Alfons hatte eines seiner selbstgemalten Fußballshirts an. Auf diesem einen stand Petr Čech und auf eine kleine Frage hin, erklärte Alfons Herrn König, wer das ist. Vor kurzem las ich, dass er nun zum Eishockey gewechselt sei und der Kommentatror frotzelte herum, dass er sich nicht großartig umgewöhnen müsse, weil er schon einen Helm trug. Den trug er nach einer Verletzung, einem Schädel-Basis-Bruch. Alfons wusste das oder interessierte sich dafür, fragte uns danach…

… auch an den kleinen Alfons und mich, wie wir im Herbst stundenland Weißdornfrüchte im Garten pflückten. Alfons wollte keine hängen lassen, also pflückten wir sehr akribisch. Alfons auf einer kleinen Leiter neben mir stehend. Er war vielleicht 5 Jahre alt. Wir kochten die Früchte ein, puhlten mühselig alle Steinchen heraus und machten einen leckeren Chutney draußen. Aber im nächsten Jahr war es für Alfons kein Thema mehr und ich war dankbar, nicht noch einmal diese Arbeit machen zu müssen, obwohl das Chutney lecker geschmeckt hatte.

…mich an die kleinen Zettel, die ich aus einseitig fehlbedrucktem A4 Papier schnitt. Aus einem A4-Blatt entstanden 6 kleine Zettel; mehrere Blätter nahm ich zusammen und schnitt sie. Meistens wenn Alfons am Tisch in der Küche saß und malte. Dann saß ich ruhig daneben und schnitt. Wir brauchten die Zettel für Einkaufsnotizen oder um uns etwas für den Tag mitzuteilen oder die Kinder malten mir Sachen darauf. Alfons notierte sich darauf die Tage bis zu Weihnachten oder zum Geburtstag und strich sie ab. Die kleinen Zettel standen auf dem Schrank in der Küche. In einer getöpferten Ablage von mir. Daneben Stifte, Klebstoff, Batterien, das Portemonnaie mit den polnischen Zlotys, die Kaffee- und Zuckerbüchse, daneben das Glas mit dem Kandis, aus dem ich im Herbst oft Hustensaft machte: eine Schicht Zwiebelringe, eine Schicht Kandis usw. usf.. Am nächsten Tag war ein feiner Sirup daraus geworden. Die Kinder liebten ihn, er schmeckte nach süßer Zwiebel und vertrieb den Husten. Auch im April 2018 machte ich ihn, nicht ahnend, dass der Husten lebensbedrohliche Ursachen hatte…

 

aufgeschrieben am 31.10.2019

31.10.2017; kurz vor unserem Rundgang durchs Dorf, bei dem uns keiner seine Tür öffnete, weil es dunkel war und alle Schiss vor uns hatten 🙂

Halloween und schulfreie Tage und Geschichten aus dem Bad

Am 9.3.19 schrieb ich schon über Halloween in diesem Blog; heute passt es aber besser, mich daran zu erinnern…

Ich fuhr gestern auf dem Weg zur Arbeit durch Lieberose, an einem Friseur- und Kosmetiksalon vorbei. Die Inhaberin bot „Zombimasken und Gruselschminken“ an. Ich hatte sofort das Bild in mir, wie ich Alfons an diesem Tag etwas zeitiger von Hort abholen würde und mit ihm, als Überraschung, zum Schminken fahre. Ich weiß nicht, ob er gestreikt hätte, weil ich es ihm nicht vorher gesagt habe und er sich nicht vorbereiten konnte und dann überrumpelt gewesen wäre. Aber vielleicht hätte er sich dann doch gefreut, vielleicht, wenn ich mich auch schminken ließ…

Später am heutigen Tag fahre ich zu Caro und Pia. Sie haben einen Kürbis für Alfons und ich werde ihn für Alfons aushöhlen und hier vor die Tür stellen. Einer, von Ole Ludwig, stand eine zeitlang in Alfons‘ Garten, gebracht zu seinem ersten Sterbetag. So wie schon kurz nach Alfons‘ Tod hier ein Kürbis vor der Tür lag, auch von seinem Freund Ole…

 

Das Haus ist still, nicht typisch für so einen schulfreien Tag, an denen wir uns oft nichts vornahmen, den Tag nur laufen ließen. Alfons fragte schon früh: Was ist unser Plan? Aber liebte es auch, einfach zu spielen und zu kneten. Manchmal brachte ihn aber das „keinen Plan haben“ auch durcheinander und wir sponnen Ideen, die ihn noch mehr durcheinander brachten… Ich sehe ihn an so einem Tag wie heute in langen Unterhosen, mit wurschtelig darübergezogenen Kniestrümpfen (die er sehr mochte, weil sie die Beine so schön wärmten und ich diese oft stopfen musste, weil sie durchgerannt waren), mit einem verkehrtherum angezogenen Pullover die Treppe herunterspringen, ohne Hausschuhe, ungekämmt, mit roten Wangen. Davor hatten wir lange gefrühstückt. Alfons im Schlafzeug. Das spätere Anziehen hatte sich hingezogen, weil er oft auf dem warmen Fußboden im Bad lag und es genoß, sich auszuruhen. Im Alltag, wenn es darum ging, sich für die Schule anzuziehen, ließ mich das oft verzweifeln. Alfons sollte sich anziehen und als ich im Bad nach im guckte, lag er auf dem Fußboden und genoß die Wärme der Fußbodenheizung. Dann half ich ihm beim Anziehen. Ich saß dabei auf der Kante der flachen Duschwanne, seine Sachen neben mir oder abgelegt auf dem Waschtisch, Alfons vor mir und gemeinsam ging es ruckzuck, Wenn ich entspannt war, küste ich ihn auf den Bauch. Immer sah ich seinen Leberfleck oberhalb der linken Brust, dann war ich auf Augenhöhe mit seinem Leberfleck (er hatte auch einen am Haaransatz auf der Stirn, links und am Kiefer auch links kaum sichtbar). Manchmal zog ich ihn abends so auch aus. Carl zog sich in dem Alter längst selbst an und aus, wenn auch schneckenhaft langsam und ich dachte mir viel zur Motivation aus, damit es schneller ginge. Bei Alfons gab es das auch, fällt mir gerade ein… Alfons und ich hatten einen kleinen Wettkampf nach dem Duschen, als er siebenacht Jahre alt war. Alfons hatte sich das ausgedacht. Er trocknete sich nach dem Duschen nie gründlich ab und blieb dann mit den feuchten Stellen am Körper am Schlafzeug kleben, beim Anziehen. So dachte sich Alfons also den Abtrocknen-Test aus. Alfons schlüpfte dabei in sein Schlafzeug. Ich zählte. Wenn ich bei zwei, drei gelandet war, was das gewonnen. Bei 10 verloren und ein Hinweis darauf, dass er sich nicht gründlich abgetrocknet hat. Dann ist die Haut nämlich naß und feucht und man bleibt an den Sachen hängen, wenn man sie so anzieht. Bei Stufe eins, zwei, drei ist die Haut trocken, mein schlüpft reibungslos durch das Schlafzeug hinein. Das machte Alfons und mir einen Riesenspaß. Er lachte und war auch glücklich, und manchmal trickste er mich auch aus und freute sich darüber. Manchmal wurde er übermütig und dann sagte ich, wenn es zu doll wurde, Übermut tut selten gut. Auch das ärgert mich heute…

Wenn ich das alles rückblickend sehe, bereue ich jede Ermahnung an Alfons. Was ihn das Leben für Kraft gekostet hat, mit solch furchtbaren Blutwerten, einem Blut, dass zu wenig Sauerstoff transportierte und Alfons blass und schlapp machte. Aber so war es und ich habe ihm geholfen, wo es ging.

aufgeschrieben am 27.10.2019

Charité

Gestern sind Alex, Hannah und ich zum Gedenktag der in der Charité verstorbenen Kinder nach Berlin gefahren. Mir geht es wie Hannah – nur das Vorbeifahren an dem Komplex, dazu die laute und schnelle Seestraße, die industrieähnlichen Neubauten und die schmerzlich-schöne Mittelallee… – all das macht mir Panik und löst Stress und Wut und Trauer aus. Aber Alfons hat dennoch hier gelebt. Die letzten drei Monate seines Lebens. Mit Schmerzen, aber es gab auch seltene Momente des Unbeschwertseins inmitten der Tortur: als er mit Holger WII spielte, mit Papa Kochsendungen anguckte, Manja und Malte zu Besuch kamen und er mit mir unten in der Apherese war und ich ihn zum Lachen brachte. Alfons‘ Zimmer hatte ich mit seinen Bilder ausgestaltet, mit Postkarten geschmückt, sein Spielzeug aufgebaut, sein kleines CD-Regal mit den Pumuckl-CDs stand auf dem Tisch, dazu viele Bücher, die wir vorlasen und Lego.

Dahin kehrten wir zurück. Die Sonne schien und das Laub war gelb wie bei unserem letzten Spaziergang am Sonnabend, den 22.9.18. Wir kehrten zurück wie schon einmal im Januar 2019, als wir den Ärtzen vortrugen, was uns auf den Stationen widerfahren war. Ein Jahr später, so sagte es mir gestern Frau Eggert, die sich eine Zeitlang zu uns setzte, ist nach kurzer Besserung wieder vieles wie zu Alfons‘ Zeiten: 10 Stellen im Krankenpflegebereich sind nicht besetzt und alle laufen am Limit. Wir wissen, was das für die Kinder und die Pflegenden bedeutet. Auf 4 Seiten habe ich damals mit Manja alles zusammengetragen…

Ungefähr 120 Namen von verstorbenen Kindern wurden auf der Gedenkfeier in der kleinen Kapelle an der Mittelallee verlesen. Hauptsächlich die der letzten 3 Jahre. Schwestern und Ärztinnen sangen. Es wurde gelesen und Musik gespielt. Jedes Jahr versterben 30 bis 40 Kinder auf den onkologischen KInderstationen der Charité. Wir hörten auch den Namen unseres Sohnes „Alfons Quint“. Ich denke, es ist ein Irrtum. Ich denke, ich schaffe es nicht, diesen Weg zu gehen. Der nur aus Durchhalten und Aushalten besteht. Ich sehe so viele verweinte und verbitterte Gesichter, Schicksale, furchtbarer als das Unsere. Zwei Bilder von Alfons habe ich in das Gedenkbuch geklebt und ich schrieb in etwa Folgendes darunter…

aufgeschrieben am 15.10.2019

Heute vor einem Jahr und heute vor 11 Jahren

Vor einem Jahr, es war Dienstag, der 16.10.18, lag Alfons nun schon drei Wochen im Koma. Am Mittwoch, dem 17.10.18, sollten ihm erneut seine Spenderstammzellen gegeben werden. Ich ging gegen 20 Uhr ins Elternhaus. Ich hatte den Nachmittag bei Alfons gewacht und gelesen, hatte zum Abend seine drei Schlaflieder: La le lu, Schlaf, Kindlein, schlaf und Stille, still… gesungen. Den ganzen Nachmittag sank sein Blutdruck, Bluttransfusionen und Flüssigkeitszufuhr halfen nichts. Eine Ärtzin informierte uns, dass sie unter diesen Umständen auf die Dialyse verzichten mussten. Ich begriff gar nichts, war beruhigt, dass sie ihn nicht noch mit der Dialyse belasteten. Alex schickte mich also ins Elternhaus zum Schlafen. Dort lag ich wach auf dem Bett, sah mir Alfons‘ auf einem Foto an, bat Gott, ihm Kraft zu geben, ihn durchhalten zu lassen, obwohl ich nicht an einen Gott glaube. Wir waren verzweifelt, seit Monaten. Waren müde, unendich. Waren empfindlich geworden durch den Lärm und Staub der Stadt. Ich dachte an Alfons, der sein Grün, seine Bäume und Tiere liebte. Wir waren besorgt um unser Kind, außerordentlich besorgt und hoffend und verzweifelt. Wir waren außer uns. Ich lag auf dem Bett und konnte nichts tun. Zweidrei Stunden später rief Alex an: Komm bitte, Alfons braucht dich. Unser Kind kämpfte. Ich begriff nichts. Wie lächerlich war meine Müdigkeit gegen seine Dunkelheit, in der er lag und nicht zu uns durchdringen konnte. Wie dumm war mein Kaputtsein gegen seinen Mut und seine Kraft, dies alles auszuhalten. Wie jämmerlich mein Leiden um meine Kind gegen sein Leid, gegen seine Schmerzen, gegen sein Nichtmehrlebendürfen. Wie verzweifelt war Alfons, als er feststellte, es nicht zu schaffen? Wo ich ihm sagte, als er mich fragte: Mama, werde ich wieder gesund? Ja, Alfons, ja, du wirst gesund. War er wütend auf mich, dass ich ihn belogen hatte? War er voller Angst, dass er nicht mehr mit uns reden konnte? Und nicht wusste, was mit ihm passiert? Die ganze Nacht kämpfte er. Sie schoben ein Bett neben sein Bett. Wir lagen dort abwechselnd mit Alex. Ich weinte unaufhörlich. Schlief einzwei Stunden. Früh gegen 4 oder 5 Uhr rief Alex Carl an, die Schmelze Oma, Tante Elke und Holger, Manja kam ohnehin regulär zum Besuch von Alfons. Sagte uns da Dr. Schmidt: Alfons stirbt? Oder schon am Abend zuvor? Als alle kamen und alle da waren, sich von Alfons verabschiedet hatten, die Sonne schien und ich musste ein Tuch am Fenster ständig verrücken, damit das grelle Licht nicht seinen Augen weh tat, als also alle um sein Bett standen, stellten sie nach und nach die Medikamentengabe ein. Die Blutdruck- und Herzmittel verblieben für weitere 2 Stunden. Wir baten die Familie hinaus. Alex lag bei Alfons. Ich brachte noch Manja in den Vorraum, da piepte der Monitor, wie in allen schrecklichen Filmen piepte er und zeigte an: keine Vitalwerte mehr. Ich lief zum Bett, ich dachte, zwei Stunden blieben, aber ich sah Alfons‘ Herz immer langsamer werden. Ihn kalt werden. Herr Schmidt sagte: Sprechen sie zu ihm, wünschen sie ihm eine gute Reise. Wie absurd. Eine gute Reise. Wohin reist Alfons? Ohne mich, ohne den Papa, ohne seinen Bruder. Sein Körper wurde aschgrau, aber so sah er schon die letzten Tage aus. Das Herz hörte auf zu schlagen. Es war 15.35 Uhr. Sein Marathonlauf war vorbei, vor dem Ziel. Kalt war er. Still. Sie nahmen die Pflaster von den Augen und er weinte. Sie öffneten die Fenster und später erzählte mir Schwester Maren, dass zur gleichen Zeit eine andere Mutti auf der Staion 30i an sie eine Foto schickte: draußen, gegenüber von Alfons‘ Zimmer, saß eine Eule in ihrem Astloch. Ich konnte ihn nicht waschen, konnte nicht seinen zerschundenen Körper ertragen mit so vielen Einstichstellen. Als wir eine halbe Stunde später zurück kamen, lag er gewaschen und mit meinem Lieblingsduft (Zitronengrasöl) im Bett. Alfons und Carl mochten den Duft und rieben sich damit ab und an ganz vorsichtig ein. Alex und die Schwester setzten ihn auf meinen Schoß. Ich hielt ihn. Alfons war schwer. Nicht mehr so leicht, wie wenn er nach dem Frühstück noch am Früstückstisch auf meinen Schoß zum Kuscheln kam, noch als Großer. Alex fotografiert uns und sagte: Alfons lächelt. Wir blieben drei Stunden bei ihm. Ich hätte gern die ganze Nacht bei ihm gelegen, aber Alex wollte los und ich war so orientierungslos. Ich kuschelte ihn in seine beiden Kuscheldecken, in sein Piraten-Kopfkissen, Bärchen und Dobby an seiner Seite. Meine rote Plüschjacke, die er zu Hause oft früh am Sonntag, da konnte er mit Schlafanzug Frühstück essen, anzog bzw. ich zog sie ihm über die kälter werdenden Arme und er kuschelte sich darin ein. So lag er auch jetzt da. Eingekuschelt. Und ich schloß die Tür mit einem allerletzten Blick auf mein Kind…

Vor elf Jahren gab ich am 15.10.2008 eine Erklärung an meinen damaligen Arbeitgeber ab: voraussichtlicher Geburtstermin am 23.04.2009. Es gab noch einen zweiten Termin, am 12.4.09. Zur Welt kam Alfons am 3.4.2009. Am Tag „Finde-einen-Regenbogen-Tag“. Das erfuhren wir erst am 3.4.2020, als wir Alfons‘ 10. Geburtstag erlebten, ohne ihn. Alfons liebte Regenbögen, auch das haben wir von unserem Sohn erst danach erfahren, als wir all seine Schätze versammelten und sichteten und uns die vielen Regenbogenbilder auffielen. Alfons hatte es eilig. 1 Uhr am 3.4.2008 platzte die Fruchtblase, 3 Uhr begannen die Wehen und ich rief meine Hebamme. 4 Uhr waren wir in der Klinik in Weißwasser. Alex brauchte einige Zeit, um Carl zu wecken und unterzubringen. Erst am 3.4.2009 hatte ich mit Kathrin gesprochen, ob sie am 12. oder 23.4. Carl übernehmen würde. Sie wurde nicht wach. Oma half aus. Aber da war es schon 6.30 Uhr. Alfons kam um 6 Uhr auf die Welt. Schneller als gedacht. Ich badete noch, lief herum und gebar Alfons, bis auf die letzten fünf Minuten, im Stehen. Das ging leichter und ich wollte nicht liegen wie bei Carl. Ich erinnere mich, dass ich vor der letzten Presswehe Angst hatte. Dabei guckte Alfons mit seinen vielen schwarzen Haaren schon heraus. Ich war so glücklich. Glücklich, nicht gestorben zu sein (ich hatte im Wochenbett von Carl eine Lungenembolie). Glücklich, Alfons in den Armen zu halten. Als Alex kam, knurrte er. Die Hebamme sagte, da er zeitiger kam als geplant, bräuchte er noch etwas für den Übergang, damit seine Lungen sich entfalten konnten. Sie legten ihn ins Wärmebett, noch im Entbindungszimmer. Er knurrte und wir sagten Knurrhahn zu ihm. Später fanden wir erst heraus, als wir mit den Kindern im Meereskundemuseum in Stralsund waren, dass es einen Fisch namens Knurrhahn gab.

Nach drei Fehlgeburten hatte ich zwei gesunde Kinder zur Welt gebracht. Bei Carl war ich 30, bei Alfons 38. Als ich 48 wurde, dass war im Mai 2018, als Alfons schon krank war, wir die schlimme Diagnose kannten und am 28.5.18 zur Typisierung auf die K1 des CTK mussten. An meinem 48. Geburtstag also sagte eine Schwester zu mir bei der Blutabnahme für die Typisierung: Nun strengen sie sich an und machen sie ihrem Kind ein schönes Geburtstagsgeschenk. Aber meine Stammzellen eigneten sich nicht für Alfons. Am Nachmittag saß Alfons auf meinem Schoß und sagte, als ich über meine Alter klagte: Mama, du bist keine 48, für mich bist du wie 38. Wir haben uns geliebt, bedingungslos, wie man nur Kinder liebt und sie einen lieben.

aufgeschrieben am 14.10.2019

Noch einmal Kastanien

Heute früh schrieb ich meiner Cousine, als wir über das Glück und das Nachvornegucken und das Schlussstrichziehen sprachen: Ich bin im Schmerz bei Alfons und gehe da hindurch und bin anstrengend und leidend, dass fühlt sich nicht passend an zum Glück. Mir fehlt das Glück nicht. Glück ist, wenn Kinder nicht durch Krieg und Krankheit sterben müssen oder, wie bei mir auf Arbeit, sie missbraucht werden und verwahrlosen müssen. Ich hadere mit dem Leben. Viele Eltern toter Kinder hadern damit. Das gibt mir Sicherheit, diesen Weg beschreiten zu können. Gestern hatte ich furchtbare Fremdheitsgefühle. Ich war Kastanien sammeln, bei der Papierfabrik in Köbeln, dort war ich im Herbst oft mit Alfons. Wir haben alle Kastanien aufgesammelt. Alle, die da lagen. So war Alfons, er wollte keine einsam zurück lassen. Als ich mit der Handvoll Kastanien zurück kam ins Haus, war es fremd und tat weh und ich war in meinem Körper fremd. Ich konnte es kaum aushalten. Ich hab geweint, aber es ging nicht weg. Erst als ich im Blog schrieb, ließ das Gefühl nach. Das war das erste Mal, aber häufig am Tag erlebe ich Veränderungen in mir, in meinem Umfeld. Das kostet mich Kraft und meine Aufmerksamkeit. Ich will es nicht verdrängen, weil es davon nicht weg geht. Ich muss da durch gehen, sonst ersticke ich. Verstehst du, warum leben so schwer ist und kein Glück Platz hat? Es wird doch nie wieder gut. Alfons bleibt tot und Carl muss mit Abstand darauf schauen und mich vielleicht meiden, um weiterleben zu können.

 

Zahnarztbesuch

Gleich treffe ich Carl. Wenn es ihm sonst schwer fällt, dass wir uns sehen und er nicht nach Hause kommen kann, weil sich alles furchtbar verändert hat, so sehen wir uns vielleicht gleich beim Zahnarzt…

Mit den Kindern bin ich von Anfang an zu meiner Zahnärztin Frau K. in Weißwasser gegangen. Als sie klein waren, saßen sie auf meinem Schoß oder besser lagen sie auf mir und öffneten bereitwillig ihren Mund. Die Zahnärztin war sehr behutsam. Ich sprach dazu beruhigend zu Carl und Alfons. Was sie nicht mochten, war die anschließende Prophylaxe-Behandlung im Nebenraum, während ich zahnärztlich behandelt wurde. Mit Carl mussten wir zudem nach Forst. Beizeiten bekam er eine Spange, mit 10, da er im unteren Kiefer einen Zahn zu viel hatte. Er stand so mittig und prächtig, dass es mir weder im Milchgebiss noch bei den bleibenden Zähnen aufgefallen war. Dieser Zahn wurde dann gezogen und die Spange brachte die Zähne auf Linie. Heute würde ich das nicht mehr machen. Die aufgeklebten Halterungen für die feste Spange hinterließen auf Carls Zähnen weiße Flecken. Viele Zähne sind angegriffen, er muss sehr vorsichtig mit ihnen sein, da dort kleine Löcher entstehen können. Carls Milchzähne hob ich auf. Tante Elke, von Beruf Meisterin der Zahntechnik, sammelte sie und machte ein echtes Gebiss daraus. Ich fand das immer etwas ekelig.

Bei Alfons ging das von Anfang an schief. Er verlor seine Zähne im Wald, als seine Kindergärtnerin Doreen versehentlich an Alfons geriet und einem Wackelzahn den Rest verpasste. Noch einen weiteren verlor er in der Kita beim Spielen. Die Frontzähne gerieten zu stolzen großen Zähnen, dazu seine vollen Lippen, die großen Augen… Seine letzten beiden Zähne verlor er in den Monaten Mai, Juni und Juli 2018 während der Zeit im CTK. Die Wackelzähne quälten ihn, wie immer. Frau Saribeyoglu bot ihm an, während der Katheter-OP den einen Wackligen unter Narkose herauszuziehen. Ich weiß gar nicht, ob das ihr Ernst war. Er fiel aber am Wochenende zuvor zu Hause raus und Alfons bestand darauf, dass die Zahnfee das auch mitbekommen und entlohnen sollte… Mit Alfons wechselten wir den Zahnarzt. Im April 2017 bekam er um den 1. Mai herum Zahnschmerzen. Frau K. hatte ein Loch repariert, aber irgendwie muckerte der Zahn weiter herum. Wir fuhren zweimal zum Bereitschaftsarzt Herrn B. in Weißwasser. Alfons war von seiner Geduld, seinem Zuspruch und seiner Art, beruhigend zu sein, begeistert. Wir wechselten den Zahnarzt. Fortan saßen wir bei Herrn oder Frau B.. Noch im Januar oder Februar 2018 hatte dort Alfons eine Mini-Zahn-OP, als der neue Backenzahn sich durch seinen Vorgänger schob, der aber nicht rausfallen wollte. Ich saß dabei und Alfons war sehr tapfer, nachdem er sich das ganze Wochenende schrecklichste Schmerzensvorstellungen davon gemacht hatte und mich an den Rand des Tröstens trieb. Als kleines Kind hatte Alfons eine Besonderheit: seine Zähne hatten schwarzen Zahnstein. Dank meiner Cousine Julia, die Zahnärztin ist, wussten wir, es ist nicht schön, aber vor allem nicht schlimm. Auf den ersten Blick sah es zwar lange so aus, als müsste unser Kind nur Süßigkeiten essen und durfte sich keine Zähne putzen, aber mit den bleibenden Zähnen war der schwarze Zahnstein auch weg.

Ich weiß noch, weche Angst Alfons hatte, dass Frau K. schimpfen könnte, weil er nun zu Herrn B. ging und oft musste er ja mitkommen und warten, wenn Carl und ich zu Frau K. zur Behandlung gingen. Heute gehen wir ohne Alfons dahin. Niemand fragt nach ihm. Das Verschweigen eines toten Kindes ist so raumfüllend.

aufgeschrieben am 13.10.2019

Kastanien oder etwas über Dankbarkeit

Ich öffne meinen Blog für Alfons und lese einen ersten Eintrag im Forum. Agata. Erinnerungen verbinden uns. Und Alfons, da war er gerade geboren… Es ist seltsam, dass meine Geschichten mit Alfons gelesen werden. Hier schreibe ich nur für mich, mit meinen Gedanken allein am PC. Und finde keinen Frieden und schwer fallen die Erinnerungen in mich ein und hab nur die Sorge, Geschichten zu vergessen.

Alfons wäre sehr dankbar, wenn er davon wüsste, wie viele Menschen von seinem Schicksal berührt sind. So wie er den Menschen dankbar war, die Blut spendeten, mit dem er überleben konnte. Und in der Charité war er erstaunt und voller Freude, dass fremde Menschen ihm Geschenke schickten und die uns damals nicht bekannte Nicole bunte Mützen häckelten, als Alfons seine Haare verlor…

Ich habe zwei Wochen nicht geschrieben. Susan besuchte mich und Kerstin. Es war gut, nicht allein zu sein. Mit Susan haben wir die Muschel-Unruhen repariert, die in seinem Garten hängen; mit Kerstin den Sandkasten der Kinder gesäubert. Ich weiß nicht, warum ich diese Dinge tue – in dem Sandkasten wird kein Kind mehr spielen…

…jetzt piept in der Küche der Backofen – mein Kopf bekommt Schwierigkeiten: ich denke, der Kuchen ist fertig, den ich mit Alfons bug oder seine FIMO-Knetfiguren (Mama, nur bei 110 Grad und 10 Minuten!). Ich realisiere, dass es nicht so ist und der Ton wird zur Tortur…

Aber ich wollte von Kastanien schreiben. Ich glaube, ich erzählte hier im Blog schon davon, wie Alfons und ich Körbe der glatten, braunen Früchte an der Papierfabrik in Köbeln sammelten. Und nun fand ich unlängst in meiner Regenjacke eine kleine Kastanie. Sie ist noch von Alfons. Es waren die letzten Kastanien, die wir beide im September in der Charité sammelten: Mama, nimm die ganz kleinen… Ich nahm sie, tat sie in eine Nierenschale aus Presspappe, die auf seinem Schoß stand, als er im Rollstuhl saß… Eine der Kleinen liegt auf dem Tisch in der Küche, auf seinem Brett, auf dem wir Dinge von Alfons sammeln, die uns an ihn erinnern, die er mochte… Eine Kleine ist in meiner Manteltasche und die Herz-Kastanie fanden Alex und Alfons für mich. Auch sie liegt auf dem Küchentisch, verschrumpelt.

Anne, die Mutti von Teddy, ein Junge so alt wie Alfons und schon drei Jahre vor Alfons verstorben, gab mir vor kurzem eine Handvoll dicker Kastanien mit, die ich zu Alfons legte. Ich mag diese Früchte. Sie sind so glatt und ich sagte oft zu Alfons: Stecke sie in die Tasche und wenn du sie berührst, ist es ein schönes Gefühl…

Ich habe etwas Besonderes gefunden

Beim Suchen fand ich etwas, was ich dachte, schon verloren zu haben….

Draußen an der Tür vom Haus hin zum Hof hing lange ein vielgedienter und später dann ausrangierter Weidenkranz von Alfons. So dachte ich. Ich dachte, er hätte ihn Weihnachten 2016 auf dem Martinsmarkt in der Schule gebastelt (wie man auf dem Bild sehen kann), wir hätten ihn zu Hause aufgehangen und nach und nach blieb nur der Kranz übrig, den wir immer wieder neu verzierten. Je nach Jahreszeit. Als ich ihn 2018 – Alfons war erkrankt und mir stand nicht mehr der Sinn nach Blumen und Dekorieren, dazu sollte Alfons nicht mit keim- und bakterienhaltigen Dingen in Berührung kommen – also, als ich den Kranz 2018 in die angrenzenden Rosen hing und er daraus später, während wir in der Charité waren, weggeräumt wurde, gab mir das einen Stich. als ich ohne Alfons nach Hause kam. Ich hob fast alles von den Kindern Gebastelte auf. Überall im Haus sind ihre Spuren und sie machen das Haus bunt und lebendig und lebensfroh. Und dann fehlte der Kranz!

….und nun fand ich also beim Suchen von Irgendwas den kompletten Kranz von Alfons! 2016 gebastelt und nie aufgehangen bei uns! Ich vermute, Alfons hat ihn tief im Küchenschrank versteckt und wollte ihn uns zum Fest schenken. Aber er vergaß ihn und dann lag er dort fast drei Jahre, die Beeren braun, aber alles andere gut erhalten. Ich habe mich über dieses späte Geschenk gefreut wie ein kleines Kind. Es bedeutet mir viel. Alfons hat den Kranz mit Ernsthaftigkeit und Liebe gebastelt. Ich bin froh, dass er ihn so gut versteckt hat…

Alfons‘ Bilder

Diese Bilder sind uns sehr wichtig. Alfons malte sie in seiner Krankenhauszeit. Susan und ich rahmten sie und hingen sie im Flur auf. Beim Betrachten der Wände und Türen fand ich Bleistiftstriche an der Tür, die Alfons als kleiner Junge dort hinterlassen hat. Beim Aufhängen des Regenbogenbildes in der Stube über dem roten Sofa entdeckte ich aber etwas längst Vergessenes: Als ich das alte Bild abnahm und den Regenbogen aufhängen wollte, kam ein 20 cm großes Kreuz zutage. Ich erinnerte mich – Alfons hatte es mit 4 der 5 Jahren in die Lehmwand geritzt. Sehr gerade und deutlich, sauber und mittig zu den beiden Fenstern rechts und links. Kein eiliges Kreuz. Ein Kreuz mit Geduld und Vorsicht gemalt. Geritzt. Wir waren seltsam berührt. Wir sprachen nicht so häufig über Gott zu Hause. Aber Alfons schien damals bewegt von etwas, was sich nicht ergründen ließ. Heute denke ich, vieles war in ihm und nicht teilbar. Heute nun hängt der Regenbogen darüber, nur unten schielt ein Stück des Kreuzes am Bildrand hervor.

aufgeschrieben am 29.9.2019

Mir fällt das Schreiben schwer. Mein Körper und Kopf ist voller Schmerz.

Vielleicht liegt es an dem 17.10., der Tag an dem Alfons starb. Vor einem Jahr lag er im Koma und wir haben um ihn gekämpft. Waren noch voller Hoffnung, aber eins kam zum anderen. Er hat so gelitten und so gerungen, ins Leben zurück zu wollen und es war ihm nicht vergönnt. Ich bin voller Wut auf dieses Leben.

Aber ich will schreiben. Ich habe so viele Notizen über Geschichten, die wir mit Alfons und Carl erlebten, die ich formulieren und aufschreiben will. Aber ich fühle mich immer schwächer. Ich habe so lange angehalten gegen das Vergessen, aber so viele Menschen habe weiter keine Worte für uns und Alfons oder wenden sich ab, werden schweigsam. Keine handvoll Frauen und Freundinnen sind an meiner Seite. Dabei kann ich nach einem Jahr immer weniger funktionieren. Ich bin so müde und verzweifelt von den Erlebnissen, die wir aushalten mussten.

aufgeschrieben am 22.9.2019

Alfons mochte Tiere und war gernmit mir im Tierpark in Weißwasser oder in Cottbus, in Hamburg mit Susan und in Arnhem im Urlaub 2015

aufgeschrieben am 15.9.2019

Vor einem Jahr schrieb ich schon oft im Blog, wie Alfons mit der Übelkeit rang, mit Erbrechen, Schmerzen.

Heute ringe ich mit den Fragen, was wir hätten lassen sollen, was stattdessen tun, was haben wir übersehen, was machte ihn krank? Ich stelle mir vor, er würde noch leben, wenn wir Alfons nicht behandelt hätten. Würde er noch leben oder wäre er bereits an einer Infektion gestorben, die sein Körper nicht mehr hätte abwehren können?

Ich lese in der Zeitung die Berichte über den Nachweis von Weichmachern und Plastik im Blut von Kleinkindern. Lese Berichte über Babys, die ohne Hände geboren werden. Wir haben – wie viele Eltern – Glasflaschen statt Plastikbecher benutzt,  Selbstgekochtes statt Döner und Pommes, Biogemüse statt Pestizidbehandeltes, Käse vom Ziegenhof, Draußensein und Bewegung, Schlaf, Antibiotika nur einmal dafür homöophatische Behandlungen, getragene und vielgewaschene Kindersachen… Und doch hatten wir es nicht im Griff. Unser Kind wurde krank. Ich frage mich oft, warum Alfons? Aber es sind so viele Kinder…

Ich weine seit Monaten, seit über einem Jahr jeden Tag. Bisher lenkte mich die Arbeit ab. In den letzten Wochen jedoch überkommen mich die Tränen auch dort. Einfach so. Ich denke an Alfons und bin geschockt, was passiert ist. Wenn ich tief in meiner Arbeit bin und der Kopf für einen kurzen Moment vergisst, was geschehen ist. Ich bin müde, verzweifelt und begreife nichts. Heute wollte ich so viel schreiben im Blog. Immer kommen neue Erinnerungen an Geschichten mit Alfons und Carl hinzu…

aufgeschrieben am 8.9.2019

Was der Rasen in Alfons‘ Garten mit seiner Ungeduld zu tun hat

In Alfons‘ Garten ist der Rollrasen gut angewachsen. In letzter Zeit finde ich oft kahle Stellen. Vor 14 Tagen habe ich auf eine dieser Stellen Rasen ausgesät. Rasendoktor-Rasen. Den hat sich Alfons mal ausgesucht. Wir wollten eine Stelle vor dem Komposthaufen ausbessern, aber dazu kam es nicht. Dort war einfach immer zu viel Bewegung durch uns und Donner und die Erde ist zu sandig. Die kleine Packung Rasensamen stand also in der Küche am Fenster. Dort stand auch ein „Kinderkräutergarten“ und das Vogelfutter. Alles am Fenster mit dem Vogelhaus draußen. Ich weiß nicht, wie viele Jahre der Rasen dort stand. Vielleicht drei. Diesen Samen also säte ich aus. Er war quietschgrün und ich hatte keine Hoffnung, dass daraus noch Rasen wachsen würde. Aber er keimte und wuchs. Ich staunte und freute mich, als ich heute den Garten in Ordnung brachte. Beim Rasenverschneiden entdeckte ich unter den langen Rasenhaaren weitere kahle Stellen. Ich werde also noch weiteren Rasendoktor-Rasensamen holen.

Beim Schneiden hörte ich eine innere Stimme, ich müsse noch da und dort und hie und da den Rasen kürzen. Ich dachte an Alfons. Ich sagte: Ja, sei bitte nicht so ungeduldig, ich mache das. Dann dachte ich bestürzt, es ist nur meine innere Stimme und mein Perfektionismus. Aber es passt auch zu Alfons‘ Ungeduld und zu seinen Vorstellungen, die er genau so umsetzen wollte, wie z.B. beim Kneten mit FIMO. Oder auch zu seiner Aufregung, wenn wir zum Beispiel Besuch erwarteten, dass er mich minütlich fragte, wann der Besuch endlich kommt. Oder manchmal, wenn er sich mit Jimi verabreden wollte, fragte er, ob Ramona schon geschrieben hat. Oder auch Sandy und Fynn, die er am 23.7.18 noch treffen wollte und dann kam etwas dazwischen und Alfons nervte fast und es tat mir leid und er musste auch lernen*, nicht alles geht, wie man es sich erträumt. Aber ungeduldig war er auch mit sich selbst, wenn er sich nicht entscheiden konnte. Zum Beispiel in der Kaufhalle, wenn er sich etwas aussuchen wollte, immer mit Bedacht, nie voreilig und überflüssig. Aber es konnte dauern, wirklich lange dauern und oft half nur Zuspruch und Beratung. Wenn man die Situation irgendwie falsch einschätzte, von dannen zog und Alfons‘ Gemütszustand nicht bemerkte, folgte zu Hause tiefe Verzweiflung. Dann machten Alex oder ich ihm Vorschläge zur Lösung und wir trösteten ihn und manchmal machte das alles nur noch schlimmer. Dann kam die Wut dazu und wir wurden angeschnautzt. Und immer blieben wir an seiner Seite. Oft ich mit dem längeren Atem. Manchmal half nur noch Carl, der aber ab dem 1.6.18 nicht mehr im Haus wohnte. Wenn nach solchen Verzweiflungen Alfons weinte, wich der Druck von ihm. Und ich wusste, jetzt wird es leichter. Dann sagte er oft: Mama, du hast immer so gute Ideen und ich kann mich nicht entscheiden. Und dann haben wir seinen Kummer sortiert und eine Lösung gefunden.

*all diese Situationen hielt ich immer für das Leben, in dem man lernt, wie es ist und nicht daran zu verzweifeln. Und dass man selbst sich Dinge wünscht, die für die anderen ganz anders sind und man kann sie nur respektieren, nicht verändern. Ich dachte, davon wird Alfons stark, wenn ich ihm die Welt auch mit meinen Augen erkläre und auch mit den Augen der anderen. Manchmal dachte ich, es überfordert ihn. Und damals dachte ich ja auch nicht, es ist die letzte Chance Fynn zu sehen. Niemand hat geahnt, was kommt. 

 
 

Am 10.9.18…

… bastelte Alfons sehr gewissenhaft das grüne Herz für Carl. Ich habe davon hier schon geschrieben. Es fällt mir sehr schwer, die Bilder aus dieser Zeit anzuschauen oder gar den Blog zu lesen. Das bringe ich nicht fertig. Ich sehe jetzt, wie schwerstkrank er war. Ich wusste das damals, aber dieses „normal“ der Ärzte, nach dieser schweren Therapie, hat mich erst aufgeregt, dann hab ich es geglaubt und nie konnte ich es einordnen und immer hat es mich verunsichert, weil ich mein krankes Kind sah. Aber am 10.9. ging es Alfons vergleichsweise gut.

Noch zwei andere Fotos fallen mir in die Hände. Beide aus der Zeit im CTK. Auf einem sieht er noch kindlich aus. Er albert rum, wie so oft, einfach ausgelassen. Auf dem anderen, im CTK, schaut er ernst. Jugendlich. Wissend oder einfach geerdet durch sein Schicksal? Ich suche meine Verantwortung für das was geschehen ist. Was hätte ich anders machen sollen? Bald jährt sich sein Sterben. Nichts ist leichter, besser geworden. Immer tiefer dringt der Schmerz in mich ein. Das Wissen um das Geschehen.

Als Alfons klein war…

…da fuhr ich einmal mit ihm nach Döbern zu einem speziellen Arzt. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern warum eigentlich. Ich weiß noch genau, wo es war und dass die anwesende Schwester begeistert von Alfons‘ Namen war. Sie erzählte mir, ihr Opa hieß so und der war ein herzensguter Mensch. Ich war stolz. Bis dahin kamen oft kritische Anmerkungen: wir haben viele polnische Freunde und im Polnischen ist ALFONS ein sogenannter „falscher Freund“, ein Wort, was in anderen Sprachen andere Bedeutungen hat, oft auch nicht so schöne wie im Fall des Wortes ALFONS. Ich schrieb wahrscheinlich schon, dass ich Alfons Caspar nennen wollte und als er später oft rumalberte, sagte ich immer: Was für ein Glück, dass du nicht auch noch Caspar heisst. Und wir mussten lachen. Alfons liebte seinen Namen!

Es gibt nicht viele solcher Familienfotos, wo wir alle oben sind oder zumindest eine große Anzahl von Familie. Die Bilder zeigen nicht was war, sondern was sich verändert hat. Der Jüngste, Alfons, und die Älteste, meine Oma, auf dem Bild sind tot.
Als Alfons klein war…

Als er vielleicht zweidrei Jahre war, aß er im Herbst die roten Früchte der Maiglöckchenpflanze. Sie sind giftig. Ich rief panisch bei der Kinderärztin an und sie sagte einzwei sind nicht so schlimm. Ich sah die Blume mit den roten Kugeln heute draußen. Aber Alfons aß mit anderthalb auch Muttererde und Schnecken, wenn er neben mir im Beet saß, während ich Unkraut jätete.

Als Alfons gerade geboren war, vielleicht mit dreivier Monaten – Elke, Maxi Oma, Agata und Holger, Susan und Rajko waren bei uns zu Besuch – stürzte ich in meiner Freude und Aufgeregtheit auf den Stufen vorm Haus beim Hineingehen hin. Auf Alfons. Ich trug ihn nämlich vor meiner Brust und wollte zum Stillen ins Haus. Er schrie fürchterlich. Susan fuhr mit mir zum Kinderarzt, dann zum Röntgen ins Krankenhaus nach Weißwasser. Die ganze Autofahrt stillte ich Alfons, so dass er sich beruhigte. Später war alles in Ordnung, nur eben der Fuß ganz dick und etwas blau.

Und eine letzte Erinnerung fällt mir heute ein: Alfons mochte ja das Geschauckelt werden, kopfüber als Baby, das wilde Schauckeln später in seiner weißen Leinenschauckel. Er mochte aber auch Stille, also Ruhe und Innehalten. Keine Musik. Kein Radio. Später änderte sich das, da liebte er Diskomusik mit seiner Diskokugel, die ihm Tante Elke geschenkt hatte. Er tanzte auch gern. Aber es gab immer auch stille Zeiten. Wie in der Krankheit. Wenn es ihm sehr schlecht ging, dann wollte er kein Fernsehen, kein Hörspiel, keine Fragen, nichts erzählen, keine Berührungen (was für mich am schwersten auszuhalten war). Dann ging nur noch Vorlesen und das Massieren seiner Füße. Das konnte er aushalten und es schien sein Leid zu lindern.

aufgeschrieben am 1.9.2019

Spuren

Es gibt Spuren hier, in Alfons‘ und Carls zu Hause, die fühlen sich an, als wäre er da. Nur kurz bei einem Freund zu Besuch oder auf Klassenfahrt oder drüben in Krauschwitz bei Tante Elke – deshalb ist es so still. Nicht weil er tot ist, sondern nur kurz weg. Diese eigentümlich Stille im Haus, die ich sonst genoss, als die Kinder hier lebten, weil sie so selten war. Jetzt lebe ich in ihr. Ich kann nicht sagen, dass ich sie hasse, obwohl sie mich fortwährend an Alfons‘ Verlust erinnert. Die Stille ist der Verlust, sie ist Trauer, sie ist Schmerz und darin überlebe ich…

Zurück zu den Spuren: Eine dieser lebendigen Spuren ist sein Zahnputzbecher, mit seiner letzten Zahnbürste und der Zahnpasta. Am Rand des gelben Bechers sind eingetrocknete Reste vom Zahnpasta-Wasser-Spucke-Gemisch, das seine Lippen dort hinterließ. Er mochte Zähneputzen nicht. Husch-husch putzte er, mit viel Schaum im Mund. Davon gibt es nun die Reste, die mich beim unmittelbaren Anblick denken lassen, es ist alles gut, er kommt gleich wieder… Daneben steht sein grünes Waschmittel. Ich wage es nicht, daran zu schnuppern. Er badete damit am 24.9.2018, am Abend, bevor er am darauffolgenden Tag ins Koma gelegt wurde. Er wollte baden. Ich sah ihm nur kurz zu. Es betrübt mich. Er sagte: Mama, setzt du dich zu mir. Aber ich wollte erst sein Krankenbett frisch beziehen. Ich tat es und dann blieben nur 5 Minuten bis ein Arzt kam, der Alfons zum Röntgen schickte, obwohl er Schmerzen am ganzen Körper hatte und es ihm sehr schlecht ging…

Noch eine dieser Spuren gab es auf der Stiege, die hoch zum Dachboden führt. Dort versteckte sich Alfons oft, obwohl die Stiege einsehbar war. Aber wenn ich dort wischte und Ordnung machte, erschrak und freute ich mich jedesmal. Versteckst du dich? sprach ich ihn an und lachte, wenn ich Alfons entdeckte und auch er war glücklich, entdeckt worden zu sein. Seine Tapsen, mit Socken, fand ich im Staub, nach seinem Tod, und wischte sie weg und frage mich heute, warum ich das tat… Alfons versteckte sich auch unterm Wäscheständer im Bad. Dort hängte ich nur im Winter die Wäsche auf, im Sommer immer draußen. Das geht nach Alfons‘ Tod nicht mehr. Ich verbinde die Wäsche auf der Leine in der Sonne und Wärme mit einem glücklichen und friedlichen Leben. Aber mein Leben trauert und ich mag keine flatternde Wäsche sehen. Sehe ich nun den klapprigen Wäscheständer, denke ich, Alfons säße drunter, voller Schalk und Freude. Als er klein war, passte das; als er größer wurde, riss er den Ständer fast um, weil er nicht mehr so einfach darunter passte…

Und dann diese Spur: Vorgestern fand ich im Garten einen Stock, silbrig, wie Treibholz, von der Sonne geblichen. Er lehnte am Pflanzhaus neben der Zinkbadewanne, in der sich das Regenwasser sammelt. Wie eben abgestellt von Alfons. Weil er etwas am Wasser machen wollte und dann den Stock vergaß. Ich nahm den Stock; er war lange in unserem Garten, er war nicht groß und Alfons nutzte ihn als Wanderstock, also musste er selbst klein gewesen sein, als er ihn irgendwo fand und mitnahm. Ich nahm also jetzt den alten Stock und brachte ihn zu Alfons in seinen Garten auf dem Friedhof…

Eine letzte Spur, die mir täglich ins Auge fällt. Das geknüpfte oder gehäkelte, dunkelgrüne, dünne Wollseil an dem Türchen unten an der Treppe, damit der Hund nicht hochläuft. Im Sommer ’17 schraubte es Alex fest an die Wand, sonst stand es kippelnd dort. Alfons muss danach das dünne Seil da rangebunden habe. Damit ließ das Türchen sich auch auf- und zuziehen. Es ist immer noch da. Auch der Hund Donner, der weiter nach oben tigert, zu den Kindern in die Betten, wenn ihn das Türchen nicht davon abhalten würde…

Das sind Spuren, die irgendwie lebendig sind. Natürlich ist davon das ganze Haus voll, aber manches von dem, was Alfons geschaffen hat, wirkt anders. Vielleicht so, wie es Fynn gestern sagte. Er kam mit seiner Mama und ihrem Freund spontan zu Alfons. Fynn hat ihm eine FIMO-Knetfigur gebastelt und in den Baum in Alfons‘ Garten gestellt. Er hat sich sicher sehr gefreut über Fynns Geschenk! Alfons war FIMO-Fan! Er begann mit achteinhalb Jahren Figuren aus FIMO-Knete zu gestalten. Filigrane, detailreiche und individuelle Figuren, Formen, Burgen, Schilder, Schiffe…  Fynn schaute sie gestern lange an, auch die Mutmacherperlenkette auf dem Küchentisch zwischen all den Kerzen und den Dingen, die Alfons mochte und ihn ausmachte. Fynn sagte, als er ging: Es ist wie in einem Museum hier.

Am 4.8. in der Charité. Die Chemo läuft seit 5 Tagen, noch 2 Tage. Alfons geht es gut. Die nebenwirkungen setzen erst nach und nach ein. Hier ein Selfie. Das macht er oft in der Charité-Zeit.

Eine wichtige Spur, die der Kuscheltiere

Alfons hatte, wie auch Carl, viele Kuschel- und Plüschtiere, Puppen und Teddys. Schon bei Carl war es so, dass er irgendwann die kleinen und oftmals weiterverschenkten und unscheinbaren Kuscheltiere besonders liebte. Bei Carl war das ein kleiner Bär, 10 cm groß, der zu einem größeren Bären gehörte und Tante Carmens Spielzeug war. Später kam ein Pinguin hinzu, auch 10 cm klein, der in einer Tasse steckte, die er von Tante Helga und Onkel Manfred zum Nikolaus bekam. Und kurze Zeit darauf gesellte sich ein 2. Pinguin in die Runde: erhalten zum 6. Geburtstag, den wir im Tierpark in Weißwasser feierten. Diese Drei lebten später bei Alfons, vererbt von Carl an Alfons. Wie auch das Nilpferd Lilly, ein Geschenk von Susan an Carl: Lilly rettete Alfons erst während seiner Krankheit aus dem fast leergezogenen Kinderzimmer von Carl. Diese Tiere und die eigenen Lieblinge lebten mit Alfons in seinem Bett und wahlweise im Ehebett, wo Alfons auch schlief. Bei Alfons gehörte die Mond-Spieluhr von Oma Schmelze dazu, ein klappernder Esel von Ola, ein selbstgenähter Stern von Mama, ein selbstgehäkelter Zwerg von Frau Hinze, seiner Lehrerin, das Bärchen, was eigentlich Tante Elke mal Carl geschenkt hatte, den Wolf Zabiviaka, das Maskottchen der WM 2018, ein kleiner Esel, ein Geschenk von Papa an Mama, ein kleiner Elefant, den Donner immer mopste und der demzufolge oft gewaschen wurde, ein großer Hase und ein Tiger von Oma Maxi, den gehäkelten Hund Dobby von Kathrin zu seiner Geburt… Die alle lebten um Alfons herum und fast schien Alfons mit seinen neun Jahren aus dem Alter der Kuscheltiere entwachsen, da wurde er krank und mit diesem Tag tat er drei wichtige Sachen, die ihn bis zum Ende begleiteten:

1. Alfons baute sich in die Mitte der Wohnküche hier eine Bude und verbrachte da drinnen, im Schutz, viel Zeit, wenn wir nicht im Krankenhaus waren.

2. Er sammelte die liebsten Kuscheltiere um sich herum. Sie mussten mit ins Bett, ins Krankenhaus, in die Bude, mit nach Berlin. Das war die Lilly, Zabiviaka, das Bärchen und Dobby. Als Fünftes kam Öhrchen hinzu. Ein lila-gehäkelter Elefant mir Riesenohren. Ein Geschenk des Elternhauses des CTK in Cottbus an die kranken Kinder. Alfons freute sich so über ihn; er hatte sich immer ein gehäkelts Tier gewünscht und nun endlich erfüllte sich sein Wunsch. Bärchen wurde vor Berlin noch eingekleidet. Dazu waren Alfons und ich im Blechen Carre unterwegs. Nur Dobby und Bärchen durften mit auf die Isolierstation, da sie bei 60 Grad waschbar waren. Alle anderen warteten im Elternhaus in Berlin auf ihren Einsatz. Vor Ort in der Charité wartete noch Fluschi im Bett und ganz später kam noch ein großer Bär hinzu, einer mit Motorradbrille; wir sagten, er ist ein Onkel von Bärchen. Das wichtige an den Tieren war, dass sie sprechen konnten und sie immer, soweit es Alfons wollte und Kraft dafür fand, zu ihm sprachen. Sie begannen damit im CTK, als wir nach 3 Tagen Iso-Zimmer auf die K1 umzogen. Alle hatten unterschiedliche Stimmen und lachten mit Alfons oder waren traurig oder machten ihm Mut. Zuletzt sprach Bärchen am 24.9. mit Alfons und Dobby ging mit ihm in seinen Garten, um bei ihm zu sein. Bärchen, Öhrchen und Zabiviaka liegen in meinem Bett. Lilly, Fluschi und der Motorradfahrer sind bei Alex.

Die 3. große Entscheidung, die Alfons traf, war, dass er wieder anfing den Pumuckl zu hören. Mühselig über Youtube, aber dort sind die Dinge nicht so leicht findbar für ein Kind, was noch nicht schreiben kann. Zu spät entschloss ich mich, alle 40 Gescchichten auf CD zu kaufen. Wir hatten nicht das Geld, aber es war so eine Freude für Alfons. Hätte ich es nur eher getan, dann hätte er zu Hause schon die CDs hören können, so begann er damit in der Charité und hatte an manchen Tagen keine Kraft dafür. Nur Stille wollte er dann, wenn es ihm besonders schlecht ging. Wir durften an diesen Tagen nur seine Füße massieren, jede Berührung tat ihm weh. Die Teile um Nr. 20 hörte er im Koma, die letzten CDs sind noch verpackt. Er hat sie nicht mehr hören können.

aufgeschrieben am 25.8.2019

Zurückblicken

Ich wage es nicht, in den alten Blogeintragungen aus der Zeit der Charité zu lesen. Ich weiß, Ende August kamen die Auswirkungen der Chemo, Alfons verlor seine Haare, und ihm war übel und er hatte starke Schmerzen am Po und im Mund. Mukositis. Ich sprach es immer falsch aus und Alfons berichtete mich ungehalten; da wusste ich, es geht ihm besser, wenn er meckern kann. Irgendwann Ende August durfte er raus. Die Stammzellen waren angewachsen, stellten Blut her. Alfons durfte essen, raus – Phase gelb und dann kam die Verlegung auf die onkologische Kinderstation, 30i. Wir waren so voller Hoffnung…

In nicht mehr ganz zwei Monaten begehen wir den 1. Todestag. Heißt das so? Unser Kind ist dann bereits ein Jahr tot. Als ich draußen die Wäsche abnahm, berührte meine Arme etwas Weiches, aber ich konnte nichts entdecken. Ist das mein Kind? Woran soll ich mich klammern? Immer noch vermisse ich Alfi, jeden Tag, und denke an ihn. An alles mögliche…

Heute schrieb ich einer Kollegin: … ich mache mir keine Gedanken um mich; ich habe keine Sehnsucht nach Glück, Freude, Zukunft. In mir ist Trauer, nicht mehr und nicht weniger. Alle Gedanken sind bei Alfons und meinem großen Sohn, der ja auch ausgezogen ist und nicht mehr kommen mag. Ich lebe in der Vergangenheit, bin in der Klinik, bin bei den längst vergangenen Geschichten eines nun toten Kindes. Schreibe Alfons‘ Blog.

Meine Notizen

Seit Monaten notiere ich mir auf meinem Handy Erinnerungen an Alfons. Später übertrage ich sie auf meinen PC, wähle etwas aus, schreibe darüber, suche Fotos aus. Heute geht es nicht. Ich weine den ganzen Tag. Da ich nur am Wochenende Zeit für den Blog finde, sitze ich nun, lese alle Erinnerungsschnipsel, weine noch mehr und wähle irgendetwas aus…

Backen und Essen und anderes

Am letzten Wochenende, am 17.8.19, ließ Hannah Pflaumen hier und ich machte Streusel dazu und fertig war der Pflaumengrumble. Es fällt mir schwer zu backen. Alfons und ich taten es fast jedes Wochenende. Leider nie Grumble. Obwohl er Streusel liebte und irgendwann einmal zu mir sagte, als ich den von den Kindern besonders geliebten Zupfkuchen bug: Es schmeckt so gut, Mama, lass mir genug zum Ausschlecken übrig. Wir haben gelacht und gesagt, wir werden mal nur eine Schüssel von dem Teig zum Naschen machen. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Ich ließ ihm immer etwas übrig, aber das war natürlich zu wenig. In der Krankheit mochte er nicht mehr so viel Süßes. Und in diesem Jahr habe ich Andrea, Susans Frau, dabei erlebt, wie sie Streusel naschte, den sie sich extra gemacht hatte. ich dachte sofort an Alfons – sie hätten sich wunderbar verstanden.

Seinen letzten eigenen Kuchen bug Alfons im Juli 2018. Als ich früh aufstand, war der Teig schon in einer Form, frische Himbeeren drin und Bananen und Schokolade, Mehl, Eier, Butter… Und weil er ihm zu fest schien, rührte er Wasser unter. Ich schaute etwas entsetzt auf die Mischung, aber Alfons beharrte darauf, dass der Teig in den Ofen müsse. Leider ist er nicht durchgebacken und damit hatte es sich für Alfons auch irgendwie erledigt. Ich schlich mich später aus dem Haus, um den Kuchen zu entsorgen. Alfons sollte es nicht merken, aber Alfons fragte nicht mehr nach ihm. Es war so, als wollte er es einfach selbst getan haben. Nicht wie ein Neunjähriger, eher wie einer in der Pubertät. Aber vielleicht interpretiere ich das heute so.

Es gibt viele Details und Erinnerungsfetzen rund um das Essen. Ich habe davon schon im Blog geschrieben und immer noch fällt mir mehr ein…

Wie ich mit Alfons im Bauch jeden zweiten Tag ein Glas Sauerkirschen aß und ich später erst hörte, dass das Fruchtwasser nach dem schmecken sollte, was man als Schwangere aß und trank… Oder wenn Alex zum Mittag- oder Abendessen etwas mit Gehacktes machte, dann nannte er es mit den Kindern „Regenwürmer“… Oft aßen wir zurechtgemachte Schnittchen auf dem roten Sofa, mit einem Wischtuch auf einem Stuhl, darauf Teller mit leckeren Sachen, Obst, Gemüse; die Kinder oft frisch geduscht und vor dem „Sandmann“… Zu Trinken machte ich oft „Apfeltee“; es war auch eine preiswerte Alternative zu Wasser oder Saft, ich kochte den 9-Kräuter-Tee, den die Kinder liebten, dazu eine Hälfte Apfelsaft, das gab es auch in der Termoskanne in die Schule mit… Am Wochenende gab es oft hinten im Garten, eine zeitlang auch im Hof, ein Lagerfeuer und Würstchen am Spieß, ein praktisches Abendbrot… Noch im April 2018 saßen Alfons und ich im Auto, ich hatte ihn eben aus dem Hort abgeholt und noch eine Kleinigkeit im NETTO in Cottbus eingekauft, und aßen „Saure Würmer“ und lachten, wenn ich mehr aß, als ich wollte; ich sagte immer, sie machen abhängig und Alfons schaute streng, wenn ich noch mal zugriff, obwohl ich schon gesagt hatte, dass ich fertig bin… Wenn die Kinder erkältet waren, gab es selbstgemachten Zwiebelsaft und auf die Brust Pulmotin (als Alfons in der Charité beginnende Schmerzen in der Brust verspürte und kaum mir und den Ärzten das sagen wollte, da bat er mich: Mama, bring bitte von zu Hause die grüne Tube mit (das Pulmotin). Ich vergab es leider… Aber ich dachte an sein blaues Kopfkissen und seine zweite Kuscheldecke, die ich brachte und in die er die letzten Wochen eingekuschelt im Bett auf der Station 30i verbrachte.

Wortverdreher

Zum heutigen Schluß erinnere ich mich an eine wunderschöne Begebenheit, die immer mal wieder vorkam und uns dann zum Lachen brachte. Ich merkte mir den Namen des Alpaka nicht, kaufte aber in einem Winter Handschuhe aus der Wolle der Alpakas. Statt Alpaka sagte ich immer Apalaka. Das brachte Alex und auch Alfons zum Lachen. Man muss wissen, dass er so lachte, dass er sich nicht mehr beruhigen konnte und die Stimmung dann manchmal ins Lustigmachen überkippte. So war es auch mit Papas Erfindung, dem „Würzfleisch“. Erst vor kurzem fand Alex auf seinem Handy einen kleinen Videofilm, den Alfons mit Alex´‘ entführtem Handy drehte. Darauf bin ich zu sehen, in der Küche und Alfons kommentierte alles, völlig verwackelt, aber seine Stimme klar und lebensfroh, stellte mich als „Würzfleisch in seiner natürlichen Umgebung der Küche vor“. Klug und so behutsam beobachtet, mit einer frechen Note. Wie dankbar bin ich für diesen ungestümen Jungen, der das Handy nahm und solche Aufnahmen machte. Mit seiner Stimme, seinem Lachen, dem man sich nicht entziehen konnte, mit dieser Lebensfreude, mit seiner Liebe zum Leben.

Ähnlich lustig fand Alfons, wenn ich Yoga meinte und Joghurt sagte. Vielleicht hatte Alex sie beiseiten empfindsam gemacht für die Feinheit der Buchstaben. Alex konnte leicht und flüssig die Anfangsbuchstaben von zusammengesetzten Substantiven verwechseln bzw. auswechseln. Schon als die Kinder klein waren, lachten sie voller Freude darüber.

Die Kaninchen

…füttere ich jeden Tag und ich denke, dass sie Alfons nun fast um ein Jahr überlebt haben. Wie alt werden sie? Die beiden linken Tiere, oben das Weißchen (meine Namensgebung) und unten Toffel (Alfons‘ Namensidee), sind die Kinder der beiden rechten Tiere, oben Tutti, die Mutter, und unten Muggefug, der Vater. Sie kamen durch Chris und Michi zu uns, zwei ehemalige Bewohner*innen des Bahnhofs, in dem ich arbeite…

Zwei Geschwister von Weißchen und Toffel leben bei Malte; Alfons hatte sich schweren Herzen getrennt. Er erkannte schnell, wie viel Arbeit die Tiere machen, wenn man es gut meint und sich um sie sorgt und sie ausmistet etc. und von Frau Korch, der Tierärztin, wusste er auch, dass das teuer für die Mama wird…

 

Solang mein Herz schlägt, ist darin dein Grab (Mascha Kale´ko)

Dass ich in jeder Nacht Merkwürdiges träume, dass ich schreie und weinend aufwache, dass ich schlecht schlafe und bei jedem Erwachen den Alfons suche und erschrecke, dass er nicht mehr ist; dass alles hat das tägliche, stundenlange Weinen am Morgen und am Abend abgelöst. Nun weine ich urplötzlich, auch jeden Tag – ich sehe auf der Uhr, dass es 15.30 Uhr ist und denke, ich muss los, Alfi abholen; ich fahre am Abend in den Sonnenuntergang und spreche laut im Auto zu Alfons, Guck mal Alfi, wie schön der Sonnenuntergang ist; ich gratuliere Carl zu seinem 19. und höre Alfons etwas eingeschnappt sagen, Du machst immer nur was mit Carl! Ich denke das und weine.

Noch gibt es so viele Notizen über Erinnerungen an Alfons in meinen Niederschriften. Und so viele Träume habe ich notiert seit seinem Tod; ich werde sie aufschreiben, hier. Übermorgen wird Alfons 11. Immer wieder denke ich in diesen Tagen, wie ich mit Alfons und Carl, wie wir zu Hause, darüber gesprochen hätten, was gerade passiert. Wie sehr hätte es Alfons beschäftigt? Wahrscheinlich sehr, aber sicher hätte er uns vertraut, in dem was wir sagen und tun, aber welches Kind macht das nicht, seinen Eltern vertrauen? Ich denke aber auch, wie er wäre, mit 11. Ich habe ihm zum Geburtstag eine verspiegelte Sonnenbrille gekauft. Und ein Buch hätte er bekommen, aber ich kann mich damit nicht beschäftigen. Wenn ich es versuche, fallen mir die vielen Geschichten ein, die ich den Kindern vorgelesen habe. So viele Bücher. Vielleicht würde sich Alfons über einen neuen Asterix&Obelix-Comic freuen. Seinen letzten, den er im Lotto-Laden der Charité kaufte, schaffte ich nicht mehr, ihm vorzulesen. Nun kann er lesen. Und würde trotzdem mich darum bitten oder Papa, aneinandergekuschelt auf dem Sofa…

Ich schreibe über etwas, was für mich unvorstellbar ist, mein Kind zu verlieren. Aber mir ist es passiert. Und ich werde am 3.4. in seinem Garten stehen, wo er tief unten in der Erde liegt, und es nicht begreifen können.

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