aufgeschrieben am 14.2.21
Anne und das Schild von Alfons
Anne und ich sprechen viel darüber, ob uns unsere Kinder Zeichen hinterlassen aus einer anderen Welt. Wir wünschen es uns so sehr. Und ich habe schon Zeichen erhalten und dann gelingt es mir nicht, ihnen zu vertrauen. Dann spüre ich Alfons Knochen in der kalten Erde liegen. Und das fühlt sich nicht gerecht an und nicht richtig und unnötig. Im WhatsApp-Status einer Mutti von Alfons‘ Freunden sehe ich Alfons‘ Freund im Schnee liegen. Er zeichnet mit seinen Armen einen Engel. Alfons tat das auch manchmal. So sollte es doch sein und für viele ist es so. Für Alfons nicht mehr.
Es gab zwei Zeichen in der letzten Woche.
Am letzten Sonnabend oder Sonntag, im Schneesturm der Nacht, fiel die kleine Schiefertafel von der Eingangstür. Freunde und Familie und Kinder hinterließen darauf Nachrichten Wir waren hier…. Sie hängt dort schon immer und, ich glaube, im Frühjahr 2018 wusch ich sie ein letztes Mal ab oder war es eher? Andreas fand sie also am nächsten Tag auf dem Boden und hing sie auf. Als ich den Müll hinausbrachte und ins Haus zurückkehrte, las ich groß und deutlich ALFONS und weitere Zeichen und zwei Bildchen. Die musste Alfons gemalt haben, aber wann? Über zwei Jahre hing die Tafel andersherum und eben mit den Nachrichten der Freunde versehen. Nun schrieb Alfons an uns. Ich stand da und las und in mir drehte sich alles. Der Kopf schafft es nicht, zu verstehen, wo der Fehler ist. Der Körper fühlt sich fremd an, an dem Ort wo er steht. Ich halte diese Verschiebung in mir kaum aus, wenn irrationale Hoffnung in mir keimt, Alfons ist noch. Das alles passiert in Sekunden, aber danach bin ich gealtert und verzweifelter als zuvor. Es dauert, bis ich mich beruhigt habe,
Das andere Zeichen ist kein Zeichen, weil nichts zu sehen war. Es war ein tiefes Gefühl. Ich holte Carl zur Arbeit ab. Immer am Donnerstag und Freitag. Dann fahren wir zusammen nach Lieberose und ich weiter nach Jamlitz. Carl eröffnete mir fast unmittelbar nach seinem Einsteigen, sehr abgeklärt und irgendwie nebenbei, dass ihn meine Chateinträge bei seinen Livestreams störten, peinlich seien. Ein paar Tage zuvor schrieb er mir so warm und herzlich, dass sie schön zu lesen sind und es ok ist und wir uns nicht schämen müssen dafür. Jetzt war alles anders. Und ich verstummte sofort und wagte keinen Ton und war schockiert und dann erinnerte ich mich so plötzlich daran, dass mir einmal (oder mehrmals?) Alfons seine Hand auf meinen Handrücken legte. Wenn ich von etwas getroffen war und er es merkte und dann tröstete er mich still mit diesem Handauflegen. Und ich spürte seine Hand. Ich konnte mich an dieses Gefühl so klar erinnern, seine viel kleinere Hand auf der meinen spüren. Ich gab ihm damals zu verstehen, dass er sich nicht sorgen müsse. Ich hatte es vergessen, dass es das gab zwischen uns. An so viele Gegebenheiten und Vorkommnisse, Geschichten und Erlebnisse erinnere ich mich, manches war so klein und verschwunden und nun kommt es zu mir zurück.
Schlafanzug
Heute saß ich früh im Schlafanzug am Küchentisch. Ich trank meinen Kaffee, machte Feuer im Kamin und Ofen und ging später duschen. Es ist sonntags. Alfons lief jeden Sonntag lange mit Schlafanzug herum und zog ihn erst nach dem Frühstück aus. Damit er nicht fror, mummelte ich ihn in eine meiner Strickjacken ein, zog ihm Socken über die eiskalten Füße. So saß er am Tisch. Die Beine auf dem Stuhl verkreuzt, verdreht… ein Croissant essend…
Unlängst benutzte ich ein verblichenes Wort, was ich am Abend an den Wochenenden häufig zu den Kindern sagte: Macht euch bettfertig und dann könnt ihr noch ein bisschen Fernsehen gucken. Vielleicht was naschen, aus dem Vorratsschrank sich etwas aussuchen und holen… Bettfertig. Ich sagte es eines abends zu mir: Ich mache mich bettfertig. Das Wort war mir so vertraut. Davon gibt es einige, die ich denke, manchmal sage und sofort habe ich Alfons und Carl vor Augen.
aufgeschrieben am 14.2.21
Schneebruder
Er sieht etwas grimmiger aus, als sein Schneebruder von vor einer Woche. Aber er erste kleine wunderschöne Schneemann war getaut und hinterließ nur seine Mütze. Die ziert nun den keckeren Schneemann gleicher Größe…
Als ich Susan heute schrieb, schrieb ich davon, dass ich fast pausenlos daran denke, wie Alfons im Schnee tobt, aber dann überlege ich, dass er in 2 Monaten 12 wird und dann doch wahrscheinlich eher Hörbücher hört, Bücher liest, mit Freunden skypt, die er nicht treffen kann.
Draußen wirbelt der Schnee herum, er verweht und dreht sich wie ein Kreisel. Ich finde die Bilder von Alfons im Schnee, damals…
Dabei fällt mir ein: Am Dienstag fuhr ich mit dem Zug und Bus auf Arbeit, da mein Auto in der Reparatur ist. Auf dem Bahnhof in Cottbus lief ich an einem großen Plakat der Bethel-Stiftung vorbei. Darauf ein lachender Junge in Alfons‘ Alter und die Unterschrift: Was zählt wirklich? Lebensfreude!
Ich habe sofort an Alfons gedacht und wenn ich die Bilder betrachte, sein Lachen sehe, sogar seine Zweifel, sein Nichtwollen, aber auch sein breites Lachen, was immer noch mehr Stolz ausdrückte als die bloße Freude – egal wie er lachte und weinte und schmollte und sauer war, es war immer die pure Lebensfreude!
aufgeschrieben am 31.1.21
Die Tage verstreichen
Diese Sonne, die sich in den tausenden Schneekristallen spiegelt, und den vielen Schnee empfinde ich noch immer als nicht gerecht für mich, überhaupt ganz fehl in meinem Leben. Immer denke ich sofort an Alfons: Warum kann Alfons die Sonne und jetzt den Schnee nicht mehr erleben? Es schmerzt mich. Ich denke an die anderen Kinder, die in der Charité um ihr Leben ringen. Die im Krieg sind, im Meer ertrinken, die missbraucht werden. Ein Mädchen im Bahnhof schenkte mir am Freitag Blumen. So selten kommt das vor… Sternstunden nennen wir das… Wie kann man ignorieren, was auf dieser Welt los ist? Immer los war.
Dann kommen die Banalitäten. Ich habe heute den Keller im gelben Haus weiter aufgeräumt und bin auf den Schlitten der Kinder gestoßen. Er ist aus Holz, mit einem blauen Stoffbezug. Die Kordel hat Alfons selbst gestrickt, aber es sind daran auch noch welche von Carl geknüpft. Sie haben den Schlitten von der Schmelze-Oma bekommen; Carl als er ganz klein war, und später fuhren wir alle damit. Die Gloriette hinunter. Ich fand auch einen Porutscher, der war einfacher in den Hort mitzunehmen; und einen Kinderschneeschieber entdeckte ich auch. Den hatte ich vermisst; aber auch einen großen Schieber fand ich nicht mehr. Dafür Alfons‘ erstes Puzzle. Wie gelangte es in den Keller, obwohl alle anderen Puzzles oben in seinem Kinderzimmer verstaut sind? Er konnte es mit 2 Jahren und mit 3 war es schon unterinteressant. Wir kamen nie aus dem Staunen heraus, wenn wir Alfons puzzeln sahen…
Für Alfi habe ich einen kleinen Schneemann geformt. Mühselig, denn der Schnee wurde durch die Kälte zu Mehl. Andreas steuerte Augen, Nase, Mund und Hut bei. Er sieht ganz glücklich aus, der kleine Schneemann… Ich habe ein Foto von ihm an Carl geschickt, der sich darüber freute. Vorgestern haben seine Freunde und er, das Kollektiv Kraftwerk Sonne, auf twitch einen Live-Stream geschalten. Drei Djs aus drei WGs, allein und doch verbunden. Ich habe vielen Freunden und Freundinnen den Link geschickt und einige haben begeistert zugehört. Ich bin sehr stolz auf Carl.
aufgeschrieben am 24.1.21
Leere in mir
Der Schnee packt alles in Watte, die Geräusche ersterben, es wird reinlich und still und alles wird langsamer, obwohl dafür auch Corona sorgt. Die Sonne glitzert im Schnee. Ganz so ist es nicht, weil es taut und matschig ist. Aber auf dem Friedhof, auf dem Weg zu Alfons stapfe ich noch immer durch den Harsch, der unter dem Neuschnee liegt und einem zum Fallen bringt. Auf Alfons liegt eine weiße Decke, als wäre er bis zum Kopf zugedeckt und nur seine Nase und seine Augen lugten hervor… Anne erzählt mir von der Reinkarnation und den Aufgaben der Seelen und warum sich Alfons nicht so leicht melden kann, mit einem Zeichen, obwohl es sie doch gibt. Aber ich traue ihnen nicht, noch nicht. Ist es so, dass Alfons hier aufbrach, wir mit solchem elenden Schmerz zurück blieben, verzweifelt, krank, sinnlos, immer nach dem Warum fragend und währenddessen standen am anderen Ufer Menschenseelen die ihn bereits erwarteten? Nie habe ich mit klaren Sinnen – obwohl Annegret mit mir auch darüber sprach – daran gedacht, dass meine Mutti dort sein könnte. Als ich es dachte, war es irgendwie vertraut und ich war erleichtert, weil er sich und mich in ihr erkennen würde und sie sich sofort gut verstehen würden. Sie kann ihn beschützen, ihm Wärme geben, Ängste nehmen, ihn halten und mit ihm kuscheln. Kann das sein? Existiert es nur in meinem Kopf? Macht dass das Gehirn, damit ich nicht durchdrehe? Ich erinnere mich an meinen Opi, der mir meine Frage, was nach dem Tod kommt, so beantwortete: Da ist nichts. Es ist nicht mal dunkel oder hell, sondern es passiert nach dem Tod einfach nichts mehr. Ich habe mir als Kind das Nichts nicht vorstellen können. Ich habe mich damit nicht beschäftigt, obwohl 1994 meine Mutti ging. Und heute habe ich das Gefühl, dem Tod ganz nah zu sein. Und mein Gehirn tut wieder so, als wäre etwas Schlimmes passiert, was da ist, aber nichts mit mir zu tun hat. Dabei ist es dein Kind, Anett, was vor seiner Zeit und auf leidende Art und Weise gestorben ist.
Oma Maxi
Meine Oma wäre am 21.1.21 91 Jahre alt geworden. Sie ist gegangen vor der großen Katastrophe und den vielen Auflösungen in unserer Familie.
Ich habe an dem Tag an sie gedacht und heute daran, dass wir zusammen Kaffee getrunken hätten. Aber wahrscheinlich nicht, weil wir im Zeitalter von Corona leben und uns jeden Schritt überlegen.
Das Foto entstand im Sommer 2009. Alfons auf meinem Schoß, Oma Maxi neben mir. Ich war so glücklich und stolz (mein breites Lachen ist ein Zeichen von Stolz; ich erkenne es auf so vielen Fotos von Alfons wieder – sein Mund war ein Strich mit leichten Mundspitzen nach oben, da war er stolz). 5 Jahre später war Oma auf und davon und neuneinhalb Jahre später Alfons. Ich kann das Geschehene nicht fassen, nicht begreifen, nicht beschreiben, nicht bewerten, nicht annehmen, nicht bewältigen. Es wütet in mir rum und mein Lebensinhalt besteht darin, stets und ständig an Alfons zu denken. Im Außen da mache ich was, vor allem um mich abzulenken.
So viele liebe Menschen, Freunde und Familie, waren an diesem Tag zusammen gekommen. Und alles schien für einen Moment so, als bliebe die Zeit stehen und sie würde ewig währen. Aber nun, 12 Jahre später, ist Alfons schon über zwei Jahre tot, Omi schon sieben Jahre, drei Beziehungen haben sich aufgelöst und neue, die hier nicht sichtbar sind, sind entstanden. Carl geht seinen Weg, als stolzer und trauriger Bruder zugleich. Und doch – neben allem Trennen, Sterben, Zerrinnen, Überwerfen – bleibt meine bedingungslose Liebe zu Alfons und Carl, als unauslöschbare Gewissheit und Überzeugung. Es bleibt das feste Band zwischen Tante Elke und mir. Es lebt die tiefe Verbundenheit zwischen Susan und mir.
aufgeschrieben am 17.1.21
Spuren
Vor der Haustür habe ich Spuren einer Amsel gefunden. Ich füttere sie am Küchenfenster. Früher tat das Alfons, davor Carl oder wir zusammen. Ansonsten ist es ganz still. Noch immer ist mir die Stille nicht vollständig vertraut, fremd ist jedoch auch nicht mehr, aber zu viele Jahre lebte ich mit so vielen verschiedenen Lebenslauten. Die ich vermisse…
Ich hörte eines morgens Alfons sehr laut Maaaamaaaa rufen. In meinem Zimmer unten. Nicht ängstlich, eher ungeduldig, als solle ich aufstehen. Dann nochmal Maahaammaaa. Ich riss meine Augen auf. Alfons war schon weg…
Beim Aufräumen im Bad fand ich Fenistil, Traumeel, Pulmotin. Halbausgedrückte Salbentuben. Vom Pulmotin war nur noch die Packung da. Wer hat sie genommen? Ich sollte sie Alfons in die Charité mitbringen – Mama, bringst du mir die grüne Tube mit, für die Brust zum Einreiben? – und hab es vergessen. Ihm schmerzte die Brust. Die Lungenentzündung kam ohne Husten. Diese Spur haben wir nicht bedacht, weil wir sie nicht sahen und die Ärzte beim Abhören nichts hörten…
Manche Spuren fand ich gar nicht mehr, seine Medikamentenbox, aber dafür seine Pflaster, die er nicht liebte und sich nicht wagte, abzureißen. Ein ständiges Gerangel und dazu Papas und Mamas unterschiedliche Ansichten darüber, wie man es nun machen sollte, schnell oder langsam abziehen…
Ich vermisse dich, mein Kind. So ungeheuerlich ist es mir immer noch, so unvorstellbar, dass das passieren konnte! Warum? Carl und ich aßen heute ein Stück selbstgebackenen Russischen Zupfkuchen und wir sprachen über dich und dachten an dich. Wir haben gerechnet: heute ist der 17.1.2021 und du bist genau 2 Jahre und 3 Monate weg, nicht mehr mit uns, ohne Leben… Niemals hätte ich sowas zugelassen. Niemals mir vorstellen können. Niemals wolltest du allein sein. Niemals weg von uns. Niemals weg aus Köbeln und dem gelben Haus. Wo bist du? Geht es dir gut? Verzeih mir, dass ich deinem Leiden zusah und nichts machen konnte. Carl erzählte dann eine Geschichte, dass er mal mit dem Rad ab Schleife fuhr, über Trebendorf (wir sprachen darüber, dass ich dort groß geworden bin in den ersten vier Lebensjahren) und er fuhr bis nach Halbendorf und dort badete er dann in dem Baggersee. Und dann kamen Alfons und Papa und sie holten mich ab, sagte Carl. Wann war das? Ich vergesse nicht alles, ich erinnere mich an viel, Mama.
aufgeschrieben am 10.1.21
Alfons und Elke
Als wir einen kleinen Neujahrsspaziergang unternahmen, ich bei Holger und Elke in der Praxis kurz wartete, kamen die Erinnerungen hoch: wie ich Alfons manchmal wenn er krank war und Anfang 2018 war das öfters, in die Praxis von Elke brachte; wie er sich dort beschäftigte und aus Wachs schnell etwas modellierte. Holger sagte, wie ihn das beeindruckt hatte und Elke sagte, sie hat erst vor kurzem die Riesenwachskugel von Alfons aufgebraucht und verarbeitet. Da fiel ihr ein, wie er einmal bei ihr zu Hause mit der Fimoknete etwas kreiert hatte und Elke wollte es bei Ober- und Unterhitze in der Mikrowelle brennen. Leider misslang das. Das Stück zerfloss in sich. Aber, so Elke, Alfons blieb ganz ruhig: Mach dir keine Sorgen, es ist nicht so schlimm, Elke. Elke sagte, er war so verständnisvoll, geduldig und lieb zu ihr. Wir wissen, dass die selbe Situation zu Hause mit kleinen Wutausbrüchen verlaufen wäre und Papa oder ich seine Wut abbekommen hätten. Aber so war es oft – Carl und Alfons waren unterwegs freundlich, unterhielten sich mit anderen Menschen, halfen… Zu Hause kamen dann ihre Wut, ihre Frustrationen, ihre Sorgen heraus. Und wurden aufgefangen, so gut es ging.
Fasten und Aufräumen
Nun habe ich es doch geschafft: seit zwei Tagen esse ich wieder, langsam, nach sieben Tagen Fasten. Ich hatte Angst, ich würde noch dünnhäutiger sein und noch mehr an Alfons denken und es dann nicht schaffen, aber ich blieb zu Hause und hörte irgendwie auf zu sprechen und bewegte mich wie eine Schnecke und fastete. Nebenher räumte ich stundenlang, tagelang ein Fach nach dem anderen in der Küche auf. Jedes zweite Stück verbunden mit heftigen Erinnerungen. Ich hielt Alfons‘ Brotbüchse und Trinkflasche in der Hand. Damals täglich, jetzt stehen sie im Schrank beieinander. Ich fand eine lange nicht mehr genutzte Bleiglaskuchenplatte von meiner Mutti. Ich wusste nicht mehr, dass ich sie hatte. Ich besitze noch einige wenige Stücke von ihr, selbstgehäkelte Tischdecken, ein goldbemalter Gipsabdruck eines Engels und ein angeschlagener Gipsabdruck einer Frauenfigur, ihren Kamm, der neben Alfons‘ Kamm im Bad liegt, viele viele Strickpullover, die sie mir gestrickt hatte, dazu zwei Kartons mit Unterlagen von ihr auf dem Dachboden. Bleibt das von einem Leben? In der Kuchenplatte finden sich meine Erinnerungen an mich selbst wieder. Wenn es Kalten Hund gab, ganz sicher immer zum Geburtstag, dann landete er, aus der umgestülpten Backform vorsichtig herausgeklopft, auf genau dieser Kuchenplatte. Welche Erinnerungen trägt man ein Leben lang in sich und mit sich herum? Wie die der beiden Dosen auf unserem Kühlschrank: ich hatte sie einst auf meiner Schottland-Tramp-Reise, die meine Freundin Henrike und ich 1990? unternahmen, billig in einem Einkaufszentrum erstanden. Sie fuhren mit mir mit einem Bus ab Glasgow über London nach Leipzig und dann nach Weißwasser und beherbergen seit dem immer Gummis und Kleinnützliches sowie Verschlussclips für Tüten. Alfons hangelte sich oft am Kühlschrank hoch, um an die Gummis zu kommen. Zuletzt saßen wir im Sommer 2018, auch dem Jahr der Fußballweltmeisterschaft, am Küchentisch und Alfons sortierte alle doppelten und dreifachen Fußballsticker aus. Er hatte von vielen Menschen viele Sticker bekommen und ich habe noch von ihm das fast fertige Stickeralbum. Je voller das Buch wurde und je mehr Sticker kamen, umso mehr Sticker blieben übrig. Er sortierte sie heraus und legte für jedes WM-Land kleine Stapel an. Ich half ihm dabei. Sobald sie fertig waren, umschloss ich jeden Stapel mit einem Gummi. Er holte mir dafür die Kiste vom Kühlschrank*. Wir haben uns damit ziemlich lange beschäftigt. Ich war zwischendrin schon genervt, Alfons nie. Am Ende packten wir alle Stapel in eine Schachtel und Alfons schenkte sie Malte. An einem der wenigen letzten Tage an denen sie sich sahen in Alfons‘ Leben. Aber daran dachten wir nicht. Wir hatten Angst und waren alle fast gelähmt von ihr und der Alltag lenkte uns ab von der Angst und spendete Hoffnung, wenn man Alfons sah. Alfons gab mir Kraft. Aber ich hätte die Zeit nicht mit den Gummis verbringen dürfen, ich hätte mich belesen müssen über MDS und hätte rechtzeitig gelesen, was ich später las und wusste, dass die Therapie eine unmenschliche Tortur ist für ein Kind. Hätten wir uns anders entscheiden müssen, sollen? Ich habe den Ärzten und Ärztinnen vertrauen müssen, mich im Vertrauen üben müssen. Ich habe solch wunderbaren Menschen kennengelernt und solche Arschlöcher – wie es sie überall gibt. Ich konnte das nicht tragen, was von mir verlangt wurde. Ich habe es nur versucht. Aber gelitten darunter hat Alfons.
*Wir haben mit den Gummis auch die offenen Fimo-Knete-Packungen luftdicht versucht zu verschließen. Sie waren teuer und da Alfons Unmengen verknetete, war ich ständig am Nachkaufen. Wir probierten auch no-name-Produkte, aber die färbten ab oder verloren ihre ursprüngliche Farbe im Ofen. Es blieb bei Fimo und ich räumte sie am Ende jeden Tages zusammen mit Alfons auf, die Reste sammelten wir und die angefangenen Verpackungen bekamen einen Gummi. Auch dazu holte Alfons die Schachtel mit den Gummis vom Schrank. So vieles hatte einen Platz und einen Sinn und für die Kinder waren es Rituale, die wiederkehrten.
aufgeschrieben am 3.1.21
Schnee und Kaffee
Als ich aufstand, sah ich Alfons halb angezogen, ohne Jacke und nur in Latschen, in den Schnee laufen. Laut rufend, sich freuend. Vielleicht machen das aber fast Zwölfjährige nicht mehr so? Der neuneinhalb jährige Alfons aber bestimmt. Der Winter 2018 war schon keiner mehr. Wir waren einmal nur Rodeln an der Gloriette im Muskauer Park und später im März lernte Alfons noch Schlittschuhlaufen, bei minus 20 Grad. Da war der Eichsee zugefroren, aber auf den Wiesen lag nur Pulverschnee.
Heute nun lag viel Schnee, nass und schwer, in seinem Garten, auf Alfons selbst. Ich sitze vorm Kamin und denke an ihn, schaue mir vorsichtig Bilder aus dem Krankenhaus an und frage die ewige Frage nach dem Warum. Als mir Kaffee in die Nase steigt, erinnere ich mich daran, dass wir irgendwann eine Reportage über Kinder sahen, die Kakaobohnen ernten mussten, damit ihre Familien ein weiteres Einkommen hatten. Selbst hatten sie dabei noch nie Schokolade gegessen. Wir sahen solche Sendungen auf KiKa, bei Willi will’s wissen oder bei Wissen macht Ah! Klugscheißen mit Shari und Ralph oder bei Checker Chan… und sie prägten uns und weiteten den Blick über unseren Tellerrand hinaus. In einer dieser Sendungen hörten Carl und Alfons vom Fairtrade-Siegel und fortan gaben wir uns das Versprechen, nur Schokolade und Kaffee mit dem Siegel zu kaufen, damit diese Kinder einen gerechteren Lohn haben sollten. Ich sagte mir, wenn ich es finanziell kann, dann mache ich es. Bei der Schokolade waren wir nicht sehr konsequent, auch weil Netto und Penny erst langsam solche Produkte ins Angebot aufnahmen. Aber fair gehandelter Kaffee, den gab es bald überall und somit auch bei uns. Er schmeckte besser und er war sparsamer im Verbrauch. Carl erzählte mir letztens, dass er nie anderen kauft und dafür auf anderes verzichtet. Ich war erstaunt, dass er das nicht vergessen hatte…
Sehe ich meinen Lebensort, meine Möglichkeiten zu leben, sehe ich den friedlichen Schnee und kann ich freiwillig fasten, dann weiß ich, wie absurd das alles ist in einer Welt, in der Kinder verhungern. Auch darüber sprachen wir zu Hause, auch wenn wir keine Antworten darauf hatten, auf diese Welt und manchmal nicht auf unsere Probleme und Streitereien in der Pubertät und die Tränen über Verletzungen. Aber friedlich und offen zu sein, jedem Menschen gegenüber, dass war unser Ziel, was wir nicht aus den Augen verlieren wollten.
aufgeschrieben am 1.1.21
Fasten
Morgen werde ich Fasten. Ich tat es letztmalig im Januar 2018. Dann wurde alles anders und auch das Fasten viel aus. Ich fastete das erste Mail 1993, von da an jedes Jahr sieben Tage Anfang Januar. Irgendwann kamen weitere sieben Tage im August hinzu. Als die Kinder kamen, nahm ich dafür keinen Urlaub mehr. Im Urlaub wollte ich essen und mit den Kindern schöne Sachen machen, also fastete ich während der Arbeitszeit und schmierte weiter früh den Kindern ihre Brote. Nach dem Fasten gab es Kartoffelsuppe, ohne Salz. Alex war der Meinung, ich hätte beim Fasten besonders schlechte Laune; die Kinder kannten es nicht anders und auch der kleine Alfons machte sich bald keine Sorgen mehr darüber. Ich dachte in diesen Jahren: ich mache damit etwas nur für mich. Die Freiheit für mich, die Auszeit für mich entstand in mir und viele Jahre nur dort.
Einmal geschah eine lustige Geschichte. Ich fuhr mit Alfons ins Kino. Mit Carl gingen wir noch manchmal in Muskau ins Kino und viel ins Apollotheater in Görlitz. Bei Alfons war es oft das Kino in Spremberg. Da saßen wir und es war wie immer: wir kauften die Karten und Getränke und Tachos für Alfons und Popcorn für mich. Wir schauten, freuten uns und futterten. Nach einem Drittel Popcorn erschrak ich enorm: ich fastete doch! Schon den 5. Tag! Alfons lachte von Herzen und mir rutschte meins in die Hose: wie würde mein Körper das finden und was würde er tun? Würde mir gleich schlecht werden, würde mein Kreislauf meckern, würde ich alles ausbrechen? Es war erstaunlich, er ignorierte den Fehltritt und ich auch. Es war so, als wäre nichts passiert. Daran denke ich heute zurück, weil ich morgen fasten werde und Respekt davor habe, weil ich mich emotional nicht als stabil empfinde.
Der Mond am Abend des letzten Tages in 2020
Fast in jedem Jahr habe ich zweidrei Tage zwischen den Jahren im Bahnhof gearbeitet. Dennoch blieben viele Tage, die mir wie Urlaub erschienen, da wir für eine längere Zeit zu Hause bleiben konnten. Wir spielten und bastelten, wir sahen fern und hörten Geschichten, vorgelesene oder von der CD, wir naschten und kochten und gingen kleine Runden spazieren oder längere durch den Wald in Pusack. 2016 zum Jahreswechsel diktierte mir Alfons seine Geschichte vom Steinbock Springinsfeld der zu einem Regenbogensteinbock wurde; 2017 knetete Alfons, mit langen Haaren, die ihm ständig ins Gesicht fielen. Weil sie störten und sich die Knete darin verfing, konnte ich Alfons zu einem Haarband überreden. Es war ein Filzband, das er im Hort gefilzt hatte. Davon gab es einige im Bad. Oder er willigte ein, eine Haarspange von mir in den langen Pony zu bekommen. Damit ging er natürlich nie zur Schule. Einmal nur machte er sich einen Zopf, der keck oben auf dem Kopf thronte. Lehrerin und Hortnerin interpretierten dies als kleine Provokation – damit nur alle über ihn lachen sollten – und Alfons traf das tief und er machte das nie wieder. Im Winter 2018 kamen die Läuse und trotz energischer Behandlung (die ich mir später vorwarf, weil möglicherweise GOLDGEIST sein Knochenmark weiter geschwächt hatte und Alfons sah meine Verzweiflung darüber und sagte: Mama, hast du mich vergiftet?) schnitt dann Konstanze, schon im CTK, die Haare von Alfons kurz… So weit komme ich ab vom Thema der Zeit zwischen den Jahren. Seit Alfons‘ Tod gehe ich Weihnachten und Silvester arbeiten. Nicht alle Tage, aber ein Großteil und ich mache es gern und es lenkt mich ab von der Frage nach dem Warum und von der Suche nach einem Ausweg und von dem Bedürfnis alles umzukehren und von der Sehnsucht nach Alfons und nach ein wenig Normalität. Stattdessen mäander ich durch die Zeit, ohne Ordnung, ohne Sinn, ohne Ziel. Wenn ich nicht arbeite, dann sitze oder liege ich und denke so oft, ich stehle Gott die Zeit. Dieser Zustand des Nichtstuns ist mir fremd und war früher undenkbar und ist doch nun so vertraut seit über zwei Jahren. Ich denke dann an Alfons. Heute dachte ich daran, wie wir oft im Bett Kommt Herr Klaus die Treppe rauf, klingelingeling, pochpoch… Feuer, Wasser oder Sand spielten. Da war Alfons klein. Er liebte es, sich Sand zu wünschen. Dann strich ich sanft mit meinen Fingern über seinen Unterarm und streichelte ihn lange. Ich wünschte mir, wenn ich dann dran war, Wasser. Ich wusste, das liebt Alfons auch (nicht bei sich, aber bei anderen); dann konnte er mir leicht auf den Arm spucken und mich bisschen mit seiner Spucke ärgern. Ich verliere mich nicht in diesen Erinnerungen. Es kommt nur eine zur anderen hinzu. Am Ende sehe ich immer sein Herz pochen und plötzlich steht seine Brust still und er hört auf zu leben. Und ich will es nicht, will doch mein Kind in seinem Leben sehen und begleiten. Und darüber verstreicht die Zeit in dem Moment, die Stunden vergehen, die Tage und Wochen ähneln sich, Dann sind es Jahre, zwei Jahre und zweieinhalb Monate, 806 Tage ist Alfons schon weg. Wie konnte es mit mir passieren, dass ich es nun weiß, dass unser Alfons weg ist? Dass die Zeit eilt und dennoch die Tage schmerzhaft voller Tränen und Verzweiflung dahinquellen. Am Anfang hatte ich ein überwältigendes Gefühl, auch sterben zu müssen, weil der Kopf und Körper den Schmerz nicht aushalten kann. Was nur lässt einen überleben?
Am 31.12….
…waren wir an zweidrei Jahren am Vormittag in der Spreewaldtherme und abends dann zu Hause. Es ist eine so nebensächliche Erinnerungen und doch will ich sie nicht vergessen, so viele Bilder habe ich dazu in mir. Wir waren regelmäßig, nicht oft in der Spreewaltherme. Irgendwann war es auch Sylvester. Es tat gut, in dem Salzwasser zu liegen. Letztmalig war ich im Mai oder Juni dort, als Alfons krank war und spontan bei Sandy bleiben konnte. Da fuhr ich dorthin. Die Halle war baulich erweitert worden. Das hatte sich im Februar 2018 angekündigt, als Alfons und ich zum letzten Mal dort war. Mit einer Tageskarte, die Laura und Flo mir einmal als Dankschön geschenkt hatten. Alfons und ich waren einen halben Tag dort, aber Alfons war extrem kaputt und wir fanden keine Liegen, weil es so voll war und seinen Eisbecher aß er halb im Stehen. Heute weiß ich, dass es ihm nicht gut ging. Aber wir ließen uns im Wasser treiben. Am Schönsten war es im warmen Wasser draußen… Ich sehe sein lachendes Gesicht unmittelbar vor mir. Ich hielt ihn, obwohl Alfons schwimmen konnte, im Sprudel und Strudel fest. Wir lachten beide, so zappelte er…
aufgeschrieben am 23.12.20
Am 24.12.2017 dachte ich – ich weiß so wenig wie du, warum mir manchmal solche Dinge in den Kopf kommen – dass es das letzte Mal sei, dass ich den Baum mit euch schmücke. Im Frühjahr 2018 träumte ich, mir eine Wohnung in der Nähe vom CTK suchen zu müssen, weil du da liegen würdest, da wussten wir noch nichts von deiner Krankheit. Ich habe dir all das nie erzählt, weil ich dich nicht beunruhigen wollte. Aber es ist so wie bei dir, als wir am 4.5.2018 von der Kinderärztin zurück kamen und klar war, wir müssen ins Krankenhaus, da sagtest du, als du in der Küche am Tisch platzgenommen hast: Mama, ich komme hierher nie wieder zurück. Ich bin nicht zu dir gelaufen und habe dich umarmt, wir haben nicht geweint, ich habe einfach entsetzt gefragt: Sag sowas nicht, Alfons. Wie kommst du darauf? Sowas passierte oft, dass ich dich das fragte, wenn du z.B. was Wunderbares gebastelt oder etwas Nachdenkliches gesagt hattest und du sagtest dann immer: Mama, ich weiß das auch nicht, es ist einfach da, in mir, in meinem Kopf.
So schreibe ich dir also heute, einen Tag vor Weihnachten, um dir zu sagen, wie lieb ich dich habe, dass ich immer noch so unendlich traurig und verzweifelt bin, dass du nicht mehr bist und dass ich dich suche in jedem Vogelflügelschlag und jeden Tag weine, manchmal ganz erstickt und still, aber letztens habe ich geredet mit dir in deinem Garten und erschrak dann vor mir selbst, weil ich es nicht gleich gemerkt hatte.
Ich schreibe dir, weil mich zwei Lieder in den letzten Tagen begleiten; das vom letztens Mal und das von den sieben Gaben. Beide sind von Gerhard Schöne, er hat sie 1992 geschrieben. Das Lied der sieben Gaben habe ich Carl zu seiner Jugendweihe geschenkt, die in PARADA stattfinden sollte, die Carl nicht wollte und ich versuchte trotzdem meine Sachen vorzutragen, was misslang. Und doch sangen wir es zu Carls 12. Klassenfeierlichkeit. Dir konnte ich es nicht vorsingen, aber es ist auch für dich bestimmt. Und dann denke ich an das andere Lied und wie wir beide am 30.7. ein letztes Mal zusammen in deinem Bett lagen, sangen, lasen, einschliefen, so, als wäre es nicht das letzte Mal. Wir haben über diese Möglichkeit nicht gesprochen, obwohl doch die Angst vorm Sterbenmüssen in uns war. Fürchterlich in uns lebte. Aber auch die Hoffnung, dass wir es schaffen können. Ich erinnere mich an unsere letzte Umarmung, als wir draußen in der Mittelallee der Charité spazieren gehen wollten, sagtest du zu mir: Mama, können wir uns einmal drücken. Und wir umarmten uns lange und fest und vorsichtig. Du warst so dünn geworden. Einen Abend vor dem ersten Tag des Komas badete ich dich, du hast es dir so gewünscht, Und ich trug dich leicht wie eine Feder von der Badewanne ins Bett. Du sagtest: Lass es, Mama, ich schaffe es. Aber ich trug dich und du weintest, weil dir alles weh tat und du so schwach warst. Wir haben am 31.7. ein letztes Mal im Garten auf der Liege gelegen. Du auf mir, so wie sonst immer auf dem roten Sofa. Wir lachten, Machten Selfies. Es waren 39 Grad. Du hast ein letztes Mal Fußball gespielt, mit Malte. Ein letztes Mal gegrillt, das Sonntagsmärchen gesehen, Pumuckl gehört, Bärchen befragt, was nun werden wird…
Ich vermisse dich, mein Kind, du Übermut, mein Mausepiep, dich Frechdachs. Unendlich, wirklich, ganz doll, immer. Deine Mama
PS: Letzte Nacht träumte ich, ich habe dich, du warst ganz dürr und krank, aber lebendig, durch eine Flut getragen. Irgendwo am Meer. Da war ich mit Carl und dir, auch Katrin war dort, Volker, Alex, Julia, viele. Sie feierten ihr neues Leben und alle taten, als wärest du tot. (Ramona schickte mir von ihrer Kur Bilder, auf denen sie an dich dachte an einem Gedenkort.) Aber das warst du nicht. Ich musste mit dir zum Arzt und auf dem Rückweg begann die Flut und ich trug dich, geschützt von meiner Jacke, bequem für deine Beine auf meinen Armen. Stundenlang durch den Tag und dann durch die Dunkelheit. Du sagtest, wenn ich dich frug, ob alles ok ist: Alles ist gut, nur deine Haare stacheln manchmal. Wir entkamen immer dem Wasser. Als wir uns ausruhten, wollte ich nach dem Weg schauen, weil Carl nicht ans Handy ging und wir Sorgen hatten, sie sind schon losgefahren. Da kam ein Mann, der uns in der Dunkelheit den richtigen Weg zeigte und in kurzer Zeit waren wir da. Auch dort war alles überschwemmt und in einer fürchterlichen Unordnung. Eine alte Frau, die wir kannten, lag und war dement und wir suchten weiter Carl und die Hausleitung sagte, er ist weg und hat für die alte Frau für 5 Jahre im Voraus bezahlt. Wir waren verzweifelt und dann sah ich ihn und wir beide waren so erleichtert.
Jetzt ist es so, als wäre alles tatsächlich passiert. Ich erinnere mich daran, dich getragen zu haben und ich höre deine Stimme und spüre deine Haut und du spürst meine Haare.
Irgendwann
Irgendwann siehst du zum letzten Mal Schnee.
Irgendwann trinkst du den letzten Kaffee,
streichelst den Hund, tanzt durch den Saal,
alles, alles gibt’s ein letztes Mal.
Irgendwann schmeckst du zum letzten Mal Brot,
schwimmst du im See und betrachtest ein Boot,
winkst einem Kind, gehst durch ein Tal,
alles, alles gibt’s ein letztes Mal.
Irgendwann hörst du die letzte Musik,
wirst du umarmt und erhaschst einen Blick,
liest einen Brief, schreibst eine Zahl,
alles, alles gibt’s ein letztes Mal.
Irgendwann heißt, es kann morgen gescheh’n
und dass wir uns heut‘ das letzte Mal sehn.
Drum, was du erlebst, erleb‘ es total,
denn alles, alles gibt’s ein letztes Mal.
Alles, alles gibt’s ein letztes Mal.
Die sieben Gaben
Wenn ich dir was wünschen dürfte, mein liebes Kind,
wünscht‘ ich dir die sieben Gaben, die nicht leicht zu haben sind.
Die Geduld der Weinbergschnecke, ruhig zieht sie ihre Bahn
und kommt unbemerkt von allen still bei ihrem Ziele an.
Und den Stolz von meiner Katze, kein Befehl bricht ihren Sinn.
Sie streicht nur um meine Füße, wenn ich sanft zu ihr bin.
Wenn ich dir was wünschen dürfte, mein liebes Kind,
wünscht‘ ich dir die sieben Gaben, die nicht leicht zu haben sind
Die Balance des Stehaufmännchens. Es schwankt etwas hin und her,
wenn man es zu Boden drückte und steht dann wie vorher.
Und die Frechheit eines Flohes, der die großen Tiere dreist
dort, wo sie am meisten stinken nicht hineinkriecht, nein, beißt.
Wenn ich dir was wünschen dürfte, mein liebes Kind,
wünscht‘ ich dir die sieben Gaben, die nicht leicht zu haben sind
Das Geheimnis eines Steines. Außen grau und unscheinbar,
weiß er doch in seinem Innern einen Kristall, sternenklar.
Und den Traum des Samenkornes, das sich in die Erde legt,
das die Blätter und Blüten, Baum und Frucht in sich trägt.
Und zuletzt den Mut der Rose, die noch einmal rot erblüht,
wenn schon Raureif und Neuschnee jedes Feld überzieht.
Lieber Alfons,
am Sonntag konnte ich nicht deine Geschichten in den Blog schreiben, da das Kabel meines PCs kaputt gegangen war und als das neue da war, war ich nicht bereit und in der Lage. Deshalb schreibe ich heute, einen Tag vor Weihnachten. Wir haben Weihnachten 2017 an diesem Tag, dem 23.12.2017, die letzten Dinge erledigt, die man so vor dem Fest erledigt, vielleicht noch was eingekauft, etwas vielleicht gebastelt, vorgelesen, uns gestritten und dann gelacht oder andersherum. Bestimmt haben wir Siedler von Catan gespielt. Bestimmt war dir zeitweise langweilig und du hast damit genervt. Ein paar Tage zuvor hat Papa mit dir den Weihnachtsbaum bei Forst geholt und wie in jedem Jahr schmückten wir ihn am 24.12. vormittags. Deine Lust war so lala, aber wir hatte Freude daran; Carl kam gucken und hörte sich geduldig oder gelangweilt an, wie stolz wir auf unseren schön geschmückten Weihnachtsbaum waren. Er legte später die Geschenke unter den Baum, wenn wir wie immer 16 Uhr zum Spaziergang aufbrachen. Du sehntest 16 Uhr herbei, du suchtest unterwegs Anzeichen des Weihnachtsmannes, du warst so aufgeregt. Und dann saßen wir unter tatsächlich brennenden Kerzen, die unser Baum immer hatte, und erfreuten uns an unseren Geschenken. Ein Geschenk für jeden. Mütze, Handschuhe und ein Legospiel für dich. Das Buch Der rote Gockel und deinen ersten Füller für dich noch dazu. Die Regel mit dem einen Geschenk war also aufgeweicht. Du hattest für mich eine Schüssel getöpfert und vergessen, mir den Weihnachtskranz zu geben, den du auf dem Martinsmarkt für mich gebastelt hattest; ich fand ihn nach deinem Tod, Weihnachten 2019, in seinem Versteck. Im Jahr davor bekam Papa eine getöpferte Schüssel und im Jahr davor hattest du Carl und dir eine getöpfert. Diese Bilder sind eingebrannt in mir und bei jedem Nachdenken darüber, tauchen mehr Details auf.
aufgeschrieben am 13.12.20
Heute fällt der 3. Advent mit dem weltweiten Gedenktag an die verstorbenen Kinder zusammen. Dann stellen Betroffene eine Kerze in das Fenster. Es ist seltsam für mich, weil doch immer Kerzen für Alfons brennen. Ich glaube, vielen zurückgebliebenen Freunden, Geschwistern, Eltern und Großeltern geht es so. Gleich laufe ich auch zu Alfons und bringe ihm eine Kerze mit einem aufgemalten Herzen in sein Garten.
Während ich schreibe, schaut mich Alfons von einem Fotos aus an. Mir kommt in den Sinn, dass er mich manchmal Mams genannt hat und wenn er übermütig und frech war, Würzfleisch. Ich sehe seine großen blauen Augen, die wie Mandeln aussehen, seine vollen Lippen, sein Lachen auf diesem Bild… Carl sah sich unlängst mein Fotoalbum an und ich zeigte ihm das Bild von mir, als ich einzwei Jahre alt war und Alfons damals mit dem Finger darauf tippte und sagte „Alfi“. Carl fand das unglaublich, wie ähnlich Alfons mit einzwei Jahren mir war, als ich so alt war… Dann denke ich daran, dass mir Alfons inmitten der Behandlung im CTK, als wir für ein paar Tage nach Hause durften, sagte: Mama, mein Körper sagt, er will nicht die Transplantation. Und wie mir der Schreck in die Glieder fuhr und ich ihn bat, den Körper zu fragen, ob es zur Not sein dürfte. Ja, sagte Alfons nach vielen Minuten der inneren Zwiesprache zwischen sich und seinem Körper. Tatsächlich kann ich diese Dinge mit niemandem teilen und besprechen. Nun liest es jemand und doch bleibe ich mit diesem Schmerz zurück und quäle mich allein durch die Zeit und was will jemand auch dazu sagen?
So geht es mir mit der Geschichte, die ich 2013 erlebte, als ich gerade meine Arbeit bei KARUNA begonnen hatte. Ich traf auf einer Sitzung mit anderen Einrichtungsleiter*innen von KARUNA zusammen und wir sprachen über einzelne „Fälle“ – Klienten, Patienten, Delinquenten – in unseren Einrichtungen. Ich wehrte mich, sie so zu bezeichnen. Von Anfang an waren die Jugendlichen im Bahnhof, die suchterkrankten, traumatisierten, bindungsgestörten, entkoppelten, Menschen für mich. Mit denen wir im Bahnhof im Hier und Jetzt arbeiteten, die wir nicht weiterhin stigmatisieren wollten auf Grund ihrer Herkunft und Geschichte, die voller Erfahrungen und Ressourcen waren und die selbst gut genug über sich Bescheid wussten, denen wir mit Respekt und auf Augenhöhe begegneten. Da sagte eine Kollegin: Einmal Klient immer Klient, einmal Therapeut immer Therapeut. Und ich antwortet: Was ist, wenn mir oder meinen Kindern etwas passiert und meine Leben außer Kontrolle gerät, ich trinke und abstürze, würde das etwas an dem Heute ändern? Wir wissen, was war und nicht was kommt und wir tun heute das, was nötig ist. Ich war damals in der Diskussion sehr verzweifelt, weil mich alle belächelten für das, was ich in Jamlitz tat und tue. Bis heute gräme ich mich, sowas Schlimmes gesagt zu haben. Niemals hätte ich so einen Vergleich ziehen dürfen, um meine Arbeit zu erklären. Ich war dumm. Alfons nannte sich manchmal auch Dummkopf und in bitteren Situationen, wir wussten nicht warum das so war, schlug er sich mit seiner Faust auf den Kopf oder Bauch und weinte verzweifelt. Einfach weil ihn etwas fuchsteufelswild gemacht hat. Es war oft so schwer, ihm da rauszuhelfen.
Ich vermisse ihn so sehr. Diesen Springinsfeld.
Alfons‘ Steinbockgeschichten
Im Dezember 2016 diktierte mir Alfons zwischen den Jahren am Küchentisch seine Steinbockgeschichten. Sie sprudeltem aus ihm hervor, ich brauchte nur in Windeseile mitschreiben. Es ist die Geschichte über einen kleinen Steinbock, mit Namen Springinsfeld, der auf die Reise ging, um ein Regenbogensteinbock zu werden.
Alfons trug das Buch damals in die Schule, voller Stolz. Er wollte es vor allem Rajdo zeigen. Es war lange in seinem Ranzen. Wie ein Talisman. Nach seinem Tod habe ich es in seiner grünen Holzkiste gefunden, die Papa mit ihm gebaut hatte. Dort sammelte er Heftchen und Bücher und Gemaltes und Gebasteltes. Alles war aufgehoben und hatte seinen Platz. Wir nahmen uns dafür immer Zeit, mit den Dingen gut umzugehen. So sind die beiden Geschichten erhalten geblieben. Und wenn man sie liest, dann will man das alles nicht glauben und nicht wahrhaben und versteht nicht, warum Alfons sterben musste.
Carl hat für das Heftchen, welches Alex zum 2. Todestag von Alfons drucken lies, ein Bild auf Leinwand gemalt. Ein Steinbock. Alfons wäre sehr stolz darauf gewesen.
Der 2. Advent und Nikolaus – zum dritten Mal ohne Alfons
In der Küche auf dem Tisch steht Alfons‘ getöpferter Tannenbaum, daneben die CD mit Weihnachtsliedern, die wir 2016 zum letzten Mal hörten (Weihnachten 2017 fand ich sie nicht, obwohl ich alle Weihnachtsbücher und -CDs in einer extra Kiste aufbewahrte und erst 2019 tauchte sie wieder auf), daneben Maltes Kerzenständer und Herzkekse von Uhlmann aus Peitz.
Es fällt mir schwer zu schreiben. Es gab einen Bruch und den Satz, ich beschmutze mit dem Blog die Familie und würde alles verklären. Ich wollte das nicht. Und werde alles überprüfen und die wertenden Dinge herausnehmen. Ich dachte, dass ich dem genug Aufmerksamkeit schenke, aber so ist es nicht. Das tut mir sehr leid.
aufgeschrieben am 29.11.20
Die Mütze von Schwester Maren für Alfons
Schwester Maren brachte Alfons eine Mütze mit in die Charité, genäht von einer Mutti aus der Elterninitiative für krebskranke Kinder e.V. Cottbus. Alfons trug sie hin und wieder, mehr liebte er die Strickmützen von Nicole. Die hell-dunkel-graue konnte man wenden. Ich fand sie sehr schön, weil sie etwas größer war und sehr kuschelig… Am Tag nach Alfons‘ Tod packte ich sie ein, in den Koffer zu all seinen Sachen. Als ich diesen Koffer ein viertel Jahr später zusammen mit Mocia auspackte, fand ich die Mütze nicht mehr. Ich suchte verzweifelt und gab irgendwann auf. Es ist seltsam, wie mein Herz an den Dingen von Alfons hängt, die er trug, mit denen er spielte, die er bastelte, die er berührt hatte…
Fast zwei Jahre nach Alfons‘ Tod half ich Carl bei Umräumen seines WG-Zimmers. Wir sortierten u.a. Sachen aus, die ihm zu klein waren und die ich dann mit in den Bahnhof nahm. Plötzlich hielt ich die graue Mütze in der Hand. Ich musste mich hinsetzen. Wie kam sie in Carls Sachen? Carl hatte sich schon immer mal über sie gewundert, aber wusste nicht, woher sie war und wem sie gehörte. Wir stülpten sie über Alfons‘ Bild auf Carls Fensterbrett. Nun hat sie einen Platz und verbindet Carl mit Alfons.
aufgeschrieben am 21.11.20
Alfons‘ Ginkgo-Bäumchen
Alfons bekam den Baum im Sommer 2016 und wir topften ihn sofort um, da seine Wurzeln in einem kleinen Plastiktopf steckten. Im gleichen Paket war noch ein großer Baum, 2m groß; den bekam Manja zu ihrer Praxiseinweihung. Er steht noch im Garten von Bartzes.
Alfons‘ Bäumchen wuchs an und stand auf der Terrasse und im Winter in Alex‘ Büro. Nur die Blätter blieben klein. Erst 2019 im Frühjahr, als Alfons nicht mehr war, topfte ich ihn in einen großen Terracottablumenkübel und brachte ihn zu Alfons. Er wurde in der frischen Erde und mit mehr Platz wunderschön. Im September 2020 pflanzten Mike und Malte Alfons‘ Ginkgo-Baum aus dem Topf in den Garten zu Alfons. Schon wieder füllten die Wurzeln den gesamten Topf aus. Nun im Herbst wurden die großen Blätter golden. Mir schien es. als wäre er nicht viel gewachsen, nur das Stämmchen etwas kräftiger geworden.
Ich stelle mir vor, Alfons und ich hätten den Baum ausgepflanzt, vor das gelbe Haus, dorthin sollte er und wir hätten uns dann jeden Früh an der gelben Pracht erfreuen können… Im Topf, als der Ginkgo noch auf der Terrasse stand, war etwas Schnittlauch gelandet. Alfons erntete diesen dort immer, wenn es bei uns Kartoffeln, Quark und Leinöl gab. Der Schnittlauch wurde bei Alfons‘ im Garten riesig. Nun habe ich ihn zurück an das Haus geholt und schon etwas geteilt und verschenkt…
aufgeschrieben am 16.11.20
Auto ummelden
Damals, im September oder Oktober 2017, meldete ich zusammen mit Alfons unseren VW auf Alex an. Er hatte sich das Schild mit dem Namen GR-AQ 2000 ausgesucht. Schon im Frühjahr, als wir einen Firmenwagen von Alex übernahmen, der uns dann leider im Sommer entwendet wurde. Fast. Er blieb, war aber völlig unbrauchbar und so benötigten wir bald einen neuen, den Alex in Braunschweig holte. Alfons und ich fuhren nach Niesky und schlugen uns durch den Anmeldewust und eine heftige Wartezeit. Nach der Schule, Alfons war müde und lümmelte auf meinem Schoß. Als wir damit fertig waren, parkten wir vor der Comenius-Buchhandlung und gingen Stöbern. Hier entdeckte Alfons den SNÖFRID und wir liebten ihn fortan. Wir kauften aber auch zwei Herrenhuter Sterne. Einen großen gelben für den Bahnhof und einen mittelgroßen gelben für zu Hause. Beide gibt es noch, auch den kleinen gelben, den Alfons Weihnachten 2017 erstmalig für die Zwergenhöhle nahm. Bis dahin hing er Weihnachten im Fenster.
Heute nun fuhr ich allein nach Niesky, das Auto auf mich ummelden. Immer noch die selben Nummernschilder, das selbe Auto, die selbe Verwaltung. Nur stand jetzt ein überforderter Wachmann am Eingang und fragte nach den Namen der Wartenden, später kam eine freundliche Mitarbeiterin und alles ging dann schnell. Mit einer elektronischen Voranmeldung. Wegen Corona.
aufgeschrieben am 15.11.2020
Corona
Olga schrieb, sie sind in Quarantäne. Ich bastelte ihr am Abend einen Zapfenengel und ein Windlicht und brachte dies heute nach Cottbus und für Friedrich nahm ich Alfons‘ Affenspiel mit. Er hatte es von den Bahnhofsbewohner*innen geschenkt bekommen, als er im Mai 2018 ins CTK kam. Vielleicht vertreibt es Friedrich etwas die Sehnsucht nach seinen Freunden und Freundinnen… Ich passe auf in diesen Zeiten, weil ich nicht erkranken möchte. Wir sind nur noch zu zweit im Bahnhof, falle ich aus, ist unsere Erzieherin Caro mit 21 Jahren allein dort und wir haben gerade den 7. im Bahnhof aufgenommen und es ist alles andere als einfach im Moment. Ich passe auf und doch drücke ich meine Freundin Anne, die auch ihren Sohn verloren hat. Sie mit Mundschutz. Schnell und vorsichtig. Wir sind in Gedanken bei unseren Kindern, wir denken daran, dass sie klaglos monatelang über Tage und Stunden eine Maske tragen mussten. So wie wir, stundenlang, tagelang, monatelang. Auf der Isolierstation des Transplantationszentrum der Charité in Berlin, bei 40 Grad Außentemperatur, ohne Klima- „nur“ mit einer Filteranlage in Alfons‘ Zimmer. Mir lief der Schweiß hinter der Maske in den Hals und auf die Brust, die „eingepackt“ war in einen atmungsunaktiven Schutzmantel. Die Hände in den Plastikhandschuhen waren nass, ständig, immer. Irgendwann habe ich das nicht mehr gemerkt und ich habe ja gesehen, wie schlecht es Alfons ging. Mir fallen zunehmend die Kommentare schwer, dass das Maskentragen ein Einschnitt in die Freiheit ist und dass die Kinder darunter leiden – es ist wie beim Tod von Alfons‘: die Kinder haben damit weniger Probleme als wir Erwachsenen. Kinder arrangieren sich. Alfons schämte sich sehr mit seiner Maske, damals; heute würde er sich seine Masken selber nähen und sich so manchen Spaß damit erlauben.
Erwachsene erleben das Maskentragen als Freiheitsberaubung und das Ende der Demokratie. Zur Einordnung dieser Haltung lese ich Erzählungen, Beiträge und Untersuchungen über geschlossene Kinderheime in Brandenburg (das nächste halbgeschlossene Heim befand sich in Jänschwalde), über das Leben von Kindern und Jugendlichen in Moria/Griechenland, über sexuell missbrauchte Kinder unter uns. Da hat die Demokratie, der Staat, Europa auf ganzer Linie versagt. Wer geht dafür auf die Straße?
aufgeschrieben am 7.11.20
Am 9.11. telefonierte ich mit Heidi Knoop, Muskauer Stadtverordnete. Sie hatte mit dem Bürgermeister zu Alfons‘ Garten gesprochen. Er wollte nicht sowas bewirken; es tue ihm leid; alles kann so bleiben, nur das Windspiel sei zu laut. Ich habe es mit nach Hause genommen. Es hängt jetzt im Vorbau, gleich neben dem Sommerplatz von Alfons‘ Schaukel. Der Bürgermeister sagte noch, dass sie sich mit der Friedhofssatzung beschäftigen wollen, nicht gleich, aber irgendwann. Ich habe meine Hilfe angeboten und am Montag werden Petra, Konstanze und vielleicht Saskia und ich mich treffen, um zu überlegen, was wir mit den Unterschriftenlisten machen können….
Im Bahnhof geht es schwer und die ganze Woche habe ich um ihn gekämpft, mit anderen, mit dem Team und vor allem mit den Jugendlichen. Da ist die Lösung für Alfis Grab so schnell weggerutscht. Obwohl ich so sehr erleichtert war. Warum kommt immer Neues, neue und anstrengende Geschehnisse? Ich denke darüber nach, am Tisch, an dem vor anderthalb Jahren noch Alfons Siedler von Catan, UNO, Mensch-ärgere-dich-nicht, HalloGalli…. spielte. Wir hatten aus Sicht der Kinder so ein reiches Leben, so viele Erlebnisse, Gespräche, Gefühle, Eindrücke… Das ist weg: keine Erlebnisse, Stille, Trauer, Unvorstellbares muss der Kopf akzeptieren, dazu die Sorgen. Es ist keine Klage, aber ein Bericht von meinem IST-Zustand. Mir geht es nicht gut.
aufgeschrieben am 28.10.20
Eine Meise
Eine junge Meise – ich denke, sie war auf der Suche nach einem Winterschlafplatz – flog von außen in das Abluftrohr des Herdes hinein. Der Abdichtdeckel ist schon lange schadhaft und ich hörte immer angespannt dahin, wenn die Vögel daran pickten. Und nun war eine junge Meise hineingeflogen. Sie kam aus dem Rohr nicht mehr hinaus und ich mit meiner Hand von außen nicht hinein. Also nahm ich das Rohr über dem Herd ab. ich musste ziemlich drücken und ziehen und zerren und plötzlich gab das Rohr nach und die Meise flog in Sekundenschnelle durch die Küche und krachte gegen eines der Wohnzimmerfenster… In mir waren sofort die Bilder aus dem Sommer 2018, als sich ein Spatz in mein Zimmer verirrte, durch das kleine geöffnete Fenster gekommen fand er nicht mehr hinaus und flog, immer aufgescheuchter durch meine Rettungsversuche, hin und her und schlussendlich gegen ein Fenster. Alfons sah das alles von meinem Bett aus mit an. Still. So unendlich still. Ohne Vorwürfe, ohne Bitten, ohne Drängeln, ohne Weinen. Und ich log und sagte, der Vogel sei ohnmächtig. Und wir wussten doch beide, dass der Tod auch Alfons bedrohte, uns doch immer bedroht, auf der Straße, im Verkehr, im See, auf dem Rad, beim Spielen, Rennen, Toben, beim Quatschmachen, beim Fliehen, Kämpfen, Hungern, Leiden, Kranksein. Damals starb der Vogel… Die kleine Meise von heute erholte sich schnell in meiner Hand. Ich fragte: Alfons, bist du es? Ich trug sie raus und sobald sie sitzen und ihren Schnabel schließen konnte, ließ ich sie auf einen Ast neben dem Futterhäuschen. Einen Stock von Alfons, der noch immer auf der Fensterbank liegt. Ich sah die Meise später von drinnen; sie putzte ihre Flügel und schüttelte ihre Beinchen aus und dann bald sah ich sie nicht mehr und ich wusste, sie lebt.
aufgeschrieben am 25.10.20
Sonne
Ich habe die Bilder abgenommen, die ich von Alfons zu seinem 2. Todestag aufgehangen habe. Im Büro von Alex. Elke sagt, es fällt ihr so schwer, sie zu sehen, weil keine neuen Fotos von Alfons hinzukommen. Ich schreibe Caro, wie unvorstellbar es für mich ist, dass Alfons und ich uns seit zwei Jahren nicht mehr gesehen haben. Dass es etwas ist, was nicht vorkommt, nicht vorkommen sollte, wovor ich Angst habe und dabei ist es so. Irgendetwas spaltet sich in mir auf. Unstillbare Sehnsucht wohnt in mir. Ich bin jede Sekunde bei Alfons und bin ich es nicht, kommt er in meine Gedanken und erinnert mich daran, dass er ist. Wir überlegen, was wir tun können bei diesem Wetter. Ich dachte an das Sonntagsmärchen auf KIKA, ans Apfelkuchenbacken (was ich gestern tat), ans Pilzesammeln (vielleicht wäre Alfons mit Tante Elke und Veronika und Antje mitgegangen, als sie vorhin kurz da waren). Ich höre ihn rufen: Mama, kommst du? Ungeduldig. Seine Stimme halt in mir nach. Quälgeist. Frechdachs. Sagte ich zu ihm. Würde ich es heute noch zu dem fast 12jährigen Alfons sagen?
Mir fallen zwei Situationen ein, in denen ich so ungeduldig war und Alfons so nachsichtig mit mir umging, vielleicht auch eingeschüchtert war, meine Ausfälle machten ihm sicher auch Stress, aber ich kam in diesen Situationen zu mir, weil Alfons ruhig blieb.
Einmal waren es die typischen Situationen mit der TV-Fernbedienung, die ich selten benutzte, weil ich wenig fern sah und Alfons sich selbst gut damit zurecht fand. Aber manchmal war heillos etwas verstellt und dann rief er mich um Hilfe. Ich versuche es; schnell bin ich kaputt, genervt. Ich krieg’s nicht hin, Alfi. Mama, dann lass es. Lass es, Mama. Ich muss nicht fernsehen. Manchmal hab ich es dann doch noch hinbekommen. Manchmal hat er eine DVD geguckt. Immer war ich frustriert und es tat mir leid, wenn Alfons unter meinem Frust leiden musste. Eine andere Situation war die des Kaninchenstallsaubermachens. Dazu hatte keiner von uns Lust, aber ich forderte es regelmäßig ein. Dann klemmt dies und funktioniert das nicht, dann hauen die Kaninchen ab, dann finden wir ein Loch im Stall und Papa muss es flicken. Ich: Och, das nervt alles. Und Alfons schaut mich verzweifelt an und will dann ganz zügig und verantwortlich arbeiten und zappelt geschäftig vor mir herum. Und da tut es mir leid. Ich entschuldige mich: Ich sollte so nicht zu dir reden, Alfons. Es tut mir leid. Dann schaffen wir alles schnell und sind erleichtert.
Diese Situationen sind normal. In jeder Familie kommen sie vor. Aber jetzt, wo Alfons tot ist, bereue ich sie alle. Ich war immer geduldig mit den Kindern, aber es gab auch Situationen, wo ich sie anschrie. Das sollte so nicht sein; es hatte immer was mit meinen Gemütszustand, mit meiner Verfassung, Müdigkeit, Ärger auf Arbeit, Streit… zu tun, niemals etwas mit den Kindern, die mir ausgeliefert waren und mich doch liebten.
Hans
Hans wohnte seit März 2020 bei uns. Hans ist Alex‘ großer Sohn. 21 Jahre alt. Heute ist er nach Freisingen zum Studium gezogen.
Auf einem der Fotos paddeln wir – Carl, Hans, Alex und ich, 2006. 2007 zu Carls Schulanfang haben wir das wiederholt, da saßen im zweiten Boot Pauline und Alex. Carl war da 6, Hans 8 und Pauline 7. Der Tag war sehr schön und so anstrengend wie es mit drei Kindern eben ist.
2017 und 2018 war Hans oft da. Mit allen drei Jungs fuhr ich früh zur Schule, alle nur halbwach, die Großen in der Pubertät oder kurz danach, Alfons rang oft um seinen Sitzplatz vorn, wenn er dran war* und Carl es zu vergessen schien. Hans war das schon egal. Hans las Alfons hin und wieder vor. Auf dem roten Sofa saßen sie und Hans las und Alfons hörte ihm zu. Sie spielten auch Fußball und einmal war es so doll, da war Alfons schon krank und ein Ball von Hans krachte auf den Brustkorb von Alfons, an dem schon der Hickman-Katheter hing, und nahm Alfons die Luft und Alfons schrie und später trösteten wir Alfons: Wenn ihr wieder zu doll spielt, geht aus dem Spiel. Ein paar Wochen später spielten beide Tischtennis und redeten wie alte Freunde. Nach einiger Zeit kam Alfons ins Haus und meinte: Hans spielt so doll und er hört nicht, was ich sage und ich will nicht mehr. Es war gut, dass sich die Jungs einig wurden.
Es gab noch eine lustige Geschichte. Auch als Alfons schon krank war. Es war ja Sommer und die Türen stehen dann immer weit offen bei uns und wir leben mit den vielen Fliegen, aber auch mit dem Geruch von Sonne und Licht und Feuchtigkeit und Blütenduft und eben auch Musik, wenn Musik lief oder – ganz selten – mit Klaviermusik. Hans spielte an diesem Tag Klavier und es war nicht schön, obwohl es sonst immer schön anzuhören war, aber damals musste er hart üben. Es nervte, dass er einen Abschnitt immer und immer wieder spielte. Alfons fand das auch, ohne das er von meinen Gedanken wusste und ich wusste von seinen Gedanken nichts. Irgendwann war das Üben vorbei und Hans erschien in der Küche und wie aus einem Mund sagten Alfons und ich: Wieso spielst du das Stück nie zu Ende (Alfons). Wie schön wäre es, das Stück bis zum Ende zu hören (Anett).
Nun ist Hans ausgeflogen. Ich weiß, wie ihn Alfons‘ Tod schmerzte und ich behalte in guter Erinnerung die Abende, die wir manchmal in den letzten Wochen in der Küche zusammen saßen und redeten und fragten und uns gegenseitig ein wenig die Welt erklärten.
* Es gab die Abmachung zwischen Carl und Alfons, jeden Tag zu wechseln, einmal saß Carl vorn und Alfons hinten, am nächsten Tag wurde gewechselt. Nicht immer erinnerte sich Carl an die Verabredung.
Oma Hoyerswerda
Auf dem Bild (es ist vom Foto abfotografiert und hat keine gute Qualität) war Alfons gerade geboren und steckt im Pucksack, dahinter Carl mit großen Augen, 8 Jahre alt und Oma war 79 Jahre alt. Am 21.7.2020 feierte sie ihren 90. Geburtstag, ein paar Wochen darauf verstarb sie nach einem Sturz. Ich sah sie zum letzten Mal bei Alfons‘ Beerdigung. Carl sah sie und gratulierte ihr zum Geburtstag. Er sagt, er ist froh, dass er sie noch gesehen hat. Nun brachte ich Blumen zum Grab. Sie liegt bei ihrem Sohn.
aufgeschrieben am 19.10.20
17.10.2018 | 17.10.2020
Der Körper schmerzt.
Der Verstand zerbricht.
Das Herz liebt und erinnert.
…wir denken an euch und vermissen gemeinsam mit euch Alfons. Seine Kreativität, seinen Mut, seine Empathie, seine Angst, seine Lebenslust, seine Stärke, seine Zartheit & Schönheit.
Er war nie in unserem Haus und doch nehme ich ihn so oft wahr.
Sei umarmt…
(von Susan und Andrea)
aufgeschrieben am 11.10.20
Apfelkuchen
Ich habe gestern Alfons‘ Apfelkuchen gebacken. Den alle mochten, auch Carl und wir und die Klasse. Ich nehme ihn morgen nicht mit zu Alfons‘ Klasse sondern in den Bahnhof. Wer soll ein ganzes Blech essen? Hans hat ihn probiert und für gut befunden, wenn auch die Streusel seltsam sind; heute essen ein paar Freunde davon und wir werden an Alfons denken und sagen, wie gut der Carola-Apfel schmeckt. Ich habe alle Äpfel aufgelesen und halte sie kühl. So kann ich hoffentlich noch einen Kuchen am Tag von Alfons‘ Sterben backen und noch einen, wenn am 18.10 seine Freunde kommen und dann werde wir uns daran erinnern, dass er diesen Kuchen immer mitgebracht hat. Wir werden uns vielleicht noch viele Jahre immer die selben Geschichten von Alfons erzählen, weil keine neuen mehr hinzukommen. Das ist ungeheuerlich und nicht verstehbar und mein Kopf kann es nicht erfassen und meine Hände greifen so oft ins Leere.
aufgeschrieben am 6.10.20
Freie Tage auf Rügen
Ich kann es nicht Urlaub nennen, weil sich der anders anfühlte. Als alle im Auto saßen, beschäftigt, zufrieden, etwas zum Naschen dabei, mit gepackten Sachen und das Haus verschlossen, zog langsam die Vorfreude auf den Urlaub in mir ein. Heute fahre ich los, irgendwie im Chaos mit mir und mit den Sachen und mit der Zeit.
Wenn ich ans Urlaubmachen zurück denke, dann erinnere ich mich nicht nur an die Begebenheiten damals, sondern an die dazugehörigen Gefühle. Bin dann sofort in ihnen und die Tränen laufen. Das passiert ständig. Ich bewege mich demzufolge sehr vorsichtig und stumm durch die Landschaft. Sehe den Rasenden Roland auf Rügen und sehe dann auch Carl, wie er seinem Vater zu seinem Geburtstag im Oktober 2009 ein Bild davon malte. Sehe einen Drachen und den kleinen Alfons im Bollerwagen, fest eingepackt, und Carl und Alex lassen den roten Drachen steigen… Wir waren nur einmal auf Rügen, in Lohme, sonst auf dem Darß und dennoch gehen meine Gedanken immer wieder dahin zurück. Manche denken, es ist nur eine Willensfrage und man könne abschließen, nach vorn schauen, sich am Leben erfreuen… Aber wie soll das sein, wenn mein Leben mit den Kindern verbunden ist, wenn mein Leben eine Ordnung hatte, einen Ablauf, wenn Leben Gesundheit und Liebe bedeutet. Es ist nicht so, das mein Leben den Leben der Kinder untergeordnet war. Ich hatte und habe viele Aufgaben und Arbeit weiterhin. Aber das hilft nicht. Diese brutale Trennung von Alfons, dieses Schweigenmüssen, dieses Sich-selbst-nicht-mehr-aushalten-können, dieser körperliche Schmerz, der dem Gefühl folgt, das Kind zu vermissen, seine Hand zu suchen und in die Leere zu greifen.
Ich wurde von Tag zu Tag trauriger. Vielleicht sind auch 6 Tage Wegsein zu viel gewesen. Mein Herz stolperte, ich war unendlich kaputt, mein Körper schmerzte. Und dann sah ich diese Postkarte. Bloss keinen Stress. Alfons hatte sie sich im Lotto-Laden der Charité ausgesucht, für seine Klasse und noch eine für Tante Elke. Wir konnten sie nicht mehr zusammen schreiben und absenden. Sie steht jetzt hier und Tante Elkes bei Elke. Und da begegnet die Karte mir in Bergen. Tränen. Und Wut über die Nichtgeschriebenen Karten und Briefe der Klasse an Alfons. Doch zweimal kamen Bilder in dem halben Jahr, einmal ins CTK und einmal in die Charité. Das war alles, was die Klasse für Alfons tat. Auch diese Wut muss noch wohin. Und die Wut auf die Stadt mit ihrer Friedhofssatzung, die sich keine Mühe gibt, verwaiste Eltern zu verstehen. Ach könnte ich wenigstens irgendwohin mit dieser Wut. Könnte ich diese Menschen schütteln und sie fragen, wo ihr Mitgefühl bleibt.
Carl ist krank. Er schrieb es nicht. Ich war mit Andreas an der Ostsee und hätte nichts ausrichten können. Gestern habe ich ihm Essen gebracht. Wir haben geredet. Ich habe ihm zugehört. Wie er den Schmerz beschreibt, der dauerhaft da ist. Er sagt: Ich wei´ß jetzt, dass ich damit leben muss. Ich schaue mich im Spiegel an und sage mir, das bin nicht ich. Aber wer bin ich dann? Um mich ist eine dicke Schicht und darunter Schmerz. Ich kann ihm nicht sagen, wann es anders wird und ob das Anderswerden besser als jetzt ist. In mir krümmt sich alles, mein großes Kind in dieser Not zu sehen und nichts ausrichten zu können. Ich war so alt wie Carl, 17, als meine Mutter sich das erste Mal versuchte zu töten und 24, als sie es schaffte. Nichts kann ich meinem Kind mitgeben, nichts sagen, nichts raten, nichts abnehmen. Ich sitze noch vor ihm, also ich lebe, heißt das. Aber wie dieses Überleben gelingen kann, kann ich nicht beantworten.
aufgeschrieben am 28.9.20
Alfons
Morgen fahre ich ein paar Tage weg. Kaputt wie ich bin. Am vergangenen Wochenende traf ich die Seminarleiter*innen des Bahnhofs, die auf Honorarbasis für uns und mit unseren Gästegruppen arbeiten, mit zumeist entkoppelten, traumatisierten, suchterkrankten, benachteiligten, diskriminierten Kindern und Jugendlichen aus aller Herren Länder. Ich sprach zu den Seminarleiter*innen über das Trauma. Nicht sicher, ob ich es nicht auch nach Alfons Tod bin. Obwohl oder gerade weil ich gut funktioniere. Als ich später nach Weißwasser fuhr, sah ich im Vorbeifahren ein junges Paar, vielleicht ein Erzieherpaar, sie kamen aus dem Kinderheim am Rande der Stadt. Mit vier kleinen Kindern im Boller- und Kinderwagen. Sie sahen friedlich aus, aber ich wusste, woher sie kamen. Ich sah mich dort plötzlich wieder: mit 19 Jahren, als frisch ausgebildete Erzieherin; ich habe viel geweint und die Arbeit war anstrengend. Wenn ich zur Frühschicht um 6 Uhr kam und in der Kleinen Gruppe den Dienst übernahm, übergab mir die Nachtwache oft vollgeschissene, weinende Kleinkinder, kein Jahr alt. Ich wusch und windelte sie, sang, was irgendwer mit mir einmal gesungen hatte, war müde, spielte mit ihnen auf dem Spielteppich, ging mit ihnen spazieren. Ich wusste nichts von diesen Kindern, kannte keine Akten, keine ihrer Geschichten, die sie in das Heim gebracht hatten. Vielleicht spürte ich ihr Leid. Ich weiß es nicht mehr. Als ich Carl und Alfons bekam, hätte ich mir so etwas Furchtbares, getrennt von meinen Kindern zu sein oder ihnen Leid zuzufügen, nicht vorstellen können. Aber damals war ich einfach nur jung und hatte von nichts Ahnung und versuchte alles richtig zu machen, obwohl ich nichts wusste und nur auf mein Herz hörte. Seltsam, noch heute arbeite ich, es könnten diese erwachsen gewordenen Kinder von damals sein, die, die den Horror zu Hause überlebt haben, ohne Akten. Im Hier und Jetzt mit den Geschichten, die die jungen Erwachsenen erzählen, mit dem Schweigen und den Lücken, die sie nicht erzählen können. Aber ich sehe und spüre wie damals ihre geschundenen Rücken, ihre selbstverletzten Arme, ihre blühende Haut, ihre Tränen, ihre Aggressionen, ihre Schuldzuweisungen, ihren Zustand, es nicht mit sich selbst aushalten zu können, weil alles von kleinauf niedergetrampelt und verletzt worden ist. Ja, es sterben Kinder durch fremde Hände und fremde Menschen missbrauchen sie. Aber die meisten unserer Kinder und Jugendlichen werden vom Vater, der Mutter, von Tante, Oma, Onkel, Oma missbraucht, gedemütigt, geschlagen, eingesperrt. Sie hungern und dursten im Kinderbett, in extremer Verlassenheit, die nur Todesängste und dann Traumatisierungen zur Folge haben. Und die, die es überleben, ringen damit ein Leben lang. Wir haben für diese Menschen am Rand häufig nur noch Abfälligkeiten und Abfälle übrig. Und wenn sie es nicht schaffen zu überleben und zu leben, dann bleiben sie zerstört und geben die Zerstörung weiter. Nicht alle, aber viele. Und nicht alle leben, manchen sterben auch an und in ihrem Leid. Und niemand weiß genau, warum es der eine schafft und die andere nicht.
Und ich weine, weil ich mich nicht mehr erinnern kann, ob ich Alfons in den Tagen der Krankheit und vor allem im Koma in der Charité genug gesagt habe, dass ich ihn liebe und dass er kämpfen soll und zurück kommen soll. Habe ich das versäumt, hätte es etwas genützt? Sie konnten ihn damals, am 28. und 29.9. (damals war es ein Freitag und ein Sonnabend), nicht wie geplant und anvisiert aus dem Koma zurück holen. Warum nicht? Weil ein Notfall rein kam, weil Alfons nicht ganz stabil war wie gewünscht, weil weil weil… Manja sagte bei ihrem Besuch am Sonnabend, wie ruhig und gefasst ich war und mit Alfons und ihr sprach. Manja las ihm die Geschichte vom Verlorenen Sohn vor. Ich habe sie noch. Aber nicht mehr mein Kind. Das ergibt alles keinen Sinn. Wer will es mir übel nehmen, dass ich in dieser Verzweiflung nur überlebe und keine Freude dabei empfinde, morgen zu verreisen. Ich zwinge mich dazu, weil ich Kräfte sammeln muss. Früher habe ich voller Lust und Vorfreude die Koffer gepackt, jetzt brauche ich dafür einen stundenlangen Anlauf und ich bin zerstreut dabei und finde es nur ungerecht, es ohne Alfons zu tun.
Ein Schreiben von der Stadt Bad Muskau an mich und Alfons‘ Garten
Sehr geehrter Bürgermeister Herr Krahl,
Ihr Schreiben vom 16.9.2020 an mich habe ich erhalten. Folgende Anmerkungen möchte ich dazu machen. Ich schreibe bewusst als Mutter von Alfons, da nur ich in dem Schreiben angesprochen bin. Das ist für mich zwar merkwürdig, (…).
Beim Vororttermin am 11. Mai 2020 gestatteten Sie den Zukauf einer weiteren Grabstelle neben der von Alfons; dieser Kauf wurde als Kompromiss betrachtet und dass wir dort gestalterisch in einem abgegrenzten Raum tätig sein können. Ich habe aus dem Baum ein Vogelhaus, eine rote Laterne und einen kleinen weißen Herrenhuter Stern sowie alle Töpfe auf dem Weg entfernt. Ich habe kein Spielzeug entfernt.
Begründung:
Der von Ihnen damals und jetzt im Schreiben aufgeführte Paragraph 25 Absatz 7 als Grundlage für diese Maßnahmen trifft nicht vollständig zu. Die darin erwähnten Kunststoffe aus verwelkten Gestecken, ebenso abgebrannte Grablichter aus Plastik, Blumenverpackungen aus Plastik etc. entsorgen wir vorschriftsmäßig. Darüber hinaus ist das Grab in einem gepflegten und ordnungsgemäßen Zustand. Ihre Ausführungen zum Plastik bezieht sich ja auf Kinderspielzeug und Gebasteltes von Kindern. Dazu gibt es in der Friedhofsordnung keine gesonderten Ausführungen, da Kindergräber dort schlichtweg nicht vorkommen.
Die Schwierigkeit Geschenke von Alfons‘ Freunden und Freundinnen, die nicht sämtlich aus Naturmaterialien sind, wegzuräumen, ist emotional für mich schwierig. Die Freunde von Alfons kommen ihn besuchen und schauen auch nach ihren alten Mitbringseln, wenn ich das so sagen darf. Ich selbst bin dankbar für jeden Besuch, für jede Aufmerksamkeit, für jeden Trost. Wenn nichts mehr von dem eigenen Kind bleibt, außer das Grab, bekommt dieses natürlich eine besondere Gewichtung. Vielleicht ist das für manche nicht dezent genug, zu bunt. Aber ich bitte Sie, der Sie auch ein Vater sind, diese andere Perspektive einzunehmen. Ein Kindergrab ist kein Erwachsenengrab. In meinem Verständnis kann es lebensfroh aussehen, weil Alfons leben wollte. Alte Menschen wollen am Ende ihres Weges mitunter sterben; Alfons nicht, er hatte Pläne, Freunde, er sehnte sich nach der Schule, nach einem Leben ohne Bluttransfusionen, er wollte Arzt werden und laufen, schwimmen, radfahren und das spiegelt sich in dem Grab wieder.
Ich wünschen mir von Ihnen als Bürgermeister aller Bürger und Bürgerinnen von Bad Muskau, dass sie meine Perspektive und meine Nöte kennen. Und vielleicht ist es Ihnen möglich, nicht nur die namenlosen Anrufer*innen zu verstehen, sondern ebenso mich in meiner Trauer. Zumindestens habe ich diesen Anspruch, so wie die Anrufer bei Ihnen auch den Anspruch auf Gehör haben. Im Moment setzen Sie sich aber gerade für diese ein und nicht für mich. Warum? Zumal ich nach dem 11. Mai mindestens fünf Frauen auf dem Friedhof fragen konnte, wie sie das Grab von Alfons sehen. Alle haben gesagt, dass das meine Sache ist, dass sie sich nicht vorstellen können, ihr Kind zu verlieren und nicht an dessen Grab stehen wollen, dass das Grab nicht stört etc.. Von vielen weiß ich, dass sie gern zu Alfons kommen und die Dinge betrachten, die seine Freunde für ihn hinterlassen. Was soll ich den Kindern sagen? Sie erleben in dieser Welt den Tod in mancher Hinsicht und zugleich das Schweigen dazu.
Ich möchte gern mit Ihnen dazu noch einmal ins Gespräch kommen und im Moment um eine Fristverlängerung bitten. Ich bin an dem nun folgenden Wochenende arbeiten und habe in der kommenden Woche Urlaub bis zum 5.10.2020, so dass ich den 2.10.20 nicht einzuhalten vermag. Bitte räumen Sie nicht Alfons‘ Grab ab. Es ist eine schwere Zeit für mich, da am 24.9.2018 Alfons ins Koma gelegt werden musste. Es ist in jedem Jahr die schwierigste Zeit bis zu seinem Sterben am 17.10.2018 und alles liegt erst 2 Jahre zurück und es ist wie gestern und überhaupt kann ich erst langsam verstehen, dass mein Kind tot ist.
Am 18.10.20 werden seine Freunde zu Besuch kommen. Bitte lassen Sie mir noch diese Zeit und geben Sie mir danach einen Gesprächstermin an Alfons‘ Grab, um zu benennen, was dort störend ist.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Mit freundlichen Grüßen
Anett Quint; Bad Muskau, den 25.9.20
aufgeschrieben am 20.9.20
Es fällt mir so unendlich schwer, aus meinen Notizen über Alfons eine Begebenheit auszuwählen, um sie hier aufzuschreiben. Auf dem Blatt Papier warten noch so unendlich viele Geschichten darauf, geschrieben zu werden. Beginne ich sie zu lesen, um sie auszuwählen, weine ich und verheddere mich in den Erinnerungen. Dabei sehe und höre und spüre und rieche ich alles, was passiert ist. Mich durchflutet Schmerz, Schmerz, Schmerz. Ich kann nicht dankbar sein, dass es Alfons in meinem Leben gab; ich empfinde es als eine riesige Ungeheuerlichkeit und Ungerechtigkeit, dass er nicht mehr ist, nicht mehr leben darf. Dass ich ihn vermissen muss bis zu meinem Tod. Und nicht mal dann weiß, ob wir uns wiedersehen. Und dieses Schweigen der Schule, der Lehrerin, der vielen Freunde von Alfons, die kein Wort des Mitleids kennen. Und ich soll das Verstehen. Nein, ich verstehe das nicht. Ich beobachte seine Freunde und stelle mir Alfons vor. Aber das lindert nicht den Schmerz.
Am 22.9.18 sind wir eine letzte Runde spazieren gefahren in der Mittelallee der Charité. Am 24.9. badete Alfons nach zwei Monaten das erste Mal wieder und es war sein letztes Bad in seinem kurzen Leben. Mama, mit meinem grünen Badeduschbad.
aufgeschrieben am 6.9.20
Carl und ich und in uns ist Alfons
Wir saßen zu dritt am Donnerstagabend an der Spree, bei der Fischtreppe, dort finden heimlich Carls Raves statt, zumindestens im Sommer 2018, als Alfons im CTK lag und Carl einen glücklichen Sommer verlebte, für den er sich heute Vorwürfe macht. Ich hätte bei Alfons sein sollen. Es sind solche Vorwürfe die auch ich von mir kenne. Ich hätte es anders machen müssen. Mehr lesen. Anders entscheiden. Nicht so viel Normalität. Kämpfen. Meinen Alfons retten. Wer wünscht sich das nicht, sein Kind beschützen zu können… Ich habe versucht, Carl zu beruhigen, auch an diesem Donnerstag. Aber irgendwann haben wir beide geweint und drei Fische entdeckt, die entgegen der Strömung den Flußlauf hinauf sprangen. Wir haben uns von unserem Schmerz erzählt. Carl mir von seiner Trauer, seiner Verzweiflung so still zu sein, so raus aus dem Leben, so einsam inmitten von jungen Leuten, die leben. Carl will das auch, aber es funktioniert nicht mehr von allein, also nicht mehr intuitiv und als Lauf der Dinge. Sein Leben ist wie Blei. Wie Treibsand. Unendliche Kräfte zerren an ihm und er muss dagegen halten. Ich höre ihm zu und möchte ihn trösten und finde keine Worte. Ich kann mein Kind nicht trösten. Wir sind einfach nur beieinander, drücken uns, ich küsse seine Haare und merke wie borstig und stark sie sind, kurzgeschoren und denke, wie fein und samtig die von Alfons‘ waren. Ich konnte so wenig nur für Alfons tun und jetzt fast nichts für Carl. Wer was warum bin ich in so einer Lage? Ich bin so alt und weiß, dass das alles Carl prägen wird und niemand sagen kann, wie es ausgeht. Ich erzähle Carl die schönen Geschichten von ihm und Alfons und frage ihn, ob er sich daran erinnert. Ja, Mama.
Jetzt beim Schreiben fällt mir plötzlich ein, dass ich Carl beim nächsten Mal davon erzählen werde, dass er das Buch Brüder Löwenherz von Astrid Lindgren mochte oder tief bewegt war von ihm. Alfons las ich Mio, mein Mio vor. Er wollte nicht, dass ich es ihm weiter vor las. Wie auch Tante Mel wird unsichtbar; auch das sollte ich nicht mehr vorlesen, damals in der Charité…
aufgeschrieben am 30.8.20
Müdigkeit
Es ist ungewöhnlich, dass ich so spät am Wochenende über Alfons und in seinem Blog schreibe. Sonst nehme ich mir Sonnabendabend oder Sonntagvormittag Zeit, aber ich habe gestern 4 Stunden Holz gespalten und danach Tante Helga und Onkel Manfred zu Hause besucht; heute habe ich im Haus aufgeräumt und ein paar Stunden mit Tante Elke und Anne verbracht. Immer war Alfons bei uns. Im Dunklen war ich vorhin bei ihm und habe viele Kerzen aufgestellt, habe ihm Gute Nacht gewünscht und dann fielen mir die vielen kleinen Zubettbringrituale ein… Wurde es langsam kühler draußen und frisch im Bett, liebte Alfons es, wenn ich das Ende der Zudecke unter seinen kurz angehobenen Füßen einschlug. Damit kam keine Kälte von unten an die Füße heran. Dazu umgab er sich mit seinen Lieblingskuscheltieren; als er krank wurde, ganz bewusst und alle brauchten ihren festen Platz und an allen wärmte sich sein Herz… Wurde es noch kühler, machte sich Alfons gern ein Kirschkernwärmekissen in der Mikrowelle warm. Ich sehe, wenn ich im Bad bin, das rotgestreifte Wärmekissen an seinem Ort und weiß, dass es Alfons nicht mehr dort hervorholen wird… Manchmal war Alfons plötzlich sooo schnell müde, dass wir uns beeilen mussten, damit nicht die Laune in Verzweiflung umschlug. Dabei kribbelten ihm die Beine und Füße – die Schlafläuse waren schon da! Das kenne ich von mir; ab einem gewissen Punkt geht am Abend nichts mehr, dann werden die Füße und Beine zappelig und kribbelig und es hört erst auf, wenn ich im Bett liege und wirklich schlafe. Auch liegen und lesen geht dann nicht mehr. Bei Alfons lebten sie also auch…
Etwas was Carl, Alfons und ich besonders mochten: unsere Betten frisch beziehen. Dann war es ein besonderes und ganz wohliges Gefühl, in einem so frischen Bett zu liegen, dessen Wäsche noch etwas steif vom Liegen im Schrank war und nach unserem Waschpulver und dem Garten, wo die Wäsche im Frühjahr und Sommer trocknete, roch… Das alles ist verschwunden: ich kann die Wäsche nicht mehr im Garten trocknen, weil ich dann Alfons suche und mich an seine und unsere Geräusche erinnern will und das ist nicht möglich und dann überspülen mich die Tränen.
Heute sagte Tante Elke zu mir, dass das mit dem „das Leben geht weiter“ nicht so einfach ist. Zwei Jahre nach Alfons‘ Tod wollte sie für Anna Klopse machen. Alfons liebte sie und befand sie damals so gelungen wie die von Papa. Sie weinte beim Braten und dachte, wie muss es Anett gehen, die sich mit jedem Handgriff an Alfons erinnert, unausweichlich. Ich sagte, manchen Dingen weiche ich aus, manche verdränge ich, manche kann ich zulassen, immer weine ich, wenn Alfons mir in den Sinn kommt. Es ist zighundertmal am Tag. Manchmal kommt er überraschend: gestern stolperte ich beim Holzeinstapeln über eine Palette über die Alfons und ich schon 2017 stolperten. Und dann sah ich uns am Spalter stehen: Alfons wollte das ausprobieren, ich stellte ihn auf eine Kiste und erklärte ihm alles und achtete auf seinen Kopf und wir spalteten gemeinsam unser Holz. Die Bilder waren da, als wäre es gestern erst passiert und die Tränen schossen mir mit so einer Macht in die Augen. Da konnte ich nur stehen und weinen und vor Wut schreien und um mein Kind bitten, dass das alles nur ein böser Traum sei. So weinte Elke und die Klopse schmeckten am Ende nicht.
aufgeschrieben am 16.8.20
Im Garten
Da bin ich häufig und spalte das Holz, was wir im Juni in einer größeren Aktion gesägt haben. Ich komme voran, wenn auch mühsam. Im September 2017 waren wir zu viert und schnell und Alfons und ich rangen mit den großen roten Ameisen, so wie ich gestern auch. Beim Spalten sehe ich den Carola-Apfelbaum. Er trägt viele Früchte in diesem Sommer. Bald werde ich einen Apfelkuchen backen, mit viel Streusel und Hefeteig, wie ihn alle mochten. Wie ich ihn schon Carl buk und später Alfons. Am Sonntag und am Montag gab ich Alfons ein Stückchen für jedes Kind in die Schule mit. Oft. Manchmal landete er auch im Lehrerzimmer, wie mir Alfons einmal entrüstet erzählt hatte. Kinder wollten noch ein Stück und da war der Teller weg.
In meinen Träumen backe ich. Ich weiß, dass ich es nicht schaffe…
aufgeschrieben am 9.8.20
Hitze
Vor zwei Jahren haben wir bei fast 40 Grad im heißen Berlin mit Alfons auf seinem Isolierzimmer ausgehalten. Eingemumt in Kittel, mit Handschuhen und Mundschutz. Alfons ging es schlecht. Es war die Zeit nach der Hochdosis und gerade hatte er die Spenderstammzellen bekommen (ich erinnere mich nicht mehr an den genauen Tag und schaffe es nicht, in den entsprechenden Eintragungen im Blog nachzulesen). Wenn wir nicht bei Alfons waren, lagen wir bei der Hitze in dem 10qm großen Zimmer, grau gestrichen, bei offenem Fenster an der lauten Seestraße im Wedding und konnten kaum schlafen, uns nicht erholen. Ich war voller Angst und innerer Anspannung, verzweifelt, verschwitzt, in purer Sorge.
Heute sind es 34 Grad. Auch jetzt schon funktioniert mein Gehirn nicht mehr, wie damals, als ich kaum klare Gedanken fassen konnte. Ich war ein paar Tage in Angermünde und mit Asia in den Buchenwälder von Grumsien wandern und haben das Kloster Chorin besucht. Dabei dachte ich an Alfons, was er tun und sagen würde. Jeden Tag weine ich darüber und darüber, dass er weg ist. Ich habe ihm einen auf Glas gemalten Käfer mitgebracht, der in einer Bleiverglasung eingefasst ist. Ich gehe mit seinen Augen durch die Welt und bin ständig mit meinem Kind verbunden, aber es ist kein Trost.
An den Abenden bin ich bei Alfons. Nach den Mücken. Wenn ich in Bad Muskau bin. Ich möchte hier blieben. Das Holz zu Ende sägen und spalten. Reparaturen vornehmen. Andere Dinge zu Ende bringen. Platz haben für das Sterben von Alfons und den Tod von Kindern. Platz geben für andere in dieser Not. Vielleicht kann das gelbe Haus mit den grünen Fenstern ein Ort werden, an dem man darüber sprechen kann.
Zum dritten Mal beginnt das neue Schuljahr, nun das 5., ohne Alfons. Wieder habe ich es nicht geschafft, Frau Hinze meine Gefühle mitzuteilen. Und meine Haltung zum „trauerfreien Raum“. Wieder findet dort ein Leben ohne Alfons statt und niemand stört es. Kein Ritual hält ihn in dieser Welt. Kein Wort dringt zu mir, das sagt, er ist noch und ich denke an ihn. Manchmal passiert das zufällig, wenn ich nachfrage, aber dazu braucht es Überwindung und Kraft und Mut, die ich nicht habe, weil ich mich doch selbst schon so als Störung empfinde. Sehe ich Fotos von mir aus der Jetztzeit, weiß ich nicht, wer ich bin. Die Frau auf den Fotos ist mir fremd.
Alfons‘ letzter Auftritt in der Schule
Im Oktber 2018 stand für eine Woche Alfons‘ Bild auf einem feierlichen Podest. Der Papa von Lenny hatte es angefertigt und dorthin gestellt. In dieser Woche waren wir einmal in der Klasse, danach am 3.4.19 noch einmal zu Alfons‘ 10. Geburtstag. Er bekam kein Geschenk mehr und wir bekamen seit dem auch nie wieder eine Möglichkeit, für Alfons an der Schule etwas tun zu können. Wir sind in keinem Verteiler mehr, obwohl es unser Wunsch war, beteiligt zu werden. Ich schreibe in Gedanken an Frau Hinze seit zwei Jahren einen Brief, wie es mir damit geht. Wenn das Leben zerreißt und dann Stück für Stück alle lebendigen Kontakte begraben werden. Niemand spricht von Alfons. Es waren einfach zu wenige Jahre und ich versuche doch, sein Leben wach zu halten. Aber für die anderen gehen ihre Leben weiter und das auch ohne Alfons. Nur ich stehe und funktioniere und überlebe und komme nicht an in dem Jetzt. Ich denke daran, dass Alfons von seinen Freunden und sich ein „Sticker-Fußball-Album“ machen wollte. Er hatte die Idee kurz vor Berlin und schaffte nur die Skizzen dazu. Aber alle seine Freundinnen und Freunde sollten im Fußballtrickot fotografiert werden und in einem Heft sein. So stellte er sich das vor. Die Skizzen habe ich hier. Sie fielen mir beim Staubwischen in die Hände und als ich nun aus Angermünde kam, stand das Bild von Lennys Papa da… Vielleicht ist das ein Zeichen und ich frage ihn und bitte um Hilfe?
Beim Durchschauen der Fotos habe ich eins von Carl aus dem Jahr 2010 gefunden, da ist er neuneinhalb. Und eins von Alfons vom August 2018, da ist er auch neuneinhalb. Sie tragen beide daselbe Shirt. Ich hatte es damals Carl gekauft. Dazwischen trugen es Samuel und vielleicht Arne und Don und Ben. Ich weiß gerade nicht, bei wem es ist. Aber es hat ganze 8 Jahre gehalten. Häufig sehe ich Alfons in Carls Sachen.
aufgeschrieben am 2.8.20
…
In der Nacht war Alfons bei mir. Er kam in mein Bett und wir haben lange gekuschelt. Ich habe ihn berührt und es war, als wäre es real. Ich erwachte davon oder von den Mücken im Zimmer oder von der Hitze und Alfons lag nicht neben mir, aber das Gefühl ihn berührt zu haben, war in mir.
Am Abend zuvor Streit. Alfons war stumm, kein Ihr sollt euch nicht streiten-Protest drang zu mir. Es verging, aber es lässt mich ängstlich und fertig zurück. Es ist nicht leicht, zu scheiden…
Meine Sinne sind überspannt. ich höre die Infusionspumpe in Alfons‘ Zimmer in der Charité. Dieses fast melodische Auf und Ab. Lese, beim Abheften der Unterlagen auf meinem Schreibtisch, Prof. Schultes Worte: Ich behalte Alfons als sympathischen und tapferen Jungen in Erinnerung. Es tut mir leid um seinen Tod… Vorgestern fuhren wir nach Berlin, vor zwei Jahren. Mein Kopf konnte nicht mehr denken. Es waren 39,5 Grad in Berlin und somit der heißeste Tag des Jahres 2018 in Berlin. An diesem Tag wurde Alfons an die Hochdosischemo angeschlossen. Es nahm kein gutes Ende. Wir fuhren ohne ihn heim. Zwei Jahre später ist von allem nur noch ein Scherbenhaufen übrig. Ich hörte gestern, als ich bei Alfons saß, Familienlachen, ein Nachbarskind rief Mama, jemand hüpfte auf einem Trampolin… Mein Leben ist immer noch ein Überleben. Nirgends bin ich sicher, überall Wunden, zunehmende Einsamkeit…
Heute habe ich eine Fimo-Knetfigur von Alfons repariert. Antboys Freund war ein Bein abgefallen. Ich klebte es an. So einfach. Ich klebte auch die Schwanzfedern der Möwen neu an, die der Regen struppig gemacht hatte oder die schon ausgefallen waren. Später kommen sie zurück zu Alfons in seinen Garten. Dort hängen bereits drei Muschelmädchen von Andrea und Susan. Und in der Nähe liegen Alfons‘ gesammelte Muschel, irgendwann einmal in Prerow. Da war er klein. Wir taten die Muscheln in einen leeren Eisbehälter und ab und an nahmen wir welche zum Basteln heraus. Als 2019 Andrea und Susan heirateten, stand inmitten dieser Muscheln ihre Hochzeitskerze. Kann das überhaupt von Bedeutung sein? Alfons kehrt nicht zurück und er hat mir so eindringlich gesagt: Mama, ich will nicht diese Transplantation! Aber Eltern machen immer alles anders und viel verkehrt. Ich kann damit kaum leben.
Am 23.7.20 trafen sich Konstanze und Petra und ich bei Alfons. Wir picknickten und tranken Wein und nahmen an, es würde Alfons gefallen haben. Wie schön wäre es gewesen, er hätte mit uns auf der Decke gesessen. Ich kann es nicht gut aushalten, dass er nicht mehr ist und ich sehe, was das mit Carl macht und ich fühle so viel Ungerechtigkeit in meinem Leben und die Unfähigkeit, meine KInder nicht vor solchen furchtbaren Schicksalen bewahrt zu haben. Das füllt mich aus, auch wenn ich arbeiten gehe, Freundinnen besuche und irgendwie lebe.
aufgeschrieben am 17.7.18
Die Eule
Ich saß bei Alfons in der Abendsonne. Es hatte den Tag über geregnet und der neue Rasen war noch naß. Ich schaute in die Augen der Eule. Der Keramikeule, die im Pflanztopf von Alfons‘ Gingko-Baum auf einem seiner gesammelten Stöcker trohnt. Ich hatte sie im Oktober 2019 in Görlitz gekauft, mit Kerstin aus Braunschweig, in einem Töpferladen. Es fiel mir so schwer, durch Görlitz zu laufen; zu oft waren wir hier. Die Eule erinnerte mich an die kleine gehäkelte Eule, die Alfons mir am 1.6.18 in Cottbus im Ronald McDonald-Kinderhaus aussuchte, aus einem Berg von gehäkelten, gestrickten und genähten Kuschelfiguren. Ich war an diesem Tag in meinem Zimmer im Elternhaus meine Sache holen; wir konnten für ein paar Tage heim. In dieser Zeit wartete Alfons unten auf mich und die Mitarbeiter*innen des Elternhauses kamen und ließen Alfons sich schöne Dinge aussuchen. Ich schrieb wahrscheinlich im Blog schon darüber. Immer wieder wünschte er sich einen gehäkelten Igel und nie klappte es… Für sich suchte er also einen lilafarbenen Elefefanten aus, mit großen Ohren und weißen Knopfaugen. Wir tauften ihn sofort auf Öhrchen. Wie seinen Lieblingsteddy Bärchen, aber eben Öhrchen. Und für mich suchte er eine kleine Eule aus. Nicht größer als 5 cm. Er schenkte sie mir stolz. Heute denke ich, er hat sie gesehen und an mich gedacht und sie mitgenommen. Sie fährt jetzt jeden Tag mit mir auf Arbeit. Neben ihr ist ein kleiner Elefant. Er ist bestimmt 60 Jahre alt. Mein Vater hatte ihn meiner Mutter geschenkt, als sie verliebt waren. Die Liebe hielt nur kurz, ein paar Jahre. Aber der Elefant lebt. Er stand lange auf dem Fensterbrett in der Wohnküche hier zu Hause. Zwischen den Bildern meiner Eltern und war dann mal weg. Ich bemerkte es und wurde panisch. Alfons sah mir beim Suchen zu und suchte dann mit mir und er fand ihn unter dem roten Sofa, von Donner dorthin verschleppt. Ich war so panisch, so erleichtert, so wütend, so traurig, so glücklich. Es gibt nicht viele Dinge, die mir von meiner Mutter geblieben sind und Alfons sah meine Sorge, ohne Worte. Er sah mich mit großen Augen an und er verstand alles. Ich verstand nichts… Und auf der anderen Seite, neben der kleinen Eule von Alfons im Auto, liegt ein grünes Säckchen. Alfons bekam es von Frau Hinze, seiner Klassenlehrerin, zum Geburtstag, mit einem Stein drin und er schenkte es sofort mir. Ich trug es am Schlüsselbund, als er noch lebte, lange, aber irgendwann zerriss das Band und ich legte es ins Auto… Diese drei Dinge – der Elefant, die Eule und das Säckchen – bedeuten mir viel.
Am Tag von Alfons‘ Sterben schickte eine Mutti, aus Cottbus vom CTK, die mit ihrer Tochter in der Charité lag, ein Foto an Schwester Maren. Darauf eine Eule, die in einem der Bäume in der Mittelallee der Chari´te wohnte und vielleicht dort brütete. Ganz in der Nähe von Alfons‘ letztem Zimmer auf der Kinderintensivstation. Die Mutti schrieb, dass sie die Eule lange nicht gesehen hatte, aber am Nachmittag, als Alfons starb, war sie da.
Der Rasen
Alfons‘ Garten ist größer geworden. Dort kann man nun sitzen und im Sommer auf der Wiese picknicken. Alfons mochte es, als er sehr krank war, still zuzuhören, wenn wir uns unterhielten…. Alex und Carl, Papa und großer Bruder, haben für Alfons Steine aus dem Wald geholt und den Potsdamer Rollrasen verlegt, gegossen und sich am Gelungenen erfreut.
Vor ein paar Tagen erzählte mir Carl, dass es ihm gut tat, für Alfons etwas zu machen, aber er danach eine Woche lang nicht mehr zu Kräften kam. Es schmerzte ihn die Seele und der Körper und über allem liegt eine „Sprechblockade“…
Es jammert mich, meinen großen Sohn so zu sehen und nichts tun zu können. Dann weine ich laut in der Nacht, in der Dunkelheit, verzweifelt, wütend, ohnmächtig, warum konnte es mich nicht treffen, einfach hätte ich davongehen können und meine Kinder wären geblieben. Die Zukunft. Dann begreife ich in dem Schmerz, der Kleine ist tot und der Große leidet darunter so sehr; und er ist so erwachsen und so still und so auf sich gestellt. Und kein 11jähriger Bruder kommt nach der Schule zu ihm in die WG, um seine Musik zu hören, um ihm Löcher in den Bauch zu fragen, um seine Sorgen zu teilen, um auf Carls Hochbett zu fläzen und am tablet zu spielen, um Carl zum Eis zu überreden, um mich am Telefon zu betteln: Ach, Mama, darf ich bitte eine Nacht bei Carl schlafen? Sein Bett reicht für uns zwei… Und Carl höre ich im Hintergrund rufen: Mama, lass ihn. Ich passe auf ihn auf (ich höre sie verschwörerisch lachen und liebe sie so dafür; bin so froh, dass die Pubertät vorbei ist und sie sich gut verstehen). Alles ist gut, Mama, ich setze Alfons morgen in den Zug, es ist doch Wochenende… Und ich lasse sie, bin glücklich und dankbar und habe einen Tag frei…
Das wird niemals sein. Ich weiß das, wir wissen das und ich kann damit nicht leben, keiner findet Ruhe von uns. Aber das Wissen hilft nicht, mein Herz versteht gar nichts.
aufgeschrieben am 5.7.20
Frei
Seit einer Woche habe ich frei. Eine Woche lang. Fest habe ich mir vorgenommen, viele viele Geschichten von und über Alfons‘ in seinen Blog zu schreiben. Aber ich konnte es nicht. Ich saß im Haus unserer Familie. Inmitten von Stille. Sehnte mich nach dem Kinderlärm, dem Trampeln von Kinderfüßen auf der Treppe, hoch und runter, dem Schlurfen über Fliesen und Dielen in der Küche, nach Fragenkaskaden und Rufe über den Hof, hörte Alfons‘ Lebenlust: Was ist heute unser Plan? Das alles flutet mich. Wie jetzt, im Moment des Schreibens. Dann kommen die Tränen und die Ungeheuerlichkeit seines Todes durchzieht mich als brennender Schmerz und das Schreiben wird zur schweren Arbeit. Die ich tun will, weil sie gegen das Vergessen ist. Und doch kostet sie mich Kraft und dann vermeide ich das Schreiben und halte die Erinnerungen wach, aber nicht lebendig. Tage brachte ich nun so zu: wage ich es zu Schreiben, lasse ich alles für ein paar Stunden lebendig in mir werden? Noch immer notiere ich mir kleine Geschichten auf meinem Handy und somit nimmt es kein Ende, über Alfons und Carl und die Familie schreiben zu können. Das macht es nicht leichter. Aber heute ist es nun soweit. Ich schreibe…
Die Töpferei Najorka
Vor 30 Jahren kaufte ich dort Teetassen mit blauen Punkten auf weißem Grund. Später dunkelblau glasierte Vasen. Als die Kinder kamen und das Geld für andere Dinge gebraucht wurde, kaufte ich weniger und wenn, dann verschenkte ich grün lasierte Gemüseschüsseln und Trinkbecher und bauchige Teetassen mit Frauen- und Blumenmotiven. Als die Kinder größer wurden, kaufte ich kleine Stücke für mich. Wie diese Schüssel aus Salzbranntkeramik, gebrannt in einem offenen Ofen in der Töpferei.
Einmal schenkte mir Kathrin Najorka eine breite Teekanne mit einem eingeritzten Karomuster, dem eines Schachbrettes ähnlich. Sie stand damals in der Wohnung in der Schillerstraße auf dem Fensterbrett. Im Urlaub goß die Oma die Blumen, öffnete das Fenster und verschloss es später nicht. Ein Sturm beseitigte diese Teekanne und ein geerbtes Stück meiner Mutter, eine schwarze Vase. Das hat mich lange beschäftigt, was da und wie es zu Bruch gegangen ist. Dinge, an denen auch das Herz hing…
Die Kinder durften sich in der Töpferein Najorka immer eine Kleinigkeit aussuchen, aus dem II. Wahl-Korb (ich nahm mir ab und an auch einen Teller oder eine Tasse mit): Carl nahm einmal eine gräuliche Flasche mit, füllte zu Hause Malzbier hinein und dachte sich für Pauline eine Geschichte dazu aus – er hätte das Malzbier gebraut. Dann war es ein kleiner Übertopf aus Salzbranntkeramik, in den er einen Minikaktus pflanzte. Alfons suchte sich einen grünen Kerzenständer aus, in dem man auch einen Blütenkopf mit Wasser legen konnte und, als er krank war und nicht mehr mitkommen konnte, bekam er eine kugelige kleine Vase geschenkt.
Wir fuhren fast immer zu dritt dorthin. Nach Krauschwitz, ein Dorf neben Bad Muskau. In ein altes Schrotholzhaus (?) . Darin die Werkstatt, der Brennofen und Ausstellungs-, Lager und Verkaufsräume. Man kann stundenlang dort sein und schauen. Und sich verlieben in diese Keramik. Das taten Alfons, Carl und ich. Einmal, Ostern, töpferte Alfons mit Jim an einem offenen Werkstatttag. Einen Hasen und ein Schälchen in grün. Sie stehen auf dem Küchentisch.
Als Alfons gestorben war, kam von Kathrin Najorka, der Töpferin, ein Windlicht zu uns. Und später schenkte sie mir viele Dinge, die ich an Manja gab. Als Dankeschön für ihre Unterstützung während Alfons‘ Kranksein und Sterben. Vielleicht besuche ich bald ihren Stand auf einem Töpfermarkt…
Wald Bäume Holz
Diese großen Bäume auf den letzten Fotos in dieser Reihe stehen in der Nähe von Andreas‘ Haus, bei den Fischteichen in der Damme. In der Nähe der Slawenburg. Ich schaffte es nicht mehr, diese alten und ehrfürchtigen Bäume Alfons zu zeigen. Dafür zeigte Andreas ihm die nicht sichtbaren Spuren der Slawenburg und man konnte sich das Leben damals vorstellen, wenn man die Augen schloss. Das war damals im Februar 2018. Andreas fand mit ihm dort 1000 Jahre alte Keramik, schenkte ihm einen Stein, behauen zu einer Klinge. Kletterte mit ihm auf den Kirchturm in Lieberose. Ließ ihn im Pfarrhaus in einer 500 Jahre alten Bibelauslegung blättern und las ihm daraus vor. Zur selben Zeit interessierten wir uns für Luther. Zu Hause lasen wir gerade mit Alfons im MOSAIK die Geschichte der Reformation…
Auf dem Weg nach Berlin sagte Alfons, wie sehr er sein Dorf, den Wald, das Haus, die Bäume und ihr Grün liebte. Die Städte waren immer ein Erlebnis, aber nie Heimat für ihn…
Also diese 500 Jahre alten Bäume lernte er nicht mehr kennen. Aber wir sprachen über sie (vielleicht schrieb ich dies schon an einer anderen Stelle im Blog): Die Bäume lebten schon vor uns und sahen viel und sie werden noch leben, wenn wir schon tot sind. Wir rechneten, wie alt ein Mensch wird und wie alt eine Eiche. Und malten uns aus, was sie alles schon gesehen hatte und noch sehen wird, wenn wir nicht mehr sind. Alfons kannte uralte Eichen aus dem Muskauer Park, in dem wir oft waren. Noch ein paar Tage vor der Fahrt zur Charité fuhr Alex mit Alfons und Malte zum Geocaching in den Bergpark. Manchmal beim Zubettbringen und Singen und Geschichtenerzählen wünschte sich Alfons: Mama, erzähl eine Geschichte vom Wichtel Klaus. Das fiel mit schwer. Ich war eine gute Vorleserin, aber keine besondere Geschichtenerzählerin. Irgendwann hatte ich mir den Wichtel Klaus ausgedacht. Der Wichtel Klaus lebte mit seiner Familie, ich glaube seine Frau hieß Monika, in den Wurzeln einer starken Eiche im Muskauer Park. Nahe dem Grenzfluß, der Neiße. Er fuhr Besucher*innen mit einer Kutsche, gezogen von Eichhörnchen, durch den Park. Einmal sagte Alfons zu mir: Mama, du erzählst mir das von Wichtel Klaus, was wir heute auch erlebt haben. So einfallslos war ich. Dabei wünschten sich Carl und Alfons immer mal wieder eine Geschichte vom Wichtel Klaus…
Bäume waren uns auch vertraut, weil wir in ihren Schatten Pausen machten. Einmal zeichnete Alfons Alex und mir eine Art Schnipseljagdplan auf. Durch den Garten, zum Baumhaus, über den Hof hinaus zur Straße und dann hin zur schräg gegenüber von unserem Haus liegenden Wiese. Dort, unter der Birke, hatte er für uns auf einer Tischdecke ein Picknick vorbereitet. Davon gibt es keine Fotos, vielleicht in den Fotoalben, die ich den Kindern jährlich zu ihren Geburtstagen bastelte, die Zeichnungen von Alfons. Ich erinnere mich nicht vollkommen daran, warum uns Alfons eine Freude machen wollte… Wir hatte immer auch Bäume als Brennholz auf unserem Hof. Zuletzt spalteten wir im Herbst 2017 Holz, Alfons und ich. Alex und Carl holten die Stücke aus dem Wald. Es machte so viel Freude, zusammen zu arbeiten. Alfons wollte spalten. Ich stellte ihm eine alte Holzbierkiste, umgedreht, vor den Spalter und dann spalteten wir zusammen. Er stapelte auch das Holz und erledigte zwischendurch viele andere Sachen, von denen ich keine Ahnung hatte. Zum Abend hin machten wir wie so oft ein Lagerfeuer im Garten und grillten Würstchen am Spieß. Auf einem der Fotos sieht man auch unseren Nachbarn Engelmann. Er hatte Holz gespalten und stapelte es nun mit Carl und Alfons auf. Das war 2012. Da war Alfons 3 Jahre alt… Ein anderer Baum begleitete uns auch viele Jahre: Der Traumzauberbaum von Reinhard Lakomy. Die Lieder hörten wir immer und immer wieder. Moosmutzel und Waldwuffel stimmten mit einer Stimmgabel einzelne Blätter am Baum an und daraus kamen dann Lieder über den Eierbecher, das Einschlaflied, die Katze Marylou oder auch das Gespensterlied, welches Alfons nicht mochte… Im Traumzauberbaum II segelte eine wilde Lausebande unter Agga Knack durch die Flüsse Berlins und fraßen Löcher in die Blätter des Traumzauberbaums, aber dann kamen Tarn und Kappe… An einer Stelle sagte einer der Lausebuben von Agga Knack: Liebe ist das einzige was mehr wird, wenn man es teilt…. Alfons und Carl saßen auf dem Sofa und blätterten im Buch zu den ersten Traumzauberbaumgeschichten und sahen die Bilder und den Text und wir sangen manchmal mit… Heute steht ein Baum in Alfons‘ Garten, auf seinem Grab, wo er ruht ohne je ausgeruht zu sein. Anstelle der Blätter gibt es Platz für die Dinge, die ihm seine Freunde, Freundinnen und seine Familie vorbeibringen. Würde ihn das freuen?…
Am Badesee Eichwege standen viele viele Pappeln auf dem Parkplatz. Im letzten Jahr wurden sie gefällt. Wenn ich vorbei fahre, fast täglich, sage ich zu Alfons: Ich kann dir nicht erklären, warum die Menschen so etwas tun. Ich kann mich nicht an den Anblick gewöhnen. Es macht mich wütend, das Menschen das tun. Dort stand unser Auto, wenn wir im See baden waren. Dort passierte es auch, dass einmal auf einer Nachbardecke eine Familie saß mit zwei kleinen Jungen (vielleicht 3 und 4) und einem Mädchen, neugeboren. Der Vater herrschte im Beisein der Mutter die Jungs pausenlos an. Sie durften nicht auf der Decke sitzen, damit sie nicht dreckig wird. Sie mussten still sein, wenn nicht, drohte der Vater sofort mit der Heimfahrt. Sie bekamen kein Eis und keinen Keks. Endlich ging es ins Wasser. Ich war wie paralysiert. Sah das Leid dieser Kinder in ihren Augen, ihrer Körperhaltung. Spürte ihre Angst vor dem Vater. Ich wollte eingreifen und brachte es nicht über mich. Alfons war noch klein und irgendwann gingen wir. Noch heute mache ich mir Vorwürfe, es hingenommen zu haben…
Alfons war auch oft mit uns im Wald, zum Spazieren, Beeren und Pilze sammeln. Oder mit Alex und Donner, um diesen auf seine Jagdprüfungen vorzubereiten. Mit Freunden auf dem Lisberg. Zu Fuß im Wald oder mit dem Rad im Park. Einmal kam Alfons von einem Ausflug mit Papa zurück und erzählte aufgeregt: Mama, wir haben zwei nackte Menschen mit Rucksäcken gesehen! Alex erklärte ihm, dass das Nudisten waren…
Und eine letzte Baumgeschichte handelt davon, dass eines Tages Alfons, er war 6, tränenüberströmt und schreiend, Carl folgte ihm auf dem Fuß, in die Küche gestürmt kam und außer Atem schrie: Mama, Mama, ich bin vom Baumhaus gefallen! Das Baumhaus hatte einen Balkon und das schützende Gitter, ein altes Holzzaunfeld, war morsch geworden und als sich Alfons daran lehnte, brach es und Alfons stürzte herunter.
Wie durch ein Wunder passierte nichts.
aufgeschrieben am 28.6.20
Mein geliebtes Kind
Ich habe Dich heute nicht vergessen. Den ganzen Tag suche ich nach Worten und Geschichten, über Dich und die Dir gerecht werden. Aber ich bin nur stumm in der Stille hier. Hier zu Hause. Da höre ich Dich die Treppe runterpoltern. Höre Dich MAMA rufen. Rieche Dich. Wir sprechen; frage uns Dinge und erklären uns die Welt… Ich weine, weil ich mich nicht entscheiden kann, weil ich kraftlos bin, weil ich Angst habe vor dem Schmerz, der mich trennt von Dir. Ich kann es doch nicht glauben, Alfons, dass Du nicht mehr bist. Und aushalten; aushalten kann ich es kaum. Ich will es doch auch nicht. So mühsam habe ich gelernt, nicht mehr alles aushalten zu müssen, was mir nicht gut tut, aber was ist mit Deinem Tod? Ich weine und sehe die Buchstaben nicht mehr und nun sind so viele Stunden mit Nachdenken vergangen, dass ich zu müde zum Schreiben bin. Aber ich habe ein paar Tage frei und dann werde ich Dich in den Geschichten auferstehen lassen und Deinen Namen nennen, denn dann bist Du nicht tot. Dann lebst Du in mir fort. Ich liebe Dich. Unendlich und wirklich und doll und bedingungslos. Du hast so oft danach gefragt. Musstest Dir sicher sein vor Deiner Reise, auf die ich Dich nicht begleiten konnte. Wie konnte es nur dazu kommen? Warum? Hörst Du mich? Ich liebe Dich unendlich. Deine Mama.
aufgeschrieben am 21.6.20
18.6.2020
Carl hat sein Zeugnis bekommen. Alex, Carl und ich waren zusammen essen. Alfons hätte Carl getröstet, so wie Carl einmal, Weihnachten 2017, Alfons tröstete. Mein Bruderherz ist tot, sagte Carl, ich bin müde und kaputt. Manchmal sehe ich Kinder die allein sind, niemanden haben. Manche leben im Krieg, ohne Essen. Das lässt mich meinen Schmerz ertragen.
Sein Fahrrrad fiel einen Tag später aus der neuen, selbstgebauten Wandverankerung. Auf die 13 Rosen, die ich Carl zum letzten Schultag geschenkt hatte. 9 Köpfe brachen ab und stehen nun bei Alfons.
Ich saß auf dem Schulhof und habe mich von der Schule verabschiedet. Mit der offenen Wunde, dass es keine Worte und Taten gab und gibt für unser totes Kind. Frau Hinze trat zu mir. Ich habe wieder den Versuch unternommen, einen Kontakt herzustellen, aber irgendwie bleibt alles unverbindlich. Ohne Verantwortung. In dem Wort steckt doch, dass wir Antworten geben auf die Fragen und Herausforderungen des Lebens. Es ist seltsam, dass ich mich dafür schäme, dass die Schule auf Alfons nicht reagiert, obwohl er so gerne dorthin ging. Nichts zu seinem ausgefallenen Geburtstag. Eine Mutti aus Carls Klasse hatte sogar vergessen, dass er gestorben war und lachte laut, als der Fehler auffiel. Erwarte ich tatsächlich, dass eine/einer mein Leid sieht? Anne schrieb heute: Ohne Kind sein ist wie ein Makel. Man kann nicht mehr mitreden und über tote Kinder will niemand etwas hören….
aufgeschrieben am 14.6.20
Die volle Woche und Carl
Am Mittwoch entwickelten Carl und ich einen Plan B: Minijob und Praktikum. Ein Jahr lang und dann ein neuer Abianlauf?!
Am Donnerstag trafen wir uns, die befreundeten Muttis der befreundeten Jungs, die nun ohne Alfons sind. Wir sehen uns weiter, alle sechs bis acht Wochen. Und jetzt einmal häufiger, weil ich zu meinem 50. Geburtstag einen Gutschein geschenkt bekommen habe – ein Picknick im Kromlauer Park am 20.6.. Das hat mich sehr berührt und mir Mut gegeben.
Am Sonnabend dann die Holzaktion und am Sonntag nahm ich Carl von Cottbus mit und wir tranken mit Tante Helga und Onkel Manfred im Garten Kaffee und aßen Zupfkuchen und Erdbeerschnitten. Wir liefen zu Alfons, dort hatten Carl und ich noch ein paar Stunden zuvor Blumen neu gepflanzt und den Rasen gegossen. Das tat uns gut. Es war das erste Mal, dass wir zusammen für Alfons‘ Garten etwas taten und Carls letzter Besuch bei Alfons lag lange zurück (Dezember 2019).
Carl stand später in der Küche und sagte: Wie groß ich geworden bin oder wie klein die Küche doch ist. Ich sagte: Du standest hier schon einmal, kurz vor oder nach deinem Auszug im Juni 2018 und sagtest, vielleicht komme ich zurück, wenn ich älter bin. Alfons saß am Tisch, hörte dies und sagte energisch, ich gehe hier niemals weg. Carl antwortet behutsam: Und er hat Recht behalten.
Auf dem Rückweg nach Cottbus fuhren wir den alten Schulweg über Jerischke und über die Autobahn. Wir erzählten uns Geschichten von den Fahrradtouren zum Ziegenhof, wo es Cola gab, ausschließlich dort. Und wo wir Ziegenkäse kauften, aus dem wir Bratstullen mit Ziegenkäse in Olivenöl und Tomaten im Ofen zu Hause machten. Wir sprachen von Nadine, der wir früh oft mit ihrem Hund begegneten und die Carl viele Jahre mit nach Cottbus nahm. Wir erinnerten uns an die Hirschherden, die unseren Weg kreuzten. Carl meinte: Du hast mir oft den Auftrag früh im Auto gegeben, in den dunklen und diesigen Jahreszeiten, im Wald rechts und links Ausschau nach Tieren zu halten. Damit wir sie nicht zu spät sahen. Und oft sahen wir welche. Und niemals überfuhren wir ein Tier. Und auf der Autobahn sprachen wir über die Windräder am Rand und schöne Wolken und roten Mohn. Wie ich den Kindern die Welt erklärte. Und Carl leise: Wie die Welt entsteht, durch deine Geschichten über mein Leben als Kind. Was einen prägt. Und ich sagte: Der traurige Tod von Alfons verstärkt die stillen Anteile in dir, die es schon immer gab. Und das wird dich prägen für dein Leben. Auch wenn du lustig bist und feierst und wunderbare Musik machst, das Traurige begleitet dich. Es ist weder gut noch schlecht, sondern einfach da und braucht seinen Raum. Wir fuhren still.
aufgeschrieben am 14.6.20
Im Chaos der letzten Tage
Carl hat sein Abi nicht geschafft. Im Bahnhof wabbert die Frage nach dem Fortbestand der Bildungsstätte und dem Wieweiter. Die Scheidung von Alex und mir steht an. Ebenso die Zukunft des Hauses. Alles treiben wir und treibt uns voran… Unermüdlich und schonungslos…
Wenn ich für mich bin, bin ich bei meinen Kindern. Beim Carl im Jetzt und bei Alfons im Damals. Am 5.6.18 hatte er seine erste große OP. Er bekam einen Hickman-Kathether eingesetzt, über den später die Bluttransfusionen und die Hochdosischemo sowie alle anderen Medikamente den Weg in ihn nahmen. Die Tage waren heiß damals. Und am 6.6., nach erfolgreicher OP, saßen wir am Vormittag schon auf dem Krankenhausgang der K1, weil plötzlich die Betten gebraucht wurden. Alfons frisch operiert. In der Nacht konnte er schlecht schlafen zu Hause, weil die Wunden schmerzten und er sich verlegen hatte. Erst am Wochenende wurde es besser, als Manja kam und Alfons craniosacral behandelte. Heute sehe ich die Tapferkeitsurkunde vom OP-Team des CTK. Eine Nachbarin aus Köbeln arbeitet dort und fand Alfons im Aufwachraum wieder und sprach mit ihm: Wir sollen mal Kaffee trinken kommen zu ihr, sagte Alfons nach dem Erwachen, dann erklärt sie uns alles. Die Mutti von Kim und Michele. Mit Kim ging Alfons in den Kindergarten, mit Michele Carl. Und dennoch ist davon nichts geblieben. Wir waren nicht Kaffee trinken und wir haben nicht über Alfons gesprochen. Nichts deutet mehr auf die Katastrophe hin. Das Erinnern trennt sich vom Leben ab. Das Leben zieht seine Bahn und der Tod eines Kindes bleibt zurück und verblast für viele…
In mir ist alles wach und die Bilder sind scharf. Ich erinnere mich an Alfons‘ Worte, seine Socken, das Affenbaumspiel, welches ihm die Bahnhofsjugendlichen geschenkt hatten, das Krankenhausbett, immer wieder an sein Erstarken inmitten dieser lebensbedrohlichen Krankheit. Der 5.6. ist für mich ein Datum im Ablauf dieser ausgebrochenen Krankheit wie für andere der 31.12., der 1.1., der 8.3., der 1.5. oder Himmelfahrt oder Pfingsten… Diese Tage sagen mir nichts mehr, weil mein Jahr mit dem 3.5. beginnt und verschiedene Meilensteine hat. Ich denke an diesen Tagen nicht besonders viel an Alfons, weil Alfons mir immer gegenwärtig ist; an diesen Tagen gedenke ich seines Leids und wie er es ohne Hadern trug. In dieser Zwischenwelt, in der ich lebe, wo man nicht leben will, nur automatisch überlebt und wo das Nichtlebenwollen kein Sterbenwollen bedeutet, in dieser Welt ist die Trauer zu Hause, die Verzweiflung, der Schmerz, die Einsamkeit, die Sinnlosigkeit. Ich weiß, hier leben viele und wir kennen uns nicht. Wir können uns nicht beim Grillen begegnen und nicht beim Tanz. Das ist ein Welt ohne Orte und ohne Zeit. Begegnen wir uns, sind wir still. Denn diese Zwischenwelt kennt auch keinen Trost; der kommt mit manchen wunderbaren Menschen zu uns, wenn sie an der Grenze stehen und uns ein Stück begleiten. Egal wie verstörend es für sie ist, was sie sehen und hören in der Zwischenwelt. Und ich hoffe, sie bleiben trotzdem eine Weile bei mir.
aufgeschrieben am 1.6.20
Alfons und ich und meine Mutti und mein Opi
Sieht Alfons Opa ähnlich, fragte ich meine Tante Elke.
Ich zeigte Alfons, er war drei Jahre alt, ein Foto von mir als Kind (das erste Foto in der Fotoreihe 1972 bis 1980) und er sagte ich. Wir lachten. Nein, dass bin ich, sagte ich. Ich hatte mich irgendwann erinnert, dass ich seinen viereckigen Kopf schon einmal gesehen hatte…
Was für hübsche Kinder Sie haben, sprachen mich die Leute auf der Straße an. Wenn ich dich sehen, muss ich an Alfons denken, sagte Carl. Ihr seht euch so ähnlich, sagten wieder andere.
2010 bis 2012
1972 bis 1980
Carl, sein Opa-mein Vater, mein Vater und ich mit 2 Jahren?, meine Mutti und ich, ich und Alfons, meine Mutti, mein Opa mit meiner Tante, Carl und Alfons, Tante Elke und Alfons, Alfons, ich und Carl, ich, Alfons, Elke und Holger
aufgeschrieben am 17.5.20
Fund
Auf der Küchenschrankablage gibt es einen Ort für Stifte, Batterien, Zettel und Portemonnaie u.a. für polnisches Geld. Ab und an schnitt ich einseitig beschriebenes A4-Papier zu kleinen Zetteln, die wir als Einkaufszettel benutzten oder um etwas am nächsten Tag nicht zu vergessen. Alfons nutzte sie gern, um sich Sachen aufzumalen, abzuschreiben oder ich musste die Tage notieren, die bis zu seinem Geburtstag oder bis Weihnachten noch blieben. In dieser „Zettelbox“ steckte also ein Gesundheitsschein der Kinderärztin, der bestätigt, dass der Alfons vom 23.-26.1.18 krank gewesen sei. Auf die Rückseite schrieb Alfons „BLITZES EHEMALIGE MEISTERIN DES“. Ich glaube mich zu erinnern, dass wir über die Namen seiner Ninjago-Lego-Figuren sprachen und dass diese sich weiterentwickeln konnten und er erklärte mir das ziemlich umfassend. Und dann hieß eine Blitzeis? Ich werde seine Freunde fragen…
Alfons‘ Handschrift zu sehen, fühlt sich an, als wäre er hier. Die Stille passt nur nicht zum sonstigen Lärm der Kinder. Sie sind kurz weg, heißt das weiterhin in mir. Sie kommen abends wieder. Wie schön, denke ich, etwas Ruhe. Ich lausche, sehne mich, strenge mich an, bin verzweifelt und schon kommen die Tränen – ich vermisse das Klappern von Alfons‘ Gartenlatschen auf dem Hofpflaster, wenn er hier in der Küche vom Tisch und seinen Vorhaben aufgesprungen ist, um bei Papa im Büro drüben etwas zu erfragen oder um ihn zum Siedler von Catan – Spiel zu holen oder dass er mit dem Lagerfeuer anfangen will.* Irgendwas gab es immer. Immer war Sprache und Musik und waren Töne damit verbunden. Jetzt nicht mehr.
Alles ist weg. Keine Chance, es umzukehren. Keine Hoffnung, es ist nur ein Alptraum. Alles ist erst so kurz her und doch lag Alfons vor zwei Jahren schon im CTK. Aber die Menschen sagen, nun ist doch mal gut. Lebe endlich. Warum versteht kaum einer, dass ich lebe. Ich lebe mit dem Tod meines Kindes und das sieht so aus! Ich lebe für Carl, wenn er mich braucht. Mehr schaffe ich auch nicht.
*Wenn er es ganz eilig hatte, lief er barfuß oder mit Socken hinüber. Und ich meckerte darüber.
Eine Begehung
Die Stadtverwaltung machte mit Alex und mir einen Termin. Es ging um die Heckenpflanzung bei Alfons. Als wir am Tag selbst den Bürgermeister mitkommen sahen, war klar, es geht um mehr als die Hecke. Wir haben namentliche und anonyme Anrufe und Anzeigen, dass das mit dem Grab so nicht geht. Laut Satzung dürfe kein Plastik dort sein, nur Naturmaterialien. Ich war sofort im Erklärmodus. Die Tränen liefen. Es sind doch Geschenke der Kinder. Ja, aber so viel in den Bäumen und hier am Weg, außerhalb des Grabes… Das muss zurückgebaut werden. Was soll ich wegnehmen. Sehen sie nicht unser Leid und haben die Menschen keine anderen, keine eigenen Sorgen, auf die sie sich konzentrieren könnten? Ich war verzweifelt und fragte dann, was Alex und ich uns am Tag davor überlegt hatten: Können wir die Grabstelle neben Alfons kaufen und dann dortherum die Hecke ziehen? Dann kann die Bank bleiben… Die Idee wurde munter aufgegriffen und als Kompromiss benannt. Kompromiss? 840€ für die Stadt und die Unruhen sollen trotzdem ab… Vielen, denen ich das erzählte, sagten, räume nichts weg, es ist Irrsinn. Dann habe ich geräumt, gestern. Dinge abgenommen, ausgetauscht, umgehangen, nach Hause genommen. Ohne Kraft zu kämpfen und gegen den Irrsinn zu halten. Jede Frau, die ich sah, fragte ich, ob sie gegen das Grab etwas hätte. Eine klgate ihr Leid, dass sie auch schon von einem Nachbarn hier angezählt worden war. Eine sagte, niemals, mein Enkelkind hat zwei Tage nach Alfons Geburtstag; ich weiß nicht, wie schlimm es ihnen gehen muss. Eine war empört, warum der Bürgermeister sich nicht hinter uns stellte, wo wir doch genug Leid erlitten haben. Eine sagte, ja, viele sagen, wir stören die Totenruhe und deshalb geht es so nicht. Und außerdem ist ja mal gut nach anderthalb Jahren*. Aber es gibt auch welche, die immer Alfons besuchen und sich an seinem Garten erfreuen. Auch ein Papa mit seinem Sohn und mit seiner Tochter in Alfons‘ Alter: sie haben im letzten Jahr ihre Mama verloren.
* Sie können nicht wissen, dass es für mich wie gestern ist.
aufgeschrieben am 10.5.20
Carl im Abistress
Am Dienstag schickte Carl mir dieses Foto von sich. Er in einem der T-Shirts, die ich ihm geschenkt hatte. Ich hoffe, sie geben ihm Kraft. Und Alfons kann bei ihm sein. Im Herzen und als Unterstützung.
Alfons im Bahnhof
Alfons kam immer gern mit mir in den Bahnhof, auf meine Arbeit. Manchmal, wenn er um einen Blaumachtag bat, sagte ich: Ich muss nicht arbeiten, ich will. Ich gehe gern arbeiten. Und manchmal bat Alfons: Ich will mit. Auch noch im Mai und Juni 2018, als er schon so krank war, aber ich überredete ihn, zu Hause bei Papa zu bleiben. Sie machten immer was Schönes. Aber heute denke ich, hätte er noch mal den Bahnhof sehen können… Aber unter normalen Zeiten habe ich ihn nur sparsam mitgenommen, weil es häufig passierte, dass einen der Tag im Bahnhof gründlich überraschte. Oft war etwas passiert oder jemand rückfällig geworden oder es gab einen größeren Konflikt oder Tränen und Kummer und manchmal Geschrei. Eigentlich musste ich immer damit rechnen, dass mein Plan für den Tag über den Haufen geworfen werden konnte. Das hat damit zu tun, dass wir mit traumatisierten, suchterkrankten und bindungsgestörten jungen Menschen arbeiten, die Furchtbares erlebt und überlebt hatten. Sie waren alle verschuldet, krank, ohne Bleibe, ohne feste und positive soziale Beziehungen, viele strukturell diskriminiert… Unterm Strich: vulnerabel. Immer war irgendetwas in ihnen, mit ihnen, um sie herum. Sie waren eigentlich immer in irgendeiner Art von Erregung. Selten gab es entspannte und ruhige Tage. Ich erzählte zu Hause hin und wieder von lustigen und traurigen Geschichten aus dem Bahnhof. Manchmal hatte Alfons darüber viel zu lachen, bis ich ihn bremste und sagte: Nicht übermütig werden, die Jugendlichen wissen es oft nicht besser und können nicht aus ihrer Haut. Immer sprachen wir mit Achtung von ihnen und ihrem Leid. Und dennoch, obwohl beide Kinder viel verstanden von dem was ich arbeitete, nahm ich sie selten mit, weil ich ihnen kritische Situationen nicht zumuten wollte und weil ich, sollte es so eine Situation geben, dann keine Zeit mehr für sie gehabt hätte. Ich bin kein Freund davon, meinen Kindern gedankenlos die eigene Arbeit zuzumuten, für die ich mich zwar entschieden hatte, nicht aber sie. Aber nicht immer ließ es sich vermeiden. So kam Alfons einmal mit und wir gingen mit einem Mädchen im Schwansee schwimmen und baden. Einmal bauten wir einen Müllplatz am Bahnhof und Alfons half mit und hatte viel Spaß und später gab es ein Eis für alle Helfer*innen im JAMBO. Und einmal bekam Alfons im Sportunterricht Seitenstechen und Frau Hinze bat mich, ihn abzuholen. Es war erst Mittag und ich musste noch mal auf Arbeit zurück. Als wir im Bahnhof ankamen, wischte ein Jugendlicher das Sofa, alle Tische und Stühle im Wohnzimmer mit Desinfektionsmittel ab. Ich staunte. Er sagte: Das geht gar nicht, dass du mit Alfons kommst und er hier vielleicht noch kränker wird. Es stellte sich heraus, dass zwei Jugendliche am Vortag chemische Drogen konsumiert hatten und am Abend auf dem Sofa saßen. Ich war ziemlich platt, weil wir eine Einrichtung sind, in der wir mit Rückfällen arbeiten, aber wir hatten schon lange keinen chemischen Rückfall mehr und nun kam er auf so unglückliche Art zur Sprache.
Alfons konnte dann auf dem Sofa sitzen und einen Film schauen, während ich arbeitete. Dann sah ich, wie der Jugendliche etwas später zurück kam und Alfons einen großen Teller voller Rührei brachte. Es schmeckte ihm herrlich. Der Jugendliche war so fürsorglich und Alfons so berührt. Lange hat er mir noch zu Hause davon erzählt, wie nett der Jugendliche war. Und ich sagte immer: Ja, dass sind sie. Und es ist keine Ausnahme. Ich erlebe diese Menschenkinder – begegne ich ihnen mit Respekt und auf Augenhöhe, mute ich ihnen keine Demütigungen und Entwürdigungen zu, achte ich ihre Biographien – voller Hilfsbereitschaft. Und das, obwohl ihnen viel Leid von Erwachsenen (Eltern, Ämtern, Erziehern) angetan wurde und sie selbst oftmals die Seite vom Opfer hin zum Täter schon gewechselt hatten. In acht Jahren Arbeit im Bahnhof und bei ca. 60 jungen Erwachsenen, die bei uns Zuflucht fanden, erlebte ich einen größeren Polizeieinsatz, einmal die Feuerwehr, zweimal den Rettungswagen, eine kaputte Eingangstür am Bahnhof sowie drei Ohrfeigen zwischen zwei Jugendlichen. Vermutlich ist der Grund dafür unsere Bemühung, ohne Sanktionen zu arbeiten, Konflikte als Chance zu begreifen und zu bearbeiten sowie mit Respekt miteinander umzugehen…
Der Jugendliche, dem Alfons begegnete, lebt nun schon ein Jahr nicht mehr bei uns. Er war fast zwei Jahre bei uns. In dieser Zeit baute er über ein halbes Jahr an einem Weg zwischen Bahnhofsvorplatz durch den Garten hin zum Zeltplatz. Immer wieder Rückfälle, Ausreden, Konflikte, Depressionen, Therapieversuche, Abbrüche, Neuanfänge… Da er nach uns zwar in einer eigenen Wohnung und abgesichert lebt (und nicht mehr wie zuvor acht Jahre auf den Straßen von Berlin), aber dennoch hin und wieder rückfällig wird, habe ich ihn gefragt, ob er uns beim Bau des Bahnhofseingangsweges helfen würde. Er sagte zu, kam und erledigte dies (im Kalten Entzug, mit vielen Ablenkungen, mit körperlichen Schmerzen) in acht Tagen. Das Bild zeigt einen Zwischenstand des Weges. Vielleicht werden manche nie wieder clean und benötigen den Rausch weiter dafür, das erlittene Trauma in Schach zu halten, aber sie sind stabilisiert, leben nicht mehr auf der Straße, haben noch andere Freunde außer Mitkonsumenten, können Kontakt halten und sich einbringen.
Es gibt für mich verzweifelte Tage im Bahnhof, wenn sich Jugendliche selbst verletzen und nicht mehr leben wollen, weil sie es nicht ertragen, dass sie von ihren Eltern missbraucht und fürchterlich geschlagen worden sind. Aber sie leben. Und denke ich an Alfons, der leben wollte, dem ich zeigen konnte, was das Leben ist, und der immer mehr Lust auf das Leben hatte und kämpfte, dieses Kind stirbt. Wie soll ich das verstehen und tragen können?
aufgeschrieben am 3.5.20
Am 3.5.2018 war Alfons bei Tante Elke…
…, weil er krank war, wie schon die Wochen zuvor, immer mal wieder Husten, der nicht weggehen wollte und ich ihm erfolglos Zwiebelsaft machte und gab. Der 3.5. war ein Donnerstag. Alex und ich mussten arbeiten, Alfons brachte ich früh zu Elke auf Arbeit. Er war dort schon mit allem vertraut, schickte mich lachend fort. Von dort fuhren sie zu Elke ins Haus nach Krauschwitz. Dort fuhr er den Rasentraktor und als ich das Elke vorhin per WhatsApp schrieb, erzählte sie mir, dass er dem damals anwesenden Baumverschneider Fragen stellte. Elke sagte, der Baumverschneider erinnert sich heute noch an den wissensdurstigen Jungen. Ich dachte, wie schön, dass Alfons noch etwas über die Bäume erfuhr, die er mochte, wegen des Grüns und des Schattens. Und weil sie so alt werden konnten. Darüber sprachen wir einmal… Elke schrieb weiter, dass Alfons den Herren um ein Stück des abgesägten Holzes bat. Er wollte es mit nach Hause nehmen, ließ es aber bei Elke liegen. Sie nahm es mit und nun liegt es neben dem Foto von Alfons in ihrer Wohnung…
Als ich Alfons am späten Nachmittag des 3.5.2018 bei Elke abholte, war noch alles in Ordnung. Ja, am 30.4. sah er sehr blass aus und er wollte beim Hexenfeuer nichts tun, nichts essen, nichts trinken und als er sich doch aufraffte und auf die Hüpfburg kletterte, stand er kraftlos am Rand. Ich interpretierte es als schüchtern und später freute er sich doch noch, weil Papa mit ihm Büchsen warf und sie viele Dinge gewannen. Aber blass war er und ich ging mit ihm heim. Am 26.4., also ein paar Tage zuvor, bekam er in der Nacht Nasenbluten, so starke. Ich konnte sie erst nach einer dreiviertel Stunde stillen und Alfons bat: Mama, nicht den Krankenwagen rufen. Ich wolte das nicht, aber spürte er bereits, dass etwas nicht stimmte? Was um Himmels Willen musste mein Kind mit sich selber ausmachen? Wo konnte ich ihm nicht beistehen? Waren seine verweinten Bitten: Ich will nicht sterbseln! nur die Spitze seiner Verzweiflung? Und ich versuchte Normalität in diesem Ausnahmezustand herzustellen: Du musst nicht sterben, Alfons! Hätte ich nicht anders mit ihm sprechen müssen, ihn noch öfters in den Arm nehmen, als ich es ohnehin tat?
Am 3.5.2018 kamen wir von Elke zurück und ich sagte: Lass uns eine Feuerwehrrunde gehen. Wir kamen keine 50 Schritte. Alfons weinte plötzlich, sagte: Mir geht es schlecht, ich kann nicht mehr, ich will nach Hause. Er rannte ein Stück und setzte sich bei den Nachbarn auf ein Stück Wiese vorm Gartentor. Ich hob ihn hoch und trug ihn. Er sagte: Nein, Mama, dass ist zu schwer für dich. Und er lief und brach vor unserer Haustür zusammen, erbrach sich, weinte. Hans war da und konnte nichts machen. Ich legte Alfons auf das rote Sofa. Schrieb Manja in meiner Verzweifung. Am Abend organisierte sie einen Freund beim Rettungsdienst. Die Vitalwerte waren alle in Ordnung. Gehen sie zum KInderarzt und lassen sie das Blutbild checken. Ich blieb am nächsten Tag zu Hause. Das war der 4.5.2018. Wir fuhren zu Frau Schartel. Alfons lehnte im Wartezimmer an mir. Blass. Sie maßen sein Gewicht und die Größe. Frau Schartel freute sich, wie gut der Junge wuchs. Als ich ihr erzählte, was los war, schickte sie uns Blutabnehmen bei der Schwester. Danach konnten wir gehen, aber im Auto erbrach sich Alfons erneut und fiel aus der Autotür, die er sich geöffnet hatte. Ich rief die Schwester und wir trugen ihn in die Praxis zurück. Frau Schartel sagte: Entweder ich rufe den Krankenwagen oder sie fahren mit Alfons ins Krankenhaus. Wir fuhren still nach Hause. Ich packte Alfons‘ Sachen. In mir war fortan nur noch Angst und Sorge um Alfons. Ich weinte, wenn ich allein war. Später im Klinikium auch mit Alfons, wenn wir nicht mehr konnten. Aber jetzt saß Alfons am Küchentisch und sagte: Ich komme hierher nie wieder zurück. Diese Gewissheit. Ich sagte: Aber klar kommen wir zurück. Am 17.10.2018 wandelte sich die Angst in Schmerz. Weiter weine ich. Kein Datum, kein Ort, kein Anlass, kein Ereignis die ohne Alfons sind. Immer sehe ich ihn. Höre ihn. Spüre ihn. Vollkommen verzweifelt darüber, ob es ihm gut geht. Nur neuneinhalb Jahre konnte er werden. Liegt neben den 90- und 100jährigen Alten auf dem Friedhof. Ich hoffe, die kleine Blaumeise, die so oft zu ihm kommt, zieht in das Meisenhaus über ihm…
Am 4.5.2018 abends, Alex hatte mich abgelöst und ich war kurz auf Arbeit gefahren, wurde Alfons vom Weißwasseraner Krankenhaus ins CTK nach Cottbus verlegt. 20 Uhr trafen Alex und Alfons, Alfons im Krankenwagen, zusammen mit Carl, er war bei Freunden in Cottbus, und mir, ich kam von der Arbeit, in der Notaufnahme ein. Ich blieb dann bei Alfons.
Meine Zeitenrechnung beginnt seit 2018 mit diesem Tag, mit dem 3.5., der alles veränderte und über das Leben von Alfons entschied.
aufgeschrieben am 27.4.20
Gelbe und andere Kronen
Heute habe ich für Alfons eine blecherne Krone gekauft. Bald bepflanze ich sie mit Sommerblumen. Ich glaube, er findet sie schön… Wir hatten einmal zwei gelbe Kronen aus Bastelpapier; eine brachte Alfons mit? Eine bastelte ich. Die Kinder spielten damit König und Prinz. Und später waren sie lange in der Küche auf dem Küchenschrank. Ich mochte sie. Und hob sie auf, wie fast alles was die Kinder selbst gebastelt haben oder wir mit ihnen bastelten*. Ich weiß nicht, warum und wer sie entsorgt hat. Schaue ich heute zum Küchenscharnk, fehlen obenauf die gelben Kronen. Aber ich sehe sie. Leider gibt es keine gelungenen Fotos von ihnen, nur ein Schnappschuss mit Andy am unteren Bildrand, der uns sehr beim Ausbau des Dachgeschosses geholfen hat. Die Schnappschüsse sind von Alfons? Im Sommer 2011. Da war er zweieinhalb Jahre alt und Carl zehneinhalb… Ener von beiden hatte immer eine kleine Kamera in den Händen und knipste herum. Später knetete Alfons im Herbst und Winter 2017/2018 kleine Minikönige mit ausdrucksstarken Gesichern und goldenen Kronen. Welches Talent hat er besessen und warum durfte es nicht mehr sein?
*Petra half mir ab und an beim Fensterputzen und verzweifelte an den vielen Dingen, die dort lagen, standen, schön aussahen… Viele Dinge, die die Kinder mitbrachten und sammelten. Die wir mochten. Einmal sagte sie, ob ich mich nicht von dem ein oder anderen Ding trennen will, weil es so viel sei. Ich wollte nicht.
Gebasteltes für Carl zum Abitur
Morgen beginnen die Abiturprüfungen für Carl. Mathe am 28.4. und am 30.4. Geschichte. Am 13.5. dann Deutsch und zuletzt am 18.5. Geographie. Die mündlichen Prüfungen stehen weiterhin nicht fest. Sehr lange habe ich gedacht und Carl gehofft, dass durch Corona ein Notabitur ausgegeben wird. Aber nun muss Carl ran. Seit Tagen habe ich nichts mehr von ihm gehört; seit Wochen sind die Besuche und Gespräche sehr schmal. Weihnachten erzählte er mir noch voller Tatendrang, dass er zur Zeugnisvergabe ein T-Shirt anziehen möchte, auf dem er und Alfons zu sehen sind. Und alle sollen es sehen und er wünscht sich dann, dass es endlich auch eine Schweigeminute für Alfons geben kann. Nun wird es keine Zeugnisvergabe geben und mir war klar, dass sich Carl dann um kein T-Shirt kümmert. Kurzentschlossen habe ich es getan und ihm heute Wasser, Obst, Süßes und eben zwei Shirts mit Alfi&Carl gebracht. Er war still und berührt und als ich lange fort war, rief er an und sagte, es war schön, dass ich das vorbei gebracht habe. So sind sie zusammen. Die Brüder im Herzen.
Ich wünsche Carl Glück und Kraft für sein Abitur. Ich bin stolz auf dich!

