Erinnerungen an Alfons – Teil 4 (21.2.21 bis 19.12.21)

aufgeschrieben am 19.12.21

Maltes Kerzengefäß und Annes Kerze, ein Geschenk für Alfons und mich

Ich hole Maltes Kerzenständer immer zu Weihnachten heraus und entzünde Annes Kerze für Alfons und diesmal auch für Aniko. Das Kerzenlicht soll Mocia und Guyri und ihre Aniko beschützen.

 

Es gibt solche Tage…

…da stelle ich mir vor, wie ich im Dunklen, wie jetzt im Winter, nach Hause komme. Fast in jedem Fenster brennt Licht. Draußen leuchtet der Adventsstern. Ich öffne die Tür und es riecht nach Essen, nach Wärme, nach durch Basteln und Spielen und Lesen verbrauchter Luft. Es lärmt. Am Klavier sitzt Hans und spielt. Von oben tönt der Bass oder ein Zockerfluch. Alfons wirbelt vorbei – Hallo Mama – und weg ist er. Ich ziehe meine Schuhe aus und stelle die Sachen ab. Hm. So ist das mit Begrüßungen. Alle sind beschäftigt. Ich wurde nicht vermisst. Das ist ein Gefühl von tiefer Zufriedenheit, dass es den Kindern gut geht, wenn ich nicht da bin. Und ein Gefühl von Traurigkeit schleicht sich an, dass ich nicht begrüßt werde, wie ich es erwartet habe. Da ist niemand mehr gewesen, der sich auf mich gefreut hat. Aber da stürmt Alfons wieder heran und ich kann ihn fragen, ob wir uns drücken wollen. Ja, will er. Hast du mir was mitgebracht? Ich brachte oft Postkarten mit. Später auch Ninjago-Heftchen oder Süßes. Nein, leider nicht. Aber Kuchen, Deinen Lieblingskuchen: Marzipankuchen von Bäcker Dreißig. Alfons freut sich. Ich gehe in die Küche und mache Kaffee. Da ist auch Alex. Wir sprechen. Alfons auf meinem Schoß. Hans ist da und Carl kommt nach unten. Und dann kehrt für einen kurzen Moment Frieden ein. Innehalten. Dann Planung. Was steht am Montag an. Vorfreude oder Angst vor einem Termin… Ich konnte diese Momente so stark empfinden. Dieses Glück trotz aller Sorgen. Ich erinnere mich auch an das Heimkommen mit Angst, mit dem Wissen um Spannungen und der enormen Kraft, die das Kommen und Bleiben kosteten, weil ich für die Kinder gekommen bin und keine Lösung für mein Unglück hatte. Da wusste ich nicht, wie wirkliches Unglück aussehen konnte…

Wenn ich jetzt Tante Helga und Onkel Manfred am Wochenende besuche, am Sonnabend, dann hole ich Kuchen für uns und mir ein Stück Marzipankuchen. Ich liebe ihn auch und konnte ihn 3 Jahre nicht essen und auch jetzt geht es nur in der Ablenkung bei Tante und Onkel und dann denken wir zu dritt an Alfons und ich esse ihn für Alfons, der das nicht mehr kann.

Heute waren Elke und ich essen, bei Bendels im Gasthaus Zur Linde. Am Nebentisch saß Jimis Familie. Die beiden Jungs waren so friedlich. Jim spielte ein Spiel, ein Logikspiel, was Alfons und ich im CTK rauf und runter spielten, als er im Bett liegen musste. Kathrin hatte es Alfons ausgeborgt. Er mochte das Spiel. Dann habe ich wieder viel über Kathrins Satz – Ich konnte noch nie etwas mit Alfons anfangen –  nachgedacht und warum es nicht reicht, dass ein Kind stirbt, warum danach die menschlichen Abgründe erscheinen wie Monster. Ich schiebe das weg und denke mit warmen Gedanken an Jimi und Alfi.

 

Geschenke

Im Bahnhof habe ich mit den Jugendlichen Vogelfutterstationen gebastelt. Futter und flüssiges Kokosöl vermischt und eingefüllt in Küchenutensilien. Lange ungebrauchte Dinge wie Kerzenständer, Sammeltassen (die ich zur Jugendweihe geschenkt bekam), tiefe Topfdeckel, Übertöpfe, Glasschüsselchen rangierte ich aus und nahm sie mit in den Bahnhof. Caro fand eine kleine bauchige Glasvase meiner Mutti. Sie ist sehr schön, aber sie war lange Zeit im Karton und ich brauchte sie nicht mehr. Da nahm Caro sie mit und nun freue ich mich, dass sie bei Caro ein neues Zuhause hat. So wie ich mich freue, dass meine Jugendweihetasse bei Karin gelandet ist. (Die Vogelfutterstationen kann man auf Pinterest in tausenden Formen sehen. Alfons kam damals mit der Pinterest-Idee von Tante Elke nach Hause und für eine kurze Zeit bastelten wir die schwierigsten Dinge mit Alfons; aber Pinterest ist so nervig und ich musste es von meinem Handy löschen und wir kehrten zu mündlich überlieferten Ideen zurück.)

Zu Hause dagegen habe ich Einweckgläser bemalt, beklebt, beschriftet, gestaltet. Als Windlichter. Für Elke, Teddy, Konstanze und Petra und für wen auch immer noch. Alfons hätte Freude an den Acrylstiften gehabt und an den kleinen runden, flachen Glassteinen mit eingeschlossenen orientalischen Mustern. Früher hätten wir dazu gelacht und uns beraten und wären neidisch gewesen und stolz auf das eigene und das des anderen Geschaffene. Heute arbeite ich in völliger Stille. Das ist die Abwesenheit von Leben, was ich ich dann spüre. 

Anne schrieb mir zu Alfons 3. Todestag Gedichte von Kat Stojanov


Mein Glück:

Deine kleine Hand in meiner zu fühlen. Deine kleine Hand, die langsam und stetig wuchs und kräftiger wurde.

Meine Verzweiflung:

Niemals mehr deine kleine Hand in meiner halten zu können. Deine Hand, die nicht mehr wachsen wird.

Blume, die gebrochen ist.

 

Danke für deine Träume, für dein Lachen.

Danke für deine Neugier und deine Heiterkeit.

Für deine Lebenslust und deine Liebe.

Danke für jeden Tag, den wir mit dir leben durften.

aufgeschrieben am 13.12.21

Aufräumen

Als wir hier im Haus, ungefähr 2011, Carl war 10 und Alfons 2, mit den Kinderzimmern und dem Schlafzimmer endlich von unten nach oben zogen, brauchten wir dort oben die Bücherschränke für Wäsche und Sachen. Die Bücher landeten zuerst und für eine längere Zeit ziemlich unsanft und unordentlich in der hintersten Ecke der Diele, dort wo es dunkel war und man zum Boden hochstieg. Vielleicht 2013 oder 2014 kaufte ich viele stapelbare Kartons. Nun waren die Bücher wenigstens knick- und staubfrei sowie trocken gelagert. Erst im Sommer diesen Jahres, 2021, kaufte ich IKEA-Regale und packte zusammen mit Susan und Andrea alles wieder aus. 10 Jahre später. Es roch frisch nach dem Holz der Regale. Gestern und heute packte ich auch die Kisten aus, die mit anderen Dingen gefüllt waren – alte Schuhe von mir, Unterlagen aus meinem Berufseinstieg als Erzieherin ins Makarenko-Heim in Weißwasser, davor noch Hefte von meiner Ausbildung zur Erzieherin in Altenburg, dann ganze Ordner voll Material meines Sozialpädagogikstudiums in Görlitz. Und ich wusste, und dann waren auch diese Kisten dran, dass dort oben auch zwei Kisten von meiner Mutti lagerten. Ich sortierte auch sie. Sortierte auch Weniges aus. Und danach passte ihr ganzes Leben in zwei kleine Kartons von jeweils 30x30x30cm-Größe. Inmitten ihrer Dinge fand ich Hefter und Fotos und Briefe, die ich ihr einst schrieb, die ich für sie zeichnete und fotografierte. Darunter wiederum fand ich eine Geschichte, die ich als 9jähriges Mädchen geschrieben hatte. Von Humbo, einem Elefantenkind. Ich musste sofort an Alfons denken, der noch jünger war, nämlich 7 Jahre, als er vom Regenbogensteinbock Springinsfeld erzählte. Ich schrieb 1979 schon selbst, er diktierte mir 2016 alles (am 25.12.16, heute vor fast 5 Jahren; alles ist lebendig und mit zig Bildern in meinem Kopf). Es wäre schön gewesen, wenn ich ihm damals am 25.12.16 von mir als Mädchen, als Kind hätte etwas erzählen können, aber ich hatte keine Erinnerung mehr daran und die Oma, die es genau gewusst hätte, gab es nicht mehr. Wer bewahrt unsere Geschichten und Erinnerungen auf? Die Geschichten über Humbo sind traurig, weil der kleine Elefantenjunge es nicht leicht hatte mit seinen Ideen und Wünschen. Er wurde auch von seiner Mutti gehauen und wurde angemeckert. Dagegen war der Regenbogensteinbock zutiefst glücklich. 

 

Ich kann dieses Leben nicht verstehen. Ich räume die Kisten meiner jungen Mutti aus, die sich mit 43 Jahren das Leben nahm, die auf den Fotos lacht und so viel Schalck macht und ich lese die Wünsche meiner Schwester und von mir, dass sie auf sich aufpassen soll. Ich räume die Spielsachen von Alfons auf, wische Staub, schreibe meine Erinnerungen an ihn auf. Hier im Blog. Wen wird das je interessieren? Irgendwann oder bald oder später werden Menschen kommen und die Kisten in den Müll geben. Ich glaube, ich habe sie zum letzten Mal berührt. Ich kann die Briefe nicht lesen, die Fotos nicht anschauen. Dann schaue ich auf die Bilder auf denen Carl Alfons beim Trinken hilft, auf denen sie zusammen in der Badewanne sitzen, beide mit einer Punkfrisur, auf denen sie die Weihnachtspyramide anpusten, dort spielen sie Puppentheater… Wieso kann das Leben so hart abgeschnitten werden? Warum konnten wir uns nicht darauf vorbereiten, Abschied nehmen, um Verzeihung bitten, uns trösten, vor allem Alfons trösten. Wir konnten nichts tun. Ich konnte mich auch von meiner Mutti nicht verabschieden. Und dieser ellenlange und fortdauernde Riss, den ich immer kitten wollte, riss einfach immer weiter ein. Egal was ich tat, egal wie ich nach meiner Mutti schaute, egal wie gesund ich Alfons ernährte, egal wie liebevoll wir miteinander umgingen. Nichts davon konnte verhindern, was geschah. Mutti fehlte, als die Jungs hier Omas und Tanten und Onkels brauchten.

Ich bin dieser Wut des Lebens einfach ausgeliefert. Kann nichts mehr tun. Nichts gegen den Schmerz, den Alfons erlitt, nichts gegen diese Krankheit, nichts gegen diese Entwicklung. Wie soll ich damit leben? Wie meinen Kopf aufräumen? Wie den Schmerz runterregeln? Wie verwinden, wonach ich mich so sehne? Nach meinem Kind. Nach meiner Mutti. Wie schön hätte es sein können, wenn sie sich begegnet wären.

aufgeschrieben am 12.12.21

Gedanken zum Tod

Wir waren in der Marienkirche in Cottbus, Alina, Andreas und ich. Ich konnte nur hören und dir vielen Kerzen sehen und irgendwann verschwamm alles vor meinen Augen und die Worte ergaben keinen Sinn mehr. Ich schrieb auf den Stein, den wir an der Tür bekamen, FÜR ALFONS auf die eine Seite und FÜR TEDDY auf die andere Seite. Ich hätte für Teddy einen eigenen Stein nehmen sollen, aber so sind sie verbunden. Anne und Torsten sind krank und konnten nicht kommen. Alina hat an ihre Schwester Jo gedacht. Wir haben den Luftballon für sie mit Grüßen an Teddy und Alfons versehen und losgelassen. Teddys Ballon brachten wir zum Nordfriedhof und Alfis Ballon dann später noch zu Alfons. Es hat alles eine seltsame Ordnung, ein sinnloses Tun, ein sich wiederholendes leeres Tun, eine Beschäftigung seiner absoluten und ungeheuerliches inneren Aufregung über die Gewissheit: das Kind ist tot. Das Gehirn lernt es auch nicht so, wie ich mir das dachte. Nach drei Jahren wache ich noch jeden früh auf uns vergegenwärtige mir schmerzhaft: mein Kind ist tot. Das endet erst mit meinem Tod. So wie das mühsame Aufstehen, das gequälte In-den-Gang-kommen, die in die Leere gehenden Griffe nach Brotdosen, Teewasser, Müslischüsseln, die fehlenden Gedanken um den Tagesplan der Kinder, das fehlende gemeinsame Nachhausekommen am Ende des Tages und die ungespielten Spiele und die nicht mehr gebastelten Freuden für Oma und Tante und andere. Das und noch ungezählte Erinnerungen mehr begleiten meinen Tag und ich lassen mich nur in der Nacht für ein paar Stunden unruhig ausruhen. 

Alle, die heute dort saßen, kennen das. Und alle, die das nicht erleben, wünschen sich für mich, es könnte besser werden oder denken, es kann doch besser werden, wenn man sich dem Leben zuwendet. Aber ich leben ja. Eben nur auf diese Art. Und wie immer, was uns nicht vertraut ist, lehnen wir ab, dem sind wir misstrauisch gegenüber, mit dem tun wir uns schwer. Ich nehme mich da nicht aus. Ein paar Monate vor Alfons‘ Erkrankung wurde ich mit einem Spendenaufruf der DKMS (Deutsche Knochenmarkspendekartei) konfrontiert und habe gedacht: Nicht das auch noch. Ich engagiere mich für obdachlose junge Menschen, las im Kindergarten meiner Kinder vor und bin in der Schule von Carl und Alfons am Ball. Ich habe es mir nicht angeguckt. Und war zusammen mit Alfons und unserer Familie ein paar Wochen später dringend auf die Hilfe der DKMS angewiesen.

aufgeschrieben am 5.12.21

2. Advent

Auf meinem Schreibtisch liegen viele Fotos von Alfons, von Carl, von unserer Familie. Ich habe gestern endlich Unterlagen abgehoften, Mails beantwortet, alte Papiere entsorgt und neue Ordner angelegt. Und Fotos tauchten überall auf, die die schon immer da waren, die die ich unlängst erst nachbestellt habe für das Gästezimmer, das ehemalige Schlafzimmer, oben, die die Alex und ich herausgesucht haben zum Lebensfreudefest, zu Alfons‘ Beerdigung, und die Alex dann ausgedruckt hat – all diese Fotos zeugen von einem vergangenen Leben. Auf einem Foto ein Nucki von Alfons, auf einem anderen Carls und Alfons‘ V-Zeichen am Meer, dann ein Foto mit dem Siedler von Catan spielenden Alfons, dort eins mit Susan und da Alfons mit Schulranzen oder mit Holger und Elke… Sehe ich sie, kann ich nicht glauben, dass mein Kind nicht mehr ist und mein Leben wie ein flacher Atem durchhält. Vor ein paar Tagen horchte ich in mich hinein und suchte den ewigen Wunsch, tanzen gehen zu wollen. Der war immer in mir. Die Sehnsucht, tanzen zu gehen. Ich weiß, dass er da war und spüre nun nichts mehr. Ich spüre schmerzhaft, dass da etwas war und kann mich hindenken, wie es sich anfühlte, aber jetzt ist da Leere. Aber ich kann sie nicht ergründen, weil der Gedanke daran, dass mein Kind es nicht geschafft hat und nicht mehr lebt, einfach nicht gedacht werden kann. Es tut zu weh und zugleich weiß ich doch, dass es so ist, also das Alfons tot ist. Ich muss den Schmerz irgendwie zuteilen über den Tag und durchhalten bis der Schlaf kommt und ich nicht mehr denken muss. Weil man wird doch eigentlich verrückt im Kopf, wenn man daran denken sollte, dass das eigene Kind stirbt. Ich habe Alfons dabei zugesehen und es sind Bilder, die mich nicht mehr zur Ruhe kommen lassen… Damit kämpfe ich jeden Tag. Und ich weiß parallel dazu, das im Adventskranz heute das 2. Licht gebrannt hätte. Wir hätten nach dem Kaffee und dem Stollen Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt. Es gab diesen Rhythmus, der einem manchmal zu den Ohren raushing, und trotzdem wurde gemalt, gespielt, fern geschaut…  Vor ein paar Tagen bat ich Holger, den Herrenhuter Stern anzubringen und die schon lang kaputte Lampe über’m Hoftor auszutauschen. Er kam und machte es in aller Freude und saß dann in der Küche, wo schon Anne und ich saßen; seit Stunden sprachen wir über Teddy und Alfons und was nicht mehr ist und nie mehr sein wird und wie fremd wir uns in der Welt fühlen, die für alle anderen einfach weiter geht. So wie für uns, als unsere Kinder noch lebten. (Da denkst du nicht daran, dass es abrupt zu Ende sein könnte und du dich danach nicht mehr fängst.) Als es dunkel wurde, kam noch Andreas und wir saßen zu viert in der Küche bei Printen und Kaffee und Ofengemüse und Tee und mit Alfons in der Runde und ich dachte, es ist wie früher, wo immer wieder Besuch kam und ging und wir die Wochenenden bemerkten und liebten, ab denen mal niemand kam und man nirgendwohin musste. Ich spürte Alfons, der sich mit zwölfeinhalb nach oben in sein Zimmer verzogen hätte, wie einst Carl. Aber vielleicht wäre es auch anders, weil Alfons ja mit fünf feststellte, in Anbetracht seines großen pubertierenden Bruders: Mama, wenn ich so alt bin wie jetzt Carl, mache ich euch nicht so viel Sorgen. Oder so ähnlich. Es ist nicht gerecht, dass ich all diese Dinge denken kann und Alfons sie nicht mehr erlebt. Er wollte leben! Sehe ich diese Fotos, kann ich es nicht glauben, dass mein Kind nur noch in mir lebt…

Allein habe ich gestern Vogelfutterplätze gebastelt aus Kokosöl und Trockenfutter, hab das Gemisch in unsere Weihnachtsplätzchenformen gegossen und die Figuren nach dem Erkalten für Teddy und Alfons an einen Stock gebunden und zum Grab geschafft. Auch ein Windlicht für Alfons und Teddy habe ich bemalt und gleich werde ich noch ein altes Glas, was ich schon einmal für Alfons bemalt hatte, ausbessern. Ansonsten fühle ich mich leer. 

aufgeschrieben am 29.11.21

Dunkelheit

Ich habe frei und etwas Zeit.

In der Dunkelheit, im Auto fahrend und dann stehend, ließ ich heute drei Rehe über die Straße laufen. Das erste lief gemütlich, das zweite stolperte ängstlich hinterher und das dritte, ich wollte wieder losfahren, sprang wie ein Kind in hohen Sprüngen nach. Ich hatte plötzlich die Hirschherde vor Augen, der ich ab und an mit den Kindern im Auto zwischen Pusack und Bademeusel kurz vor der Autobahnauffahrt nach Cottbus begegnete. Sie waren so unfassbar majestätisch, groß, stolz, mit einer Ruhe ausgestattet; kamen sie aus dem Wald, querten die Straße und verschwanden gegenüber wieder im Wald. So lebten wir. Sehr nah an den Tieren und der Natur. Carl und Alfons gewöhnten es sich an, während der Fahrt und während ich fuhr und das Auto lenkte, ihre Blicke rechts und links aus dem Auto gleiten zu lassen, um Tiere frühzeitig zu entdecken und zu schützen…

Wärme

Wenn ich abends ins Bett gehe und es mir zuvor gelungen ist, genug Holz in den Ofen zu stopfen, so dass die Fliesen im Bad warm sind, dann spüre ich mit meinen nackten Füßen, was Alfons fast jeden Morgen spürte: Als sich die Krankheit schon ankündigte, ohne das wir von ihr wussten, legte er sich, obwohl er sich anziehen sollte, nackt auf die Fliesen im Bad und kostete die Wärme aus und vielleicht noch einen kleinen Traum. Er war am Morgen erschöpft und manchmal schwach, aber ich hielt es für Müdigkeit und zu wenig Schlaf und zog ihn streng, manchmal aufmunternd, oft liebevoll dann selbst an. Nicht immer war ich geduldig, aber ich hab es mir immer gesagt: Hab Geduld, er kann nicht, warum auch immer. Manchmal hatte er sich sogar zugedeckt mit einem Handtuch…

Lichter

Seit Alfons‘ Tod vermag ich keinen Adventskranz zu schmücken, keinen Türkranz zu binden, keinen Nussknacker ins Fenster zu stellen oder die transparenten, roten Faltsterne von Alfons, Carl und mir ins Fenster zu hängen. Nur Kerzen stehen hier. Aber sie stehen das ganzen Jahr hier. Viele Kerzen, weil ich so ein Bedürfnis habe, damit irgendwie Alfons nah zu sein. Es ist die verdammte Hilflosigkeit darüber, was man tut, wenn das Kind weg ist und man noch im Tun begriffen ist, im mütterlichen, sorgenden, spielenden, sagenden, fragenden, ermahnenden Tun. Da zünde ich eine Kerze an und noch viele weitere und sehe uns an dem Tisch in der Küche sitzen, nicht mehr malend, vielleicht redend über den Tag. Auf seinem Stuhl hängt noch seine Fleecejacke. Im Flur der Ranzen, den er nun nicht mehr nutzen würde mit fast 13 Jahren. Die Lichter sind ein falscher Trost. Aber das Aufschreiben meiner Empfindungen ermöglichen das Weinen und etwas löst sich das Gefühl, zu ersticken an dem Unglück, was ich versuche zu tragen.

aufgeschrieben am 21.11.21

Totensonntag

Ich habe noch etwas verpflanzt, vielleicht zu spät; kommende Woche soll es Frost geben. Elke gab Holger und Cindy einen kleine Tanne mit für Alfons. Die von Anna, die sie Alfons schon Weihnachten 2018 gebaucht hatte, hat das Umtopfen nicht vertragen. Holger und Carl bastelten aus Lego zwei Harlekins im Auto. Andreas fehlte. Wir liefen in der Nacht noch zu ihm und stellten alles hin. Heute hatte noch jemand, vielleicht Carmen und Oma, drei weiße Rosen abgelegt. Alle Kerzen waren entzündet. Aller Schmerz war da. Alles wie immer seit drei Jahren. Ich las heute in einer Zeitung, dass der Sinn des Lebens Lebendigsein ist. Das schließt wahrscheinlich viele Menschen aus, mich auch. Wir haben so einen eingeschränkten Blick. Ich muss an das Märchen Sultan und Kotzbrocken denken. Dieser Sultan auf seinen 100 Kissen wusste fast nichts vom Leben und vielleicht dachte er auch nie über den Sinn des Lebens nach. Möglicherweise war er glücklich. Mit Kotzbrocken kam das Leben zu ihm. Das bestand aus Ausgrenzung, Ausbeutung, Ungerechtigkeit, Abhängigkeit, Unwissenheit usw. usf.. Im Märchen wandelten sich die Dinge Dank den beiden – sie erlebten Freundschaft, Hilfsbereitschaft, Gerechtigkeit, Wissen usw. usf.. Mein Sinn des Lebens ist Überleben. Für Carl und für Alfons‘ Dinge. Gestern sagte ich lachend zu ihm – er baute mit Holger gerade an den Lego-Autos und Teile blieben wie immer übrig und sie kamen in Alfons‘ Legokiste für Kleinteile – für die Enkel. Carl lachte zurück und sagte, ja, so kann es sein. Dann, so stellte ich mir vor, überlebe ich nicht nur sondern lebe wieder. Tante Helga sagte heute ganz ernst zu mir, dass ich mich schonen soll, weil ich noch gebraucht werde. Ich bin seit einiger Zeit dreimal manchmal viermal in der Woche da und helfe den beiden zusammen mit meiner Cousine Ulrike. Ich sehe mich immer mit Alfons dort und wahrscheinlich wäre ich dann nicht so oft dort, wenn es Alfons noch geben würde.

aufgeschrieben am 14.11.21

Tierpark Cottbus

In der Zeitung las ich, dass das Tapirweibchen im Cottbuser Tierpark ein Junges bekam. Ich dachte daran, dass ich das letzte Mal mit Alfons am 22.7.2018 (die Eintrittskarten trage ich noch heute in meinem Portemonnaie) dort war.  Kurz bevor es nach Berlin an die Charité ging. Wir waren oft im Tierpark. Mit Malte. Mit Carl. Mit Laura und Malte. Oft aber nur Alfons und ich, was Alfons am liebsten mochte.. 

Am 28.3.2009, einem Sonnabend, lud Carl seine Geburtstagsgäste zu seinem 8. Geburtstag in den Tierpark ein. Ich war mit Alfons im Bauch hochschwanger und ich dachte, es wäre einfacher, in Cottbus zu feiern. Carl durfte die Pinguine füttern. Es war ein schöner Nachmittag. Kathrin half mir dabei. 7 Tage später, am 3.4.2009, wurde Alfons geboren… Und jetzt find ich diesen Hinweis in der Zeitung und sehe Alfons und mich durch das Tapir-Haus laufen. Es war dort immer warm drin. Und draußen gab es einen Tapir aus Beton, auf dem Malte und Alfons herumturnten. Wir gingen immer die selbe Runde, aßen Pommes in der Gaststätte oder draußen am Imbiss. Sammelten beim Bezahlen viele 20 Cent-Münzen zusammen, um sie in den Futterautomaten am Ziegengehege einzuwerfen. Vorher leerte ich die kleinen Tempo-Taschentücher-Beutel aus Plaste, um dort das Futter hineinrieseln zu lassen. Wir hielten schützend unsere Hände darunter, damit nichts verloren ging. Das machten wir auch am 22.7.18. Eigentlich immer. Alfons verfütterte es dann an die Ziegen. Nie ging das gerecht zu, weil die älteren mit Hörnern ausgestatteten Ziegen die Kleinen wegstießen. Manchmal gingen wir dann in das Gehege, aber das war Alfons und mir etwas unheimlich. Am 22.7.18 war die Runde kleiner als sonst, weil Alfons die Kraft fehlte und es sehr heiß war. Er bat mich, mit ihm zu schaukeln, aber ich wollte mich im Schatten auf der Bank ausruhen und machte von Alfons, schaukelnd, ein Foto. Wir liebten die großen und kleinen Vögel, die Schlangen, die Elefanten und gleich vorn die Kängurus, oder eine Art von ihnen. Wir liefen immer miteinander im Gespräch, Alfons hatte erst mit drei Jahren angefangen zu sprechen. Als hätte er keine Lust. Mehrmals konnte ich erfahren, dass er recht wohl alles verstand. Und dann eines Tages kamen ganze Sätze und viele Fragen und dann blieb uns nicht mehr viel Zeit.

Gestern hörte ich laute Kinderstimmen am Friedhof: Papaaaaa. Mama! Kommst du mal… Ich kann das nicht hören, ohne zu weinen. Kann auch nicht mehr in den Tierpark gehen… Gerade sehe ich, dass ich bereits drei Wochen nicht mehr im Blog geschrieben habe… Meine Gedanken überschlagen sich und drehen sich um Alfons. Ich blicke auf mich und erlebe mich so unendlich

In der Charité am 6.11.21

Carl, Hannah und ich waren am 6.11. zum Gedenktag für die an der Charité verstorbenen Kinder. 2019 waren Alex, Hannah und ich dort. 2020 fiel es wegen Corona aus. Nun waren wir da. Carl zum ersten Mal. Er hatte fest zugesagt und ein paar Tage zuvor aber abgesagt, weil er an nichts anderes mehr denken konnte und die Vorstellung ihm sehr zusetzte, dorthin zu fahren. Ich konnte das gut verstehen. Aber als für mich der Sonnabend näher rückte, wusste ich, ich schaffe die Autofahrt auf der Stadtautobahn durch Berlin bis hoch auf die Seestraße im Wedding nicht allein. Wir sind damals mit Alfons diese Strecke gefahren und ein viertel Jahr später ohne hin zurück nach Hause. Diese Vorstellung ist furchtbar. Die Tatsache ist ungeheuerlich. Carl sagte zu, mich zu unterstützen. So fuhren wir gemeinsam und saßen beieinander im Auto und tranken Kaffee und aßen Brote aus Alfis Pausenbrotedose (ah, so wie immer, sagte Carl lachend) und sprachen viel über die zurückliegenden drei Jahre. Was sie für Carl waren. Carl sagte: Er fehlt mir.Ich sagte: Ich vermisse ihn auch… Wir hörten Von guten Mächten von Bonhoeffer. Wir zündeten mit anderen Eltern, Geschwistern, Großeltern Kerzen für unsere Kinder an. Carl sah vor sich einen jungen Mann in seinem Alter mit seiner Mutter an der Seite. Ich weinte und weinte unter der Maske. Ich hörte dann Alfons Quint. Herr Schellenberg, der Psychologe der Station 39i, der mit Alfons Wii gespielt hatte, las seinen Namen vor. Er sprach ihn aus, wie Alfons seinen Namen aussprach. Das Qu in Quint ein wenig spitz formuliert. Ganz vorsichtig. Der Kopf versteht nicht, warum dort der Name des eigenen Kindes vorgelesen wird. Es ist weiter ein Irrtum. Ein Unglück. Das mir die Füße weggerissen hat und mich zurücklässt mit der immer wiederkehrenden Frage, was ich hätte tun können, um es zu verhindern. Ich nahm mir am Ende Alfons‘ Seiten aus dem Erinnerungsbuch der Charité mit und gestaltete sie zu Hause und schicke sie nun mit der Post an Herrn Schellenberg zurück.

Corona

Es ist ein völliger Ausnahmezustand in mir, wenn ich erfahre, dass sich Menschen nicht impfen wegen der Nebenwirkungen. Dann sehe ich Alfons an 15 Medikamenten gleichzeitig angeschlossen, die unvorstellbarsten darunter, Morphium zum Beispiel; ich habe mein Kind ermuntert, sich einen Booster zu geben, wenn seine Schmerzen unerträglich war. Hätte Alfons dies alles überlebt, wären seine Organe traumatisiert, seine Seele auch (Trauma Typ III), er wäre süchtig gewesen, bräuchte einen, der ihm das Atmen wieder gelehrt hätte… Was nur was habe ich ihm angetan! Die, die mich unterstützten, Alfons die Therapie zu ermöglichen, sind gegen das Impfen des eigenen Körpers. Ihr habt Angst um euch. Ja, ich verstehe das, aber mich habt ihr belogen. Ihr habt mich bestärkt, den schweren Weg zu gehen, um Alfons ein Leben zu ermöglichen. Dabei hätte ich für ihn nach Alternativen suchen müssen, auf mein verdammtes Bauchgefühl hören sollen, auf Alfons hören sollen, der sagte, Mama, ich will die Transplantation nicht, ich hätte in dieser Hitze 2018 und der Ohnmacht und zwischen den Tränen und der immerwährenden Verzweiflung einfach die verdammte Kraft aufbringen müssen, um mich gegen diese Behandlung zu stellen. Ihr achtet so auf eure Unversehrtheit und habt mir doch bei Alfons zugesprochen!

aufgeschrieben am 24.10.21

Im Garten und anderes

5 Stunden habe ich heute Laub geharkt und mit der Schubkarre auf den Kompost gebracht. Auf dem Rückweg nahm ich Holz vom Holzplatz hinten mit in den Keller nach vorn zum Heizen und in den Schuppen gegenüber zum Trocknen. In diesen Stunden war ich im Damals…

Sah Alfons im Sommer 2017 mit Papa eine Wasseranlage im Sandkasten bauen…

Sah ihn auf der blauen Schaukel, die im Augustapfelbaum hängt, sitzen und mit Malte plauschen…

Sah ihn auf einer weißen Klappleiter stehend – er war noch klein, vielleicht 4 Jahre alt – mir beim Pflücken der Weißdornfrüchte helfen. Sie waren in diesem November besonders rot und saftig und groß. Alfons wollte das unbedingt, mit dem Saubermachen und Einkochen stand ich dann allein da. Aber dafür war er auch zu klein. Wir pflückten bis es Dunkel wurde…

Sah Alfons in den Kaktus greifen, der auf der Küchenfensterbank stand, draußen. Wie heute konnte man damals auch dort sitzen. Auf einer Bank vorm Haus. Alfons auf meinem Schoß sitzend, griff er hinter mich in den Kaktus. Es war einer mit minikleinen roten Stacheln. Alfons‘ ganze Hand war übersät damit! Alex und ich haben bestimmt zwei Stunden gebraucht, um den weinenden Alfons davon zu befreien. Später badete er und seine warme Haut ließ die letzten Dornen raus…

Sah ihn mit dem Leiterwagen spielen…

Hört plötzlich den Nachbarsjungen mit der kleinen Schwester und der Mama und seinem Fußball spazieren gehen und sah Alfons und uns bei der Feuerwehrrunde. So viele Male…

Sah ihn Fußballspielen im Garten. Mit Hans, der ihm den Ball auf die Brust donnerte. Unterm Shirt der Katheder. Alfons fiel durch den heftigen Schuss um, hatte Schmerzen, weinte. Ich tröstete ihn am Brunnen. Dort saßen wir. Er lernte: Sag nein, wenn du so nicht spielen willst. Wenn es der andere nicht hört, gehe aus der Situation. Später, bei einem heftigen TT-Spiel, machte er es genau so. Stolz. Ich denke heute, was er da noch gelernt hat, so kurz vor seinem Tod…

 

Und plötzlich bin ich allein hier. Gerade war noch alles voller Leben und jetzt ist es einsam und still. Das verändert mich. Mein Körper schmerzt an manchen Tagen, wie als wäre ich ein verprügelter Hund. Die Haut, die Knochen, die Muskeln, vom Kopf bis zu den Füßen. Als würde der Schmerz aus dem Körper hinaus wollen. Was soll ich tun? Es fällt mir schwer, zu einem Arzt zu gehen. Meine Erlebnisse mit der Frauenärztin, mit der Hausärztin, mit der Zahnärztin setzten mir so zu, dass ich die Termine verschiebe und absage und am Ende nicht mehr hingehe. Es ist nichts Schlimmes passiert, eben nur das Schweigen. Am Anfang konnte ich das aushalten, jetzt nicht mehr.

aufgeschrieben am 18.10.21

Gestern war der dritte Todestag von Alfons. Viele seiner Freunde waren da und viele meiner Freundinnen und Freunde haben sich gemeldet. Ich schreibe davon unter der Rubrik „Erinnerungen und Fotos von seinen Freund*innen“….

Rainer Maria Rilke

 

Man muss den Dingen

die eigene, stille

ungestörte Entwicklung lassen,

die tief von innen kommt

und durch nichts gedrängt

oder beschleunigt werden kann,

alles ist austragen – und

dann gebären…

 

Reifen wie der Baum,

der seine Säfte nicht drängt

und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,

ohne Angst,

dass dahinter kein Sommer

kommen könnte.

 

Er kommt doch!

 

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,

die da sind, als ob die Ewigkeit

vor ihnen läge,

so sorglos, still und weit…

 

Man muss Geduld haben

 

Mit dem Ungelösten im Herzen,

und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,

wie verschlossene Stuben,

und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache

geschrieben sind.

 

Es handelt sich darum, alles zu leben.

Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,

ohne es zu merken,

eines fremden Tages

in die Antworten hinein.

aufgeschrieben am 11.10.21

Im Hinterhaus

Im Schuppen. Da gibt es drei Räume und einer von ihnen war vollgemüllt, zugestellt, Unnützes und Nützliches bunt durcheinander. Er sollte schon ewig aufgeräumt werden. Am Sonnabend taten wir das. Auch Carl. Auch Konstanze und Familie. Auch Andreas und ich. Ich fand das vermisste Sonnensegel der Kinder, welches ich über den Sandkasten gezurrt hatte. Es war irgendwann weg und ich suchte danach und nun barg ich es intakt aus Staub und Dreck, alle Karabiner an Ort und Stelle und einsetzbar. Nun sind die Kinder weg. Ich fand auch einen kleinen Bob der Baumeister. War der von Carl? Ein kleines Holz mit Schrauben, auch von Carl? Und so viel Geld. Ich malte es mit Alfons am 29.12.2017, wie die Banknoten preisgeben. Er grundierte, ich schrieb. Ich hatte sie fast vergessen. Auch Schiffchen fand ich, in verschiedenen Größen, Notizen von Alfons, der noch nicht schreiben konnte. Am 24.12. 17 hatte er seinen ersten Füller zu Weihnachten bekommen. Einen grünen. Als wäre es gestern, sehe ich uns basteln und am Tisch sitzen und schreiben, malen, kleben… Ich zog die Dinge aus dem Müll und legte sie zu den anderen Erinnerungen. Wer wird danach suchen, fragen, sich kümmern, wenn ich nicht mehr bin?

Heute vor drei Jahren nahmen sie Carl und mir in der Charité, auf dem Gang vor Alfons‘ Zimmer sitzend, noch mal Blut ab. Adeno-Viren, T-Zellen-Suche… Der Transplantationsarzt kam immer, fast jeden Tag, und breitete neue Möglichkeiten aus. Alfons Rücken war am Po blassrot wundgelegen. So dürr. So pergamentartig seine Haut. Der Mund voller Blut. Carl hatte die Nacht zuvor im Elternhaus geschlafen, ich war bei ihm, er holte sich noch einen Döner, ich wusch seine Sachen oder wollte sie waschen, Alex war bei Alfons. Am Montag dann die Blutabnahme. Der Oktober war sonnig. Vorbei die Hitze des Sommers. Meine Turnschuhe hatten Löcher und meine Füße waren ständig nass. Erst jetzt repariert mir ein Berliner Schuster die Sohlen der roten Samba. Wollte ich das schon 2017 tun? Dann fuhr Carl. Am Dienstagabend war ich 23 Uhr gerade im Elternhaus angekommen, lag angezogen auf dem Bett und sprach mit dem Foto von Alfons auf meinem Handy: Wir schaffen das! Alex rief mich an, Alfons würde mich jetzt besonders brauchen. Sie schoben ein Bett an Alfons‘ Bett. Ich lag dann dort und manchmal Alex. Wir weinten und weinten und schrien um unser Kind und am Tag darauf schien so sehr die Sonne durchs Fenster, dass ich mit einem Tuch die Strahlen von seinen tränenden Augen abhielt. Nie haben wir uns niemals verabschieden können. Immer sagten wir: Bis bald. Tschüss, mein Mausepiep. Bringst du mir was mit? Pass auf dich auf! Hab dich lieb, Mama… Hab dich lieb, Frechdachs… Ich kann es mir nicht verzeihen, Alfons in der Stille, Dunkelheit, im Leid, im Schmerz zurückgelassen zu haben. Es ist alles so unvorstellbar, so ungeheuerlich, so ungerecht, so unverzeihlich, so gewalttätig, so absurd, so schnell, so ungefragt, so unvorbereitet, so neben dem Leben, so überfordernd, so einsam machend, so rücksichtslos, so ausgrenzend…. Die Worte drehen sich im Kreis. Der Schmerz ist frisch, jeden Morgen auf’s neue ist er ausgeruht und wie ein Schlag auf den Kopf einfach da…. Ich vermisse mein Kind… 

aufgeschrieben am 1.10.21

Am Meer

Am Meer wollte ich mit Alfons sitzen. In einem Strandkorb und ein Eis lecken. Nach der Klinik. Nach der Krankheit. Er hat nie auf diesen Wunsch reagiert, also nicht euphorisch. Sein Wunsch war es, auf einen Weihnachtsmarkt zu können oder mit dem Wohnmobil zu verreisen. Wir konnte ihm diesen Traum nicht erfüllen. Seine Worte fielen leer in den Raum und auch wenn wir sagten, dass wir das tun und machen und nachholen, verhallten seine Wünsche. Das ist ein Schmerz von vielen, seinem Kind nichts mehr entgegnen zu können.

Ich war nun am Meer und Eis kann ich weiter nicht essen. Ich habe Fähnchen gefunden und an Carl vom Meer aus eine WhatsApp geschrieben mit dem Foto dazu: Als du 7 warst, hast du dir in Prerow solch eine Fahne ausgesucht; die links 🙂 Als Alfons 7 war, 2016, hätte er die auch gern, aber die gab es nicht und er nahm die Landesfahne von Mecklenburg-Vorpommern; fast so wie die rechts (Fahne von Hiddensee).  Carls Fahne verschwand in seiner Kiste, die ich ihm zum 18. Geburtstag schenkte – zig kleine Erinnerungen an die eigene Kindheit. Alfons‘ Fahne steht im Flur. Hier zu Hause. Und es gibt auch ein Foto vom Oktober 2016, Alfons mit der Fahne winkend auf einem umgestürzten Baumstamm sitzend. Das Foto ist auf meiner Festplatte, so wie viele weitere wichtige Unterlagen auch, und diese Festplatte ist weg. Seit ein paar Tagen suche ich sie verzweifelt…

In den Sand am Strand schrieb ich Alfons. So lange der Name gesagt wird, zu hören ist, geschrieben steht, ist ein Mensch nicht tot… Ich habe Tage gebraucht, um irgendwie abzuschalten und nun sitze ich zu Hause und denke an Alfons mit Alex und dem Drachen in Ahrenshoop am Meer auf dem Darß. Frau Kahl schrieb mir: Insgesamt waren Sie 7 x unser Gast. Wir erinnern uns ebenfalls gern an Ihre Besuche und wünschen Ihnen weiterhin alles Gute.

         Mai 2003                 3 Tage mit 3 Personen

         Mai/Juni 2005        8 Tage mit 3 Personen

         Mai/Juni 2007        7 Tage mit 3 Personen

         Mai 2010                 4 Tage mit 4 Personen

         Oktober 2012         6 Tage mit 4 Personen

         Oktober 2016         3 Tage mit 4 Personen

         Oktober 2018         4 Tage mit 3 Personen

Drei Jahre fuhren wir mit Carl, da gab es Alfons noch nicht, nach Prerow. Dann fuhren wir drei Jahre mit Alfons, zu viert. Und beim siebentem Mal fuhren wir wieder ohne Alfons. Ich habe nur geweint. Zusammen mit Carl. Wir betranken uns besinnungslos, schauten uns die Fotoalben von Alfons an und ich fädelte seine Mutmacherperlenkette und sie wurde 10m lang.  Ich dachte, wir waren öfters in Prerow. Aber wir waren ja auch in Flecken Zechlin und manchmal in Bielice. Und 2017 gar nicht im Urlaub, weil ich zur Kur fuhr. Das ist alles so nebensächlich. Carl bedeutet Prerow etwas und mir war es immer wichtig, auch weil ich in meiner Jugend schon dort war und meine erste Liebe dort kennenlernte, aber das alles ist wie gelöscht. Nur Alfons sehe ich dort langlaufen, rüber zur Familie Kahl… Und Carl natürlich…

Am Meer schrieb ich über Alfons ein Gedicht…

Du bist

dein unbändiges Lachen bis zum Übermut,

dein verzweifeltes Weinen ohne Trost bis zum Grund aller Tränen in dir,

dein stilles Ringen mit den Dingen, die dich bewegten und beschäftigten,

dein beharrliches Verstehenwollen der Sorgen der Anderen und deiner Suche nach Auswegen,

dein Kampf um das Leben, immer, nicht erst seit der Krankheit,

deine Dünnhäutigkeit dem eigenen Leid und dem Leid anderer gegenüber,

dein Mut und dein Witz gegenüber den Großen und dem Großen,

deine Voraussicht auf das was möglicherweise kommt.

 

Du bist jetzt schon Zwölfeinhalb und schon lange allein unterwegs.

Ich vermisse dich weiter.

Habe Sorge, wie es dir geht.

Sehe dich in der Erde und, wie gestern, manchmal bei mir: da spürte ich so stark Opa und dich beieinander, eng, vertraut, lachend, mir gegenüber. 

Und als ich von Rügen wegfuhr und über die nasse Wiese mit den Walnüssen ging, sagtest du: Mama, nimm bitte eine mit für mich. 

Ich bückte mich und habe dir eine Walnuss aufgesammelt.

 

Eine eigenartige Geschichte

Als ich mich vor kurzem auf ein Trauma-Seminar vorbereitete und ich nach einer Imaginationsübung suchte, fiel mir die Übung „Innere Helfer“ in die Hände. Ich hatte auf dem Übungsblatt, einen A4-Zettel, während meiner Ausbildung 2016/2017 in Hamburg zur Traumapädagogin, Notizen gemacht.

Ich sah und las jetzt, dass ich die Übung damals mit einem sehr persönlichen Beispiel versah, um mir die Übung und die Wirkung besser vorstellen zu können. Es geht in der Übung um eine belastende Situation bei einem Klienten und um vierfünf Schritte, den Klienten aus der Belastung herauszuführen. Ich stellte mir Carl in einer ihn belastenden Situation vor und bei dem vierte „Inneren Helfer“ ging es um eine Gestalt, eine unterstützende Figur (davor ging es um die Verortung in der Natur, um die Form einer berühmten Persönlichkeit, um die Verkörperung eines Tieres etc., die in der Summe wie „Innere Helfer“ dem Klienten und in meinem Falle Carl zur Seite stehen). Und also der vierte Helfer, diese Figur, Gestalt, sollte bei Carl und in meinem Beispiel sein, so schrieb ich es: ein Engel mit Alfons Gesicht. 

Als ich das nun las, fünf Jahre nach der Ausbildung zur Traumapädagogin, in dessen Rahmen ich mich mit dem Thema Imagination beschäftigte, wir diese Übungen lernten und durchdachten und ich mir dazu Notizen anfertigte, wusste ich, wie intuitiv und schnell ich das dachte und aufschrieb. Und heute lese ich das und frage mich, wie ich nur darauf kommen konnte, dass den Carl ein Engel mit Alfons‘ Gesicht schützt. Warum ein Engel? Warum Alfons? Wieso Alfons als Engel? 

Das macht mich so sprachlos. 

aufgeschrieben am 19.9.21

Unsere Bäume sterben

In zwei Tagen, am 21.9., vor drei Jahren begannen Alfons‘ letzte Tage. Er brauchte sehr starke, fast sedierende Schmerzmittel. Die Blasenentzündung klang ab, aber er erbrach sich nur, der Magen tat weg, er stellte das Essen ein. Er klagte nicht. Er sah zu mir, lauschte unserem Vorlesen, ließ sich still mit dem Rollstuhl hinausschieben, betrachtete das Lego „Krankenhaus“ und begann es nicht aufzubauen. Er fragte mich: Mama, glaubst du, ich werde gesund? Er war dünnhäutig und ich durfte ihn nur noch an den Füßen berühren und diese massieren. Er litt. Wir litten. Ja, du wirst gesund!

Jeder Tag heute seit drei Jahren ist eine Herausforderung für mich. Früh nicht liegen zu bleiben, tagsüber nicht urplötzlich zu weinen, abends in die Stille zu hören und an die vergangenen Geräusche zu denken. Dazu kommt nun im September und Oktober das Wissen um Alfons‘ nahendes Ende. Damals hielten wir die Schwäche für den Normalzustand. Wir wussten nichts vom Verlauf und was die Virenlast bedeutete. Auf der onkologischen Station sprach ich ab und an mit einer Mutti, deren Sohn hatte das zigfache an Viruslast und erkrankte nicht so schwer wie Alfons. Ich wiegte mich in falscher Hoffnung. .

Wenn ich Alfons‘ lebendige Augen sehe, sein warmes und offenes Lachen, seine beherzte Art in Traurigkeit und im Frohsein, seine Wut und sein Mitgefühl, sein Verstehen, seine Worte. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass er stirbt. Nie.

Jetzt fahre ich durch eine Landschaft, in der die Bäume sterben. Carl und Alfons erzählte ich irgendwann von meiner Angst als Kind, dass es eines Tages eine Welt gibt, in der die Bäume nicht mehr grün werden. Aber diese Apokalypse war ein Traum, ein Alptraum. Als es 2018 so heiß war, sah man nicht sofort die Auswirkungen. Der Rasen war verbrannt. Heute ist der Rasen im Garten so dicht und grün wie viele Jahre nicht mehr, aber die Bäume stehen wie Gerippe da. Alte Eichen so licht. Als Kind kannte ich die dichten Kronen der Bäume. Jetzt fehlt das Wasser und die alten Bäumen schaffen wohl die Umstellung nicht mehr. Andere Baumarten sterben sofort. Überall sterbende Nadelbäume. Braune Bäume überall. Dazu der Irrsinn der Menschen in der jetzigen Zeit, wo wir über die Bedeutung der schattenspendenden Bäume Bescheid wissen, über Photosynthese und Biodiversität, Bäume zu fällen. Über 100 Jahre alte Roteichen in Weißwasser, Pappeln am Badesee in Eichwege, ein Solarpark auf der Hochkippe in Mulkwitz… In mir ist der Schmerz um diese Bäume und vielleicht erleben wir noch die Zeiten, in denen das Klima kippt und dann die Vernichtung von Tieren und Pflanzen unter Strafe steht? Ich schäme mich, dass ich 1990 mit Freunden über den Schutz der Erde sprach und sich nichts tat oder zu wenig tat. Was nutzt eine ökologisch ausgerichtete Turmvilla, wenn der Träger korrupt war und das Haus nun leer steht? Ich sehe Carl und andere junge Menschen, die reale Angst vor den nächsten Jahren haben. Carl sagt, diese Hitze ist nicht auszuhalten. Junge Frauen wollen keine Kinder bekommen. Andere sind im Hungerstreik. Und dann passiert das Unfassbare, dass man sie belächelt! Nicht ernst nimmt! Die, die voller Ernst und Sorge sind. Alfons und ich würden darüber viel sprechen. Jeden Tag auf dem Weg in die Schule. Zu Hause. Vielleicht würden wir etwas für den Schutz der Natur unternehmen, zusammen mit Carl. Was könnte das sein?

aufgeschrieben am 12.9.21

Alfons ist da

Jetzt sind wir in der Charité. Wir basteln und lesen und gehen raus und empfangen Besuch. Alles ist schwer für Alfons. Er hat Schmerzen. Wasser überall in seinem Körper… Ich denke an ihn, weine um ihn. Denke an solche Tage, an denen ich gestorben wäre und dann gäbe es Carl und nicht Alfons. Denke an die schwere Zeit in der Familie und dann kam Alfons und ich sagte oft, dass es eigentlich ein Wunder ist… Ich denke auch an mich und auf welche Leute ich traf und treffe und das es nie um Alfons geht. Ich gehe zum Zahnarzt, zum Frauenarzt, zum Hausarzt und überall ist ein großes Schweigen und wenig Verständnis für die Art der Hilflosigkeit, die ich mitbringe. Ich kenne dieses Vermeiden nur von den jungen Menschen, mit denen ich im Bahnhof arbeite, dass sie auf so viel Unverständnis stoßen und sich dann zurückziehen. So kann ich keinen Brief der Stadtverwaltung Bad Muskau mehr öffnen, seit der 3. Brief zu Alfons‘ Grab im Briefkasten lag. Ich sehe diese Briefe und bekomme Panik. Ich habe Angst dem, was da möglicherweise drinnen steht, nicht gewachsen zu sein.  Ich brauche Verständnis für meine Situation, aber das gibt es nicht. Es gab auch nach Alfons‘ Tod kein Verständnis von der Schule, von der Klasse. Keine Frage, ob wir Hilfe brauchen. Kein warmes Wort. Weder damals noch heute, wenn ich schreibe, einlade, bitte. Bald stirbt Alfons ein drittes Mal und ich finde keine Ruhe, es geht alles immer wieder von vorn los. Vielleicht gäbe es da draußen jemand, der mit mir einen Brief an die Schule schreibt. So wie Manja mit mir die 4 Seiten an die Charité schrieb, nur 3 Monate nach seinem Sterben…

Diese Woche leitete ich zum ersten Mal wieder, seit 2013, ein dreitägiges Seminar. In Bad Bevensen. Zum Thema Traumatisierung. Beim Vorstellen, beim Miteinandersprechen, beim Austausch, bei Rückfragen… da sprach ich zweidreimal von meinen Kindern. Ich tat so, als lebten sie. Also ich tat eben nicht so, sondern ich sprach von Alfons und Carl, meinem kleinen und meinem großen Sohn. Am vorletzten Abend begriff ich, dass er doch tot ist. Ich weiß das natürlich, aber ich habe es ausgeblendet oder ignoriert oder die Wahrheit verleugnet. Es fühlte sich so schön an, von meinen Kindern zu sprechen. Doch am Abend wurde ich wie wach und ich schämte mich so unbegreiflich. Ich dachte an Alfons, wie wir einmal im Auto fuhren und er mich fragte, was eine Notlüge sei und wir überlegten, wann man sie benutzen kann. Es machte so viel Freude, mit ihm diese Dinge zu besprechen. Aber war das in Bad Bevensen eine Notlüge? Was war das? Ich fühlte mich so schäbig, als hätte ich Alfons verleugnet. Am letzten Tag sagte ich das der Gruppe. Das es Alfons gibt, aber er gestorben ist. Und es fühlte sich nicht besser an, nicht wie die Wahrheit. Die Tage sind voll mit diesen Schmerzen. Ich kann die Trauer, die Wehmut, das Insichgekehrtsein, die mentale Abwesenheit am hellerlichten Tage, die Schmerzen am äußeren Körper, die Tränen, die Fragen nach dem Sinn und dem Warum, diese Ungeheuerlichkeit… nicht verwinden. Sie füllen mich aus. Und die Hülle funktioniert, wie davon abgespalten. Ich weiß, wie man all das nennt.  Aber es hilft mir nicht.

aufgeschrieben am 30.8.21

Mein Alfons

Nun passiert es öfters, dass ich es nicht schaffe, am Sonntag zu schreiben. Seit zweieinhalb Jahren schreibe ich jeden Sonntag für Alfons. Jetzt kommen Dinge dazwischen. Dann schreibe ich Montag darauf, manchmal Mittwoch. Auch die Inhalte verändern sich. Die Erinnerungen an Alfons vermischen sich mit dem Jetzt. Dabei ist die Liste meiner Erinnerungen an Alfons, die ich angelegt habe und die ich sammelnd weiterführe, nicht abgearbeitet. Ich sehne mich danach weiter diese Erinnerungen aufzuschreiben, auszuformulieren. Zugleich ist es ein Höllenakt, eine Qual. War ich nach dem Tod von Alfons einfach bei ihm, bin ich jetzt entfernter, im Sinne, dass ich sehe kann, dass er tot ist, und jede Annäherung an eine Geschichte von ihm, an eine Erinnerung, an seine Dinge hier im Haus, an seinen Garten auf dem Friedhof wo er liegt, all diese Annäherungen kosten mich so viel Kraft. Ich begebe mich zu ihm hin, zu meinem Kind und meine ganze Stabilität und mein Funktionieren ist weg. Dennoch möchte ich die Kraft wiederfinden, die Erinnerungen zu Ende aufzuschreiben. Hier im Blog. Wahrscheinlich einzig für mich. Auf das in der Weite des Raums jemand seinen Namen liest und ausspricht. So lange ist Alfons nicht tot. 

Gestern wollte ich schreiben, dass es genau drei Jahre zurück liegt, dass Alfons zusammen mit Alex aus der Isolation der Transplantationsstation an die Sonne durfte. Wir hatten Hoffnung. Er war unendlich schwach. Aber sein Übermut kehrte zurück. Seine kleinen Frechheiten. Wir lasen an gegen den Tod, sangen, spielten, bastelten, hofften…

 

Mein Kind ist jetzt 12 und ich vermisse ihn und hoffe wie dumm, dass ein Wunder geschehen könnte und er bald vor mir steht, irgendwann. Manchmal denke ich irrational, er versucht auch verzweifelt mit mir Kontakt aufzunehmen, da er ja nicht sterben wollte und wir uns liebten und keine getrennten Wege gehen konnten. Er begann doch erst mit neuneinhalb auch woanders zu sein und zu bleiben, aber da war noch so viel Angst. Und mit dieser Angst musste er ins Koma und blieb dort fernab von uns. Warum konnte ich ihm das Leben nicht ermöglichen, was ich ihm in allen Farben und Bildern zeigte?

Jeden einzelnen Tag stehe ich auf und muss begreifen, dass Alfons tot ist. Jeden Abend muss ich das stille Haus hören und höre doch nur die abwesenden Geräusche von einst. Wie eine alte Frau sitze ich im Hof, wo einst Tischtennis gespielt wurde, voller Lärm und Lachen, und möchte nicht mehr sein. Ich fühle mich falsch an, der vertraute Ort ist wie eine Lüge, der Versuch des Weiterlebens nach dem Überleben ist ohne Sinn. Ich weiß, ich darf nicht so sprechen und denken und fühlen. Weil es alle verschreckt. 

aufgeschrieben am 24.8.21

Der Sommer bei Alfons

Alles blüht. Zwei Wochenenden lang habe ich nach und nach Dinge aus den Bäumen an Alfons Grab herausgenommen. Ich habe auch der Frau in der Stadtverwaltung geschrieben, wie schief sie liegt mit ihrer Haltung, den Aufstieg und Fall der Würde des Friedhofs an Alfons‘ Grab festzumachen. Es ist der dritte oder vierte Brief den ich zum Thema schrieb. Seit Mai 2020 geht das. Alex fragte auch: Was willst du nun machen? Als hätte ich mir etwas ausgedacht, auf das ich permanent die Antwort wissen muss. Aber niemand sonst übernimmt die Verantwortung. Und die Erwartungen sind groß, für die einen sollte ich mich so verhalten, für die anderen wiederum sollte ich nichts machen und für Dritte ist alles gut und schön bei Alfons und wie mir es damit geht, danach fragt niemand. 

Ich stelle mir Alfons vor, was er wöllte. Er vermisst seine Freunde und die Schule. Er würde mir mit großem Vertrauen wichtige Entscheidungen überlassen und spielen gehen, lesen, chillen, sich beschäftigen. Er fühlte sich im Garten zu Hause immer wohl, warum nicht in seinem Garten jetzt auch? Aber leider geht es gar nicht um Alfons, in all den Schreiben der Stadtverwaltung.

In mir sind Ängste: Hab ich ihn je richtig erkannt, als Kind? Wir würden viel Reden über die Veränderungen auf der Welt, über die Hitze und den Regen und die Angst, die uns umtreibt. Er würde viel bei Carl sein, der nun nicht weit weg von der Schule wohnt; direkt auf dem Weg zum Bahnhof würde Alfons dort anhalten und mit Carl reden. Vieles wahrscheinlich nur mit ihm. Nur Carl konnte ihn in vielen Dingen trösten. Damals und heute. Nein, heute nicht mehr. Heute haben wir solche Not damit, uns nicht getröstet zu bekommen. Carl und ich stellten letztes auf einer Fahrt im Auto von der Arbeit nach Hause fest, dass wir ein selbes Phänomen bei uns festgestellt hatten: Ich bin nicht mehr in der Lage, Witze zu erkennen, Ironie zu hören, Sarkasmus zu verstehen. Früher fiel mir das schwer, jetzt ist es unmöglich. Das ist für viele Menschen eine Herausforderung, wenn ich alles so 1:1 als wahr und ernst annehme. Ich kann eigentlich nur noch lachen, wenn ich andere Menschen lachen sehe oder wenn einem etwas Dummes passiert ist, Wie ein Kind habe ich dann Schadenfreude. Mehr geht nicht, Vielleicht ist der Tod eines Kindes die Abwesenheit von Humor und Spaß und Freude. 

aufgeschrieben am 15.8.21

Ich faste. Seltsam wie verlangsamt mein Körper reagiert. Wie eine Schnecke bewege ich mich und weiß, dass ich früher immer abgelenkt war durch die Arbeit, die Kinder, den Alltag. MIr fällt die schon oft erzählte Geschichte von Alfons und mir im Kino Spremberg ein, da waren wir und plötzlich erschrak ich bis ins Mark: ich hatte Popcorn gegessen. Am 4. oder 5. Fastentag. Ich war kurz verzweifelt und hatte Angst, dass mein Körper auf das Essen ungehalten reagieren könnte. Aber es passierte nichts und ich tat so, als wäre nichts passiert. Ich sehe Alfi und mich im Kino sitzen. Hin und wieder. Tachos für ihn, Popcorn für mich. Mit Carl war ich öfters im Theater, mit Alfons eher im Kino…. Vor drei Jahren ging es Alfons so schlecht. Die Haare fielen aus. Er aß bereits 14 Tage nichts mehr. Er brach, er hatte Durchfall, sein ganzer Körper war durcheinander und erholte sich davon nicht mehr. Alle Bilder sind so hell in mir. Ich höre seine Stimme. So lange ist er schon weg. So sehr vermisse ich ihn…

Nun faste ich und mein Körper fühlt sich plötzlich real so an, wie es mir geht: kaputt, müde, schlapp, verprügelt, rumgeschupst. Vieles ist nicht geklärt und ich weiß nicht, was ich machen soll, damit sich Dinge klären.

aufgeschrieben am 8.8.21

Die Tage sind voll und ich bin leer

Vor drei Jahren lag Alfons in der Charité. Langsam wirkte die Hochdosischemo – Schmerzen, extremes Schlappsein, Erbrechen, Durchfall, Haarausfall, Morphium, Schlaf, Tränen, wochenlang isst er nichts mehr… Draußen sind 38 Grad in Berlin. Alex und ich im Elternhaus; wir schlafen kaum, sind in ständiger Sorge und Angst…

Drei Jahre später backt Nicki, ein Mädchen aus dem Bahnhof mit konditorischen Superfähigkeiten Regenbogenherzen für krebserkrankte Kinder. Ich hatte welche für Alfons‘ Geburtstag bestellt bei ihr, mit Alfons‘ Regenbogen drauf, und dann kam Anne auf die Idee, sie für das Familienfest zu bestellen. Die Kinder waren glücklich. Ich kann da nicht hingehen. Dort sind die, die es überlebt haben. Nicht die, die gestorben sind….

Am Freitag davor heirateten Alina und Silli im Bahnhof. Wochenlange Vorbereitungen gehen zu Ende, wir sind alle ziemlich kaputt; Carl und seine Freunde legen auf und für ein schönes Foto von ihm und mir ist auch noch Zeit…

Einen Tag davor lerne ich am frühen Abend, als ich nach Hause komme, einen Igel kennen. Es ist seltsam, dass er am Tag herumläuft. Ich lese, wenn er hochbeinig ist und eher schmal und sich nicht einigelt, dann ist er möglicherweise zu dünn und/oder krank. Ich hab ihn seinen Weg ziehen lassen. Er lief von der Toreinfahrt auf den Sandstreifen entlang der Straße davon. Ich hoffe, es geht ihm gut…

Wiederum ein paar Tage davor, nämlich am Samstag letzte Woche, besuchte ich Carl auf dem Stuss am Fluss-Festival. Er legte auf. Ich saß derweil am Strand an der Spree. Die Sonne schien. Es war warm…

All diese Erlebnisse wirken wie in einem normalen Leben. Niemand weiß, dass ich Alfons vermisse, ihn suche, mit ihm rede – auf dem Familienfest ist er unterwegs und hilft Schwester Maren; auf Alinas Hochzeit ist er neben Carl am DJ-Pult und sitzt auf dem Foto rechts neben mir und ist zwischendrin furchtbar gelangweilt;  den Igel will er unbedingt retten und füttern und ihm helfen, obwohl wir nicht wissen, was mit ihm ist, wahrscheinlich hole ich ein Handtuch, während Alfons auf ihn aufpasst, und wir tragen ihn in den Hof und holen Wasser und bisschen Futter, ich muss nachschauen, was Igel fressen und wir improvisieren, undenkbar, ihn ziehen zu lassen; beim Stuss am Fluss mag er nicht mitkommen, weil er mit seinen Freunden verabredet ist…

So denke ich, fast immer. Wenn ich nicht an Alfons denke und dann doch wieder, dann schießt das Wissen um das Grauen, dass das Kind tot ist, in mich ein und frisst sich durch meinen ganzen Körper. Aber das passiert selten. Mein Dauerzustand besteht aus verweinten Augen, aus einem schmerzenden Körper, aus Endlosgedanken an Alfons und den Dauerfragen wie WO liegt der Sinn? WARUM leben? WIESO durchhalten? WIE in den Tag kommen? WAS habe ich falsch gemacht? WIE hätte ich Alfons schützen können?

Ich erinnere mich kaum an das erste Jahr nach Alfons‘ Tod. Manja und ich schrieben die 4 Seiten für die Charité, Carl wurde 18, wir waren bei Susan, Carl in der Schule, ich im Schlafanzug im Hof zu Hause mit Kaffee und Zigaretten, stundenlang. Das Äußere geht bald zum Leben zurück. Ich funktioniere gut. Mein Inneres ist eingeschüchtert, kaputt, allein, orientierungslos, planlos, immer bei Alfons. Immer in der Vergangenheit. Nur die Arbeit hält mich im Hier.

aufgeschrieben am 27.7.21

Tote Zeit

Die Zeit nach dem Brief von der Stadtverwaltung ist ausgefüllt mit Anspannung. Ich komme durcheinander. Habe an einem heißen Tag das Gießen vergessen und die beiden ersten Sonnenblumen sind vertrocknet. Ich betrachte Alfons‘ Grab mit fremden Augen und versuche mir vorzustellen, was die Menschen bewegt, das Grab anzuzeigen. Alex hat sich dazu geäußert, ich kann seinen Brief nicht fertig lesen. Jemand sagte, dass das nicht sein kann, das zur Trauer und dem Kummer, Angst und Verzweiflung hinzukommen. Aber so ist es. Ich möchte mir Hilfe holen und mich wehren, für Alex ist das Kämpfen und das ist nicht friedlich und ich soll doch friedlich sein. Vielleicht ist das auch mein Schmerz, dass wir nicht mit einer Stimme sprechen können…

Mein Herz erfreut sich an Carl. Er zieht um und plant und fängt am 1.9. eine Tontechniker- und Sounddesigner-Ausbildung an. Er arbeitet in der Dokustelle in Jamlitz, verdient sein erstes eigenes Geld, steht früh auf, arbeitet, geht zum Stuss am Fluss, macht Musik, entrümpelt sein Zimmer, hat sich Schuhe gekauft… Wir sprechen auch über Alfons und den Schmerz, aber ein wenig ist der Blick nach vorn gerichtet und dann sprechen wir darüber, was sein kann…

Auf Arbeit haust die Sorge, dass wir ab dem 1.10. nicht mehr weiterfinanziert werden. Das sind noch 2 Monate. Wen soll ich wie beruhigen? Wen um Hilfe bitten? Was mache ich, wenn es nicht mehr weiter geht? Das ist, als müsste ich von einem fahrenden Zug springen, einer, der gut in Fahrt ist und tolle Leistung bringt. Aber wen interessiert das?…

Mich ruft ein Mädchen an und erzählt mir von ihrer übergriffigen Mutter. Mein Kopf ist voll mit Geschichten unvorstellbaren Grauens. Ich lese Fachliteratur zum Thema Rituelle Gewalt. Verstehe die Handlungen, Haltungen, die psychischen Beschädigungen, das Leid der im Bahnhof Lebenden und kann nichts tun. Ich kann zu dieser Welt nicht mehr „schön“ sagen…

Nicht mehr, seit Alfons weg ist und wäre er weg, wüsste ich, er ist weg und lebt, aber er aufgelöst, er liegt in der Erde, aber wo sind seine Stimme, sein Blick, sein Geruch, seine Fragen, seine Kraft, sein Lachen und Weinen… Eben gerade noch habe ich ihn an mir gespürt, beim Einschlafen und Ankuscheln und Lesen und Singen. Ich spüre es bis jetzt und es fehlen mit die Stunden mit meinen Kindern hier im Haus, die Tage voller Anstrengung und Streit und Lachen und Unternehmen. Sie waren etwas Wahres und Ehrliches, mit den Kindern sein. Ich konnte trotz aller Sorgen damit auch auftanken, zur Ruhe kommen, durchatmen. Carl machte oben laut Musik. Alfons hing in seiner Schaukel und aß Obst, was ich auf meinem Schoß in einer Schüssel hielt, auf einem Stuhl sitzend mitten in der offenen Tür. Kommst du dich zu mir setzen, Mama? Ich tat es und die Wäsche musste warten und der Rest an Kram auch. Ich bin so dankbar, dass ich mir diese Zeit für meine Kinder nahm… 

Und dennoch bleibt die Schuld, bei Alfons so versagt zu haben.  Er wollte die Transplantation nicht und ich hab mich durchgesetzt und nicht Recht behalten. So oft denke ich an Matti und Sami und die fünf größten Fehler im Universum. Sie waren klein im Gegensatz zu dem Fehler um Alfons. Ich bin mutterseelenallein mit dieser Schuld und mit dem großen Schweigen mir gegenüber und der Leere auf Alfons‘ Platz. Wie soll ich das Leben als schön empfinden?…

Ich arbeite und das betäubt mich. Bin zu erschüttert, um zu wissen, was ich will und was mir gut tut. Ich würde mich gern auflösen.

Unlängst fiel mir ein Kinderlied ein. Ich hatte es vergessen: Kommt ein Vogel geflogen, setzt sich nieder auf mein Fuß. Hat ein Zettel im Schnabel, von der Mutti einen Gruß. Lieber Vogel fliege weiter, nimm nen Gruß mit und nen Kuss, denn ich kann dich nicht begleiten, weil ich hierbleiben muss. Ich sang es Carl und Alfons vor und dachte intensiv an meine Mutti. Und in der Trauer um sie, im Spüren ihres Fehlens hier bei mir und den Kindern, weinte ich und wusste, ich bin bei den Kindern, ich bleibe, hier ist mein Platz. Und es war tröstlich. Aber ohne Alfons? Was ist das für ein Schicksal? Warum? Ich empfinde es als Bestrafung. Was habe ich getan und warum mein Kind?

aufgeschrieben am 22.7.21

Die Würde des Friedhofs ist unantastbar

Am 11.5.2020 fing es an. Eine erste Begehung. Das und jenes stört. Räumen Sie es weg, sonst räumen wir das Grab. Bis heute gab es drei schriftliche Aufforderungen von der Stadtverwaltung an uns, eine Unterschriftensammlung gegen diese Forderung und für eine Änderung der Friedhofssatzung, Kontakte zu einer Stadtverordneten, zu Freunden, die halfen, zum Bürgermeister… Ich habe Dinge hochgestellt, weggeräumt, abgemacht… Es reicht nicht, obwohl schon längst versprochen war, es reicht jetzt und alles ist gut.

 

Wer zeigt uns an? Wen stört ein Kindergrab? Von welcher Würde ist die Rede? Kann sich jemand unseren Schmerz als Hinterbliebene vorstellen und dann wirklich gegen das Grab sein? Das Grab ist der Ausdruck eines zu früh beendeten Lebens. Das eines Kindes.

 

Lese ich den Brief, steigt Panik in mir auf. Ich fühle mich bedroht, unverstanden, allein. Aber ich möchte nicht nur verzweifelt weinen, sondern in Widerspruch gehen. Ihnen sagen, wie viele Menschen bei Alfons stehen bleiben und sagen: Es ist schön hier. Für sie ist es das. Für mich nicht, weil da mein Kind tot liegt. Aber ich verstehe den Ort auch als etwas, was mir Ruhe gibt. Geschwisterkinder kommen mit den Großeltern und laufen zu Alfons. Junge Mütter sagen mir, wie sie der Ort berührt. Alte Menschen sagen, sie hätten sowas nicht erleben wollen, ein Kind verlieren. 

Warum kann das so nicht einfach sein? 

aufgeschrieben am 11.7.21

An einem Sonntag

Bei Alfons gehen bald die Sonnenblumen auf, sein Gingko-Baum wächst nach oben und bekommt Äste, jetzt, wo er ausgepflanzt ist, der Rasen wird gemäht, die Rosen blühen, der Holzbaum wird von Blütenpollen entstaubt, eine Grasnelke auf der Wiese streckt ihr Köpfchen empor. Ich arbeite bei Alfons, sitze, ein Weinkrampf schüttelt mich, trinke mitgebrachten Kaffee, schwitze in der Sonne und komme im Schatten hinter Alfons‘ Garten etwas zur Ruhe… Ich zeigte heute Carl die Bilder; wir sprachen über seine Erinnerungen an Alfons und meine und unsere, tauschten uns aus über dies und das; dabei ist uns Alfons ganz nah.

aufgeschrieben am 4.7.21

Spuren

Berühre ich das Haus, gehe ich durch die Zimmer, höre ich das Knarzen des Laminats, sehe ich Alfons‘ Schreibtisch voller Utensilien und Bastelmaterialien, mit angefangenen kleinen Vorhaben vollgestellt, dann ist Alfons neben und mit mir und wir sprechen und tauschen uns aus. Er fehlt mir. Ich weine. Die Atmung steht fast still. Raum und Zeit kommen durcheinander. Was sonst. Ich liebe Dich, mein Kind. Du Springinsfeld, Mausepiep, Engel… Ich weiß, mit 12 mag man das nicht mehr hören, auf keinen Fall in der Gegenwart von Deinen Freunden. Aber Kerstin aus Braunschweig, die mich am Wochenende besuchte, sagte zu mir, dass Du bestimmt im Spreewaldkahn eng bei mir gesessen hättest. Es war schwer, dort ohne Dich zu sein. Es ergibt keinen Sinn. Es fühlt sich verlogen an. Und es war anstrengend. Ich brauche das nicht mehr. Dein Herz hätte es erfreut. Wer legt sowas fest, dass es so schnell zu Ende geht mit einem Leben? Warum Du? Du hast Dich das auch gefragt und die Antwort Dir selbst gegeben: Niemand sollte so eine Krankheit bekommen. Und wieder ist ein Mädchen, 13, auch Muskau an Krebs erkrankt. Sie kämpft, wie Du. 

aufgeschrieben am 1.7.21

Am Sonntag, den 27.6.21 konnte Carl gemeinsam mit seinen Freunden vom Künstlerkollektiv Kraftwerk Sonne sein Musik-Wort-Kunst-Stück „Wir sind in der Hölle! Historischer Dubstep“ in Jamlitz am Bahnhof vor dem Wasserturm uraufführen. Vor 120 Gästen. Nach 10 Monaten Arbeit an Texten von Überlebenden, die er im Rahmen seines Praktikums in der Dokustelle Die Lager Jamlitz in Trägerschaft der Evangelischen Kirche Lieberose und Land transkribierte. Er erhielt dabei Unterstützung von Andreas Weigelt und Momo Kohlschmidt. Er fand langsam einen Weg, den er nach dem Tod von Alfons gehen konnte, der ihn aufrecht hielt und einiges von ihm forderte und abverlangte. Von ihm, der trauerte, und der sich mit unzähligen Berichten von Überlebenden des KZ Jamlitz beschäftigte, die oft nicht ins Leben zurückfanden und lebenslang trauerten. Nur 400 Menschen hatten das Lager überlebt, in dem zwischen 6000 und 8000 Häftlinge eingesperrt waren und die dort oder in Auschwitz oder auf dem Todesmarsch nach Sachsenhausen ihr Leben verloren. Carl sagte einmal zu mir, dass er die Hoffnung hatte, dass das fremde Leid ihn im eigenen Leid trösten könnte. Aber das war nicht so. Der Verlust von Alfons bleibt für sich stehen und wirkt. Bei jedem von uns. Bei Carl. Zwei Brüder haben sich gefunden und früh verloren. Und über den Tod hinaus, haben sie sich noch viel zu erzählen. Am Sonntag, den 27.6. habe ich am Abend einen Brief vorgelesen, den ich an Carl richtete und den die anderen hörten, der dies beweist.

Carl, zweiter v.l., bei der Danksagung im Rahmen der Premiere "Wir sind die Hülle! Historischer Dubstep" im Rahmen der Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an den 77. Jahrestag der Errichtung des KZ Jamlitz

Sonntag, den 27.6.2021

Heute ist ein besonderer Tag für Dich, lieber Carl, aber auch für mich und ich glaube auch für euch, wenn ich in eure Gesichter sehe. Ich möchte ein paar Sätze vorlesen und bei Alfons beginnen, der vor drei Jahren fürchterlich schwer erkrankt ist und sterben musste, obwohl er leben wollte. Als er klein war, sagte er: Mama, für mich ist es am schönsten, wenn ich meine Freunde zum Lachen bringen kann, dann bin ich glücklich. Drei Monate nach Alfons Tod sagtest Du zu mir, das war am 18.1. im Czekov als ihr für 250 Leute auflegtet: Mama, Alfons war glücklich, weil er seine Freunde zum Lachen bringen konnte und ich bin glücklich, wenn meine Freunde und die Menschen zu meiner Musik tanzen.

Heute, drei Jahre später, hast Du dein erstes großes Werk vollbracht und ich bin stolz auf Dich. Du bist fast allein dadurch gegangen, so wie Du bist, und ich habe Deine Freude an Deinem Tun erlebt und mit Deinen Selbstzweifeln gerungen. Weil uns das Leben so entrissen wurde und wir jeden Millimeter ums Überleben ringen, ist es nicht leicht, gut füreinander da zu sein. Deshalb bin ich dankbar, dass Du Dennis und Paloma und Dein Kollektiv hast. Und ich bin Momo dankbar, weil sie Dir von Anfang an vertraut hat, Dir und Deiner Musik und Deiner Intuition, dass das richtig ist, was Du tust. Und ich danke Andreas, der Dir das Praktikum ermöglicht hat, obwohl ich euch beide fast etwas überreden musste dazu.

Damals hätte ich nicht gedacht, was daraus entstehen kann. Damals nach dem Abitur und in der Unordnung, in der wir leben. Da erinnerte ich mich daran, dass mir Andreas vor einiger Zeit aus den Briefen seines Freundes Björn Bie an ihn vorlas. Björn Bie hatte das KZ überlebt und Andreas besuchte ihn oft in Norwegen. Die Briefe waren so klar. Sie waren keine Botschaft vom Sieg über die Nazis und vom Bewusstsein, überlebt zu haben. Sie waren voller Trauer und Schmerz und voll des Kampfes mit sich und den Erinnerungen. Damals sagte ich zu Andreas, dass die Briefe veröffentlicht werden müssen, weil darin steht, wie es den Überlebenden wirklich geht. Aber niemand war dafür da und geeignet. Bis Du, Carl, nach der Schule einen Platz zum Bleiben suchtest. Du begannst damit, die Texte zu transkribieren.

Vielleicht war am Ende trotzdem alles eine Überforderung. Vielleicht ist es nicht so wichtig, dass junge Musik auf Zeitzeugen trifft und Geschichte zugänglich für nachwachsende Generationen wird. Vielleicht ist es nicht ausschlaggebend, dass wir Schändungen und Hass entgegentreten, dass wir den Toten eine Stimme geben. Du sagtest vor kurzem zu mir: Das seht ihr darin, ihr deutet das, in das was ich mache, hinein, aber ich für mich will nur Musik machen. So soll es sein.

Es tut gut, dass wir jetzt hier so sitzen können. Alfons fehlt und die Familie ist zerronnen, aber Neues entsteht und Du hast es in unserem gelben Haus in Köbeln immer erlebt: Freunde sind Familie. In diesem Sinne auf uns!

Mutti

aufgeschrieben am 21.6.21

Sonntag

Am Sonntag schreibe ich meistens für und in Alfons‘ Blog. Gestern schaffte ich es nicht, weil ich noch arbeitete. Heute wollte ich schreibe, da meldete sich ein Kollege krank und die andere Kollegin ist im Urlaub und so musste ich meinen Tag morgen (eigentlich fange ich am Dienstag 15 Uhr erst an) umplanen. Ich beginne morgen um 9 Uhr und kann früh nichts mehr für mich tun und heute Abend – es ist 23.30 Uhr – auch nicht, weil ich schon totmüde bin.

Ich bin in einem Hamsterrad. Früher stoppte es. 16 Uhr holte ich die Jungs ab und wir gingen Eisessen oder Baden. Ich vergaß für einen Moment die Arbeit. Ich hatte noch ein anderen Teil in meinem Leben. Jetzt ist da nur noch Arbeit.

Herzen

Ich kann Herzen versenden. Auch an Alfons, obwohl er nicht mehr ist.


Fundstücke beim Renovieren

Das Schlafzimmer wird zum Gästezimmer. Nach zehn Jahren hilft mir Andreas die Lücken zwischen Wand und Laminat sowie zwischen Holzbalken und Trockenbau zu beseitigen. Ich hänge die Bilder auf, die seit zehn Jahren auf dem Fußboden stehen. Ich fand keine Zeit. Ich dachte, sie müssen angebohrt werden, dabei machen es kleine Nägel. Das Bett wird repariert, die Matratzen werden abgesaugt. Die Gardinen gewaschen. Da sehe ich Alfons übermütig und lachend ins Bett springen. Immer wieder höre ich mich sagen: Vorsichtig, das Bett bricht. Aber mein Kind ist gebrochen, das Bett steht. Unter dem Bett finde ich beim Saubermachen ein Ninjago-Schwert, sein Schwert. Er nahm es mit seiner Furcht ins Bett, um sich sicher zu fühlen, wenn er allein dort lag. Dann fiel es hinunter, im Schlaf ihm aus der Hand. Er kann unmöglich tot sein, mein Kind. Warum ist das Schwert noch da und das Kind nicht mehr?

Anne würde mich trösten – ein Zeichen von Alfons. Wann fing er an, mir diese Spuren zu legen, um ihn immer wieder zu entdecken? Wo er lange tot ist! Mein ganzer Körper wehrt sich, das zu schreiben, zu sprechen, zu denken, zu fühlen. 

aufgeschrieben am 13.6.21

Sonnenblumen bei Alfons: Mitten aus dem Lavendel kommen viele viele Sonnenblumen. Genau darüber hängt die Vogelfutterstation. Die Samen überwinterten und kommen nun überall zwischen den Steinen bei Alfons hervor.

aufgeschrieben am 6.6.21

Zu Hause

Heute habe ich das erste Mal seit 3 Jahren die Wäsche wieder draußen aufgehangen. Nicht auf der Leine im Garten, wo sie wedelte, während Alfons auf der Liege lag und Hörspiel hörte oder während er im Sandkasten spielte oder während er das Langerfeuer entzündete (dann nahm ich die Wäsche fix ab, damit sie nicht zugequalmte)… Die Wäsche habe ich heute im Hof auf den Wäschetrockner gehangen. Als ich mit dem Wäschekorb unterm Arm aus der Tür ging, meine Füße suchten die Hoflatschen und mit einer Hand hielt ich mich am Türrahmen fest, hörte ich mich sagen: Alfi, bin kurz hinten die Wäsche aufhängen. Einmal, Alfons war schon krank, hatte er es nicht gehört oder ich war zu leise, da hörte ich vom Garten aus ein angstvolles MAMA, wo bist du? Es schlug mir mitten ins Herz. Ich rannte nach vorn und sah Alfons furchtverzerrtes Gesicht im Türrahmen. So sah ich es noch mal, da habe ich auf der Station 30i der Charité einen Moment zu lang mit einer anderen Mutti auf dem Gang gesprochen und plötzlich konnte ich die MAMA-Klagen und -Rufe mit Alfons verbinden und eilte in sein Zimmer, wo er zitternd und weinend auf dem Bett saß, angeschlossen an die Infusionen, nicht wegkommend, und sein Gesicht war furchtverzerrt. Ach, Alfi, entschuldige bitte… Ich bin da…

Heute dachte ich auch an seine Schaukel und dass die wilden Rosen im Eingang ihren Platz eingenommen haben. Und ich sah ihn derweil im Strandkorb sitzen, Pumuckl hörend. Später trug ich Bretter für ein Regal die Treppen hoch, nicht zu viele, und er lachte, dass ich soooo schwach schon sei. Ich sagte ungehalten: Du kannst gern helfen! Und im Schlafzimmer, was ich als Gästezimmer herrichte, sah ich, wie Alex ihn auf das Bett schmiss, nachdem er Alfons im „Flieger“ hochgetragen hatte, auf seinen Händen vor dem Bauch und Alfons kreischte und wackelte und freute sich. Später, als er größer und schwerer geworden war, sprang er beim Zubettgehen wie ein Stabhochspringer mit Anlauf ins Bett, voller Kraft und Freude und Lachen* und ich bat jedes Mal um Rücksicht für das Bett. Das steht immer noch. Alfons aber springt nicht mehr hinein. Welch dumme Vorsicht. Ich wollte die Dinge schonen. Aber die Dinge existieren länger als die Menschen sind.

Überall lebt Alfons. Als ich heute Abend von Alfons nach Hause ging, drehte ich mich kurz um und sah zu ihm zurück, da war es mir, als lugte er hinterm Baum hervor. Es war, als sähe ich deine schwarzen Haare. Ich liebe Dich, mein Kind. Unendlich. Es regnet in diesem Frühjahr mehr als sonst, vielleicht nicht genug, aber alles ist grün. Es ist nicht so heiß wie 2018. Als wir beide an unserem letzten gemeinsamen Tag hier zu Hause im Garten auf der Liege lagen und auf den Anruf aus der Charité warteten. Papa reparierte noch den Hasenstall. Alle Sachen waren gepackt. Es war, als würden wir in den Urlaub fahren: Diese Tasche stell hinten zwischen euch, da ist was zum Naschen drin. Der Koffer kann hinter. Die Kuscheldecke auf den Rücksitz. Das ist meine Tasche, die kann vorn auf den Beifahrersitz. Ihr habt als Kinder die Taschen rausgetragen zu Papa, der sie einpackte. Aber an diesem 31.7.18 war es nur so ähnlich, in Wirklichkeit waren wir voller Angst. Es hat mich alle Kraft gekostet, dir nicht immer meine Angst zu zeigen. Ich war kräftig für dich. Zuversichtlich. Stabil. Geordnet, Wie immer. Noch lagen wir beide, du auf mir, auf der weißen Holzliege. Wir machten ein Selfie. Es war grün um uns herum, wir lagen unter der großen Linde, aber es hatte wochenlang schon nicht geregnet und die Luft war heiß. Es wurde mit 39 Grad der heißeste Tag des Jahres in Berlin. Wir lachten noch im Garten. Aber wir sind nicht mehr zusammen nach Hause gekommen. Ich liebe Dich unendlich und wirklich mein Kind, mein Mausepiep. Könnte ich nur alles anders machen. Weißt du noch – Matti und Sami und die fünf Fehler des Universums – in den Buch gingen die größten Katastrophen gut aus, warum nicht bei uns?

 

*Als Alfons schon krank war, ohne das wir ahnten wie sehr, trug ich ihn eine zeitlang jeden Morgen Huckepack die Treppe hinunter. Er war müde nach der Nacht und kaputt und ich trug ihn und fragte ich nicht, warum das so war.

 

Vor drei Jahren hattest du die Katheter-OP, die am 5.6.stattgefunden hatte, gut überstanden. Wir wurden, weil es plötzlich viele Neuzugänge gab, gleich am 6.6. entlassen. Zu Hause wolltest du keine Schmerzmittel. Deine Schultern taten weh, du musstest dich erst daran gewöhnen und warst verspannt. Dann kam Manja und behandelte dich craniosakral und die Verspannungen ließen schnell nach…

 

aufgeschrieben am 29.5.21

Maiglöckchen und Wiesenblumen

Hinterm Haus im Schatten wachsen hunderte Maiglöckchen; die an der Mauer im Hof haben sich noch nicht davon erholt, dass sie jahrelang vom Fußball am Wachsen gehindert wurden. Alfons hat als kleiner Junge die roten Beeren gekostet und ich musste in München den toxischen Notruf wählen…. Alfons liebte es, Löwenzahn zu pflücken oder für mich einen Wiesenblumenkranz zu pflücken und zu binden, mit Hilfe von Sabine und Katja, damals auf dem 2. Ziegenhof in Leuthen. Er schnitt auch die Stauden im Garten und ich war – ich schrieb hier im Blog schon darüber – dann immer bisschen erschrocken, weil ich dachte, die schönen Blumen… Jetzt hole ich mir Flieder ins Haus oder eben die Maiglöckchen und ich denke dabei an Alfons und sage zu ihm: Du hast es mir gezeigt, dass ich das tun sollte, weil es ein bisschen Freude macht. Die Maiglöckchen duften. Sie erinnern mich an die Sträuße, die mir meine Mutti immer am 28.5. zum Geburtstag schenkte, solange ich zu Hause wohnte, bis 1986. Sie kannte einen älteren Mann in Schleife, der ihr ein üppiges Sträußlein pflückte und mitgab für mich. In diesem Jahr pflückte ich ein paar Stengel für mich selbst und ein paar für Alfons dazu tat ich Männertreu, die Sumpfdotterblume und die weiße Graslilie… Sie stehen nun in seinem getöpferten Becher mit dem Nasengesicht bei ihm im Garten. 

aufgeschrieben am 25.5.21

Freitagabend, 21.5.21., bei Alfi.
Ein Gruß von Antje für Alfons.

Der alte Leiterwagen

Als Alfons im Sommer 2017 so vertieft mit dem alten Leiterwagen spielte, drehte Alex noch einen kleinen Film – Alfons hatte sich zwischen dem Flieder und dem Schuppen ein Seil gespannt, an dem er sich mit dem Wagen entlang zog. Der Film ist nicht erhalten. Alex hatte ihn mir damals zur Kur geschickt…

Den Leiterwagen fanden wir im Haus, als wir es 2003 kauften. Immer mal wieder spielten die Kinder damit. Nach Alfons‘ Tod 2018 stand er unter dem kaputten Carport, auf ihm eine Pappkiste mit Donners Hundedecke (Donner musste mit Alfis Erkrankung aus dem Haus ausziehen und hatte überall draußen Liegeplätze bekommen). Dann aber stand der Leiterwagen so ungünstig und niemand von uns hatte einen Blick dafür. Der Regen fiel durch das Dach auf den Wagen. Die Nässe ließ die Decke und den Karton und den Wagen verfaulen. Ich konnte erst im Frühjahr 2021 die liegengebliebenen Dinge erkennen und da war es passiert: Das Fahrgestell ist noch in Ordnung, aber der Aufbau zerbrach mir. Ich war schockiert und ich kann es nicht so hinnehmen, nicht wenn ich Alfons in dem Wagen sitzen und spielen sehe. Also habe ich mich umgehört und im Internet recherchiert und nun einen Wagenbauer gefunden. Vielleicht kann er den Wagen reparieren. Ich hoffe es. Heute kam Nachricht von ihm….

aufgeschrieben am 16.5.21

Gartenblumen

Alfons brachte immer Blumen aus dem Garten ins Haus. Er schenkte sie mir. Er schnitt große gelbe Blumen aus dem Staudenbeet, Sonnenhut und Phlox. Er pflückte Löwenzahn, Gewitterblumen, Gänseblümchen und Vergissmeinnicht… Ich habe es ihm heute gleich getan. Die Wiese ist so grün und saftig wie lange nicht und ich lasse sie wachsen und erfreue mich an den Bienen. Das Sträußchen auf dem Foto habe ich in einen von Alfons getöpferten Becher getan. Er war sehr unzufrieden darüber, als er ihn damals hergestellt hat, dabei sind die Augen den Wesens ganz lebendig, schüchtern wirkt es. Ich habe damals Alfons bestärkt und beruhigt. Heute habe ich den Becher samt der Blumen zu ihm gebracht. Zu den Rosen und den Vergissmeinnicht und den Margeriten, die ich gestern schon für Alfons gepflanzt habe….

Ich fuhr übers Eiland und sagte zu Alfons: Siehst du den blauen Himmel, den gelbe Raps, die grünen Bäume… So schön… Und ich weine und ich weiß nicht, was Alfons sehen kann. Könnte ich ihn nur umarmen und retten…

 

Jetzt erst merke ich, dass ich 10 Tage nichts in den Blog geschrieben habe. Am 9.5. zum Muttertag nicht und am 12.5. nicht. An dem Tag, als wir mit Alfi im Elternhaus des CTK ein Papageienkuchen buken, um seinen 9. Geburtstag nachzufeiern. Und nächstes Wochenende, zu Pfingsten, wurden wir 2018 vorübergehend entlassen oder beurlaubt. Es war so heiß schon im Mai. Heute dachte ich, wäre es damals nicht so heiß gewesen, eher wie die Temperaturen heute sind, dann hätte ich vielleicht anders nachdenken und reagieren können. Warum konnte ich dieses Unglück nicht verhindern? Warum konnte ich Alfons gebären und dann nicht beschützen? Ich liebe dich, mein Kind. Unendlich.

aufgeschrieben am 6.5.21

Die grüne Pflanzschaufel

Darüber wollte ich schreiben, kurz, und dann sah ich das Foto von dir, das vom 4.5.2018. Sehe dein dichtes, feines, schwarzes Haar und ich spüre es und fahre da hindurch. Es steht in alle Himmelsrichtungen ab vom Kopf. Du geltest es einmal im CTK, ganz verschmitzt. Schnell bist du noch jugendlich geworden durch die Krankheit. Du wolltest es im Herbst 2017 lang wachsen lassen und hieltest es gegen alle Anfeindungen von Frau Jerga und Frau Hinze durch, dann kamen die Läuse und ich mit den Läusemitteln und dann die Angst, ich habe deinem Knochenmarkt damit zugesetzt über die Kopfhaut. Ich habe die ausfallenden Haare aus der Mütze abgesammelt, sah deine empfindliche Kopfhaut, deine Tränen, binde dir Bänder und stecke dir Spangen in die Haare, damit die langen Haare nicht in dein Gesicht fallen, wenn du über deine Knetfiguren gebeugt bist. Sie sind so weich und samtig. Carls waren robust und dunkelblond. Deine Augen blau, Carls braun. Aber eure Haaren sind dicht und viel, wie die meinen und die meiner Oma, der Mutter meines Vater, die ich beide nicht kannte. Deine Haare wuchsen am Hinterkopf in die Nackenspalte hinein und Konstanze konnte sie dort schlecht schneiden, also blieb ein Schwänzchen stehen, als du klein warst. Du mochtest es nicht, wenn Konstanze mit dieser seltsamen Schere die Haare ausdünnte, du wolltest nicht die Haare kurz geschoren haben, als sie ausfielen. Jedes einzelne Haar fiel auf das Kopfkissen, auf das wir ein Tuch gelegt hatten, was ich mehrmals am Tag ausschüttelte. Wie konnten wir das erleben, aushalten, Alfons? Und warum konnte es am Ende, nach all den Entbehrungen, nicht gut werden? Du schautest mich wütend an: Mama, du hast gesagt, es fallen nicht bei allen Menschen die Haare aus, die eine Chemo bekommen. Es tat mir so leid. Dabei fielen sie am Ende gar nicht alle aus. Ein Kranz blieb stehen, deine Augenbrauen und Wimpern blieben dir. Aber es hat nichts genützt. Alfons, was nützt das, wenn du dein Leben verloren  hast? Ich hätte dich nicht in dem Zimmer auf der 25i zurücklassen dürfen, nicht so allein und dann fuhren wir am nächsten Tag ohne dich heim und sie ließen dich im Kühlraum, bis dich die Bestatter holten und niemand sagte uns, dass wir dich hätten noch zu Hause haben können. Mit dir nach Hause fahren, dich nach Hause nehmen, hier Abschied nehmen. Aber ich war wie tot. Warum hat uns niemand geholfen? Verzeih mir, mein geliebter Mausepiep, mein Alfons, mein Alfi, dass ich dich zurück ließ. 

Weißt du, ich habe letzte Woche den Sandkasten von Carl und dir sauber gemacht. Schon das vierte oder fünfte Mal. Und obwohl ich immer jätete und grub, um alle Wurzeln herauszubekommen, fand ich erst diesmal eine Pflanzschaufel wieder. Ich habe davon eine identische – vielleicht hatte ich sie gekauft, als die andere weg war, die, die ich jetzt wiederfand. Mir war es nicht aufgefallen und du hattest damit bestimmt eine Burg gebaut oder im Sommer 2017 die Wasseranlage zusammen mit Papa. Und dann blieb sie und Sand deckte sie zu. Und nun fand ich sie und es war, als wärst du da und sie war eben erst verschwunden oder du sagtest: Mama, ich spiele nicht mehr im Sand, Ich bin 12. Irgendwie warst du da und gabst mir diese Schaufel zurück. Ich nutze sie jetzt wieder… Ich bin krank und weine und fühle mich gebrochen und schlapp und so erschöpft. Ich versuche drei Jahre nach deiner Erkrankung irgendwie inne zu halten. Was ist passiert in diesen Jahren? Jahre ohne dich. 

Ich liebe dich, unendlich….

aufgeschrieben am 4.5.21

4.5.2018

Heut vor drei Jahren – 21:00 am 4.5.18 – lagst du, Alfons, auf der Liege in der Notaufnahme des CTK in Cottbus. Du warst mit dem Krankenwagen aus Weißwasser gekommen, Papa fuhr hinterher. Carl kam von seinen Freunden aus Cottbus angelaufen, ich von der Arbeit in Jamlitz. Alex hatte mich am Nachmittag im Krankenhaus in Weißwasser abgelöst. Dort waren wir beide gegen Mittag angekommen, nachdem Frau Dr. Schartel erst optimistisch auf deine Größe und dein Gewicht geschaut hatte, dich dann untersuchte und Blut abnehmen ließ. Wir sollten am Montag wiederkommen, es war Freitag. Aber draußen im Auto hattest du, wie schon am Abend zuvor, einen Kreislaufzusammenbruch mit Erbrechen. Du weintest. Ich trug dich mit einer Schwester in die Praxis zurück. Als du auf der Pritsche lagst, sah mich Frau Schartel ernst an und sagte: Entweder ich rufe einen Krankenwagen oder sie fahren mit Alfons ins Krankenhaus. Wir fuhren zu zweit. Wir holten zuvor Sachen zu Hause, für dich, für mich, ein Buch, Waschzeug. Du saßt unten in der Küche am Tisch, während ich oben packte, das Notwendigste. Als ich runter kam, schautest du mich ernst an und sagtest: Mama, ich komme nie wieder hierher zurück. Sag sowas nicht, bat ich voller Angst. Diese Angst war plötzlich da und ist bis heute nicht aus mir gewichen. Ich verbreitete Optimismus. Ich sah nichts von dem heranziehenden Unglück. Warum sah ich es nicht`? Weißt du, du hast mich erschrocken und ich konnte das nicht zulassen, was du sagst. Warum habe ich dich nicht gedrückt? Ich habe später so oft gesagt, wir schaffen das, aber das haben wir nicht. Alfons, verzeih mir bitte, ich bin doch deine Mama und hätte dich beschützen müssen, aber das war zu übermächtig. Ich seh dich hier sitzen, alles ist so geblieben wie es war. Vielleicht weißt du das, weil du mich siehst? Um diese Zeit – 21:30 am 4.5.18 – konnte eine junge Ärztin in der Notaufnahme sagen, dass alle deine drei Blutbestandteile nicht mehr ihre Arbeit machten und es lebensbedrohlich sei. Wir saßen um dich herum, du auf der Pritsche, Carl stand an der Tür, Alex und ich dir gegenüber auf Arztstühlen. Wir waren müde und verstanden nicht im Ansatz, was sie uns sagte. Später lag ich neben deinem Bett auf einem Klappbett und weinte und weinte und weinte die ganze Nacht. Am Tag las ich dir aus Christoph Heins „Das Wildpferd unterm Kachelofen“ vor. Du mochtest es, wie schon Carl und ich mochte es und jetzt steht es am Fenster und wird nicht mehr gelesen. Alles ist wie immer und alles hat sich verändert. Dass du nicht mehr bist, dass du in meinem Kopf bist, dass ist das Schlimmste, was mir passieren konnte, Was dir passieren konnte. Du wolltest leben. Heute hatte ich deine Fimo-Knete in der Hand, die, die wir beide in der Charité bestellt hatten, weil du Dr. Hundsdörfer zum Dank etwas kneten wolltest. Alles ist noch verpackt. Es wartet auf dich. Aber du kommst nicht mehr zurück. So, wie du es gesagt hast.

aufgeschrieben am 30.4.21

Hexenfeuer 2018

Das Bild ist aus 2015. Es qualmte die ganze Zeit. Irgendwann brachte ich Alfons ins Bett. Er schlief, trotz des Lärms, gleich ein. 

2018 schien die Sonne. Wir gingen schon zeitig zur Wiese hinunter. Sie lag, nur getrennt durch das Kiefernwäldchen, direkt vor unserem Haus. Irgendwann waren alle Straßen voller Autos und unser Hof war gefüllt mit Rädern unserer Freund*innen.

Alfons und ich aßen Pommes, Alfons so gut wie keine. Er überlegte sehr lange, ob er zur Hüpfburg gehen konnte. Ich schrieb es seiner Schüchternheit zu, dass er erst spät ging. Und dann stand der am Rand, auf der Hüpfburg. Ich begriff nichts. Ich holte ihn und wir kauften Süßes. Kaugummi. Der lag noch nach seinem Tod auf dem Fensterbrett im Hof. Dann kamen Freunde. Wir tranken Brause und Bier. Alfons ging mit Alex Büchsenwerfen. Er kam mit diversen Errungenschaften. Ganz blass und schlapp und müde und so glücklich. Immer wieder kam er und holte Alex. Ich war so dankbar dafür und quatschte weiter. Dann kam Jimi. Kurz sahen sie sich. Ein letztes mal. Alfons mit grauer Jogginghose und grauer Jacke. Er saß auf einem Betonklotz eines Absperrzauns. Dann gingen wir hoch. Ich duschte ihn, ihm war kalt und er schließ gleich ein, umgeben von seinen Schätzen. Dabei fing hier das Ende an. Und ich habe das Unglück nicht gesehen, nicht gespürt. Man spürt doch als Mutter alles, warum ich nicht? Warum hab ich ihn nicht retten können? Am nächsten Tag war er ausgeruht und wir fuhren zu Manja und Malte Pizza essen…

Ich lief vorhin durch den Garten hinten hinaus auf den Friedhofsweg zu Alfons. Seinem Rasen geht es schlecht. Ich habe gesät und gedüngt und gegossen und nun ist er an einigen Stellen gelb. Morgen muss ich ihn nachsäen. Von den Nachbarn wehte Lagerfeuergeruch herüber. Wie aus einer fernen Zeit – ich dachte an unsere Lagerfeuer. Wie oft holte ich die Würste aus dem Kühlschrank, Senf dazu, schnitt Gemüse auf, Brot, packte alles in einen Korb und brachte es hinter, wo die Kinder und Alex sich um das Feuer kümmerten. All das ist weg. Erloschen. Nie wieder wird es passieren. So wie es im zweiten Jahr durch Corona kein Hexenfeuer mehr gibt – du verpasst nichts, Alfons! Und es fehlt mir auch nicht, nur du fehlst!

aufgeschrieben am 25.4.21

Alfons

Ich ziehe meine Kniestrümpfe an und denke an Alfons. Wir mochten beide Kniestrümpfe im Winter und Frühjahr und Herbst, weil sie kuschelig waren. Er mochte seine und ich stopfte sie, so lange wie sie es vertrugen. Sie liegen oben in seinem Sockenfach im Schrank. Es sind solche kleinen Dinge, die mir ständig in den Kopf schießen. 

Ich säte Rasen bei Alfons. Jetzt am Wochenende. Richte die Wohnküche etwas her mit zwei neu gekauften Sesseln. Lege behutsam seine kleinen Plüschfreunde auf dem roten Sofa zurecht, neben Jimis Knochen. Dort kann ich nicht sitzen, aber die neu bestellte rote Couch habe ich abbestellt. Sie dauerte und dauerte und dann fand ich es nicht gut, dann nicht zu wissen, wohin mit dem jetzigen Sofa. Herr Schibilsky hat es repariert: Die Kinder sollen nicht mehr Trampolin damit spielen. Nein, das taten sie und tun es nie wieder. Ich sitze nun auf den neu gekauften Sesseln. Andreas hat nach 20 Jahren die Scheuerleisten angenagelt. Ich habe im Garten den Rasen gedüngt. Zum ersten Mal. Auch das Sandkastenhaus ist repariert. Alles steht wie in einem Museum. Alles wartet auf Alfons‘ Rückkehr. Die Beatmungsgeräte im Fernsehen bringen mich zur Verzweiflung. Die Geschichten der Jugendlichen im Bahnhof auch. Ich hätte diese Arbeit mit krankem Alfons und unter Corona nicht mehr machen können.

Ich liebe dich, mein Kind, mein Alfons.

aufgeschrieben am 20.4.21

Vom pausenlosen Hin- und Herdenken zwischen dem was war und dem was nicht mehr ist

Als ich gestern Abend zu Alfons lief, lief ich an einem Stück Apfelbaum vorbei. Von der Größe eines Fußballs, nur kantig, knorrig. Ich habe ihn im letzten Sommer nicht gespalten bekommen. Jetzt steht er im Weg und erinnert mich an den Baum, der bei den Nachbarn stand und in einem Jahr, im Frühjahr oder war es schon Herbst 2016 oder 2017, einfach umfiel. Die Nachbarn saßen mit Besuch unter ihrem Zelt und tranken Kaffee und plötzlich fiel der Baum um und in den gemeinsamen Zaun. Alfons und Alex sprangen sofort von den Stühlen auf, als sie es rumsen hörten. Ich sah einfach paralysiert dem Baum beim Fallen zu. Dann entstand sofort die Dynamik des Aufräumens: wer hat eine Säge, wer kann sägen, was macht man mit dem Baum… So sägte Alex und der Nachbarsbesuch und der Apfelbaum landete auf unserem Holzstapel. Alfons dazwischen, helfen, beobachten, aufgeregt sein… Das übriggebliebene stumme Stück erzählt diese Geschichte.

Alfons ist nun schon so lange tot und doch war er noch unlängst dabei, als der Baum fiel. Als wäre es am letzten Wochenende gewesen. Da starb tatsächlich der Nachbar, wenn ich die vielen Autos und die schwarzen Anzüge der angereisten Männer richtig interpretiere. Ich muss zugeben, ich lief mit dem Schmerz um Alfons zu Alfons und sprach zu ihm, dass nun der Nachbar auch gegangen ist und möglicherweise Alfons begegnen wird. Aber mein Kopf macht das nicht lange mit. Es hämmert nur mit brachialer Gewalt in mir, dass mein Kind tot ist. Und meine Atmung hört auf und nur ganz wenig Luft dringt in mich, Und ich sehe Alfons‘ Tränen im Koma, seine Wunden am Fuß, seine erschlafften Muskeln, seine Dürrheit, die ausgefallenen Haare und der zurückgebliebene Haarkranz, den Frau Dr. Wendt veranlasste zu sagen: Wie ein Mönch. Diese Bilder sind in allen Farben und in aller Schärfe in mir. Ja, neben allen guten Erinnerungen. Aber ich bin keine Maschine, die nur ein anderes Programm wählen muss, um die Bilder zu verändern.

Und die Sonne scheint immer gleich trotz des Grauens und das kann ich nicht fassen.

aufgeschrieben am 13.4.21

Eine versteckte Erinnerung

Immer wieder kommt es dazu, dass ich auf Dinge von Alfons stoße, von denen ich nichts ahnte. Als wären sie im Haus verteilt und nach und nach entdecke, finde ich sie. Da sind die versteckten halben Cotrim-Tabletten oder die Tafel mit seiner Schrift, die erst von der Tür herunterfallen musste, damit ich seine Zeichen auf der anderen Seite finden konnte.

Kurz vor seinem Geburtstag habe ich überall oben im Haus Spinnweben beseitigt und die Zimmer gewischt. Das mache ich regelmäßig, aber unterschiedlich gründlich. Als ich die Heizung in der Diele, davor steht Alfons‘ Schreibtisch und sie ist nicht einsehbar, abkehrte, fiel ein von Alfons gehäkeltes Armband auf die Erde. Es lag vielleicht irgendwann einmal auf dem Schreibtisch und war schon zu Alfons‘ Zeiten hinten herunter gefallen. Ein ähnliches, eher in grünen und blauen Farben, schenkte er mir einmal. Ich trug das Armband damals kurz und seid seinem Tod immer. Und nun kommt noch das blau-rote hinzu. Ich betrachtete es genauer. In ihm ist ein regenbogenfarbener Faden verhäkelt. Es war sicher nicht für mich bestimmt, vielleicht für eine Freundin? Aber nun trage ich es und es hat einen Platz und eine Erinnerung mehr ist geboren. In einer Zeit, wo wir denken, es passiert nichts Neues mit Alfons.  

Ich will mir Zeit nehmen zum Schreiben über Alfons und doch weiche ich ab, wie am letzten Sonntag, da fand ich keine Zeit und hole es heute nach. Aber noch sind so viele Geschichten offen und ich will sie erzählen und mir dabei Zeit für Alfons nehmen.

aufgeschrieben am 5.4.21

3.4.2021

Alfons‘ Geburtstag ist auf immer mit dem Internationalen Tag „Finde einen Regenbogen“ verbunden. Erst im Jahr nach seinem Tod fand das Schwester Maren heraus. Alfons und wir wussten davon nichts. Dennoch hat Alfons unzählige gemalte, geknetete, erzählte, fotografierte… Regenbögen hinterlassen. Er liebte sie, das sieht man deutlich. Und so habe ich von der Kerze über die Kekse über eine T-Shirt für Alfons bis hin zum Sonnenschirm alles für ihn in den Regenbogenfarben herausgesucht und vorbereitet. Wie immer. Am Abend zuvor. Dann kamen die Gäste, darunter zwei seiner Freunde. Seine 12 Kerzen zündeten wir nicht an. Die Kindercola war doch normale Cola. Der Abholwunsch von Tante Helga und Onkel Manfred erreichte mich nicht und ich holte sie erst spät. Anne schrieb ein berührendes Gedicht auf, in Regenbogenfarben und Susan sandte uns einen Brief an Alfons und vor mir eröffneten sich Welten, die ich nicht zu halten vermochte. Sind meine Mutti und Alfons vereint? Sie beide kannten sich aus dem Leben nicht. Nur ich verband und verbinde sie. Aber nun sind sie nicht mehr da. 

Am Tag darauf, am 4.4., brachten Andreas und ich einen Stein zurück, den wir mit Alfons ausgegraben hatten, um ihn zu vermessen. Alfons knickte damals einen Ast um, als Markierung, um den Ort wiederzufinden. Wir fanden die Stelle und vergruben den Stein. Ich war taub. Leer. Mein Körper schmerzte und mein Kopf schaltete sich ab. Später schlief ich nachmittags. Träumte wirr, ärgerte mich im Traum über die einsetzende Schlafparalyse, die ich befürchtet hatte. Mein Gehirn dachte und träumte und erwachte, aber der Körper schlief und fühlte sich wie ein Gefängnis an. Und es gelang mir nicht, daraus zu erwachen und ich zwang mich zum Weiterschlafen und im dann folgenden Traum hatte ich die Hemdchen von Alfons und Carl in der Hand. Ich legte sie zusammen. Wie immer. Und plötzlich war ich wach und verstand nicht, dass das alles nur ein Traum war, nicht wahr war. Ich erinnerte mich an Alfons und das er tot ist. Und ich weinte und weinte und fand stundenlang keine Ruhe. Konnte nicht aufstehen, lag da und weinte und klagte das Warum? 

Es fällt mir schwer zu leben, einfach jeden Tag zu absolvieren. Ich suche keinen Sinn, keine Bestimmung, keine Aufgabe. Alfons wäre mit 12 ein Fastjugendlicher, einer in der Vorpubertät. Großgewachsen mit seinen blauen Augen und schwarzen Haaren. MIt seinem unvergesslichen Lachen. Ich vermisse ihn so sehr. Bestimmt hab ich ihm zu wenig gesagt, dass ich ihn liebe. Er hat so oft danach gefragt, ob ich ihn wirklich lieb habe….

 

Am Abend des 3.4.21 las ich in einer kleinen Runde seine Geschichte vom Regenbogensteinbock Springinsfeld vor.

Alfons‘ wird 12

Als Alfons lebte, habe ich ihm heute Abend, zweidrei Abende vor seinem Geburtstag, sobald er im Bett war, sein Fotoalbum über das zurückliegende Lebensjahr gebastelt. Mit echten Fotos, ausgeschnitten, aufgeklebt, verziert, bemalt, gestaltet. Davon gibt es neun Stück. Carl besitzt 17, wobei, als er älter wurde, da gab es dann auch Bilderrahmen. Zwei davon sind bei ihm im WG-Zimmer. Das 10. und das 18. Exemplar war für Alfons und Carl identisch, weil es das Jahr war, was abgebrochen war, kaputt, in Scherben ging es und Alfons war weg. Da habe ich beiden, Alfons und Carl, eine Fotocollage gebastelt. Die selbe. 

Heute bastel ich für Alfons kein Fotoalbum mehr. Dabei gibt es viele Fotos, aber auf keinem ist er mehr drauf. Ich habe angefangen den Hof zu kehren und die Wiesen vorm Haus mit den Krokussen und Alfons‘ Schneeglöckchen. Morgen geht es weiter mit dem Laub im Garten. Ich habe vorgestern Blumen bei Alfons gepflanzt und heute die Fenster der Kinderzimmer geputzt. Ich habe einen Regenbogensonnenschirm gekauft und aufgestellt, in einem schweren Blumenbottich gleich beim Strandkorb auf der Veranda am Haus. Morgen stecke ich ein Rosenherz und am Abend werde ich die Regenbogenkerzen – 12 Stück – aufstellen. Dazu Luftballons mit Helium aufpusten, Herzluftballons und einen Regenbogenluftballon. Ich habe das immer so gemacht. Am Vorabend. Beim Saubermachen des Küchenschranks fand ich die Girlanden von damals, Luftschlangen, noch ein paar Luftballons. Ich hatte einmal 100 Stück gekauft, sie gibt es immer noch, vielleicht fünfsechs Stück, sie haben Alfons überdauert. Ich habe immer den Tisch feierlich geschmückt und gedeckt. Jetzt ist er jeden Tag feierlich, mit Kerzen und Blumen. Dabei gibt es wahrlich nichts zu feiern. Und eine junge Frau aus Berlin, die ich im Rahmen meiner Arbeit begleite und die begnadet backen kann, schickte mir selbstgebackene Regenbogenschmetterlingskekse und ebensolche Herzen. Mehr kann ich nicht mehr tun für Alfons. Dann warte ich am Sonnabend auf seine Freunde. Vielleicht kommen Malte und Jakob. Ich höre Alfons zu Malte sagen, im Sommer 2018 kurz vor Berlin: Du bist wirklich ein richtig guter Freund für mich.Ich kann es nicht glauben, dass er tot ist. Ich möchte das alles nicht mehr denken müssen. Möchte die Nachbarin stehen lassen, die sagt, ich solle jetzt mal einen „Schnitt machen“. Möchte der Nachbarin, die Alfons‘ Grab angezeigt hat, sagen, dass doch schon alles schlimm genug ist. Möchte den Freund*innen sagen, dass das Schweigen wie Vergessen ist, obwohl sie Alfons nicht vergessen, aber sie schweigen trotzdem. Ich muss das immer wieder auch Alfons erklären, in mir drin erkläre ich ihm, was rundherum passiert und so oft muss ich ihm sagen, dass ich keine Antwort mehr habe.

aufgeschrieben am 29.3.21

Alfons würde die Tage bis zu seinem Geburtstag zählen

Er wäre auch furchtbar aufgeregt, wer zu Besuch kommt. Unglaublich neugierig, was er wohl geschenkt bekommt. Betrübt darüber, dass die Tage nicht schnell genug vergehen. 

Eine Freundin schrieb, dass das nicht ich bin, die das Bild des auf Carls Schoß lungernden Alfons‘ projiziert, sondern Carl selbst es ist, der es erzeugt. Weil sie im Kontakt sind. Nein, das ist kein Trost. Und es kostet mich viel Kraft, es zu glauben und dem zu vertrauen. Zu sehr fehlt Alfons hier. Nun, wo alles still ist, fühle ich das Kinderschreien vom Besuch in der Nachbarschaft, wie Folter. Ich sitze und kann nichts tun. Mühsam gehe ich in den Garten. Zu Alfons. Einkaufen. Kehre um. Trinke abends ein Glas Wein, um schlafen zu können. Diese Leben ist wie Stillstand. Es war schön von Markus zu hören, von Manja, von Momo zu lesen, Anne sehe ich bald, Josepha hat geschrieben. Ich bin einsam aber nicht allein. Und die Einsamkeit ist die Antwort auf das Wegsein von Alfons. Anders ist es auch nicht vorstellbar.

aufgeschrieben am 28.3.21

Heut ist Carl 20 geworden

Wir haben zu dritt Kaffee getrunken, bei Carl. Alex, Carl und ich. Sich um die Lebenden kümmern, sagen die Therapeuten dazu. Alfons schaute von einem Bild zu uns: Papa ganz unten auf der Matratze in der Stube, liegend, dann, ebenfalls liegend, Carl und obenauf, Hoppe Reiter, Alfons, alle übereinander. Vielleicht war Alfons da 2. Lockige Haare, frech wie Oskar, lachend. Alle lachten und hatten Spaß. Wie kann sowas vorbei sein?

Carl war gelöst und wir haben über seine Musik, die Pläne mit Leipzig, die Situation im Kollektiv… gesprochen. Bevor Alex kam, riefen wir Susan und Andrea an. Sie hatten auch geschrieben und etwas an Carl geschickt. Wir haben viel gelacht. Per Video. Stolz habe ich von seinen künstlerischen Vorhaben erzählt und welche überwältigenden Rückmeldungen (für mich, aber auch für Carl) er von Andreas, Momo und Kai bekommen hat. Die Angst um Carl ist seit dem etwas aus mir gewichen. 

Auf dem Rückweg dachte ich, Alfons hätte knuffend und innig auf dem Schoß von Carl gesessen. Ihn umarmt, gratuliert, was wohl geschenkt?

Nächsten Sonnabend hat Alfons Geburtstag. Er wird schon 12.

aufgeschrieben am 21.3.21

Ein Regenbogen von Anne fotografiert. Lieben Dank dafür.

Wieder Zeichen

Anne schickt mir einen Regenbogen, aufgenommen heute in Cottbus. Am 3.4. ist der internationale „Finde einen Regenbogen“-Tag. Es ist Alfons‘ Geburtstag. Wer wird ihm gratulieren kommen? Ich schenke ihm ein T-Shirt mit einem Regenbogen drauf; auch habe ich einen Sonnenregenbogenschirm gekauft und ein Helium-Regenbogen-Luftballon und Regenbogenkerzen für seinen Tisch…

Bei Kerzen erinnere ich mich daran, dass ich heute Wachsflecken aus der Tischdecke gebügelt habe. Das Bügeleisen benutzte ich zum letzten Mal im Sommer 2018. Alfons hatte mit den Plastikperlen einen Fußballpokal gesteckt und ich bügelte darüber, damit er haltbar wurde. Die Perlen schmelzen an und verkleben miteinander. Viele viele dieser gesteckten Dinge habe ich von Alfons, meistens lustige und bunte Untersetzer. Ich weiß noch, dass wir nicht mehr viel Farbauswahl hatten und ich Alfons sagte, dass wir bald neue Perlen kaufen müssten… Heute steht der Pokal bei ihm im Garten, neben Eriks Fußballspieler, die er Alfons gesteckert und geschenkt hatte, im Krankenhaus und einen nach seinem Tod.

Als ich das Bügeleisen nahm, fiel eine kleine runde Aluscheibe herunter. Woher kam sie plötzlich? Ein von Alfons gebastelter Taler. 

Erinnerungen an meine Mutti

Meine Mutti ist am 19.3.21 70 Jahre alt geworden. Alfons und Carl haben sie nicht kennengelernt und sie selbst kannte nicht ihre Enkelkinder. Sie ist 1994 gestorben, 27 Jahre ist sie schon nicht mehr bei uns und doch denke ich häufig an sie und frage sie, ob sie jetzt mit Alfons zusammen ist. 

 

Das ist sie mit mir. Das Foto sieht ein wenig so aus, als wäre ich es mit Alfons.

aufgeschrieben am 14.3.21

Ein Zeichen

Am Freitag habe ich im Laufe des Tages bemerkt, dass die kleine Kastanie fehlt. Ich habe mehrere von ihnen gesammelt, mit Alfons im Rollstuhl in der Mittelallee des Charité-Campus‘ in Berlin-Wedding oder Reinickendorf… Er sagt: Mama, nimm die Kleinen. Wir hatten eine ganze Nierenschale voll, die wir mittrugen, falls Alfons Brechen musste…. Eine dieser kleinen Kastanien trage ich seit seinem Tod in meiner Jackentasche. Als Tröster, zur Erinnerung. Am Freitag war sie weg. Das hat ausgereicht, um mich in schiere Panik zu versetzen. Wem will man sowas erzählen? Ich versuchte mich zu erinnern, wann ich sie das letzte Mal in meiner Hand spürte. Ich dachte daran, wie es Carl ging, der Alfons grünes Herz verlor. Die Dinge verkehren sich vollständig. Wenn du mit deinem Kind bist, dann kannst du viele Jahre Kastanien sammeln. Das haben wir auch gemacht. Aber wo nun Alfons nicht mehr ist, bedeuten mir die Dinge so viel. Die er in der Hand gehalten hat oder malte oder berührte oder bastelte oder besprach oder sich wünschte und nicht bekam. Ich sehe mich wie die Hüterin dieser Dinge, innerlich zernagt vom Schmerz und nicht in der Lage normal zu leben. Ich bin so unsicher in meinen Gefühlen Menschen gegenüber. Nein, das stimmt nicht, ich fühle sie wie immer, aber wie ich ihnen begegnen soll, dass weiß ich nicht mehr….

Als ich am Freitag spätabends von der Arbeit zu Hause ankam und das Auto vor dem Haus parkte und im Schein der Hoflampe ausstieg, fand ich die kleine Kastanie. Ganz nass. Ich habe sie getrocknet und ins Auto gelegt zu den anderen Dingen von Alfons. Ich war so erleichtert. Ist das nicht Irrsinn? Anne würde sagen, es ist ein Zeichen. Ich kann nur mit ihr stundenlang über diese Zeichen sprechen. Wir sprechen über unsere Kinder, als würden sie leben. Ohne unsere toten Kinder würden wir uns nicht kennen. 

aufgeschrieben am 7.3.21

Aufräumen und Alfons Spuren

Tief im Staub hinterm Fernseher fand ich beim Aufräumen einen Zettel. Darauf meine Überlegungen zum Faschingswunsch von Alfons im Winter 2017. Alfons wollte der Soldat aus dem Märchen „Das Feuerzeug“ sein. Und es war nicht einfach, die Sachen dafür zu beschaffen. Am Ende nähte uns der Kostümverleih in Bagenz eine wunderschöne Jacke. Und Alfons war ein so stolzer Soldat! Nun fand ich also den Zettel, auf dem ich aufgeschrieben hatte, was wer zu besorgen hatte. Ich hüte ihn. Diese Spur von Alfons. Als hätte ich den Zettel gerade erst geschrieben. Als säße Alfons nehmen mir und drängelte mit seinen konkreten Vorstellungen und Wünschen…

Am Wochenende beim Aufräumen, stieß ich  noch auf eine Spur….

In der Wohnküche, im hinteren Teil, steht neben dem roten Sofa ein Tisch mit Alfons‘ Spielsachen. So lange die Kinder klein waren, waren ihre Sachen immer nah bei uns, nah in der Küche, dort wo wir uns meistens aufhielten. Erst Ende 2017 räumten wir viele von Alfons‘ Spielsachen hoch in die Diele. Einiges blieb aber unten… Neben dem Tisch steht ein kleines Schränkchen. Darin wiederum stehen bis heute die Spiele, die wir dauernd spielten. In dem Schrank befindet sich eine kleine Schublade und darin sind alle kleinen Spiele, solche kleinen Geduldsspiele, in denen man kleine Murmeln in vorgegebenen Löchern unterbekommen musste. In diese Schublade tat ich ein anderes Spiel, was mir beim Aufräumen in die Hände gefallen war: ich zog den Schub auf und sah sofort eine halbe Cotrim! Alfons hat sie dort versteckt, weil er das Tablettennehmen hasste. Er hatte ein Hälfte dieser Tabletten sogar unter der Microwelle versteckt, die ich auch erst nach seinem Tod und beim Aufräumen fand…

Ich dachte, Alfons ist da. Die Tablette liegt dort seit zwei Jahren und 10 Monaten. Dabei sieht sie aus, als hätte Alfons sie gerade erst versteckt. Was ist mit der Zeit passiert? Wo ist mein Kind? Ich spüre ihn im Haus…

12 Jahre wird Alfons am 3.4.21. Ich habe Regenbogenkerzen gekauft. 12 Stück. Wie groß ist er jetzt? Ich denke darüber schon ein paar Tage nach. Auch darüber, ob ich seine Freunde einlade oder sie einfach kommen werden? Ich habe beim Lebensfreudefest zu Alfons‘ 2. Todestag keine guten Erfahrungen mit dem Einladen gemacht. Ich habe eingeladen und mich immer gefreut und dann gab es Absagen, spontanes Nichtkommen, Fragen und dann Schweigen, Versprechen und dann passiert im Leben immer Wichtigeres. Ich weiß nicht, was ich machen werde. Ich weiß nur, dass ich das nicht mehr aushalten kann.

Ich füttere den gesamten Winter hindurch die Vögel. Seit Donner und Alex nicht mehr im Haus wohnen, sitzen sie auf dem Gartenzaun und kacken ihn voll. Ich habe Kernbeißer gesehen und Amseln und Eichelhäher, Blaumeisen und die Haubenmeise…

aufgeschrieben am 28.2.21

28.2. Tag der seltenen Erkrankungen

Ich las von einem Jungen, 11, der im CTK behandelt wird, weil seine roten Blutkörperchen nicht wachsen. Mit Bluttransfusionen alle sechs bis acht Wochen. Er lebt. Warum ging das nicht bei Alfons? Er bat darum und sagte, dass er nicht die Transplantation will, weil sein Körper das nicht will. Warum habe ich nicht auf ihn gehört? Warum haben wir ihm diese Tortur zugemutet? Warum waren wir so feige? Warum haben wir uns nicht mehr Rat geholt? Warum waren wir so kaputt und müde in diesem heißen Sommer? Warum haben wir „lebensbedrohlich“ gesagt und es nicht begriffen, was es bedeutet? Was habe ich meinem Kind angetan? Warum haben wir den Ärzten vertraut? Wie soll ich mit dieser Schuld, mit dieser Verantwortung weiterleben? Wer fragt danach? 

Alfons wird bald 12, am 3.4. und in einem Monat wird Carl 20. Wie schön hätten es die beiden, aber der Kleine ist tot und Carl so traurig und in sich. Und ich bin ihm keine Hilfe. Mit dem Verzweifeln, mit dem Weinen, mit der Sehnsucht nach Alfons. Warum hatten wir nicht ein klein wenig Glück? Warum solch übermächtiges Leid? Und dazu das Schweigen der Freunde. Kein Wort von der Schule, der Klasse. Nur die Stadtverwaltung droht mit der „Beräumung“, wenn das Grab nicht der Würde des gesamten Friedhofes entspricht. Ich bin so ohnmächtig. Ich möchte nicht mehr warten, dass mich jemand versteht, jemand nach Alfons fragt. Keine leeren Ich-komme-bald-vorbei-Inaussichtstellungen, keine Melde-dich-ruhig-Ermunterungen. Hätte ich Unterstützung gehabt in meinen Zweifeln damals, hätten wir uns anders entschieden, würde Alfons noch leben? Warum muss ich das tragen, mein Kind verlieren, aus der Bahn geworfen sein, herumirren? Warum Alfons, der doch leben wollte? Warum?

aufgeschrieben am 21.2.21

Bestimmungsbücher

Ich sah eine Haubenmeise am Fenster. Im BLV Handbuch Tiere und Pflanzen fand ich sie. Und vorn im Buch stand ALFNOS. Hatte ich das je gesehen? Da war er vielleicht 5, als er seinen Namen noch so schrieb. Alle Bestimmungsbücher stehen im Bad; saß man auf der Toilette, konnte man darin blättern. Ich nahm sie in fast jeden Urlaub mit und zeigte den Kindern die Blumen auf der Wiese und kleinste Tiere versuchten wir so kennenzulernen. Das kleine Buch der Vögel und Nester gab ich Carl einmal mit in die Waldorfschule, als wir blaue Vogeleier, leer und geschlüpft, fanden. Er nahm die Eier und das Buch in die Schule mit und nichts davon sahen wir wieder. Ich gab es gern, auch wenn ich es nicht schön fand, dass das Buch so verschwand. 2015 in Weimar sah ich es mit Alfons in einem Buchladen und wir kauften es wieder für uns…

 

Was ist

Am Anfang der Woche. am 15.2., fuhr ich bei -19 Grad zur Arbeit. Am 16.2. waren es früh schon 5 Grad und heute, bei 9 Grad, harkte ich Alfons‘ Garten. Einige Sachen waren zerfroren und ich reparierte sie zu Hause…

 

Ich sehe Alfons im Koma liegen, ganz nah und sehe, als er stirbt, das Tränen aus seinen Augen fließen. Ich kann es nicht verwinden, das mein Kind litt. Auch Teddy litt. Er starb heute vor sechs Jahren. Und nichts kann seine Mama und seinen Papa trösten. Ich denke an sie.

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