Erinnerungen an Alfons – Teil 5 (ab 29.12.21 bis 18.12.22)

aufgeschrieben am 18.12.22

Weihnachtsbasteln

Gestern saß ich am Küchentisch und habe, wie immer vor Weihnachten, gebastelt. Obwohl ich es vier Jahre nicht tat und diesmal allein damit war. Mir fielen alle Basteleien ein, die Carl, Alfons und ich in der Vergangenheit vor Weihnachten für die Familienmitglieder und Freunde und Freundinnen hergestellt hatten: eine Sternschnuppe oder ein Engel aus schwarzem Scherenschnittpapier und ausgefüllt mit Transparentpapier, Weihnachtssterne (die aus Transparentpapier, die aus goldenem und silbrigem Papier mit Scherenschnittmustern verziert), Holzengel und Holzäpfel aus dünnem Sperrholz herausgesägt und mit Acrylfarben bemalt, getöpferte Schnecken von Alfons ganz persönlich, von uns beiden getöpferte Minigirlanden aus Blüten, Blättern und Früchten, Salzteig mit glitzerndem Gold bemalt und als Anhänger für den Weihnachtsbaum verwendbar…

In diesem Jahr habe ich Salz in kleine Einmachgläser Salz gefüllt, Wasser darübergeträufelt und sie auf den Fußboden mit der Fußbodenheizung gestellt. Nach 14 Tagen hatte sich das Salz am Glas entlang Richtung Öffnung bewegt. Die Gläser sahen nach und nach aus wie mit Rauhreif bedeckt. Ich beklebte sie mit Sternen und Herzen aus Birkenrinde. In jedes Glas kommt ein Teelicht und fertig ist ein Windlicht oder besser ein Kerzenständer.

Für Teddy und Alfons habe ich ein Grablicht verziert, ohne Salz. Ich weiß nicht, wie das Salz im Glas in der Kälte des Friedhofs reagiert.

 

Ich sitze still bei der Arbeit und es kostet mich viel Kraft: Immer wieder tauchen Alfons und Carl und der Lärm von damals auf. Das Haus ist hell und warm und es duftet nach Plätzchen, vielleicht klingt auch Streit ab oder Musik läuft und die Zeit ohnehin, so dass das Abendbrot und das „Abendprogramm“ heraneilte (so nannte ich das Duschen, Waschen, vielleicht das Picknick auf der Couch anstelle des Abendessens am Tisch, den Sandmann und Wissen macht Ahh!!! auf KiKa, das Zähneputzen natürlich, Vorlesen im Bett, Kuscheln, Schlaflieder, Einschlafen). Das gibt es alles nicht mehr. Von einem auf den anderen Tag gab es das nicht mehr! Niemand sagte: bereite dich darauf vor, Anett…

Also sitze ich heute in einem noch immer warmen und beseelten Haus voller Kinderlachen, Familienalltag, voller Liebe und Licht, aber im Gegensatz zu damals sitze ich nun in großer Konzentration und Ernsthaftigkeit und mit einer Lebensverfasstheit nah an der Verzweiflung und in Einsamkeit. Das mag sich keiner vorstellen, wie ich mit den Geistern ringe, jede Nacht und jeden Tag. Im Traum begegnet mir mein Kind, oft so real. Wir kuscheln, berühren uns, lachen uns zu. Zuletzt balgten sich Carl und Alfons. Es sind nicht mehr die Alpträume der ersten Jahre nach Alfons‘ Tod. Aber egal wie die Träume gemacht sind, sie sind so trügerisch, weil ich nach ihnen erwache und mein Kind suche, weil ich schreiend und weinend aus meiner Verzweiflung zu mir komme, weil ich jeden Morgen das schlimmste Unglück neu begreifen muss. Das verändert mich.

Malte und Alfons

Jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit hole ich Maltes getöpferten Kerzenständer hervor. Er hat ihn Alfons getöpfert und geschenkt, kurz bevor wir zusammen mit Malte zum Töpfern gingen. Da waren sie vielleicht sieben oder acht? Wären sie heute noch befreundet? Sind sie Freunde auf Lebenszeit und was ist, wenn einer stirbt, so wie Alfons gestorben ist? Alfons sagte in den letzten Tagen vor Berlin zu Malte: Du bist wirklich ein richtig guter Freund für mich.

aufgeschrieben am 11.12.22

Meinen Status bei WhatsApp nutze ich nur dienstlich. Wir haben viele Wochen u.a. darüber um Kleiderspenden für die Bahnhofsbewohner*innen gebeten. Heute ist aber der Tag des weltweiten Kerzenleuchtens für verstorbene Kinder und Babys im Bauch der Mama. Das habe ich im Status nun geschrieben. 19 Uhr kann man eine Kerze ins Fenster stellen. Wenn das alle jeweils 19 Uhr zu ihrer Zeit tun, dann geht ein Lichterband um die Welt. So die Theorie.

Ich bin leer. Die Tage vor Weihnachten, mit dem Treiben, Kaufen, Naschen, Heimlichtun, dem Backen und dem Basteln und dem gemütlichen Sitzen bei Kerzen und Kekse, sind mir nicht fremd, aber entrückt. Ich erinnere mich, aber damit kommt der Schmerz. Ich höre die Musik im Ohr, die wir dann immer hörten und weiß dann, ich kann keine Musik hören seit Alfons‘ Tod.

Ich versuche mein Schicksal zu tragen. So viele tragen ein ähnliches oder anderes. Es wird nicht darüber gesprochen. Trotz Elend und Krieg und unendlichen Veränderungen tun alle so, als würde das größte Problem die Work-Life-Ballance, das Bio-Essen und die Stromrechnung sein. Dabei fahre ich jeden Tag an unsinnig erhellten Vorgärten vorbei und verstehe nichts mehr.

 

PS: Die Betten in Kinderkliniken besonders auf Kinderintensivstationen waren schon vor 4 Jahren, als Alfons in der Charité lag, nur teilweise belegbar. Schon damals fehlten Pfleger und Ärzte und um einer Überforderung vorzubeugen, wurden Betten gesperrt und nicht belegt. So lange wie mit Krankenhäusern und Wohnungen Profit erwirtschaftet werden darf, wird an allem gespart (so dass dann da niemand mehr arbeiten will oder man sich eine Wohnung nicht mehr leisten kann), nur an den Boni nicht.

 

Es wäre natürlich besser, wir könnten die Umstände ändern. Die ausbeuterischen. Aber auch die mentalen: wir entzünden nicht einmal im Jahr ein Licht für verstorbene Kinder, sondern wir schauen nicht mehr weg, wenn ein Kind stirbt.

aufgeschrieben am 30.11.22

Fußball-WMs

2014, WM in Brasilien, da wurde die deutsche Mannschaft Weltmeister, da standen Alfons und Carl, echte Fans, im Hof bei uns.

2018, WM in Russland, da schied die deutsche Mannschaft beizeiten aus, da ging Carl schon zu Partys und Alfons lag im CTK im Bett und sah das entscheidende Spiel zusammen mit den Schwestern spätabends. Am nächsten Tag war er übermüdet und verlor kein Wort mehr darüber. Er fieberte am Anfang mit. Viele schenkten und schickten ihm damals die Panini-Aufkleber. In seinem Heft gibt es kaum Lücken. So oft habe ich die Geschichte schon erzählt: die Aufkleber, die er schon in seinem Buch hatte, und die dann in jedem Päckchen erneut zu finden waren, stapelten wir nach Land und Mannschaft. Alfons sortierte sie und ich hielt jedes kleine Paket mit einem Gummiring zusammen. Wir brauchten dafür Stunden und ich verlor nach und nach die Geduld. Den Berg an Aufklebern bekam  Malte. Malte schrieb vor kurzem seiner Mutti, dass er sie wieder so gern sammeln möchte, „das erinnert mich total an Alfons“ und weiter „wo er gerade im Krankenhaus war, die er da immer gesammelt hat“. Ja, er hat sie überall gesammelt und überall aufgeklebt. Das Buch ist abgegriffen und ich bewahre es auf, warum und für wen auch immer. Zu Hause hat er auch einen verteufelt echt aussehenden Pokal gebastelt. Vollkommen allein, mit bisschen Unterstützung von mir und Papa. Eine leere Plastikwasserflasche, Alufolie, die Menschen auf dem Pokal aus Knete, darüber Folie, Alex hat den goldenen Lack besorgt – fertig. Malte wollte auch einen, aber den schaffte Alfons nicht mehr. Die Reste vom Lack sind noch da, im Schuppen. Der Lack auf dem Pokal platzte leicht ab, als ich ihn für das Foto säubern wollte. Letztens sprachen Carl und ich darüber, über das Sammeln, und er meinte, er hat schon 6 Päckchen aus dem REWE-Markt. Hier bei Alfons, bei seinem Foto, liegt auch ein Päckchen. Ich bekam es bei einem Einkauf.

2022, WM in Katar, ohne Verständnis schaue ich mir an, dass da seit Jahren in die heiße Wüste Stadien gebaut werden, die jetzt alle auf 20 Grad abgekühlt werden müssen. Ungezählt viele Menschen kamen bei dem Bau ums Leben. Die Spieler wurden angegriffen in den Medien, weil sie nicht die Regenbogenbinde am Arm tragen, aber unsere Regierung schließt Gas-Verträge ab. Obwohl wir von der Kultur wissen und das sie zum Teil menschenverachtend ist. Vor einem halben Jahr wurde Russland auf Grund des Krieges so eingestuft und der Kauf von Öl und Gas gemindert und nun kaufen wir halt woanders Öl und Gas. Da spielen dann unserer „Werte“ keine Rolle? Es ist nicht mehr zu verstehen, was politisch passiert, was gesagt und getan wird. Die Erde wird immer heißer, die Medien hetzen gegen die verzweifelte, junge Generation die leben will und auf das Klimaelend aufmerksam macht und dann sagen Leute in der Regierung, man solle die wegsperren – Weil sie auf etwas aufmerksam machen, was alle erkannt haben und dem die Regierung etwas entgegensetzen wollte und es nicht tut? Der Überbringer der Botschaft wird geköpft. Habe ich die Grünen nicht deshalb gewählt, damit sie etwas tun, was zum Erhalt der Tiere, Pflanzen, der Menschen, der Erde beiträgt? Und jetzt sitzen sie in Katar in gekühlten Stadien, mit Armbinde, nach unterschriebenem Gas-Vertrag und machen was? Das ist irre, was passiert. Und ich hoffe nur, es ist nicht irrer als all die Jahre davor.

Als Senegal heute gewonnen hat und damit im Achtelfinale steht, habe ich Silli geschrieben und mich mit ihm gefreut. Würde so ein kleines Fußballland die WM gewinnen, würden wir dann zu Demut und Innehalten zurückkehren?

Als ich vorhin in der stillen Küche stand und Salat zum Abendbrot machte, musste ich mich umschauen und ich sah vor meinem inneren Auge Alfons in der leeren Küchentüröffnung stehen. Er kam von oben nach unten, fragte, was es zum Abendbrot gibt, naschte ein Gurkenstück aus dem Salat und wir sprachen über die WM. Aber er wäre erst dreizehneinhalb. Das sind Momente, da fallen die Tränen einfach wie große Regentropfen aus meinen Augen. In den Salat, auf die Holzarbeitsfläche, auf meinen Pullover. Im Märchen wäre Wunderbares daraus emporgewachsen, bis in den Himmel und ich hätte hinauf zu Alfons steigen können, um ihn zu drücken.

aufgeschrieben am 20.11.22

Ein Sonntag für die Toten. Über Bonhoeffer und Schmerzen im Körper.

Mein Mutti starb schon (vor 28 Jahren) und mein Opa drei Monate nach Carls Geburt 2001 und Oma 2014 und andere auch und Alfons 2018 , aber nie nahm ich den Totensonntag wahr. Auch nicht nach Alfons‘ Tod. Ich kann mich an Vieles nicht mehr erinnern, was 2018 und 2019 geschah oder 2020. Vielleicht noch am ehesten an 2021 und dieses Jahr, 2020. Ich bin unsicher. Es ist, als gäbe es diese Jahre nicht, weil ich Alfons hier sehe und das Haus laut ist. Wir basteln und backen Plätzchen um diese Jahreszeit. Carl hört oben Musik. Vielleicht mit Hans. Dass das schon 4 Jahre nicht mehr ist, weiß ich, aber was anstatt dessen passierte, was mein Leben ausmachte, weiß ich nicht im Detail, nur grob. Die Erinnerungen an Carl, Alfons, die Familie und die damit verbundenen Dinge und Gegebenheiten sehe ich vor meinem inneren Auge, in detailreichen, farbigen Bildern, ohne Anstrengung kommen sie am Tag, in der Nacht. Dagegen sind die Bilder der letzten Jahre nur mit Mühe abrufbar; ich brauche Anstöße und Hinweise zum Rekonstruieren der Zeit. Weil Zeit auch ihre Bedeutung verloren hat?

In diesem Jahr steckte ich feierlich in der Küche Rosen und Getrocknetes in eine Kanne mit Steckmasse und hängte sie bei Alfons auf. Zwei Tage später glänzte auf dem Gesteck ein Guss aus grobem Zucker. Es friert. Heute schien es, als fehlten die roten Kugelblumen, aber ich vermute, sie sind einfach erfroren und schwarz geworden. Wie vergänglich Lebendiges ist. Ich fütterte die Vögel und sah später, niedergelegte Rosen bei Alfons .

Ich denke nun am Abend an den Text von Dietrich Bonhoeffer, Von guten Mächten. Er schrieb ihn aus dem Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamts in Berlin, Prinz-Albrecht-Straße, am 19. Dezember 1944. Anfang April 1945, einen Monat vor der Befreiung vom Faschismus, wurde er im KZ Flossenbürg hingerichtet. Wenn man den Text liest, weiß man, dass er Hoffnung hatte und zugleich bereit war, den Kelch, „den bittern des Leids“, anzunehmen. Dankend.

Das ist schwer vorstellbar für mich. Ich bin weit entfernt vom Annehmen des Leids, das Alfons widerfahren ist. Lichtjahre entfernt bin ich vom Dankbarsein. Bin ich bitter? Traurig? Entsetzt? Jeden Morgen wache ich auf und muss noch immer erst realisieren, dass es Alfons so nicht mehr gibt. Früher schlug diese Feststellung mit unvorstellbarer Wucht auf mich ein und ließ mich sofort zusammensinken und erbärmlich jammern, winseln und weinen. Mittlerweile hat mein Körper irgendetwas gemacht, damit der Schmerz am frühen Morgen nur noch stumpf auf mich niederfährt. Auf eigenartige Weise übernimmt der Körper diese seelischen Schmerzen und verwandelt sie. Am Anfang waren es die Schulter, mein Oberkörper, die Oberarme – alles wie verprügelt. Als ich das endlich wahrnahm und mich dem zuwandte, verschwanden die Schmerzen und tauchten in den Fußsohlen auf. Sie schmerzen beim Stehen und Laufen, als liefe ich über Scherben. Ich klage darüber nicht, es ist irgendwie eine logische Konsequenz und ich fühle mich nicht im Stande, daran etwas zu ändern, weiß ich doch, dass ich die Ursache nicht tilgen kann. Manchmal denke ich, ich habe Traumapädagogik nur dafür gelernt, um zu verstehen, was passiert, im Kopf, im Gehirn, im Herzen, in der Psyche, um Carl damals am Telefon in allerletzter Sekunde sagen zu können „Geh aus der Notaufnahme. Das ist ein Trigger. Du hast ein Flashback zu Alfis Situation. Du hast kein Herzinfakrt, sondern eine Panikattacke. Versuche ruhiger zu Atmen. Dann hört dein Herz auf zu rasen.“ Später sagte Carl: Gut, dass du das alles gelernt hast, Mama.

Jedes Jahr bei der Gedenkveranstaltung in der Charité wird Von guten Mächten gesungen.

 

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Heute entdeckte ich im WahtsApp-Status einer Mutti, die auch ihren Sohn verloren hat, eine Erinnerung an verstorbene Kinder. Auch an Alfons. Das hat mich tief berührt. Sonst traf ich heute niemanden, der Alfons‘ Namen aussprach. Aber sicher tun es viele, die ich nicht mehr hören kann.

aufgeschrieben am 15.11.22

Charité

Am 12.11. fand das jährliche Gedenken an die in der Charité verstorbenen Kinder statt. Der Tag war sonnig. Ich sah Alfons und mich, ich schob ihn im Rollstuhl, die Mittelallee Richtung Ausgang laufen und da kam uns Manja entgegen. Sie umarmte dich fest. Ich sah uns ein andermal zu dem kleinen Obststand vor der Charité gehen und deinen ersten Apfel kaufen, nach 4 Wochen Nichtessen und Behandlung. Ich schälte ihn und du kautest auf einem Stückchen herum. Wieder ein andermal liefen wir zum Briefkasten, dann einmal eine große Runde um das Virchowklinikum herum oder wir sammelten die kleinen Kastanien, um die du ausdrücklich batest. Du warst auch mit Papa draußen, Ende August, nach einem Monat Isolation, mit Papa zum ersten Mal wieder draußen. An diesem Ort lebten wir knappe drei Monate. Bis zu deinem Tod.

Bei der Gedenkveranstaltung war ich zum ersten Mal richtig anwesend. Es fühlte sich nicht mehr so an, als säße ich dort und trauerte nicht um mein Kind. Anne ergriff meine Hand und ich konnte haltlos um Alfons weinen, so wie sie um Teddy weinte.  Und die vielen anderen Väter, Großeltern, Mütter, Geschwister im Raum, die um ihre Kinder weinten.

aufgeschrieben am 6.11.22

Lieber Alfons,

ich habe dir eine Kiste gebastelt, in Burg auf dem Treffen für die verwaisten Eltern. Eine Eule ist in der Kiste. Du hast mir eine geschenkt, als im Elternhaus am CTK in Cottbus gehäkelte Tiere zum Mitnehmen lagen. Am Tag deines Todes sah eine Mutti, die ebenfalls in der Charité mit ihrer Tochter zur Behandlung war, in einem der Bäume auf der Mittelallee eine Eule im Baumloch sitzen. Sie hatte sie lange nicht mehr gesehen, aber vielleicht kam sie dich an diesem Tag holen? Sehe ich jetzt Eulen, denke ich, dass bin ich und ich beschütze dich, wo auch immer du bist. Der Schmetterling in der Kiste bist du. Er ist das Symbol für das gestorbene Kind in der Mutmacherperlenkette. Als du klein warst, sang ich dir – und als Carl klein war, sang ich es ihm – oft das Kinderlied „Oben ist der Himmel, unten ist die Erde und dadrüber Sonnenschein, wenn ich nicht der Alfons wäre, würde ich ein Schmetterling sein. Flatter, flatter, flatter, flatter, flatter, flatter….“. Carl wollte einmal eine Ente sein, dann ein Igel und manchmal ein Frosch. Oder habe ich euch die Tiere zugedacht? Außen an die Kiste möchte ich, sobald sie getrocknet sind, Blätter von deinem Ginkgo-Baum ankleben. Ich presse sie in einem Buch, was ich nicht lesen kann. Da schreibt eine Frau über den Verlust ihrer beiden Kinder und des Mannes durch einen Autounfall. Wie kann ein Mensch das ertragen?

In Burg habe ich eine Kerze für dich angezündet, wie alle anderen fast 30 Muttis und Vatis und Tanten und Großeltern es auch für ihre Kinder taten. Wir fuhren wie immer Kahn. Wir aßen und redeten. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber ich musste bei jedem Satz der mir gegenübersitzenden Mutti weinen. Sie erzählte von der Krankengeschichte und vom Sterben ihres Jungen und ich weinte und weinte und sah dich und hatte alle Bilder vor allem aus der Zeit im Koma vor mir. Ich konnte mich nicht mehr beruhigen. Niemandem fiel das auf. Ich konnte auch nicht Stopp sagen  (ich habe Carl und dich immer wieder ermutigt, mutig zu sein und Stopp zu sagen, wenn Dinge einen überwältigen). Ich konnte es nicht. Irgendwann lief ich einfach weg. Im Auto fuhr und weinte ich, zu Hause im Bett weinte ich und als ich erwachte, kamen mir wieder die Tränen. Im Moment weine ich wieder jeden Tag und kann mein Schicksal nicht tragen und sitze bei dir und will dich einfach zurück. Jetzt ist mein Leben voller Vorwürfe an mich selbst, zu viel falsch gemacht zu haben. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich dir wirklich immer gesagt habe, dass ich dich lieb habe. Das macht mich irre. 

aufgeschrieben am 31.10.22

Herbst

Alfons‘ Schauckel im Garten ist verwaist. Rundherum findet in diesem Moment, an einem zu warmen Oktobersonnabend, das Leben statt: zusammengeharkte Laubberge, gespaltenes Holz, gepflanzte Schlehenbüsche, ein Weißdorn und die Felsenbirne für die Vögel, Hortensien am Eingang des Hauses, eine Apfelschwemme auch an selten tragenden Bäumen, ein Tigerschnegel, durch die Wärme aufgeweckt… Wir schnitzen keinen Kürbis mehr und werden uns am 31.10. auch nicht verkleiden. Stattdessen fand ich, als Lesezeichen in einem Buch zweckentfremdet, Alfons‘ und meine Fahrkarte nach Hamburg vom März 2017. Und eine Karte – auf dem Bild sieht man ein abfotografierte Holzfigur des biblischen Noah mit einer Taube in der Hand – die wir in Lutherstadt Wittenberg im Sommer 2017 gekauf haben. Der Künstler war mit seinen Holzfiguren dort, die alle sehr schön und teuer waren. Alfons wählte als Erinnerung an den Künstler das Foto von Noah in Holz gehauen.

Du fällst mir immer wieder ein. Fällst mir in die Hände. Sehe ich dich vor meinem inneren Auge oder ganz real eben nicht mehr auf der Schauckel sitzen. Aber dort schauckeltest du. Die Lücke bleibt. Die Fotos mit dir schieben mir Tränen sturzflutartig in die Augen. Ich halte das kaum aus, dich zu sehen und will es zugleich. Will nichts anderes. Aber diese Not und Verzweiflung, darüber das du weg bist und wir unsere Stimmen nicht mehr hören können,packt und schüttelt mich.

aufgeschrieben am 18.10.22

17.10.2022 – Alfons vierter Todestag

Da liefen die Jungs laut redend über den Hof, durch die Tür, nach mir rufend, hoch zu Alfons und dort saßen sie und tauschten Karten aus. Auf dem Rückweg stehen sie lange im Flur vor Alfons‘ Fimo-Figuren und staunen aufs Neue, was er zuwege gebracht hat. Später aßen wir Kuchen. Sie sausten wie immer mit den Rädern von Carl und Alfons herum. Am Ende besuchten wir Alfons. Manche quatschten und lasen die Namen auf der Bank, suchten den eigenen. Einer zündete die Kerzen an, andere liefen und holten Wasser zum Gießen. Jemand fragte mich, wer neu auf dem Friedhof liegt und ich erzählte von der Grundschullehrerin, der Omi, die nun neben Alfons liegt. Sie kommen „selbstverständlich“ und aus „Tradition“. Es war ein unwirklicher Sommertag. Als Alfons starb, war es ähnlich warm. Der große Ole, der immer ungefähr Alfons‘ Größe hatte, überragt mich um einzwei Zentimeter. Als er mich umarmte. So stelle ich mir Alfons jetzt vor. Schwarzes, feines, dichtes Haar mit einem verwegenen Lachen. Wahrscheinlich wäre er viel unterwegs bei so vielen Freunden.

Ich danke den Muttis und den Schwestern fürs Kommen.

Alles andere ist hundertfach gesagt – der dumpfe KörperKopfBrustHerzSeeleMuskelAugenSchmerz will nicht weichen. Es geht doch nicht um die Hoffnung, wieder ins Kino zu können, Eisessen zu wollen, zum Konzert fahren zu sollen – damit es ein normales Leben wird mit mir. Wir haben nicht viel Erfahrung mit diesem Dasein zwischen Leben und Tod, aber es gibt so viele Menschen, die hier wohnen, die bei sich verweilen müssen, mit den Kräften haushalten, den Schatten und die Ruhe suchen, eine warme Hand, ein tröstendes Wort. Weil, letztendlich, geht es nicht nur einzig um diesen Schmerz, sondern darum, was der Tod wirklich an Leben verhindert hat. Das Leben von Alfons zum Beispiel.

PS: Das Basecap ist abgelegt auf Alfons‘ Hut, als gehörte es Alfons. Oder als käme der, der es da ließ, gern zurück.

aufgeschrieben am 3.10.22

Eisessen

Alfons und ich aßen das letzte Mal zusammen in Petras Eiscafé ein Schleckeis, ein oder zwei Tage vor der Fahrt nach Berlin an die Charité. Es war furchtbar heiß. Auf dem Weg nach Krauschwitz machten Alfons und Papa noch einen Abstecher zu einem Geocaching-Punkt zwischen Krauschwitz und Bad Muskau. Er fand einen blauen Glasstein, der immer noch in seinem Portemonnaie verwahrt ist. An Stelle des Steines gab ich Alfons, der dort etwas hinterlassen wollte, ein weißes Spitzentaschentuch mit. Tante Elke hatte einen ganzen Beutel dieser Taschentücher ausrangiert, der noch im Auto lag und ich zog daraus ein Taschentuch hervor, auf das wir eine Sonne mit Lachgesicht malten. Dann holten wir uns ein Eis. Alfons Mango und Zitrone und Vanille. An unseren letzten Eisbecher kann ich mich nicht erinnern. An einen letzten, den Alfons aß, schon. Das war im April 2018. Alfons war zu Hause und krank, manchmal mehr und manchmal weniger. An diesem Tag besuchten wir, wie schon so oft, die Ananas-Ausstellung. Ich laß ihm, im Bauerngarten der Parkgärtnerei neben der Ausstellung, alle Beschriftungen der gefundenen, alten Gartengeräte vor, die dort ausgestellt waren. Danach aß er diesen riesigen Becher..

Ich konnte vier Jahre kein Eis und kein Eisbecher mehr essen. Ich stellte es mir vor und es war nicht das, was ich brauchte. Dann im Sommer diesen Jahres habe ich, als es glühend heiß war, an einer Tankstelle in Peitz ein Magnum gekauft und mich damit im Auto auf dem Weg nach Hause erfrischt. Später im August aß ich meinen ersten Eisbecher mit unseren Bahnhofsbewohnern im JAMBO in Lieberose. Ich sah Alfons sein Spagettieis vertilgen. An selber Stelle, vielleicht war das 2016. Ich denke heute, wenn ich Eis esse, an Alfons und weiß, dass er Sehnsucht danach hat.

 
 

Ostsee

Wir waren als Familie in Prerow, viele Male, in Lohme als Alfons kein halbes Jahr alt war und an einem Strand, damals mit Carl, von dem ich den Ort vergaß. Heute fahren Andreas und ich immer wieder nach Wreechen. Ganz in der Nähe liegt Groß Stresow, wo ich selbst als Kind viele Sommer verbrachte. Jetzt zucke ich zusammen, wenn ich Kinder nach ihren Vätern und Müttern rufen höre: Mamaaaa, Papaaaa… Manchmal bin ich nah genug, um zu hören, welche Fragen sie ihnen nach der Welt stellen und welche Geschichten sie ihnen unbedingt berichten wollen. Mir sacken immer noch die Beine weg. Meine Arme nehme ich wie Stümpfe war, die tun, halten, binden, umarmen wollen und nicht mehr gebraucht werden. Das Meer hat seine Schönheit verloren. Früher war es einfach ein Genuss vor ihm zu stehen, jetzt betrachte ich es aus einem Kokon heraus, der mich davor schützt, das alles zu nah an mich heranzulassen.

Wärme

Die Fußbodenheizung im Bad ist nun warm, jetzt, wo es draußen in der Nacht langsam kälter wird. Ich spüre die Wärme mit meinen Füßen, die in Strümpfen stecken und sehe dabei Alfons im Schlafanzug auf dem Fußboden liegen und mit der Wärme des Bodens kuscheln. Es war früh und er sollte sich anziehen und für die Schule fertig machen. Ich schimpfte. Zog ihn fix an. Er war kaputt. Am frühen Morgen. Wir haben das gesehen und ich habe auch darauf geachtet, dass er immer wieder Ruhephasen hat, aber verstanden habe ich nichts. Er ist nicht mehr da und dennoch sehe ich mein Kind dort liegen und ich sehe jede Hautbesonderheit, seine Hände, Haare, alles, wenn ich ihn anzog.

Walnüsse

Auf dem Foto sieht man die ersten Nüsse von unserem Baum, den wir gepflanzt haben, als Opi Veit seinen Garten in der Schillerstraße 1 verkleinerte. In diesem Mietshaus lebten wir von 2000 bis 2004. Auch danach besuchten wir noch ab und an Omi und Opi Veit. Nun sind beide schon tot. Vielleicht war Carl 10 und Alfons 2 als wir drei kleine Bäumchen, 30 cm groß, bekamen. In manchem Winter drohten sie zu erfrieren, manchmal waren es aber nur die Blätter, die dem Frost nicht standhielten, und der Baum trieb neu aus. Schon im vergangenen Herbst sah ich drei grüne Früchte am Baum und als ich sie ein paar Tage später ernten wollte bzw. nachsah, ob sie erntereif wären, hatte sich das Eichhörnchen schon darüber hergemacht. So war es auch vor ein paar Tagen. Auf der Bank neben der Lagerfeuerstelle lagen unzählige Schalen und keine Walnüsse! So pflückten wir schnell die Erreichbaren, die Reife und nun trocknen sie im Korb. Unsere ersten Walnüsse. Wir mochten sie alle. Oft knackte ich die Schalen der Nüsse und die Kinder aßen sie. Vielleicht backe ich ein Walnussbrot daraus.

aufgeschrieben am 18.9.22

Leere

Heute vor 4 Jahren ging es Alfons sichtlich schlechter als die Tage zuvor, als er sich etwas von der Transplantation erholt hatte. Er litt unter einer schmerzhaften Blasenentzündung. Er nahm viele Schmerzmittel und viele andere Mittel, die die Transplantation zur Folge hatte. Die Nächte waren unruhig. Die Geräte piepten. Wir gingen jeden Tag raus. Es wurde frischer nach dem heißen Sommer. Alfons schwieg. Wir lasen ihm vor. Bastelten einmal am Tag. Etwas Normalität in all dem Irrsinn der Station, der Klinik, der Erkrankung.

Heute suchte ich Fotos für Momo heraus, die zusammen mit Asia an dem Kinderbuch „Steinbock Springinsfeld“ arbeiten. Den Eingangstext über Alfons konnte ich nur entwerfen, jetzt bearbeiten ihn Asia und Andreas. Ich weine, wenn ich meine Worte über mein Kind lese. Ich weine, wenn ich durch Weißwasser fahre und die Orte betrachte, an denen wir waren. Ich weine, wenn ich seinen leeren Platz sehe und sein lachendes Gesicht vom Foto mir gegenüber.

Ich möchte, wenn ich draußen den Regen höre, liegen bleiben und zu Humus werden. Möchte nicht darüber nachdenken, ob es Sinnvolles gibt. Habe keine Kraft, mich zusammenzureißen. Denke über Kathrins Worte nach, die „mit Alfons noch nie etwas anfangen konnte“. Vermisse Alfons. Stelle mir vor, wie es wäre mit ihm. Lese Glückssprüche im WhatsApp-Status von Menschen, die ich kenne und denke, dass sie keine Ahnung vom Leben haben. Sowas wie „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Ich habe daran früher auch geglaubt, aber heute kenne ich Menschen, die weder Schmied werden konnten, noch den Zugang zu Feuer haben und es ignoriert die Welt, in die wir geboren werden, was wir uns nicht aussuchen können. Ich denke, wenn das stimmt, dann haben Alfons und ich uns keine Mühe im Leben gegeben. Schon vor Alfons‘ Krankheit und Tod habe ich das Wort Glück nicht gemocht und den Anspruch in mir nicht gekannt, glücklich zu sein. Ich war oft froh, wenn der Tag friedlich war. Vielleicht sind andere froh, wenn sie inmitten ihres Leids zu Essen haben oder ein Bett zum Schlafen. Nur, in unserer Welt können wir uns das nicht vorstellen. Verließen wir diese Blase, würden wir sehen, was Menschen ausmacht und was sie zu tragen in der Lage sind. Das Leben hier ist nicht der Maßstab, nicht mal mein Leid.

aufgeschrieben am 28.8.22

Hopfen

Bei Alfons steht der erste Hopfen und Goldrute und Sonnenhut in der Vase. Heute roch es das erste Mal im Haus nach Herbst.

Es regnet…

…in der Nacht schon, den Tag über, stark, nieselig, langsam, heftig… So ein Genuss! Alfons und ich würden kniffeln oder Halma spielen oder Mensch-ärgere-dich-nicht. Wir würden Carl anrufen und fragen, ob er Lust hat, mit Yuriy zu kommt. Wir würden dann zu dritt warmen Apfelkuchen mit Schlagsahne essen. Und glücklich sein.

Dinge, die Alfons und ich erlebt haben

Seit einiger zeit stehen auf meiner langen Liste der Erinnerungen an Alfons noch viele Geschehnisse, die mich besonders mit Alfons verbinden oder die Alfons und ich und Carl erlebt haben. Die er sicher so oder anders auch mit seinem Papa erfahren hat, aber dennoch fühle ich mich bei diesen Geschichten stark mit Alfons verbunden. Es fällt mir schwer, sie hier aufzuschreiben, weil dann alles so wäre, als wäre es nicht geschehen, dass jetzt Alfons tot ist. Gestern sagte Kathrin Najorka zu mir, dass sie es sich nicht vorstellen kann, ein Kind zu verlieren. Und ich habe gesagt, ich auch nicht. Es ist so paradox. Ich habe es ja erlebt. Alfons ist tot und weg und lebt in unseren Erinnerungen und zugleich ist es im Gespräch ein unvorstellbar grausames Gefühl und ich denke, ich erlebe es nicht und will es nicht erleben und es betrifft mich nicht. Aber es betrifft mich. Es erschüttert mich maßlos. Ich finde diese Vorstellung von Alfons‘ Tod ungeheuerlich. Ich sehe mich hier sitzen in den Tagen und Wochen und Monaten und Jahren nach Alfons Tod, wie ich weine und schreie und es nicht fassen kann. Ich sitze den ganzen Tag im Schlafanzug und trinke Kaffee und rauche und weine und schüttel den Kopf vor lauter Ungeheuerlichkeiten. Ich weiß nicht, wie man das überlebt…

Aber vorhin habe ich einen weiteren Apfelkuchen gebacken und der Baum sieht aus, als hätte ich noch keine Äpfel gepflückt. Und ich schälte sie, während der Hefeteig im warmen Ofen aufging und dann war da Alfons, der wie damals ungesehen und fast unbemerkt vorbeikam und sich ein Apfelstückchen nahm und naschte… Wie groß würde er jetzt sein? Würde er mich umarmen wie als Kind, jetzt in der Pubertät? Es sind Sekunden voller heller Erinnerungen und zugleich der Albtraum und die Frage, warum ich hier stehe in aller Stille und mich mit dem Tod meines Kindes beschäftigen muss. Warum muss ich so ein Leben führen?

aufgeschrieben am 27.8.22

Alfons‘ Garten

Nur kurz nach Alfons‘ Tod war ich bei Kathrin Najorka und habe damals Geschirr für Manja geholt, als Dankeschön für ihre Unterstützung von Alfons. Danach traf ich sie auf dem Töpfermarkt in Görlitz und nun endlich habe ich es geschafft, zu ihr zu fahren. Auf der Suche nach einem größeren Pflanzgefäß für Alfons.

Ich suchte die Truhe mit den schadhaften und damit preisgünstigeren Stücken. Es gibt sie nicht mehr. Jetzt stehen Regale da und man kann sich alles gut anschauen. Carl und Alfons freuten sich immer, daheraus etwas für sich aussuchen zu können. Meistens kaufte ich in der Töpferei Geschenke, selten etwas für mich oder zu Hause und wenn, dann aus der Truhe. Die Erinnerungen fluten mich. Wir sprechen eine Weile, Kathrin arbeitet nebenher. Es war so schön, mit den Kindern dort in dieser Welt voller schöner Dinge sein zu können….

aufgeschrieben am 21.8.22

Der Sommer im Garten

Der Carola-Apfelbaum hat schwer zu tragen. Zum ersten Mal in all den Jahren brach ein Ast fast hindurch, aber noch versorgt er die an ihm hängenden Äpfel. Seit drei Wochenenden backe ich (selten koche ich Kompott daraus) große und kleine, runde und quadratische Bleche voller Apfelhefekuchen mit Streusel. Früher nahmen die Kinder am Montag die üppigen Reste vom Sonntag mit in die Schule; jetzt freut sich Carl in Cottbus, die Bewohner*innen des Bahnhofs, heute Tante Helga und Onkel Manfred und Asia und Leo… Der Garten sieht aus wie ein „kleines Paradies“ schrieb Carl zu den Fotos vom Blumenbeet. Ich gieße es alle dreivier Tage, dazwischen müssen die Pflanzen allein klarkommen. Gestern und heute hat es zum Glück – endlich endlich nach fünf oder sechs Wochen – geregnet. Die Vögel singen seit heute wieder; in den letzten Tagen kamen die Amseln auf Handlänge heran und waren dankbar für das Wasser aus dem Gartenschlauch…. Und die Pfirsiche entdeckte ich auf der anderen Straßenseite gegenüber von unserem Haus; da wuchs unscheinbar ein Pfirsichbaum aus einem weggeworfenen Kern, so wie auch im Garten aus den Kernen der alten Bäume junge Pfirsich- und Pflaumenbäume wachsen, während die alten Bäume mittlerweile abgestorben sind und schon im letzten Herbst gefällt werden mussten…. Ja und zu guter Letzt kochen Andreas und ich uns eine Gemüsepfanne aus Puffbohnen, Bohnen, Zucchini, gelben und orangenen Möhren, Zwiebeln und Roten Beeten aus seinem Garten. Heute hätten Alfons udn Carl sie gegessen, als sie klein waren, verrollten sie größtmöglich die Augen und aßen nur auf Bitten von Alex hin, der darauf verwies, dass das gesund sei und Mutti sich Mühe beim Kochen gegeben hat… All das Gesunde hat Alfons nicht geholfen. All das positive Denken und Hoffen auch nicht. All das bewusste Leben, der Wechsel zwischen Freude und Traurigkeit, zwischen Freunden und dem Alleinsein, zwischen der Leichtigkeit und dem Nachdenken über die Welt halfen auch nicht beim Abwenden des Ungeheuerlichen…

So sitze ich an meinem Schreibtisch und sehe in Alfons fragende Augen, in Carls lachendes Gesicht, in die freudigen Gesichter der Beiden auf all den mich umgebenden Fotos und kann nicht fassen, das das leben von Alfons beendet ist und wir uns durch die Tage quälen. Heute las ich in einer Zeitung eine Überschrift: Milas (13) „ich bin dankbar, dass ich leben durfte!“ Er erkrankte mit 11 an Knochenkrebs und wird sterben. Mich macht das stumm und mein Körper schmerzt. Das ist lächerlich. Alfons, Milas und so unendlich viele Kinder sterben an so unendlich vielen Ursachen. Mit mehr Würde und Kraft und Klugheit als wir sie je finden werden in unseren normalen Leben.

Ein Buch entsteht

Asia hatte schon vor einiger Zeit die Idee und nun malt sie Alfons‘ Steinbock-Geschichte als Kinderbuch. Momo arbeitet am Text und setzt das Buch. Ich trage die Bilder zusammen, die Alfons einst zu seiner Geschichte malte und schreibe über sein kurzes und bewegtes Leben. Gestern saßen wir in der Küche am großen Tisch und sprachen zum Buch und den Bildern. Am Abend und heute malte Asia. Am Küchentisch. Genauso wie einst Alfons und Carl dort saßen und klebten, malten, kneteten, Lego zusammenbauten, spielten, sich stritten, zusammen lachten… Ich danke beiden Frauen von Herzen für dieses Tun, was uns mit Alfons verbindet, so dass wir ihn nicht vergessen. Er ist sehr stolz darauf, denke ich.

Gestern dachte ich, eine Buchpremiere wäre schön und vielleicht hat dann Carl Kraft, seine Musik aufzulegen. Ich werde ihn fragen.

Am Rande: Katzenwäsche

Gerade empfehlen Politiker reihenweise kluge Dinge, weil Krieg in Europa ist und Mangel und Not herrschen wird. Strom sparen, Katzenwäsche anstatt Duschen, Essen nicht wegschmeißen, mit dem Rad fahren anstatt mit dem Auto – warum brauchten sie einen Krieg, um so zu leben? Reichen ihnen die sterbenden Bäume nicht? Haben sie keinen Bezug zur eigenen Verschwendungssucht? Wie sind sie groß geworden, in welcher Welt? Nicht in meiner. Ich bin mit Katzenwäsche groß geworden und meine Kinder waren froh über diese Erfindung. Wir haben damit gleich mehrere Klappen geschlagen: Wasser und Geld gespart, schneller auf dem Sofa beim Sandmann gesessen, die Haut geschont, Spaß beim Waschen mit dem Waschlappen gehabt 🙂 Die Entscheidung, genügsam zu leben, kann jeder jederzeit für sich treffen. Carl und Alfons liebten die Katzenwäsche. 

aufgeschrieben am 30.7.22

Andreas und ich waren bei Susan und Andrea. Eingeladen zum Geburtstag. Ihre Gäste spielten Fußball. Alfons wäre mit von der Partie gewesen. Und dann wäre auch Carl mitgekommen, der arbeiten musste. Alfons und Susan mochten sich.

Denkenmüssen

Es regnet seit 7 oder mehr Stunden durchweg. Wie lange habe ich das nicht mehr erlebt? An solchen Tagen blieben wir einfach drin und spielten Mensch-ärgere-dich-nicht oder sahen fern oder aßen Pudding. Heute dagegen bin ich im Regen zu Alfi gelaufen; sein Grab, was ich gestern Abend noch zwei Stunden lang gepflegt hatte, lag mit frisch geschnittenem Rasen still da. Ich habe gestern einen Eukalyptus und ein Kleeblatt gepflanzt… Ich sitze nun bei offener Tür, die kühle Nässe zieht angenehm ins Haus herein, und schreibe. Erinnere mich daran, dass vor vier Jahren von Freitag auf Sonnabend Malte bei uns war. Ein letztes Mal zusammen spielen, oben im Kinderzimmer eine Bude bauen, draußen mit dem Elektroauto Hindernisse überwinden. Malte durfte ohne Protest in der Schaukel im Eingang liegen und Alfons sah Malte beim Autofahren zu und sagte laut: Malte, du bist wirklich mein bester Freund. Oder vielleicht sagte er auch: Malte, du bist wirklich ein richtig guter Freund. Er sagte das nicht wie ein Neuneinhalbjähriger. Er sagte das erwachsen. Mit einer tiefen Gewissheit. Mit stockte der Atem. Am Sonnabend kamen dann Manja und Mike und wir grillten. Wahrscheinlich bekam Alfons auch noch eine craniosakrale Behandlung von Manja. Malte wäre noch die zweite Nacht, wie ursprünglich gedacht, geblieben, aber Alfons war erschöpft. Er sagte das nicht. Aber wir alle sahen es. So blieb der Sonnabendabend und der Sonntag für uns. Spielten wir Siedler von Catan? Ein letztes Mal. Oder Kniffel? Kniffel war angesagt. Die Tage waren zu heiß. Ich war aufgelöst von dieser Angst um mein Kind. Alfons still. Es gab, so glaube ich, gar keinen Streit mehr um Alltagsdinge. Wir warteten auf die Abreise nach Berlin am 31.7.. Das war damals ein Montag. Morgen ist es der Sonntag. Vor der Abreise lagen wir beide auf der Gartenliege. Alberten etwas rum. Dann rief Berlin an, wir könnten losfahren, ein Isolationszimmer auf der Transplantationsstation ist für Alfons vorbereitet. Wir hatten solche Hoffnung. Aber obwohl Alfons leben wollte, wurde es ihm geraubt, genommen oder er verlor es oder es war nur so kurz? Wie soll ich das beschreiben? Was hat Alfons gefühlt? Welche Ängste hatte er? Wie machte er das mit sich aus, als er merkte, es geht zu Ende? Warum überlebe ich als Mutter den Tod meines Kindes und bin nicht einfach mitgestorben?

Ich bin so verzweifelt und so voller Schmerz. Versuche, mit der Stille und Einsamkeit zu leben. Versuche, die Abkehr der Menschen zu verwinden. Gehe meiner Arbeit nach. Arbeite viel. Arbeite mich wund und müde, um nicht zu viel Nachdenken und Fühlen zu müssen. Immer noch warten die letzten aufzuschreibenden Geschichten von Alfons darauf niedergeschrieben zu werden. Es sind die, die wir beide erlebt haben. Die kleinen Momente wie Rohrspatz und Frechdachs und die großen wie die Tierparkbesuche in Cottbus und die innigen wie Hast du mich auch wirklich lieb, Mama? Ach Alfons, ja klar, habe ich dich lieb. Unendlich, ganz doll, immer. Warum fragst du das? Bald habe ich Urlaub und Zeit dafür. Ich brauche vor allem Kraft. Wie jetzt die Tage um die Reise nach Berlin herum. Alfons letzter Ort in seinem Leben. Seine letzte Station. Die letzte Zeit in seinem Leben, ein Kampf um das Leben. Es ist so ungerecht, was ihm das Leben abverlangt und zugemutet hat. So ungerecht, was Carl damit wiederfuhr, der auch um das Leben rang und immer ringen wird.

aufgeschrieben am 19.7.22

Lieber Alfons, heute war es so heißt wie damals im Sommer 2018. Damals war es wochenlang so heiß. Deine immer dünner werdenden Beine ragten aus den kurzen Hosen. Unterm Unterhemd stach der Hickman-Katheter hervor. Ein T-Shirt war schon zu warm. Ich litt unter der Hitze. Du stecktest das alles weg. Du weintest, dass du nicht „sterbseln“ willst und freutest dich im nächsten Atemzug über Besuch und Freunde und kleine Ausflüge. Das alles kostete dich unvorstellbare Kraft, die dir dein Blut nicht mehr gab. Damals klagte niemand über die Hitze, niemand nannte es Dürre, niemand machte sich Sorgen um die Bäume, nur vermeintliche Spinner nannten es Klimawandel – rückblickend ist es jedoch das Jahr, wo der Klimawandel bei den meisten Menschen ins Bewusstsein drang. Dabei gab es davor ebenso heiße und bedrohliche Sommer: 2015, 2003, 1994… Aber nun ist es jedes Jahr so heiß und ich kann den Bäumen jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit beim Sterben zusehen. Die Birken verschwinden. Das Laub der Eichen ist so durchlässig, dass man bis zum Himmel hochschauen kann und der Schatten unter dem Baum lässt viel Sonne durch. Mir schmerzt das Herz. ich hoffe, dass es in 20 Jahre so ist, dass wir alte Bäume erhalten und nicht fällen. Das es eine Selbstverständlichkeit ist, sie nicht zu fällen. Ich weiß, auch ich brauche Holz zum Heizen. Aber wir werden eines Tages Bäume mit Verstand fällen und nicht die Wälder ausrotten. Aber vielleicht bin ich eine Träumerin. Lese ich Rudolf Bahro, dann verstehe ich, dass er 1985 schon alles beschrieb, was zu tun ist und was wir durch unsere Unersättlichkeit zerstören. Den Boden und die Luft zum Leben. Und schon 1974 schrieb Ivan Illich ein Buch „Selbstbegrenzung“, wo er aufzeigte, wie der Menschen sich unfrei macht durch technische Abhängigkeiten. Technologie als eine weitere Form des Kapitalismus. Die Folge Externismus. Wir rotten uns selbst aus. Alles ist gesagt und aufgeschrieben. Aber nichts tut sich und die Bäume sterben. Du musst das nicht mehr sehen und ertragen. Du hast Bäume geliebt. Carl muss mit den Auswirkungen leben, die die Generationen vor ihm, also auch ich, ihm hinterlassen. Die Therapeutin sagt, ich bin verbittert. Ja. Stell dir vor, ich erkenne keinen Witz mehr. Ich tat mich immer mit Ironie, Sarkasmus, Zynismus etc. schwer. Alles nahm ich, wie es ist. Das hast du erlebt. Ich habe deine Schadenfreude bewundert und manchmal ist es heute das, worüber ich lachen kann. Dann denke ich an dich. Wie am Wochenende, als Andreas hier den Carport freiräumte, damit wir ihn wieder aufbauen können. Da schimpfte er und ich sagte zu ihm: Du schimpfst wie ein Rohrspatz. Ich hatte das zuletzt vor 4 Jahren zu dir gesagt. Ich glaube, ich hab nicht selten Frechdachs und Rohrspatz zu dir gesagt. Ich wollte dir niemals weh tun damit. Jetzt beginnen in der Erinnerung die letzten Tage zu Hause. Wir haben die Koffer angefangen zu packen. Ein wenig war es, als würden wir in den Urlaub fahren, aber wir waren so erschüttert und traurig und ich habe versucht, dass es doch normal war, krank und zu Hause zu sein. Wir sind dann ohne dich nach Hause zurückgekommen. Das kann ich mir nicht verzeihen. Ich hätte dich ein letztes Mal mit nach Hause nehmen müssen, aber ich ließ dich im Kühlhaus allein zurück. Mein Herz hüpft vor Schmerz. Und so dankbar war ich am Wochenende, als ich auf den Rohrspatz kam und an dich dachte und sich alles anfühlte, als wärest du da und wenn ich mir sehr klar verdeutliche, dass du es nicht bist, reist es das schwarze Loch in mir weiter auf. Es kann nicht heilen, Alfons. Carl und ich reden darüber, dass wir dich vermissen. Bei unserem letzten Spaziergang hat er mir eine Musik vorgestellt, die er komponierte oder am PC entwickelte, ein Stück in dem es um den Hass auf jemanden ging, der weggegangen ist. Carl sagt, dass er das in Gedanken an dich geschrieben hat. Ich spüre so nah seinen Schmerz und seine Verzweiflung, ihn herauszulassen. Als er klein war, hat er sich so sehr einen kleinen Bruder gewünscht und dich betrachtet wie ein Wunder, als du auf der Welt warst. Ich habe euch zu wenig davon erzählt. Ihr habt gerade begonnen, euch zu finden. Diese Welt ist voll von Ungerechtigkeiten und wer sagt, dass das Leben schön ist, kennt keinen Schmerz. Ich hasse diese Lebensklugkeiten, die sehr dünn sind und darüber hinwegtäuschen sollen, dass es Kriege gibt, Krankeit und Tod, dass Kinder und Bäume sterben, Menschen geschlagen und eingesperrt, Tiere gequält werden. Ich bin ohnmächtig gegenüber diesen Ungeheuerlichkeiten, Alfons. Du hast uns so oft aufgeheitert. Niemand vermag das. Dein Platz ist leer. Deine Strickjacke hängt auf deinem Stuhl. Ich bin hier zu Hause. Heute fiel mir ein, wie du mich manchmal angerufen hast: Mama, wann kommst du? Ich bin da und jetzt bist du fort. Du fehlst furchtbar.

aufgeschrieben am 9.7.22

Tote Bäume

Als ich ein Kind war, vielleicht bin ich gerade erwachsen geworden, ein junges Mädchen, hatte ich diesen Traum: im Frühjahr wurden die Bäume nicht mehr grün. Auf der Welt gab es nur kahle graue Bäume. Der Traum war so ein Schock für mich, dass ich ihn nie vergaß. Irgendwie wurde der Traum zu einer Art Angst davor, dass es einmal so passieren könnte. Wir wissen, was das heisst, wenn Bäume nicht mehr grün werden, kein Regen fällt und fällt er, kann er nicht versickern in der verdorrten Erde. Wir kennen diese Bilder aus Afrika, jetzt ist es hier auch so. Eine kleine Minderheit von Menschen auf der Welt haben diese Welt ausgebeutet. Entfernte Bekannte haben sich, weil sie sehr viel Geld haben, ein zweites Haus für sich gekauft. Politiker feiern üppige Feiern während sie dem Rest erklären, dass gespart werden muss. Gespart habe ich – Strom (Licht brennt noch im Bad, bitte der Vergessliche zurückkommen und es ausmachen.), keine Flugreisen, Lebensmittel weiterverwerten und nicht wegschmeißen – weil ich aus einem Land komme, was nichts hatte und an allem sparte. Aber ja, Fleisch esse ich weiter, obwohl wir wissen, was die Herstellung von Fleisch anrichtet.  Und in Not bin ich nicht mehr und ich lebe in einem Land mit Überfluss. Aber die die in Not sind, die arm sind, verursachen keinen übermäßigen Müll und kein Flugkerosin, keine hohen Heizkosten, keine 100 Schuhe und keinen Zweitwohnsitz auf Mallorca. Egal wo auf der Welt. Reichtum dagegen ermöglicht Langeweile und Unsinn, zumal wenn man ihn vererbt bekommt. Sicherlich: die Welt ist nicht schwarz-weiß und auch nicht so banal, wie ich sie mir vorstelle. Was aber klar ist, sie ist aus den Fugen. Jeden Tag sehe ich einen toten Baum mehr. Die Birken schaffen es nicht. Die Eichen bilden durchscheinendes Laub aus. Erlen sterben ab. Ich habe Bäume in Cottbus, Peitz, im Wald auf dem Land und Straßenbäume auf meinem Weg zur Arbeit gesehen, die starben oder gestorben sind. Wenn die Blätter fehlen, schält sich irgendwann die Rinde von allein ab. Dann fallen Äste runter. Manchmal wird er davor abgesägt. So erscheint die Welt auch immer wieder normal, bis die nächsten Bäume sterben. Tag für Tag. Was haben wir nur gemacht mit unserer Erde? Oder zugelassen? Oder nicht gemacht? Seit einigen Tagen lese ich Rudolf Bahros Die Logik der Rettung. Er hat es 1985 geschrieben. Es ist heute aktuell und: es ist seit dem nichts passiert.

Mit Alfons und Carl erzählten wir uns, wie klein ein Menschenleben ist im Vergleich zu einer 500 Jahre alten Eiche. Das sie lebte und vieles sah, bevor es uns überhaupt gab und niemand wissen konnte, ob unsere Vorfahren es überleben in Hungerszeiten und im Krieg, den es so gut wie immer gab früher. Und auch wenn wir bereits gestorben sind, lebt die Eiche weiter. So erzählten wir es uns, aber wird das noch so sein? Jetzt, wo die Menschen zum Kriegmachen und zu Hass und Hetze zurückgekehrt sind, wird es vielleicht auch keine Menschen mehr geben, die sich mit den Bäumen beschäftigen können.

Sauerkirschen

Im Februar haben Andreas und ich die Bäume verschnitten, auch den Sauerkirschbaum. Er blühte wie in jedem Jahr und trug dann, im Gegensatz zu den letzten Jahren, zu meiner Überraschung Früchte. So habe ich also heute Sauerkirschen eingeweckt. Für einen Kuchen im Winter. Dabei fiel mir ein, dass ich in der Schwangerschaft mit Alfons fast jeden Abend ein Glas Sauerkirschen aß…. Andächtig und still pflückte ich die Früchte, entkernte sie und kochte sie im Backofen ein. Ich sprach fortwährend mit Alfons und Carl in mir drin. Dabei war ich den ganzen Tag stumm. Es ist mir fremd, so stumm zu sein in dem Haus, in dem es lärmte, ein Radio dudelte, ein Techno-Sound herunterdrang, jemand weinte, einer lachte, sich Fragen überschlugen, sich Bitten anhäuften, Pläne gemacht wurden…

Bei Alfons ist nun der Sommer.

Vor vier Jahren habe ich die Tage bis Berlin gezählt. Voller Angst und Sorge. Das ist so geblieben. Diese innere Anspannung und körperliche Verkrampfung, die Verengung in der Brust und die ständigen angstvollen Gedanken im Kopf um Alfons‘ Gesundheit und Erkrankung und die Gegenwart des Todes von damals ist weiter da, als würde noch etwas und noch etwas kommen bzw. alles war auf das Leben und Überleben ausgerichtet und da es nicht eintrat, sondern der Tod kam, blieb in mir der Zustand zurück, der sich mit dem Ausbruch von Alfons‘ Erkrankung in mir breit machte und mich bis heut vollkommen ausfüllt. Dieser Zustand ist eine Schwere, ist die immer anwesende Verzweiflung um das Wieweiter mit Alfons. Seit er gestorben ist, ringe ich mit der Einsamkeit und diesem Zustand und dem Nichtinslebenzurückkommenkönnen. Ich versuche mein Schicksal zu tragen. Dennoch wache ich jeden früh auf und muss feststellen, was Alfons passiert ist und sofort ist alles da – die Schwere, die Einsamkeit, die Stille, die Ungeheuerlichkeit. Die Trauer um Alfons‘ verlorene Jahre.

Nun gibt es verstorbene Babys und Kinder im Bekannten- und Freundeskreis; die Eltern, Frauen, Männer, die Geschwister ringen alle mit diesen beschriebenen Gefühlen und ich sehe ihr Leid und niemand kann es lindern.

aufgeschrieben am 19.6.22

38 Grad

Heute blieben wir im Haus. Es war so heiß wie damals im Sommer 2018. Für mich ist die Hitze unerträglich. Noch unerträglicher ist das Gefühl, was sich einstellt, nicht mehr klar denken zu können und auch 2018 daran verzweifelt gewesen zu sein, dass ich durch die Hitze kaum Kraft für die Ausnahmesituation von Alfons hatte. Ich gab mein Bestes, gab alles. Heute bezweifel ich das. Und die Hitze liegt dabei wieder wie schwere Watte auf meinen Schultern und der Haut und wir können uns nicht im Haus verkriechen, sondern müssen ins CTk später in die Charité oder zum Blutabnehmen oder einkaufen oder oder oder… Wir haben versucht, weiterzuleben. Vielleicht war das zu wenig. Die Zeit vor allem im heißen Berlin war so grauenvoll, aber ich habe mir jedes Jammern verbissen, weil gelitten und Schmerzen und Angst hatte Alfons.  Was hat er durchgemacht! Was hat er gedacht? Was gefühlt? Was gehofft? Was mit sich abgemacht? Diese Gedanken sind die Hölle für mich und sie waren sicher die Hölle für Alfons. Ich saß nur neben ihm und hielt seine Hand und später konnte ich nur seine Füße berühren, weil alles so empfindlich war und er aufhörte zu sprechen vor Qual. Ich konnte es nicht abwenden. Diese Erlebnisse verfolgen mich im Schlaf, wohnen in meinem Kopf und Körper, haben mein Herz zerrissen. Und das Kind ist tot. Seines lebens beraubt. Und mein Leben zerbrochen. 

Meisenkinder

Wenn man genau in den Apfelbaum auf demetwas unscharfen Foto nebenan schaut, in dem Carl und Alfons klettern lernten, sieht man im Grau-grün der Äste und Blätter zwei kleine ebenso grau-grüne Meisenkinder sitzen. Als wir am 28.5. zu meinem Geburtstag zusammen kamen und uns zwischen den Regenhuschen in den Garten setzten, störten wir ein Meisenpaar beim Flugunterricht ihrer zwei Meisenkinder. Sie lernten fliegen, konnten sich aber nur hüpfend von Ast zu Ast bewegen. Einmal ins Gras gefallen, kamen sie nicht mehr allein hoch. Dazu saß einer im Feuerholz und Laubverschnitt, der sich auf der Lagerfeuerstelle türmte. Die Eltern waren aufgeregt, weil wir dort nun saßen und gelangten nicht mehr zum Füttern an ihre Brut. Vorsichtig halfen wir den Meisenkindern aus der Wiese und dem Asthaufen auf den Apfelbaum. Dort riefen sie nach ihren Eltern, mit einer kräftigen Stimme, die sich nicht von denen der Eltern unterschied.

Ich musste während der Rettung an Alfons denken. Carl hielt Yuriy zurück. Wir waren beide erleichtert, als wir sie oben auf dem Ast hatten. Beide Meisenkinder kugelrund. Sie erinnerten mich an die kleine gehäkelte Eule, die Alfons mir im RonaldMcDonald Elternhaus des CTK geschenkt hatte. Sie erinnerten mich auch an ein Gute-Nacht-Geschichten-Buch, welches ich Carl und Alfons oft vorgelesen habe. Da ging es um Igel-, Meisen-, Mause-, Enten- und Hasenkinder, die miteinander befreundet waren. Ich erinnere mich daran, dass ein Mauskind „Mausepiep“ hieß und ich Alfons oft so nannte: mein Mausepiep.

aufgeschrieben am 6.6.22

Dienstag, den 5.6.2018

Alfons bekam den Hickman-Katheter eingesetzt, in die Nähe seines Herzens und verbunden mit Blutgefäßen am Hals. Von da an trug er, ohne je wieder darüber zu sprechen, diesen Katheter mit drei Kanülenausgängen/-eingängen, die auf seiner Brust herauskamen. Diese Wunde blieb immer offen und war abgedeckt. OFt juckte das Pflaster oder verursachte Brennungen. Am Hals die Wunde verheilte. Am Tag nach der Operation war plötzlich am Vormittag ein riesiges Wuhling auf der K1 und Alfons musste sein Bett räumen. Wir warteten noch sehr lange auf einer Liege auf dem Gang auf die vorübergehenden Entlassungspapiere. Somit waren wir am Mittwoch schon wieder zu Hause. Er hatte Schmerzen, wollte aber keine Schmerztabletten. In Folge der Schmerzen verspannten sich seine Schultern. Am Wochenende darauf kam Manja mit ihrer mobilen Behandlungsliege und sie behandelte Alfons cranio sacral. Später sagte sie mal, dass alles wie durcheinander in ihm war. Aber schon bald gehörte „Findus“, so taufte er den Katheter, zu ihm und oft vergaßen wir ihn. Einmal landete ein Fußball von Hans auf der Brust, einmal hatte ich die Stofftasche zu weit um seinen Hals festgeknotet, damit er duschen konnte. Im CTK wurden die Katheter generell gespült, damit sie von den Medikamenten, die oft in Glykose angerührt waren, nicht verklebten. In der Charité machte das kein Mensch mehr. In Folge verklebte ein „Kanülenarm“. Einmal konnte ihn Dr. Hundsdörfer wieder durchlässig machen, das zweite Mal nicht. Weil es Alfons zunehmend schlechter ging, hatte man Sorge, dort könnten sich Keime ablagern. Man entschied sich, den Katheter auszuwechseln. Wieder eine OP. Alfons war wütend, weinte. Ich erklärte es ihm. Aber die OP schob sich. Als er im Koma lag, holten sie den Katheder raus. Er war noch intakt, also ohne Keimbelastung. Dennoch waren bereits viele Virenstämme in ihm aktiv…

Diese ganzen Bilder sind in meinem Kopf, die Daten dazu, Alfons‘ Gesicht, seine Worte, seine Haltung, sein Überlebenskampf. Warum das alles? Ich bin allein in dem stillen gelben Haus in Köbeln. Pflege die Blumen, streiche das Nebengebäude, laufe zum Grab, wasche Wäsche, die ich nicht mehr im Garten aufhängen kann, esse allein, rede mit ihm, stelle mir vor, er wäre mit Carl nach Leipzig gefahren und nur kurz weg. Viele Kinder sterben, früher noch mehr als heute, jetzt im Krieg, im Badessee, beim Autounfall, an Krebs oder sie werden von ihren Eltern oder Pflegeeltern gequält und manche von ihnen kommen zu Tode; manche leben viele Jahren unter schweren und traumatisierenden Bedingungen in geschlossenen Heimen. Das löst kein Aufschrei auf, nirgends. Wir schreien wegen der Spritpreise, wir antworten auf den Krieg mit noch mehr Waffen, wir radikalisieren unsere Sprache.

Nur im Stillen und nicht vernehmbar erheben Erwachsene ihre Stimme für Kinder und Jugendliche. Und weil das alles nicht zum Leben gehört, bleiben die Betroffenen in ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung zurück.

aufgeschrieben am 31.5.22

Reparaturen

Als Susan und Andrea hier waren, haben wir Alfons‘ Möwenunruhe repariert. Mit neuen Hühnerfeder ausgestattet. Heute habe ich die Küchenscheren betrachtet. Bei jeder Bastelarbeit am Küchentisch habe ich sie für Alfons und mich von der Wandhalterung genommen. Die kleinere für Alfons, die größere für mich. Ich berühre sie und sie fühlt sich wie damals an. So vertraute Griffe. 

Heute war ich bei einer Therapeutin. Ich hab nur geweint. Eine Stunde lang. So viel Schmerz mein Leben lang. Ich möchte lieber wieder Alfis Geschichten hier aufschreiben. 

Ein Geburtstagskind

Heute ist Malte, Alfons‘ Freund, 13 Jahre alt geworden. Ich habe ihm gratuliert und auch ein Foto von Alfons und mir und Malte und Alfons geschickt. Er hat nicht darauf reagiert. Vielleicht lässt sich Trauer und Schmerz nicht am Leben erhalten. Vielleicht sterben sie auch und am Ende ist eben wirklich nichts mehr da. Einfach nur noch eine Leere. Ich denke an Malte. An Alfons‘ Freund. Und wünsche ihm alles Gute.

aufgeschrieben am 23.5.22

Alfons‘ Bastelplatz

In Köbeln in der Schulstraße im gelben Haus mit der Nummer 42 steht unter der Dachschräge in der Diele Alfons‘ Schreibtisch. Wir haben ihn erst im Februar 2018 zusammen dahingeräumt. Die Regale rechts und links daneben, eines voll mit Kinderbüchern von Carl und Alfons, und eins voll mit Knete, Malzeug, Lego, Metallautos… hatte ich schon im Dezember 2017 gekauft und von da an zog alles Spielzeug aus der Wohnküche hoch. Was Alfons nicht davon abhielt, z.B. mit der Fimo-Knete, wieder runter an den Küchentisch zu kommen, um dort zu basteln. Unten war es nie einsam und oben manchmal zu laut; Elektromusik schalte aus dem Zimmer des Großen bis nach unten. Manchmal saßen wir aber oben oder lagen auf dem Boden und bauten Lego-Phantasieinseln und -häuser. Riesige Anlagen. Oder Legoautos. Alles selbst ausgedacht. Oder Alfons blätterte in seinen Büchern. Oder er räumte seinen Schreibtisch neu auf, während ich die Betten bezog. Alles ist noch so, wie wir es am Montag, den 31.7.2018 verlassen haben. Ich habe nur die Dinge aus der Charité dazugetan, die Alfons dort geschenkt bekam. Nur Alfons war nicht mit nach Hause gekommen. (Heute am Grab – ich habe Alfons einen Steintopf mit Steinbrech gekauft und der Steintopf hat das Gesicht eines kleinen Jungen, dessen Augen nicht sichtbar sind, da ihm viele Blumen darüber wachsen – sah ich Alfons Augen im Sterben und er weinte. Daran musste ich denken und verzweifelt weinen, als ich ihm den Steintopf brachte.)

 

Neu ist, so kannte es Alfons nicht, das Rollo am Fenster. Ich habe es am Wochenende selbst dort angeschraubt und angenagelt und vorher ausgemessen und mit den richtigen Nummern bestellt! Alles ist aufgegangen. Als ich fertig war, sah ich, dass es schön ist und doch nur vom Besuch gebraucht wird. 20 Jahre lang habe ich, weil kein Geld da war, Bettlaken gegen die Hitze in die Fenster geklemmt. Das ging auch. Mühselig und nicht so schick. Jetzt also gibt es Rollos da oben. Keine Freude stellt sich ein.

 
 

aufgeschrieben am 16.5.22

Blumen

Es beginnt die Zeit, in der der Garten die Blumen für Alfons hergibt. Heute schnitt ich ein Stängel vom Weißdorn ab. Als Alfons klein war, wollte er unbedingt im Herbst die Früchte ernten. Es war schon dunkel damals, nach Arbeit und Kita, und Alfons neben mir auf der Leiter. So pflückten wir ziemlich lange und später stand ich allein und bis in die Nacht und bereitete Chutney daraus. Alfons schlief da schon lange… Und Flieder habe ich geschnitten, von dem Minibusch hinten im Garten. Er kam dort irgendwann auf und dann habe ich ihn ein wenig gestützt und dieses Jahr waren das die beiden ersten und einzigen Blüten. Ich habe gehadert, ob ich sie deshalb abschneiden dürfte. Aber dann fiel mir Alfons‘ beherztes Blumenpflücken im Garten ein: er schnitt, was er bekam und freute sich, wenn ich mich über den Strauß freute (nach dem ersten Schreck).

Also ich habe fest an Alfons gedacht und nun steht der Strauß bei Alfons und mir in der Küche. Es wäre auch so, wenn er noch leben würde. Mein Kind. Du Mausepiep. Wahrscheinlich soll ich das jetzt nicht mehr sagen…

aufgeschrieben am 14.5.22

Ein Durcheinander

Über 14 Tage habe ich nicht bei Alfons im Blog geschrieben. Und an einem Sonntag schon eine Weile nicht mehr. Was verändert sich? Lag es am Notar- und Scheidungstermin? An den Handwerkern, die das Nebengebäude äußerlich fertiggestellt haben? Oder daran, das Caro und ich mit Wolfgang allein im Bahnhof arbeiten und wir an manchen Tagen müde sind? Und dazu die Pflege von Onkel Manfred und Tante Helga, in der letzten Woche täglich, jetzt wieder zweimal in der Woche. Vielleicht ist es zu viel und ich merke es nicht…

Leider konnte ich noch nicht das Handy reparieren und ein paar wichtige Filme und Fotos und Texte von und über Alfons retten, die ich nicht auf google speichern lassen habe. Ich suche weiter nach Unterstützung. Wie für den Holzspalter und zig Kleinigkeiten…

Carl habe ich Fotos vom Garten geschickt. Die Wiese blüht. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass das früher so üppig war oder war es nur kurz so und dann wurde sie abgemäht? Ich habe heute schmale Wege und Schneisen durch den ganze Garten gemäht und rechts und links davon die Blumen stehen lassen. Später habe ich den Sandkasten der Kinder vom Unkraut befreit und bin auf verfaulte USB-Platten gestoßen, die Alex dort als Untergrund installiert hatte. Sie sind giftig. Hat das Alfons krank gemacht? Es ist kaum noch Sand drin. Alex hatte sich zum Betonmischen einmal Sand entnommen und nicht mehr ersetzt. Es gibt ein Bild, da schippen Alfons und Carl im Hänger stehend Sand in Schubkarren, die Alex zum Sandkasten jongliert. Das war vor dem Betonmischen….

Außerdem habe ich einen Zupfkuchen gebacken. Auf dem Foto sieht man im Mehlschub zwei Schaufeln: die kleine aus Holz hat Carl geschnitzt, die größere hat Alfons getöpfert. So stoße ich immer wieder auf beide Jungs…

Und im Edeka in Lieberose, wo es noch russische Speisen zu kaufen gibt, die sonst überall nach dem Krieg von Russland gegen die Ukraine aus den Regalen genommen wurden, fand ich die runden Kringel. Die bekam Alfons einmal von seinem Russischlehrer und er war so begeistert, dass wir sie später in einem rollenden Lädchen vor Elkes Plattenbaublock kauften, in dem auch viele Russlanddeutsche wohnten. Der Block ist abgerissen, aus der Straße eine Wiese geworden, der Block von Tante Elke saniert, das rollende Lädchen kommt nicht mehr, der Russischlehrer blieb nicht lange und Alfons, der manchmal unter der Dusche russische Liedzeilen sang, ist tot. Was ist passiert, dass mein Herz das erfahren muss und nicht verkraften kann? Alfons weiß nichts vom Krieg, nichts von Corona. Nichts vom Verschwinden vieler Tierarten und der Ankunft neuer. Heute beobachtete ich im Garten einen Kleopatra-Falter, der aus dem Mittelmeerraum kommt oder habe ich ihn verwechselt mit dem Aurora-Falter, der bei uns vorkommt? Er war zu weit weg. Mit den Kindern haben wir Schmetterlinge beobachtet und bestimmt wie Blumen und Käfer und Bäume… Jetzt ist das ein ganz stiller Moment. Ich rede mit Alfons in mir drin und draußen gibt es Rasenmäher- und Motorsägenlärm und vorbeibrausende Autos…

Die Welt ist in vielen Dingen wie immer und oft sage ich zu Alfons, du verpasst hier nichts. Dennoch gibt es den schlimmen Krieg, die sprachlosmachende Hetze, Aufrüstung, Waffen und überall Panik und Angst und meine Werte sind über Nacht auf dem Müll gelandet. Für mich bedeutet die Friedenstaube tatsächlich viel. Auch die Befreiung am 8.5., auch das ich russisch gelernt habe und das Nie wieder! Mit meinem Opa fuhr ich im Sommer 2000, Carl war da noch in meinem Bauch und wuchs heran, zusammen mit Alex nach Frankreich an den Ort von Opas Kriegsgefangenschaft. Nichts erinnerte an das Damals. Aber dann trafen wir mit Hilfe dort lebender Deutscher einen Franzosen im Alter meines Opas (73). Es stellt sich heraus, dass die Mutter des Franzosen den Jugendlichen im Lager u.a. meinem Opa Essen zuschob. Unterm Zaun durch. Mein Opa und der Franzose lagen sich weinend in den Armen. Hätte das 1945 jemand gedacht? Viele hielten mich und die Turmvilla für verrückt, als wir 1990 mit unserer deutsch-polnischen Jugendarbeit begannen. Die Polen haben so viel erlitten durch die Deutschen, von knapp 35 Millionen Einwohnern 1938 wurden 6 Millionen getötet. Etwas weniger als ein Viertel der Bevölkerung wurde vernichtet! Heute ist es normal für Bad Muskau und Leknica, dass man sich grüßt und zusammenarbeitet und Familien gründet. Die Erfahrungen müsste die Menschen klug machen, aber sie werden überheblich, gegen sich und andere, egal ob Mensch, Natur und Land. Wieder gibt es Krieg. Neben uns. Wie schon 1995 in Ex-Jugoslawien. Wie an zig anderen Orten dieser Welt. 

Ich habe beschlossen, wieder zu Alfons‘ Geschichten zurückzukehren, von denen unzählige hier im Blog noch nicht erzählt sind. Nur in meinen Notizen darauf warten, aufgeschrieben zu werden.

Und Asia, Momo und ich werden ein zweites Mal Alfons‘ Geschichte vom Regenbogensteinbock Springinsfeld herausgeben. Als Kinderbuch. Das würde Alfons sehr gut gefallen!

aufgeschrieben am 27.4.22

Verzweiflung

Das Handy ist kaputt und damit sind viele meiner Texte weg, die ich für Alfons und Carl schrieb. Ebenso Memos.

Im Bahnhof schwere Arbeit.

Am Freitag der Notartermin zur Trennung.

Bei Alfons habe ich Rasen gesät. Es blühen die Vergissmeinnicht. Ich habe auch sonst Blumen gebracht und  mich zu Alfons gesetzt. In mir drinnen spreche ich mit ihm. Dann höre ich den Nachbarsjungen mit der Simson rumkrossen und ich sehe Alfons auf dem Rücksitz. Sie hätten sich gut verstanden. Rumkrossen: So sagte ich das damals, mit 16, als ich selbst bei einem der Jungs aus unserem Neubauviertel auf der Simson saß. Mit flatterndem Rock. Minirock, Stufenrock, aus Baumwolle, Bettlaken, um genau zu sein, weinrot eingefärbt. Weiße Söckchen in Römersandalen. Kurzes Nicki. Ohne Helm. Meine Schwester und ich saßen je auf einem Moped unserer Kumpels. Wir waren manchmal 6, 7, 8 und fuhren von Eiscafé zu Eiscafé von Badesee zu Badesee. Wir haben nicht viel gebraucht, um uns gut zu fühlen. Für den Moment; neben der anderen Sorgen: ich bin zu dick, zu schüchtern, zu kompliziert… Carl erzähle ich manchmal, wie ich mich mit 22 gefühlt habe – weder Fisch noch Fleisch. Alfons konnte ich davon nicht berichten. Erzählte ich ihm Kindergeschichten von mir? Ich kann mich nicht erinnern. Doch. Ich erzählte ihm von Muttis Elefanten, den sie von ihrem Mann, meinem Papa bekam. Er lag an ihrem Bett. Früher. Wenn ich zu ihr krabbelte, nahm ich ihn. Seine Stoßzähne sind verloren gegangen. Er stand die letzten Jahre immer neben dem Foto meiner Mutter und meines Vaters, den ich kaum kannte, auf dem Fensterbrett in der Wohnküche hier. Dann war er eines Tages weg und mich befiel eine furchtbare Unruhe. Alfons beobachtete sie. Ganz still. Wir suchten zusammen den Elefanten und fanden ihn unter dem Sofa und machten Donner, unseren Hund, als Verursacher für das Verschwinden aus. Ich wurde ruhiger. Dann fiel mein Blick auf Alfons, der still schaute und begriff, was ich tat. Ich erklärte mich. Erklärte den Elefanten. Wie wichtig er mir war, weil es wenig aus der Zeit mit Mama und Papa gab. Was dachte Alfons? War er beruhigt, weil ich beruhigt war? Dachte er, was er hinterlassen würde? Damals war er noch nicht krank, aber es war kurz davor. Alfons ist tot. Der Elefant liegt an meinem Bett.

Vor vier Jahren hustete Alfons stark und ich verstand nichts. Am 28.4.2018 fuhr ich allein zu MOMO ans Staatstheater in Cottbus. Alfons saß in Spielsachen weinend neben mir im Auto: Ich will mit. Aber er hustete so. Ich fuhr allein. Weil ich es Jasmin und Flo und Laura versprochen hatte und weil ich dachte, ich kann mit Alfons noch ein Leben lang ins Theater fahren. Wir sind nie wieder ins Theater gefahren.

aufgeschrieben am 18.4.22

Mein Ostern

Am Karfreitag kochte ich, wie viele Jahre zuvor und mit kleiner Unterbrechung die drei Jahre nach Alfons‘ Tod, Ostereier. Sie waren schon blau. Karin schenkte sie mir. Darauf schrieb ich, dass ich meine Kinder liebe, unendlich. Ich legte sie in ein Nest zu einem Hasen und brachte sie Alfons. Es blüht in seinem Garten über und über. Wir waren allein. Mein Herz im gefrorenen Zustand. Ich versuchte nicht zu viel an das Damals zu denken.

Am Sonnabend wurde ich krank und bin es bis heute. Ich war allein und kurzzeitig dachte ich, ich müsste den Krankenwagen rufen und mein matschiger Kopf wollte ein Testament schreiben. Aber ich konnte weder schreiben noch ordentlich sprechen. Es ist von allem zu viel. Oder zu wenig. Dass von meiner Familie niemand zu Alfons‘ Geburtstag schrieb oder eine Blume brachte, kann ich nicht einfach verwinden. Aber ich muss es, wenn es weitergehen soll. Es geht mir nicht besser, aber ich fahre morgen arbeiten…

 

Heute, inmitten von so wenig Hoffnung und so allgegenwärtiger Trauer, bat mich Malte – ich hatte ihm ein Foto der Eier geschickt und ihm Frohe Ostern gewünscht – Wünsche Alfons schöne Ostergrüße von mir. Mit einem Herzsmiley dazu. Da wusste ich, dass Alfons nicht allein ist.

aufgeschrieben am 6.4.22

Die Hörner des Regenbogensteinbocks Springinsfeld

Wer Alfons‘ Geschichte kennt, weiß um diesen Steinbock. Sie ist auch hier im Blog aufgeschrieben. Zu seinem Geburtstag konnte ich mit einem Rest an Heliumgas einen Herzen-Ballon aufblasen, der die Farben des Regenbogen hat und oben geöffnet war. Als ich ihn am 3.4. früh zu Alfons nahm, knickte er ein. Zu wenig Gas, dazu die Kälte und schon hing er an der Bank. Als später Olga und ich zu Alfons gingen hatten wir beim Betrachten des Ballons zugleich die selbe Eingebung: es sind die Hörner des Regenbogensteinbocks Springinsfeld. Wir hielten uns eng fest. Wir konnten nicht darüber nachdenken, was das bedeutet und warum alles so schlimm ist. Heute habe ich ein Foto von den Hörnern gemacht. Der Regen und die Kälte sind nicht förderlich. Ich kann mich überhaupt an nur zwei Geburtstage von Alfons erinnern, bei dem es nicht kalt war und regnete (2018 und 1015 oder 2016). Ich könnte schreiben und schreiben und verschieben und verwischen, was passiert ist und dass das ganze Geschreibe es nicht besser macht und auch keine wirkliche Linderung verschafft. Vielleicht hoffe ich doch, Alfons könnte ich wissen, wie und das ich an ihn denke. Jeden Tag. Jeder Tag ohne Alfons heisst, denken und träumen von ihm und vermissen und Sehnsucht haben und weinen. 

aufgeschrieben am 4.4.22

Es fühlt sich wie das Ende an, was einfach viele Jahre dauern wird

Heute bin ich vollkommen kaputt. Ich hadere mit diesem Leben, was ich so nicht will und mir nicht wünschte und mir nicht ausgemalt habe. Ich muss all die Krisen und die Tode, den meiner Mutti und den von Alfons, alle Demütigungen , alle Erwartungen an mich und alle nicht eingelösten Versprechen tragen. Ob ich es will oder nicht. 

Caro hat mir gestern diesen schönen Schlüsselanhänger geschenkt. Es waren viele Freunde da. Alfons‘ Freunde können mittlerweile schreiben, sie haben Handy und sind im Stimmbruch. Sie waren demzufolge auch ganz allein bei Alfons. Nicht mehr alle Eltern seiner Freunde kommen, aber die Jungs kümmern sich und fahren dann halt bei anderen Muttis und Vatis mit. Meine Familie hat nicht geschrieben und sie waren auch nicht bei Alfons. Aber ganz früh, als ich von Alfons kam, traf ich seine Oma. Sie hat nach Carl gefragt, wie es ihm geht. Vielleicht besuchen wir sie eines Tages. Und später schrieb meine Schwester. Sie hat Alfons alles Gute gewünscht. Heute kamen noch zwei Postkarten für Alfons. Von Susan und Katharina. Vor vielen Jahren, alles alles noch einigermaßen gut und gesund war, habe ich zu Carl und Alfons gesagt: die Freunde, die wir haben, sind auch unsere Familie. Unsere Familie ist klein, aber mit den Freunden und Freundinnen ganz groß und reich… Ich möchte die sehen, die mich sehen und nicht mehr denen hinterhertrauern, die kein Wort für Alfons finden.

 
 

In Gedanken bin ich bei Lotta und William

Gestern habe ich erfahren, dass die Mutti von Lotta gestorben ist. Jung. Alfons und Lotta gingen schon zusammen auf den Ziegenhof, in die Wurzelklasse, und später zusammen in die Schule. Carl und William, ihr größter Sohn, waren auch gemeinsam in einer Klasse und mal eng befreundet. Die Klassenlehrerin von Alfons‘ Klasse war an dem Tag krank, als sie die Klasse davon informieren musste. Irgendwie nehmen diese Aufgaben für sie nicht ab, aber sie findet keine Antworten auf diese Fragen des Lebens. Und vermutlich ist sie damit allein, weil die Schule sie damit allein lässt. Dreieinhalb Jahre nach Alfons‘ Tod gibt es keinen Strauch oder Baum für Alfons in der Schule, obwohl das als eventuelle Möglichkeit für einen Ort des Trauerns und Erinnerns gedacht worden war….

aufgeschrieben am 3.4.22

Mein lieber Alfons,

heute, am 3.4.2022, schneit es zu deinem 13. Geburtstag. Der Tag ist zugleich der internationale Tag „Finde einen Regenbogen“. Du mochtest Regenbögen, dass habe ich erst nach deinem Tod verstanden und erst danach fand Schwester Maren auch heraus, welche Bedeutung der 3.4. hat. Du hättest dich darüber gefreut… Maren grüßt dich, auch Oma Schmelze. Ich traf sie bei dir auf dem Friedhof, als ich dir Kerzen und Blumen und einen Herz-Regenbogen-Luftballon brachte. Sie hat auch nach Carl gefragt und vielleicht besuchen wir sie. Auch Susan und Andrea haben sich gemeldet. Asia und Mocia waren hier und brachten eine Kerze von Leo mit, die ich heute angezündet habe für dich. Anne schrieb, dass sie mit Torsten bei Johannes eine Kerze für dich anzündet. Carl sagte, dass er vielleicht kommt – er ist weiter so traurig, dass du nicht mehr bist und er vermisst dich; sei ihm nicht gram, wenn er noch Zeit braucht. Josepha und Hannah denken an dich und bald kommt Konstanze und später deine Freunde… So viele sind da und du fehlst. Du, der leben wollte. Ich liebe Dich, unendlich.

aufgeschrieben am 21.3.22

Bald hat Carl und dann hat Alfons Geburtstag. Wie immer gehen ein paar Wochen und Tage davor die Planungen los. Wünsche werden ausgetauscht, Kerzen, Blumen und Geschenke organisiert, welche Kuchen soll es geben und dann werden sie gebacken, wer kommt zum Kaffee, wo wollen wir hingehen… Das ist nicht anders, wenn ein Kind gestorben ist. Es wäre fast alles genauso wie immer, wenn nicht Alfons fehlen würde.

Vielleicht

 

Du bist jetzt 13.

Und vielleicht wärest du am Anfang deiner Pubertät.

So wie Carl damals. Da sagtest du zu uns: Wenn ich so alt bin wie Carl es jetzt ist, ärgere ich euch nicht so…

Du würdest mich anrufen und fragen: Kann ich nach der Schule zu Carl und Yuriy gehen? Ich würde sagen: Klar, ich hole dich nach der Arbeit ab.

Nein, Mama, kann ich über Nacht bleiben?

Carl würde ich im Hintergrund sagen hören: Mama, das geht klar. Mach dir keine Gedanken. Wir holen uns später eine Pizza.

Ich hätte Zeit für mich. So wie jetzt. Ein Meer voller Zeit, in dem ich ertrinke.

Einen Tag später kommen beide. Alfons muss schon riesig sein. Dichtes, feines, schwarzes Haar. Neben seinem noch größeren Bruder mit den dunkelblonden und dicken Haaren. Beide lachen. Über sich, über den anderen. Weil sie leben und Alfons überlebt hat. Vielleicht besuchen sie zusammen die Krav maga-Gruppe oder schauen sich im Weltspiegel einen Film an oder helfen mir beim Holzspalten.

Vielleicht sind sie aber auch am Hauptbahnhof und helfen ankommenden Kindern aus der Ukraine.

Wir hätten ein normales Leben führen können, aber das ist zerstoben in tausend Einzelteile, schon ohne Corona und ohne den Krieg. Und der 13 Jährige wurde nur neuneinhalb und hatte seine geliebten Freunde und seine Familie nur so kurz und hat sich doch nichts sehnlicher gewünscht, als mit ihnen zu sein.

Es ist ungeheuerlich und für mein Gehirn und mein Herz nicht fassbar. Meine Hände greifen ins Leere und Fragen bleiben unbeantwortet. Wo Stimmen und Gewissheit war, ist Stille und sind abwesende Geräusche, die ich höre, obwohl sie nicht mehr sind. Ich habe nie wieder Fernsehen gesehen, nie mehr Musik gehört, war nicht im Kino, nicht im Tierpark, nicht mehr auf dem Rad unterwegs und nie wieder an unseren Lieblingsplätzen… seit du weg bist, Alfons. 

aufgeschrieben am 19.3.22

Auf dem Foto: meine Mutti mit mir.

Es könnte fast auch ich mit Alfons sein.

Heute ist sie 71 Jahre alt geworden. Alfons und Carl und ich wären zum Geburtstag bei ihr gewesen. Carl mit Yuriy. Alfons hätte mit fast 13 wohl keine große Lust mehr gehabt. Aber es wäre schön gewesen, beieinander zu sein. 

Das alles gab es nie, zu keiner Zeit und ist doch irgendwie in der Abwesenheit und Lücke und in dieser falschen, nicht existenten Vorstellung da. Fast real.

Meine Mutti starb 1994 mit 43, da war ich gerade 24 geworden. Unser Vater, zu dem sie und wir keinen Kontakt mehr hatten, starb zwei Jahre später. Sie kannte nicht meine Kinder und nicht das Leid, was mit ihrem Tod zu mir kam und sich multiplizierte mit Alfons‘ Tod. 

Ich wollte in meinem Leben und mit meiner Familie das Leid verkleinern. Wollte an sie und meinen Vater erinnern. Meinen Kindern ihren Geschichten weitergeben. Wollte alles gut werden lassen. Aber es ist nicht nur nicht gelungen, sondern es ist alles kaputt gegangen. Wie ein Kartenhaus, auf einem wackeligen Tisch gebaut und dann fährt der Wind hinein, unverhofft. Und Alfons stirbt. Dann kommt das Feuer und zerstört die zerstobenen Teile. Nur mühsam konnte ich Carl halten. Wir haben jetzt drei Jahre und fünf Monate und zwei Tage überlebt. Nichts fühlt sich gut an, nichts normal, nichts leicht, nichts ist einfach. Ich vermisse meine Mutti, ich vermisse meinen Alfons. Ich liebe euch.

Vom Krieg

In der ZEIT vom 19.2.22 las ich heute das Tagebuch einer jungen Mutter, einer Fotografin, die mit ihrem Sohn und ihrer Mutter und den Hunden in Kiew geblieben sind und seit Tagen im Keller leben. Der Sohn ist 14. Er sagte: Lasst uns hoffen. Mich hat das zutiefst erschüttert. Ich wollte ihm sagen, dass der Alfons auch sagte: Wir schaffen das. Aber er war zu krank und wir schafften es nicht. Und ich hoffe für den Jungen, dass es Frieden gibt. Er ist so alt wie Alfons, nur ein Jahr älter. Ich hätte Alfons davon erzählt und wir hätten den Bericht zusammen gelesen und uns überlegt, ob wir etwas für den Jungen tun können. Für die Kinder, die dort im Krieg sind. Der Junge und seine Mutti spielen UNO EMOJI. Was es alles gibt. Alfons hätte es auch cool gefunden. Wir haben Phase 10 gespielt, in der Charité. Ich will das eine Schicksal mit dem anderen Schicksal nicht vergleichen. Zumal Alfons und ich oft an die Kinder in Syrien dachten, die kein Krankenhaus mehr hatten und die es schwer gehabt hätten mit einer Krankheit, wie sie Alfons hatte. Ich will nichts vergleichen, nur schreiben, dass diese Kinder in ihrem Leid erschüttert sind im Glauben an die Welt. Sie werden schnell erwachsen, um das aushalten zu können, was man ihnen abverlangt. Alfons genauso wie der Junge im Keller in Kiew.

Im Garten

Heute habe ich für Alfons einen Apfelbaum gepflanzt. Einen von den Lieblingsäpfeln der Kinder, dem Carola-Apfel, aus dem ich  zauberhaften Hefekuchen bug. Der alte Apfelbaum steht noch und trägt, aber ich wollte die kahle Stelle, die unser Pflaumenbaum im letzten Sommer hinterlassen hatte, mit einem kleinen jungen Apfelbaum bepflanzen. Er steht nun in der Nähe der Ulme, die wir von Hannah geschenkt bekamen und die ich mit Alfons hegte und pflegte und die wir 2017 in den Garten ausgepflanzt hatten. 

Im Umfeld der Apfelbaumes blühen in diesem Frühjahr, dick und fleischig und groß, Krokusse und Schneeglöckchen. An Stellen, wo noch nie welche aufgekommen waren. Vielleicht lag es am vielen Regen im Februar. Obwohl es nun im März leider zu trocken ist, ist es doch kalt mit Minusgraden in der Nacht und so halten sich die Frühlingsblüher recht lang.

Heute habe ich neben dem Pflanzen des Baumes noch an der Giebelseite des Wohnhauses jahrelang bestehende Dreckecken beseitigt. Doch dann musste ich meine Arbeit unterbrechen, da ich beim Laubharken und beim Wegmachen des alten Grasbewuchses einen Igel fand. Er war mit seinen Stacheln eins geworden mit dem langen Gras. Ich legte ihn vorsichtig zurück und deckte ihn mit viel Gras wieder zu. Ich hoffe, dass er nicht aufgewacht ist.

JIMDO-Störungen und Alfis Tagebuch war nicht mehr erreichbar

Am Montag oder am Dienstag dieser Woche wollte ich meinen Eintrag vom vergangenen Sonntag nachholen – da war die Website nicht erreichbar. Ich bin augenblicklich in totale Panik geraten! Ich habe sofort JIMDO geschrieben. Geweint und Angst um die vielen Erinnerungen gehabt, die verloren schienen. Ich kann nicht ausdrücken, was das bedeutet hat in diesem einen Moment. Erst später recherchierte ich im Internet und fand heraus, dass es eine große und langanhaltende Störung bei JIMDO gab. Zwei Tage später war Alfis Tagebuch wieder erreichbar. Wer kann mir helfen, die Seiten auszudrucken oder zu kopieren?

aufgeschrieben am 6.3.22

Geträumt

Ich habe zum zweiten Mal nach Alfons‘ Tod (im Feb. 21 zum ersten Mal) von meiner Mutti geträumt. Ich sah sie so jung, wie sie gestorben war und ich erzählte ihr von Alfons. Es schien, als wüsste sie von ihm und seinem Tod. Sie sprach ruhig und trauerte mit mir. Dass es sehr schlimm sein muss für mich. In dieser Art. Ich sah auch kurz Alfons und andere Kinder. Manche waren mit Eltern, die sie anschrien und in diesem Fall ging ich auf die Frau zu und sagte ihr, dass auch emotionale Gewalt Schäden beim Kind hinterlässt. Das war in einer Gaststätte. Da ich zaubern konnte, wünschte ich mir auf jeden Tisch üppige Tulpengestecke bzw. Vasen voller Tulpen. Wir saßen im Garten der Gaststätte. Die ganze Familie. Mein Opa kam auch. Ich glaube, Alfons saß rechts von mir und Carl links. Aber so genau sah ich das nicht.
Ich habe in der letzten Zeit nur zweimal von Alfons geträumt. Einmal bat ich ihn, dass er sich etwas Warmes anzieht. Nie sah ich ihn nah. Ich sehne mich nach einem Traum, in dem ich ihn umarmen kann…

 

Bald wird Carl 21 und Alfons 13. 

Nach Alfons‘ Tod kam bald die Pandemie, jetzt der Krieg nur 1000km weit von uns entfernt. Die Scheidung ist weiter nicht vollzogen. Für meine Posttraumatische Belastungsstörung finde ich keine Therapeutin. Der Brief an Frau Hinze und die Schule ist nicht geschrieben. Alles erscheint überhaupt sinnlos mit dem Wissen, dass es wieder Krieg gibt, wieder Flüchtlinge. Mein Kopf versucht sich abzuschalten.

aufgeschrieben am 27.2.22

Krieg in der Ukraine – Was würde ich zu Alfons sagen, der jetzt fast 13 ist?

Ich habe eine Friedenstaube in meinem WhatsApp-Status gepostet und jemand schrieb: Der besorgte Bürger xD. Ich antwortete: Hm. Weiß nicht, wie du das meinst. Ich habe Russisch ab der 3. Klasse gelernt und ich habe die Sowjets immer als Befreier vom Faschismus betrachtet, als Freunde. Zur Sowjetunion gehörte damals auch die Ukraine und es war gut, als 1989 der Kalte Krieg endete, dass viele der Sowjetstaaten wieder selbstständig existieren konnten. Das war schwer. Es war so viel im Umbruch und alle mussten einen neuen Platz im Weltgefüge finden. Da hatte es der Osten Deutschlands leicht, im Vergleich, weil Geld aus dem Westen da war. Dennoch war es schwer, weil der Osten bis heute wie eine 2. Klasse ist. Nicht so ganz deutsch eben. In der jetzigen Regierung gibt es nur zwei Ossis, die ein Ministerium leiten. Bei 17 Ministerien insgesamt. So wenig wie noch nie. Eine westdeutsche Regierung für Gesamtdeutschland. Und so ähnlich schaut der gesamt Westen auf den gesamten Osten in Europa. Niemand hat die Probleme in Osteuropa ernstgenommen. Und jetzt haben wir einen Scheißkrieg vor der Haustür. Und die Friedenstaube, so wie ich sie als Kind kennengelernt habe, meint eine Friedenstaube für alle.

Heute würde ich noch dazu schreiben, dass wir als Deutsche nie wieder an einem Krieg beteiligt sein wollten. Jetzt schicken wir sogar Waffen aus der DDR dorthin. Ich finde es eine Schande und ich bin fassungslos, dass Putin nur Krieg als Antwort auf Ungerechtigkeiten eingefallen ist. Der Krieg ist sinnlos und keine Antwort auf nichts. Er bringt nur noch mehr Leid. Und er rechtfertigt nichts. Und was ich noch schlimm finde für Europa: vor einem Monat haben wir als Europäer und Europäerinnen in Weißrussland an der Grenze Familien bei Minusgraden im Wald liegen lassen, Flüchtlinge aus anderen Teilen der Erde. Sie wurden nicht selbstverständlich aufgenommen wie jetzt die Ukrainer*innen. Was ist das für ein Europa, die Flüchtlinge in 1. und 2. Klasse einteilt! Neben dem Angriff auf die Ukraine und dem Krieg in der Ukraine und das wir dort Waffen hinschicken, ist der Umgang mit Flüchtlingen die zweite Katastrophe in diesen Tagen für mich!

Frühlingsboten

Mitten in der Zeitenwende – es ist Krieg 1.327km von Bad Muskau entfernt (das sind 15 Autostunden) – habe ich Alfons Schneeglöckchen gepflückt, die beim Verschneiden des alten Carola-Apfelbaumes etwas zerdrückt worden sind. Ich habe sie zu Alfons auf den Tisch gestellt und heute mit zu ihm auf den Friedhof genommen. Später lief ich ein weiteres Mal zu Alfons, weil ich Batterien für den Herrenhuter Stern vergessen hatte und schlussendlich ein drittes und letztes Mail für heute, um Schneeglöckchen einzugraben, die Konstanze aus ihrem Garten mitgebracht hatte. Alfons hätte wohl den Kopf geschüttelt. Aber vielleicht auch nicht. Er weiß, wie ich bin und das ich mit ihm bin, auch wenn er ohne Sprache und sein lachen ist. Die Therapeutin fragte mich am Dienstag, ob denn Alfons gewollt hätte, dass ich so traurig und verzweifelt bin, weine, nach Antworten suche, mir Vorwürfe mache. Sie fragt mich: Wollte das Alfons? Was würde Alfons sich wünschen für Sie? Und ich sage: Nein, er würde es nicht wollen. Und ich denke: Es ist nicht so einfach, weil Alfons dazu nichts mehr sagen kann. Aber wenn es ihm nicht gut ging, dann war ich immer bei ihm oder sein Papa. Und er konnte sich darauf verlassen und er musste nicht damit rechnen, dass wir lachen, wenn es schlimm ist oder wir uns umdrehen, wenn er leidet. Und somit ist klar, dass ich weine, weil es traurig ist, dass er tot ist. Warum sollte es anders sein! Was sind das für Fragen? Ja, er würde wissen, dass ich traurig bin und nichts anderes von mir erwarten. Er würde mich nehmen, wie ich bin. Sie hat mir eine Posttraumatische Belastungsstörung nach dem Tod des eigenen Kindes diagnostiziert und eine frühkindliche Bindungsstörung und eine Co-Abhängigkeit. Die letzten beiden psychischen Beeinträchtigungen sind nicht neu und mein Leben lang in Behandlung. Der Tod meines Kindesdagegen nicht. Wartezeit auf Hilfe 1 Jahr.

Liebe Freundin, ich wusste nicht, dass es von diesem schönen Abend welche gibt. Alfons hat mich oft gefragt, wann wir es wiederholen. Als wir beide uns im Sommer 2017 wegen der Evaluation im Bahnhof nicht einigen konnten und ich es an St. abgab, da ich selbst zur Kur gefahren bin, blieb das ewig als offene Frage in mir. Wir haben 2017/2018 einige Versuche unternommen, zu sprechen. Ich erinnere mich daran, dass ich die Idee hatte, ob wir nicht zuerst einfach an die gute Tradition des Pizzabackens (und wir waren auch immer gut Pizza essen um die Ecke!) anknüpfen. Aber du wolltest erst reden, zu zweit. Was nicht passierte. Und dann kam der 3.5.2018 und wir haben weder geredet, noch Pizza gegessen. (…) Die Ulme, die du damals Alfons geschenkt hast, die wir vom Topf in den Balkonkasten setzten und später, nach Jahren, auspflanzten, ist 3m hoch. Wenn ich an ihr vorbeigehe, auf dem Weg zu Alfons durch den Garten, denke ich an dich und Alfons. Sie wächst, egal was passiert. 

Warum konnte das Leben nicht weiterleben? Für Alfons. Der Schmerz füllt sich an mit dem Tod von A. und M.s Leid, mit dem Tod von J., dem Sohn von A., mit dem Krieg in der Ukraine und der jahrelangen ätzenden Selbstgefälligkeit des Westens gegenüber Vielem im Osten. Wie konnte es dazu kommen?

aufgeschrieben am 19.2.22

So viele unerzählte Geschichten über Alfons

Der Blog ist voller Berichte über Alfons und doch ist Vieles ungeschrieben. Lese ich meine Notizen, die ich mir dazu schrieb, fällt es mir unendlich schwer, daraus eine Geschichte für den Blog zu machen. Die Erinnerungen schmerzen unaufhörlich. Dazu das haltlose und ungetröstete Weinen. 

Alfons‘ Füße

Alfons klagte selten, aber dann doch dringlich, über eine Art Warze am Fußballen. Ich habe vergessen, welcher Fuß es war. Immer wenn es akut war, suchte ich Lösungen, dann verschwand die Dringlichkeit. Ich habe an selber Stelle die selbe Warze, obwohl es keine eindeutig runde Warze ist. Auch meine trage ich so mit mir rum.

Als Alfons im Koma lag und ich, als er die blutdruckzentrierenden Medikament bekam und seine Beine begannen lila zu werden und drohten abzusterben, als ich da also die Beine und Füße kräftig massierte, stundenlang, sechs oder acht Stunden, und ich konnte sie durchbluten und retten, obwohl sie nachher so geschwollen waren, aber sogar dann noch entwickelten sie sich positiv nach ein paar Tagen, obwohl bald alles zu Ende ging und da beim Massieren spürte ich die Warze, die ich nie behandelte oder behandeln ließ. Ich hab ihren Namen vergessen und nun ist es vollkommen egal und es bleibt nur das Spüren seines Fußes in meinen Händen, ich sehe seine Zehnägel, die ich ja auch immer verschnitten habe und fühle seine dürren Beine, die dann ganz geschwollen waren und nichts kann man tun. Ich habe zugesehen, wie Alfons stirbt. 

Heute sah ich einen Freund von Alfons aus dem Kindergarten. Wir trafen ihn manchmal beim Baden in Eichwege. Er betrachtete mich unsicher. Mir kamen unvermittelt und flutartig die Tränen. Ich heule wie ein Tier und schreie im Auto diese Scheißwelt zusammen. 

aufgeschrieben am 9.2.22

Heute Abend…

…war ich nach der Arbeit noch einkaufen. Ich traf zwei Jungs, 7 und 11 vielleicht, zwei Brüder. Der Kleine machte bisschen Blödsinn und sprach mit einer vernuschelten Sprache. Sofort dachte ich an Alfons und ich sage: Sprich vernünftig oder Mach nicht so doof, Alfi, leicht erzürnt, genervt am Ende des Tages mit dem Wissen noch nach Hause zu fahren, Essen zu machen, ein Spiel zu spielen oder vorzulesen, dann waschen und Kika und ins Bett, singen, mit einschlafen? Der Große hielt den Kleineren liebevoll umfangen, etwas balgend und dann erspähten sie die Müller Milch, die Preiswertere, und nahmen sich freudestrahlend eine Milch aus dem Regal. Alfons mochte Erdbeere und Carl Schoko. Es war die Ausnahme. Ich ging dann wie betäubt durch den Laden, nur raus, nur weg, nicht weinen, zusammenreißen, durchhalten, Luft anhalten, Erinnerungen stoppen, nicht geflutet werden von der Ungeheuerlichkeit, dass es nie mehr Alfons und Carl sein wird. Im Auto bin ich sicher, beruhige mich, verdränge und ich spüre meinen zerdremmelten Körper und meinen leeren Kopf. So fahre ich und höre Alfons fragen: Kommst du? Und als ich am Grab stehe, die Kerzen anzünde, höre ich: Bleibst du ein bisschen? Bleib noch! Alfons war immer von tiefer Dankbarkeit erfüllt, wenn ich mich zu ihm setzte, las, sprach, ihm zuschaute, beim Schaukeln, meinen Kaffee dabei trank, wir schweigend ganz nah beieinander waren. Ich vermisse ihn so. Ich vermisse dich, mein Kind, geliebtes Kind. Unendlich und wirklich und doll, liebe ich dich. Hab ich dir das je so oft gesagt, dass es reicht, wo immer du bist? Ich weiß es nicht. Ich hoffe es. Du hast so oft nachgefragt und später im Stummen gelegen und musstest mein Weinen hören und ich konnte deinen Schmerz nicht stillen. Warum so viel Schmerz und Ungerechtigkeit? Warum du, warum wir?

aufgeschrieben am 8.2.22

Alfons‘ Dinge

Am Wochenende habe ich das Zimmer unten im Haus mit Andreas‘ Hilfe umgeräumt. Schränke mussten aus- und eingeräumt werden. Alben von meiner Mutti und meinem Vati fand ich, Verlorengegangenes war nur gut weggeräumt, Falschabgelegtes lag plötzlich vor mir. So auch ein Umschlag – mit Ernie und Bert von Hannah beklebt – mit Geburtstagskarten an Carl und Alfons im Jahr 2016. Alfons war 7 geworden, Carl 15. Auch eine Einladung zu einem Kindergeburtstag, wahrscheinlich von Fynn. Aber noch etwas steckte im Umschlag: Alfis Schatzkarte. Alex hatte mit Alfons eine grüne Schatztruhe gebaut, ich füllte sie mit Leckereien. Alex erstreckte sie im Wald. Den Weg der Schatzsuche erkundeten Alfons, Alex und ich ein paar Wochen vor dem Geburtstag. Dann ging es los. Ich habe nicht mehr viele Erinnerungen an diese Wanderung und Suche; ich lief am Ende und motivierte die Trägen und Abgeschlagenen, die sich an den Dingen festsahen und einfach vor sich hintrödelten. Alfons vorneweg. Aber vielleicht lief er auch hinten bei mir? Ich weiß nur, das Alfons sich einige Zeit später eine Art Schnipseljagd für Alex und mich ausdachte – über das Grundstück hinaus auf die Wiese zwischen den beiden Straßen und unterm Birkenbaum fanden wir eine Decke, einen gedeckten Tisch, mit kleinen Knabbereien. Ich war so berührt. An uns vorbei hatte er die Hinweise gebastelt und das Geschirr samt Tischdecke aus dem Haus getragen. Wir waren erfreut darüber, konnten es als unser elterliches Glück begreifen und doch nicht mehr in Liebe annehmen. Wie drücke ich das aus, wenn die Liebe zwischen den Eltern verschwindet und die Kinder es spüren und dabei helfen wollen, das Glück zu kitten. Wie man darüber nicht nachdenken kann, über die vergangene Liebe zum Geliebten und man sich allein den Kindern zuneigt und hier auf eine bedingungslose Liebe stößt und dann umso mehr das Unglück fühlt, nichts ist mehr vollständig. Hätten wir anders gefühlt und gehandelt, wenn wir gewusst hätten, zwei Jahre später erkrankt Alfons schwer und wird sterben? 

Diese Fragen, diese Vorwürfe, diese Erinnerungen, dieses Nachdenken über das Sein führen ins Nichts. Dann und wann taucht Alfons auf und lässt mich seine Dinge finden und schickt mir einen Gruss. 

Auch das fand ich: Bilder die Opa von Alfons machte. Sogar ein großes Plakat. Und sein Duschbad, seine Zahnbürste und sein Zahnputzbecher stehen weiter im Bad. Nicht mehr auf dem Platz, den Alfons für sie ausgewählt hatte, aber noch mit seinen Spuren. Hab dich lieb und Alles wird gut, damit badeten die Kinder oben in der Wanne. Davon gab es viele andere schöne Verpackungen mit schaumigem Inhalt. Alles wird gut kann ich nicht mehr lesen, habe es nur für das Foto hingestellt, weil wir die Teddys darauf mochten, aber Alles wird gut ist eben eine große Lüge.

aufgeschrieben am 30.1.22

Wünsch dir was!

Gestern landete eine Wimper auf meiner Hand. Ich blies sie weg. Da fiel mir ein, welche Bedeutung sie früher hatte…

Fand ich eine auf Alfons‘ und Carls Wange, nahm ich sie vorsichtig auf und zeigte sie den Kindern. Ich sagte: Jetzt kannst du dir etwas wünschen.Warum, fragte Alfons. Ich sagte, dass ich das nicht weiß und das man das so sagt und das meine Oma mir das erzählt hat. Ich hielt Alfons seine Wimper hin und sagte: Puste sie weg, schließ die Augen und wünsch dir dabei etwas. Und nicht den Wunsch verraten, sonst geht er nicht in Erfüllung. Warum,fragte Alfons. Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, wer sich das ausgedacht hat. Vielleicht ist zu viel Trauriges auf der Welt vorhanden und mit der Wimper wünscht man sich Schönes.

Als ich gestern die Wimper auf meiner Hand sah, war augenblicklich alles von Damals da. Die Kinder, klein, neugierig, fragend, aufmerksam. Ich höre ihre Stimmen. Sehe Alfons‘ Gesicht, pflücke ihm die Wimper vorsichtig von seiner Wange. Bin seinen blauen  Augen so nah. 

Er ist jetzt ein großer Junge, sagt Tante Elke. Ja, er wird 13. Wie wäre mein Kind als Jugendlicher?

 

Ich suche eine Therapie für meinen Schmerz, für die furchtbaren Bilder auf der KinderITS in der Charité, für das, was ich nicht geschafft habe, für meine Vorwürfe mir gegenüber, mein Kind nicht beschützt zu haben… Die Menschen denken, es ist vorbei. Aber 3 Jahre und 3 Monate und 2 Wochen danach ist alles so schlimm, so beängstigend, so ungeheuerlich wie damals. Ich weine um mein Kind und es vergeht keine Stunde, wo ich nicht an Alfons denke. Ich kann seinen Tod nicht annehmen, nicht akzeptieren. Er fehlt mir. Ich fühle mich schuldig, dass er sein Leben nicht leben konnte. Mein Körper krampft und meine Schultern sind wie Beton. 

aufgeschrieben am 18.1.22

Carl und Yuriy 

Er kommt aus Mazedonien von der Straße. Über einen Tierschutzverein. Er sieht aus wie Flauschi. Alfons nannte so den kleinen Plüschhund auf seinem Bett in seinem Zimmer der Transplantationsstation 39i der Charité in Berlin. Er war ein Geschenk der Station an Alfons. An ihn erinnert mich ein wenig Yuriy. Carl kannte Flauschi noch nicht, hat sich aber über diese kleine Geschichte um Alfons herum gefreut. Ich freue mich mit Carl über Yuriy und hoffe, dass er seinen schweren Start ins Leben schnell verwindet.

aufgeschrieben am 11.1.22

Was ich sehe und fühle

Eine erwachsene Tochter schreibt an ihren Vater, dass sie keine Grüße mehr versendet und keine mehr annimmt. 

Ein junger Mann erinnert sich an traurige Erlebnisse in seiner Kindheit, die ihm widerfahren sind und die ihn heute aus der Bahn werfen.

Eine junge Familie sitzt weinend am Bett ihres schwer kranken Babys.

Eine Frau in meinem Alter bringt mit schwerem Herzen ihre Mama ins Pflegeheim.

Eine Teilnehmerin in meiner Fortbildung heute (es ging um das Thema Trauma), sagte am Ende, dass sie nicht ahnte, was Traumatisierten (auch denen, die sie betreut) überleben mussten. 

 

Ich bin eingewebt in ein Leben, das reich ist an Leid und Tod, das gesättigt ist von Tränenströmen, das in der Qual nach Schicksal fragt, als mögliche Erklärung für all das. Ich halte Hände und habe keine Antworten auf diese harten Lebensproben. Warum trifft es manche Menschen so hart und andere spazieren unbeschadet durch eine Ansammlung von Glück? Glück, habe ich letztens in einem WhatsAppStatus gelesen, ist eine persönliche Einstellungsfrage, eine Betrachtung, es entsteht in einem und nicht außerhalb. Das nenne ich eine besondere Form von Realitätsferne. Ich sehe dabei immer die jungen Erwachsenen im Bahnhof, die auf die Welt geworfen wurden wie Abfall. Sie fragen ihr Leben lang verzweifelt nach dem Warum und strampeln um ein bisschen Stabilität. Von Glück sprechen sie gar nicht und zeige ich ihnen, was ihre Hände schaffen, schauen sie mich müde an.

Wer auch immer diesen Anspruch, glücklich sein zu wollen, zum Lebensziel erhob, dem möchte ich zeigen, was das Leben für viele von uns eigentlich bedeutet. Wir kämpfen mit Dämonen, verzweifeln an der Wirklichkeit, sind einsam inmitten der Menge und sind verwirrt über den abhandengekommenen Lebenssinn. Eigentlich sind wir angekommen im Hier und Jetzt, oft gepriesen als einen besonderen Seinszustand. Dabei vermisse ich die Träume mit meinem Kind. Könnte ich erwachen aus dem Alptraum! Oder annehmen, was mir widerfuhr. Ich besitze dafür keine Größe. 

aufgeschrieben am 6.1.22

Neujahr: Saskia brachte mir von einem Freund ein Bild. Er hatte Alfons gemalt. Ein Geschenk für mich. Ich sah einen größer gewordenen Alfons, gelitten, stark, verletzlich, aufrecht. Wie konnte er Alfons sehen? Wie konnte das sein?

Silvester

Lieber Alfons, ich sehe dich in Socken und übermütig-ausgelassen in der Wohnküche tanzen. Zum Licht der Diskokugel, die dir Elke schenkte, und zu Liedern von der CD oder vom Radio. Mit Papa. Mit mir. Zu dritt. Die Wangen im tiefen Rot. Lachend. Davon gibt es reichlich verschwommene Fotos. Aber es gab auch manchmal Besuch und manchmal waren wir unterwegs. 2017 brachten wir zu dritt Carl Kartoffelsalat nach Cottbus in die Schillerstraße zu seiner Party und gingen danach bei frühlingshaftem Wetter im Branitzer Park spazieren. Deine Haare waren lang geworden und es gibt von dir ein Video, auf dem du diese Haare, turnenden auf einem gußeisernen Löwen, schüttelst und dazu einen Rocksong singst. Du fragst Papa, ob er schon filmt und dann legst du los. Deine Videos waren der Renner bei uns. Ein paar Wochen nach deinem Tod sah ich sie alle hintereinander weg. Ich saß mit Papa und Carl bei Susan und Andrea im neuen Haus (dieser Tage bin ich auch hier) und sah sie und dich und es war, als wärest du da gewesen und du warst es auch, ich fühlte dich noch so warm an meiner Seite und im Kopf und meiner Brust und weinte, als ich begriff, es sind nur Filme… Am 31.12.2017, wieder zu Hause, gab es Raclette und später Glitzerfontänen, Knallfrösche und Wunderkerzen im Hof. Wir hatten sie zusammen im Küchenschrank verwahrt, die Reste. Leichte Knaller und kleine Wunderkerzen. So viele davon, dass sie heute noch dort sind. Sie werden uns für die nächsten Jahre reichen. Ich zünde sie mit Andreas an für dich. Nun jedes Jahr. Wir denken dann an dich. Carl und Papa dort wo sie sind. Ich stehe an deinem Grab. Alles leuchtet ohne je wieder zu leuchten. So ist es ohne dich. Wir sind traurig, lieber Alfons und können uns das Unfassbare nicht vorstellen. Ich weine nicht mehr jeden Tag, aber jeden zweiten und mein Lebensgefühl ist eine Traurigkeit, die sich wie ein Schatten über mich gelegt hat. Es ist ein Leben ohne Wünsche und Hoffnungen. Ich möchte mich nicht beirren lassen, obwohl viele Menschen nach drei Jahren sagen, dass es doch reicht. Aber zu denen habe ich keinen Kontakt mehr. Von Jahr zu Jahr werden es weniger Menschen. Ich weiß nicht, wo sie dich hinlegen in sich. Du warst so ein Menschenkind, dass in die Herzen der Menschen vordrang. Ich vermisse dich weiter. Kniffel und Mensch-ärgere-dich, die Fimo-Knete, Snöfrid, Lilly, Bärchen, die Ninjagos… warten hier still, so wie du sie hinterlassen hast, auf dich.

aufgeschrieben am 29.12.21

Weihnachten

Wir haben das erste Mal Weihnachten ohne Alfons zu Hause erlebt. Seit er nicht mehr da ist. 2018, zwei Monate nach seinem Tod, waren Alex und ich bei Carl in der WG. 2019 und 2020 war ich arbeiten und am 26.12. trafen wir uns bei Andreas, Carl und ich. In diesem Jahr war ich auch arbeiten am 24. und 25.12. und am 26.12. trafen wir uns bei mir in Köbeln: Tante Helga und Onkel Manfred, Carl, Andreas und ich und es fühlte sich an wie eine Familie. Ich habe nach drei Jahren das erste Mal den Küchentisch neu gestaltet. Alfons‘ Brett, was er als kleiner Junge mit Nägeln verziert hatte und wir es dann wie ein Tablett nutzten, stand mit der Mutmacherperlenkette immer in der Mitte des großen Küchentisches. Jetzt steht es wieder, wie zu Alfons‘ Lebzeiten, an der Stirnseite des Tisches. Mit Alfons‘ Foto und Dingen, die er gebastelt hat und die er liebte. Früher landeten dort ebensolche Dinge: Gebasteltes aus der Schule, Postkarten von Freunden, Blumen aus dem Garten, Aufgehobenes und Mitgebrachtes der Kinder… Auf dem Tisch stehen Kerzen in Alfons‘ getöpferten Kerzenständern. So saßen und aßen wir am 26.12. zusammen mit Alfons. Carl schenkte Alfons einen kleinen witzigen Schneemann, ich einen kleinen Engel. Carl brachte sie zu Alfons. Wir gingen alle die paar Schritte zu ihm. 

 

Wieder klagen Menschen über Alfons‘ Grab, dass da wieder etwas hänge, was da nicht sein sollte, zu viel ist, unerhört! Aber zu mir kommen immer mehr Menschen aus Köbeln, die sagen, wir gehören nicht dazu, wir finden Alfons‘ Grab schön, wenn man das sagen kann über einen Ort, an dem ein Kind liegen muss. Mir macht das weiter sehr zu schaffen. Ich bin verletzt und die gewählten Worte der Nörgler sind roh und ein Alfons kommt darin gar nicht mehr vor.

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