Erinnerungen an Alfons – Teil 6 (2.1.23-16.08.24)

aufgeschrieben am 16.8.24

Lieber Alfons,

am 17. Mai 2016 schrieb ich an einen geliebten Menschen: …habe heute Alfons auch über einen toten Käfer hinweggetröstet. Wir sagen uns immer, dass der Käfer ja in unserer Erinnerung weiterlebt. So wie der Zauneidechserich… Da warst Du gerade 7 Jahre alt geworden. Ich bin zufällig beim Durchforsten meiner Mails und SMSen auf diesen Satz über Dich gestoßen und auf so viele andere. Ich werde sie bald herausschreiben, weil sie zu Dir gehören. Weil ich Dich in den Sätzen festhalten konnte, ohne damals zu ahnen, wie wichtig sie sein würden, weil Du nicht mehr bist.

Der Satz, den ich oben über Dich schrieb, ist für mich sehr wichtig: ich frage mich seit Deinem Sterben in den dunklen Stunden der Verzweiflung, wie Du mit der Krankheit und dem nahenden Tod leben konntest. Wieviel Angst Du hattest und an was Du Dich hättest halten sollen in unserer Welt ohne Gott. Ich hab mich gescholten, dass ich Dir nicht vom DANACH erzählt habe, womit ich ja selbst hadere und wie hätte ich es Dir dann glaubhaft erzählen sollen? Ich habe es mit Büchern und dem Vorlesen versucht. Die schlaue Mama Sambona von Hermann Schulz liebten wir, als Du klein warst. Sie trickste den Tod aus. Als Du in die Schule gingst und ich Dir Mio, mein Mio von Astrid Lindgren und Tante Mel wird unsichtbar von Salah Naoura vorlas, sollte ich die Bücher nicht weiterlesen. Sie handelten auch vom Tod und Du sagtest nicht, warum Du sie nicht hören wolltest. Das passierte fast nie, bei den Büchern die wir lasen. Als Du schon im Koma lagst, las ich Dir trotzdem die Geschichte von der Tante Mel vor, die immer – unsichtbar – dabei war. Es waren so hilflose Versuche nachzuholen, was ich versäumt hatte, mit Dir über den Tod zu sprechen. Ich will nicht sterbseln, Mama. Das hast Du gesagt und ich hatte keinen Mut dann genau darüber zu sprechen.Du warst voller Angst und ich ohnmächtig und draußen 38 Grad in jenem Sommer. Wir waren so allein damit und ich habe funktioniert. Wir haben gemacht, was wir immer machten: aufstehen, essen, vorlesen, lachen, spielen, Tiere beobachten, spazieren gehen… Dabei hätte ich nach Hilfe suchen müssen, nach wirklicher Hilfe….

Und nun habe ich diese Zeile über Dich gefunden. Wir sprachen über einen toten Käfer, der lebt, so lange wir uns an ihn erinnern. Das sagte ich Dir und ich hoffe nun, Du hast es nicht vergessen. Das Du bist, so lange wir sind und an Dich denken und uns erinnern. Es ist ein schwacher Trost. Mein lieber Alfons, Du bist hier und mir sehr nah, dennoch wäre es doch schöner, Du hättest Dein Leben noch und könntest mit uns sein. Und wir mit Dir, unbeschwert. Ich hätte Dich beschützen müssen vor dieser Ungerechtigkeit.

aufgeschrieben am 11.8.24

Lieber Alfons,

wieder sind vier Wochen verstrichen wie nichts.

Trotz der Fülle an Eindrücken, Gesprächen, warmen Momenten mit Freundinnen und herzlichen Menschen fühle ich mich leer. Und sehr erschöpft. Nach zweidrei Tagen anstrengender Arbeit schafft es mein Körper nicht mehr, sich so zu erholen, dass ich an dem vierten Tag frohgemut zur Arbeit aufbrechen kann. Ich habe immer wieder das gefühl, mein Körper würde quer in der Mitte durchbrechen. Ich weiß, dass ich mich schonen soll, um im Oktober entspannt die Ausbildung beginnen zu können. Davor habe ich noch das Seminar in Bad Bevensen, welches gut vorbereitet werden muss, da es das erste Mal viertägig ist. Dabei saß ich unlängst erst hier und bereitete es vor, vor einem Jahr für das damalige Seminar im September. Was ist in der Zwischenzeit passiert? Es ängstigt mich.

Am klarsten spüre ich meinen Schmerz über Deinen und Andreas‘ Verlust in mir. Ich kann mich nicht trösten und mich nicht beruhigen. Ich kann nicht aufhören, zu vermissen und zu lieben. Schweigen wäre eine Antwort darauf, aber ich spreche und organisiere und arbeite und plane und bin da.

Carl steht in der Küche und bereitet sich sein Abendbrot zu. Gewissenhaft schneidet er die Frühlingszwiebeln, ein leises, schabendes Geräusch dringt zu mir. Es beruhigt mich. Ich bin nicht allein. Dennoch einsam.

Ich liebe Euch. Deine wunderschönen, mandelförmigen, großen blauen Augen unter Deinem schwarzen Haar schauen mich von den Fotos her an. Es krampft sich dabei alles zusammen. Es ist ein Fehler im Lauf der Dinge, dass Du nicht mehr bist und ich möchte ihn korrigieren, in Ordnung bringen, heilen, verändern, rückgängig machen, löschen, Dich herwünschen, Dich umarmen, drücken, küssen, wärmen, trösten, halten, vorlesen. Mit Dir sein. Es ist, weil es nicht möglich ist, als müsste ich sehr schnell leben, um schnell alles hinter mir zu haben, um zu Dir zu können und was, wenn Du nicht mehr bist? Dort, wo Du jetzt bist?

Gestern Abend vernahm mich, Andreas könnte mich noch lieben, aber seine Entscheidung nicht mehr revidieren. Das weiß ich. Diese Härte gegen Jedermann und Jedefrau, die in Ungnade fiel, kenne ich. Ich las in seinen und meinen Briefen, so voller Leben und Liebe. Da steht auch viel über Dich und Carl. Sie sind ein großer, nicht gehobener Schatz. Eines Tages werde ich sie ausdrucken und was damit tun? Wer mag sowas lesen? Wer kommt nach mir? Du bist ja schon weg und Carl ist jung und gedanklich beschäftigt und was soll jemand mit diesem Wissen?

Das alles frisst sich in mir eine Leere zurecht, der ich nichts entgegensetzen kann. Ich turne im Außen. Bisschen wie eine Hülle. Ich suche Dich weiter und Dein stolzes Lachen schaut von den Fotos zu mir herab. Jeden Tag tausend kleine Erinnerungssplitter wie Glassplitter bohren sie sich in die Haut und man bekommt sie nicht herausgezogen. Wann hört das auf? Diese Ungeheuerlichkeit, die sich nicht auflöst, nicht weggeht, nicht aufgibt und herausgibt, was sie sich zu Unrecht genommen hat. Ich hasse mein Dasein.

aufgeschrieben am 14.7.24

Lieber Alfons,

es sind zwei Stränge, in denen ich mich winde. Die Arbeit, die Termine, das Draußen, das Entscheiden, das Vorwärtskommen, das Nachvornschauen, das Treffen, das Planen, die Freundinnen. Der Bahnhof ist am 29.6. 11 geworden und Carl kam nach der Arbeit, obwohl er sein Kommen schon abgesagt hat. Das war meine größte Freude an dem Tag. Und am 6.7. wollte Asia ihren ersten Workshop im Glashaus Papilio (so haben wir ihn getauft) geben, aber sie wurde krank und weil Susan auch gekommen war, hatten sie und ich ein wunderschönes Wochenende. Mit knurrendem Yuriy, aber wir wissen ja, dass er unsicher ist und es in solchen Fällen ohne Leine nicht geht und ansonsten – lässt er mich zähnefletschend nicht ins Haus – ist es meine Angst, die er riecht. Ich schreibe auch viele Anträge für den Bahnhof und neue Kollegen sind einzuarbeiten. Und fast jeden Nachmittag oder/und Abend bin ich irgendwo unterwegs: Franz, Sabine, Shiva, Friseur, Petra, Konstanze… Gestern haben Franz, Frank und Konstanze Carl und mir geholfen, die Bordsteinkanten am Haus zu setzen. Im April haben die Sockelputzer es verputzt, jetzt die Bordsteine, bald kommen die Kieselsteine hinein. Der Berg voller Steine vorm Haus ist nach 15 Jahren weg. Langsam verschwinden die vielen liegengebliebenen, nichterledigten, vergessenen, verschobenen Dinge hier, die vom Damals erzählten und jetzt eine neue Wirklichkeit schaffen. Ich schaffe und tue und weiß nicht, ob es Krieg geben wird, ob Carl fort muss, wer je hier einmal leben kann, ob ich hier allein leben werde und durchhalten kann bis zum letzten Tag. Schon morgen kann ich im Auto sitzen und tot sein. So fühlt sich Leben gerade an: als wären die Menschen verwirrt, teilweise verroht, latent aggressiv. Heute gab es ein Attentat auf Trump. Man kann ihn blöd finden und nicht leiden können, aber offen am Tisch eines Geburtstages zu sagen, wie dumm, dass er nicht getroffen wurde – als wäre der Tod für manche gerechter oder wünschenswerter als für andere. Niemand fragt nach Dir. Nur Josepha schickt ihre Gedanken und Anne teil meinen Schmerz und die Therapeutin kämpft gegen die Dämonen aus Krankenhaus und Abbruch und Trauer und Ungeheuerlichkeit an. Und das ist der zweite Strang in dem ich lebe. Carl sagt, dass ich auf ihn wirke, als beschäftigte ich mich nur mit Vergangenem. Und das er sich entschieden hat, es nicht mehr zu tun. Das er im Hier und jetzt leben will. An Dich denkt er in guten Bildern, kein Krankenhaus mehr. Ich habe mich gerechtfertigt, dass ich viel hier für das mache, was kommt, dass ich plane und mir vornehme. Wenn ich das schreibe und darüber nachdenke, bin ich wenig im Hier und Jetzt, am ehesten auf der Arbeit. Ich bin entweder bei Dir in der Vergangenen oder im Zukünftigen. Carl sagte letztens, Du würdest es nie wollen, dass ich so viel weine und trauere. Es ist doch mühselig, über sowas nachzudenken. Ich weiß, wie Du bist. Wenn Du traurig warst, hast Du es gezeigt, wie auch Dein Glück Du gezeigt hast und das hast Du von mir gesehen. Es hätte Dich irritiert, wenn Du mich mit einem falschen Bild zu einem Gefühl gesehen hättest. Warum soll ich lachen, wenn ich weiter traurig darüber bin, dass Du nicht mehr bist und das Du durch die Hölle an Schmerzen und Ängsten gehen musstest. Mir fehlen Deine Fragen, Dein Dasein, Dein Schalk, Deine Freude, Dein Wissen, Deine Frechheit, Deine Ungestümheit. Heute hatten Carl und ich eine Diskussion (er sagte Streit dazu): vor zwei Tagen regnete es viele Stunden ununterbrochen. Teilweise stürmte es, aber es waren eher die Last des Wassers und der aufgeweichte Boden, der das Rosenrankgerüst am Eingang zu Fall brachten. Carl lief vom Haus nach hinten, sah es und rief, die Rose ist umgefallen. Ich lief raus und sah, dass der Rosenstock komplett am Boden lag (die Rose ist mittlerweile bin zur Dachrinne hochgewachsen). Und ich sah, dass er nicht abgebrochen war! Mit all meinen Kräften stellte ich das Gerüst (2m hoch) auf und drückte es weit in den Boden. Es regnete, aber ich war froh, dass die Rose nicht zerbrochen war. Heute fragte ich Carl, warum er nicht geholfen hatte. Er: Weil es regnete, weil er keine Lust hatte und weil ich ihn darum nicht gebeten habe. Ich habe ihn gefragt, warum er mir nicht von sich aus geholfen hat oder es selbst gemacht hat. Weil es nicht seine Rose ist und weil er keine Lust hatte, mir zu helfen von sich aus. Für mich ist dieses Denken fremd. Ich will es gern verstehen, weil ich Carl nah sein will. Und ich will auch über meine Bedürfnisse sprechen und warum ich nicht gefragt habe und warum mir „helfen“ selbstverständlich ist. Wahrscheinlich übertreibe ich es damit auch. Aber diese Welt ohne Hilfe und Solidarität und Anteilnehmen und Mitgefühl ist für mich leer und auch sinnlos. Wir haben hin und wieder solche philosophischen Momente: als wäre die Rose gefallen, damit sich das so klar herausarbeiten ließe. Sehr oft in letzter Zeit gibt es diese Möglichkeiten der Reibung, der Irritation. Ich verstehe nicht warum. Weil das Lernen nie abgeschlossen ist? Dachte ich, ihr seid groß und alles klärt sich nun von allein? In dem Moment mit Carl im Hof heute, da habe ich Dich vermisst. Hättest Du mit 15 über uns gelacht, hättest Du Carl oder mir beigestanden, hättest Du eine dritte Frage aufgeworfen, wärest Du überhaupt hier oder doch bei Freunden gewesen? Wer wärest Du heute?

Es ist wieder Fußball-EM. Ich habe so viele Erinnerungen an Fußballabende hier mit Freunden wie Hannah in der Turmvilla, allein zu Hause mit Grillwurst, Carl auf dem Rad mit der Wuwusela, Du im Krankenhaus 2018 mit Zabivaka, im Hof  2014 Du und Carl geschminkt. Wärest Du bei Friedrich und Fynn? Oder mit Carl bei Papa? Sie treffen sich gleich…

aufgeschrieben am 22.6.24

Lieber Alfons,

es passiert jedes Wochenende was. Morgen eine Gedenkveranstaltung im Bahnhof. Carl wird an einer szenischen Lesung mitwirken, ich eröffne den Nachmittag. Die Woche drauf das 11. Jubiläum des Bahnhofs. Weißt Du noch, 2103, da habe ich angefangen dort zu arbeiten und eine erste große Aktion war rbb 96 Stunden. Im Fernsehen konnte man das verfolgen, eine ganze Woche lang; Firmen aus der Region haben einen kleinen Teil des Bahnhofs ausgebaut. Als ich abends nach Hause kam, sagtest Du zu mir: Mama, ich habe Jörg gesehen und gewunken, aber er mich nicht. Du warst nicht enttäuscht, nur mit aufgeregt. Da warst Du viereinhalb Jahre alt. Vielleicht war das die Zeit, als ich Dir das kleine Pappkinderbuch Der Bär schreibt heute Briefe (ich kann es auswendig, merke ich gerade) vorlaß.Schon einmal im Blog schrieb ich darüber: ich dachte immer, ich laß Dir aus dem Buch vor, welches ich auch Carl vorgelesen hatte. Aber als ich Carls Kisten mit Kindheitserinnerungen packte, um sie ihm zu seinem 18. Geburtstag zu schenken – das war 5 Monate nach Deinem Tod – da kamen mir die beiden Bücher in die Hände! Zwei. Es gab immer zwei.

Ich hatte jedem seins gekauft und hatte es vergessen. In dem Buch konnte man kleine Türen öffnen – sie sind an den selbsen Stellen abgeknickt und von mir geflickt worden. Heute habe ich beim Aufräumen und Umräumen in Deine Kiste mit Kindheitserinnerungen geschaut, sie ist ja nicht vollständig, weil ein Stück Deiner Kindheit und Dein Jungwerden und Deine junges Erwachsensein darin fehlt. Sie ist klein und sie bekümmert mich. Dann fahre ich durch die Landschaft und sehe Jungs, die 15 sind; sehe Omas neue Wohnung, in der sie nur kurz lebte und starb, noch nicht so alt und doch viel älter als Du werden konntest. Heute musste ich, ich weiß nicht warum, an Deinen letzten Blick denken: die Ärzte haben versucht, Deinen zusammengesackten Kreislauf aufzufangen. Mehrere Menschen standen um Dein Bett. Schwestern liefen Sauerstoffflaschen holen. Ich sollte Dein Nachthemd aussiehen und schaffte es nicht, es Dir über den Kopf zu ziehen. Dann musste ich weinen und die Ärzte drängten mich weg und Du sahst mich strafend an, dass ich nicht so dramatisch sein sollte. Das war Dir peinlich. Eigentlich waren das immer ein Anzeichen von Deinem Lebenswillen, wenn Du selbst so energisch gucken musstest. Aber es war Dein letzter Blick auf mich und mein letzter Blick auf Dich. Nein, später sah ich Dich doch noch auf der ITS. Du sagtest: Mama, ich habe Angst. Das waren Deine letzten Worte. Ich habe Dich getröstet, ermutigt, beruhigt, aber habe ich gesagt, dass ich Dich lieb habe? So viele dumme Fehler, so viele falsche Entscheidungen, so viele Irrtümer, so viele zerschellte Hoffnungen und am Ende lebst Du nicht mehr. Mein Kind, ich umarme Dich, ich vermisse Dich, ich liebe Dich. Ach könntest Du es hören!

aufgeschrieben am 2.6.24

Lieber Alfons,

bei Dir habe ich gepflanzt und die Zwergtaubnessel blüht wunderbar lila und die wilden Rosen rosa und die Nelken pink und die Lilien von Petra violett-pink-rosa-weiß. Es sieht nach Sommer aus. Zwischendrin leichter Landregen mit zu wenig Wasser. Jetzt am Wochenende halfen Kerstin und Thomas zusammen mit Carl beim Terrassenbau, vorher waren die Sockelputzer am Start. Vorn an der Straße, vorm Haus, legte ich den seit 15 Jahren eingewachsenen Kieselsteinhaufen frei und begann ihn abzutragen. Endlich. Dazwischen hatte ich Geburtstag und Asia schenkte mir das erste Accessoires für meinen zukünftigen Seminarraum Papilio, in dem am 6.7. der erste Workshop stattfinden wird. Davor und danach und währenddessen las ich Die Kinder von Hoy von Grit Lemke (Rottl schenkte es mir, er ist Teil des Buches) und erlebte ein Stück DDR, die ich ja kannte und die mir nah und warm und doch so fern erschien. Dazu die aktuellen Bezüge zu heute: ver(w)irrte und perspektivlose Jugendliche suchen ihre Identität in allen möglichen Schubladen und Gesinnungen und wir haben sie im Fokus und ignorieren, wie ganz Europa und allen voran die Mitte, die Intelligenz, die mit dem Geld nach rechts rücken. Dann habe ich den Plattenspieler aufgebaut, ein Geschenk von Andreas, und Lou Reed gehört. Als wäre es 1990 und ich in meiner Einraumneubauwohnung in Weißwasser, tanzend durch die Küche. Als wäre es gestern, aber dazwischen liegen 34 Jahre, der Verlust meines Berufes gleich 1990, der Verlust meiner Mutti, eine kaputte Ehe, viele kaputte Beziehungen (Du bist so kompliziert. Du hast solche Stimmungsschwankungen.), Dein Verlust, Lebenslustverlust an allen Ecken. Ich kämpfe an dagegen. Und eines Tages, vielleicht bald, vielleicht in weiter Ferne, ist es vorbei. Ganz und gar vorbei. Wieder ein Leben gelebt. Länger als meine Mutti war, länger als Du warst.

Was ist es für eine seltsame Täuschung, sich ständig jung zu fühlen, im Kopf, wo der Körper schon zu knirschen beginnt und man ja nun eben doch 54 ist. Das überlege ich und will doch im Oktober die dritte große Zusatzausbildung nach meinen Berufen als Erzieherin und Sozialpädagogin und der Gruppendynamischen und der Traumapädagogischen starten. Das ist bald und jetzt kommen mir Zweifel und ich habe Schiss vor meiner eigenen Courage. Aber kneifen ist nicht mein Ding. Du hast nie gekniffen. Du bist durch alles durch – durch das Glück, durch Wut, durch Freude, durch Schaffenskraft, durch Lust, durch Trauer, durch Leid und am Ende durch den Schmerz in den Tod. Ach könnte es der Anfang von etwas Neuem sein.

aufgeschrieben am 26.5.24

Lieber Alfons,

auch bei Dir blühen schon einige Pflanzen und Stauden. Der Rasen wird vom Klee okupiert, aber er verträgt die Hitze und den Rückschnitt. Im Moment ist es sehr trocken und darum mähe ich erst in den kommenden Tage. Ich bin die kommenden Tage zu Hause und kann mich etwas erholen. Die Arbeit ist sehr anstrengend. Bald feiern wir 11 Jahre Bahnhof. Gestern habe ich Carl einen kleinen Film gezeigt – ein grober und trotzdem guter Zusammenschnitt der zurückliegenden Jahre – da sah ich noch sehr jung aus, obwohl ich da auch schon 42, 43 Jahre alt war. Im Film gab es Ausschnitte von der rbb-96-Stunden-Aktion. Da warst Du vier. Ihr habt es zu Hause im Fernsehen verfolgt, während ich in Jamlitz dabei und arbeiten war. Und als ich nach Hause kam, sagtest Du: Mama, ich hab den Jörg gesehen, aber er mich nicht. Mit Vier lernt man erst diese absurden digitalen Möglichkeiten. Die Gleichzeitigkeiten. Hab ich Dir je diese Geschichte erzählt? Irgendwann vergißt man diese Episoden und dann stehen sie wieder vor einem. Und absurd daran ist vor allem, dass Du nicht mehr hier bist. Damals ahnte das niemand. Ich steckte so viel Kraft in den Bahnhof. Stecke ich immer noch. Hätte ich etwas anders gemacht? Du wusstest, dass ich meine Arbeit gern mache und gar nicht zur Arbeit muss, sondern immer wollte. Das bedeutete, dass es nur selten Blaumachtage gab, aber die hatten wir auch. Ich hab versucht, so viel wie möglich möglich zu machen. Gestern Abend sagte Carl zu mir, dass er mich lieb hat und mir dankt für so vieles. Das war sehr berührend. Vor ein paar Tagen noch probierten wir aus, wie es sich anfühlt, MUTTER auszusprechen und zu hören. Für mich furchtbar. Wir haben darüber auch gelacht und gesprochen, was sich warum wie anhört und was sich damit verbindet. Ich bot ihm an, mich Anett zu nennen, aber das fand er fremd für sich und ein paar Tage später war ich wieder MUTTI und zwischendrin auch mal die MAMA. Seit Du tot bist, hat er damit wieder begonnen.

So viele Worte um Nichts.

Und noch etwas für das Nichts. Ich fand zwei Gedichte, eins über mich und eins über Andreas, die schickte ich ihm. Weiter befinde ich mich auf der Reise von ihm weg oder hin zum Verstehen und in der ganzen Lächerlichkeit meiner Gefühle eingeklemmt, die nur noch Imagination sind. Was war überhaupt wahrhaftig? Da ist es wirklich wirklich schwer mit Deinem Sterben, aber der bedingungslosen Liebe zwischen uns, bin ich mir gewiss. Die gab es und gibt es. Das ist eine ganz wesentliche Erfahrung in meinem Leben, was ich mit Euch Kindern lernen, fühlen, sehen, spüren, aussprechen konnte. Was ich mit Andreas erlebte, fühlte sich auch wie Liebe an, aber geblieben ist nichts davon. Keine Erinnerungen, kein Austausch, kein Aufklären, keine Sprache, Hoffnung soundso nicht. Bei niemandem, nicht bei Andreas, bei keinen unserer Freunde. Noch trage ich die kleine Flamme mit mir herum, aber sie ist nun auch meinen Zweifeln ausgesetzt und niemand weiß, wie lange sie noch brennt.

Halina Poswiatowska:

ich brach einen Zweig der Liebe
tot begrub ich ihn in der Erde
und siehe
mein Garten erblühte

man kann die Liebe nicht töten

wenn du sie in der Erde begräbst
wächst sie nach
wenn du sie in die Lüfte wirfst
treibt sie Flügel
wenn ins Wasser
blinkt sie in den Kiemen
wenn in die Nacht
leuchtet sie

also wollte ich sie in meinem Herzen begraben
aber das Herz war meiner Liebe Zuhause
mein Herz öffnete seine Herzenstür
und ließ seine Herzenswände in Liedern erklingen
mein Herz tanzte auf Zehenspitzen

also begrub ich meine Liebe im Kopf
und die Menschen fragten
warum mein Kopf die Form einer Blume hat
warum meine Augen wie zwei Sterne leuchten
warum meine Lippen röter sind als das Morgenrot
ich packte die Liebe um sie zu zerbrechen
doch sie war biegsam umschlang meine Hände
und meine Hände sind von Liebe gefesselt
die Menschen fragen wessen Gefangene ich bin

Georg Trackl:

Einer Vorübergehenden

 

Ich hab‘ einst im Vorübergehn
Ein schmerzensreiches Antlitz gesehn,
Das schien mir tief und heimlich verwandt,
So gottgesandt –
Und ging vorüber und entschwand.

Ich hab‘ einst im Vorübergehn
Ein schmerzenreiches Antlitz gesehn,
Das hat mich gebannt,
Als hätte ich eine wiedererkannt,
Die träumend ich einst Geliebte genannt
In einem Dasein, das längst entschwand.

Lieber Alfons,

wahrscheinlich am 17. Mai, aber vielleicht doch schon eher, ist die Schmelze-Oma gestorben. Weißt Du noch, die mit den Hähnchenkeulen, Reis und Pilzen? Du mochtest das sehr. Ihr lieft gemeinsam in den Biedronka und kauftet dort ein, später kochte Oma das Essen für Dich. Sechs Jahre nach Dir. Zehn Jahre nach Opa? Noch nicht alt. Niemand weiß, was kommt.

Lieber Alfons,

wieder, wie schon im letzten Mai und Juni, brütet ein Amselpaar im Rosenbusch am Hauseingang hinten. Dort, wo sonst Deine Schauckel angebracht war, wo sich Deine Finger bis heute an den beiden Holzpfosten festhielten oder abstießen, wenn Du schauckeltest. In diesem Jahr mache ich mir keine Sorgen mehr wegen des menschlichen Lärms – sie kommen damit zurecht. Vielleicht ist es das selbe Pärchen, dann hat es sich bestimmt an uns gewöhnt. Auf dem anderen Foto siehst Du frisch geschlüpfte Kücken des Hausrotschwanzes. Er brütete in der Kletterhortensie am Pflanzenhaus. Aber heute, zehn Tage später, war das Nest leer. Im Internet laß ich, dass sie 14 Tage brauchen, um flügge zu werden. Eines Tages dann lag im Garten auch ein Vogel. Ich dachte, es wäre eine Amselfrau, aber vielleicht war es der Hausrotschwanz und die Kinder sind aus dem Nest gefressen worden?

Es ist schwer für mich zu sehen, wenn ein Baum gefällt, ein Vogel totgefahren und Insekten zerquetscht werden. Einen früh sah ich vor Frau Ludwigs Grundstück einen toten Amselmann und am Abend gegen 20 Uhr fehlte er auf unserem Dach und es war still, niemand sang. Schon am nächsten Tag war ein neuer Amselmann da. Und der Hausrotschwanz sitzt auf der Dachrinne, etwas tiefer, und pfeifft auch sein Lied. Einmal saß ich im Garten und er saß auf dem Glaushausvordach. Er sah mich mit schrägem Köpfchen an und lief hin und her und schaute wieder nach mir. Ich will unseren Bezug zu den Tieren nicht vermenschlichen, aber es fühlte sich an, als wäre er in Sorge um mich.

Auf den anderen Bildern siehst Du Pflanzen, Stauden, die ich im Frühjahr gekauft habe und nicht nur ins Kräuterbeet eingesetzt habe. Das ist zur Zeit meine größte Freude,

aufgeschrieben am 5.5.24

Lieber Alfons,

am 3.5.24 saß ich am Nachmittag bei Konstanze auf dem Friseurstuhl. Diesmal schnitt sie 10cm meiner Haare ab und wir mussten lachen, als wir uns daran erinnerten, dass Du früher jedesmal nach meinem Friseurgang sagtest: Mama, du siehst aus wie immer. Diesmal nicht. Aber wer will das schon wissen?

Am 3.5.18 bist Du am Nachmittag, nach einem kleinem Spaziergang, vor unserem Haus zusammengebrochen. Du warst am Tag bei Tante Elke, weil Du immer wieder krank warst und tageweise zur Schule gingst und dann eben nicht und an diesem Tag holte ich Dich ab von ihr und zu Hause erbrachst Du Dich vor der Tür und konntest Dich nicht mehr auf den Beinen halten. Ich trug Dich schon einen Teil des Weges auf meinem Rücken, aber dann wolltest Du runter, ranntest 20m zum Haus, erbrachst Dich und bliebst liegen. In der Nacht kam der Rettungsdienst. Deine Vitalwerte waren in Ordnung. Am nächsten Tag fuhren wir zur Kinderärztin, mittags schon lagst Du im Krankenhaus in Weißwasser, am Abend schon im CTK. Dein Leukozytenwert: 0. So oft habe ich diese Geschichte erzählt, dass wir nach drei Wochen wieder das erste Mal zu Hause waren und ich zu Dir sagte: Siehst du, du bist wieder zu Hause. Das sagte ich deshalb so ausdrücklich und ernst und wollte Dir die Angst nehmen, die Du am 4.5. hattest, als wir von der Kinderärztin zurück nach Hause fuhren, um die Sachen für das Krankehaus zu packen. Ich packte und Du saßst am Küchentisch und sagtest mit Angst und Gewissheit in der Stimme: Mama, ich komme nie wieder hierher zurück. Was hast Du gesehen? Geahnt? Gewusst? Kann sich das jemand vorstellen, wenn sowas das Kind sagt? An einem sonnigen und warmen Tag, an dem man Eis isst und Pläne macht und die Schule auswertet. Wir sprachen über die Hölle. Das Leben war plötzlich abwesend. Ich stand da wie vom Schlag gerührt und versuchte zu mildern: Wir kommen zurück. Bestimmt. Versprochen. Was man so sagt. Ich hatte solche Angst, aber was war mit Deiner Angst? Ich musste mildern. Ich musste Hoffnung geben.

 

Diese Tage sind heute noch immer wie gestern. Die Dauerangst, die Daueranspannung, die Dauerfurcht, die Dauerparalyse, der Dauerschock und das Nichtfliehenkönnen, das Nichtabstreifenkönnen der neuen Wahrheit, die Isolation, der Ausnahmezustand waren wieder da. Kommen zurück, waren nie weg seit dem 3.5.18. Das kann man sich nicht vorstellen. Nicht mal ich heute. Das liest man und denkt, dass es Gott sei Dank nicht mich betrifft, nicht uns. Aber dann traf es uns. Aus heiterem Himmel. Wir hatten kein superglückliches Leben. Aber eins ohne Anwesenheit des Todes. Aber nun hatte er angeklopft. Und Du hast es sofort gewusst. Das alles und über Jahre hinweg schafft eine körpergroße Wunde, die ständig suppt, wo ständig Dreck von außen reinkommt oder von innen keine Kraft zum Heilen vorhanden ist. Ich weine ohne Anlaß, verliere die Kontrolle über mein Ich, erstarre im Supermarkt, bin ohne Konzentration, bin weit weg Damals, suche Dich beständig und spreche mit Dir, murmel vor mich hin. Wer mag sich abgeben mit so einem Menschen? Keiner hält es aus, auch Andreas nicht, wo ich mir doch so sicher war und mich sicher fühlte. Dabei läuft alles – die Arbeit, das Haus, der Garten, Carl geht es besser, die Erde ist noch nicht unter gegangen, Pläne werden geschmiedet. Sie funktionieren, sagt meine Therapeutin und meint, jetzt kommt alles erst nach und nach in meinem Kopf an. Das ich Dich verloren habe, verlassen musste, Dich beerdigen musste, von Dir gehen musste, Dich nicht beschützen konnte, Dir den Schmerz nicht abgenommen habe, Dich nicht mehr berühren zu können, nicht mehr riechen und hören… Ich weiß tausend Wörter für diesen grauenvollen und ungeheuerlichen Zustand.

 

Carl und ich sind am 30.4.24 zum Hexenfeuer. Das letzte Mal war ich am 30.4.2018 mit Dir dort. Damals noch bei der großen Wiese unmittelbar an unserem Haus, zwei Straßen rüber, durch den kleinen Wald vor unserer Tür. Es ging Dir sehr schlecht. Du warst kalkweiß. Konntest nichts essen und auf der Hüpfburg – da wolltest Du unbedingt rauf und sammeltest alle Deine Kräfte dafür – standest Du am Rand. Erst später am Abend ging Papa mit Dir Bälle werfen und Du brachtest ein Geschenk nach dem anderen. Lachtest und warst glücklich. Einige davon sind noch in meinem Auto in der Mittelkonsole. Als Carl und ich nun sechs Jahre später die Straße runter zur Neiße liefen (nach Corona wurde das Feuer an die Stelle verlegt, wo es früher ab und an ein Osterfeuer gab), dachte ich, spürte ich, ich laufe zwischen meinen beiden großen Söhnen. Zwischen Dir und Carl. Wir haben gealbert mit Carl, wir lachen manche Tage. Wir sprachen von Dir und damals. Beim Feuer waren wir jedoch sofort isoliert. Es ist so, als wäre ich kontaminiert und es ist auch so, als wäre es in meiner Verantwortung, Dich nicht groß bekommen zu haben. Das entsteht natürlich in meinem Kopf. Es sind meine Vorwürfe an mich selbst und die kalte und ignorante Umgebung gibt mir den Rest. Aber ein Versuch war es wert und Carl tat es gut, etwas Normalität. So wie es Dir 2018 gut tat, etwas Normalität inmitten des Abgrundes, der sich vor uns auftat.

 

Heute habe ich den ganze Tag gebraucht, um Dir zu schreiben, um im Blog zu schreiben. Warum ist es so anstrengend für mich? Ich bin ohnehin bei Dir, jeden Tag und gedanklich fast immer. Jetzt lade ich noch Bilder aus dem Garten hoch. Wiesenschaumkraut. Vergissmeinnicht. Männertreu… Und einen Frosch… Wir hätten viel Freude daran.

Schlafgutträumwasschöneshabdichliebundgutenacht. Unser Spruch. Jeden Abend. Mein Kind. Du lebst hier, in meinem Herzen.

aufgeschrieben am 14.4.24

Lieber Alfons,

die Wochen verfliegen jetzt. So wie früher. Die ersten dreivier Jahre nach Deinem Tod konnte ich die Sekunden und Minuten tropfen hören in mir, sie hallten in der Leere laut wie der Schlag auf einen Blecheimer. Daneben passierte nichts, obwohl ich ja arbeiten war und auch einige Sachen tat. In meinem Kopf ist ein großer Nebel über diese Zeit. Im fünften Jahr und jetzt im sechsten Jahr Deiner Abwesenheit, tauchte ich daraus auf. Aus dem Nebel. Aber leichter wurde nichts. Denke ich an das Davor, dann ist alles voller Leben in meinen Erinnerungen. Nur das mir die Tränen in die Augen steigen, wenn ich die Erinnerungen hochhole und an sie denke. Es stellt sich kein: Schön, dass es sie gibt ein. Auch kein Schön, dass Du warst. Das ist ja klar, aber ich will es nicht in der Vergangenheit denken. Ich will nicht dankbar sein für die Zeit mit Dir, weil das ja heisst, die Zeit war und ist nicht mehr und Du bist nicht mehr. Weil Du tot bist. Aber das bist Du nicht für mich. Es ist so sinnlos, über all das nachzudenken und zu schreiben. Es macht Dich nicht lebendig. Früher saß ich jeden Sonntag am Rechner und schrieb über Dich und hielt atemlos alle Geschichten fest, damit nichts verloren geht. Aus diesem Ritual wurden zwei Wochen und dann drei und nun habe ich fünf Wochen nicht geschrieben. Nicht von dem Jetzt und nichts über die Vergangenheit, obwohl viele Geschichten nicht erzählt sind. Das macht mich wütend und ich möchte dazu zurückkehren zu dieser Zeit, wo nichts eine Rolle spielte. Wo ich einfach mit der Trauer war. Aber zurückzukehren ins Leben heisst eben auch rastlos zu sein und die Dinge, die erledigt werden, aneinanderzureihen und dann verfliegen die Tage.

In der Zwischenzeit hatte Carl seinen 23. Geburtstag und Du Deinen 15.. Elke, Holger, Don, Carl und ich besuchten Dich am 3.4.24 zur Mittagszeit. Schwester Maren dachte an Dich, Deine Tante Carmen, eine Handvoll schrieb und von vielen weiß ich nicht, was sie denken. Sie denken an Dich und doch schweigen sie. Am Nachmittag waren Jakob, Rajdo und Friedrich da und seine Schwester Rosa, Olga uund Franzi. Sie kommen, weil sie Dich besuchen wollen und auch wenn die Gruppe kleiner und kleiner wird, werden vielleicht zweidrei für immer bleiben. Wer weiß. Sie sind das erste Mal nicht mehr mit Deinen Rädern und Rollern umhergefahren und spielten kein Verstecken mehr. Sie sind jetzt 14/15 und haben dieses Jahr Jugendweihe. Sie sind so groß geworden, Alfons. Ich messe mich still in ihrer Gegenwart und weiß, Du wärest schon größer als Carl und ich… Du wärest jetzt mitten in der Pubertät und vielleicht wäre es nicht so einfach hier zu dritt, aber ich stelle es mir sehr schön vor. Diese Schönheit, dieses Glück, diese besonderen Momente von Frieden und Stress und Lachen und Tränen wird es nie geben. Und das war ist, ist schwer zu tragen.

Dein 15. Geburtstag

Immer zu Deinem Geburtstag schreibe ich ein paar Zeilen und verschicke sie an unsere Freunde und Freundinnen…

Download:

Asia und ich waren am Meer

Die Entstehung des neuen Kräuterbeetes und weitere Neupflanzungen (Stauden)

aufgeschrieben am 3.3.24

Lieber Alfons,

jedes Wochenende bin ich im Garten. Oder mache mit Carl Holz. Bald kaufen wir eine Elektokettensäge.

Im Garten habe ich jetzt an mehreren Tagen das alte Kräuterbeet umgegraben und Schilfwurzeln entfernt. Nicht alle. Noch stehen darauf auch violette Krokusse, die seit dreivier Jahren immer wiederkehren. So viele und ich weiß nicht, woher sie gekommen sind. Ich will das Beet neu anlegen, Pflanzen sind bestellt und frische Muttererde kommt nächste Woche. Ein letztes Mal so eine Plackerei. So denken ich oft: das machst du, Anett, noch einmal und kein zweites Mal in diesem Leben. So denke ich häufiger. Ich denke: ich bin im letzten Drittel meines Lebens, bleibe darin allein. Ich kann jetzt alles sehr bewusst tun. Eines Abends, Carl hatte gekocht und wir haben danach lange miteinander gesprochen, erzählte ich ihm, wie ich mit 22 dachte: Das Leben ist endlich, aber mich betrifft es nicht. Das Leben hat so viel Zeit und ich stehe am Anfang und manchmal weiß ich gar nichts damit anzufangen, lasse mich treiben, finde Gefallen, will nicht allein sein, verfange mich in Haltungen und Aufgaben und bekomme Kinder. Dann kamen Jahre die auch voller Entbehrungen waren, wo ich viel Kraft für das Durchhalten brauchte und dann war ich schon 48 und Du warst furchtbar krank und ich unglücklich mit allem. Mit Deinem Sterben wäre ich zu gern mitgestorben. Ich erinnerte mich – wie durch eine Fügung – daran, dass ich 17 war, als meine Mutti sich das erste Mal versuchte das Leben zu nehmen. Für mich brach damals alles zusammen, obwohl ich weitermachte und funktionierte. Ich war so alt wie Carl alt war, als Du starbst. Was wäre aus ihm geworden, wäre ich auch gestorben? Darüber sprachen wir an jenem Abend nicht. Nur vom Rausch, alle Zeit der Welt liegt noch vor einem und dann sind die Jahre weg. Und heute weiß ich, wie wunderbar einfältig dieser Gedanken damals war und das er nie wiederkommen wird und auch nicht die vielen Jahre. Aber diese brauche ich auch nicht mehr. Vielleicht bleiben mir 10 oder 20 oder 30 Jahre? Vielleicht auch nur noch wenige Monate. Da hätte ich etwas Panik, wegen der vielen Dinge von Dir und Carl, die ich nicht dem Vergessen preisgeben möchte. Aber wohin mit ihnen?

Aber erstmal habe ich – auch zum letzten Mal in meinem Leben – mich zu einer Ausbildung angemeldet. Im Herbst beginne ich mit einer Supervisionsausbildung. Du wirst jetzt 15 und wir hätten dann, da wärest Du bereits in der 9. Klasse, zusammen von Schule und dem Lernen sprechen können. Das wäre was! So erzähle ich Dir davon, nur kannst Du mich nicht mehr frech necken oder übermütig darauf reagieren. Aber vielleicht wärest Du in der Pubertät und hättest auf all das so gar keine Lust. Dann hättest Du Dein Wort gebrochen: Mama, so frech wie Carl werde ich einmal nicht sein, wenn ich in der Pubertät bin. Du hast Wort gehalten, Alfons. Auf so schreckliche Art und Weise bist Du Dir treu geblieben. Du tatest Dich immer schwer mit Entscheidungen, aber hattest Du sie getroffen, warst Du klar und stark in ihr.

Ich vermisse Dich unendlich.

aufgeschrieben am 13.2.24

Mein lieber Alfons,
nur ein paar Tage liegen zwischen dem ersten und dem zweiten Foto. 11 Tage. Mitte und Ende Januar. Der leichte Frost tat gut nach so viel Regen und Feuchtigkeit zuvor. Und so ist es auch jetzt wieder. Nur Sonnabend war die Sonne draußen, gleich solche Wärme, die nicht mehr nach Frühling roch, stattdessen die Sinne irritierte, meine Sinne. Ach, wäre es noch kalt geblieben! Jetzt stecken die Frühlingsblüher ihre Köpfe aus der Erde und ich befürchte, alles ist grün und dann kommen die Sockelverputzer und die Heizungsbauer und die Maler und ein Teil der Stauden wird niedergetreten. Vielleicht hebe ich so doch aus und pflanze sie an eine andere Stelle? Im Hof müssen Carl und ich viel freiräumen, noch Bäume und Büsche verschneiden, die Schuppen leerräumen. So sehr wie ich mich darauf freue, dass das endlich passiert und geschieht, so sehr habe ich keine Lust auf das Rumräumen. Obwohl Carl und ich ja zu zweit sind, fühle ich mich einsam, uns einsam, uns ohne Familie. Ich denke darüber nach, dass das letzte Drittel meines Lebens begonnen hat und ich im Herbst noch einmal eine Ausbildung (zur Supervisorin) beginnen werde. Dann ist Carl mit seiner Ausbildung fertig und Du wärst Anfang der 9. Klasse. Groß geworden. Erwachsen geworden. Ich sehe Dich oft bei mir, bei Carl. Über uns hinausgewachsen – als Du acht warst, trugst Du Carls Nickis, die er mit 12 getragen hatte. Auch seine Caps, solch großen Kopf hattest Du. Solch schönes dichtes schwarzes Haar, solch schöne blauen Mandelaugen, einen vollen lachenden Mund. Sie haben aber zwei hübsche Jungs, sagte eine fremde Frau beim Einkaufen zu mir. Ja, sagte und lächelte ich voller Stolz.

Am Sonnabend war Anne hier, bald ist ihr Sohn 9 Jahre tot. Wer will das begreifen, wie es ohne Euch ist? Wie schwer man mit den Vorwürfen geht, nicht alles, nicht das Richtige, gar das Verkehrte getan zu haben? Wer will sich vorstellen, dass das Kind nicht sein Leben leben kann, was es will und liebt? Du hast so viel in diesen letzten Wochen mit Dir selbst ausgemacht. Nicht gehadert! Nicht geklagt oder gejammert. Was erlebe ich für unerträgliche Menschen, die über Kleinigkeiten und Nebensächliches greinen! Menschen, die Menschlichkeit fordern und die Kälte der Welt beklagen und sich von den Nächsten abwenden, die Hilfe brauchen.

Ich sehe uns hier am Tisch zu dritt, auch wenn nur Carl und ich zu Abend essen. Sehe im rumschleichenden Yuriy Dich. Der sich nah an mich legt, wenn ich am Küchentisch sitze und arbeite. Die Jahre werden weniger, wo ich Dich vermissen und ohne Dich auskommen muss. Bei dem Wort muss fallen mir die vielen überflüssigen Floskeln und Hinweise ein, dass man nichts muss, nur sterben. Menschen sagen das, die sich mit dem Sterben niemals beschäftigt haben. Das man nichts müssen muss, ist eine Ausgeburt des Überflusses, des Übermutes, des Überdrusses. Carl sagt oft Wohlstandsverwahrlosung dazu. Weil wir nicht hungern müssen, denken wir, niemand muss hungern. Aber tatsächlich leben die meisten Menschen unter unzumutbaren Bedingungen und sie können es sich nicht aussuchen, ob sie diese wollen und ob es ihre Entscheidung ist, darin zu leben. Nein, sie sind da hineingeboren und müssen viele Entscheidungen annehmen. So wie Du nicht entscheiden konnte, ob Du krank bist und sterben wirst. Und ich nicht auswählen durfte, Dich zu vermissen. Ich muss heute aushalten, Dich zu vermissen. Du musstest erkennen, sterben zu müssen. Eine Welt voller Müssen.

Wenn ich die gegenwärtige riesige Unordnung betrachte – politisch, ökonomisch, ökologisch, menschlich, gesundheitlich, gesellschaftlich, dann ist das nur die Fortsetzung vom dem, was mit Deinem Sterben begann. Etwas so Sinnloses wie Dein Leid, Dein Schmerz, Dein Sterben war in der Welt und multipliziert sich seitdem unaufhörlich. Ich empfinde Carl und mich manchmal wie in einer Nussschale. Verlassen. Ich glaube, in uns ist noch Leben und Liebe und vor allem viel Sehnsucht, aber ich bin auch sehr müde, Alfons. Du fehlst mir, uns.

Vor jedem Schreiben im Blog habe ich Angst, Angst vor den Tränen und dem Schmerz. Am Anfang, im Januar 2019, schrieb ich so hart und viel und alle Erinnerungen festhaltend gegen das Ungeheuerliche Deines Todes an, wie im Wahn, Dich damit zu halten, zurückzuholen, einzuholen, einzufangen, festzubinden, aufzuhalten. Es ist nicht gelungen, aber ich war, so tief es eben ging, bei Dir im Schreiben und mehr hatte ich nicht. Mehr habe ich immer noch nicht, aber das Schreiben lindert nicht mehr den Schmerz, wenigstens für einen Moment, nein, das Schreiben jetzt bohrt kleine Löcher in mich und schüttet Dynamit hinein und sprengt mich auf. Ich suche Dich dann in meinen zersprengten Fasern und bekomme Dich nicht gehalten, vor allem nicht zurück. Ich sollte vielleicht aufhören, wenn es mich so kaputt macht. Aber das Schreiben ist zugleich das was lebt zwischen uns und ich kann nicht aufhören, weil Du dann ganz versiegst? Warum, Alfons? Warum passierte dieses Leid Dir? Warum mir? Warum geht Dein großer Bruder, den Du liebst, nun wie ein Erwachsener schon durchs Leben? Eines Tages wird das alles Zuende geschrieben sein und still werden um mich. Dann liege ich bei Dir.

aufgeschrieben am 21.1.24

Lieber Alfons,

tagelang suche ich nach Ruhe, außen und in mir, um Dir zu schreiben. Von Donnerstag auf Freitag träumte ich von Dir und wahrscheinlich von der Familie. Wir taten etwas gemeinsam, wir lachten und sprachen. Du warst noch keine 15, wie Du es bald hättest sein können. Es ist mir etwas merkwürdig zumute, was die deutsche Sprache für Ausdrucksformen zulässt. Hättest du 15 sein können? Nein. Nicht, wenn man gestorben ist. Nur in meinem Kopf sehe ich Dich bereits Carl und mir von der Höhe her entwachsen. Kohlrabenschwarzes Haar und seeblaue Augen, dazu ein breitlächelnder Mund aus vollen Lippen. Das war immer so, wenn Du stolz auf etwas warst. Auf Dich, die Situation, mich, die Familie, das Geschaffene… Aber in dem Traum warst Du 9 Jahre und es war so schön, beieinander zu sein. Aber dann kam was dazwischen. Auf jeden Fall wurde ich wach von meinem lauten Weinen und Flehen, dass es doch nicht sein könne und ich habe Andreas‘ Hand gesucht, die mich zu beruhigen versuchte. Aber sein Platz ist leer. Oft gelang das Beruhigen auch nicht, aber er war als vertrauter Mensch da und ich nicht allein. So lag ich einsam weinend und dachte an Dich und musste mich an diesem Morgen erneut daran gewöhnen, dass Du tot bist. Einen Tag später, von Freitag auf Sonnabend, träumte ich von Andreas und das er nicht mehr ist. Nicht mehr hier ist. Wie lange wird das noch so sein? Wird es je anders, besser, leichter? Gestern sortierte ich Fotos auf meinem Rechner. Vieles ist durcheinander geraten, seit mir vor einem Jahr meine alte Festplatte kaputt ging und nun auf der Datenrettungsplatte ein Chaos herrscht. So ordnete ich also und fand ein Foto von Carl und mir, vielleicht ein oder zwei Monate nach Deinem Tod. Wir sind damals oft ins Schiller gegangen. Dort waren wir beide auch, auch zu dritt und dort konnte ich sein, da tat es nicht weh, weil Du vielleicht in der Nähe warst? Wir haben ein Selfie gemacht und beim Betrachten jetzt, dachte ich, wir wären Zombies. Unsere Haare waren nicht gekämmt und stumpf und struppig, die Gesichter grau, die Augen rotverquollen. Wir lachten mit schiefen Mündern in die Kamera. Warum? Wir haben weitergemacht. Irgendwie. Die Zeit nach Deinem Tod ist wie gelöscht. Ich habe nur einzelne Bilder in mir: in der Küche am Tisch sitze ich im Nachthemd, gegen Mittag, und weine und schreie und klage. Ich habe damals oft das Wort Ungeheuerlichkeit benutzt. Ich konnte ansonsten nichts tun. Rauchen, weinen, Kaffeetrinken, jemanden anrufen. Wie konnten wir Dein Wegsein, Dein Leid, Deine Qualen, Deine verlorenen Hoffnungen ertragen, verdauen, annehmen, verwinden, akzeptieren? All das stimmt in keinster Weise. Ich bin so wund wie damals und so voller Nichtverständnis wie damals und so von Schmerz zerfressen und traurig und stumm und verletzt. Und doch, jetzt, nach über fünf Jahren, mache ich Pläne für mein Leben. Damals war das nicht einfach nur unvorstellbar, sondern es kam in meinem Gehirn, in meinem Denken nicht mehr vor. Zukunft war wie ein gelöschtes Wort und wie eine Lücke einer nicht vorhandenen Erinnerung.

Nun werde ich noch einmal eine Ausbildung machen, Alfons. Wir hätten zusammen gelernt, wenn Du weiter hier gewesen wärst. Aber so bleibt uns nur die Verbindung durch die Luft, vorbei an der Sonne und hin zu den Sternen, da treffen wir uns im Traum und werden uns flüchtig berühren, um uns nicht zu erschrecken, wenn wir erwachen. Ich habe Dich wirklich und dolle und sehr sehr lieb. Deine Mama

aufgeschrieben am 1.1.24

Lieber Alfons,

der Jahreswechsel ist geschafft. Gestern noch war ich bei Dir, mit Yuriy, der zog und zog, aber auf dem Friedhof läuft er friedlich an meiner Seite und wagt es nicht, die Büsche anzupieseln! Meistens, während ich Deine Kerzen anzünde, trinkt er aus der Vogeltränke. Diesmal nicht. Er legt sich immer Dir gegenüber hin. So wie auf dem Foto. Du hättest Deine Freude an ihm. Carl und ich haben schon ein paar Mal gesagt, das ein Teil von Dir in ihm ist. Er ist wie ein Flummi und springt oft rehartig durch den Garten oder hüpft im Flur auf und ab, wenn es ihm nicht schnellgenug nach draußen geht und dabei dauert es dann noch länger, weil Carl geduldig auf ihn wartet. Er meckert auch, wenn wir uns unterhalten (Du sagtest dann immer entrüstet: Du machst immer nur was mit Carl! Obwohl Carl schon in der Pubertät war und gar keine Lust mehr auf uns als Eltern hatte und später, als er ausgezogen war, sah ich ihn noch seltener.) Manchmal hält Yuriy seine Nase in die Luft und erschnuppert etwas oder scheint etwas zu sehen in der Dämmerung und dann denke ich sehr sicher und klar, er spürt Dich. Gestern gab es an Deinem Grab eine Situation, wo ich kurz Einhalt gebieten wollte und ich sagte: Alfi! zu Yuriy. Das passiert selten, aber manchmal. Vielleicht werde ich alt.

Weihnachten und am 1. Feiertag war ich arbeiten, danach zu Hause. Carl und ich sind krank. Ich schon vier Wochen. Ich habe Zeit und würde mir gern die Fotoalben anschauen, die ich für Dich (genauso wie für Carl) jedes Jahr zum Geburtstag gebastelt habe. Aber ich kann es nicht. Ich denke daran und muss weinen. Es wird also nicht anders mit der Trauer und dem Schmerz. Ich habe ja versucht, ins Leben zurückzukehren, aber die tiefe Freude bleibt weg und die ganzen Bemessungsgrundlage wie Das Leben ist schön. Alles wird gut. Jeder ist seines Glückes Schmied.sind hohl und dumm. Für mich. Oder auch einfach falsch, wie der letzte Spruch. Ich muss mich damit auch nicht beschäftigen, aber sie begegnen einem ständig. Ebenso wie Achtsamkeit. Warum sagt den Menschen niemand, dass es dabei nicht um den eigenen Bauchnabel geht, sondern um die Menschen, die einem nah sind, die in Not sind, die krank sind, die Hilfe benötigen? Alle klagen über die Kälte der Gesellschaft und vergessen, vor ihrer eigenen Haustür zu kehren. Aber wenn ich klage, dann muss ich doch wissen, wie es sein soll oder? Sollte es Sprüche geben wie Das Leben ist nicht für alle schön. Nicht alles wird gut. Nicht jeder ist ein Schmied und hat den Zugang zu Feuer und Eisen. Ich bin nicht damit einverstanden, dass wir unser Leben in der Hand haben. Das wir entscheiden, wo wir sind und was wir tun werden. Das stimmt zum Teil, aber nicht nur Dein Tod hat alles unsicher gemacht, sondern auch kleinere Dinge und Gegebenheiten zwingen uns Situationen auf, für die wir uns nie entschieden hätten. Mein Freund verlässt mich und ich will das gar nicht und erst recht nicht den Verlust ertragen und allein sein und mit tausenden Fragen zurückbleiben. Es ist so mühsam, nach diesen Krisen die Strippen des eigenen Lebens wieder in seine Hände zu nehmen, um wegzukommen von der erdrückenden Ohnmacht, ausgeliefert zu sein. Eine kranke Freundin schrieb mir: Ich hab so Sehnsucht nach meinem Leben. Und ich sah Dich vor mir: Ich will auf den Weihnachtsmarkt. Ins medizinhistorische Museum in Berlin. Mit dem Wohnmobil reisen. Meine Freunde sehen. In die Schule gehen. Nichts ist daraus geworden. Und ich lebe jetzt und fange damit gar nichts an oder? Ich sitze, liege, bin krank, lese, denke an die 15 oder 20 Jahre, die verbleiben und wie ich meine finanzielle Situation verbessern kann, hier im Haus, für Carl und mich. Warum aber so viel nachdenken? Von einem auf den anderen Tag warst Du sterbenskrank und nach nicht ganz sechs Monaten bist Du gestorben und wir konnte in der Zeit nichts mehr tun. Ich erinnere mich an unsere letzte Umarmung: Mama, können wir uns einmal drücken? Wir beide mit Mundschutz und Schutzanzug, kurz bevor ich Dich im Rollstuhl nach draußen schob, einen Sonnabend. Am Montag darauf haben sie Dich ins Koma gelegt. Wer weiß das vorher? Damals dachte ich, als ich Dich nach draußen schob, ich haue ab mit Dir. Aber mit einem sterbenskranken Kind haut man nicht ab. Jeden Tag lese ich davon, was die Welt zulässt an Grausamkeiten gegenüber Kindern. Wir hatten nur ein kleines, überschaubares Problem im Vergleich dazu. Aber der Tod, der Tod ist gleich für alle und tut gleichweh und reißt Wunden auf und macht ein Weiterleben schwer.
Ich liebe Dich. Unendlich. Wirklich? Hast Du mich auch wirklich lieb? hast Du immer gefragt. Zu Weihnachten habe ich Dir einen Porzellanengel mit schwarzen Haare gebracht und hier auf dem Tisch steht eine Kerze für Dich mit vielen Herzen und der Aufschrift hdgdl. Deine Mama

aufgeschrieben am 3.12.23

Das Portfolio von meinem toten Alfons im Gedenkbuch an die verstorbenen Kinder in der Charité.

Lieber Alfons,

nach Deinem Tod stellte ich den Blog ein. Erst im Januar 2019 begann ich, meine Geschichten mit Dir und Carl, meine Erinnerungen aufzubewahren und aufzuschreiben. Jeden Sonntag.

Ich weiß nicht, wann daraus zwei Wochen und später drei Wochen wurden. Heute sehe ich, mein letzter Eintrag ist von vor einem Monat. Dabei denke ich in mir oft, dass ich schreiben möchte und es sehnt mich danach, so wie es mich nach Dir sehnt.
Aber die Tage sind voll. Voll wie damals als das Leben sprudelte. Jetzt ist es nur gnadenlos überfrachtet mit zu viel Arbeit und zu viel Schmerz. Ich weine um Dich wieder jeden Tag und zürne Andreas für seine Trennung von mir. Aber ja, Carl wohnt wieder hier und wir lachen oft, öfter als ich dachte, dass ich noch zum Lachen in der Lage bin. Also ich möchte schreiben und werde schreiben und möchte in meinem Leben etwas ändern und nicht mehr so viel mit mir machen lassen. Von diesen Schmerzen und Krisen und Katastrophen. Ich liebe Dich. Deine Mama

aufgeschrieben am 5.11.23

Lieber Alfons,

Kerstin ist vergangene Woche nach dreißig Jahren in Bad Muskau zurück zu ihren Eltern nach M. gezogen. Davon war sie zwanzig Jahre eine Tagesmutti. Wir haben zusammen in Altenburg eine Erzieher-Ausbildung bis kurz vor der Wende absolviert und auch einige Monate gemeinsam in einem Kinderheim gearbeitet. Zwanzig Jahre später, 2010, warst vom ersten Lebensjahr (also mit 1,5 Jahren bist du zu Kerstin gekommen) bis zum vierten bei ihr. Du kanntest den täglichen Spazierweg auswendig und hast einmal als kleiner Junge einen Plan davon gemalt, vom Katzenberg. Es war so eine schöne Zeit. Du warst aufgehoben und fühltest dich wohl, sage Carl gefiehl es und ab und an fuhr er dich mit seinem Rad bei Kerstin besuchen. Am Anfang bin ich in jeder Mittagspause von meiner Arbeit in der Turmvilla und später in der Obermühle zu Kerstin gefahren und habe dich – schon völlig müde – in den Schlaf gesungen. So lange, bis du das nicht mehr brauchtest und allein einschlafen konntest. Bei Kerstin war es dunkel zum Mittagsschlaf, bei uns zu Hause immer hell. Aber schnell hast du dich daran gewöhnt, dass man im Dunklen wie im Hellen einschlafen konnte…. Jetzt hat mir Kerstin alle Fotos von dir, gerahmte und lose, über Konstanze gebracht und dabei erfuhr ich davon, dass für Kerstin ein neues Leben beginnt. Ich wollte sie unbedingt sehen, um mich zu verabschieden und zu bedanken. Das hat noch geklappt, zweidrei Tage vor ihrem Wegzug und Umzug. Ich musste schnell überlegen und entscheiden, was ich ihr schenken kann und habe mich für dein getöpfertes Blatt entschieden. Du hast deine Dinge immer gern mit den Farben bemalt, die noch andere farbliche Effekte beim Brennen hervorbrachten, wie hier das Blau auf dem Gelb. Und fast wirkt das Blatt wie ein Herbstblatt mit dunklen Tupfen. Ich habe eine neue Kerzen draufgestellt, mit Hagebutten und Efeu von zu Hause. Kerstin hat sich sehr gefreut. Ich vergaß es, aber ich hätte ihr durchaus noch erzählen können, dass die Hagebutten von der wilden Rose stammen, die sie mir einst von sich auf dem Hof beim Haus auf dem Berg ausgegraben hatte. So viel bleibt bei mir, obwohl ihr beide, Kerstin und du, nicht mehr seid. Auf unterschiedliche Art nicht mehr seid. Sie hat mich lange und fest gedrückt und dabei gezittert. Sie ist immernoch so zart und wirkt zerbrechlich und sie hat dich zum Laufen gebracht, mit anderthalb, weil du zu schwer warst. Später hast du dich mit deinen vier Jahren um die Kleineren gekümmert und hast sie beim Spazieren an die Hand genommen, wie Tessa, mit der du dann zusammen in den Kindergarten gewechselt bist. Eine Geschichte folgt auf eine Geschichte. Aber hier endet etwas. Kerstin zieht weg und seltsamerweise bist du tot, aber durchaus lebendig in mir.

aufgeschrieben am 22.10.23

Lieber Alfons,
Carl und ich waren am 17.10. gleich früh bei dir. Am 16.10. haben Anne und ich dich schon besucht und ich habe dir viele rote und weiße Rosen gebracht. Ob du sie sehen kannst? Ob du es fühlen kannst, dass wir bei dir sind? Heute waren Carl, Yuriy und ich bei dir. Yuriy trinkt immer bei dir aus der kleinen Schale für die Vögelchen. Dann setzt er sich gegenüber dir hin und wälzt sich voller Zufriedenheit oder schaut uns beim Tun zu. Wir sind auch zu zweit nach Berlin an die Charité gefahren. So viele Dinge sind dort anders geworden, aber Frau Eggert spricht immer noch zu uns, dass sie dich und viele viele andere Kinder nicht retten konnten. Sie sagt „nicht helfen“. Ich habe Carl von unserem Spaziergang im Sonnenschein erzählt. als ich für dich Kastanien aufhob. „Die Kleinen, Mama!“. Mittlerweile sind alle kleinen Kastanien über die Jahre verschwunden. Aber die große liegt noch da, die mit dem Herz, die Papa und du gefunden habt und mir schenktet.

Ich habe dieses Jahr eine Annonce für dich geschrieben. Ich weiß nicht, wer sie gesehen hat. Kaum jemand hat dazu etwas gesagt. So viel Schweigen. Nach fünf Jahren so viel Schweigen. Oft spüre ich, auch in der Kapelle in der Charité, dass ich zwischen euch saß. Rechts saß Carl und links du. Ich dachte, ich bin zwischen euch. Aber wer weiß das. Wie schön wäre das. Asia hat mir gerade ein Foto von leo geschickt. Er ist heute 15 geworden. Als sie mit ihm schwanger war, kurz vor der Entbindung, bist du in mir herangewachsen, ohne das ich es schon ahnte oder wusste. Ihr seid nur 6 Monate auseinander. Jetzt während ihre gute Freunde. So viele Dinge, die nicht geworden sind. So viele Dinge, die sich schon verändert haben, nach deinem Tod. So banale wie die Verlegung der Stromanschlüsse unter die Erde (die Porzelananschlüsse am Giebel das Hauses staken verloren aus dem Putz), neue Straßenlampen direkt vor unserem Haus, ein Netto in Döbern neben der Pyramide, in Köbeln fährt ein neuer Bus (die Linie 80) einmal oder mehrmals in der Stunde und nicht nur 2x am Tag, eine 30er Zone am Ortseingang von Köbeln, der umgezogene Hexenfeuerplatz runter an die Neiße – alles Dinge, die unwichtig sind. Aber was hättest du alles in den 5 Jahren getan! Deine Freunde Fynn, Friedrich, Rajdo, Jakob und Ole Koch waren dich besuchen. Sie kommen immer zweimal im Jahr. Zum Geburtstag und zu deinem Sterbetag. Sie haben pausenlos geredet und gelacht. Sie sind mit dem Zug gekommen. Sie sind schon groß. Wie groß du wärest. Aber es nicht werden konntest. Wer soll das verstehen? 

aufgeschrieben am 15.10.23

Diese kleinen Äpfel sind vom kleinen Carola-Baum, den ich zu deinem Geburtstag 2022 gepflanzt habe. Damals blühte er über und über. In diesem Jahr trug er nun die ersten Früchte.

Lieber Alfons,

wir waren am Meer. Ohne dich. Das Wasser, der Sand, der Stand, alle Muscheln und Steine, die Sonne und die Wolken, die leeren Strankörbe, Carl… all das und noch mehr haben mich zu dir gebracht, mich an dich erinnert, mein Versprechen hat sich innerlich eingeklagt (nach der Charité wollte ich mit dir ans Meer, in einem Strandkorb sitzen und ein Eis schlecken) und dann hörte ich Jungs „Mama“ rufen oder etwas ungeduldiger „Maaamaaaa“. Das setzt die Atmung aus, das Herz stolpert, der Magen rumort, die Tränen überschwemmen das Gesicht und ich kann dann kein Schritt mehr gehen. Ich vermisse dich und kann das Unglück nicht begreifen.

Heute musste ich mir Fotos von dir anschauen, weil ich unbedingt für deinen 5. Todestag eine Anzeige in der LR aufgeben wollte und es geschafft habe. Carl wollte helfen, aber er war so schnell ganz stumm und sah verzweifelt auf die Fotos an meinem PC. Ich sagte ihm, dass ich das schon schaffe. Und als er raus war aus dem Zimmer, da liefen mir die Tränen. Ich würde mir so gern die Bilder von dir anschauen und dann in dieser Zeit sein, aber das ist unmöglich. Ich habe solche große Sehnsucht danach, irgendwie bei dir zu sein. Sogar wenn ich jetzt schreibe und dir nah sein will, weine ich und bald kann ich nichts mehr sehen und lesen. Ich möchte dich anklagen, wann du zurück kommst. Aber ich sehe das Foto mit dir, als du bereits tot warst und weiß, dass du gestorben bist. Kein Leben mehr hast, obwohl du so gern und voller Freude lebtest. Ganz anders als wir jetzt. Wenn ich sehe, wie es Carl geht, bricht der Rest der von meinem Herzen noch da ist. Wie kann das alles nur sein? Wie kann ich sowas Hartes und Absurdes nur schreiben? Das du weg bist. Niemals. Ich liebe dich und vermisse dich.

aufgeschrieben am 24.9.23

Der Steinbock Springinsfeld

Alfons‘ Geschichte hat es bis in den Auenwald in Böklund geschafft. An die dortige Grundschule. Mit Hilfe von der Direktorin habe ich vor 40 Erstklässlern und 40 Zweiklässlern und 11 Bücherweltenkindern Alfons‘ Geschichte vorgelesen und seine eigene Geschichte erzählt. Es waren so bewegenden Momente. So eine herzensgute Schule, mit so viel Engagement rund ums Lesen und solche aufmerksamen Augen und Ohren, obwohl es nicht allen leicht fiel. Ein Mädchen kam später und bedankte sich herzlich bei mir. Ein Junge fragte, ob es mir denn gut gehe? Nun steht das Buch in der Vitrine und jeden Tag wird eine Seite umgeblättert, so dass jedes Kind der Schule Alfons‘ Buch lesen kann. Ich bin immer noch tief berührt, auch weil ich sehe, was eine Schule vermag und wie sie Alfons‘ Geschichte lieben und ihn achten, obwohl sie ihn nicht kannten.

Lieber Alfons, mein Alfi, geliebter Mausepiep,

die Veränderungen, über die ich schreiben werde, begannen vielleicht vor einem Jahr hier in Bad Bevensen. Damals hielt ich mein 2. Trauma-Seminar im Gustav Stresemann Institut. Es war besser als das 1. 2021. Meinte Iwona. Ich konnte das nicht richtig feststellen, hatte aber damals begonnen, meine Haare zu fönen. Vier Jahre nach deinem Tod. In diesem Sommer kaufte ich mir ein Kleid. Und ich habe mich von all euren, Carls und deinen, Kindersachen getrennt. Nur ein paar Dinge sind bei mir geblieben: ein alter Anorak, den du zum Spielen an hattest, eine kleine und kurze Addidas-Turnhose, bestimmte kurze Hemden und kleine Socken. Erinnerungen an dich. Der Berg der Sachen, die alle Mocai abholte und nach Dresden mitnahm, war riesig. Sie sortierte geduldig aus und verteilte und verschenkte. Zuvor hatten Laura aus Weißwasser und ich schon vorsortiert. Nun ist dein Kinderzimmer in der Ecke, wo all die Sachen jahrelang standen, leer. Die Zeit ist nun zu Ende gegangen, wo ich im Frühjahr und Herbst Freund*innen Päckchen in der Größe ihrer Jungs packte – Igi, Samuel, Ben – und verschickte und umgekehrt kamen Sachen für dich und Carl zu uns.

Welche Veränderungen es noch gibt? Carl ist nach Hause zurückgezogen. Nach fünf Jahren und zusammen mit Yuriy. Ich finde es schön, nicht allein zu sein. Wir reden viel, kochen zusammen oder füreinander, arbeiten auf dem Hof und im Garten. Vielleicht legen wir ein Beet an und stecken im Frühjahr Kartoffeln. Ja, das tut mir gut und ich denke auch Carl und Yuriy. Ein paar Monate war ich allein, nachdem mir Andreas Ende März schrieb, dass er nicht mehr mit mir leben will. Ich habe diesen Schreck bis heute nicht verwunden. Der Bahnhof war immer ein sicherer Ort für mch nach deinem Sterben. Dorthin fuhr ich und konnte arbeiten, ohne das ich ständig geweint habe. Jetzt fahre ich zum Bahnhof und sehe manchmal Andreas und muss auf Toilette laufen, um allein weinen zu können. Diese Veränderung hat aus mir ein Bündel gemacht, in dem sich alle Emotionen überschlagen. Manchmal denke ich, ich schaffe das nicht. Aber das habe ich nach deinem Tod auch gedacht und dann doch funktioniert. Das Funktionieren hat mich überleben lassen, aber es geht hart mit der Trauer und den Tränen und den Erinnerungen um. Es gibt Tage, da bin ich wie aus Beton. Nichts dringt mehr zu mir durch. Dann weiß ich, ich brauche eine Pause vom Funktionieren. Mit Andreas habe ich angefangen Dinge zu verändern, am Haus, im Garten. Wir fuhren auch weg und machten kleine Pläne. Ich hatte das Gefühl, etwas mehr Selbstbestimmung über mein Leben kommt zurück. Aber am Ende ist er gegangen. Das sind Veränderungen – der Verlust von Liebe, von Teilen, von Zweisamkeit, genauso wie dein Tod – die braucht kein Mensch. Ich nicht. Ich denke darüber nach, was ich hätte selbst anders machen können, damit meine Mutti nicht so früh den Tod suchte, damit du nicht unheilbar krank wurdest und damit Andreas nicht gegangen wäre. Ach, allein die Grammatik des Satzes passt schon nicht. Warum sehe ich mich in der Schuld?

Ich liebe dich, mein Kind.

Noch eine Veränderung

Am 2.9.23 habe ich mit Unterstützung von Asia (und auch von Mocia, Andrea und Susan) einen Aufruf zu einem Arbeitseinsatz geschrieben und 17 Freundinnen und Freunde kamen. Wir haben das Glashaus abgeschliffen und mit Leinölfirnis gestrichen, Fenster, Türen, Tore in rot gestrichen, den einen Giebel des Schuppens in frau, Carls Zimmer renoviert, den kleinen Holzschober verbessert und ihm ein Dach verpasst. Sie viele haben geholfen und so viel ist geworden und es war dazu ein wunderschöner Tag. Danke an alle!

aufgeschrieben am 22.8.23

Ein Vogel unterm Regenbogen für unsere Kinder

Anne hat an Alfi und Teddy gedacht und mir dieses Foto geschickt. Es war letzten Montag, am 14.8., es goß und schüttete gewaltig in der ganzen Lausitz. Carl und ich saßen im Strandkorb unterm Carport und sahen in die blitzenden Feuer am Himmel und sahen die Hand vor Augen kaum, weil das Wasser nicht als Tropfen vom Himmel fiel sondern wie aus Eimern.

Yuriy versteckte sich drinnen. Er schnappt manchmal und kläfft und Carl ist täglich am Trainieren: Impulskontrolle, Territorialkontrolle, Hören, nach dem Rudelführer richten, loben, klare Gesten, nonverbale Kommunikation. Das beschäftigt ihn sehr, mich auch. Am ersten Septemberwochenende werden wir hier mit 12-14 Personen rumwerkeln – Asias und mein Unterstützeraufruf hat funktioniert, wir haben schon 350€ im toom für Material und Leihgeräte ausgegeben. Und dann soll Yuriy niemanden vom Hof vertreiben.

Dazwischen passt nur noch Carls Studium, meine Arbeit und der Alltag. Wir gehen jeden Abend zu Alfons, fast immer zu dritt. Ab und an essen wir zusammen Abendbrot und dann sprechen wir immer über Alfons. Vor fünf Jahren hatten wir Hoffnung und Alfons kämpfte sich so tapfer durch die Behandlung. Ich konnte ihn kaum noch berühren, weil seine Haut so schmerzempfindlich geworden war. Massierte seine Füße, wir lasen ihm vor. Er dämmerte.

Nichts hat sich am Schmerz verändert, die Trauer ist eher zu einem festen Teil meines Selbst geworden. Geändert hat sich der Zustand, dass ich heute weiß, dass mein Kind tot ist. Es ist weiter ungeheuerlich, aber fassbarer. Wache ich früh auf, bin ich darüber nicht mehr erschrocken und in Panik, es ist eher zu einem Wissen in meinem Kopf geworden. Dieses Wissen hält weiter meinen Atem flach oder lässt mich kurz die Luft anhalten, weil der Gedanke weiter furchtbar ist, aber ich bin nicht mehr krank nach diesem Gedanken, sondern lebe und weine damit. MIr hilft es, wenn ich sehe wie Alfons jetzt mit 14 wäre. Ich sehe Leo von Asia, sie waren gleich groß, Alfons und Leo und Leo ist jetzt ein Riese. Wäre Alfons ein Riese geworden?

Ich vermisse ihn sehr und sehe Carl in seinem Schmerz und ich sehe uns hier zu Hause, wie wir mit dem Leben ringen. Wie verlassen wir sind. Wie auf uns zurückgeworfen, auf unsere Knochen, auf der blanken aufgeplatzten Haut stehen wir und wollen nicht umfallen und denken absurderweise, dass das Leben es noch mal gut mit uns meint. Dabei wissen wir schon, dass das nicht so sein wird.

Ich sehe Andreas und er sieht durch mich hindurch. Und ich frage mich, was da war. Waren wir sieben Jahre beieinander in all dem Schmerz und all der Liebe? Wie konnte das passieren, dass er mich und die Kinder einfach aus seinem Leben ausgeschlossen hat? Warum?

aufgeschrieben am 23.7.23

Freundinnen

Asia war da und wir haben das ganze Wochenende damit verbracht, zu planen. Die Zukunft im gelben Haus mit den grünen Fenstern, mit seinem Glashaus und dem verwunschenen Garten! Ein Ort für Begegnungen soll es werden oder besser bleiben. Weil das Haus immer offen war und Menschen beherbergte und Freunden und Freundinnen einen Platz bot. Oder den Freundinnen und Freunden von Alfons und Carl. Lange Zeit war es still hier. Ich habe nach den Kindern gehorcht, die oben spielten, Musik hörten, sich stritten, lachten, sich vorlasen, sich jagten und zusammen friedlich kuschelten. Diese Liebe ist in dem Haus gespeichert. Sie überlagert den Schmerz, den Streit, das Laute, das Gehässige, die Häme, das Übergriffige. Zuletzt hat Andreas mich hier gehalten und mir Mut gegeben, dass es ein Morgen gibt. Als er ging, fühlte ich mich mutterseelenallein. Seltsam. Vier Monate lebe ich nun so, dass ich wie ein Fähnchen im Wind flattere und keinen Boden mehr spüre. Bin ich allein, sitze ich wie damals nach Alfons‘ Tod still da. Vielleicht weine ich nicht so viel, aber viel. Eigentlich kehrt nur immer dann das Leben hier ins Haus zurück, wenn eine Freundin, wie jetzt Asia, kommt, kocht, spricht, Vorschläge macht und ich einfach mitmache. Jetzt, vier Monate danach, habe ich an diesen Tage etwas Mut gespürt, dass ich es schaffe hier. Mit der Unterstützung von meinen Freundinnen und Freunden. Danke von Herzen dafür.

aufgeschrieben am 16.7.23

Carl zieht nach Hause

Zusammen mit Yuriy will er hier Musik machen und sein Studium zum Tontechniker/Sounddesigner beenden. Wir wollen kleine Sachen am Haus in Angriff nehmen, vielleicht im nächsten Frühjahr Kartoffeln anbauen: violette und rote. Auf alle Fälle uns unterstützen, bei Alfi zusammen gießen, reden, wenn uns danach ist und ansonsten hat jeder seine Pläne. Bald kommen Freundinnen und wir planen weiter an der Idee, dass das gelbe Haus mit den grünen Fenstern ein besonderer Ort der Begegnung werden kann.

Außerdem: ich habe mir ein weißes Kleid mit roten Blumen gekauft. Ich denke, Alfons würde stolz auf mich sein und mir charmant sagen „Mama, du bist nicht 53, du bist wie 43″… Ich vermisse dich und Andreas. Aber nun gibt es eine neue Zeit mit Carl 🙂

aufgeschrieben am 10.7.23

Ein Kleid und ein Zeichen

Vor zwei oder drei Wochen habe ich das gelbe Kleid angezogen, welches ich mir 2019 zu Susans und Andreas Hochzeit gekauft hatte. Später trug ich es nie wieder. Auch keine anderen Kleider. Einmal zu meinem Geburtstag versuchte ich es und kam mir fremd darin und damit vor.

So wie ich plötzlich im Herbst 2022 wieder begann, meine Haare zu fönen. So zog ich das gelbe Kleid vor ein paar Tagen an und bestellte noch ein weißes mit großen roten Blumen darauf. Ich glaube, Alfons würde sich freuen.

Einmal hatte ich mir ein rotes und ein scharz-grün-weiß gestreiftes Kleid bestellt. Das Geld reichte nur für eins und ich musste mich entscheiden. Ich probierte sie vor den Spiegeln des Schlafzimmerschrankes an und flitzte rüber ins Bad, wo Carl und Alfons badeten (vielleicht waren sie 12 und 4?, da sollten sie noch zusammen in die Wanne gepasst haben). Welches war schöner? Welches sollte ich behalten? Welches musste ich zurückschicken? Beide Jungs waren sich einig: Behalte doch beide, Mama, wenn dir beide gefallen. Das tat ich und stottere die Kleider in Raten ab. Das war vor ungefähr 10 Jahren. Heute passe ich in diese schönen Kleider nicht mehr hinein. Und Schlimmes ist passiert, was mir eine Welt eröffnete, in der Haarefönen und Kleideranziehen zu den sinnlosesten Dinge überhaupt gehörte. Verändert sich das jetzt? Was passiert mit mir? Alfons hat mir ein Zeichen geschickt.

aufgeschrieben am 25.6.23

Fünf Amselküken

Am 21.6.23 konnte Carl einen kleinen Film von ihnen aufnehmen. Es war schon eng im Nest. Die Eltern flugen pausenlos mit neuer Nahrung heran. Gestern flatterte eins der Küken sehr mutig schon den Nestrand hinauf und wurde von der Amselin wieder reingedrückt. Heute früh, am 25.6., war das Nest leer. Die Mutter sah ich noch ein Lied trällern, auf dem Dach vom Schuppen. Da keins der Küken rausgefallen bzw. runtergefallen war und ich im Umfeld auch keines habe sitzen sehen, scheinen alle in ein paar Stunden das Fliegen gelernt zu haben – wie schnell das ging. Genau ein Monat verging vom Nestbau über das Brüten und Schlüpfen sowie am Ende das cirka zweiwöchige Großziehen und Fortfliegen.

Nun ist es wieder still am Haus. Gegenüber an der Giebelseite des Schuppens, wo die Gartenrotschwänze brüteten, ist es auch ruhig geworden. Deren Nest konnte ich nicht sehen, weil es im Kasten unter der Dachrinne steckte. Zudem haben die Nachbarn mitten in der Brutzeit ihre Hecke am Haus verschnitten – nun kommt von dort kein Vogelgesang mehr früh 4.30 Uhr in mein Zimmer. Als dort vor 14 Jahren und mehr noch das Schlafzimmer und Carls Kinderzimmer war und Alfons‘ kleines Bettchen unter dem Fenster stand, schloß ich es jeden früh, wenn die Vögel ihren Tag begannen. Es wurde stiller, als wir damals die beiden großen Tannen fällten und den Vögeln ihren Platz nahmen. Und mittlerweile ist es sehr still. Vielleicht kommen sie zurück, wenn sich die Hecke am Haus erholt hat und wieder dichter geworden ist. Warum sind wir uns dessen so wenig bewusst, dass wir ständig in die Lebensräume der Tiere eingreifen?

aufgeschrieben am 19.6.23

Alfons in der Zeitung und auf der Buchpremiere am 10.6.23
Am 27.5. erschien ein erster Artikel über Alfons‘ Kinderbuch Der Steinbock Springinsfeld in der Lausitzer Rundschau. Ein paar Tage später meldete sich die Neue Osnabrücker Zeitung, dann stand er in der Ostfriesen-Zeitung und vielleicht noch in anderen Lokalzeitungen? Ich merke es immer dann, wenn fremde Menschen aus fremden Orten Alfons‘ Buch bestellen. Dann schreiben sie mir manchmal, wie berührt sie sind. Ich antworte und mit einer Grundschule in Böklund bin ich jetzt im Austausch und vielleicht besuche ich sie und lese den Kindern das Buch vor. Die Direktorin hat ein Quiz zum Buch erarbeitet und wird das Buch in einer Vitrine ausstellen und jeden Tag eine Seite weiterblättern und dann können es Kinder lesen, die nicht in die Bibliothek gehen. Mit Alfons waren wir so oft da und so viele Bücher liegen nun hier zu Hause, fast alle haben wir, Carl, Alfons und ich, gelesen. Papa und ich haben oft vorgelesen. Wo ich hinschaue im Haus: Bücher. Alfons und Carl mochten es, vorgelesen zu bekommen. Nun ist Alfons‘ Geschichte vom Steinbock Springinsfeld (der er vielleicht selber war), der sich auf die Suche nach der Regenbogenquelle machte, um ein Regenbogensteinbock zu werden, in der Welt. Am 10.6. haben wir vor 40 Menschen das Buch feierlich in die Welt gehoben. Mit Momo, die vorlas, mit Asia, die mit den Kindern malte, mit Carl, der sich um die Musik gekümmert hat. Ein warmer Tag. Wir saßen im Hof, im Garten, bei Kaffee und Kuchen und Gesprächen. Freunde und Nachbarn halfen. Alfons fehlte. Am Tag darauf, als Susan, Andrea, Asia und Mocia und ich aufgeräumt hatten, planten wir fürs Glashaus. Sammelten Ideen, entwarfen finanzielle Möglichkeiten, träumten von einer leichteren Zeit. Es fühlte sich gut an, es auch ohne Andreas schaffen zu können. Carl blieb dann noch und ist jetzt schon die zweite Woche hier. Gestern war eine erste Freundin von einer Freundin hier, als Radlerin. Auch das fühlt sich gut an. Susan und Andrea senden mir Unterstützungsideen und Mut. Asia und Mocia und viele andere auch. Das fühlt sich so an, dass ich aufgehoben bin und mich Menschen lieben.
Aber ich weine. Ich sehe Andreas im Bahnhof, begrenzt und abgegrenzt. Keine Trauer, keine Erinnerungen, keine Emotionen, keine Verbindung hin zu mir. Als hätte es uns als Paar nicht gegeben! Als wäre es ein Traum gewesen. Die ersten Wochen habe ich mich, aber vor allem unsere Beziehung entsorgt gefühlt. Jetzt ist es so, als würde jemand in Frage stellen, dass es uns überhaupt gegeben hat. Wer hütet die Erinnerungen an uns? Wer erzählt von uns denen die nach uns kommen? Es ist ein seltsames Gefühl. Ist der Tod von Alfons weiter nicht fassbar und ungeheuerlich, so weiß ich doch über die bedingungslose Liebe zwischen mir und meinen Kindern und ich schütze die Erinnerungen daran und gebe ihnen Licht und Raum. Die Liebe zwischen Andreas und mir hat niemand festgehalten. Es existieren keine Bilder oder kaum Bilder. Es gibt keine Familie, keinen Ort, kein Wort mehr darüber. Aber sie war doch da! Dieser Verlust stellt mich als Mensch in Frage. Ich löse mich auf in der harten Ignoranz und dem Schweigen von Andreas. In der Nichtbesprechbarkeit. Ich bin wie ein Irrtum in seinem Leben.
Ich möchte einfach schlafen und nichts mehr spüren müssen.

aufgeschrieben am 24.5.23

Ein Amselnest

Als ich heute Abend im Hof sah, wunderte ich mich nach einer Weile, warum ein Amselpärchen extrem nah an mich ran kam und schimpfte, was das Zeug hielt. Sie saß auf dem Dach über der Eingangstür mit Moos im Schnabel; er auf dem Trapezblechdach vom Carport. Sie tippelten da rum und schrieen um die Wette. Erst als ich ins Haus ging, sah ich den Grund: sie hatten in der wilden Rose, die im Eingangsbereich wächst, ein Nest gebaut. Ich war baff. Nun warte ich ab, ob sie mit mir leben können oder das Nest verlassen. Noch scheinen sie nur gebaut und keine Eier gelegt zu haben. Es wäre so schön, würden sie bleiben. Sie leben als Paar schon lange hier auf dem Hof. Vielleicht schickt sie Alfons. Als Trost für die Zerbrechlichkeiten in meinem Leben.

aufgeschrieben am 15.5.23

Muttertag

Einen Tag, den wir nie begangen haben. Wenn schon, dann den Frauentag, aber auch da dachte ich Alltag niemand dran. Manchmal haben die Kinder mitbekommen, dass ich Geburtstag habe. Während ich mit den Kindern für Alex fast immer etwas gebastelt habe, fiel es allen in der Familie immer erst am Tag selbst ein, dass ich Geburtstag habe und dann gab es meistens einen Strauß vom Feld, der schon verlebt aussah. Ich dachte einmal, es könnte in meinem Leben anders sein, aber auch Andreas sagte, er wüsste nicht, was er mir schenken solle. Viele Jahre dachte ich, es ist nicht so der Rede wert. Unwichtig. Jetzt schreibe ich hier davon, wie es mich sprachlos machte. An anderer Stelle schrieb ich, das Alex die Angewohnheit hatte, mir praktische Dinge zu schenken, von denen gleich die ganze Familie etwas hatte (Strandkorb, Gartentisch und -stühle, Mixer…). Vielleicht umschiffte ich deshalb die Geburtstage, die Feiertage, die Gedenktage. Ich konzentrierte mich viele Jahre, bis heute, auf die Geschenke für die Kinder und packte diese für alle in der Familie mit. Alle Geschenke, die Alfons und Carl von den Omas bekam, waren Gescheneke, die ich organisiert und gepackt hatte. Ich war Teil der Lüge, weil ich es nicht ertragen konnte, dass sie nichts bekommen,

Gestern nun schrieb Carl, zum ersten Mal: Alles Liebe zum Muttertag, meine liebe Mama (plus ein Herz dahinter). Da musste ich weinen. Ich holte Alfons letzten Muttertagsgruß hervor. Ging zu Alfons und grub und gärtnerte vier Stunden lang und schickte Carl ein Bild von der eingegrabenen Rose, die wir gemeinsam einen Tag zuvor im Baushaus in Cottbus gekauft hatten. Den Rest des Tages räumte ich im Garten und Hof und klagte die Welt an. Jemand schrieb in seinem Status: Alles, was zu dir gehört, kommt. Alles, was bei dir sein will, bleibt. Alles, was nicht zu dir gehört, geht. Und damit wäre dein ewiger Kampf beendet! Wenn man die Sätze überprüft, bleibt die Feststellung, dass meine Mutti, Alfons und jetzt auch Andreas nicht bei mir sein wollten und sie gegangen sind oder das sie nicht zu mir gehört haben. Was verbirgt sich dahinter, was ich nicht sehen kann? Oder ist es einfach ein großer Quatsch?

Ich sende Andreas ab und an SMSen und Mails und ich weiß doch, dass es keine Reaktion mehr gibt. Ich sollte das nicht tun, nerven, aber ich habe so viel dazu zu sagen, was er entschieden hat und mir schriftlich vor zwei Monaten mitteilte: ich will nicht mehr mit dir leben und will das schon lange nicht mehr und wollte dir das nicht antun. An einer Stelle schrieb ich ihm einmal, dass das aus mir einen kleinen Wurm macht. Durch die Therapeutin verstehe ich besser, wie ich auf ihn wirkte und was ihm reichte und wo ich ständig in seiner Komfortzone unterwegs war. Und ich dachte nur, es ist Leben und es ist doch schön, dass es mir fünf Jahre nach dem Ausbruch der Krankheit von Alfons etwas besser geht und wir noch eine andere Seite des Lebens berühren können. Aber das fühlte sich nur für mich so an.

Ich sitze still im Hof und starre auf die Dinge, die ich nicht allein bewegt bekomme. Die unfertig zurück blieben und mich jetzt auslachen.

Am Sonnabend gab Carl einen kleinen DJ-Workshop im Bahnhof. Es war ein schöner, ruhiger und sonnier Tag. Amelie kochte mit ihrem Freund. Adéle bastelte an der Insta-Präsentation, die anderen hörten Musik und lachten und redeten.

Bei Alfons

aufgeschrieben am 30.4.23

Hexenfeuer

Heute vor fünf Jahren freute sich Alfons wie in jedem Jahr auf das Hexenfeuer. Carl war unterwegs in Cottbus. Auch er hatte sich als kleiner Junge auf das Feuer hier direkt vor unserer Haustür gefreut. Alfons war an diesem Tag kreideweiß. Und still. Er wollte weder ein Fischbrötchen noch Süßes und so saßen wir auf einer Bierzeltgarnitur, es war noch lange hin bis zum Feuer, die Leute trudelten erst ein. Er brauchte eine halbe Stunde, um sich zur Hüpfburg, keine 10m von unserem Tisch entfernt, auf den Weg zu machen. Ich verstand nicht, warum er die Schuhe auszog, auf die Hüpfburg kletterte und dann am Rand stehen blieb. An was habe ich gedacht? Das er schüchtern ist und seine Zeit zum Warmwerden braucht? Er kam zurück, ohne gehüpft zu sein. Wir holten uns Getränke, dann gingen wir zur kleinen Süßigkeitenbude, wo wir lange brauchten, bis er sich für Kaugummis entschieden hat. Er klebte die Verpackung, als wirspäter  im Dunkeln durch den Wald zu unserem Haus gestapft waren, auf das Fensterbrett neben der Eingangstür. Dort klebten sie noch, als er schon gestorben war. Ich wagte sie nicht abzumachen. Erst eine Freundin, als wir das Lebensfreudefest am 26.10.18 vorbereiteten. 9 Tage nach seinem Tod… Bevor wir vom Hexenfeuer nach Hause zogen, kamen noch sein Papa, Freunde, das Feuer wurde entzündet. Alex ging mit Alfons immer wieder zum Büchsenwerfen. Das machte Alfons viel Spaß. Er brachte einen grünen Gummiball, verschiedene Preise, Anhänger. Sie liegen zum Teil noch im Auto. Ich habe sie nicht weggeworfen. Nichts habe ich weggeworfen. Am Abend saß er glücklich auf einem Betonklotz, einer Halterung von einem Absperrzaun, und schaute zu mir hoch. Ich trank Wein und war dankbar, dass sich Alex um Alfons kümmerte und sie immer wieder zum Büchsenwurf gingen.

Später ging ich mit Alfons nach Hause. Alex blieb. Sie wie immer. Manche Freunde schauten noch vorbei, die ihre Räder in den Hof gestellt hatten. Ich brachte Alfons ins Bett und trotz des Musiklärms schlief er schnell ein. Am nächsten Tag ging es ihm besser und wir trafen uns mit Malte und Manja zum Pizzaessen in Spremberg. Weitere zwei Tage später, am 3.5., der Kreislaufzusammenbruch. Am 4.5. lag er im CTK in einem Isolierzimmer. Niemand wusste, was er hat. Es war schon heiß und es sollte noch heißer werden in diesem Jahr. Ich laß aus Christoph Heins Das Wildpferd unterm Kachelofen. Wir liebten die Geschichten! Nichts deutete daraufhin, dass wir eine Katastrophe erleben würden, die Alfons nicht überlebte.

 

Hier im Haus bin ich allein. Seit Ende März bin ich allein. Nicht einsam. Immer gibt es etwas zu tun. Aber ganz auf mich gestellt. Wann war das so zum letzten Mal in meinem Leben? Ich erinnere mich nur an eine Situation, da lebte ich noch in Weißwasser in der Karl-Liebknecht-Straße in einem der Würfelhäuser. Ich starte in die Dunkelheit hinaus und wusste, ich bin allein. Ich weinte vor Wut und Angst. Jetzt ist es auch die verlorene Sicherheit einer Liebe, einer Beziehung, die mit dem anderen Menschen geht und die mir sehr zu schaffen macht. Seit Alfons‘ Tod habe ich keine Angst vor der Dunkelheit, vor dem Alleinsein im Haus oder dem allein Zurechtkommenmüssen. Aber diese Erfahrung, wo immer Leben war, nun die Stille anzutreffen mit ihren abwesenden Geräuschen voller Erinnerungn und dazu zu wissen, es kommt niemand mehr. Alles Lebendige hat sich aus meinem Leben verabschiedet. Ganz schnell und unspektakulär. Ganz überraschend. Mitten im Tun hat es aufgehört. Es ist nicht der Ausnahmezustand, den ich bei Alfons erlebte. Nur ändert sich das Leben ein weiteres Mal, der Rhythmus, die wiedergewonnene Sicherheit, die kleine Freude auf hellere Tage versinkt in Traurigkeit. Es haut mir die Füße weg und die Luft ist abgedrückt und den Kopf zerschießt das. Warum diese Verluste in meinem Leben? Was soll ich lernen? Was tun?

Ich bin dankbar, das Carl seinen Weg geht und nicht mehr ständig zurückschauen muss.

aufgeschrieben am 13.4.23

Heimfahrt und Heimkommen (von der Arbeit nach Hause)

Da fallen mir viele Erinnerungen ein. Und Alfons sitzt neben mir. Im Auto. Erzählt vom Tag. Das Radio läuft. Wir halten in der Drogerie in Döbern, um Hasenstreu zu kaufen. Fahren beim Netto ran, Milch holen. Verbringen noch die hellen Stunden draußen im Garten, im Bett, im Sandkasten, mit dem Fußball. Ich trinke ein Kaffee, schneide Obst auf und setze mich zu Alfons: Oh, kommst du zu mir, Mama? Liest du etwas vor? Ich bin müde. Manchmal mache ich wirklich für fünf Minuten die Augen zu. Alfons wartet geduldig. Dann lese ich. So viele Geschichten gehen mir durch den Kopf. Jeden Tag. Jeden Tag seit seinem Tod. Ich weine verzweifelt vor mich hin. Tränen tropfen. Ich kann kaum noch was sehen. Meinen Atem spüre ich kaum. Meine Sehnsucht verhallt. Die Zeit steht still. Obwohl draußen alles blüht und die Vögel zwitschern.

 

Dabei ist die Welt aus den Angeln gehoben: Krieg in so vielen Ländern und bei unseren übernächsten Nachbarn. Oschmann schreibt über die Diskriminierung der Ostdeutschen und wäre das nicht alles schon schlimm genug zu lesen, veröffentlichen heute die Zeitungen, was BILD-Chef Döpfner über den Osten denkt. Im Bahnhof erreichen mit so viele Anfragen wie nie mit der Bitte um Hilfe: keine Wohnung, Hilfe bei der Bewältigung der Ämter, Sorgerechtsprobleme, Schulden, Strafen, Schmerzen, Ängste, Panik, Depressionen, Dissoziationen, Einsamkeit, Verzweiflung, Ohnmacht, Hoffnungslosigkeit. Wie sollen wir das schaffen?

aufgeschrieben am 11.4.23

Ostern I

Carl und ich gingen lange spazieren. Immer wieder tauchte Alfons zwischen uns auf. Als wir von den Sachsendorfer Wiesen zurückkamen, war unmittelbar vor uns am Himmel ein riesengroßer Ballon, in Regenbogenfarben. Mein Herz ging auf. Hat Alfons den geschickt? Ich erzählte Carl von Anne, die Alfons gebeten hat, mir ab und an kleine Zeichen zu senden. Schon am nächsten Tag nach Annes Nachricht flog ein Greifvogel vor meinem Auto entlang, querte die Straße, ich konnte ihn sehen, so abrupt und ich rief „Alfons, schick die Vögel nicht so halsbrecherisch knapp vor mein Auto entlang!“. Ich kann sonst nicht mit ihm sprechen. Nicht laut. Innerlich sprechen wir. Und laut eigentlich nur mit Carl. Wir wälzen nicht nur hin und her, was wir hätten anders gemacht, sondern halten die Erinnerungen lebendig und stellen uns vor, wir es jetzt mit Alfons wäre. Sicher wäre er am 31.3. ins Scandale gegangen, um bei Carl zu sein, zu tanzen und irgendwie wäre ich wahrscheinlich in Sorge gewesen…. Ostern sah ich auch Elke, Holger, Cindy und Anna und ich war arbeiten und zwei Tage machte ich nichts. Ich wollte so viel draußen machen, aber ich bin wie tot. Ich höre in mich hinein, ob da noch was ist. Lange sprachen Susan und ich über Verluste und stritt ich mit meiner Schwester darüber, dass wir uns nichts mehr zu sagen haben und uns fremd geworden sind. Die Einsamkeit ist eine schmerzliche Erfahrung und hält sie an, macht sie mich ohnmächtig. Ich bin verzweifelt, weil die Zeit wieder still steht und Dinge passieren, die ich nicht ändern kann. Vielleicht ist das schlimmer als Einsamkeit, die eigene Hilflosigkeit zu erleben, der man ausgesetzt ist.

Ostern II

Gestern, Ostermontag, schien den ganzen Tag die Sonne. Ich habe zig Mails verschickt, um für Alfis Steinbock-Buch zu werben. Dabei hörte ich Carls Musik. Ich sah ihm am PC auch ein bisschen bei seinem Liveauftritt am 31.3., der aufgezeichnet worden ist, zu. Und plötzlich waren beide Kinder am Tisch.  Eine Imagination. Das ist das, was bleibt und es war das beste, was ging. Ich beweine weiter diesen Ist-Zustand und niemand versteht, was ich tu, der es nicht erlebt hat. Ich vermisse nichts von dem normalen Leben, weil das so viele Überhöhungen sind. Ich vermisse nicht das Glück, weil sich das so vom Acker geschlichen hat, vermutlich weil ich immer skeptisch gegenüber diesem Wort war. Aber das Kinder leben können, das wäre schon was. Dabei überleben sie vieles nicht: Hunger und Durst, Krieg und Mord, Verwahrlosung und Lieblosigkeit, Krankheit und Selbstverletzung. Manchmal ist mein Blick auf diese Welt so, dass ich nur die sich ändernde Form erkenne und dabei nicht weiß, was noch kommt. Wenn ich jedoch auf die Inhalte schaue, um denen es den Menschen geht, was sie tun oder unterlassen, wie sie sich lieben und hassen, wie sie mit Tieren, Pflanzen, den Erden und sich selbst umgehen, wie sie zueinander stehen und wegschauen – dann denke ich, dass es das immer genauso schon gab und jetzt gibt und immer geben wird. Kleine Wellen machen die Zustände besser und schlechter. Gerade haben wir die Epoche begonnen, wo Krieg als Frieden gilt und die, die Frieden wollen, Querdenker sind. Ach, wie hätten wir hier zu dritt am Tisch diskutiert! Das wäre was. Das wäre ein Moment des Glücks. Aber das ist abwesend, immer wieder verabschiedet es sich aus meinem Leben.

Was sonst noch passiert
Momo baut weiter an der www.steinbock-springinsfeld.de – Seite. Asia und viele andere Freundinnen versenden fleissig Mails zum Buch, zur Website und zur Buchlesung am 10.6.23. Langsam kommen Bestellungen zurück, Fragen, Ermutigungen. Und wenn ich Alfons Quint google, da erschein das…

aufgeschrieben am 6.4.23

Alfons‘ 14. Geburtstag

Auf dem Foto zu meinem Gedicht für Alfons sieht er wie 14 aus. Da ist er neun. Durch die Krankheit sehr ernst geworden. Und dann war er natürlich wieder ein Kind, selbstvergessen. So waren seine Freunde hier am 3.4.2023 auch. Sie spielten und sie machten coole Sachen. In Alfons ist das Erwachsenwerden sehr schnell eingedrungen. Carl erzählte ich die Geschichte, dass er einmal im Auto aus dem Nichts meinte, dass die E-Autos gar nicht klimafreundlich sind, weil sie mit Strom aus der Steckdose dahren und der aus Kohle hergestellt wird. Da war er sieben. Carl staunte, aber ich weiß, dass beide auch KiKa schauten und dort diese Themen besprochen wurden. Dennoch, dass es ein Kind mit sieben durchdringt, wo andere dafür ein Leben lang brauchen. Carl und Alfons würden viel diskutieren. Und bestimmt auch experimentieren. Im Moment überlegen wir, im Garten Kartoffeln anzubauen….

Es waren kalte Tage zwischen Carls und Alfons‘ Geburtstagen. Viele Freunde kamen. Josepha mit Kindern, Markus, Anne, Olga, Franzi, die Jungs, die Mädels. Sie malten Ostereier. Sie hängen an Alfons‘ Gingko-Baum, der bei ihm steht. Markus fand vierblättrige Kleeblätter bei Alfons‘ Klee auf dem Grab. Drei Stück an der Zahl. Nie fand ich auch nur eins und nie waren dort welche. In diesem Jahr schon. Für wen ist dieses Glück?

 

Lieber Alfons, deinen 9. Geburtstag haben wir noch zusammen gefeiert, den zehnten schon nicht mehr. Fünf Geburtstage begehen deine Freunde und wir ohne dich. Wir sprechen über dich und sie backen immer deinen Zupfkuchen. Ich vermisse dich. Ich fühle mich schwach und nur halb und einsam ohne dich. Carl ist in Gedanken sehr bei dir. Er hat mir eure letzte Verabredung verraten, als du schon im Koma lagst und kurz bevor du sterben musstest: Ihr trefft euch einst im Garten wieder.

Ich sehe euch dort. Das war mein Traumbild in den letzten Wochen deines Komas. Ihr beide, gleichgroß, schwarz und blond, lachend, in der Hüfte umarmt, beieinander. Aber es tröstet nicht, das Bild. Ich hab dich lieb. Wie ich Carl lieb habe. Deine Mama

aufgeschrieben am 30.3.23

30.3.23, 19.30 Uhr: Was für ein riesiger Regenbogen, der auf den Fotos gar nicht in seiner Pracht und seinen Farben wiederzugeben ist. Ich hielt mit dem Auto am Straßenrand und stand auf dem Feld und staunte und betrachtete diese Erscheinung. Ich dachte an Alfons: hat er je solch einen Regenbogen betrachtet? Ist er näher dort als wir Lebenden es uns vorstellen können? Beschützt mich mein Kind? Warum ist er nicht hier? Wir würden hier gemeinsam stehen!

Carls 22. Geburtstag

Mittags wanderten wir und aßen kleine Kindergeburtstagstörtchen von Uhlmanns aus Peitz, tranken Kaffee aus der Thermoskanne und kamen von einem Thema zum nächsten. Wir liefen mit Yuriy und dachten an Alfons und tauschten unsere Gedanken aus und hielten uns, wenn es nicht mehr so gut ging mit den Erinnerungen und Wunden. Das mag traurig sein und vielleicht auch nicht zu einem Geburtstag-Tag passen, aber Carl und mir ist es wichtig, dass Alfons zwischen uns ist. Wir wollen laut seinen Namen sagen und uns den Namen sagen hören und einander den Geschichten folgen und den Schmerzen ein Haus in uns geben.

Später fuhren wir nach Köbeln. Yuriy freut sich immer aufs Neue, wenn er den Hof und den Garten entdeckt und rennen, springen, übermütig sein kann. Dann waren wir zum Kaffee bei Oma Schmelze eingeladen, obwohl sie da schon einige Zeit nicht mehr wohnt, in der Schmelzstraße von Bad Muskau. Carmen war auch da. Wir aßen den Igelkuchen von Oma aus Hoyerswerda und besuchten später Opa Bernd auf dem Friedhof. Es war kalt, aber sonnig. Wir redeten über dies und das bis es Carl und Yuriy wieder nach Cottbus zog. Dort gingen wir unsere obligatorischen Frühlingsrollen beim Vietnamesen um die Ecke essen und veränderten noch schnell die Welt 🙂 Was für ein Tag!

Schön, dass es dich gibt… Die Kerze habe ich Carl geschenkt und am Abend schickte er mir dieses Foto mit der Unterschrift „kann ich nur zurückgeben“.

Es ist ein Trost in einer bitteren Zeit.

Im Bahnhof ist es schwer und die Menschenkinder dort kämpfen um das tägliche Klarkommen nach viel erfahrenem Leid. Und oft stehen wir daneben und können sie nur halten, wenn sie wanken. Manchmal lachen wir über uns. Selten gibt es die Sternstunden, wo einfach etwas gelingt, ein Knoten platzt, ein Kuchen gebacken ist, ein gutes Wort gesprochen wurde – an Stellen, wo man es nicht mehr vermutet hätte.

Zu Hause ist es schwer, weil liebe Menschen verloren, gegangen, verstorben sind oder sich abgewendet haben von einem. Gerade ist es so schwer., dass ich mich nicht mehr empfinde und mein Körper mir fremd erscheint und das Haus unbekannt ist. Ich weine, aber nichts löst sich. Ich schreie, aber niemand hört es. Wer bin ich? Wie bin ich? Darf ich lieben und gut sein und zuhören und backen und reden und darüber traurig werden und dann wieder hoffen, unruhig erwarten, zornig mir was wünschen, ungeduldig werden, kippen und unnahbar sein? Die Liebe hielt ich in den Händen. Carl war ein solches Glück und Alfons schon ein Wunder und alles damit Verbundene bedingungslos. Ich gab und geb das Letzte. Warum kann ich nicht einfach normal sein, mich anpassen, unkompliziert sein, nicht kippen, nahbar sein, aufmerksam sein. Ich bin das alles nicht, wenn ich müde bin. Ich bin oft müde. Vom Tod und den Schmerzen, die er bringt.

Nach viereinhalb Jahren dachte ich, ich kann anfangen, mit dem Schmerz zu leben. Ich weiß, was ist und habe keine Hoffnung. Keine großen Erwartungen. Aber so war es nicht. Meine Erwartungen sind zu groß.

aufgeschrieben am 19.3.23

Frühling

Gestern und heute habe ich hier im Hof und vor dem Haus und später bei Alfons gepflanzt. Und noch nicht alles geschafft. Aber ein Anfang ist getan. Es ist der erste Frühling, wo ich wieder Blumen in Töpfe pflanze und damit das Haus schmücke. Carl kam auch und half beim Holzrunterschleppen, also er schleppte es runter und ich pflanzte. Es tat gut. Wir aßen selbstgebackenen Zupfkuchen, redeten ohne Unterlass und arbeiteten. Yuriy hatte zu tun, alles zu erforschen und später war es schwer für ihn, ein Platz zu finden, von dem er aus Carl und mich gleichermaßen sehen konnte. Es ist ein Moment in meinem jetzigen Leben, wo kurz die Traurigkeit ganz überlagert ist mit den Worten von Carl und dem duftenden Kuchen und den roten Primeln. Bei Alfons sah es noch nie so frühlingshaft aus, aber in diesem Jahr kommen erstmals noch mehr im Herbst gesteckte Zwiebeln zum Vorschein und ein paar habe ich noch heute verteilt. Bald haben beide Jungs Geburtstag. Alfons wird 14 und Carl 22. Sie würden sich gut verstehen und Alfons hätte den Besuch von Carl gestern sehr genossen und wäre sicher am Abend mit nach Cottbus gefahren und mit Carl zur Party gegangen. Habe ich sowas bei Carl erlaubt? Ich glaube, er hat es einfach gemacht, wenn er offiziell bei Freunden in Cottbus war und wir dann nicht mehr wirklich wussten, was er tat.

Träume und Realität

In den Träumen sehe ich oft den kleinen Alfons. Es sind konkrete Situationen. Manchmal taucht auch Kathrin auf, Hannah, meine jetzige Arbeit, manchmal Carl, immer Alfons. Wir drücke und, ich ziehe ihn an, ich halte ihn, ich frage ihn etwas… Immer wache ich auf, oft weinend, manchmal schreiend. Ich muss mich dann orientieren, weil ich kurz nicht weiß, was die Realität ist. Dann brich sie furchtbar in mich ein. Noch immer so schlimm wie die Monate nach Alfons‘ Tod, als ich jeden Früh von neuem erkennen musste – Alfons ist tot. Dieser Schlaf ist nicht erholsam. Es sind Albträume. Es ist meine Angst, mein Kind zu verlieren. Vier Jahre, 5 Monate und 2 Tage nach seinem Tod. Und dennoch hat sich etwas verändert: diese große Ungeheuerlichkeit und die permanente innere Anspannung vermischt sich mit einer tiefen Leere und Traurigkeit. Gehe ich in mich, ist da etwas ausgehöhltes Schwarzes. Es ist sehr ruhig. Unlängst sagte ich Susan so etwas ähnliches, dass die umtriebige Suche nach Verfasstheit und Gewissheit und Auflösung und Veränderung mich nicht mehr beschäftigt. Es ist so, als wäre schon alles getan und gesagt. Stolpert mein Herz, fürchte ich mich nicht mehr vor dem Tod. Raschelt es im Haus, habe ich keine Angst mehr. Überfällt mich Ohnmacht und Verzweiflung, weiß ich, woher sie kommt. Ich halte gegen all das und noch mehr nicht mehr gegen.

Geburtstage im März und April

Carl und Alfons haben in diesen Monaten Geburtstag und auch meine Mutti (am 19.3.). Also heute. Was ich nicht wusste ist, das mein Vati, den ich nicht kannte, am 16.3. Geburtstag hat. Das wusste ich mein lebenlang nicht. Erst eine Cousine erzählte es mir am 16.3.. Es hat mich schockiert.

Auf dem Foto, auf dem das Bild meines Vaters zu sehen ist, ist auch Carl. Diese Fotos standen und stehen auf dem Fensterbrett hier in der Wohnküche. Die Kinder sahen sie imme rund wussten, wer die Menschen sind, aber sie haben sie nie kennengelernt. Das ist eine große Tragödie in einer Familie oder in einer Gemeinschaft, wo Menschen sich brauchen, unterstützen, lieben. Sie haben mir immer gefehlt.

aufgeschrieben am 1.3.23

Meine Freundin Susan

2006 lernten wir uns auf einer Fortbildung kennen. Shon im Oktober 2006 besuchte ich Susan zum ersten Mal. Gemeinsam mit Carl. Von da an sahen wir uns teilweise mehrmals im Jahr. Nur von 2012 und 2014 fand ich keine Fotos. Am Anfang war ich mit Carl oder allein bei Susan. Bald fuhr auch Carl allein zu Suan. Das ersten Mal mit 12 Jahren 2013. Dann kam Alfons dazu und wir fuhren mehrmals zu dritt zu Susan. Erst in ihr Häuschen mit Rajko, später in ihrer Pinneberger Wohnung. Dazwischen fuhr Carl immer mal allein nach Hamburg und machte ein paar Tage Ferien. Dann kam die Zeit, in der ich allein mit Alfons bei Susan war. Wahrscheinlich war es nur das eine Mal im März 2017. Auch ich fuhr dann schon wieder – selten – allein zu Susan. Ebensooft war Susan bei uns: allein, mit Rajko, nur eine Nacht, lange Wochenenden oder eine ganze Woche. Nun lebt sie mit Andrea in Bokel und wir sehen uns immer noch. So wie im Februar 2023 in St. Peter Ording. Ohne Susan, meine Schwester im Herzen und eine gute und warmherzige Gefährtin für Alfons und Carl, hätte ich die ersten Stunden, Tage, Wochen und Monate nach Alfons‘ Tod nicht überlebt. Wie schön hätte unser Leben sein können, wenn Alfons noch da wäre.

aufgeschrieben am 19.2.23

Über den Steinbock Sprininsfeld, der ein Regenbogensteinbock werden wollte und es auch wurde…

Alfons‘ wunderbare Geschichte über gute Freunde und Abenteuer, über die eigenen Träume und den Weg dorthin verteilen Asia, Momo und ich seit ein paar Wochen. Viele unserer Freundinnen und Freunde haben wir mit dem Buch beschenkt. Jetzt gibt es auch eine kleine Internetseite www.springinsfeld-steinbock.de, über die man das Buch bestellen und kaufen kann. Es kranken Kindern zu schenken, halten einige für nicht möglich, da ja das Buch auch die Geschichte von Alfons‘ Tod erzählt. Vielleicht kann man es trauernden Menschen schenken oder den Kindern, die Schlimmes überstanden haben. Ich denke dabei oft an Alex, Carl und mich – wir standen am Tag nach Alfons‘ Tod mit nichts da. Zuvor haben wir uns ein halben Jahr lang 24 Stunden am Tag um Alfons gekümmert und dann war nur Leere und Schmerz und eine riesige Ohnmacht und völlige Überforderung durch diese Ungeheuerlichkeit, dass der Alfons gestorben war. Es gab niemanden und nichts für uns. Wir waren zudem zerrissen. Irgendwo Carl, Alex und ich in unserem Elend. Dann waren Freunde und Freundinnen da und viel später auch Bücher. Hätte uns die Geschichte eines kleinen Jungen getröstet, der selbst gestorben war und doch so viele Herzen erwärmen konnte?

Mich überfordert jetzt das Versenden der Bücher, weil ich dauernd weinen muss, wenn ich vom Buch und von Alfons spreche.

letztens fand ich eine Wimper. Ich dachte an die wenigen, die ich bei Alfons auf der Wange gefunden habe und die wir wegpusteten und uns etwas wünschten, was wir nicht aussprechen durften, sonst wäre es nicht in Erfüllung gegangen. Oft küsste ich ihn auch mit meinem Wimpernschlag, wenn er früh in mein Bett kroch und seine Eisbeine aufwärmte. Dann umarmten wir uns fest und mein Wimpernschlag küsste seine Wange und es fühlte sich wie ein Hauch von einem Schmetterling an. Ich sah in seine wachen blauen Augen, sah sein Lachen, den Schalk, die Liebe zum Leben, die Wachheit, die Ungeduld, was der Tag bringen würde. Nie wieder soll das sein. Seit vier Jahren und vier Monaten und zwei Tagen ist Alfons nicht mehr da. Seine Stimme fehlt mir, seine Anwesenheit. Dass er sein Leben leben konnte.

Nun gibt es ein Buch von ihm. Aber er selbst ist nicht mehr da.

aufgeschrieben am 13.2.23

Lieber Alfons, ich war eine Woche krank. Mein Herz schlägt unregelmäßig, mir ist übel und schlecht und schwindelig. Es kann so viel sein. Ein Broken Heart? Die Wechseljahre (ja, was sind die Wechseljahre)? Ich gehe nicht zum Arzt. Ich hatte so viele Hörstürze und habe trotzdem erst in 6 Monaten einen Termin beim HNO-Arzt bekommen.

Heute wollte ich schreiben. Endlich ist die externe Festplatte mit allen Fotos von dir und Carl repariert (für eine dreistellige Summe 🙁 und nun sehe ich hier auf JIMDO werden nicht mehr alle Fotos angezeigt. Das ängstigt und ärgert mich. Ich zahle ja ziemlich viel für die Seite. Ich muss etwas ändern, aber wann und wie. Vielleicht ist es eine Störung? Ich hoffe, sie ist morgen wieder weg.

aufgeschrieben am 30.1.23

Das Foto ist Annes Gruss aus Cottbus für mich und dich, lieber Alfons

Zudem regnet es, geliebter Mausepiep (ich vermute, du schämst dich fremd, dass ich dich mit fast 14 noch so nenne wie einst), von Sonne seit Tagen keine Spur. Tante Elke klagt und Andreas‘ Solaranlage pfeift aus dem letzten Loch. Mal sehen was Carl und Yuriy am Mittwoch zum Wetter sagen. Mir sagt es zu. Es ist so, wie ich mich fühle. Sonne irritiert mich. Ich denke dann immer, es gibt doch keinen Grund so übermäßig zu scheinen. Jedes Frühjahr muss ich mich erst an sie gewöhnen. Sie sagt mir, dass das Leben weitergeht, was ich nicht glauben kann und nicht hören will und nur an den Jahreszahlen sehe.

Deine Geschichte begeistert unsere Freunde oder macht sie sprachlos oder treibt ihnen Tränen in die Augen. Immer öfter schreibe ich: die Geschichte würde nie in dem Buch sein, wenn du leben würdest. Das Kinderbuch gibt es, weil du tot bist. Mein Kopf und Körper streiken. Irgendwas blockiert mich, so dass ich verstumme im Denken. Ich möchte schlafen und schlafen und nicht mehr Nachdenken müssen. Tante Helga, so erzählte es mir Onkel Manfred heute, sprach erstmalig vom Tod. Sie wolle in den Wald gehen, sich an einen Baum lehnen, auf den Boden setzen und auf den Tod warten. Sie saß wie abwesend herum und irgendwann begriff ich: sie ist unterzuckert. Wir aßen Kuchen mit viel Schlagsahne. Ich bin dem nicht gewachsen. Nicht mehr.

Ich vermisse dich furchtbar. Es ist Krieg in Europa und viele sind voller Überzeugung, ihn mit noch mehr Waffen zu beenden. Ich sehne mich nach der „friedlichen Koexistenz“. Stell dir vor, es entsteht ein Flächenbrand und alle Männer über 21 werden eingezogen? Dann muss auch Carl kämpfen? Ist das so? Ach Alfons, du warst ein Jahr tot und dann kam Corona und dann der Krieg. Aber die Menschen waren schon immer ohne Demut. Der Krieg ist keine Überraschung, sondern eine Folge unseres überheblichen Lebens ohne Demut den Anderen gegenüber. So lange wir uns für die Besseren halten und allen unsere Standarts überhelfen (wie schon vor 500 Jahren), kommt nur das dabei heraus. Dabei sollten wir vor der eigenen Haustür kehren: ein Land, welches traumatisierte, gestrauchelte und erschütterte Kinder und Jugendliche in geschlossenen Heimen unterbringt, hat genug mit sich zu tun. Ein Land, welches Obdachlosigkeit als persönliches Versagen darstellt, schaut nicht hin, wie strukturelle Diskriminierung erzeugt wird. Es gibt so viele Widersprüchlichkeiten und Ungerechtigkeiten, aber das interessiert niemanden.

aufgeschrieben am 15.1.23

Das Kinderbuch über den Steinbock Springinsfeld, der ein Regenbogensteinbock werden wollte, ist fertiggestellt! Geschrieben am 30.12.2916 von Alfons. Herausgegeben von mir. Illustriert als Kinderbuch von Asia und gestaltet von Momo. Eine kleine Idee von Asia und viel Liebe zum Detail von Momo hat zu einem besonderen und wirklich freundlichen Kinderbuch geführt. Seit Freitag ist es da und noch kann ich es nicht fassen. Nächste Woche treffen wir uns zu dritt und beratschlagen die Verteilung und Verschickung. Wir werden es verschenken und verkaufen. Bald schreibe ich mehr dazu.

In den ersten beiden Januarwoche

Carl, Andreas und ich haben Holz gemacht. Das waren Momente, in denen der Schmerz aus mir wich. Wenn Carl da ist, fühle ich mich etwas ganzer. Mein Körper atmet kurz auf, meine Seele beruhigt sich und der Kopf plagt sich nicht mehr mit Vorwürfen und Fragen. Wenn ich dann am Spalter stand, dachte ich an Alfons vor mir, wie er den Saplter bedienen wollte, ich ihn auf eine Kiste stellte und wir zusammen die Hebel nach unten drückten, so dass der Spaltkeil ins Holz drang, immer vorsichtig unsere Köpfe zurückhaltend. Das letzte Mal im Herbst 2017. Als wollte er das auch noch ausprobiert haben.

Ich habe auch genäht und meine Socken gestopft. Sonst saß immer Alfons mit am Tisch und nähte auch. Seine Säcke und Säckchen für Stöcke, Steine, Lego-Männchen. Einer blieb leer. Genäht im März/April 2018. Der Beutel kam noch mit in die Charité mit seinem Portemonnaie, ein paar gesammelten Karten, seinem Bärchen und Dobby, Kopfhörern und seinen Pumuckl-DCs befüllt. Jetzt hängt er leer – es steht COOL auf ihm – im Flur. Dort wo Alfons‘ letzte Fußballschuhe stehen, seine Jacke hängt und seine Hausschuhe auf ihn warten. Ich habe wochenlang gebraucht, um endlich die Socken stopfen zu können. Erst als alle kaputt waren, musste ich es tun. Dann kommen auch die Erinnerung und die Erklärung zum Spruch meiner Oma: Langes Fädchen, falues Mädchen. Wir haben uns jedes Mal auch darüber ausgetauscht, warum wir flicken und nicht nur neue Socken kaufen. Wir sprachen darüber, dass wir beide unsere Kniestrümpfe mochten, die sich wärmer als Socken anfühlten. Wir hatten viel Freude zusammen. Warum soll ich das nicht vermissen? Warum soll ich keine Schmerzen dafür empfinden, das mein Kind nicht mehr ist? Wie soll ich mich darüber hinweg trösten, dass es nie wieder solche Situationen und Begegnungen und Gespräche und Erlebnisse und Zugewandheit und Aufmerksamkeit füreinander geben wird?

Nun faste ich schon den 7. Tag und trinke täglich Tee und sehe mehrmals im Regal, wo der Tee steht, Alfons‘ Kamillentee. Den mochte er und die angefangene Packung von ihm ist noch hier.

Und noch etwas tat ich, was mich mit Alfons verbindet: ich musste aus den alten Nummernschildern (GR-AQ 2000), die Alex sich so ausgesucht hatte und die Alfons und ich in Niesky bei der KFZ-Zulassung beantragten und herstellen ließen, ein neues machen lassen (GR-AC 901), weil mir eins der alten geklaut wurde. Später sagte jemand: Ach wie schön, AC für Anett und Carl. Alfons und Carl erwiderte ich.

aufgeschrieben am 2.1.23

Weihnachten

Am 24.12.2018 war ein grauenvoller Gedanke in mich gefahren, als ich mit Alfons den Baum schmückte und Carl Papier nach draußen trug – Das mache ich zum letzten Mal.Ich hielt einen Strohstern in meiner Hand und reichte ihn Alfons, der all die Glaskugeln und Holzengel und Strohsterne an die Äste hing. Ich erstarrte bei dem Gedanke, der sich mir aufdrängte und Panik in mir heraufbeschwörte. (Später dachte ich daran oft zurück, weil es so kam und ich mich frage, warum.) Schon musste ich mich aber auf das konzentrieren, was da am Baum passierte. Ich steckte die Kerzenhalter für die Bienenwachsbaumkerzen an. Wir suchten einen CD mit den Weihnachtslieder und fanden sie nicht. Alfons wollte endlich spazieren gehen, weil es danach die Bescherung gab. So oft denke ich an die ritualisierten Abläufe, die vertraut waren und uns Sicherheit gaben. So oft schrieb ich davon. So oft denke ich daran. An dieses letzte Weihnachten in Familie. Ein Jahr später saßen Alex und ich bei Carl in der WG in Cottbus. Mit Carl, Tillmann und Lorenz. Wir waren unter Schock. Ich kann mich nicht daran erinnern, ob ich Carl etwas geschenkt habe (doch einen roten Papierstern und eine Tischleuchte dafür). Wir fuhren mit der Niedrigtemperatur-Ente von Alex nach Cottbus. Zu Hause gab es keinen Weinachtsbaum mehr, keinen Alfons. Auch nicht in den Jahren danach. Nun war ich schon das 4. Jahr im Bahnhof, dort wo alle das Fest vermeiden, wo niemand Geschenke mag, weil sie als Kinder nie Geschenke erhielten, wo es keine Weihnachtsmusik gibt und keine Weihnachtsdeko und keinen leuchtenden Weihnachtsbaum. Die Klöße auf dem Kuchenblech zeigen, wie viele Heimatlose an dem Tag im Bahnhof zusammengekommen waren. Obwohl es meine Arbeit ist und ich all das Leid der Bahnhofsbewohner*innen nur durch meine Arbeit kenne, gehöre ich an diesem Tag zu ihnen. Ich möchte auch nur vergessen, möchte die Zeit beschleunigen, möchte mich ablenken.

Silvester

Ich arbeite immer bis zum 25.12. durch. Was für die anderen Tage im Jahr funktioniert, dass sich mein Kopf entleert und ich abschalten und funktioneren und arbeiten kann und nicht an Alfons denken will und muss, gilt insbesondere für Ostern und Weihnachten und die Ferien. Ich arbeite, um diese Zeiten zu überstehen. Damit die Erinnerungen mich nicht fluten. Ich bin erschöpft vom Jahr und doch wäre es schlimmer, zu Hause zu sein.

Am 31.12. hatte ich frei und nun habe ich Urlaub und weiß schon am ersten Tag nicht wohin mit mir. Aber Silvester gab es Kartoffelsalat, immer gab es Kartoffelsalat. Damals und heute. Ob zu Hause oder in Carls WG oder im Bahnhof oder gemeinsam mit Andreas – gemacht aus seinen selbstangebauten bunten Kartoffeln. Mehr brauche ich nicht mehr an diesem Tag. Alles andere, was in mir ist, schmerzt.

Der schönste Moment

In diesem Jahr kamen Carl und Yuriy schon am 25.12.. Seit 2019 treffen sich Carl, Andreas und ich immer am 26.12.. Am Anfang bei Andreas, später hier in Köbeln zusammen mit Tante Helga und Onkel Manfred. In diesem Jahr kamen die beiden Betagten nicht mehr, wir brachten ihnen Klöße und Rotkohl und ein bisschen Gans nach Weißwasser. Aber Carl holten wir nach meinem Arbeitsende am 25.12. ab und wir kochten und bucken zusammen und tranken und sprachen und sahen Filme und spazierten und besuchten Alfi, auch noch am 26.12. abends und so blieben Carl und Yuriy bis zum 27.12.. Zwei Nächte. Ganz spontan und wir alle fühlten uns wohl. Es war das erste Mal seit Alfons‘ Tod, dass ich etwas Vertrautes, Altes, Heimisches, Sicheres hier spürte. Es waren die ersten zwei Nächte nach Carls Auszug am 1.6.2018 und nach Alfons‘ Tod, die Carl hier in seinem Elternhaus verbrachte. Der schönste Moment seit langer langer Zeit. Ein Weihnachtsmoment.

DJ-Workshop mit Carl im Bahnhof

Carl arbeitet mit einem jungen Mann aus dem Bahnhof am Mischpult. Einen ganzen Nachmittag lang. Eine gute Zeit für alle.

Die Kinder in Köbeln zampern

Am ersten Sonnabend im Januar 2018 verteilten Alfons und ich Süßes und Geld in die Beutel und Büchsen. Im nächsten Jahr machst du mit, Alfons… Mal sehen… Ein nächstes Jahr gab es nicht. Die Kinder kommen dennoch. Wir waren keine Faschingsfreunde, aber immer unterstützten wir die Zampernden. Und Alfons versteckte sich anfänglich oben in der Diele, dann kam er und lugte hinter mir vor und ein Jahr später stand er schon mit mir an der Tür. Vielleicht würde er heute aus seinem Fenster schauen oder mir beim Holzmachen helfen, wenn am Sonnabend Holz kommt. Und nebenbei die Kinder beschenken…

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