Erinnerungen und Fotos von seinen Freund*innen Teil 2 (ab 28.9.20)

aufgeschrieben am 18.10.21

17.102018 – 17.10.21

Am Abend vor dem 17.10. habe ich mein Gedicht für Alfons an viele Freundinnen und Freunde und Bekannte geschickt. Viele haben sich zurückgemeldet, sehr viele schweigen. Mit dem Schweigen ist es schwer. Vor allem für die, die davon betroffenen sind, nicht zu hören, dass doch einer an einen denkt bzw. sich vorstellen soll (du weißt doch, wir denken immer an Alfons), dass da ja einer an einen denkt. Wir haben darüber auch mit den Muttis von Alfons‘ Freunden gesprochen, die gekommen sind. Ich fühle mich sehr mit ihnen verbunden. Ich sehe Alfons unter seinen Freunden und weiß, wie groß er jetzt wäre. Die Jungs kommen, schnappen sich die Räder und sind im Dorf verschwunden. Gestern auch. Sie pumpten Alfons‘ Fußball auf und spielten im Garten und ich höre dann Alfons‘ Lachen. Die Mädchen und Muttis brachten Kerzenwachs und Kerzen mit und nun stehen zwei wunderschöne Exemplare von Lotta und Rosa hier in der Küche. Olga hat einen Teil der Fotos gemacht und Sabine den ALFI-Kürbis zu Ende geschnitzt. Franzi hat Mittagessen gekocht. Es gab Kaffee und Kuchen und es könnte so ein normaler Nachmittag gewesen sein. Aber Alfons fehlt und eine Familie ist kaputt. Und meine Haut und meine Knochen schmerzen seit mehreren Tagen. Ist das die Last, die ich trage? Oder vom Druck, weiterzuleben? Heute ist die Stille wieder eingekehrt und die Schmerzen sind zurück, die sich gestern auf die Menschen, die kamen, verteilt hat. Sie brachten Sonnenblumen und einen Heidezwerg und ein Kastanienherz und eine Schnecke aus Ton und Kerzen und eine wichtige Scherbe… Ich habe Alfons‘ Baum geölt und ihm ein Kerzenherz zusammengestellt mit vielen kleinen Dingen, die in der Kiste lagen, die bei seinen Mützen stand. Aus ihr nahm Alfons am frühen Morgen, bevor sein Tag begann, ein kleines Ding heraus. Das Etwas wanderte in seine Hosentasche und später ging es durch seine Finger, wenn er ängstlich danach griff und sich damit beruhigte. Da war der Kai von den Ninjagos, ein gehäkelter Zwerg, ein Schleich-Gürteltier, ein Wolf aus Holz von einem Schlüsselanhänger (wir hatten ihn im Tierpark in Weißwasser erworben) u.v.m.. Da waren auch gesammelte Kastanien von mir und die Walnuss von Rügen und zwei Glasherzen, von Carl und Alfons, die ich für sie in einem Urlaub kaufte, bei dem wir einen Ausflug nach Neuglobsow machten. Da fand ich einen kleinen Laden, am Museum dran, und wir sahen die Ausstellung und kauften dann die Herzen und wir tranken Kaffee gegenüber dem Haus der sieben Wälder in dem einst Lola Landau und Armin T. Wegner lebten. Nur ich sehe das vor mir, in mir. Wenn ich nicht mehr bin, sind die Dinge ohne Bedeutung und es gibt keine Verbindung mehr zu Alfons und Carl. Nicht diese Verbindung. Aber andere. Dafür webe ich feine Schnüre, viele Verbindungen, die mir viel bedeuten und an denen sich die Geschichten eines Kinderlebens entlanghangeln. Ich sehe mich mit Alfons und Carl durch Neuglobsow laufen, auf einer staubigen Straße. In solchen Momenten lebt man vermeintlich, und ist doch vollkommen ahnungslos, was Leben heißt und bedeutet.

Ein Freund schrieb gestern: …es ist schrecklich, dass der Tod eines Menschen anderen beweißt, das sie leben…

Ich bekam gestern eine SMS von Josepha, auf mein Gedicht hin. Ich habe es vielmals gelesen und merke, wie schwer es mir fällt, die Welt mit solchen Augen zu sehen. Dass da Alfons in den Herzen ist. Dabei rührt mein Schmerz daran, dass er leben wollte, so gern in die Schule wollte, zeit mit seinen Freunden verbringen wollte, auf den Weihnachtsmarkt wollte, verreisen wollte, spielen wollte, lesen lernen wollte… Wer löscht ein Leben aus? Warum so? Warum muss ein Kind derartig schmerzhaft leiden? Ich hasse all diese quälenden Fragen, die bleiben, die mich verändern, die schon zum Teil von mir geworden sind.

Liebe Anett, lieber Alfons,

es muss schon ein ganzer Ozean an Tränen sein, der um dich verweint wurde. Und jede einzelne Träne ist so wertvoll, denn sie war ganz und gar für dich. Dazu das Zwitschern all der Vögel, die du uns schicktest und die wärmenden Flammen all der Kerzen, die für dich brannten, die Hoffnung, all der Blumen, die für dich wuchsen und der vielschichtige Rhythmus des Klopfens all der Herzen, in denen du ein zu Hause hast. Du bist ein sehr besonderes Kind, lieber Alfons und es ist ein außergewöhnlicher und mutiger Weg, den du gehst. Danke, dass ich dich dabei begleiten und daran wachsen darf.

In Liebe

Josepha

 

Und heute schrieb Elke:

Wir haben heute einen schönen langen Spaziergang mit Ben gemacht.

Da bekam er Schluckauf.

Ich sagte, da denkt bestimmt jemand an dich.

Da hat er seine ganze Familie und seine Freunde und Bekannte durchprobiert.

Nix hat geholfen.

Zu guter Letzt meinte er.

Bestimmt denkt Alfons an mich.

Und siehe da der Schluckauf war verschwunden.

aufgeschrieben am 11.10.21

Asia denkt an dich, lieber Alfons, und diese Karte aus Berlin ist für dich. Am 17.10.18 bist du dort gestorben. Das war nicht unser Plan.

Und viele, von denen ich nicht weiß, denken an dich. Tante Helga und Onkel Manfred sagen immer, wenn sie bei dir am Grab stehen: Bis bald, Alfons. Früher haben wir sie zweidreimal im Jahr gesehen, jetzt sind sie oft bei dir. Andere schweigen. Andere sprechen wieder. Deine Freunde sind groß geworden. Auf einem Bild im CTK bist du so reif, wie sie es heute sind. Deine jugendlichen Freunde besuchen dich am Sonntag.

aufgeschrieben am 12.9.21

Das Wohnmobil von Alfons und einer Freundin

Die Monate ab dem 3.5., mit dem Ausbruch von Alfons‘ Krankheit, sind für mich furchtbar. Besonders die Zeit in der Charité ist eine nie enden wollende Überforderung. Mein Kind hat gelitten und wir mit ihm und dennoch haben wir versucht, bei und mit ihm zu sein. Wir konnten nicht schlafen in dem Elternhaus, vor Lärm und Hitze und der Angst, Alfons`‘ zu verlieren. Am 13.09.2018 hat Alfons in der Apherese ein Lego-Wohnmobil zusammen gebaut. Hatte Manja es ihm mitgebracht? Dort war es ruhiger als auf der normalen Station und zwei Schwestern waren immer für einen Patienten zuständig und wir konnten etwas verschnaufen… Ich habe das Wohnmobil nach Alfons‘ Tod Ben geschenkt, dem Sohn meiner Cousine, ich denke oft an das Mobil und Alfons‘ Wunsch, mit einem Wohnmobil verreisen zu können. Ein Leben zu haben. Es blieben ihm noch 11 Tage bis zum Koma. Um den 13.9. herum waren wir noch optimistisch, ab dem 21.9. verschlechterte sich sein Zustand. Wir haben am 13.9. nichts geahnt. Wie gern hätte ich ihn nach Cottbus an CTK genommen.  Wir gern würde ich heute alles rückgängig machen. 

Ein Kollegin schrieb mir vor ein paar Tagen folgende Zeilen:

Liebe Anett,
ich habe in den letzten Jahren oft an Dich gedacht und oft überlegt, wie ich diese Email anfangen soll. Jetzt sehen wir uns übernächste Woche nach so langer Zeit endlich einmal wieder – ich freue mich sehr! – und ich will Dir jetzt doch noch vorher schreiben.
Die Nachricht von Alfons Tod hat mich damals sehr getroffen und es tut mir unendlich leid für Dich und Deine Familie. Als mich Mocias Aufruf erreichte und ich las, dass Alfons so gerne mal mit dem Wohnmobil verreisen würde, war mein erster Impuls: „Na, klar! Kein Problem!“ 

(…) ich habe (…) (ein) altes Wohnmobil geerbt und bin seitdem die letzten Sommer damit unterwegs gewesen. Es waren auch bei mir sehr schwierige Jahre (…), inzwischen laufen die Dinge aber in etwas ruhigeren Bahnen. Wie gerne hätte ich Euch und v.a. Alfons das Wohnmobil damals zur Verfügung gestellt (…), doch dann war es schon zu spät. Unfassbar. (…)
Ich schicke Dir eine Umarmung. Alles Liebe & bis bald. Deine D.

aufgeschrieben am 22.7.21

Besuch von Freundinnen

Anfang Juli besuchte mich Kerstin und ein Teil ihrer Familie. Wir lernten uns bei der Kur kennen und sie besuchte mich einmal spontan im Oktober 2017, da huschte Alfons durchs Bild… Mitte Juli waren Susan und Andrea hier. Wir waren im Spreewald, bei Alfons, in der Reicherskreuzer Heide, im Garten hier arbeiten, wir haben Carl getroffen, waren Andreas besuchen… Es ist schwer auszuhalten, es ist anstrengend, es fühlt sich ohne Alfons nicht gerecht an – aber sie sind da, als Freundinnen, damals und heute für die Kinder und immer auch für mich. 

aufgeschrieben am 11.7.21

Konstanze

Alle zwei Monate sitze ich bei Konstanze beim Friseur und höre Alfons am Ende sagen: Mama, du siehst aus wie immer.

Konstanze ließ diese Kerze für Alfons anfertigen und jetzt steht sie hier in der Küche. 

aufgeschrieben am 21.6.21

Annegret

Sie war zu Besuch, pflückte einen Strauß von Wiesenblumen in unserem Garten und brachte sie Alfons.

aufgeschrieben am 13.6.21

EM 2021 / EM 2016

Manja hat mir dieses Foto geschickt und wir haben ein paar Worte gewechselt. Zwei gute Freunde. Damals war alles in Ordnung und Alfons gesund. Niemals hätte ich denken können, was Alfons passiert ist. Und das ich ihn nicht trösten, nicht retten, ihm nichts abnehmen konnte. Carl schickte ich das Bild, er schrieb, wie Manja und ich auch: Kommt mir vor wie gestern. Ja, mein Kopf kann die Dinge nicht wahrhaben, nicht verarbeiten, die Zeitebenen verschieben sich. Wir staunen ungläubig, dass es drei Jahre bereits zurück liegt, weil unser Empfinden so ist, dass er doch jeden Moment zur Tür herein kommt. Ich merke, dass mir das sehr zu schaffen macht. Ich weine und schreie, aber es bringt nichts. Und wenn ich solche Fotos sehe, dann ist Alfons doch da.

aufgeschrieben am 28.2.21

Die grünen Birnen

Als es Alfons etwas besser ging und er wieder mit dem Essen begann, kneteten wir eines abends in der Charité. Er ein Herz für Carl: A+C=<3 und ich knetete die Idee von Alfons: eine neue Perle für die Mutmacherperlenkette, eine Birne. Für die Kinder, die wieder essen können nach einer schweren Behandlung. Ich musste damals von Alfons aus Maren fragen, ob auch Kinder mit einer normalen Chemotherapie wieder mit dem Essen begannen, also zuvor aufgehört hatten zu essen. Für Alfons habe ich eine Birne auf seine fast 10m langen Mutmacherperlenkette gefädelt. Eine Birne steht hier neben mir auf dem Tisch bei Alfons. 10 Stück hatte ich nach seinem Tod mit der selben grünen Knete, die wir aus der Charité mitgenommen hatten, geknetet, für Maren und die K1 des CTK. Alfons wünschte sich, dass die Perle offiziell von den Niederländischen Ideengebern der Mutmacherperlen anerkannt wurde, aber das wurde sie nicht, obwohl ich mich darum bemüht hatte. Aber Schwester Maren nahm 10 Stück auf die K1 und sie schrieb mir heute, dass sie die erste Birne einer Mama von einem kranken Kind gab und Alfons‘ Geschichte erzählte. 

Ich sehe den Alfons dort kneten im Bett. Ich hatte so viel Hoffnung. 

aufgeschrieben am 14.2.21

Konstanze und der Brief der Stadtverwaltung

Ich hatte im Januar der Stadtverwaltung die Unterschriftenlisten geschickt, 170 Personen sprachen sich dafür aus, Kindergräbern in der Friedhofssatzung Aufmerksamkeit zu schenken. Ich bot mich an, dabei zu helfen und dankte dafür, dass es bei Alfons zu einem Kompromiss gekommen ist.

Nur ein paar Tage später erhielt ich diesen Brief; eine zweite schriftliche Aufforderung, das Grab dezent zu gestalten, um die Würde des Friedhofs nicht zu gefährden, sonst räumen sie. Eine Härte wie damals im Mai 2020, im September 2020 und jetzt wieder. Jedesmal räumte ich etwas weg. Nie reichte es aus. Im Herbst vermittelte eine linke Stadtverordnete, jetzt Konstanze.

Sie sagt, es sind Frauen aus Köbeln, die die Beschwerden schrieben. Sie hat mir überbracht, was ich abnehmen muss. Dann wollen sie uns in Ruhe lassen.

Hannah und meine Schwester Kerstin schickten mir Fotos von Gräbern aus Berlin und Wasserburg, alle voller Leben. Ich möchte Alfons nehmen und weggehen von hier. Dabei sagte Alfons: Mama, ich gehe hier niemals weg.Und ohne ihn, gehe ich auch nicht. Aber was kommt als nächstes? Können sich die Schreiberinnen nicht vorstellen, wie es ist ein Kind zu verlieren, es beerdigen zu müssen, jeden Tag dort zu sein und zu verzweifeln an diesem verdammten Schicksal? Nein, sie können es sich nicht vorstellen. Deshalb können sie sein, wie sie sind. Ich stumpfe ab. Habe dem nichts entgegenzusetzen. Wann fragt jemand nach der Würde meines Kindes? 

Ich bin Konstanze dankbar, dass sie neben mir steht und zu Alfi steht und uns damit nicht allein lässt.

aufgeschrieben am 7.2.21

Markus

Markus hat mir dieses schöne Foto von sich und den Jungs aus seinem Haus geschickt. Ich musste beim Betrachten daran denken, dass Markus vor dem zweiten Lockdown noch hier in Europa war und im Sommer 2020 die Kamenzer Fußballjungs in Alfons‘ Alter trainiert hatte. Jetzt ist er mit Sindiswa in Durban und alle Pläne haben sich durch Corona verändert, aber beide nehmen die Herausforderungen jeden Tag an und verzweifeln nicht an ihnen.

Beim Betrachten des Bildes fiel mir noch eine andere Geschichte ein: vor drei Jahren flogen Alex, Carl und Hans nach Südafrika zur Hochzeit von Sindiswa und Markus. Am 5.2.18 brachten Alfons und ich sie nach Tegel. Alfons war sehr traurig, dass er nicht mitfliegen konnte. Wir machten uns dann – es waren Winterferien – schöne Tage, aber sie linderten nur wenig dieses Gefühl, nicht Teil der Reise und des Fluges zu sein. Ein Jahr zuvor, als die Planungen für die Hochzeit begannen, wollte Alfons auf keinen Fall mit, möglicherweise weil ich mein Mitkommen sofort ausschloss. Weder finanziell ging das, noch konnte ich meine Flugangst überzeugen. Aber als dann alle weg waren, war es für Alfons traurig. Er wünschte sich von Papa farbige Legomännchen, die Alex nicht zu kaufen bekam. Daran erinnerte ich mich beim Anblick der farbigen Jungs. Kaum vorstellbar, dass die Kinder in Südafrika nur mit weißen Legomännchen spielen. Alfons‘ Wünsche und Alfons‘ Blick auf die Welt kamen aus einer Tiefe, die mich so oft verwunderten. Solch ein Wunsch. Alex brachte dann eine kleine Dose für Alfons mit, die ein Künstler aus Fimo-Knete gestaltet hatte. Nur ein paar Tage später hatte Alfons das Döschen nachgeknetet…

Markus schrieb dieser Tage, dass das von Alfons geknetete Hochzeitspaar noch bei ihnen sei.  Alfons ist da, jeden Tag. 

aufgeschrieben am 1.1.21

Alfons‘ Freund*innen

Zwischen Weihnachten und Neujahr kamen zu Alfons‘ eine minikleine Glasvase mit einer Tulpe darin, auch sie aus Glas. Vielleicht von Papa oder Oma? Ganz sicher aus dem Glaswerk in Döbern; Alfons stand dort im Februar verzaubert vor all den durchscheinenden und blinkenden und glänzenden Dingen aus Glas… Jemand brachte ein rotes Licht und einen großen Ostseestein, dazu ein Stern aus Holz, vielleicht Thalia und Tessa? Konstanze stellte Alfons gelbe Rosen hin und der kleine weiße Herrenhuter Stern ist wieder repariert. 

Ich weiß nichts mehr von Alfons‘ Freund*innen. Kurz erfuhr ich, dass Malte nun auch nicht mehr in der Klasse ist und Manja schrieb, Alfons ist nun die Verbindung zwischen ihm und seinen alten Freunden… Ich habe es Alfons erzählt.

aufgeschrieben am 7.11.20

[19:40, 5.11.2020] Anett: Lieber Malte, den Kerzenständer hast du Alfons einmal geschenkt. Als er beim Töpfern angefangen hat. Ich hab ihn rausgesucht und zu Alfons auf den Tisch hier gestellt. Ich denke oft an dich und Alfons. Liebe Grüße. Anett

[19:52, 5.11.2020] Malte: Das ist aber schön 😊 ich denke auch oft daran als Alfons & Ich immer töpfern waren gespielt haben zusammen Eis essen waren und an alles andere er war mein bester Freund und ist es immer noch in meinem Herzen ❤️ Alfons passt jeden Tag auf uns auf vom oben im Himmel😇👼🏻 Liebe Grüße.Malte 😊

[20:33, 5.11.2020] Anett: Ich hoffe es, dass er uns sieht und dich beschützt. Ich vermisse ihn so sehr und ohne ihn ist es so still hier. Ja, ihr seid Freunde und es gibt so viele Erinnerungen an eure gemeinsame Zeit…

aufgeschrieben am 28.10.20

Konstanze schrieb, als ich ihr die Fotos vom 18.10.20 schickte: Es ist schön, das so viele da waren und viele Kinder. Die Grabbeleuchtung sieht sehr schön aus. Alfons wir haben dich nicht vergessen und werden es nie tun. Wir stehen deiner Mami bei… 

aufgeschrieben am 24.10.20

Das ist Tessa.

Tessa und Alfons gingen zu selben Tagesmutter, zu Kerstin auf den Berg, und später zu Doreen in den Kindergarten. Im Urlaub zündete Tessa eine Kerze für Alfons an. Ich sehe, wie groß sie geworden ist und stelle mir Alfons mit so einer Mütze vor… Ich kann mir Alfons  älter vorstellen, weil er zum Ende seines Lebens vielleicht schon so erwachsen aussah….

Die Mama von Tessa hilft mir bei der Stadtverwaltung, mit dem Grab. Das es nicht geräumt werden muss. Sie, Konstanze und Petra wollen zur Stadtverordnetenversammlung gehen und eine neue Friedhofssatzung anregen. Ich bin so kaputt und müde und traurig und ich habe Angst vor solchen Situationen. In mir steigt Panik auf, dass mir etwas genommen wird. Der letzte Rest. Nicht die Erinnerungen an Alfons, die in mir sind und erst mit mir sterben, aber den Ort, wo ich etwas für Alfons tun kann. Das Grab ist der lebendigste Ort, wo ich etwas für Alfons mache. Überall sonst ist die Zeit eingefroren. 

aufgeschrieben am 19.10.20

Alle leben, an die wir denken. Sie sind erst wirklich tot, wenn niemand mehr sich ihrer erinnert. 

(Hermann Hesse) 

Am 17.10.18 schlief Alfons ein, 15.35 Uhr, als alle bei ihm waren und die lebenserhaltenden Medikamente noch für 2 Stunden in den Infusionen waren. Wir wissen nicht, ob und was er von uns gehört hat. Und über mein dauerhaftes Weinen, wäre er leicht wütend gewesen. Wir wissen, sein Lebenskampf war aussichtslos; wir wissen nicht, wie verzweifelt er darüber war und wie verlassen und allein er sich gefühlt haben muss. Ohne Worte zu sein. Wo er so gern fragte, sprach und sang und rief und meckerte. Ich hoffe, er hatte keine Schmerzen. Ich hoffe, er konnte höre, dass wir „Wir lieben dich“ gesagt haben. So wie so oft zu Hause, als alles noch halberwegs gut war.

Alle Tage seit dem 3.5.2018 sind schwer, traurig, dunkel. Ja, es gibt die Momente des Lachens, des Abgelenktseins, der Konzentration auf etwas anderes – sonst würde es der Kopf und das Herz nicht überleben. Dennoch ist mein Lebensgrundgefühl schwer, schwarz, verlangsamt. Und ich finde es weiter angemessen für das, was passiert ist. Und ich finde weiter, dass das Leben bei Alfons hätte bleiben sollen, nicht bei mir. Das ergibt keinen Sinn. 

Wir kommen immer noch zusammen, um an Alfons zu denken. Nicht nur an seinem Geburtstag und nicht nur am Tag seines Sterbens, aber auch dann. Ich versuche so oft seinen Namen zu nennen, wie es mir möglich ist. Damit ich Alfons nicht vergesse und damit sein Name zu hören ist und wir uns an ihn und seine Art erinnern.

aufgeschrieben am 11.10.20

Post am 10.10.20 von Kerstin, meiner Schwester: Und du wirst dein Leben mit deinen schönen Erinnerungen an Alfons tragen, die dich bereichert haben und die dir weiterhin Kraft geben, um zu überleben. Du kannst stolz darauf sein, dass du ihm so erfüllende Jahre gegeben hast, ihn dazu gemacht hast, was er bis zum Schluß war, ein ganz tolles, mutiges, aufgeschlossenes, reifes Kind. Er hat im Krankenhaus im Schnelldurchlauf seine Zeit erlebt, die andere langsam erleben bis sie älter werden. Und diese Zeit hat er genutzt, viel intensiver als andere, weil er wußte, dass er krank ist. Und du hast ihm bis zum  letzten Atemzug alles gegeben, was eine Mutter geben kann, ohne etwas falsch zu machen, weil es in unserem mütterlichen Instinkt steckt, alles richtig zu machen. Alfons hat es gespürt, deine Liebe, deine Sorgen und konnte dann doch in Frieden einschlafen und wird jetzt immer in deinem Herzen sein.

Hannah sagte mir einmal, das Alfons auf den letzten Fotos wie ein 14Jähriger aussah. Reifer. Ich kann mir diese Fotos, mit seinem ernsten Blick, nur schwer ansehen. 

In meinen inneren Bildern war Alfons hochgewachsen, schwarzhaarig, neben seinem blonden ebenso großen Bruder Carl. Beide lachend. Sich umarmend. Im Garten hier mit Freunden, Familie, Kindern. So wie hier immer viele Freunde und Bekannte waren. Dass das niemals sein kann, ist schwer auszuhalten. 

aufgeschrieben am 28.9.20

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