Erinnerungen von seinen Freund*innen Teil 1 (25.1.19 bis 20.9.20)

aufgeschrieben am 20.9.20

Ein Besuch von Saskia

Wir hatten uns vor ein paar Tagen im NETTO gesehen und Saskia sagte, wie schwer es ist, einfach auf mich zuzukommen, weil es doch für niemanden einfach ist, also bleibt es. Aber wir haben es geschafft, über Tessa und Thalia, ihre beiden Mädchen gesprochen, über Alfons und Carl. Nicht so, als wäre Alfons noch da und nicht so, als ginge es Carl gut. Ihre Mädchen denken an die Jungs. Saskia fragt mich, wie ich das aushalte, die eigene Mutter verloren, dann das eigene Kind. Ich halte es ja nicht aus. Es geht mir nicht gut. Ich mache einfach weiter. Tausend Bilder im Kopf, die großen Augen von Alfons, blau. Seine vollen Lippen, seine Grimassen, wenn er schelmisch war. Seine Fragen. Sein Weinen. Sein Leid. Alles ist da, als wäre es nie weg und nie vergangen. Jetzt am Abend las ich in der Leitung von Dr. Hundsdörfer, Alfons‘ Transplantationsarzt an der Charité, jetzt Arzt in Berlin-Buch. Alfons hatte vor zwei Jahren Herrn Hundsdörfer lange befragt, was er studiert hat und wir lange alles dauerte, bis er das war, was er jetzt ist. Alfons wollte Arzt werden, um den Kindern zu helfen, die krank wie er waren, mit einer Tablette. Obwohl er Tabletten hasste. Aber mit einer Tablette sollte die Krankheit geheilt werden… Für Herrn Hundsdörfer haben Alfons und ich Fimo-Knete bestellt und Werkzeug, Kleber und Draht. Er wollte für ihn einen radelnden Arzt mit Locken kneten. Diese kurze Zeit des Hoffens, Planens und Lachens gab uns allen das Gefühl, Alfons schafft es. Am 24.9. ging es Alfons sehr schlecht und am kommenden Morgen wurde er auf die Kinder ITS verlegt. Sein Gesicht voller Angst, dazu mein Weinen. Im Fahrstuhl traf ich später Dr. Hundsdörfer, der mir auf dem Gang das Unsagbare sagte: Lebensgefahr. Wie konnte das passieren?

aufgeschrieben am 13.9.20

Alfons glücklich. Ein Jahr liegt zwischen dem Foto und seinem Tod. Was hätte ich anders gemacht, wenn ich gewusst hätte, es bleibt uns nur noch ein Jahr?

Kerstin aus Braunschweig zu Besuch in Köbeln

Damals, in den Oktoberferien 2017, besuchte mich Kerstin mit ihrer ältesten Tochter, Nina, und deren Freundin spontan (auf dem Foto von damals Kerstin, Alfons und ich). Wir gingen in den Park, ohne Alfons, obwohl er gern mitkommen wollte. Er blieb mit Papa zu Hause und Alex machte etwas Leckeres zum Abendbrot; Kerstin sagte, es war ein Auflauf mit Lachs und der Herd war davor kaputt gegangen und wir mussten damals einige Zeit vieles im Ofen machen. Später beim Essen staunte Carl über die Tochter, die eine Englischlehrerin ist. Alfons zeigte ihr stolz seine ersten Fimofiguren. Und NIna war beeindruckt und ermunterte Alfons. 

Dann sahen wir uns das nächste Mal in Köbeln im Oktober 2018, am 26.10., zur Beerdigung von Alfons. Kerstin kam sofort und blieb ein paar Tage und half uns in den ersten Tagen nach Alfons‘ Tod. Zusammen mit Kathrin, Susan, Mocia, Josepha, Elke und Petra. 

Nun, gestern und heute, war Kerstin für zwei Tage mit ihrem Vater und ihrer jüngsten Tochter, Sophie, da. Wir liefen durch den Park, in dem ich im April 2018 letztmalig mit Alfons war und im Januar 2019 mit Kathrin, als sie mir sagte, sie konnte noch nie etwas mit Alfons anfangen und ich konnte danach den Kontakt nicht zu ihr halten. Alle Jahre der Freundschaft versanken im Nichts und verloren ihre Bedeutung nach diesem Satz. Der Park ist ein schöner Ort und da und dort sehe ich Alfons laufen, springen, rodeln, schlittschuhfahren, wandern, radfahren, einen Eisbecher essen, in der Ananasausstellung mit Carl zur Ananasmusik tanzen und mit Malte sich im dortigen Bauerngarten umschauen, mit Papa und mir bei der Pomologenausstellung den Carola-Apfelbaum bestimmen lassen, mit Markus und Sindiswa spazieren, beim Lichterfest einen Lampion mit Monika tragen… Ich sehe ihn dort vor allem lachen. Auch Carl. Ich bin nicht mehr dort. Es ist kein Ort, an dem ich lange sein kann. Ganz Muskau ist voll davon. 

Aber Kerstin kommt und fährt immer wieder und wir reden und kennen uns doch erst so kurz, von der Kur in Neu-Fahrland, im Sommer 2017. Wie lange rang ich mich zu dieser Kur durch! Hätte ich nur diesen Sommer mit Alfons gehabt! Aber dann hätte ich Kerstin nicht kennengelernt, die einfach nach dem Tod von Alfons gekommen ist und helfen konnte,

aufgeschrieben am 6.9.20

Caro schickt einen Regenbogen in die Runde.

Die Muttis von Alfons‘ Freunden und Freundinnen

Wir haben uns getroffen. Vier von acht. Nach zweidrei Monaten. Und es gab Erinnerungen an Alfons. Geschichten. Die, wo seine Freunde mit Alfons Fußbälle suchten und die, wo Alfons die Jungs so zum Lachen brachte, dass er ermahnt wurde und trotzdem nicht aufhörte und dann prustete einer mit Erbsensuppe im Mund los… Dazwischen bleiben uns Nachrichten per Messenger. Die uns irritieren und ängstigen. Die uns weinen lassen. Ich habe solche Angst, mein Kind könnte vergessen werden. Wo es schon tot ist, kann es doch auch vergessen werden. Wer will sich immer damit auseinandersetzen, dass ein Kind sterben kann. Manche Muttis sagen und schreiben nichts mehr. Manche laden mich zum Nudelessen ein und die Kinder wissen: Ah, es gibt Nudeln, dann kommt Anett. Mit Keksen. Wie immer. Alles, weil Alfons tot ist. Ich würde sonst dort nicht sein, nicht um 19 Uhr, weil da würde ich mit meinen Kindern zu Hause selber Abendbrot essen. Weiter streune ich also durch die Zeit, ohne eigene Ordnung, fast ohne Sinn und nehme die Hände und fühle mich nicht wohl in meiner Haut. Wie nicht richtig. Fremd in mir selbst. Seit zwei Jahren. Was war am 6.9.18? Ich kann nicht im Blog aus dieser Zeit lesen; wir haben viel gelesen und gebastelt und Alfons hatte Schule. Bald begannen die Blasenschmerzen, das GvHD begann… Wir haben überlegt, ob wir den 2. Sterbetag von Alfons auch am 18.10. begehen können. Für mich starb Alfons an einem Mittwochnachmittag und es wird auch in diesem Jahr der Mittwoch sein; der 17.10. fällt aber in diesem Jahr auf den Sonnabend. Was macht mein Gehirn? Was muss es Furchtbares denken und ich sitze dann im Garten und sehe Alfons und sehe seinen Sandkasten, der verunkrautet. Tatsächlich passiert das nicht, wenn ein Kind immer mal wieder darin spielt.

aufgeschrieben am 23.8.20

Tante Helga und Onkel Manfred

Als Carl geboren war, kamen beide und brachten Geschenke. Von da an kamen sie immer.

Manchmal zu den Geburtstagen der Kinder, immer zum Nikolaus. Viele Jahren haben dann beide Jungs einen Anorak bekommen oder eine Strickjacke. Tante Helga hat einen guten Geschmack und lag damit immer richtig. Die Kinder mochten ihre Besuche, sie ließen sich viel von den Jungs erzählen, aber hielten sich mit Kommentaren zurück. Sie brachten Kaffee, einen Stollen und Geld für die Sparbüchse. Sie halfen und wir schlossen uns einander in die Herzen. Damals wie heute, wo schon so viele von mir gegangen sind, sind sie nach Tante Elke die wichtigsten Menschen für mich, die mir zeigen, dass ich eine Familie habe…

Tante Helga ist die älteste Schwester meines leiblichen Vaters, Günther. Sie hat sich bis zu seinem Tod 1996 um ihn gekümmert. Es war Bauingenieur und hatte nach der Scheidung meiner Eltern (wahrscheinlich ca. 1974) keine neue Familie gegründet. Er war Alkoholiker, saß wegen Republikflucht in Bautzen und starb an zu viel Goldkrone. Ich war 4 als meine Eltern sich trennten. Mit ca. 13 Jahren sah ich ihn noch mal, danach nie wieder. Immer wollte ich einen Anlauf nehmen, nachdem meine Mutti sich 1994 das Leben genommen hatte. Aber ich hatte zu sehr mit mir und meinem Leben zu tun.

Auf dem ersten Foto – Dezember 2016 – sieht man Alex in Malerkluft. Er strich mit den Kindern den Flur. Ich war an diesem Wochenende in Hamburg auf meiner Weiterbildung zur Traumapädagogin. Es war eine schwere Zeit für alle, weil das Vertraute zerbrach. Niemand ahnte, dass das Schicksal uns und vor allem Alfons noch viel unbarmherziger treffen sollte.

Auf dem zweiten Foto – August 2020 – besuche ich Tante Helga in einem Pflegeheim in Weißwasser. Onkel Manfred erlitt Ende Juli einen Schlaganfall, kam nach Dresden und von dort nach Pulsnitz. Welches Glück, dass das Gehirn nicht so stark betroffen ist, er sprechen kann und das Laufen wieder erlernt. Tante Helga kam ein paar Tage später ins Pflegeheim. Sie arrangiert sich mit den neuen Umständen, aber es fällt ihr schwer. Ihre Enkelkinder Konrad und Maria sowie ihre Nichte Ulrike, meine Cousine (zu sehen auf dem drtten Foto ca. 1971), und ich kümmern uns um Tante Helga und Onkel Manfred. Fahren nach Pulsnitz, gießen den Garten, erledigen die Zuarbeiten zur Pflege, waschen die Wäsche, holen sie zum Kaffeetrinken und Abendessen nach Hause. Vor allem Ulrike. So sah ich sie nach 48 Jahren wieder. Sie, die damals neben mir auf der Decke saß und mit mir spielte. Es bewegt mich seltsam, welche Kurven mein Leben macht. So dass ich Ulrike wiedersehe. Als es soweit ist, wissen wir über Tante Helga schon voneinander, dass wir beide einen Sohn verloren haben.

aufgeschrieben am 16.8.20

Einschulung

Nun kommen Geschwister von Alfons‘ Freunden und Freundinnen in die erste Klasse der Waldorfschule in Cottbus. Ich denke an Alfons‘ Schuleinweihung zurück. Am 10. September 2016. Dass wir den Ranzen vergaßen und später meinen selbstgebackenen Apfelkuchen im Spreewald aßen, zusammen mit Malte.

Caro schickte ein Foto von vielen Luftballons – Wünsche für Luise zum Schulanfang. Pia schrieb in ihren Ballon: Lieber Alfons, ich denke immer an Dich!

Es schmerzt, mein KInd zu vermissen und und das es anderen nicht anders geht. Aber noch mehr schmerzt das Schweigen und die Stille, die mir Alfons‘ Abwesenheit verdeutlich und die meinen Körper und Kopf flutet und ich höre mich NEIN, NEIN, NEIN rufen. Weil ich es nicht verstehen kann, was passiert ist.

 
Gestern schrieb Olga folgende Zeilen, die mich berühren und trösten, obwohl nichts tröstbar ist: Heute ist Rosa durch den Regenbogen gelaufen und ich habe an die Einschulung von Friedrich gedacht. Daran wie sich die Kinder, mit denen er in die Schule gehen würde, und ich mich besonders über Alfons gefreut hab. Ich hab mir vorgestellt, wie er als Jugendlicher aussieht und mit Friedrich dann schon so lange befreundet ist. Das hat mich noch mal so traurig gemacht und ich hab geweint und gespürt, welche Angst auch in mir ist. Ich hab die Kinder da vorne sitzen gesehen. Wir alle wünschen, planen mit den nächsten zwölf dreizehn Jahren gemeinsam… aber wir können das nicht. Es ist, und das hab ich heute wieder ganz stark gefühlt, so schlimm für mich, das Alfons gestorben ist. Ich vergesse ihn nicht und Friedrich wird ihn auch nicht vergessen. 
Anett, du bist mit deinem Schmerz in meinem Herzen.
Ich wünschte es wäre anders. Ich wünschte er wäre noch da.

aufgeschrieben am 26.7.20

Bei Susan und Andrea zu Besuch

Wenn ich bei meiner Freundin Susan und ihrer Frau Andrea bin, steht Alfons noch immer auf ihrem Fensterbrett in der Stube. Ein Engel und eine kleine Prinzessin passen auf ihn auf. Lia, die Mutti von Andrea, vergißt immer mehr was war und erkennt mich nur dann, wenn ich ihr sage, dass ich zu Alfons und Carl gehöre. Zu dem mit den strubbeligen Haaren und zu dem Kind, was nicht mehr ist oder das in uns ist. Susan sagt, jeden zweiten Tag sprechen sie von Alfons. So lebt er nun zwischen uns, in uns, mit uns, ganz fern und nah wie immer… Es hört sich so selbstverständlich an und ist eine gewalttätige und schmerzhafte Übung jeden Tag und die Gewöhnung verläuft nicht ohne Tränen, nicht ohne Verzweiflung und dem Gefühl der Sinnlosigkeit.

Bei jedem Besuch in Bokel fahre, radle, wandere ich zur Waldkapelle Mönkloh*. Auch gestern. Susan und ich waren ein paar Stunden unterwegs und in der Kapelle entzündeten wir vier Kerzen, darunter auch eine von Carl für Alfons. Wir haben einen Moment vor der Kapelle gewartet. Sie ist winzig und hatte Besucher. Wir saßen auf einer Bank vor der Kapelle und ich spürte den immer länger werdenden Alfons auf meinem Schoß. Wie er kuscheln würde, quengelig, kaputt nach dem Weg. Ich spürte seinen knochigen Po, umarmte seine Hüften und seinen Bauch, lehnte mein Gesicht an seinen Rücken, konnte ihn riechen, ruhte mich aus an ihm, mit ihm. Für einen kurzen Moment. Mit 11 ist das ja auch nicht mehr sooo eng mit der Mama; ungeduldig wäre er gucken gegangen, ob die anderen dann soweit waren in der Kapelle und ich rief vorsichtig, dass er nicht drängeln solle… Hätte Alfons die Therapie überlebt, säße er vielleicht noch im Rollstuhl. Wir würden ihn den langen Weg schieben. Achtsam sein müssen in Zeiten von Corona. Vielleicht hätten wir auch gar nicht fahren können. Dann wäre Susan vielleicht zu uns gekommen… All diese Vorstellungen führen zu nichts. Aber nur zu sein, ohne diese Vorstellungen, nur mit dem Wissen, das mein Kind zu Erde wird unter der Wiese hinten auf dem Friedhof in Köbeln, das macht mich kaputt. Stück für Stück.

*https://www.seliger-eduard-mueller.de/2019/05/18/waldkapelle/

Pia hat in ihrem Urlaub an der Nordsee eine Flaschenpost losgeschickt. Ich durfte sie lesen, bevor sie auf ihre Reise ging. Es schmerzt, das Alfons nur in den Gedanken und Gefühlen von uns lebt. Aber ich bin dankbar dafür, dass er nicht vergessen ist.

aufgeschrieben am 5.7.20

Holger

Holger, mein Cousin, lebt mit seiner Frau und Anna, seiner Tochter, in Weißwasser. Er hat seinen Meister der Zahntechnik Ende 2019 geschafft. Er hat wie Carl im ersten Anlauf sein Abi versiebt. Währenddessen ist er mit mir nach Lubin und Bielice und Wroclaw gefahren, als Teilnehmer von deutsch-polnischen-ukrainischen/litauischen Jugendbegegnungen. Später hing Carl als kleiner Junge an seinen Armen und ließ sich herumschwenken. Als Jugendlicher ließ er sich von Holger den PC aufrüsten.

Alfons fing gerade an, sich zu öffnen und dann war es nicht mehr lange hin, Holger als Raufbold zu benutzen und bei Elke mal ohne Mama/Papa übernachten zu wollen. Das Foto mit uns allen ist vom 24.7.. Wir waren zur Neiße gelaufen. Bei unerträglicher Hitze. Da sah Elke eine Europalette, die sie später noch holen wollte und Alfons zeigte ihnen die Geocaching-Punkte in Köbeln. Wir waren frohen Mutes. Eine Woche vor der Abfahrt nach Berlin.

Holger schrieb mir am 18.10.2018, einen Tag nach Alfons‘ Tod: Weißt du, durch euch hat für mich das Wort Aufopferung eine neue Bedeutung bekommen. Ihr und speziell du hast gezeigt, wie sehr man sich kümmern kann. Ich meine nicht erst in der schlimmen Zeit sondern davor. Ich habe noch die Worte von Oma im Kopf „mein der Junge hängt ja nur am Rockzipfel“. Und? Ist das nicht schön für ihn gewesen? Hast du ihm nicht das Leben geschenkt, was er sich wünschte? Du hast dich nie beirren lassen. Du hast sein Leben mit so viel Liebe gefüllt, das haben andere bis ins Rentenalter nicht. Nein Anett, du hast mir persönlich schon so viel zurück gegeben. Ich wünsche euch Kraft, ich wünsche euch euch. Wir haben euch lieb.
Am 14.12.2019 schrieb mir Holger: Liebe Anett, ich schreibe dir nach so langer Zeit mal wieder, weil ich, ganz ehrlich, dir nicht einfach mit danke oder ok oder sehr schön antworten möchte und wollte. Ich glaube seit Alfons‘ Todestag war es für mich nicht mehr einfach möglich alles einfach zu schlucken oder irgendwo zu verstecken, dann C.s (…). Es ist falsch und die Menschen sind falsch, ich finde es grausam, wie schnell alle wieder in die Normalität zurück wollen. Ich weiß, das ein emotionaler Schock für die Leidtragenden manchmal nicht anders zu händeln ist, aber für Umstehende? Die wollen schnell wieder Friede, Freude, Eierkuchen. Dabei habe ich gemerkt, es geht doch auch beides, wenn ich Alfons von mir wegschieben würde, was wäre dann, hätte ich gedacht den Meister zu bestehen, doch wieder und wieder aufzustehen, die Verhandlungen mit der Firma durchhalten, obwohl man immer wieder mit Anwälten und Steuerberatern an Verhandlungstischen saß. Hätte ich das gepackt, wenn ich nicht an Alfons gedacht hätte, der einfach unfassbar kämpfte, der einfach immer weiter gemacht hat, der einfach so viel war und durch uns doch noch immer ist. Ich versuche immer noch einen Weg zu finden damit umzugehen, ich kann zum Beispiel immer noch nicht zu seinem Grab, weil es falsch ist, falsch ist, dass er nicht 500m weiter durch euren Garten rennt. Ich umarme dich ganz fest, denke immer und immer an euch beide. Holger
Was meine Oma über Alfons sagte, sagte sie auch schon über Carl und mich. Ja, ich war unbeirrt. Ohne Elke, Julia und Holger hätte ich viele Wege nicht gehen können. Sie waren da, auch und vor allem für Carl und Alfons. Meine Familie ist so, dass sie zupacken, anpacken. Aber auch Klartext reden, wenn es nötig ist. Und lange reden und sich austauschen, wenn uns danach zumute ist, wenn es schwer geht, wenn die Welt wankt. Elke sagte mir zwei Tage vor Alfons‘ Sterben: Anett, Alfons kämpft um das Leben, weil du ihm erst gezeigt hast, was das Leben bedeutet und wie schön es ist. Ich habe da erst viel kapiert vom Leben, was ich intuitiv lebte. Sie kennt mich einfach gut genug, um zu wissen, wie sich die Dinge verhalten. Heute sehe ich ihr Leben und Schicksal und ihre Trauer um so viel Verlorenes. Und sehe Holger und bin dankbar, trotz seiner vielen Aufgaben, dass er sich Zeit für Carl nimmt. Es kommt nun, wo ich 50 bin, zurück was ich mit 25 ihm gab, als er ein junger Spund war 🙂

aufgeschrieben am 14.6.20

Tutti und die Holzaktion

Das letzte Kaninchen, Tutti, die Kaninchenmutter von Weißchen und Toffel sowie zwei weiteren weißen Kaninchen, die bei Malte leben; Tutti also lebte nach dem Tod von Muggefug und den Kindern allein in dem riesigen Stall, den Alex mit Alfons im März/April 2018 hinten auf dem Holzplatz im Garten gebaut hatten. Zusammen mit Konstanze entwickelten wir die Idee, den Stall zurückzubauen und die übrig gebliebene Tutti über die zig unterirdischen Gänge aufzuspüren und zu fangen. Es gelang Charlotte, der Tochter von Konstanze. Tutti lebt seit dem 13.6. bei Konstanze und ihren Kindern. Nicht mehr allein und gut versorgt. Sie schrieb, dass Tutti gestern nichts aß und später von den anderen geärgert wurde. Aber nun wohnt die Häsin bei den Mehrschweinchen und alles ist gut geworden. Alfons hätte die Lösung gut gefallen.

Neben dem Rückbau des Stalles hat die gesamte Familie Göthert und die Familie Ludwig (Alfons‘ Freund Ole gehört dazu), haben Andeas und ich Holz gesägt, gespalten, gestapelt. Bei 30 und mehr Grad, bei Gewitterstimmung und Gewächshausklima. Von früh 9 Uhr bis abends 18 Uhr. Schweißgebadet. Dazwischen aßen wir Kuchen und die Schwestern von Ole veranschiedeten sich irgendwann mit den Worten: Wir gehen hoch zu Alfons nach drinnen ins kühle Haus. Ole schuftete dagegen regelrecht. Er hätte wahrscheinlich mit Alfons im Team gearbeitet und vielleicht etwas Quatsch gemacht und irgendwann den Sprenger im Garten angestellt und sich geduscht. Aber das ist nur in meinem Kopf. Immer, dass das eigene Kind fehlt und meine Hände untätig sind.

Die Arbeit war eine Freude. Zum Schluss war ich mit den Kindern und mit Konstanze bei Alfons.

aufgeschrieben am 31.5.20

Was am 28.5.2020 geschah

Anne schrieb, heute soll ich auf die Zeichen achten, die Alfons mir zum Geburtstag schickt. Aber ich war zu blind dafür. Am Abend schickte mir Caro drei Fotos. Von einem doppelten Regenbogen. Aufgenommen gegenüber ihrem Haus, über dem Feld, an meinem Geburtstag, in Erinnerung an Alfons. Sie wusste nichts von alldem und kann es so ein Zeichen sein, das mir Alfons schickte?

Hannah

Ein Freundin. Seit 2004 kennen wir uns. Wir trafen uns heute in Cottbus. Fuhren mit Kuchen von Alex zu Carl und saßen auf dem Dach des Hauses seiner WG. Später liefen wir an der Spree entlang durch Cottbus. Ich sagte, wie oft ich schon bereut habe, dies nicht mit Alfons getan zu haben, so schön ist es hier.

Nun schreibe ich über den Tag, bekomme heftigen Schluckauf, denke sofort an Alfons und weg ist er.

Malte und Alfons

Heute ist Malte 11. geworden. Ich habe ihm mit Alfons im Herzen gratuliert und ihm einen schönen Tag mit seiner Familie und seinen Freunden gewünscht und mir erlaubt, an die Freundschaft zwischen ihm und Alfons zu erinnern. Dann fand ich noch dieses Foto und schickte es hinterher. Ein Smiley kam von Malte zurück.

Alfons sieht schon schmal aus auf dem Foto, die breite Nase ganz dünn; aber seine Lippen ganz voll und seine Augen so wach. Und mir fällt Schwester Julia von der 39i an der Charité ein: „Sie haben so einen wundervollen Jungen!“.

Manja erinnert sich oft an das Maaalteeee von Alfons. Alfons in der Hängematte. Malte und Alfons auf dem Trampolin. Beide mit Max. Beide am Kneten, am Spielen, am Rumalbern. Beim Pizzaessen, beim Brötchenholen, am Lagerfeuer… Alles passiert jetzt nur noch in den Erinnerungen.

aufgeschrieben am 24.5.20

Freund*innen zu Besuch

Mit Alfons‘ Lebensfreudefest am 27.10.18 gibt es eine feste Tradition: alle sechs bis acht Wochen treffen sich seine Freunde und Freundinnen bei Alfons. Wie an diesem Wochenende. Nicht immer können alle, nicht immer kommen die Freunde mit, dann kommen die Mamas und Papas allein, nicht immer ist es leicht. Wir aßen Kuchen, sprachen über eine Holzhilfeaktion, die Kinder spielten „Kakerlaloop“, liefen zu Alfons. Dann höre ich ein „Mama“ und ich sacke in mir zusammen. Könnte schreien und weinen und in mir zerreisst alles, obwohl alles schon zerrissen ist. Ich vermisse Alfons‘ Mama, vermisse Alfons‘ Stimme, vermisse Alfons schrecklich. Ich bin dann still. Zu jeder Zeit, zu jedem Anlass, in willkürlichen Momenten, zu geplanter Stunde – meine Gedanken wandern zu meinem Kind. Immer wieder den Berg des Schmerzes hinauf, auf der Suche nach Alfons. Ich taste Erlebnisse ab, verfluche Entscheidungen, suche Vergessenes, stelle mir meine Kinder erwachsen vor, in einer Welt und Zeit, die es niemals geben wird.

In dieser Woche kam viel Besuch und ich bin dankbar und müde: Schwester Maren und Anne, die Mutti von Teddy, Konstanze, die Kinder am Wochenende. Es kostet mich alle Kraft und ist Trost zugleich. Könnte Alfons Pia sehen mit den wunderschönen Blumen! Könnte Alfons Carls Musik hören, die ich gestern gehört habe, die er komponiert. Er wäre so stolz und glücklich.

Alles, was ich versuche zu fassen und zu beschreiben, kommt nicht an sein Leid heran und kann nichts lindern.

aufgeschrieben am 17.5.20

Freunde

Durch Corona bedingt und durch die Zeit die läuft, bin ich den Freunden und Freundinnen von Alfons fern. Ihren Mamas und Papas auch, die begannen Freunde zu werden. Aber wenn es nur mein Bedürfnis ist, sie zu sehen? Sie fühlen sich an wie Seifenblasen. Ich sehe darin auch immer den Regenbogen, zumindestens erinnere ich mich an ihn, wenn ich Alfons‘ Seifenblasen nachblickte. Man musste unendlich schnell und oft pusten, um sich für einen Moment an ihnen satt sehen zu können.

Wenn es sehr finster in mir ist, kommt manchmal ein kleiner Lichtblick. Caro schickte einen von Pia. Und ich frage mich, ob wir überhaupt unsere Kinder kennen. Wenn ich Pias Gedanken lese, bin ich mir nur noch mehr sicher, dass der Alfons viel mit sich selbst ausgemacht hat. Und das das ein gravierender Unterschied zum Davor war, da er alles teilte mit mir. Und wo war ich in seiner dunkelsten Zeit, wo er Angst vor dem Tod hatte? 

Bald kommen ein paar Freunde von Alfons zu Besuch…

aufgeschrieben am 22.3.20

Gefunden

Heute hing bei Alfons ein Herz; ein Vogelfutterherz. Gerade zur richtigen Zeit, da dass Vogelhäuschen leer war und der Frost noch einmal zurück kam. Dankeschön!

 

Werden zum 11. Geburtstag von Alfons seine Freunde kommen können?

Wieder war es so, dass ich den Kuchen für Alfons‘ Klasse bei seiner Lehrerin und Hortnerin „beantragt“ und dazu die Idee, seine Geschichte vom Regenbogensteinbock Springinsfeld vorlesen zu können, vorgeschlagen hatte. Die meisten Eltern der Klasse erlaubten dies auf einem Elternabend Anfang März. Obwohl ich dieses Vorgehen weiter merkwürdig, ausgrenzend und für lebensfremd halte, war ich dankbar, dass ich kommen konnte. Aber nun gibt es den Corona-Virus und die Lungenerkrankung Corvid-19. Und die Menschen warten in diesem Moment darauf, ob es eine politische Entscheidung für eine bundesweite Ausgangssperre geben wird. Dann werde ich am 3.4. allein bei Alfons sein?

aufgeschrieben am 17.2.20

Ich musste das Foto abfotografieren, da ich es nicht auf meinem Rechner habe. Vielleicht ist es bei Alex. Es scheint ein warmer Sommertag gewesen zu sein. Vor ein paar Wochen fiel mir das Foto in die Hände...

Ein Sonntag mit Freunden

Noch immer bekommt Alfons Besuch von seinen Freunden und Freundinnen. Ich glaube, sie würden jetzt Kumpel und Kumpeline zueinander sagen. Sie sind noch Kinder, doch da und dort blitzt das Jugendlichsein hindurch. Ganz zart…

Als wäre es das Normalste auf der Welt, ziehen sie Jacken und Schuhe aus und laufen die Treppe hinauf zu Alfons‘ Spielsachen. Spielen oben mit den Autos und dem Lego und unten auf der Erde mit den Gesellschaftsspielen, die Alfons auch mochte: Kakerlaloop und das Affenbaumspiel. Er hatte es von den Jugendlichen aus dem Bahnhof bekommen und wir spielten es im CTK…

Wir Muttis und Vatis saßen am Küchentisch. Kurz bevor alle kamen, hörte ich Alfons in mir ständig nachfragen, wann sie kommen, wie spät es ist, ob ich nicht mal nachfragen kann per WhatsApp – so ungeduldig, so voller Vorfreude, so dankbar für jeden Besuch war er immer. Er konnte sich freuen… Franziska erzählte mir später davon, dass sie mit Jakob gerade Harry Potter liest und es dort ein Schulgespenst gibt und Jakob meinte, wie toll es wäre, wenn sie auch an der Waldorfschule eins hätten und wenn das dann noch Alfons wäre. Wie gut das zu ihm passen würde (und ich denke, es wäre nur gerecht, wenn er jetzt noch etwas die Lehrer*innen piesacken könnte, auch dafür, dass sie ihn so sichtbar nicht haben wollen in der Schule.) Ich habe zu dem spaßigen Alfons ein Bild gefunden. Da war er zwar 4, aber ein Schelm. Ein Frechdachs. Du Frechdachs, wie ich das so oft zu ihm sagte…

Und noch so eine besondere Geschichte erzählte Christian, Ole L.s Papa: Er hatte am Sonnabend seinen ersten Boxwettkampf und den wollte er gewinnen und die Medaille Alfons bringen. Er musste den Kampf abbrechen und war kaputt und geknickt, als er gestern kam. Und Alfons mochte wirklich Medaillen und wäre aber auch so auf Ole sehr stolz gewesen. Bestimmt wären wir hingefahren und hätten Ole zugejubelt und es hätte dann geklappt mit dem Sieg. So stelle ich mir das vor…

Das wirklich Tröstliche an den Kindern ist, dass seine Freunde von Alfons nicht in der Vergangenheit sprechen. Sie erzähle keine zurückliegenden Geschichten, sondern wie sie jetzt mit Alfons leben und wie er auf irgendeine Art doch bei ihnen ist. Ach, könnte er das sehen, wissen, spüren, sich an seinen Freunden erfreuen. Warum kann ich nicht daran glauben? Ich denke, er ist klug genug, um mir zu zeigen, dass er uns sehen kann, wenn es so wäre. Also gehe ich weiter davon aus, dass da nichts ist? Anne sagt immer, unsere Kinder geben uns Zeichen. Und jemand sagte, wenn die Trauer nachlässt, kann ich sie sehen. Aber der Schmerz wächst an und ich weine weiter jeden Tag und beim Betrachten des Fotos, welches hier steht, wusste ich plötzlich, dass das Schönste in meinem Leben hinter mir liegt. Carl und Alfons geboren zu haben und eine Zeit mit Alfons gewesen zu sein und mit Carl noch sein zu können. Dieses Glück konnte ich immer schätzen und behüten, aber die eigenen Kräfte sind so ärmlich.

Petras Trost

Mir schrieb ein mir nahestehender Mensch vom Glück, dessen Schmied jeder selbst ist. Gilt das auch für Alfons? Und was ist mit den Jugendlichen im Bahnhof, die Eisen und Feuer gar nicht mehr besitzen oder nie besaßen? Und muss ich mein Glück schmieden, obwohl ich nicht mehr glücklich sein mag? Warum geht es pausenlos ums Glücklichsein? Mein Kind ist tot und ich will um mein Kind weinen, ich will um mein Kind trauern und es geht mir schlecht, weil Alfons weg ist und ich nicht weiß, wo er ist und wie es ihm geht. Kann sich das eine Mutter, ein Vater, ein Bruder, eine Schwester unter euch vorstellen, dass das Kind, das Geschwisterkind weg ist und man sich keine Sorgen macht?

Der nahestehende Mensch schrieb auch, dass ich nicht im Selbstmitleid versumpfen soll. Ich denke darüber viel nach. Denke auch, dass es vielleicht sogar so ist: die, die mit mir mitfühlen und Mitleid haben, sind ein kleiner Kreis, vielleicht habe ich auch deshalb Mitleid mit mir selbst. Wenn andere mein Leid mittragen könnten, bräuchte ich nicht so viel Kraft aufwenden, um gerade zu stehen. Ich stehe, denke so stark an Alfons, der Wind bläst mir das Leben um den Kopf und mir wird schwindelig. Petra hat an diesem Tag zu mir gesagt: lass uns frühstücken, über Alfi reden, zu ihm gehen und sie schickte mir das Bild. Dabei geht es Petra selbst nicht so gut und sie nimmt das Leben nicht leicht und ich weiß, es fällt ihr schwer, mit mir über Alfi zu sprechen, weil sie ihn selbst so mag und uns viel miteinander verbindet. Die Kinder, sie und mich. Alfons hatte für Petra aus der Knete, die sie ihm schenkte, als er krank war, ein Marienkäfer geknetet. Wenn man sich das Gesicht dieses Käfers anschaut, ist dort die ganze Welt drinnen. Er hat zwei Augen und einen lachenden Mund ganz zart hineingeritzt, zweidrei Handbewegungen und doch ist der Marienkäfer wunderschön. Irgendwann trenne ich mich von Alfons‘ Käfer und er geht zu Petra nach Hause.

aufgeschrieben am 9.2.20

Schwert und Schild

Mike, Maltes Papa, rief mich an und erwähne nebenbei, dass er mit Malte ein Schild gebastelt hatte. Für die Ritterepoche. Und bald für den Ritterfasching. Sofort stiegen Erinnerungen hoch. Ich überlegte, was Alfons für ein Ritter gewesen wäre und konnte mich nicht mehr an Carls Kostüm erinnern; dann dachte ich an den Handwerkerfasching in der 3. Klasse im letzten Schuljahr – da ging Carl als Zimmermann, diese Hose passte Alfons schon mit 6 Jahren – und mir kam in den Sinn, Alfons könnte ein Bäcker sein, aber vielleicht wäre er ein Schmied gewesen, dafür hat er sich als kleiner Junge immer interessiert und wir haben es nie geschafft, uns die Schmiede Klenner in Bad Muskau anzuschauen. Ich erinnerte mich an das Schild von Carl, welches er mit Papa baute und mit mir bemalte. Erinnerungen an die unzähligen Holz- und Plastikschwerter, die Alfons von Carl bekam und sammelte und hütete. Geschenkt, gebaut, gekauft. Nur Carls erstes Holzschwert war irgendwann zerschlissen, aber Alfons‘ selbstgebautes Schwert gibt es noch. Bis heute. Ich habe Carls Schild und Alfons‘ Schwert zu Malte gebracht und ihn gefragt, ob er es mitnehmen mag in die Schule, mit den Fotos dazu, auf das Alfons unter ihnen ist. Er tat es gern.

aufgeschrieben am 1.2.20

Freundinnen und Freunde

Eine Freundin schreibt mir, wie sie einer sterbenden Freundin die Hand hält und im Haushalt hilft. Sie ist jung und hat drei Kinder und wird bald sterben. Meiner Freundin schreibe ich, selbst ohne Hoffnung: Es ist gut, dass du neben J. aushalten kannst. Das macht unsere Herzen nicht kaputt, das Mitgefühl. Viele, die bei Alfons waren, sagten, sie hatten Angst, aber als sie neben ihm saßen, als er im Koma lag, spürten sie Kraft. Ich habe das auch erfahren. Ich weiß nicht, woher es kam. In seiner Nähe hatte ich alle Kraft der Welt, um für ihn sein zu können. Und meine Freundin stimmt dem zu und Manja und Julia, die beide bei Alfons waren, berichteten das auch.

Dennoch gibt es Freundinnen, die es für eine notwendige Leistung halten, sich abzugrenzen. Eine Freundin sagte, dass sie noch nie etwas mit Alfons anfangen konnte. Alfons hätte das gewundert. Er hat Weihnachtsgeschenke von ihr bekommen und ihr etwas gebastelt. Aber vielleicht bedeutet das irgendwann alles nichts mehr. Wir haben keinen Kontakt mehr. Andere Freund*innen schauen beim Einkauf an mir vorbei. Bekannte aus der Klasse meiden den Kontakt. Sie finden viele Worte, warum sie nicht eine Karte schreiben, ein Beileid wünschen oder vorbeikommen konnten und können. Ich kann nur allen sagen: Ich weiß wie es euch geht; ich weiß, wie schwer es euch fällt; ich habe dieses Kind verloren, welches ihr auch vermisst. Es ist nicht so schlimm, mich auf Alfons anzusprechen.

Ein alter Kollege und Freund aus der Turmvilla-Zeit rief mich an. – Er schickte damals ein Paket mit Spielzeug für Alfi in die Charité und ich las Alfons seinen Brief vor, in dem er schrieb, wie schwer es ist, die richtigen Worte zu finden. Alfons hatte sehr viel Geduld und Verständnis für uns zweifelnde Erwachsene. Er fand es einfach cool, dass so viele an ihn dachten. Er war dankbar für jedes Wort und jede Geste und er konnte seinen Respekt zeigen wie damals Manja gegenüber, als er ihr sagte, wie schön es ist, dass sie da ist. Er konnte sagten, wie dankbar er ist, dass er in der Isolation auf der Charité 30 Geschenke von einer Elterninitiative bekam, dass er gespendetes Blut bekam. – Mein Freund rief mich an und schrieb zuvor: Nun lese ich seit einer halben Stunde auf Alfis Seite rum… Ich schicke dir einen Drücker…

Alfons und mir hilft das, dass die Menschen ihn nicht vergessen. Danke dafür.

aufgeschrieben am 1.1.20

Ein Freund von Alfons

Am 21.12.19 schreibt mir Hannah: …es tut mir unendlich leid, Dir nichts vom Schmerz um Alfons abnehmen zu können. Und trotzdem versuche ich es, in dem ich an Alfons denke, ihn grüße, ihn in Max sehe, Alfons durch JMax höre, wenn er „ije“ an Worte hängt. „Muttije“ und andere Worte, die er von Alfons abgelauscht und behalten hat. Auch wenn Du es nicht siehst, Du hältst Alfons dein Leben lang.

Am 1.1.20 schreibt sie weiter: …ich vergesse Alfons nicht. Max auch nicht. Er trägt Alfons‘ dunkelblaue Jogginghose als Schlafanzughose. Egal war es Max nicht, dass die Hose von Alfons ist. Dann war ganz schnell klar, dass es ok ist, wenn er Alfons‘ Hose wie alle Sachen früher auch trägt…

aufgeschrieben am 29.12.19

24.12.2019

Vor 14 Monaten, am 24.9.18, wurde Alfons ins Koma gelegt. Er durfte, konnte nicht mehr zurückgeholt werden. Ich weiß, dass ich am 24.12.2018 mit Alex und Carls Freunden bei Carl in der WG in Cottbus saß. Alex hatte eine Ente gemacht, so wie immer sonst am 1. oder 2. Weihnachtsfeiertag, zu Hause in Köbeln. Ich hatte Kartoffelsalat zubereitet, den es Heiligabend bei uns immer gab. Zusammen mit Wiener Würstchen. Carl hatte sogar einen Weihnachtsbaum organisiert, den die Weihnachtsmarktstände in Cottbus hinterlassen hatten. Ich brachte Strohsterne mit und die Metallhalter für die Baumkerzen. Es gab zu Hause immer Weihnachtsbäume mit richtigen Kerzen und Carl übernahm das und schmückte diesen Baum etwas. Ansonsten kann ich mich nicht daran erinnern, was ich die anderen Tage tat. Ende 2018. Jetzt, Ende 2019, fühle ich mich wieder besser im Ausnahmezustand verortet; ich kann sagen, dass ich weine und meine Tage chaotisch sind; dass ich nicht weiß wohin mit mir; dass ich deshalb arbeiten gehe und mit Andreas spreche und mich irgendwie halte, immer mein Kind suchend. In mir, in Zeichen, in der verzweifelten Erinnerung an seine Stimme, in Geschichten, in den Worten von Freundinnen und Freunden.

Am 24.12.19 fand ich bei Alfons eine blaue Bank. Bedruckt mit Kinderhänden, den Händen von Alfons‘ Freunden und Freundinnen. Einen Brief dazu von Konstanze, unserer Friseurin. Sie hatte zusammen mit ihrem Mann, ihrem Schwiegervati, mit Katja Strelow und 2 Muttis aus Alfons‘ Klasse diese Bank organisiert, ermöglicht, bemalt, transportiert und zu Alfons gebracht. Ich weiß nicht wie. Ich saß vor der Bank und weinte. Welch großes Herz sie hat und welche Kraft! Wo es so still geworden ist in den letzten Wochen und nur noch einzwei Vertraute nach Alfons fragten, da stand die blaue Bank bei ihm. Und ich sah, Alfons ist nicht vergessen. Es sind nur meine leeren Hände und mein Herumirren und das allgegenwärtige Schweigen über ein totes Kind, was mich so denken lässt. Am 26.12. traf ich sogar Carl bei Andreas, der für uns kochte. Wir sprachen zu dritt über Carls Musik, über das ungeliebte Abi, durch das er sich durchbeißt, über sein Malen und die Freunde und sein Kollektiv Kraftwerk Sonne. Dabei ist er unendlich traurig und verzweifelt, macht sich Vorwürfe, nicht genug bei Alfons gewesen zu sein, als er schon krank im CTK lag; er ist weiter wütend auf die Schule, die schweigt und die keinen Ort für Alfons geschaffen hat. Ich sah meinen großen Sohn, der sagt, ich bin einsam und der am 24.12. mit seinen Freunden verbrachte und am 25.12. allein war und einen Döner aß. Und ich rede an gegen seine Vorwürfe, versuche zu trösten, wo nichts zu trösten ist.

aufgeschrieben am 22.12.19

Iwona Ende November an mich per Mail:

Als Du mir per Whatsapp von dem damaligen kleinen Fahrradunfall von Carl geschrieben hast, habe ich mich sofort an diesen heißen Sommertag* erinnert. Wie erleichtert ich damals war, das ihm nichts passiert ist, wie er wie eine Katze über das Fahrrad geflogen und sofort aufgestanden ist ;). Und auch wie schön mein kurzer Urlaub bei Euch damals war. Das ist ja mittlerweile so lange her. Ich habe eine Szene deutlich in Erinnerung. Wir haben uns ja am Bahnhof in Berlin getroffen. Ich weiß nicht mehr, woher ich angereist bin. Aber Du bist mit den Jungs aus Hamburg gekommen, Ihr wart bei Deiner Freundin. Nach der Ankunft bei Euch zu Hause war Carl sehr traurig, dass er Deine Freundin in Hamburg bereits verlassen hat, er hat viel geweint und wollte am Abend nicht wieder heiter werden. Entweder Du oder Alex hat Carl vorgeschlagen, etwas Zeichentrickfilme zu gucken, damit er wieder zur Ruhe kommt. Und er wollte es nicht tun. Und da dachte ich mir: Hut ab! Ein Kind so zu erziehen, dass ihm der Fernseher egal ist. Und diesen Gedanken „Hut ab“ hatte ich sehr häufig, als ich Dich in Interaktion mit Carl und Alfi beobachtet habe. Das waren für mich immer sehr schöne Erlebnisse, die eine wichtige Vorbildfunktion erfüllten…

* Es war im Juli 2009. Alfons war gerade geboren und ich mit beiden Jungs unterwegs nach Pinneberg zu Susan bzw. auf dem Weg von ihr zurück nach Hause.

aufgeschrieben am 15.12.19

Alfons‘ Freunde besuchen Alfons

Friedrich sagt: Wir fahren jetzt zu Alfons. Die Jungs treffen nach und nach bei uns ein und rufen sich zu: Alfons war im Fernsehen. Sie sagen nicht: Ein Foto von Alfons war im Fernsehen. Sie spielen mit seinen Spielsachen. Eine Cola kippt um. Ihnen ist langweilig. Sie schauen sich Alfons‘ kleine Videos an. Sie sprechen mit Respekt davon, dass das Alfons gemacht hat.

Ich sitze mit den Muttis der Kinder am Tisch. Wir wollten backen und basteln. Wir reden stattdessen. Alfons‘ Stimme ist plötzlich laut im Raum. Mich durchfährt es. Er ist da. Die Stimme ist da. Die Kinder reden im Präsens von Alfons. Überall seine Dinge. Seine Hausschuhe, die Fußballschuhe, Mütze, Jacke, Ranzen, Buntstifte, Zahnputzbecher. Ich las früher ab und an das Gedicht von Michael Ende Ein kleiner Knirps grübelt. Darin heißt es, irgendwann sind wir weg, aber alles andere ist noch da. Stirbt ein alter Mensch, räumen wir die Wohnung leer und ein Foto bleibt vielleicht an der Wand seiner Kinder zurück. Stirbt ein Kind, ist es so, als wäre es auf Klassenfahrt. Alles bleibt und wartet auf den Nutzer. Als riefe das Schlafzeug nach Alfons. Früher dachte ich mir manchmal solche Geschichten aus, sagte zu Alfons, wenn er müde war und ins Bett aber kein Schlafanzug anziehen wollte, mit verstellter, freundlicher, weicher Stimme: Alfons, zieh mich an, ich will mit dir im Bett kuscheln. Und Alfons lachte und kam und zog den Schlafanzug an. So rufen nun die Dinge still nach dem Kind. Erinnern an das Kind. Schmerzlich.

Alles hier wartet auf dich, Alfons. Aber ich weiß, du kommst nicht mehr zurück. Ich habe dich doch sterben sehen und konnte nichts tun, musste zusehen, wie dein Herz immer langsamer wurde. Damit kann ich nicht leben.

Friedrich erzählte mir später am Grab, wie zwei Kinder aus der Klasse etwas Kleines bei REWE geklaut hatten und das Alfons es im Hort erzählte und er dann von dem einen Kind mit einem Schuh auf den Kopf gehauen wurde. Er erzählte auch, wie Alfons alle zum Lachen brachte, auch wenn er immer die selben Witze erzählte. Es war lustig mit Alfons. Aber irgendwie ist es das nicht mehr. Auf der ersten Klassenfahrt starb Alfons, auf der zweiten wurden Friedrich und Jakob von einem Auto in Berlin angefahren, sagt Friedrich. Friedrich fragt mich nachdenklich: Hatte Alfons die Krankheit von Anfang an?

Es tut meinem Herz gut, dass ich von Alfons erzählen kann. Das ich seinen Namen höre. Alfi.

aufgeschrieben am 11.12.19

Basteln

Am Wochenende, am 14.12.19, treffen sich Alfons‘ Freunde hier bei ihm zu Hause. Wir wollen Kekse backen und Sterne falten. Ich habe heute Alfons‘ Bastelpapiere durchsucht und alles gut sortiert wiedergefunden; 2017 in der Vorweihnachtszeit nutzten wir es zum letzten Mal. Ich hob jeden größeren Rest auf, für das nächste Jahr. Alfons mochte dieses Aufräumen, Wegräumen und Sortieren nicht besonders. Aber wir taten es zusammen, da war ich ziemlich unnachgiebig und Alfons jammerte oft, dass er schon so kaputt sei. Er war es ja tatsächlich. Jetzt wandert mein Blick über jedes Blatt Transparent-, Seiden-, Regenbogen-, Tonzeichen- und Scherenschnittpapier und Bilder überströmen mich, was wir daraus alles zauberten… Dann fällt mein Blick auf Dinge, die Alfons für mich bastelte: ein Frauenkopf mit einem Herz im Haar aus einem alten Stück Holz vom Ziegenhof; einen Blumenkranz, auf dem Ziegenhof geflochten; Schneemänner, Pinguine (auf dem Foto links sieht man eine Hornfigur von Carl aus Speckstein hergestellt und einen gehäckelten Schneemann für Alfons von der Lehrerin Frau Kießling in der Charité); ein geflochtenes Holzherz mit gefilzter Blume erstand er für mich auf dem Frühlingsfest 2018; einen kleinen roten Filzengel aus dem Adventskalender 2016 verschenkte er weiter an mich; ein gehäckeltes Armband trage ich noch heute…

Nun bastel ich allein. Töpferte für alle im Bahnhof zum Weihnachtsfest rote Herzen. Fuhr in die Schokoladenfabrik und kaufte kleine Süßigkeiten. Morgen verschenke ich die Herzen und das Süße. Ein paar der roten Herzen bekommt Alfons zu Weihnachten und Carl bekommt ein Geschenk. Alles beschränkt sich auf ein Minimum. Dabei hatte ich früher lange Geschenkelisten für alle Omas und Tanten und Kinder. Ich liebte es, hier in der Küche zu sitzen und sie kurz vor dem Fest schön einzupacken; wenn alle schliefen und ich ungestört heimlich schöne Dinge vorbereiten konnte, die später bei den Kindern Freude hervorzauberte…

aufgeschrieben am 24.11.19

Alfons an Pia:

Das ist meine Collage für dich. Dank Mama 😉 Und mein Baumhaus. Du hast es toll aufgebaut. Schade, dass es etwas zu klein für den Zwerg Alfons ist. Frag mal Malte, bei ihm ist sein Zwergenbruder, Er sollte eine gestreifte Hose anhaben, als ich beide kaufte. Auf dem Martinsmarkt… Ich kann dahin nicht mehr gehen, aber viele Dinge erinnern an mich. Danke dafür!

 

Totensonntag

Plötzlich sind die Friedhöfe wie Parkanlagen. In Weißwasser besuchten Veronika, Antje, Elke, Anna und ich bei Blasmusik Oma und Opa Miethe. Sie liegen unter einem Berg von Kerzen und Blumen. Die Sonne schien. Es war unwirklich frühlingshaft. Dann fuhren wir zu Alfons. Elke und Anna brachten ihm einen Weihnachtsbaum. Ich hatte eine Minilichterkette und Getöpfertes zum Dranhängen dabei. Sie waren damit beschäftigt und ich wechselte die Kerzen. Als ich später noch ein weiteres Mal mit dem Vogelfutter kam, lag eine Schnecke aus Blumen da, beschriebene Blätter – UNVERGESSEN, IN GEDANKEN UND LIEBE – und ein kleiner Herrenhuter Stern hing im Baum. Alles von Konstanze? Unserer Friseusin. Da lang noch ein Herz aus Weide. Vielleicht von der Oma Schmelze…

Von kleinen Geschenken für andere und sich selbst

Um diese Zeit gingen wir viele Jahre, bis 2017, nicht zum Totensonntag zu den Gräbern. Um diese Zeit bastelten wir jedes Weihnachten kleine Geschenke für die Verwandten. Ich erinnere mich an Holzengel, die Carl und ich aus dünnem Bastelholz ausgesägten und jeden anders bemalten. Wo mögen sie jetzt sein? Alfons und ich sägten kleine Äpfel aus ebensolchen Holzplatten und malten sie rot an. Alfons war noch sehr klein, aber sein Basteldrang war früh erwacht. Wir filzten auch kleine Engel, 2015, an einem schönen Nachmittag mit Manja und Malte. Damals dachte ich, wie wunderbar, dass wir uns befreunden können und die Jungs noch über zehn Jahre miteinander lernen und spielen können… Carl, Alfons und ich schnitten auch Sternschnuppen aus schwarzem Papier aus und klebten in die Lücken buntes Transparentpapier. Wir töpferten Blüten und Blätter, um aus ihnen kleine Girlanden zu knüpfen, die heute vielleicht noch in vielen Küchen und Zimmern von Freunden und Familienmitgliedern zu finden sind. Wir schnitten auch Weihnachtssterne aus Buntpapier oder schwarzem Scherenschnittpapier aus und klebten sie auf goldenes und silbernes Papier. Alfons sorgte auch gut für sich selbst: viele dieser Sterne, dazu Sonne und Mond, hängen noch immer über seinem Bett im Kinderzmmern und über seinem Schreibtisch in der Diele. Und jedes Weihnachten kamen einzwei Stück dazu. Während Alfons konzentriert faltete und schnitt, achtete ich darauf, dass jedes Familienmitglied immer auch etwas Selbstgebastelteres zum Geschenk dazu bekam… Alex begann, als Alfons älter wurde, Holz mit ihm zu sägen. Einen Osterhasen für mich, eine Schildkröte und einen Pinguin für Alfons. Sie blieben grob und unbearbeitet, lagen aber in Alfons‘ kleiner Schachtel bei seiner Mützenbox, in der Schachtel der vielen kleinen Taschentröster…

Was mir zum Basteln um Weihnachten noch einfällt: Alfons entschloss sich irgendwann in aller Stille, uns mit selbstgetöpferten Schüsseln zu beschenken. Zwei 2015 für sich und Carl. Eine 2016 für Papa und eine 2017 noch für mich. Seine Zeit reichte genau dafür. Danach waren wir nur noch bis April 2018 töpfern… Carl beschäftigt heute die Frage, was er Alfons gab. Am Tag, als wir nach Berlin in die Charité fuhren, fand ich in Alfons‘ Zimmer den kleinen Holzlöffel. Carl hatte ihn für Alfons geschnitzt. Er war schon in Vergessenheit geraten. Ich überlegte kurz, ihn Alfons zu zeigen. Es hätte ihm sicher Mut gemacht, zu sehen, was sein großer Bruder ihm gegeben hatte. Aber ich entschied mich dann, ihn aufzuheben, bevor er verloren ging. In der Kiste der Sachen, die ich für die Kinder sammelte und die sie dann mit kleinen Überraschungs-Ohs und -Ahs zu ihrem jeweils 18. Geburtstag bekommen sollten. Carl bekam seine Kiste zum 18. Geburtstag. Alfons‘ Kiste steht für immer bei mir. Mit dem kleinen Löffel. Weil ich davon ausging, wir kommen mit Alfons nach Hause, halberwegs gesund.

aufgeschrieben am 17.11.19

„Gute Besserung“

Caro, die Mutti von Pia, hat mich zu Pias Geburtstag eingeladen. Ich bin ein Überraschungsgast und gehe für Alfons. Ich werde ihr das Baumhaus-Lego von Alfons schenken. Er bekam es in der Charité und er baute es in nullkommanichts auf. Es stand immer auf seinem Nachtschränkchen. Außerdem habe ich ihr eine Fotocollage von Alfons erstellt, aber sie ist noch nicht fertig.

Als ich das Baumhaus von der Diele oben herunter holte, verweilte ich an Alfons‘ Schreibtisch. Dort liegen die kleinen Dinge aus der Zeit vor der Krankheit z.B. das kleine Licht in einer TicTac-Dose, was er auf einem Martinsmarkt erstanden hatte und es liegen die Dinge aus dem Krankhaus da, die er gebastelt hat (z.B. aus Pfeifenputzerdraht haben wir ein paar Tage Figuren gebastelt), die er geschenkt bekam, mitgebracht und überreicht. So auch die letzte Postkarte von Schwester Maren an ihn. Ein paar Tage vor seinem Sterben kam sie, aber wir glaubten damals an das Leben von Alfons, und ich las ihre Karte vor, als sie bei Alfons saß: Lieber Alfons, ich wünsche dir und mir, dass du wieder ganz gesund wirst, auch wenn du viel Zeit dafür brauchst. Ich möchte unbedingt, dass du noch ganz viele Fragen stellen wirst und ich dir ganz „schlaue“ Anworten geben kann 😉 Alles Liebe von Maren. Vorn auf der Karte kleben zwei Herzen aus Stein und es steht „Gute Besserung“ darauf. Gestern las ich von einem 15jährigen Jungen aus Turnow bei Peitz, verstorben an der Charité, an einer noch nicht diagnostizierten Bluterkrankung. Plötzlich konnte sein Körper kein Blut mehr herstellen. Ich verstehe nicht, was passiert.

 

aufgeschrieben am 27.10.19

Freunde zu Besuch bei Alfons

Als wir am Sonnabend in Berlin in der Charité waren, fuhr Sandy mit Fynn und dem kleinen Ole, mit Lucian und Lotta zu Alfons. Sie brachten ihm Blumen, weil sie an seinem ersten Sterbetag nicht dabei sein konnten. Ich sehe die Jungs andächtig bei Alfons stehen. Alfons wäre stolz darauf! Es ist wie gestern, als sie miteinander spielten und lachten. Das Grab ist wie ein Garten, ist wie ein Kinderzimmer, das sich verwandelt mit jeder mitgebrachten Muschel, mit jedem bemalten Stein, mit jeder gekneteten Fimo-Figur… Ich sehe, wie groß seine Freunde sind und stelle mir vor, Alfons geht mir jetzt bis zum Kinn. Er ist größer als Carl in dem Alter. Ich sehe das Bild vor Augen, was ich in den drei Wochen der Intensivstation sah. Carl, blond, und Alfons, schwarzhaarig, erwachsen, in etwa gleichgroß, lachend, nicht schallend lachend, sondern glücklich und in Demut lachend, eng beieinander, nebeneinander, umfassend an Schulter und Hüfte, Kinder und Alte um uns. Im Garten, hinten, beim Lagerfeuer. Ich lebe in diesem Bild, dankbar, dass wir das alles überlebt haben, das Alfons lebt. Aber wenn ich aufschaue und im Jetzt bin, dann umfängt mich eine tiefe, gnadenlose Stille und Schwärze. Nichts ist mehr, wie es war. Und da es keine Zukunft gibt, bleibt das gegenwärtige Nichts und füllt die Lücken mit Schmerz, Unvorstellbarkeit, Trauer, Nichtglauben, Bedrohlichkeit. Lücken, wo früher das Lachen, Meckern, der Streit, die Fragen, das Abenteuer, der Alltag, die Unternehmungen, das laute Haus, der Garten, der Hof, die Tiere, die bedinungslose Liebe zu den Kindern … alles ausgefüllt haben.

aufgeschrieben am 20.10.19

Tante Elke ist mit Alfons chinesisch essen. Er hatte es sich gewünscht. Am 9.12.17 war es soweit. Das Bild schickte mir Elke am 17.10.19. Ich kannte es nicht. Solche Funde sind wie Schätze.

Alfons lebt in unseren Gedanken und Erinnerungen weiter

Am Mittwoch (16.10.19) konnte ich von Alfons erneut Abschied nehmen. Hier am Küchentisch. Ich schrieb Carl und Alex, die nicht hier waren, wie es mir vor einem Jahr ging und wollte mich verbunden fühlen mit ihnen, mit seinem Vater und Bruder. Es hätte sich besser angefühlt, wenn wir zu dritt an Alfons hätten denken können, irgendwie zusammen zu stehen in dieser absurden Zeit. Das geht nicht mehr. Zu viel Distanz und unterschiedliche Trauer und die schiere Verzweiflung über das , was passiert ist, hat sich zwischen uns geschoben. Ich weiß, dass Carl seinen Bruder liebt und auch mich und das er nicht kommen konnte, weil alles ohne Ausweg ist. Der Tod ist schwer vorstellbar, endgültig, er reißt mich in Ausweglosigkeiten, in einen nie endenden Schmerz bei zeitgleichem Versuch von außen, alles nicht wahrhaben zu wollen. Sei glücklich, lebe! Aber in mir ist kein Glück und kein Verlangen nach Glück, sondern Trauer.

Am Todesdatum, am 17.10., an diesen Donnerstag, kamen Alfons‘ Freunde und Freundinnen: Friedrich, der kleine und der große Ole, Erik, Jakob und Rajdo, sein bester Freund Malte, Pia und Luthien. Sie war das erste Mal bei uns und zu Besuch beim toten Alfons. Geschwisterkinder waren dabei. Die Eltern. Auch Frau Hinze und Frau Saupe, Lehrerin und Hortnerin, kamen und ich bin sehr dankbar dafür. Nur Fynni fehlte. Es kamen auch Freunde, die Alfons nur vom Erzählen kennen. Eltern, die auch ihre Kinder verloren haben. Wie Nicole, die ihm die Mützen für die Zeit nach der Chemo gehäckelt hatte; sie kam mit einem selbstgehäckelten Igel. Endlich, so lange hatte er sich einen gewünscht und ich konnte ihm diesen Wunsch nicht erfüllen. Anne kam und brachte Acrylstifte mit, mit denen die Kinder Steine und kleine Teelichtgläser bemalen konnten, die wir später zu Alfons trugen. Josepha kam mit Rosa; sie schreibt mir fast jeden Tag seit über einem Jahr eine SMS mit Gedanken zu Alfons und sich. Tante Elke, Hannah, Petra, Markus, Silvio, Tante Helga und Onkel Manfred… Viele kamen und blieben, sprachen über Alfons. Die Kinder bastelten oder spielten Fußball oder im Sandkasten. Wie früher flog der Fußball zu Gottschlings in den Garten und wie schon bei Alfons wollten sie über den Gartenzaun klettern… Die Sonne schien und der Schein trog: Warum konnte es nicht einfach ein Fest mit Freunden sein und Alfons unter uns, mit seinen Freunden lachend? Ich verstehe nicht, was passiert ist. Ein Jahr danach ist alles wie in dem einen Moment, als Alfons Herz aufhörte zu schlagen, so müde wie es war. Uns blieb so wenig Zeit zwischen der Diagnose und seinem Tod. Er erscheint mir übermächtig, ungeheuerlich; er lähmt mich, er hat die Stimme meines Kindes, sein Lachen, sein Atem, seine Worte, sein Tun, seine Fragen verschlungen. Ich lebe jetzt in einer Stille, die sich nicht nach Leben anfühlt. Ich vermisse Alfons. Unendlich. So unendlich, wie ich ihn liebe.

Bilder des Erinnerns an Alfons

aufgeschrieben am 13.10.19

Bald ist Alfons ein Jahr tot

Vor einem Jahr kam Carl nach Berlin. Am Montag wurden von ihm und mir Blut abgenommen. T-Zellen sollten uns entnommen werden, um die Viruslast der Adeno-Viren bei Alfons zu bekämpfen. Wir hatten Hoffnung, die Ärzte taten es vielleicht, um uns zu beruhigen. Alfons ging es immer schlechter. Alle Organe waren in Mitleidenschaft gezogen. Sein Herz pochte und kämpfte. Ich sehe die Bilder vor mir. Was war aus dem lebensfrohen Jungen geworden? Wer bürdete ihm dieses Schicksal auf? Seit dem verändert sich alles – Beziehungen zu Freunden, in der Familie, Carl ringt wie ich ums Überleben und will leben, so jung wie er ist…

Vor zwei Wochen trafen wir uns, Olga und ich, mit den Kindern, mit Alfons Freunden. Wir bastelten Karten, auf denen wir schrieben, dass wir am 17.10.19 an Alfons denken und wer mag, kommen kann. Wir druckten aus Versehen alles doppelt aus und Friedrich sagte, dass das nicht so schlimm ist, da hätten wir nächstes Jahr auch gleich welche. So sind Kinder. Wie nah geht es ihnen, dass ihr Freund schon so lange weg ist? Für mich verhält sich die Zeit seltsam. Alles ist wie gestern. So viele Regungen sind mir bewusst. Und dann die Vergleiche: was tat ich jetzt mit Alfons, an einem Sonntag um 18:38 Uhr. Abendessen und dann Siedler von Catan spielen. Katzenwäsche. Sachen für morgen rauslegen. Aber es sind Ferien: dann ausschlafen und früh als Erster aufstehen, in die Schauckel in der Diele setzen und ein Hörspiel hören….

aufgeschrieben am 18.8.2019

Jim und Alfons
Ich habe Ramona, die Mutti von Jim, Alfons‘ Freund im Kindergarten, um Geschichten der beiden gebeten. Sie schrieb spontan und schickte mir dazu das bestehende Foto: Na klar hab ich Erinnerungen an Alfons und Jim… Gern schreib ich dir das auf… Spontan fiel mir ein Foto beim Durchsuchen auf… Es zeigt Alfons und Jim ausgelassen über den Rasensprenger  hopsen… Das war so warm an dem Tag und da hab ich den beiden den angemacht. Alfons hatte keine Badehose, da nahm er eine von Jim und sie tobten los… Spass hatten immer beide…

Tessa und Alfons

Liebe Anett, das sind die Bilder, die ich digital gefunden habe…

Die meisten Bilder sind an Tessas viertem Geburtstag 2014 am Halbendorfer See entstanden. Da haben wir eine Schatzsuche organisiert.

Wir werden in den nächsten Tagen noch ein paar Zeilen aufschreiben, aber ich dachte, dass ich Dir die Bilder trotzdem schonmal zukommen lasse.

Beim Heraussuchen ist uns wieder die Innigkeit und die tiefe Vertrautheit der Beiden bewusst geworden.

Das hat uns sehr berührt und die Tränen sind geflossen.

Wir sind in Gedanken immer bei Euch.

Liebste Grüße von Tessa, Saskia und Thalia

(Alle folgenden Bilder bis zum letzten Eintrag sind von Saskia.)

Tessas 4. Geburtstag 2014

Tessa und Alfons bei Kerstin, ihrer Tagesmutti, und im Kindergarten und bei gegenseitigen Besuchen zu Hause

Kindergarten-Freund*innen

Am 3.4.15 wurde Alfons 6 und am 11.4. fahren Saskia und ich mit Jim, Nikolas, Tessa und Alfons ins Planetarium nach Cottbus. Das hat sich Alfons gewünscht. Am Abend gibt es von Papa selbstgemachte Sandwiches, mit Currysoße – Nikolas ist begeistert.

aufgeschrieben am 11.8.2019

Als ich das Schreiben des Blogs im Januar 2019 nach Alfons‘ Tod wieder aufnahm, begleitete mich fortan die Idee, hier auch die Geschichten seiner Freunde und Freundinnen, seiner Großeltern, Onkel und Tanten und den Freunden seiner Eltern aufzuzeichnen. Bisher habe ich dies aus meiner Erinnerung geschrieben; Anfang des Jahres aber schon die Geschichten seiner Schulfreunde aufgezeichnet, aber noch nicht verschriftlicht. Und ich bat andere um ihre Erlebnisse…

Von Susan über sich und Alfons (erlebt im Juni 2017)

Unser Spaziergang:

Alfons und ich hatten einen gemeinsamen Spaziergang unternommen. Wir sind zur Neiße runter gegangen und haben uns unterhalten. Lange vor der Erkrankung. Lange vor dem Schicksal. Lange vor dem Tod. Die Welt war in Ordnung. Wir sind nebeneinander spaziert. Alfons erzählte mir, dass er sich einen Esel wünscht. Ich habe mich gewundert und ihn gefragt:“ Warum einen Esel?“ Ein Pferd wäre doch toll. Man könnte auf einem Pferd reiten. Er war bestimmt:“ Nein, wenn dann einen Esel“. Vielleicht auch zwei. Damit der eine Esel nicht so alleine ist. Ich habe gesagt, dass Esel sehr eigenwillig sind. Alfons hat mich gefragt, was das ist „eigenwillig“. Ich habe geantwortet:“ Wenn man das macht, was man möchte und weniger, was andere wollen oder sagen.“ „Ist doch schön“, antwortete er. Ich sehe ihn ganz deutlich vor mir. Wir schreiten durch etwas verschlungene Pfade. Haben uns ein wenig verlaufen und finden dann den Weg. Er erzählt mir von der Feuerwehrrunde. Die Spaziergänge mit dem Hund mit Mama oder Papa. Wie wichtig ihm seine Freunde sind und seine Familie. Es war so ein leichtes und doch ernstes Gespräch. Er hat mich gefragt, wann er mich mit Mama wieder besucht und ob wir dann in den Zoo in Hamburg gehen. Wir hatten es einmal versucht, dann fing es an zu regnen und wir gingen stattdessen in das Tropen-Aquarium des Tierparks. Es war tropisch warm. So viele exotische Tiere. Lange haben wir mit Anett vor dem riesigen Aquarium gesessen und die Meerestiere (wie Haie, Rochen) beobachtet. Alfons Highlight war der Shop am Ende des Aquariums. Was es dort alles zu kaufen gab und wen Alfons alles berücksichtigen wollte. Es wurde alles sorgfältig ausgewählt und mit Mama besprochen. Bis es stimmig war und wir nach gefühlt langer Zeit den Heimweg antreten konnten. So gingen wir weiter die Neiße entlang in Richtung Muskauer Park. Wir sprachen über Carl, der gerne nach Cottbus und näher an seine Schule ziehen wollte. Sein großer Bruder. Er sprach von seinen Freunden und von den Hühnern, die der Fuchs geholt hat. Langsam sind wir den Heimweg angetreten. Vor der Haustür hüpfte Alfons hinein und ruft: „Mama. Wir sind wieder da“.

aufgeschrieben am 28.7.2019

Malte und Alfons…

… hatten vom 27.-28.7.18 (damals Freitag bis Sonnabend) zwei gemeinsame Tage bei uns, an denen sie miteinander draußen und drinnen spielten und am Sonnabend mit Alex durch den Park zogen, auf der Suche nach Geocaching-Verstecken. Am Sonnabend grillten wir mit Mike und Manja und Malte fuhr abends mit nach Hause. Alfons war sehr kaputt und müde. Es war ihr letztes gemeinsames Wochenende. Später besuchte Malte Alfons in der Charité. Ich bin sehr froh, dass wir das den Ärzten abgerungen haben und den beiden ermöglicht haben, auch wenn es Alfons nicht sehr gut ging…

Ich wandere weinend und mit durchgedrückten Knien durch den damaligen Sommer; dem letzten, heißen, den wir miteinander verbrachten; hoffend darauf, alles nachzuholen, was nicht mehr ging: radfahren, schwimmen gehen, duschen, baden, richtig essen, rennen und Fußball spielen, zur Schule gehen, Freunde besuchen… Nichts von alldem konnte sein. Stattdessen sehe ich mein Kind im Koma stumm die Lippen zu MAMA formen, den Arm hebend; da hatten wir noch Hoffnung, dass sich der schmale Körper erholt von den Torturen, aber die Viren schlugen überall zu und schwächten Alfons immer weiter…

Nun ist dieser Sommer wieder heiß. Es ist das einzige, was gleich mit dem 2018er Sommer ist. Alles andere ist anders.

aufgeschrieben am 19.7.2019*

Unser herzhaftes Lachen

Vor zwei Tagen, am 17.7., passierte es, dass ich herzhaft lachen musste, ohne anhalten zu können und wie, wenn man das Gefühl hat, sich gleich einpullern zu müssen vor lauter Lachen.

Zuletzt tat ich dies mit Alfons. Im September 2018. Wir waren in der Apherese, zum Blutfiltern. Ich weiß nicht, womit es losging und warum wir uns nicht mehr einkriegten – wir lachten so herzhaft, dass Alfons unter Tränen sagte: Mama, hör auf, ich muss mich sonst einpullern und das tut so weh. Er hatte ja die Blasenentzündung, 14 Tage lang, voller Schmerzen. Dann kam das Erbrechen und die Darmkoliken, dann die Lüngenentzündung. Das war alles zu viel für seinen kleinen Körper, der ganz dünn geworden war…

Am 17.7. fuhren wir auch nach St. Peter Ording. Carl war bei Susan und Andrea zu Besuch; ich bin dort seit einer Woche. Wir machten zu viert einen Ausflug ans Meer. Der Tag begann trüb und an der Nordsee strahlte plötzlich die Sonne. Ich habe das Meer gesehen und geweint. Es war meine Hoffnung, am Meer mit Alfons im Strandkorb zu sitzen, Eis essend, gesund. Ich habe ihm das oft gesagt und er hat geschwiegen. Sein Wunsch war es, mit dem Wohnmobil zu reisen. Am Ende noch den Weihnachtsmarkt zu besuchen… Carl und ich haben Muscheln und tote Krebse gesammelt, für Alfons; ich werde sie zu Alfons bringen. Am Abend des 17.7. lachte ich zum ersten Mal wieder seit dem letzten Lachen mit Alfons. Und erst am nächsten Morgen sagte ich zu Carl: Gestern vor 9 Monaten, am 17.10.18, ist Alfons gestorben. Carl und ich haben viel geschwiegen in den drei Tagen hier bei Susan und Andrea, in Gedanken bei Alfons. Wir können es nicht begreifen, nicht verstehen, nicht akzeptieren. Es macht auch keinen Sinn. Susan und ich sprechen darüber, dass das Leben oft eine Zumutung ist. Es ist schwer für mich zu sein, wenn Alfons es versagt blieb.

*In den frühen Stunden am 19.7. hatte ich einen Traum von Alfons. Ich träume nicht oft von ihm, obwohl ich mich danach sehne… Alfons nimmt meine Hand und hält sie fest mit seinen beiden Händen. Er ist vielleicht fünf oder sechs Jahre alt.  Er führt meine Hand zu seinem Gesicht. Schmiegt seine Wange daran. An seine Hände und meine Hand. Eine Männerstimme singt fast: Das ist alles auf Erden, was ich brauche.

aufgeschrieben am 14.7.2019

Sonnenblumen

Ich habe vor ein paar Tagen, auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, an einem der vielen Sonnenblumenfelder angehalten. Habe einen Arm voll mittelgroßer Sonnenblumen geschnitten und zu Alfons ans Grab gebracht und einige auf den Küchentisch gestellt, neben sein Foto und den Kerzen und den vielen kleinen Erinnerungen. Heute bilde ich mir ein, Alfons mochte Sonnenblumen, aber darüber haben wir nie gesprochen. Manchmal nahm er sich im Sommer meine rote, etwas kaputte, aber doch schnitttaugliche Gartenschere vom Fensterbrett an der Spüle in der Küche (viele Dinge hatten einen festen Platz) und lief in den Garten. Er kam dann mit einem bunten Blumenstrauß für den Küchentisch zurück. Darunter auch Sonnenblumen…

Als ich die Sonnenblumen schnitt und mir vorstellte, es mit Alfons zu tun, ausgestattet mit einer kleinen Notlüge, warum wir das ausnahmsweise tun, obwohl es nicht korrekt ist, weil wenn es alle tun… (Alfons hat mich mal gefragt, wann man Notlügen benutzen darf und die Antwort war mir nicht leicht gefallen.) Also ich schnitt, dachte an Alfons, wie es mit ihm gewesen wäre und erinnerte ich mich dann an den Sommer 2017 und ein Foto, welches mit Alex schickte. Ich war zur Kur und Alex mit den Jungs allein zu Hause. Es war Ferienzeit und ab und an unternahmen sie auch etwas mit Malte. Aus dieser Zeit ist das Foto aus dem Sonnenblumenfeld.

14.7.2018

Heute vor einem Jahr kamen wir nach zwei „normalen“ Krankenhaustagen auf Besuch nach Hause und spontan war es möglich, das Alfons einen Nachmittag bei Fynn verbrachte. Erst spielten sie Fußball, aber Alfons war sehr schwach und stürzte und verletzte sich. Sandys Freund verband Alfons. Dann spielten sie „Lotti, Karotti“ und hatten zusammen viel Spaß.

Es waren so selten und besonders gewordene Gelegenheiten, die Freunde in normalen Umgebungen zu treffen, nicht nur im Krankenhaus. Alfons vermisste die Schule sehr, seine Freunde und das (Fußball)Spielen mit ihnen. Am 23.7. wollten wir Fynn noch einmal treffen. Wieder kamen wir aus dem Krankenhaus. Bei Sandy kam aber etwas dazwischen und wir warteten am Altmarkt in Cottbus im Café Lucie, ob es doch noch klappte. Alfons wurde zunehmend trauriger, verzweifelter. Sie sahen sich beide nie wieder. Ich weiß nicht mehr, ob und wie es mir gelang, den Tag zu retten. Alfons weinte. Aber er klagte nie lang und haderte nicht mit seinem Schicksal. Er hatte auch keine Wahl. Es muss furchtbar für ihn gewesen sein… Mein Herz war und ist schwer, wenn ich mir vorstelle, was er durchleiden musste.

aufgeschrieben am 6.7.2019

Markus war zu Besuch

Markus war drei Tage hier. Ich kenn ihn seit 2008, da war er zum Praktikum in der Turmvilla, in der ich arbeitete. Wir organisierten deutsch-polnische Begegnungsprojekte und ich habe ihn in den Arbeiten angeleitet. Markus studierte damals Erziehungswissenschaften. Er hat in dieser Zeit, in den 4 Monaten 2008, oft mit Carl Fußball im Garten hier gespielt. So wie im letzten Sommer mit Alfons Tischtennis. Unermüdlich haben beide Tischtennis gespielt. Die Kinder wuchsen mit unseren Freunden auf. Sie gehörten dazu und waren Teil der „Familie“. Markus ist mit Sindiswa in Südafrika verheiratet, sie leben dort, wenn sie nicht unterwegs sind. Alfons war sehr traurig, dass er nicht mit Papa und Carl und Hans zur Hochzeit dorthin konnte. Bei der Planung wollte er nicht und auch reichte das Geld nicht aus. Ich sagte immer: Du hast noch Zeit dafür, wenn du größer bist, Alfons… Carl musste auch erst 17 werden…

Als Markus dieser Tage hier war, kam Carl einen Abend vorbei. Wir waren bei Alfons am Grab. Wir grillten. Carl fiel auf, dass mit dem Rasensprenger etwas nicht gut funktionierte. Er sagte es mir. Ich freute mich – noch vor enem Jahr hätte Carl das nicht bemerkt und wenn ich es ihm gesagt hätte, danach zugucken, hätte er maulig abgelehnt. Aber jetzt ist er durch die Pubertät durch. Und Alfons war kein kleiner Junge mehr. Welch schöne Zeit ist für beide angebrochen und einfach abgeschnitten worden. 

Zwischen den Fotos liegen genau 10 Jahre. Carl beim Fußball. Alfons beim Tischtennis. Beide konnten gut spielen.

aufgeschrieben am 23.6.2019

Freunde und Freundinnen von Alfons bei ihm zu Besuch

Als Alfons krank wurde, fanden sich Eltern und Alfons‘ beste Freund*innen zusammen und verabredeten sich zu Krankenhausbesuchen. Manja koordinierte das, so dass immer jemand bei Alfons war, sofern er fit genug dafür war. Nach seinem Tod sahen wir uns vier oder fünf Wochenenden hintereinander in Köbeln. Immer kamen Freunde, um bei Alfons und uns zu sein. Im Januar entstand daraus eine feste Gruppe. Nun treffen wir uns ungefähr alle 4 Wochen, nicht nur bei Alfons, aber immer spielt Alfons auch eine Rolle. Am 22.6.2019 wollten wir ursprünglich in Petras Eiscafé (Malte nennt es schon Alfons‘ Einscafé) in Krauschwitz, Alfons‘ Lieblingseisladen, Eisessen gehen. Das schafften wir aber nicht. Erst aßen wir Kuchen und die Kinder spielten Fußball. Dann gingen Caro, Olga und ich mit den Kindern zum Grab. Wir hatten viel vor: Rasen mähen, den Baum putzen, Kerzen aufstellen, Blumen umtopfen, gießen, Hecke verschneiden, alle Mitbringsel ordnen… Alle halfen mit Konzentration und Respekt vor Alfons… Ich wünsche mir, es möge mir und uns gelingen, Alfons bei den Kindern in Erinnerung zu halten. Dass sie sehen, was sie heute noch verbindet und das miteinander zu tun haben, auch wenn einer der Freunde viel zu früh gegangen ist. Wir Muttis saßen am Ende der Arbeit am Grab und sprachen darüber, wie das Schweigen in der Klasse und der Schule nicht die Impulse der Kinder fördert, ihre Haltung zu Alfons zu entfalten – ganz im Gegenteil, wir leben ihnen vor, was wir stets bemängeln: dass das Sterben und der Tod nicht zum Leben gehört; wir akzeptieren, dass sich das Schweigen und die Sprachlosigkeit ausdehnen; wir schauen zu, wenn die Klassenlehrerin aus dem Klassenraum einen „trauerfreien Ort“ macht und Alfons‘ Bild keinen Platz hat und am Schuljahresende die Zeugnisse lieblos ausgeteilt werden… Die Kinder sehen aber uns weinen, die eigenen Muttis und Vatis, sehen den traurigen Carl in der Schule und sich selbst lachend am Grab, Rasen mähend. Wir finden also eine Sprache und ein Ausdruck für die Trauer und zeigen unseren Kindern, wie es gehen kann. Alfons wäre stolz auf uns und glücklich über seine Freunde!

Heute brachte ich Alfons noch eine Glasmurmel, durchsichtig mit roten und gelben Schlieren darauf.

aufgeschrieben am 23.6.2019; Nachtrag zum 20.6.2019

aufgeschrieben am 16.6.2019

Alfons‘ Rose

Als Alfons im März und April 2018 hin und wieder krank war und mehrmals am Stück bei Elke und ab und auch bei Oma Schmelze war, wollte er sich bei Tante Elke bedanken. Hin und wieder brachten wir ihr Blumen mit. Vor kurzem erinnerte sie mich auch an eine Schale voller Tausendschönchen, die Alfons ihr brachte. Im April sucht Alfons diese Stockrose aus. Sie blühte schon im letzten Sommer über und über und auch in diesem Jahr. Sie steht im Hof bei Tante Elke und jeden Tag erinnert sie sich auch so an Alfons.

Der Zwerg Alfons

Am 3.6. habe ich Caro und Pia besucht und ein paar Kekse mitgebracht. Caro schrieb mir später, Pia hat sie gerecht aufgeteilt und einen Keks auch zum Zweg Alfons gestellt, der auf ihrem Regal wohnt und einst Alfons gehörte. Sein Zwergenfreund wohnt übrigens bei Malte; Alfons hatte damals auf dem Martinsmarkt einen Zwerg für Malte und einen für sich ausgesucht.

Maltes Geburtstag 2017

Alfons war von Malte in die Schokoladenfabrik Felicitas eingeladen wordem. Dort feierten sie Maltes 8. Geburtstag. Zusammen mit Freunden aus ihrer Klasse und aus Spremberg. In der Schokoladenfabrik gestalteten sie Fußballlogos aus Schokolade und aßen Eis. Alfons war gern dort. Und gern mit Malte und Manja zusammen. An Maltes 9. Geburtstag lag Alfons schon im Krankenhaus; den 10 Geburtstag musste Malte ohne Alfons verbringen.

aufgeschrieben am 2.6.2019

Erinnerungen von Pia an Alfons

Caro schrieb mir vor einiger Zeit, als die Kinder der 3. Klasse die Hausbauepoche begannen und ihre kleinen Häuser bauten, was Pia ihr sagte, als sie aus der Schule kam: Pia hat vermutet, Alfons hätte ein Zwergenhaus gebaut 🙂

Ich habe Caro und Pia Folgendes geschrieben: … ja, Pia hat recht. Lange vor der Bauepoche hat er ein Zwergenhaus gebaut. Wir haben es noch, aus Pappe. Es hatte eine Beleuchtung. Ein kleiner Herrnhuter Stern. Und drinnen alle Zwerge, von Alfons und Carl, und auch der kleine Zwerg Alfons, der nun bei Pia wohnt…

Ich denke oft daran, was Alfons alles nicht mehr erlebt hat und nicht mehr erleben kann. Die erste Klassenfahrt, die an dem Tag begann, als Alfons starb. Einen Tag zuvor hatte ich ihm viele Sprachnachrichten seiner Schulfreunde vorgespielt… Auch die Feldbauepoche begann ohne ihn, nun die Hausbauepoche, Klassenspiele, im September führt die Klasse ein Stück auf der 100 Jahre-Waldorfschule-Feier im Tempodrom auf. Das wäre was gewesen für Alfons! Vielleicht nehmen die Kinder sein Foto dorthin mit…

Freundschaften

Caro schrieb mir am 28.5.2019: Pia sagte neulich auf der Autofahrt nach Hause, weil ich erzählt hab, dass Du uns besuchst: „Mama, als Alfons noch nicht im Himmel war, kanntest Du Anett noch nicht so gut. Aber jetzt magst Du sie, oder?“ Ich hab gesagt: „Ja, sehr! Leider habe ich Alfons und Anett erst kennen gelernt, als es Alfons schon nicht mehr so gut ging. Aber ich bin dankbar, dass uns Alfons die Gelegenheit geschenkt hat… und ich weiß, dass Du und Alfons Euch sehr gut verstanden hättet, wenn Ihr mehr Zeit gehabt hättet.“ Pia sagte dazu ganz überzeugt: „Aber Mama, ich kenne Alfons sehr gut. Wir sind doch 2 Jahre zur Schule gegangen.“ Das fand ich wieder so schön, weil es zeigt, dass Alfons weiter bei den Kindern ist… Ein Stern am Himmel, der hinuntersieht, aufpasst und sich einmischt, wenn ihm danach ist… 

aufgeschrieben am 26.5.2019

Gurkenreiter

Gestern trafen sich wieder Alfons‘ Freunde und wir als Muttis und Vatis, als Freunde und Freundinnen. Es ist schön, diese Gruppe zu haben, weil wir über Alfons sprechen können. Gestern ging es mir nicht so gut; ich fühle mich zunehmend einsam inmitten der Menschen. Und ob Alfons dort bei den Jungs war, so wie ich es früher immer deutlich spürte, kann ich nicht sagen. Aber die Kinder werden es wissen. Nach dem Verlust von Alfons, nach seinem Tod, wäre das Vergessen der letzten Funken – die Erinnerungen – an Verbindung zwischen ihm und uns und somit ein weiterer Schmerz. Mit der Schule habe ich es erlebt und nicht verwunden… Aber wir treffen uns und es gibt viele Ideen, was wir zusammen tun könnten. Mantras singen, Trommeln, Eisessen gehen…

Gestern hatte ich Alfons‘ Gurkenreiter mit. 2016 oder 2017 brachte Alfons von einem Besuch bei Tante Elke eine Neuerung mit, die Alfons in Bastelhochstimmung versetzte: Tante Elke hatte Alfons in Pinterest eingeweiht. Zu Hause gab es sofort konkrete Umsetzungen. So bastelten wir aus Eierkartons rote Rosen, aus buntem Seidenpapier große Blumen und aus Pappe komplizierte Minilampions, die eigentlich wie Diamanten aussehen sollten. Papa und Alfons waren nicht zu bremsen; als wir langsam von Pinterest-Ideen zugemüllt wurden, löschte ich meinen Account und das Pinterest-Fieber ließ nach. Eine Sache blieb: Alfons und ich hatten dort die Gurkenreiter entdeckt. Auf einer Gurke sitzen kleine Männchen aus Haribo-Kirschen (für die Arme und Beine), Käse (für den Körper) und Weintrauben/Blaubeeren (für den Kopf). Zusammengehalten werden die Körperteile von Zahnstochern, die in die Gurke gespießt werden und dann dort sitzen und auf das Verspeisen warten. Alfons und ich machten sie zu seinen Geburtstagen und später zum Schuljahresanfangsfest der 2. Klasse bei Louises Eltern.

Auch zu seinem 10. Geburtstag am 3.4.2019 nahm ich sie in die Klasse mit, und einige Kinder kannten sie. Auch zum Grillen gestern nahm ich sie in Erinnerung an Alfons mit. Diesmal mit Blaubeerköpfchen.

aufgeschrieben am 20.5.2019

Im März 2017 waren Alfons und ich ein letztes Mal zu Besuch bei Susan in Pinneberg. Im Sommer 2017 sah sie Alfons zum letzten Mal bei uns in Bad Muskau. Carl machte in diesem Sommer noch einmal Ferien bei Susan.

Susan

Als ich Susan kennenlernte, 2006 auf einer Fortbildung in der Nähe von Bonn, gab es schon den kleinen Carl, 6 Jahre alt. Alfons noch nicht. Susan und ich wurden Freundinnen, enge und starke Freundinnen. Im Herzen Schwestern, sagt Susan oft. Schon im Oktober 2006 besuchte ich sie in Pinneberg zusammen mit Carl. Dann kam sie zu uns. Bald fuhr Carl in den Sommerferien allein zu ihr. Im Juni 2009, da war Alfons 3 Monate alt, war ich das erste Mal mit beiden Kindern bei ihr. Seit vielen Jahren ist das so. Susan ist so auch zu einer guten Freundin für Alfons und Carl und auch Alex geworden. Die Kinder lieben sie und umgekehrt.

Am 18.5.2019 haben Susan und Andrea geheiratet. Andrea kennt Alfons nur von den Bildern. Sie hätten sich prima verstanden. Alfons hätte mit ihr unendlich viel zum Lachen gehabt und zum Rumalbern. Er hätte, wie Carl, Freude am Glück der beiden gehabt und sich wohl gefühlt inmitten der Gäste und auf der Feier im Gewächshaus…

 

Vögel

Am Hochzeitsabend traf mich der Vogelschiss einer Taube. Ich sagte zu Carl, der neben mir saß, vielleicht schickt uns Alfons ein Zeichen. Ich erzählte ihm, wie viele Vögel ich in letzter Zeit beobachtet hatte, die sich seltsam verhalten. Carl meinte, dass das gut zu Alfons passen würde, uns Vögel zu schicken, die uns von oben bekackern. Einen Tag nach der Hochzeit berichteten gleich mehrere Gäste von ähnlichen Vorgängen. 

Elke schickte mir zeitgleich Fotos von einem Rotkehlchen, das seit Tagen nah an ihr Fenster kommt. Immer wieder und sich dann von allen Seiten fotografieren lässt. Es sieht ganz stolz, breitbeinig und dickbäuchig aus. Schon Alex hat von dem Buntspecht berichtet, der ihn im Wald begleitet, wenn er spazieren geht. Und ich sah letztens am Friedhof einen Wiedehopf. Alfons und Alex hatten ihn zwei Sommer zuvor gehört. In Nachbars Garten musste er im niedrigen Holz der Eibe brüten. Sein Gesang ist auffällig. Und als er verstummte, befürchteten wir, ein Marder hätte ihn vielleicht geholt. Und nun sehe ich ihn wieder, balzend auf dem Weg zwischen dem Friedhof und unserem Grundstück.

Schickt uns Alfons diese wundervollen Vögel? Ist er selbst ein Vogel? Will ich mich an diese Dinge klammern, auf der Suche nach meinem Kind? Mir erscheint das absurd und zugleich halte ich mich daran fest. Alfons wäre traurig, wenn er mir diese Zeichen senden würde und ich sie nicht ernst nehme. Aber viel lieber würde ich ihn nur kurz sehen wollen, dabei weiß ich, wo sein Körper liegt und wie zerschunden er aussah am Ende seines Lebens. Nichts tröstet darüber hinweg. Und es ist gut, dass es für diese Ungeheuerlichkeit keinen Trost gibt. Ich möchte mich nicht daran gewöhnen, dass es Alfons nicht mehr gibt und mein Leben zerrissen ist. Und es Carl und Alex nicht gut geht und vielen anderen der Alfons einfach fehlt.

aufgeschrieben am 11.5.2019

Malte und Manja am 1. Mai 2019

Beide schickten mir einen kleinen Film, den Malte über sich und Alfons angefertigt hat. Mit Bildchen, die Alfons aus dem Krankenhaus an Malte geschickt hatte. Am 1.5.2018 waren Alfons und ich bei Manja und Malte in Spremberg. Wir spielten, aßen Pizza, redeten, die Jungs spielten Verstecken. Am 3.5. brach der Kreislauf von Alfons zum ersten Mal zusammen; er stürzte vor der Haustür, erbrach sich. Am nächsten Tag – wir waren bei Frau Schartel, der Kinderärztin, zum Blutabnehmen – wiederholte sich alles. Wir fuhren ins Krankenhaus nach Weißwasser, dann wurde Alfons ins CTK verlegt. Seine Leukozyten waren auf 0. Nach Stunden in der Notaufnahme kamen wir auf die K2 in ein Isolierzimmer. Ich schlief bei Alfons im Zimmer. Es war 23 Uhr. Alfons war vollkommen entkräftet. Ich weinte, als er schlief. Ich spürte die Angst und Panik in mir, die mich nie wieder verließ. Sie wandelte sich am 17.10., mit Alfons‘ Sterben, in unvorstellbaren Schmerz über das Ungeheuerliche. Das Wegsein von Alfons. Die Anwesenheit von ohrenbetäubender Stille, die ohne Alfons‘ Lachen und Reden ist, ohne seinen Schalk und seine Lebensfreude, ohne seine Ungeduld, sein Nichtentscheidenkönnen, ohne seine Fragen, sein Weinen. Das Leben ist dem Tod gewichen und ich selbst streune dazwischen herum, auf der Suche nach meinem Kind.

Die Erinnerungen an die letzten Tage in einem normalen Leben und die ersten Tage in der Ausnahmesituation waren furchtbar. Jedes Detail aus dieser Zeit haftet in meinem Kopf. Die Angst in Alfons‘ Augen und seine Frage an mich: Warum habe ich so eine schreckliche Krankheit, Mama? Und seine Antwort, nach kurzem Überlegen: Niemand sollte so eine Krankheit haben. Aber wir schaffen es, sagte ich zu Alfons. So viele Menschen kämpfen um dich. Und wir können dankbar sein, hier geboren zu sein und nicht im Krieg. Wo viele Kinder sterben, hungern, frieren und nicht behandelt werden können, wenn sie krank sind. Wir haben also Glück. 

Es hat nicht gereicht.

aufgeschrieben am 28.4.2019

Ein Selfie von Alfons. Im Park des CTK. V.l.n.r. Alfons, Ole, Pia und Luella.

Ich besuche ab und an Pia und Caro

Pia hat an Alfons‘ 10. Geburtstag den kleinen Zwerg bekommen, den sich Alfons 2016 auf dem Martinsfest der Schule kaufte. Einen grünen für sich und einen rot-gestreiften (?) für seinen Freund Malte. Der Zwerg heißt nun Alfons und wohnt bei Pia in ihrem Zimmer auf dem Regal, zusammen mit anderen Zwergen und Feen. Ich brachte ihr den Rucksack vorbei. Alfons wollte damals für seinen Zwerg einen Rucksack, damit er die Edelsteine transportieren konnte. Ich hatte noch eine gefilzte rote Blüte zu Hause. Alfons und ich kordelten aus gelber Wolle einen Riemen für den Rucksack, den ich dort annähte. Hinein kam ein Stein. Ein hellblauer. Ich will Pia noch sagen, was für ein Stein es ist.

Ein paar Tage später schrieb mir dann Caro, Pias Mama, folgendes: Und ja, Alfons ist bei uns. Erst heute wieder… am See. Wir sind mit dem Rad zum See gefahren. Die Kinder haben die ganze Zeit gespielt und aus Moos kleine Schiffchen gebaut mit Blumen und Stämmchen. Sie haben sich an die Neiße erinnert und Pia hat ihr MoosBoot zu Alfons geschickt. Plötzlich kam ein Eisvogel übers Wasser geflogen. Und dann nochmal und nochmal. Pia hatte vorher noch nie einen Eisvogel in echt gesehen. Ich hab ihr erzählt, dass es etwas ganz besonderes und total seltenes ist. Sie war total ergriffen. Und dann dachten wir, den hat Alfons geschickt. Ich schrieb an Caro zurück: Die Geschichte mit dem Eisvogel ist so schön. Ich denke auch manchmal, Alfons schickt Vögel. Seit der Vogel in meinem Zimmer gestorben ist und Alfons saß ganz still dabei. Es war fast unheimlich, weil er sonst so aufgeregt und besorgt um die Tiere war. Und jetzt brütet vor dem Badfenster ein Meisenpaar und Alex berichtet, im Wald begleitet ihn immer ein Specht auf seinen Spaziergängen und im Hof sitzt auf dem Dach des Schuppens eine Amsel. Aber der kleine Eisvogel. Das ist besonders. Ich weiß gar nicht, ob ich Alfons je einen zeigen konnte.

aufgeschrieben am 13.4.2019

Alfons am 13.9.2018; da sah noch alles gut aus und danach, dass er es schaffen kann.

Das Wohnmobil

Ich bin zu Besuch bei Julia, meiner Cousine, in Reinheim. Sie hat eine tiefe Verbindung zu Alfons und ihn auch, da lag er schon im Koma, in Berlin besucht und uns drei Tage unterstützt. 

Ihr kleiner Sohn Ben, ein Jahr jünger als Alfons, und Alfons verstanden sich gut, auch wenn sie sich wenig sahen. Die letzten Mal zu Alfons‘ Geburtstag am 3.4.2018 und dann zu Pfingsten noch einmal, als es Alfons schon nicht mehr gut ging.

Ich habe Ben nun das Wohnmobil mitgebracht und geschenkt, was Alfons am 13.9. aufbaute, als wir in der Blutwäsche waren, die die GvHD eindämmen sollte. Alfons war begeistert vom Wohnmobil und er träumte von einer Fahrt damit. Das war ein Wunsch von ihm, dies nach der Krankheit zu tun.

Jetzt spielt Ben damit. Ich habe ihm erklärt, wie sehr Alfons und mir das Wohnmobil am Herzen liegt. Aber ich finde es besser, es spielt ein Kind damit, als wenn die Dinge zu Hause im Schrank stehen. Vielleicht hätte es auch dort stehen sollen. Aber jetzt spielt Ben damit. Gerade jetzt und neben mir und Alfons ist vielleicht bei ihm und dem Wohnmobil.

Wie schön hätte es sein können, wenn Alfons mit hier gewesen wäre. Noch im Frühjahr 2018 haben Julia und ich mir ausgemacht, wann die Kinder sich in den Ferien besuchen könnten, in Reinheim und in Bad Muskau. Dazu kam es nicht mehr, aber jetzt wären sie alt genug, um sich zu verabreden, woanders zu schlafen und fast alt genug, um allein mit dem Zug zu reisen (wie das Carl mit 10 Jahren schon lange machte).

aufgeschrieben am 7.4.2019

Ein Geburtstagsgruß von Susan und Andrea aus Amrum.

Alfons ist 10 Jahre alt

Am 3.4.2019 war Alfons‘ 10. Geburtstag. Früh um 8 Uhr habe ich einen Kuchen in die Schule gebracht. Und zwei gemalte Bilder von Alfons, für den Hort einen Raben und für die Schule einen rot-bunten Oktopus. Die Kinder haben Bilder gemalt und Geschenke auf seinen Geburtstagstisch gelegt. Frau Hinze hat eine Kerze angezündet und Alfons‘ blaue, getöpferte Schüssel rausgestellt. Sein Foto fehlt, auch eine Karte für Alfons. Einem Toten schreibt man nicht.

Dann fuhren Sandy und ich zum Ziegenhof nach Leuthen. Dort zeigten uns Katja und Sabine, wo Alfons ist, auf den Fotos, in der Erde, bei den Ziegen, bei den anderen Kindern. Und sie zeigten uns, wo wir vielleicht einen Apfelbaum für Alfons pflanzen können, weil die Schule das nicht ermöglicht.

Am Nachmittag des 3.4. kamen Freunde und die Familie. Und Postkarten, direkt an Alfons. Zum Beispiel von seiner behandelnden Ärztin Frau Saribeyoglu, die ihm schrieb, dass wir immer noch zusammen türkisch kochen wollen; dass hatte Alfons im Krankenhaus oft zu ihr gesagt: Papa und ich, wir kochen für Sie!

Am 6.4. trafen sich dann endlich 9 Kinder, Alfons‘ Freunde aus seiner Klasse, und 6 Geschwisterkinder samt Eltern in Köbeln und wir gingen Bowlen. Das wollte Alfons schon zu seinem 9. Geburtstag tun, aber die Krankheit kam dazwischen… Nach dem Bowlen gab es wilden Fußball im Garten und Kuchen. Dann liefen wir zu Alfons. Die Kinder brachten ihm Geschenke. Auf der Wiese vor seinem Grab las ich den Kindern die Geschichte vom Steinbock Springinsfeld vor, der ein Regenbogensteinbock sein wollte. Alfons hatte sich die Geschichte selbst ausgedacht und mir am 30.12.2016 in einem Zuge diktiert. Seine Freunde staunten und klatschten. Dann zogen wir weiter zur Neiße; setzten kleine Boote mit Kerzen ins Wasser. Dazu musste Alex ganz weit in die kalte und strömende Neiße waten. Sandy und Olga sangen gemeinsam ein Lied…

Wer kann segeln ohne Wind?
Rudern ohne Ruder?
Wer kann scheiden von seinem Freund
Ohne dass Tränen kommen?
Ich kann segeln ohne Wind
Rudern ohne Ruder
Doch kann nicht scheiden von meinem Freund
Ohne dass Tränen kommen.
 
 
Später gab es Stockbrot am Lagerfeuer, Würstchen, Salate, Kuchen… Alles war mitgebracht worden. Alles schmeckte gut. Und die Kinder spielten Fußball und am Ende schenkte Alfons jedem Freund und Pia aus seiner Klasse einen Ritter und einen Zwerg. Alle seinen Ritter und einen seiner Zwerge.
Dann war es still. Obwohl ich den ganzen Tag Alfons hörte und sah und spürte. Das Fest war nach seinem Geschmack und er war ausgelassen und aufgeregt und müde am Abend und nicht mehr hier.

aufgeschrieben am 24.3.2019

Alfons‘ Freunde

Auf dieser Seite des Blogs sollen Alfons‘ Freunde zu Wort kommen. Ich stelle sie vor, dann wird es auch leichter, selbst Geschichten zu erzählen…

Am 1. März 2019 trafen sich Freunde von Alfons und deren Muttis bei Lydia, Paul und Ole und haben Geschichten von Alfons und sich erzählt. Carl hat alles dokumentiert. Ich schreibe die Geschichten auf und stelle sie dann in den Blog. Manches wird sich wiederholen, auch manche Fotos tauchen dann hie und da erneut auf. Es ist nicht leicht, den Überblick zu behalten. Alfons hat bis heute viele Freunde und es gibt unzählig Erlebtes zwischen ihnen.

Gestern erst waren Franziska mit Jakob und Malte, Lydia mit Ole, Sabine mit Ole und Caro mit Robert da, um uns im Garten zu helfen. Am 28.3. wird Carl 18 und am 3.4. Alfons 10. Die Jungs zogen sich alle Handschuhe über und säuberten den Sandkasten, in dem Alfons noch im Sommer 2017 spielte und es im Sommer 2018 auf Grund der Infektionsgefahr nicht mehr durfte.

Aber wer sind nun seine Freunde?

Malte, mit dem wir in den Tierpark Cottbus gingen, in die Schwimmhalle, ins Energiemuseum Knappenrode, zum Pilzesammeln, ins Kino, bei dem Alfons schlief und immer mittwochs spielte und auf Papa wartete. Mit dem er ein Jahr lang gemeinsam zum Ziegenhof fuhr. Zu dem er am letzten Wochenende vor Berlin sagte: Malte, du bist wirklich ein richtig guter Freund für mich. Vieles erlebten sie. Auch den letzten Besuch in der Charité.

Aber da sind auch Fynn (den wir manchmal im Blechen Carré trafen und zum Kuchenfuttern einluden), Ole K. bei dem er Lego spielte, mit Ole L. besuchte er das CTK, bei Friedrich spielte er Fußball, Erik war bei uns zu Besuch – alle zu Alfons‘ Geburtstag da. Er sehnte sich in seiner Krankenhauszeit sehr nach ihnen und der Schule!

Sein bester Freund im Kindergarten war Jim. Mit ihm war er im Wald, am Badesee Eichwege, bei Jim zu Hause. Auch später noch trafen sie sich zum Legospiel und sahen sich am 30.4.2018 zum letzten Mal beim Hexenfeuer. Da war Alfons sehr ruhig und blass… Und bei der Tagesmutti Kerstin war es Tessa (mit Tessas großer Schwester Thalia ging Alfons‘ Bruder Carl in den Kindergarten); beide wechselten von der Tagesmutter in die Kita Bad Muskau. Seine Erzieherin Doreen schrieb mir nach dem Tod von Alfons: Alfons war einzigartig. Ich habe viel von ihm auch erzählt, wie er damals den Schutt aufdem Spielplatz ausgegraben hat und seine Vermutungen, dass dort mal ein Haus gestanden hat. Er war sooo interessiert und seine Ideen. Anders als die anderen Kinder. Etwas ganz besonderes.

Freunde waren auch Markus und seine Frau Sindiswa. Sie haben 2018 in Südafrika geheiratet; Markus kenne ich seit 2008, als er mein Praktikant in der Turmvilla wurde. Damals spielte er schon mit dem kleinen Carl Fußball; genau zehn Jahre später setzte ihn Alfons beim Tischtennisspiel matt 🙂 Eine gute Freundin für Carl und Alfons ist Susan aus Bokel-Pinneberg-Hamburg. Gute Freunde sind Tante Helga und Onkel Manfred; Ben und Don und Julia, Holger und Familie, die Oma Schmelze mit ihrer hervorragenden Eistichsuppe und den gebratenen Hähnchenflügeln, die Alfons liebte… Auch Frau Ludwig, die Nachbarin, die mit Alfons immer dann schimpfte, wenn er ohne Klingeln über den Zaun stieg, um den drüber geschossenen Fußball zurück zu holen. Einmal war sie so erzürnt, dass sich Alfons entschuldigen wollte, sie aber die Tür nicht mehr öffnete. Da legte er eine kleine Süßigkeit für sie ab… Wichtig in Alfons‘ Leben sind Manja und Tante Elke. Bei Manja, der Mama von Malte, verbrachte er fiel Zeit zu Hause oder auf dem Weg zum Ziegenhof. Alfons fragte Manja auch, ob sie ihn regelmäßig in der Charité besuchen würde, was sie tat. Wenn heute Manja und Malte durch Krauschwitz fahren, halten sie an Petras Eiscafé. Dort waren wir Stammgäste. Malte sagt: „Alfons‘ Eiscafé“ und er kennt Alfons‘ Geschmack: Vanille und Amadeus Dream (ähnlich wie die Mozartkugel, wir alle liebten sie), aber die durfte Alfons bald nicht mehr essen, aber zum Glück liebte er auch Fruchtiges wie Zitrone und Mango und Ungewöhnliches wie Pfefferminzeis. Mit Tante Elke erlebte Alfons schöne Zeiten beim Einkaufen, im Garten, beim Kochen und Essen und Kuscheln, beim Reden. Elke war immer da und je schwerer Alfons krank war, umso häufiger fragte er nach Elke.

Aber auch die Kinder meiner Freundinnen wurden Carls und Alfons‘ Freunde: Leo von Asia, Samuel und Arne von Hannah… Asia erzählte mir, dass unsere Kinder, Alfons und ihr Leo, uns als Mütter verwechselten. Als wir gemeinsam mit 10 anderen befreundeten Familien Pfingsten 2015 in Polen in PARADA waren. Wir sind uns von der Statur ähnlich, von den Haaren, vom Kleidungsstil. Alfons sprach Asia mit Mama an und als ihm der Irrtum auffiel, lief er zu Leo. Mich sprach Leo von hinten auf polnisch an und entdeckte seinen Irrtum selbst. Ich hatte das vergessen, aber Asia hat mich daran erinnert…

aufgeschrieben am 17.3.2019

Zum Friseur bei Konstanze

Vielleicht waren wir 2010 das erste Mal bei Konstanze? Sie erinnert sich, dass Alfons lange Haare hatte (er sah damals aus wie ein Mädchen) und in Gummistiefeln kam. Wir gingen viele Jahre zu dritt zu ihr. Die Kinder und ich. Carl ging später allein (er wollte zwischendurch einmal blaue Haare haben und Konstanze gab ihm eine blaue Haarprobe zum Überlegen mit). Ab und an ging Papa mit den Jungs; einmal, im Frühjahr 2018 da ging Papa mit Alfons, da stellte Konstanze Läuse fest. Wir haben Wochen gebraucht, um sie in den Griff zu bekommen. Noch Anfang Mai 2018, als Alfons schon im CTK lag, tauchten die Läuse wieder auf und Konstanze kam und schnitt die langen Haare ab, die sich Alfons ab Herbst 2017 wachsen lies. Ich habe bestimmt 5 Mittel ausprobiert und bis heute mache ich mir Vorwürfe, sein Knochenmark damit noch zusätzlich geschwächt zu haben.

Wenn Alfons mit seiner Frisur fertig war, musste er immer warten, da das Tönen und Schneiden bei mir 2 Stunden dauerte. Er war ungeduldig und fragte oft: Wie lange dauert es noch? Und am Ende stellte er fest: Du sieht gar nicht anders aus als vorher!

Die Jungs mochte und mögen Konstanze. Einmal war ich allein beim Friseur und erzählte ihr, die Jungs seien zu Hause und fahren gleich mit dem Rad zu Oma. Und schon kamen sie am Fenster vorbei. Carl mit meinem Rad. An dem vorn ein Kindersitz dran war. Darauf Alfons. Vielleicht 3/4 Jahre und Carl war 11/12. Sie machten das oft.

aufgeschrieben am 16.3.2019

Erinnerungen von Leo und Asia; aufgeschrieben durch Asia…

„Liebe Anett, anbei schicken wir dir unsere Erinnerungen mit Alfons für seinen online Tagebuch…

Parada 2015

In Parada war unser Wiedersehen. Wiedersehen von den Menschen, die sich durch die Zusammenarbeit mit Anett und in der Turmvilla kennengelernt haben. Diesmal mit Familien und Freunden aus Polen, Tschechen und Deutschland. Ich erinnere mich, dass es ein großer Traum von uns war, dass sich auch die Kinder von uns kennenlernen. Es war ein wunderschönes Wochenende an einem wunderschönen Ort. Leckeres Essen, stundenlang quatschen, Fußball spielen und Wandern.

Spreewald 2017

Wir wollten uns unbedingt wiedersehen und am einfachsten war ein Treffen in der Mitte zwischen Berlin und Weißwasser. Wir, Leo, Alfons, Anett und Asia, haben einen Tagesausflug in den Spreewald nach Lehde gemacht. Das Wetter war sehr regnerisch, trotzdem hatten wir sehr viel Spaß und haben den Tag genossen. Für mich und Leo war das das letzte Mal, das wir Alfons gesehen haben… Er ist uns sehr stark von diesem Ausflug in Erinnerung geblieben …

Leo hat die Fotos (unten) in einem Programm am Computer bearbeitet… Wir schicken dir eine dicke Umarmung, Asia und Leo.

Auf dem Bild rechts sieht man Donner, Leo, Samuel und Alfons. Das Foto wurde am 28.5.2017 gemacht. Da wurde ich 47 Jahre alt. Asia, die Mama von Leo, und Hannah, die Mama von Samuel, besuchten mich überraschend. Wir aßen Spargel und Kuchen. Es war ein warmer und wunderbarer Tag. An diesem Nachmittag verabredeten wir uns zu dem Spreewaldbesuch, den Asia und Leo oben beschreiben. Wir haben damals ein lustiges Minivideo gedreht und an Hannah geschickt, die eigentlich mitkommen wollte.

Asia und Hannah kenne ich seit 2004. Damals arbeitete ich in der Turmvilla in Bad Muskau. Seit 1990 organisierte ich in Bad Muskau die Begegnung von polnischen und deutschen Kindern und Jugendlichen. Carl nahm an einigen dieser Begegnungen teil; zuletzt 2012 an der TriEM, einer deutsch-polnisch-ukrainischen Fußballbegegnungen anlässlich der FußballEM, die in Polen und der Ukraine ausgetragen wurde. Ab 2000 entwickelten wir Fortbildungen für Erzieher*innen, Pädagog*innen und Gruppenleiter*innen, die im Austausch zwischen Polen und Deutschland arbeiteten. Von 2004 bis 2012 führten wir 7 Durchgänge unserer „Deutsch-polnisch-tschechische Fortbildung zum/r Interkulturellen Gruppenleiter/in“ durch. Uns verbinden viele Jahre gemeinsame Arbeit an einer Sache, an die wir glauben: Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur können sich kennenlernen und miteinander leben. Wir haben immer die Gemeinsamkeiten betont und sind nie bei den Unterschiedlichkeiten geblieben, die es natürlich gibt. Wir haben mit viel Witz und Respekt gearbeitet. Damals, 1990 als ich mit dieser Arbeit begann, haben viele gesagt, die Polen und Deutschen sitzen nie wieder an einem Tisch, nachdem die Deutschen im Krieg 30% der polnischen Bevölkerung umbrachten. Schon 2010 sagte Carl zu mir, als ich ihm erklären wollte, wie der Grenzübergang in Bad Muskau hin nach Ƚęknicafunktionierte: Mama, du täuscht dich, hier gab es nie Stacheldraht, hier standen immer nur die Poller für die Autos auf den Radwegen… Das hat mich glücklich gemacht….

2008 fanden Asia, Hannah, Frank und ich in Klosterdorf zusammen. Wir hielten eine Klausur zur Organisation unser oben beschriebenen Fortbildung ab. Markus, damals Praktikant in der Turmvilla und heute ein langjähriger Freund von uns, passte auf unsere Kinder auf. Damals war Asia mit Leo hochschwanger. Ich mit Alfons, aber das wusste ich damals noch nicht. Die Kinder sahen sich selten. Aber sie mochten sich, weil wir uns mögen und uns viel verbindet. Wer weiß das schon. Und es kommt nicht darauf an, wie häufig man sich sieht, sondern wie intensiv die Begegnung ist. Leo und Alfons blieben verbunden. Leo hat Alfons immer wieder ins Krankenhaus Bilder und Ermutigungen geschickt; Alfons träumte davon, mit Leo ins LEGO-LAND zu gehen…

aufgeschrieben am 10.2.2019

Schlemmen…

…beim Eisessen, mit besten Freunden, mit Malte, mit Fynn, mit dem Bruder Carl, den Alfons über alles liebt, mit Papa, im Zirkus, im Wald und Garten, Limo, Schokolade, Gegrilltes, Torte, Piroggi…

aufgeschrieben am 25.1.2019

Vom 28. zum 29.7.2018 war Malte ein letztens Mal vor Berlin und der Charité eine Nacht bei Alfons. Am 29.7. abends fuhr er dann mit Manja und Mike nach Hause, wir hatten zuvor gegrillt, eine riesige Regenhusche abbekommen und im Büro von Alex‘ Zuflucht gesucht.

An diesem Wochenende waren beide Jungs mit Alex auf Geocaching-Tour durch den Muskauer Park unterwegs; sie spielten im Hof oder wir alle drinnen Mensch-ärgere-dich-nicht. Oder sie verkrochen sich in Alfons‘ Bude.

Einmal an diesen beiden Tagen spielte Malte mit dem Elektroauto draußen vor der Tür. Sie hatten sich einen Parkour im Hof dafür gebaut. Alfons schaukelte in seiner Schaukel, seinem Lieblingsplatz, und schaute Malte beim Fahren zu. Ich selbst saß auf der Veranda und blickte versonnen zu den beiden. Dann sagte Alfons plötzlich sehr klar und deutlich zu Malte: Malte, du bist wirklich ein richtig guter Freund!


Foto: Mit beiden 2017 zusammen im Tierpark in Cottbus. Weitere Fotos folgen von den beiden Freunden und von Alfons‘ weiteren Freunden….

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