Erinnerungen an Alfons – Teil 1 (20.1.19-18.8.19)

aufgeschrieben am 18.8.2019

Alfons‘ Freunde zu Besuch bei ihm
Gestern, Alfons ist nun 10 Monate tot, trafen sich einige Muttis und Vatis und Alfons‘ Freunde bei uns. Es war wie ein großes Picknick und es war besonders, weil alle vom letzten Elternabend berichteten. Die Wut über das Nichttrauern in der Klasse und über den schweigend hingenommenen Weggang anderer Kinder war nun zu etwas Großem herangewachsen und machte sich Luft. Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich hoffe, dass die Eltern und Frau Hinze weiter miteinander sprechen und wir mit Alfons im Herzen wieder ein Teil davon sein können.

Aber an dem Nachmittag passiert noch eine Verunsicherung: Donner rannte weg. Und als ich ihn suchte, mit dem Auto durch Köbeln kurvend, hatte ich die Bilder von damals im Kopf, als wir einmal den verloren gegangenen Alfons suchten…

Alfons war 5 Jahre alt. Wir waren zu dritt mit den Rädern unterwegs und kamen aus der Stadt und fuhren gegenüber von der Stadtverwaltung in die Köbelner Straße rein. Sie endet als Sackgasse beim „Kleinen Bäcker“, so nannten wir den Herzog-Bäcker, der dort früher verkaufte und heute ist es der Merschangk-Bäcker aus Forst mit einer Filiale. Wir hielten recht spontan, um Brot zu kaufen. Aber Alfons wollte weiter. Ein paar Minuten später, ich hatte schnell das Brot geholt, fuhren wir ihm hinterher. Die ganze Köbelner Straße lang. Wir sahen keinen Alfons und waren innerlich für einen Moment stolz auf ihn, wie schnell er schon fuhr. Als wir auf die Schützenstraße Richtung Köbeln abbogen und ihn immer noch nicht sah, wurden wir unruhig. Auf dem halben Weg, schon in Köbeln, bog Alex um – Alfons konnte nicht so weit sein! Er fuhr zurück. Ich fuhr heim, vielleicht war er doch so schnell, und zurück mit dem Rad in die Prinzenallee und alle abgehenden Wege ab, weil er daheim nicht war. Kein Alfons. Alex kam zurück und fuhr Richtung Kömag. Ich fuhr nach Hause und holte ein Auto. Ich war zutiefst erschüttert und sagte mir, lass ihn bitte bitte nicht verloren sein, gekidnappt sein, nicht verletzt sein… Ich weiß nicht mehr, wie lange und wo ich herumfuhr und ob Alex auch mit dem Auto unterwegs war. Aber als ich am Hotel bei uns war, kam mir Alfons mit dem Fahrrad entgegen. Ich war allen und allem dankbar. Hielt das Auto an, lief auf ihn zu, umarmte ihn. Ich weiß nicht mehr, ob er etwas sagte und ob er aufgeregt, beunruhigt, außer Puste war… Ich freute mich unbändig.
Alfons erzählte uns, dass er vom „Kleinen Bäcker“ aus in die Köbelner Straße gefahren sei und dann sofort nach links oben auf die Hauptstraße gefahren ist. Dann rechts. Dann am NETTO (den es damals an dieser Stelle noch nicht gab) und am Lindenhof vorbei und als er sah, wir kommen nicht, setzte er sich bei den Glascontainern auf den Boden und wartete. Wir aber fuhren auf unserer Suche immer nur die Köbelner Straße auf und ab und kamen gar nicht auf die Idee, dass er einen anderen Weg gewählt haben könnte. Ich weiß nicht mehr, ob Menschen, die wir bei unserer Suche angesprochen hatten, Alfons Bescheid gesagt hatten, als sie ihn wartend mit einem Kinderfahrrad trafen. Oder ob er selbst des Wartens müde, nach Hause radelte.
Das fiel mir ein, als ich Donner suchte. Ich erinnerte mich plötzlich auch daran, dass ich die Angst und die Sorge um Alfons und nun den Schmerz und die Trauer über sein Wegsein, damals zum ersten Mal mit aller Wucht spürte. Und ich so erleichtert und glücklich war, dass meinem Kind nichts passiert war. Ich dachte damals an andere Eltern, die dies ertragen müssten. Gestern bei der Suche nach Donner dachte ich, es war wie eine Probe, damals.

Carl und Alfons

Nur drei Jahre liegen zwichen diesen Bildern. Im September 2016 wurde Alfons in die Schule aufgenommen. Wir gingen mit Malte und Maltes Eltern im Spreewald paddeln. Carl verdrückte sich, damals fünfzehneinhalb. Ich war traurig. Ich weiß nicht, wie es Alfons damit ging. Ich glaube, er war glücklich mit Malte und uns zu sein. Damals stritten sie sich viel, die Brüder. Es war die Zeit, wo ich manchmal am Abendsbrottisch sagte: Es ist hier wie in einer Räuberhöhle! Freche kleine und große Jungs, ein bellender Hund, ein frustrierter Vater, eine müde Mutter… Schon Anfang 2017 begann die Zeit, wo beide Brüder wieder näher aneinander rückten, langsam! Zusammen mit dem Zug und Bus nach Hause fuhren. Sich Weihnachten trösteten. Tischtennis und Mensch-ärgere-dich-nicht spielten. Um dann 2018 in der Krankheit zusammen zu stehen. Dass Carl am 7.6.2019 die Waldorfschule mit 2,7 abschloss und nun das Abitur macht, erlebte Alfons nicht mehr. Aber irgendwie steht er doch auf dem unteren Foto zwischen Carl und mir. Hochgeschossen wie Carl, mir bis zur Schulter gehend…
Denke ich an meine Söhne, höre ich Alfons sagen, wenn Carl es in der Pupertät zu frech trieb mit uns: Ich gehe hier nie weg und ich ärgere euch nicht so wie Carl. Und Carl erwiderte dann: Wenn ihr den nicht erzieht, dann muss ich das machen. Manches davon traf mich schwer. Zu dem „ich gehe hier nie weg“, sagte ich ab und an, dass das alle Kinder denken, dass sie bei ihren Eltern bleiben wollen. Und nun hat Alfons recht behalten. Er bleibt, für immer. Und Carl kommt irgendwann heim (er sagte es mal, mit 17, beim Blick aus dem Küchenfest, ja, später kehre ich zurück und baue hier was an)? Seit dem Tod seines Bruders war er drei Mal kurz zu Hause und musste einmal notgedrungen hier übernachten. Zu sehr ist alles voller Erinnerungen und schmerzt.

Noch vor einem Jahr, im Juli 2018, saß Carl rauchend auf dem Tritt neben dem Schornstein, oben auf dem Dach. Alex, Alfons und ich standen unten im Hof – ich dachte und lachte, wie Karlson auf dem Dach.
Und noch eine Geschichte fällt mir zu den beiden ein. Als Alfons klein war, durfte er bei Carl auf dem Bett liegen und mit dessen Gameboy spielen. Es war ein buntes Teil, was ich für 20€ von einer Kollegin abgekauft hatte. Da war Carl 12, Alfons 4. In der Charité 2018 wünschte sich Alfons ein Gameboy zu Weihnachten. Die Erzieherin sammelte schon im September die Wunschzettel. Wir gaben unseren nie ab, weil Alfons seinen Wunsch ändern wollte, aber sich nicht entscheiden konnte. Er hatte sich zudem sehnlichst den Gameboy schon vorher gewünscht. Ich bestellte ihn und als er kam, spielte Alfons zweidreimal damit. Dann ging es ihm schon zu schlecht. Den Wunschzettel ohne Wunsch trug ich lange mit mir. Sollte ich den Besuch eines Weihnachtsmarktes darauf schreiben? Das war Alfons‘ letzter kleiner Wunsch.

aufgeschrieben am 11.8.2019

Vor einem Jahr
Da bekam Alfons am 7.8.2018 seine neuen Stammzellen, die sich ein paar Wochen später in seinem alten Knochenmark, was durch die Hochdosischemo ausgelöscht worden war, einnisteten und wiederum etwas später Blut herstellten. Gesundes.
Am 10.9.2018 entstanden die Fotos links. Alfons ging es eingiermaßen gut. Am Tag konnte er immer ein paar Stunden basteln, lesen, sprechen, rausgehen. Er hatte sich lufttrocknende Knete bei der Stationserzieherin organisiert. Er knetete wirklich konzentriert, obwohl im das schwer fiel. Er knetete ein Herz. Für seinen Bruder. Ein kleines grünes Herz mit den Initialien A+C=“Herz“. Ich half ihm und wenn nicht, dann knetete ich seine Idee, eine Mutmacherperle zu schaffen für die Mutmacherperlenkette und den Umstand „Ich kann wieder essen“. Ich sollte Schwester Maren fragen, ob das für Leukämiekinder auch zutraf und ich verspach ihm, Schwester Maren zu bitten, die Perle in den Niederlanden bei den Herstellern vorzuschlagen. Sie lehnten es dort im Dezember 2018 ab.

Das Herz fotografierte ich am 25.9.. An dem Tag wurde Alfons ins Koma gelegt und nicht mehr zurückgeholt. Ich übergab also später Carl das Herz. Da waren wir noch voller Hoffnung, das Alfons die Torturen überlebt und leben wird mit uns.

Carl verbummelte das Herz später in seiner WG. Es grämt ihn bis heute. Er hat so verzweifelt gesucht und ich habe ihm gesagt, Alfons hat es sicher versteckt, weil es ihn geärgert hat, dass du es in irgendeiner Hosentasche hattest. Carl sagte, ja, daran habe ich auch denken müssen.

Es bringt mich zum Weinen, diese Liebe zu sehen zwischen beiden Jungs. Und der Schmerz darüber, dass sie sich nur kurz hatten. Und das Glück, dass sie sich überhaupt hatten. Und wir erfahren konnten, dass wir uns bedingungslos liebten und lieben.

aufgeschrieben am 23.7.2019

meine (verzweifelten) Gedanken
Susan und ich fuhren gestern mit den Rädern zur kleinen Waldkapelle bei Bokel. Wir zündeten Kerzen an für Alfons. In Gedanken stellte ich auch von Carl und Alex je eine Kerze auf. Wir sprachen lange über Alfons, über seinen Tod, das Leiden in den letzten Wochen der Behandlung.

Ich erzählte Susan vom Verhalten der Schule und mancher Eltern, die mich zu fordernd finden und den gewünschten Baum – eine Idee der Trauerbegleiterin, die den Klassenraum zum „trauerfreien Raum“ erklärte, aber die Aussicht auf etwas Gepflanztes gab, zu dem die Kinder gehen könnten – für übertrieben hielten, weil er sich zum Gedenkort entwickeln könnte. Aber was spricht dagegen, an Alfons zu denken, an einem festen Ort, an einem Apfelbaum, der ihm gefallen hätte? Warum sollte ich nicht mehr um das Erinnern an mein Kind kämpfen, wenn ich in der Schule und bei den Eltern so viel Schweigen und Beklommenheit sehe? Ja, ich erlebe Eltern um mich herum, die es ihren Kindern erlauben, an Alfons‘ Grab zu sein und es mit mir zu pflegen. Es ist doch auch ihr Freund gestorben. Alfons, mein Kind, ihr Freund…
Susan und ich sprachen darüber und über meine Verzweiflung, dass ich nicht weiß, was zu tun ist. Dass die Schule für Alfons ein wichtiger Lern- und Daseinsort war und sie so tun, als wäre es das nicht und als hätte es das Kind an diesem Ort nicht gegeben. Dass ist das, was bei mir ankommt. Und das viele eine Meinung dazu haben, aber niemand mit mir spricht. Dabei könnte es eine Chance sein: Ein Kind ist gestorben und wir heben es auf, wir beschützen es gemeinsam an den Orten, die es liebte und seine Freunde denken an ihn, offen, nicht versteckt, zu Hause, für sich, nein, offen mit ihren Lehrer*innen und unter Freund`*innen tauschen sie aus, woran sie sich erinnern und tun Dinge gemeinsam mit Alfons und für ihn. Dann gehört das tote Kind zu den Lebenden und das Sterben verliert vielleicht seinen Schrecken. Aber das passiert nicht.
Das Sterben von Alfons soll nur unsere Privatsache sein. Es ist wie: Pech gehabt. Wie etwas, was anstecken könnte, wenn ich es zu lange betrachte. Aber ich sage zu Susan: Ich existiere weiter, ich überlebe, ich bin sichtbar, und nun immer auch als die Mutter des toten Kindes. Das bleibt, so sehr sie es weghaben wollen. Das bleibt sogar dann, wenn auf dem Grillfest der 3. Klasse im Rückblick auf das Schuljahr kein Wort über den Verlust von Alfons fällt, über das Hoffen auf Gesundung vielleicht und den Schmerz, als die Klasse vom Tod erfuhr. Und dass, obwohl wir ein Jahr zuvor mit Alfons noch genau an diesem Grillfest teilnahmen; er das letzte Mal in seinem Leben mit seinen Freunden Fußball spielen konnte und er flehentlich mir sagte: Mama, bitte lass mich spielen! Obwohl ich seine Atemnot sah. Und Eltern mir sagten, es sei alles so furchtbar, sie können nicht ins Krankenhaus kommen oder Eltern, viele, gar nichts sagten. All das erlebte Alfons. Erlebten wir als Eltern. Versuchten wir doch irgendwie Alltag zu ermöglichen, ein Leben im Angesicht der lebensbedrohlichen Krankheit. Das Schweigen gab es also schon zu Alfons‘ Lebzeiten. Wie ging es ihm, wenn er mich nach seinen Freunden fragte, warum sie nicht ins Krankenhaus kamen, obwohl er es sich wünschte? Und ich keine Antwort hatte, matt die Schultern senkte, traurig war, weinte. Und nach dem Tod wurde dieses Verhalten in Beton gegossen. Und einige Versuche, Erinnern zu ermöglichen, wurden erschwert, ausgesessen, einfach nicht beantwortet. Einfach keine Antwort geben auf die Fragen des Lebens. So auch nicht auf diesem letzten Grillfest. Der Reflex ist, lasst es vorüber gehen. Aber es geht nicht vorüber! Das Schweigen macht das Nichtausgesprochene erst richtig fühlbar. So viele fühlten die fehlenden Worte für den Klassenkameraden Alfons, der doch noch vor kurzem dazugehörte. Und dann wandelt sich Schweigen in Paralyse und die Frage, will ich das? Ich weiß, dass das Schweigen den Tod nicht wegmacht. Das künstliche Schweigen zeigt die Lücke. Die Lücke, die Alfons hinterlassen hat. Dabei weiß ich: Trost kommt mit dem Sprechen. Uns könnte leicht ums Herz werden, könnten wir über Alfons reden, dabei an seinen Apfelbaum gehen, der auf dem Schulhof steht und zu dem der Fußball hinrollt und den die Kinder gießen werden und ernten können. Wie schön ist diese Vorstellung, so Alfons unter seinen Freunden zu wissen. Nicht, weil das mein Wallfahrtort werden muss. Ich habe mein Kind hinter seinem Haus auf dem Friedhof und in meinem Herzen. Aber für die Freunde ist das weit weg. Auf dem Apfelbaum vorm Schulfenster könnten sie schauen und nah bei Alfons sein. Aber so ist es nicht. Und ich werde weiter darüber nachdenken, warum das so ist. Warum die Menschen beklagen, wie wenig der Tod im Leben ist und wenn er es ist, er totgeschwiegen wird.

So oder ähnlich sprachen Susan und ich. Wir liefen neben unseren Rädern und es fühlte sich an, als säße Alfons auf dem Sattel meines Rades und als hielte er sich an meinen Schultern fest und ließ sich schieben. Lachend. Und gerne zuhörend. Er fand das oft langweilig, aber später sagte er, als er krank war: Sprecht nur, ich höre euch gern zu. Weil wir Geschichten vom Leben und Alltag erzählten. Vielleicht würde ihn dieses Gespräch traurig gemacht haben; aber vielleicht genoß er einfach die Mitfahrgelegenheit auf dem Sattel und die Nähe zu mir… Ich sagte zu Susan, dass ich oft in den letzten Tagen hier die Chronologien durcheinander gebracht habe. Alfons war nie hier bei ihr und Andrea in dem neuen Haus in Bokel. Alfons war 2017 das letzte Mal mit mir zusammen bei ihr in Pinneberg ih ihrer alten Wohnung und dann im Sommer 2017 war Susan bei uns in Bad Muskau. Carl fuhr 2018 im Sommer Susan besuchen, in den Ferien. Das tat er oft. Am Anfang ich mit ihm oder wir zu dritt oder er allein. Egal wie, die Kinder waren gern mit Susan. Und so scheint es mir heute, als wäre Alfons auch hier im Haus gewesen und ich sann jeden Tag über Situationen, was wir hier gemeinsam, Alfons und ich, oder mit Susan und Andrea, getan hätten, was besprochen, worüber gestritten, worüber gelacht… Susan sagte, es ginge ihr genau so damit. Wir fuhren das letzte Stück und ich dachte, wie gern wäre Alfons Rad gefahren. Ich sagte oft zu ihm in seinen letzten Lebenswochen: Sei nicht traurig, wir holen das alles nach….

aufgeschrieben am 21.7.2019

Alfons‘ Armbänder
Im Hort und in der Schule häkelte, filzte und strickte sich Alfons immer wieder Armbänder. Manche verschenkte er an mich, die ich ein paar Tage trug und die nun im Bad zu Hause hängen. Er selbst hatte im April 2018, bevor er krank wurde, ein hellblau-dunkelblaues Band im Hort gehäkelt. Ein ganz zartes. Für sich selbst. Er trug es jeden Tag (man sieht es auf dem ersten Bild). Er nahm es erst am 5.6. zur Katheder-OP ab und danach steckte ich es in mein Portemonnaie. Jetzt liegt es vor seinem Foto auf dem Küchentisch. Danach machte er sich ein gefilztes Band um, aus Regenbogenfarben (auf dem Bild in der Mitte zu sehen). Ich denke, er hat es von Fynn geschenkt bekommen . Das weiß ich aber nicht mehr genau. Dies hatte er noch in Berlin an manchen Tagen um, aber seltener. Nicht immer ging das. An manchen Tagen, wenn ich einmal in der Woche von Berlin aus auf Arbeit fuhr, überließ ich ihm eine kleine Schildkröte, die ich mal von einem Mädchen im Bahnhof geschenkt bekommen hatte. An der Schildkröte waren auch zwei Eulen angeknotet, die Alfons von den Krankenschwestern in der Apherese bekam. Auf dem rechten Foto sieht man Alfons mit einem gefilzten Band, welches er angefertigt hatte. Das lag später im Bad. Ebenso ein rot-blaues Band. Letzteres hängt nun zusammen mit einem kleinen Engel in meinem Auto. Das Regenbogenband und das braune Band auf dem unteren Foto und noch ein weiteres trage ich seit ein paar Monaten. Tag und Nacht. Es ist eines der Dinge und für mich so viel und so wenig, was von meinem Kind geblieben ist, was ich in den Händen halten kann. Ja, Alfons ist in mir mit all seinen Geschichten und Worten, aber dass ich ihn nicht mehr umfangen, ihn nicht mehr auf die Stirn küssen und ihn abends nicht mehr kuscheln kann, ist etwas, woran ich mich nicht gewöhne.

Handschmeichler
Wenn ich Steine finde und für Alfons aufhebe und mitnehme, denke ich an seine Handschmeichler, die er sich jeden früh in seine Jackentasche stopfte. Es gab eine Zeit, da ging Alfons nicht ohne einen „Freund“ in der Tasche in die Schule. Zu Beginn fiel es ihm jeden Früh auf’s Neue ein und er lief los und holte sich etwas aus seiner Legokiste oder eben einen Stein oder einen Zwerg… Bald darauf gab ich ihm eine kleine Spanschachtel, die er als kleiner Junge angemalt hatte. Wir stellten sie in sein Mützenkörbchen (jeder von uns hatte so einen Korb, in dem Handschuhe, Schals, Tücher, Caps… lagen). Die roten Körbe standen auf den Treppenstufen nach oben. Er legte alle seine Lieblingsdinge in die Spanschachtel im Mützenkorb. Dinge, die klein genug für die Hosen- und Jackentasche waren: ein Schleich-Gürteltier und ein Schleich-Pinguin, Legomännchen, Jumper, ein Glasherz, was ich den Kindern in einem Urlaub geschenkt hatte, ein Herz aus Speckstein vom Zoo in Hamburg, Kastanien, einen kleinen gehäkelten Zwerg, auch die Schlüssel von seinem Fahrradschloss waren darin zusammen mit dem kleinen Holzwolf aus dem Tierpark in Weißwasser… Dinge, die er sich am Morgen in die Tasche steckte, um genug Kraft und Mut für den Tag zu haben.

aufgeschrieben am 19.7.2019

Sommer
In einem Sommer spielten Carl und Vincent, der Sohn von Petra und Frank, bei uns im Garten. Ein Sommer voller Pflaumen. Während wir saßen und quatschten, pflückten die Jungs Pflaumen und verkauften sie an der Straße. Zu dieser Zeit, 2011 oder 2012, war der Radweg an der Neiße und Oder bundesweit bekannt und beliebt und oft befahren.
Ein paar Jahre später, im Frühjahr 2017, kam Alfons auf eine ähnliche Idee. Er wollte Getränke an Vorbeiradelnde verkaufen. Oder verschenken gegen eine kleine Spende. Das weiß ich nicht mehr genau. Wir trugen gemeinsam mit Papa einen kleinen Tisch aus dem Haus, einen Hocker, Tischdecke, Tulpenstrauß, Becher, Säfte, Wasser… Ich malte Alfons ein Schild „Lecker Getränke für Radler*innen“ oder so ähnlich. Ich habe es in seinem Fotoalbum aufgehoben. Alfons setzte sich stolz, eingemummelt in seiner Jacke, auf den Hocker hinter den Tisch und wartete geduldig. Leider hielt niemand an oder es kam keiner vorbei. Es war einfach noch etwas zu kalt und zu früh im Jahr, um auf schwitzende und durstige Radler*innen zu treffen. Wir wollten das im Sommer nachholen, aber dann schien es Alfons vergessen zu haben.

aufgeschrieben am 14.7.2019

Wenn ich die Fotos für meine Texte auswähle, dann stolpere ich immer wieder über Fotos (hier aus 2017 und 2018), auf denen Alfons wirklich glücklich ist. Das sehe ich an seinem breiten und erfüllten Lachen… An seinem stolzen Lachen und sogar auf dem Bild mit Manja, wo man sieht, wie schlecht es ihm geht und das er sich kaum im Sitzen halten kann, weiß ich, dass er glücklich war, weil Manja bei ihm war und zu ihm kam. Nur zu ihm.

Papa und Alfons

Vor einem Jahr hatten wir uns in den Wechsel von Alfons‘ Aufenthalt im CTK Cottbus und zu Hause eingerichtet. Der 31.7. nahte. Der Tag der Reise nach Berlin an die Charité. Aber wir ahnten nicht, dass die verbleibenden Tage unsere gemeinsamen letzten Tage zu Hause sein würden. Ja, ich dachte auch an den Tod und auch Alfons, aber wir wollten leben und Alfons wollte leben und lebte gern. Auf eine aufgeschlossene, lebhafte, anteilnehmende und wache Art und Weise. Wir gingen noch ins Kino und in den Tierpark, trafen Freunde. Aber auch damals waren Ferien und die Treffen nicht so einfach.

Vor zwei Jahren um diese Zeit, Mitte Juli 2017, waren wir weit enfernt von dieser Katastrophe. Wir hatten andere Sorgen, aber auch ein normales Leben und für die Kinder waren wir da. Alex‘, Carl und Alfons ermöglichten es mir, zur Kur nach Neu-Fahrland bei Potsdam zu fahren. Heute sage ich mir so oft, wäre ich nur mit Alfons gefahren oder gar nicht. Er träumte von einer Kur mit Papa und beide sprachen ab und an dazu, dass machen zu wollen. Schon mit Carl hatte ich es versäumt, zur Kur zu fahren. ich dachte immer, es geht uns gesundheitlich gut, aber seine Borreliose-Erkrankung und meine Lungenembolie nach Carls Geburt wären Anlass genug gewesen.

So fuhr ich 2017 5 Wochen allein und Alex  managte zu Hause den Männerhaushalt. Wenn ich in den Jahren zuvor auf meinen Seminaren war, noch zu Turmvilla-Zeiten, und später Fortbildungen machte, war das immer so – dann fanden die berühmten Männerwochenenden statt. Da war der Schmerz der Trennung nicht so schlimm, weil eine tolle Zeit mit Papa bevorstand. Spontan verreisen und sich die Wartburg anschauen, zum FC-Energie-Cottbus-Fußballspiel gehen, Grillen, zu Hause rumwerkeln, im Wald sein bei den Tieren und Pilzen sein, mit Malte zur Energiefabrik Knappenrode fahren oder mit ihm in die Schwimmhalle gehen… Sie besuchten mich auch einmal und Alfons war traurig, dass ich mich Carl widmete, der Sorgen hatte. Aber ich nahm Alfons und wir kauften auf dem Bornhelmer Gut Bonbons und später fuhren wir Pizza-Essen. Als mich Alex und Alfons abholten, war er überglücklich. Er strahlte, sagte Kerstin, die wir noch zum Bahnhof in Potsdam brachten. Zu Hause präsentierten die Drei den sanierten, fast fertigen Schuppen und als ich den riesigen Wäscheberg sah, sauber, aber nicht zusammengelegt, fuhren wir zur PIZZA MIRO nach Leknica Abendbrot essen.

...bei ihrem Ausflug zur Wartburg, zum Kloster Haina und zu Monika und Eule Pfingsten 2017
...andere eisessende Ausflüge von Papa mit Alfons in 2017

aufgeschrieben am 7.7.2019

Alfons

Es sind diese Bilder, die mir den Atem stocken lassen, die mir einen tiefen Stich in den Körper versetzen, die mir Tränen in die Augen treiben. Fotos, die Alfons irgendwie zeigen. Nicht mit seinem wunderbaren und lebensfrohen Lachen oder traurigem Weinen, sondern Fotos auf denen er irgendwie wie immer guckt. Hier hat er sich auch selbst fotografiert. Er guckt dann frech, müde, wütend, quatschmachend… Diese Bilder wirken so, als würde ich sie hier sitzend sortieren und drüben in der Küche spielt Alfons. Sie wirken, als wäre er da. Die Gesichtszüge so lebendig. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass er tot ist. Was ist das, dass meine Vorstellung nicht ausreicht, mir vorzustellen, mein Kind sei tot, dabei weiß ich, dass es tot ist. Wie soll ich das lernen zu verstehen, zu akzeptieren, zu verwinden? Es ist schlichtweg ungeheuerlich. Es sollte nicht sein. Es soll nicht sein. Er hat gekämpft. Wir auch. Alfons wollte leben. Jeden Tag aufs neue muss ich diese Gedanken nach dem Schlaf neu denken. Jeden Morgen die erschütternde Gewissheit: Alfons ist tot. Und dann überlebe ich diesen Tag. Manchmal ohne Essen und wenig Trinken, mit viel Arbeit, die mich ablenkt, auf der Suche nach Trost und Verständnis. Aber da ist niemand. Ich lebe im Damals und alle um mich herum im Jetzt. Im Damals finde ich Alfons, deshalb bin ich dort und nicht hier.

aufgeschrieben am 30.6.2019

Hitze und Urlaub
Carl berichtete mir gestern erfüllt und glücklich von seinem ersten großen Festival: der Fusion. Er war dort mit seinem Freund Emil. Wir haben beim Erzählen festgestellt, dass der Ort Lärz nur 30 Minuten von Zechlinerhütte entfernt liegt, wo wir in drei Sommer Urlaub machten. Carl rief: Ja stimmt, auf der Fahrt mit dem Bus zum Festivalgelände kamen wir an einer Stelle vorbei, wo ich mich an den Urlaub erinnert hab. Ja, jetzt ist Sommer und die Menschen fahren in den Urlaub…
Im letzten Jahr war Alfons krank und wir konnten keine Pläne machen und wagten es auch nicht, uns vom Krankenhaus zu weit zu entfernen. Ich sagte oft zu Alfons: Das holen wir alles nach. Er träumte von einem Urlaub im Wohnmobil; ich träumte davon, mit ihm im Standkorb zu sitzen und auf das Meer zu schauen. Elke sagte mir, Alfons hat in ihrem Garten gestanden und gesagt, was er hier alles machen wird im nächsten Sommer u.a. im Swimmingpool baden! Im Jahr davor fuhr ich zur Reha und Alex blieb mit den Kindern zu Hause. Sommerferien zu Hause. Somit waren wir in Familie zum letzten Mal im Sommer 2016 in Zechlinerhütte, eine Woche, und im Oktober noch mal ein paar Tage an der Ostsee in Prerow. Nur 2014 (Zechlinerhütte) und 2015 (Wohnmobilreise) waren wir 14 Tage unterwegs. Sonst gab es aus finanziellen Gründen nur Wochenurlaube. Ich glaube, die Kinder störte es nicht so. Wir blieben zu Hause und badeten in Eichwege und unternommen haben wir immer viel, viel gespielt, gebastelt, Dinge gesammelt…
Einen länglichen Stein, ganz glatt und fein gemasert, groß wie ein kleines Brot, nahmen wir vom Großen Wummsee mit. Er liegt noch bei uns, bei all den anderen Steinen, die Carl und Alfons über die Jahre sammelten. In einem Sommer, 2009, Alfons war gerade geboren, „sammelte“ Carl mit seinem Kescher Schmetterlinge an unserem Beet, auf dem üppig der Oregano wuchs. Ich saß mit Alfons auf dem Schoß. Alfons in einem Pucksack, so klein war er noch. Ich hielt ihn und auf meinem Schoß lag das Insekten-Bestimmungsbuch. Brachte Carl einen Falter, schauten wir im Buch nach: Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs und Kaisermantel hatten wir im Garten. Dann ließ Carl die Schmetterlinge frei. Stundenlang saßen wir dort. In jedem Urlaub hatte ich unsere Bestimmungsbücher mit. Die BLV-Naturführer für Pilze und Insekten, ein Baumbuch und Pareys Blumenbuch. Damit ließen sich alle Zweifel ausräumen. Auch im Herbst 2017 als wir massig viele Pilze fanden, die eine äußerst gelb-schwammige Hutunterseite hatten. Die Ziegenlippe. Wir trockneten sie und nehmen sie noch heute zum Kochen…
 
Mich bestürmen unendlich viele Urlaubserinnernung, dabei lebe ich heute, bei der Hitze, in den Erinnerungen des letzten heißen Sommers mit Alfons. Der Schmerz von heute war damals die unendliche Angst um Alfons und unser Bemühen, normal weiterzuleben. Heute mit all den Vorwürfen, irgendetwas übersehen zu haben, nicht gut entschieden zu haben. Diese Hitze, die uns das Denken damals erschwerte und die das Versprechen an Alfons hervorbrachten, wir holen alles nach: radfahren, baden im See, mit dem Wohnmobil verreisen, im Strandkorb am Meer sitzen… Ich verbinde heute die Hitze nicht mehr mit Urlaub und Sommer sondern mit Alfons‘ Leiden und unserer Sorge um ihn! Obwohl Alfons vom Wohnmobil träumte, nahm er die Krankheit tapfer an. Man kann sagen, er hatte keine Wahl. Ja, er hatte keine, aber er entschied sich, weiter zu lachen, Späße zu machen, rumzualbern, zu basteln, Panini-Sticker zu sammeln… Er weinte und wir weinten mit Alfons, wenn uns das Schicksal überflutete, aber irgendwie haben wir es vermocht, einen letzten kleinen Sommer zu Hause zu haben. Mit Freunden auf Besuch, mit Tischtennis, im Tierpark, im Kino, mit Grillen (mit Malte, Mike und Manja), mit einer Erfrischung unterm Gartenschlauch, mit der Feuerwehrrunde und den Gängen runter zur Neiße, mit Geocaching…
So viel gab es noch zu sehen und zu entdecken, aber dafür blieb Alfons keine Zeit mehr…

Wir waren viele viele Male in Prerow bei Familie Kahl im Urlaub, schon als Carl klein war, später zu viert.

Dreimal waren wir am Schlabornsee in Zechlinerhütte. Dort fuhren Carl und ich mit dem Tretboot an das gegenüberliegende Ufer und holten uns in der Gaststätte ein Eis: Walnusseis. 2016 waren in dieser Gaststätte Flüchtlinge untergebracht. Da trampelten Alex, Alfons und ich zum Spielplatz nebenan und wir aßen Fisch in der Gaststätte auf der anderen Straßenseite. Zu viert gingen wir in jedem Jahr in das Wegener-Museum, ein Museum über einen Antarktisforscher. Papa lieh 2014 ein Motorboot aus und wir fuhren zum Stechlinersee, der ganz klar und kalt und tief ist. Mit Alfons waren wir zweimal in einem fast privaten Natur- und Heimatmuseum des ortsansässigen Försters. Dort sahen wir vielleicht alle heimischen Tiere? Ausgestopft. Auch einen beeindruckend großen Kolkraben.

Wir fuhren nach Lohme, zwei- oder dreimal nach Bielice, nach PARADA zu Grzegorz und Beata. Es gab auch Jahre ohne Urlaub. 2015 fuhren wir endlich, nach langem Planen und Überlegen, mit dem Wohnmobil nach Holland, Belgien, Luxemburg, Frankreich und zurück*. Alle Urlaube waren schön und immer auch angespannt für uns, weil wir auf das Geld gucken mussten.

Am schönsten waren die kleinen Dinge: Auf der Fahrt nach Prerow im Oktober 2016 spielten wir zu viert im Auto Ich sehe was, was du nicht siehst und Wenn ich in den Urlaub fahre, dann packe ich den Koffer und nehme mit. Bei diesem Spiel muss man so lange wie möglich alles wiederholen, was die Vorgänger aufgezählt haben (in der richtigen Reihenfolge!) und dann selbst einen neuen Gegenstand hinzufügen. Wenn man durcheinander kam, halfen wir uns oder begannen von neuem. Wir lachten so herzhaft und hatten Spaß wie selten. Vor allem als Alfons einen Kühlschrank mitnehmen wollte. Es war der letzte Urlaub in Familie.

Wir unternahmen auch oft Tagesausflüge. Nach Dresden, im Februar 2016, in die Tutanchamun-Ausstellung. Ich glaube, Alfons war dort das einzige Kind. Er war 6, kurz vor seinem 7. Geburtstag, und interessierte sich gerade für Ägypten. Carl tat das auch in diesem Alter. So wie sich beide im selben Alter mit dem Universum befassten. Wir fuhren nach Berlin, als der Fall der Mauer sich zum 25. Mal jährte. Wir sahen uns an der Bernauer Straße das Modell über den Grenzverlauf an und bekamen nirgends einen Kaffee, weil alles höllisch überrannt war; abends waren wir bei Hannah, Uli, Samuel und Arne Pizza essen. Davon war Alfons begeistert. Die Pizza war ganz flach und schön belegt, nämlich jeder belegte sie für sich. Er wollte das immer mal wiederholen, was wir nie schafften… Wir waren im Ägyptischen Museum, Alfons und ich, einmal mit Carl im Technikmuseum und einmal zu dritt im Naturkundemuseum und im Kinderlabyrinth im Prenzlauer Berg. Mit Papa schauten wir uns zu dritt 2017 Wittenberg an. Zur 500. Jahrfeier der Reformation. Wir blieben lange im Haus von Cranach. Alfons bekam seinen ersten Spinner und wir fanden das Mosaikwieder, abonnierten es von zu Hause aus und lasen fortan von Luther. Im Sommer 2018 wechselte die Geschichte der Abrafaxe von Luther zur Hanse; nach Alfons‘ Tod schenkte ich Ben und Don das Abo.

Wir besuchten auch unseren Park. Viele Jahre mit Kathrin, Volker, Pauline und Franz, mehrmals im Jahr und mit vielen wunderschönen Erinnerungen. Auch paddelten wir auf der Neiße. Ich schrieb schon davon, dass wir begeisterte Fans der Ananasausstellung und der Gärtnerei waren, die auch zum Muskauer Park gehören. Wir radelten zum Ziegenhof nach Pusack; mit Carl jede Woche einmal, mit Alfons seltener. Immer nahmen wir uns auf dem Rückweg Ziegenkäse von dort mit und Papa bereitete zu Hause davon Bratstullen mit Ziegenkäse in Olivenöl gebacken, warm und lecker zum Abendbrot. Wir sammelten Pilze und Blaubeeren. Wir badeten in der Neiße…

Alfons hatte noch Pläne. Er wollte unbedingt ins medizinhistorische Museum der Charité in Berlin. Mit der Krankheit begann er sich dafür zu interessieren. Es war seine Art, die Dinge anzunehmen und zu gestalten. Er war zwar krank, aber vor allem neugierig und hungrig auf die Welt und das Leben. Er sagte, er wird Arzt und erfindet ein Medikament für die Kinder, die an MDS und Krebs erkrankten, wo eine Tablette ausreichte, um sie gesund zu machen. Alfons wünschte es sich sehnlichst, auf den Weihnachtsmarkt in Berlin zu gehen, aber das erzähle ich auf der Seite „Alfons schrieb, töpferte…“, weil er auch gern in den Zirkus ging und ins Theater und Kino und in den Tierpark…

*Wie Alfons vom Wohnmobilausflug berichtete

Als wir zu Hause ankamen, stand für Alfons fest: wir machen ein Plakat. Auf einem großen, schwarzen Fotokarton zeichneten wir mit weißem Stift die Reiseroute auf, Alfons schnitt die von Papa ausgedruckten Länderfahnen aus,gemeinsam klebten wir Postkarten und Muscheln auf das Plakat. Alfons nahm es mit in den Kindergarten, im Spätsommer 2015. Seine Kindergärtnerin Doreen half ihm.

aufgeschrieben am 23.6.2019

Carl und Alfons

Jetzt im Sommer, wo viel in den Urlaub fahren und wir vor einem Jahr schon zwischen dem CTK und Bad Muskau pendelten, erinnert mich alles genau daran – was andere tun und wir es nicht mehr konnten und nie mehr tun werden: in den Urlaub fahren. Und es erinnert mich an die furchtbare Gewissheit, Alfons ist lebensbedrohlich erkrankt. Er sagte irgendwann einmal: Mama, sag nicht immer lebensbedrohlich erkrankt. Er sagte aber am 4.5. auch, als wir von der Kinderärztin Frau Schartel nach Hause fuhren, um Sachen zu packen für das Krankenhaus in Weißwasser: Mama, ich komme nie mehr hierher zurück. Er saß am Tisch in der Küche und schaute ernst und wissend. Ich war bestürzt. Ich weiß nicht, was ich sagte. Heute denke ich, hätte ich anderes gesagt als was ich sagte zu Alfons (ich versuchte  ihm Kraft zu geben und optimistisch zu sprechen, zu lachen. Heute denke ich, hätte ich es anders gemacht, als das was ich tat. Wäre es gegangen? Wir sprachen mit Ärzten, Schwestern, Freunden, suchten Alternativen, gingen aber auch noch arbeiten, mussten in die Klinik, weil ohne Bluttransfusion wäre was passiert mit Alfons? Das alles denke ich jetzt im Sommer. Damit wird fortan für mich der Sommer verbunden sein. Mit der Hitze von 38 Grad, bei der wir am 31.7. nach Berlin fuhren. Nun ist es schon im Juni so heiß. Die Bäume und Pflanzen kämpfen damit. Wir waren noch voller Hoffnung. Was schreibe ich – weil der Sommer so belastend ist, will ich von Carl und Alfons schreiben.

Also zurück zu Carl und Alfons

Als Carl geboren war und ich mit Brustentzündungen und leichter Überforderung zu Hause saß, im Schlafzeug, aus dem ich den halben Tag nicht rauß kam, im Sessel und Carl stillte, da schaute er mich mit einem seltsamen Blick an: auf seiner Stirn waren Falten und seine Augen noch dunkel und groß und offen und er schaute mich an und ich dachte: Er weiß alles. Seine Augen waren voller Wissen und Weisheit und ich dachte, mich sieht ein weiser, alter Mensch an. Es war nicht unheimlich. Aber es beeindruckte mich stark. Von Alfons kannte ich so einen Blick auch; wenn er Carl anguckte!

Carl sagte mir vor kurzem, er möchte das Lachen von Alfons in sich spüren und so befreiend lachen können wie er. Dabei konnte das auch Carl, aber in der Pubertät ändern sich die Dinge in einem. Als Carl 12 war, löste tiefe Nachdenklichkeit seine Unbeschwertheit ab und heute ist Carl da hindurch gegangen und ringt nun mit seinem Schicksal, seinen Bruder nicht mehr um sich zu haben. Was bleibt davon? Wir fragen uns alle, wie es ohne Alfons weitergeht. Wir verstehen nichts und ich spüre keinen Lebenssinn mehr in mir. Carl ringt um die Lebenslust, die allen 18Jährigen inne ist, und er findet sie, aber die Leichtigkeit ist mit Alfons mitgegangen.

Erinnerungen…

Ende 2017, im Herbst, bis in den April 2018 hinein holte Carl, laut Alfons‘ Muttiheft, 9 x seinen kleinen Bruder im Hort ab. Carl fand das am Anfang unnötig. Alfons sagte, er renne immer vornweg und hört im Zug Musik über Kopfhörer und schläft manchmal ein und dann gibt es Angst, ob sie das Aussteigen schaffen. Später gab ich Alfons meinen mp3-Player mit und sie hörten beide Musik und Hörspiele (Sultan und Kotzbrocken oder Eule findet den Beat). Am Ende war es nicht mehr so schlimm. Carl hatte zwar noch immer keine große Lust, aber sie fuhren dienstags also ab und an zusammen heim. Einmal fuhren sie ab Weißwasser mit dem Bus bis zur Oma in die Schmelze, holten dort Carls Rad ab und fuhren, mit Alfons auf dem Gepäckträger, nach Köbeln, durch den Park… Es sind Erlebnisse, die nur die beiden Brüder miteinander teilen. So auch die Fahrt im Urlaub in Zechliner Hütte 2013. Da fuhr Carl, damals 12, mit meinem Rad und auf dem Kindersitz vorndrauf Alfons, damals 4, jeden früh zum Bäcker Brötchen holen. Durch den weichen Sand, durch den kühlen Wald hin zum Campingplatz. Dort zum Konsum. Manchmal kauften sie sich neben den Brötchen auch einen Schokoriegel oder eine andere Kleinigkeit. Beide waren stolz und glücklich und ich wartete aufgeregt, ob sie heil ankommen mögen und vertraute Carl und wollte ihn nicht zu sehr kontrollieren. Mit damals 12 Jahren wurde er eben langsam groß und wollte Verantwortung übernehmen. Genau wie das eine Mal, als sie beide mit dem Rad, Alfons wieder vorn drauf, zur Oma radelten, von Köbeln nach Muskau durch die Stadt hindurch an dem Friseurladen von Konstanze vorbei. Dort saß ich und erzählte gerade davon, wie meine Jungs zur Oma mit dem Rad fahren…

Am 17.5.2018 im Krankenhaus. Da wissen wir noch nicht, was mit Alfons ist. Carl kommt Alfons vor dem Unterricht zum Frühstück besuchen. Sie lieben sich!

Erlebnisse wie diese in den fünf Wochen im Sommer 2017, als Alex mit den Jungs zu Hause war, während ich zur Reha fahren konnte. Sie waren zu dritt, zu zweit und ich habe viele Fotos von Papa und Alfons, aber in Carl gibt es auch die Erinnerungen an Alfons und ihn, zu zweit. Als sie mich während der Reha besuchten, sprach ich viel mit Carl. Alfons war sehr wütend und traurig: Immer machst du nur was mit Carl!War ein fast geflügelter Satz, der Carl und mich heute noch zum Schmunzeln bringt. Ich habe Alfons dann umarmt und aufgezählt, was wir beide unternommen hatten und noch unternehmen werden, wenn Carl wieder unterwegs ist… Wir fuhren zu dritt, die Kinder und ich, oft nach der Schule, wenn wir Carl vom Zug abgeholt hatten oder aus Cottbus zurück waren, noch fix ein Eis essen in Petras Eiscafé in Krauschwitz. Alfons aß gern Vanille und Mango, auch Zitrone und Johannisbeere, Quark Sauerkirsche, Pfefferminzeis, auch Amadeus Dream. Diese Leidenschaft teilte er mit Carl oder hatte sie sich bei Carl abgeguckt. Ich auch. Ein Eis das nach Mozartkugel schmeckt. Carl mochte auch Straciatella und Haselnuss und Schoko. Ich liebte Vanille. Jetzt kann ich dorthin nicht mehr gehen. Das Vorbeifahren schmerzt. Ich sehe den Parkplatz, sehe uns dort sitzen, drinnen, draußen, manchmal laufen oder im Auto Eis essen. Selten gingen wir ins Kaffee König. Dort aß Carl fasst immer ein Stück Frankfurter Kranz als er klein war und  Alfons ein Becher mit Vanilleeis und Früchten. Früchte liebte er…

Sie lieben sich 🙂 Sie sind einfach nur kaputt von dem langen Bergaufstieg durch Neuschnee, hüfthoch. Am 27.12.2017

Carl und Alfons verbindet auch eine lebensrettende Maßnahme. Wir hatten zweidrei Sommer einen kleinen Pool im Garten, der leider immer löchiger wurde. Carl schwamm darin herum mit 7, 8 und 9 Jahren. Einmal, ich saß am Rand und bereitete mich auf einen Elternabend bei Carl vor, die beiden spielten noch schön im Wasser, verließen Alfons die Kräfte in den Beinen und er ging unter. Ich blickte zeitverzögert auf, da war Alfons schon unter Wasser, und bevor ich reagieren konnte, zog Carl beherzt seinen kleinen Alfons empor und schon griff ich zu. Das war ein Schreck! Es gibt viele Bilder und Erinnerungen an gemeinsame Zeiten zu zweit oder zu dritt oder zu viert im Wasser: im Badesee Eichwege, in der Neiße bei Wolfermanns oder unten am Ende unserer Straße, im Schwimmbad in Krauschwitz, in der Badewanne oben, in der kleinen Dusche unten. Sie war so groß, als beide klein waren und am Ende zu klein, so dass nur jeweils einer drin Platz fand. Sie badeten gern zusammen und setzten dabei das Bad unter Wasser. Carl badete Alfons in den ersten Wochen auch im Babybadeeimer. Und beide machten ein Fußbad in der roten Schüssel. Etwas Badesalz, ein Handtuch, zusätzlich heißes Wasser aus dem Wasserkocher, die rote Schüssel und das alles vorm Fernseher. Wir hatten drei solcher Schüsseln. Die kleine zum Putzen, die mittlere für Alfons Füße, die große für Carls. Heute gibt es nur noch die große Schüssel. Ich hüte sie, wenn sie auf Abwegen ist und ausgeborgt, denn darin steckten die Füße der Kinder…

Carl hat Alfons und sich einen Irokesenkamm geformt.

Rot ist auch das Sofa. Carl und Alfons liebten es. Da lagen sie krank, allein, gemeinsam; da saßen sie und guckten den Sandmann; da quetschten wir vier uns hin und sahen auf der mitgebrachten Leinwand von Papa einen Film; da las ich vor, stundenlang; da kuschelten wir zu dritt, zu zweit, Alfons oft auf mir oder am Fußende; da schaute Alfons bis zum Schluß das Sonntagsmärchen; da tröstete Carl Alfons Weihnachten 2017, der bitterlich um die Armen weinte, die ohne Geschenk sein mussten und um die toten Tiere, die wir aßen; da spielten Alfons und Alex ihre vielen Challenges; da tobten sie zu dritt; da versammelten wir uns sehr sehr oft am Sonntagabend (oder auch mal unter der Woche) und machten Picknick: Papa oder ich schmierten Stullen, schnitten Obst auf, noch was Leckeres dazu und dann zogen wir uns die Stühle vor das Sofa, deckten sie mit frischen Wischtüchern ab, stellten die zurechtgemachten Teller darauf und picknickten… Auf dem roten Sofa liegen Carls und Alfons‘ Kuscheltiere. Ihrer beider Lieblingsdecke mit Winnie the Pooh, eine einfache blaue Fleecedecke, ein Geschenk von Tante Elke an Carl, umhüllt Alfons in seinem letzten Zimmer tief in der Erde…

Meine lebhaften Erinnerungen haben mit Carls Unterwegssein und Alfons‘ Angst zu tun: Jeden Tag nach der Schule kam Carl mit dem Zug und dann mit dem Bus bis nach Bad Muskau. Nur in den ersten Jahren 3.-8. Klasse (8 bis 14 Jahre) war die Schule so aus, dass er noch in Weißwasser den Bus bis direkt nach Köbeln schaffte. Je älter er wurde, desto länger ging die Schule und desto anstrengender wurde es zu Hause und umso lieber blieb er bei seinen Freunden in Cottbus. Dann holten wir ihn erst 19 Uhr am Lindenhof ab oder noch später direkt in Weißwasser. Da Alfons viel Angst hatte, allein zu sein, kam er mit. Manchmal schon recht müde. Manchmal gelang es mir, ihn vor den Fernseher zu setzen und das Telefon neben ihn zu legen. Ich erklärte ihm, wie er mich erreichen könnte und das klappte eigentlich gut, bis dann die Angst wieder stärker wurde und er mitkam. Zunehmend klappt es besser, bis die Krankheit ausbrach und wir ihn nicht mehr allein ließen zu Hause. In den Mutzeiten rief ich ihn von unterwegs aus an: Alles gut zu Hause? Bin jetzt beim Lindenhof. Sind gleich zu Hause. Hab dich lieb… Oder Alfons rief an: Mama, wo bist du? Dauert es noch lange?

Hier bringen Papa und Alfons den Carl am Abend zum Bus Richtung Weißwasser/Cottbus. Da abends die Busse nur als Rufbusse kommen, sind es, wenn nur wenige anrufen, Taxis.

Ich erinnere mich auch an breite, lange Bretter, die Carl haben wollte, dazu kleine Rollen für Schränke. Daraus baute er sich ein Skateboard für drinnen. Es zerbrach später und Carl hatte zwei Teile. Später baute Alfons das eine Skateboard um zu einem Pizzalieferwagen. Ein kleines Holzhöckerchen, von einem Onkel von Alex selbstgebaut und vorbeigebracht, klebte er mit viel Kleber aus der Heißklebepistole darauf. Dazu wurde eine kleine Brot- oder Frühstücksdose, eine Schachtel für das Geld, ebenfalls fest fixiert. Ebenso blaue Balken, Verpackungsmüll aus Paketen, die davor schon Alex und Alfons als Schwerter dienten. Ein Teil des Brettes, das abgebrochene Stück, verwandelte Alfons in ein Tablett. Da war er drei oder vier Jahre alt. Er schlug viele Nägel entlang der Kanten ein, wir drehten es dann um und so stand es ewig auf unserem Tisch, an der Stirnseite; angefüllt mit allen Dingen der Jahreszeiten, dem Gebastelten, ein Glas mit Bonbons stand da, immer Blumen von Mama, Postkarten und Einladungen von Freunden, Fotos, Mitbringsel…. Heut steht das Tablett in der Mitte des Tisches, mit Kerzen und Alfons‘ Selbstgebasteltem, seiner 10m langen Mutmacherperlenkette, als Erinnerungen an ihn…

Es sind die Erinnerungen an den Tod und das Gewesene und das Unveränderbare, was Carl heute beschäftigt: In seiner Phase zwischen 13 und 15, als er viel mit sich und weniger mit uns zu tun hatte, begegneten sich Alfons und Carl zum Frühstück und Abendbrot und manchmal piesackte der Kleine den Großen und der Große sagte dann: Du Lappen! Weil Alfons auf seinem Stuhl herumrutschte, langsam aß, wenig aß, oft kaputt war… Wir wissen heute warum. Damals versuchte ich den Streit zu schlichten, wir setzten uns am Tisch anders hin, die beiden nicht gegenüber, wir schimpften, wir ermunterten, manchmal gab es Tränen… Es war keine leichte Zeit! Manchmal sagte ich: Es ist wie in der Räuberhöhle! Alles nicht zu bändigende Räuber. Vielleicht hätten wir mehr lachen sollen. Wenn wir lachten, war immer jemand traurig, weil ihm nicht zum Lachen war. Wenn es später ins Bett ging, sang ich im Bett oft gegen die Lautstärke aus Carls Zimmer an. Dann stand ich aus Alfons‘ Bett auf, ging zu Carl, klopfte an sein Zimmer und sagte: Einen Mü leiser bitte. Das klappte immer.

Ich sehe beide am offenen Fenster in unserer Urlaubsdatsche am Schlabornsee. Zechliner Hütte. Wir waren dort 2013, 2014 und 2016. Es war immer schön. 2013, damals war Carl 12 und Alfons 4, spielten beide ein Puppentheaterstück am offenen Fenster. Für Mama und Papa. Darunter ein selbstgenähtes Püppchen von mir für Carl und später auf Alfons übergegangen.

aufgeschrieben am 16.6.2019

Alfons liebt Buden, das rote Sofa, sich einkuscheln und einmummeln

Von klein auf, wie vermutlich alle Kinder, baute Alfons Buden. Flach auf dem Boden, auf dem Küchenschrank, im Wohnzimmer, im Kinderzimmer, draußen im Fliederbusch… Manchmal waren es drei im Haus, dann bat ich ihn, sich auf ein Häuschen im Haus zu konzentrieren und wir räumten zusammen auf. Er kuschelte sich auf das rote Sofa, allein, manchmal lag ich schon darauf und er legte sich frech auf mich, manchmal zog er sich klein zusammen und  saß zusammengekuschelt am Fußende des Sofas, damit ich weiter Platz habe. Oft saßen Papa und ich am Fußende und massierten Alfons die Füße, was er auch zulassen konnte, wenn es ihm sehr sehr schlecht ging. Er kuschelte auch mit Papa und Carl, mit seinen Kuscheltieren, im Strandkorb, auf der Liege im Garten…

Bis zum Schluss: mit Klarwerden der Diagnose baute Alfons eine Höhle mit Beleuchtung von Tante Elke, mit all seinen Kuscheltieren inklusive dem großen Hasen von Oma Maxi, aus den beiden grünen Kindermatratzen, mit seinen Kuscheldecken aus dem Hort und der Winni the Pooh-Decke, die schon Carl als Kind mochte… Er hörte Hörspiele dadrin, sah Fernsehen, aß Äpfel, die ich ihm brachte, verschüttete Saft, saß am Sonntag im Schlafanzug drinnen, eingekuschelt. Wir räumten sie einen Tag vor Abfahrt nach Berlin zusammen… Am 30.7.2018.

aufgeschrieben am 15.6.2019: Nachtrag zum 11.6.

Alfons schrieb das Carl. Wahrscheinlich zum 17. Geburtstag (2018). Er hatte sich das selbst überlegt. Es sind Zeilen aus seinem 1. Zeugnisspruch, den er in der 2. Klasse aufsagte.

Berlin, 11.6.2018

Wir fuhren zu viert, mit Alfons und Carl, Alex und ich, das erste Mal nach Berlin an die Charité. Es war warm, wie in diesem Jahr. Wir waren benommen von der Hitze und im Ausnahmezustand durch die Krankheit. In Berlin wurde Alfons untersucht. Ihm wurde viel Blut durch den noch neuen Katheter abgenommen, um die Stammzellenspendersuche auszulösen. Alfons war danach ganz schwach. Es gibt ein Foto zu dritt, mit dem Fernsehturm im Hintergrund. Da sieht man sein Erwachsensein, was durch die Krankheit kam. Carl war zum Zug gelaufen und schon auf dem Heimweg, aber Alfons hatte sich einen Zabiviaka gewünscht, den russischen WM-Wolf. Leider fanden wir keinen zum Kaufen und bestellten ihn später im Internet. Ich erinnere mich, dass wir am Alex etwas aßen. Schnitzel mochte Alfons und das aß er dort. Es war in einem großen Freiluftgarten direkt am Alex. Aus den Lautsprechern sang Vicky Leandros:Was kann mir schon gescheh’n? Glaub mir, ich liebe das Leben. Das Karussell wird sich weiterdreh’n. Auch wenn wir auseinandergeh’n. Und mir schossen so heftig Tränen in die Augen. Alfons hielt seinen Dobby, der mit ihm ins Grab gegangen ist, und sah so unendlich krank aus und war völlig kaputt…

Sein Blut konnte ihn nicht mehr mit ausreichend Sauerstoff versorgen, den Appetit verlor er, er musste sich übergeben. So sah die Krankheit aus. Ich vergesse das nicht, aber heute denke ich, hätten wir ihn nicht so leben lassen sollen, können, müssen und ihm damit die schwere Behandlung mit tödlichen Komplikationen erspart haben? Aber hätte mich Alfons dann nicht gefragt, warum hältst du mir die Behandlung vor, die mich vielleicht gerettet hätte?

Mein Kind ist tot und irgendwie überstehe ich die Tage, bei denen sich alles wie gestern anfühlt. Die Hitze ist die Hitze vom letzten Sommer und damit alle Entbehrungen und Schmerzen. Und unser riesiger Kraftaufwand halberwegs zu leben. Aber dann: Was musste Alfons erleiden! Und nun ist er tot. Und wir leben. Ich überlebe, welche Ungerechtigkeit! Und dazu die Vorwürfe im Kopf, nicht das Richtige getan zu haben.

aufgeschrieben am 9.6.2019

Tiere bei uns

Zwergkaninchen*

Im Frühjahr 2017, kurz vor Alfons‘ 8. Geburtstag, bekommt er zum Geburtstag zwei Löwenköpfchen – Zwergkaninchen mit Locken. Alex hat sie organisiert und zusammen holen sie sie ab. Tage vorher haben sie den Stall gebaut. Er steht draußen. Am nächsten Tag ist Alfons‘ Geburtstag. Die Stalltüren sind auf und beide Hasen weg. Wir sind völlig fassungslos. Suchen die Tiere, finden eins im Holzstapel. Wie konnte die Tür offen sein? War Alfons abends noch mal gucken und hat sie nicht verschließen können? Wir kommen zu spät in die Schule, Alfons zudem sehr sehr traurig. Am Nachmittag suchen wir weiter. Als ich mich eine halbe Stunde ausruhe, öffnet Donner das Türchen: er springt so oft an den Maschendraht, dass er locker wird und sich verbiegt und das wiedergefundene Häschen erneut verschwunden ist…

Der Stall und Alfons, der stolze Fasthasenbesitzer.
Der Stall und Alfons, der stolze Fasthasenbesitzer.

Wir fanden sie nicht mehr. Alfons beruhigte sich nur dadurch, dass ich ihm versprach, neue Tiere zu holen. Alex machte sich schlau in Tierheimen. Alfons und ich besuchten eins bei Cottbus und dort gab es auch zwei Hasen, aber die Auflagen sind so hoch, dass wir nicht genug Platz vorhalten konnten und die Tierpflegerin auch noch vorbei kommen wollte, um den Stall zu begutachten… Im September 2017 kam dann unsere Gelegenheit: Ein Kollege hatte zwei Zwergkaninchen abzugeben. Muggefug und Tutti. Wir nahmen sie sofort und Alfons war glücklich. Wir fütterten sie, misteten sie gemeinsam aus und Alfons nahm sie oft mit ins Bad und verbrachte dort vorsichtig die Zeit mit ihnen. Nach zwei Monaten stellte ich mir die Frage, ob die Tiere überhaupt kastriert seien – sie bauten so fleißig aus ihrem Fell ein Nest, aber da war es schon passiert. Am 1.1.2018 kam Alfons von den Tieren mit der frohen Botschaft zurück: da ist ein Nest und etwas drin. Ab Februar kümmerten wir uns intensiv um die Tiere, ein Elternpaar und vier Kinder. Sie wurden bei Frau Korch untersucht, geimpft, kastriert. Dann entschied sich Alfons, nach viel Gesprächen und Erklärungen, Malte zwei der jungen Hasen abzugeben. Sie sind heute noch bei Malte. Die beiden anderen Jungtiere, die bei uns blieben, nannte Alfons Toffel und ich eins Weißchen. Im April baute Alex mit Alfons ein wunderschönes und großes Freigehege, was nun über ein Jahr später komplett untergraben ist. Mit der Erkrankung durfte Alfons nicht mehr bei den Tieren im Gehege sitzen und sie berühren. Wir brachten noch Futter zusammen, aber es machte ihn traurig, nicht mehr mit ihnen sein zu können. Sie leben heute immer noch bei uns und erinnern mich an Alfons und die Hasengeschichten.

*Richtige Hasen, große Hasen, hatten wir auch. Elke brachte sie Carl einmal zum Geburtstag. Eine Mutter und einen Wurf. Wir haben davon welche Freunden in Berlin verschenkt, später noch einen Wurf großgezogen, davon ein Häschen mit Pipette gefüttert und letztendlich sind uns alle Hasen über die Jahre an einer Staupe zugrunde gegangen. Ich erinnere mich jetzt beim Schreiben, dass wir schon damals, 2003 kurz nach dem Kauf des Hauses, Kaninchen bekamen, die uns auch wegstarben.

Unsere Katzen und Hunde

Wenn ich bei Alfons am Grab bin, sehe ich häufig eine orange-farbene Katze. Sie erinnert mich an Lucie und Rudi…

2004 zogen wir mit Minkus, einem schwarzen Kater ins Haus. Er lief weg oder wurde mitgenommen, lange dachten wir, er sei überfahren worden, aber dann tauchte er viel später wieder bei uns auf. Ich erinnere mich nicht mehr an das Jahr. 

Carl, fünfeinhalb, mit Lucies Katzenkindern: die Schwarze, die Orangene und die Bunte

Im November 2005 brachte Alex dann zwei orange-farbene Katzenkinder mit, die an seinem Büro in der Berliner Straße vermutlich ausgesetzt worden waren. Sie sahen zum Verwechseln ähnlich aus und hießen fortan Lucie und Rudi. Leider gibt es fast keine digitalen Fotos von ihnen. Eines habe ich aus Carls Fotoalbum, 2006/2007, abfotografiert. 2006 bekam Lucie vier Katzenbabys, wovon eines nach der Geburt starb (Carl holte die Kleinen vom Friedhof, wo sie Lucie geworfen hatte). Kurze Zeit darauf, im Juni 2006, wurde Lucie vor unserer Haustür überfahren. Ich sehe mich die Straße entlang laufen, Lucie tot auf meinen Armen, es war heiß und Carl kam mir entgegen und weinte. Nun mussten wir die drei Katzenkinder versorgen, die zum Glück schon selbst tranken und uns Babybrei und Thunfisch von den Fingern leckten. Die Bunte und die Orangene konnten wir verschenken; die Schwarze blieb bei uns, verletzte sich später auf dem Hof so, dass sie starb. Rudi blieb viele Jahre. Auch als Minkus noch einmal auftauchte. Auch als wir im August 2010 eine kleine schwarze Katze aufnahmen, die im Badepark ausgesetzt war, dort schon lange schrie und bei uns nur noch einzwei Tage lebte. Rudi kam auch – zwar schwer und mit langen Abwesenheiten von bis zu 14 Tagen – mit dem Jack Russel Quirli klar, der 2012 (auch 2013?) bei uns lebte, und dann mit Donner, der 2014 zu uns kam. Er kam auch mit Minki zurecht, einer kleinen gescheckten Katze, die sich Carl bei Nadine auf dem Ziegenhof aussuchte; wahrscheinlich im Mai 2013. Im Herbst 2013 mussten wir sie bei Frau Korch behandeln lassen, weil sie mit einem Gummigeschoss am Po verletzt wurde. Sie erholte sich, aber kurze Zeit später fiel sie wie ohnmöchtig vor uns um. Die Tierärztin sagte nach der Untersuchung, die sei mit Rattengift vergiftet worden. Wir warteten noch eine Nacht, dann verabschiedeten wir uns von ihr und Frau Korch schläferte sie ein. Ich weiß nicht mehr, wann Rudi starb. Vielleicht 2015. Er starb in unserem Bad; er legte sich von seinem Körbchen in seine Toilette…

Unsere Mäuse

Zu seinem 11. Geburtstag, 2012, bekam Carl 3 Mäuse. Wir gingen zusammen zum Zooladen, kauften alles nötige ein, dazu drei männliche Mäuse, weil wir keine Babys haben wollten. Als Terrarium nutzten wir unser altes Aquarium (Papa hatte schon 2001 in der alten Wohnung in der Schillerstraße erst ein kleines, dann ein größeres Aquarium besessen). Papa war wenig begeistert, aber Carl hatte ein ganzes Jahr darauf gewartet, ein Tier zu bekommen. Zusammen mit Papa bauten sie die Abdeckplatten für die Aquarien bzw. Terrarien.

Die Mäuse zogen also bei Carl ins Zimmer und alles war gut. Er war glücklich und kümmerte sich zusammen mit mir darum. Dann klagte irgendwann Carl, er können nicht mehr schlafen: die Tiere, nachtaktiv, ließen ihn nicht mehr zur Ruhe kommen. Wir überlegten eine Lösung und ehe wir das eine Problem im Griff hatte, war das nächste da: es waren keine 3 männlichen Mäuse, sondern Weibchen und Männchen gemischt. Ein Wurf war schon größer im Nest zu sehen und ein zweiter Wurf sehr sehr klein. Mir standen die Haare zu Berge. Es war klar: wenn wir die Tiere nicht schnellstmöglich nach Geschlecht trennen, gibt es kein Ende der Fortpflanzung. Ich war gestresst, genervt und musste mich beruhigen, bevor ich mit Carl im PC ein Bild ausdruckte, um die Geschlechter unterscheiden zu können. Mit beiden Kindern zog ich los und besorgte bei Tante Elke ein zweites Aquarium. Von Carls Freund Addi bekamen wir weitere Einrichtungsgegenstände. Und dann trennten wir die erwachsenen Tiere und den ersten Nachwuchs, der nicht mehr gesäugt werden musste. Den zweiten Nachwuchs, noch blind und ohne Haare, mussten wir töten. Ich hätte es nicht Carl sagen dürfen, hätte es allein machen sollen, hatte tagelang ein fürchterlich schlechtes Gewissen und Carl war so verzweifelt, dass er es in der Schule Luna, seiner besten Freundin erzählte, und sie auf ihn schimpfte. Das Problem der Mäuse ist jedoch ihre Fortpflanzung: wenn wir die erwachsenen Mäuse bei dem letzten Wurf gelassen hätten, um ihn groß zu bekommen und um ihn dann zu verschenken, wären sie in dieser Zeit erneut trächtig gewesen. Alle Erklärungen halfen nichts und mir tat es unendlich leid. Carl war zurecht bitter enttäuscht und wir weinten über unsere Entscheidung.

Die Mäuse zogen in zwei getrennte Aquarien in die Diele. Die Trennung gelang. Acht oder neun Mäuse versorgten wir fortan, vornehmlich ich, später Alfons mit mir oder wir zu dritt.  Ich kaufte viele Jahre Nagerfutter im Kaufland. Ich weiß nicht, wann die letzte Maus gestorben war. Vielleicht 2016. Im Dezember 2017 räumte ich die Diele oben um, da waren die Aquarien schon nicht mehr da.

Donner

Alex ging immer viel in den Wald mit den Kindern. Zum Spurenlesen, zum Beobachten, zum Ruhehaben. Bald machte er eine Jagdausbildung und 2014 kam Donner, eine Deutsche Bracke, der zum Jagdhund ausgebildet wurde.

Mit 12 Jahren erlebte Carl zun mit Alex den Abschuss eines Rehes und Carl hat das von da an davor abgehalten, je wieder mit in den Wald zu gehen. Alfons ging mit Alex mit und half ihm bei der Ausbildung von Donner. Auch er tat sich schwer mit geschossenen Rehen und einem hasenfell, was bei uns im Hof hing. Aber in den Wald ging er fast immer mit. Als Donner alle Prüfungen bestanden hatte, wurde er zur Sucht zugelassen, weil er in allen Kategorien sehr gute Werte hatte. 2017 hielten sich deshalb 4 Bracke-Hundedamen bei uns auf. Manchmal war das ein tagelanges Unterfangen. Eine Hündin, Eule, die mit ihrer Besitzerin Monika aus Hessen kam und mit der wir im Kontakt blieben und uns gut verstanden, brachte im Juni 2017 einen ersten Wurf, den sogenannten A-Wurf hervor. Alex und Alfons fuhren hin. Und es war eine Überraschung. Ein kleiner Hund hieß Alfons.

Hühner

2015, Carl war in der 8. Klasse und schrieb seine Jahresarbeit über die Haltung von Hühnern. Er hatte eine Dokumentation von einem Legestall gesehen und sich mit dem Thema auseinandergesetzt. Es dauerte nicht lange und er wollte mit Papa einen Hühnerstall bauen, für eine Handvoll Hühner, und im Rahmen der Jahresarbeit. Der Hühnerstall fand im Garten Platz, dann starb aber Alex‘ Vater und an ein Weitermachen war nicht zu denken.

2016 gab mir völlig überraschend Rosi, eine Arbeitskollegin, 5 Hühner mit. Alex und Alfons hatten gerade erst damit begonnen, den Stall einzuhegen. Dann kamen die Hühner und es wurde hektisch und wir machten ziemlich viel falsch. Wir ließen sie ins Gehege, aber allein gingen sie nicht ins Haus, weil sie es nicht kannten. Wir stutzten ihnen die Flügel, damit sie nicht wegflatterten und wir hatten noch kein Netz zum Abdecken des Geheges. Damit waren alle Voraussetzungen für den Fuchs geschaffen. Er kam und holte alle. Es blieb uns nur ein Ei, was ein Huhn in die Transportkiste gelegt hatte. Wir waren traurig. Irgendwie hatten wir kein Glück.

2018 war Alfons mit Ole L. im Schulgarten Hühnerverantwortlicher. Darauf war er stolz und ich war froh, dass er so ein wenig Kontakt zu diesen Tieren hatte. Die Eier, die er mitnehmen durfte, vergaß er im Hort und dann erkrankte er schon schwer.

aufgeschrieben am 2.6.2019

Meine Gedanken…

…teile ich in schweren Stunden mit Freundinnen oder mit Eltern von Kindern aus Alfons‘ Klasse, weil sie Alfons kannten. Das gibt mir auch ein Gefühl für mich selbst, was sehr schwach geworden ist.

So schrieb ich an Caro: … ich denke viel darüber nach, dass mich Alfons vermisst, seinen Papa und Carl. Dass ich ihn nie wiedersehen kann, niemals mehr mit ihm sein kann. Ich hab manchmal geflucht und war sauer und dann hab ich zwar gesagt, so sollte es nicht sein und dass es mir leid tut und er wollte alles gut machen und war dann aufgelöst. Vielleicht dachte er, ich habe ihn nicht lieb gehabt? Er hat so oft gefragt: Mama, hast du mich auch wirklich lieb? Obwohl ich es oft sagte und es ihm zeigte. Manja meint, er war clever und hat sich einen Zuschlag geholt. Aber ich mache mir Sorgen, ob er wirklich wusste, wie sehr ich ihn und Carl liebe. Dass ich das nicht mehr klären kann. Manches kann man erst besprechen, wenn sie älter sind. Wie jetzt mit Carl. Und das ich mich nicht verabschieden konnte. Ihm nicht die Angst nehmen konnte. Ich fühle mich so leer, so sinnlos. Ich bin eine Mutter und meine Kinder sind weg…

Caro schrieb zurück: Liebe Anett… Du bist eine wundervolle und sehr starke Mutter! Deine Kinder… beide lieben Dich wie man eine Mutter nur lieben kann. Ich hab noch das Bild am Krankenhaus vor mir. Du hattest ein rotes Shirt an. Ich hab mich von Alfons verabschiedet. Unten vor dem Eingang. Alfons im Rollstuhl. Er kannte mich noch nicht so gut. Er guckte fragend zu Dir. Du hast gelächelt, wir haben uns gedrückt und es war für ihn ok. Da war ganz viel Vertrauen und Liebe in diesem kurzen Moment zu spüren. Du hast ihm die Sicherheit gegeben, auszuhalten was passiert… Ihr habt ihn begleitet, wie man es nicht anders machen kann. Ihr ward immer bei ihm… und das hat er gespürt. Deshalb konnte er gehen, als die Kraft zu Ende war. Er musste sich nicht monatelang im Koma quälen… Ich bin sicher, das Vertrauen und die Liebe haben ihn diesen Weg gehen lassen. Und irgendwann werdet ihr wieder zusammen sein!!! Bis dahin begleitet Euch Alfons auf Schritt und Tritt. Und er ist stolz auf Euch… weil ihr so viel bewegt. Du hast für Alfons an Arne gedacht… das ist so schön! Und so werdet ihr immer wieder für Alfons Dinge tun und mit Alfons weiterleben… keiner kann sich vorstellen, wie schmerzlich es für Euch ist, der nicht selbst in der Situation war… aber ich weiß, keiner ist dem besser gewachsen als Ihr… auch wenn es so sinnlos ist und Alfons überall so sehr fehlt!!!

Ein Wochenende…

…wie dieses, an dem nichts passiert und nichts geplant ist. Die Sonne scheint, es ist fast heiß. 30 Grad. An solchen Wochenenden stand Alfons vor uns auf. Sein Rhythmus war auf Schule eingerichtet. 7 Uhr war die Nacht vorbei. Er spielte, hörte Pumuckl in seiner Schaukel oder knetete. Gegen 8 Uhr machte er mich gern wach. Und ich bat um noch etwas Schlaf. Aber erstmal kuschelte er mit mir, manchmal waren seine Füße so kalt, dass ich sofort wach war; manchmal machte er so viel Quatsch, dass ich nach und nach zu mir kam. Manchmal sprach ich dann mit noch geschlossenen Augen und er rümpfte die Nase und meckerte über meinen Morgenmundgeruch: „Iiihh, Mama, wie du riechst…“. (Ich glaube, er sagte es radikaler: Mama, du stinkst.Aber ich bin mir nicht ganz sicher.) Noch beim Frühstück war er im Schlafanzug (immer am Wochenende), meist schon etwas ausgekühlt, außer im Sommer. Immer aber zog ich ihm dann eine meiner Strickjacken an. Die graue oder die rote, die dicken, kuschligen. Krempelte die Ärmel etwas hoch. Er liebte sie. Damit war er eingekuschelt. Während des Frühstücks kam irgendwann von Alfons die Frage: Was ist unser Plan für heute? Alex sagte, dass hat er von mir. Manchmal schaute er am Sonntag das Sonntagsmärchen. Manchmal gingen wir noch schnell hinaus, um die Blumen vor der großen Hitze zu gießen. Wenn ich die Blumen mit Wasser besprengte, wollte Alfons entweder selbst gießen und mit dem Wasser Quatsch machen oder aber er bat mich, im hohen Bogen zu gießen. Dann lief Alfons immer durch den Wasserstrahl hindurch. Laut juchzend. Ich höre seine Stimme deutlich. Sein lachen, seine Freude. Es war so schön, ihm zuzuschauen. Im letzten Sommer kuschelten wir auch viel im Bett, ich las vor oder wir lachten einfach und machten Quatsch. Oder er saß früh für sich in seiner „Hütte“ mitten im Wohnzimmer, die er sich mit Beginn der Erkrankung gebaut hatte. Er schaute fern. Aber das mit dem Wasserstrahl blieb. Vor allem wenn es heiß war und er seit dem 5.6.18, der Katheter-OP, nicht mehr baden gehen konnte. Er hatte so viel Freude daran. Wir fuhren in dieser Zeit immer wieder an „unserem“ Badesee in Eichwege/Döbern vorbei. Aus dem Auto heraus sah er einmal eine Mutti und ihren Sohn auf Rädern. Er sagte: Die haben es gut, ich möchte auch radeln und baden. Ich sagte optimistisch: Das holen wir alles nach, Alfons! Er ist nie wieder baden gegangen.

Nachtrag zum 26.5.19

Am 26.5.2019 fanden die Europa- und Kommunalwahlen statt. Sowohl im Landkreis Görlitz als auch im Landkreis Dahme-Spreewald haben sich die Ergebnisse der AfD verdoppelt, verdreifacht. 2014 habe ich mir ausführlich das Wahlprogramm durchgelesen. Wie sie über Flüchtlinge, Alleinerziehende, HARTZ IV-Empfänger denken. HARTZ IV – Deppen. Oder ich las, was die AfD in Cottbus über das Stück KRG des Kinder- und Jugendtheater sagte: linksversifft. Sie fordern, dass diesen Einrichtungen Subventionen gestrichen werden sollen. Ich mache mir Sorgen um meine Jugendlichen im Bahnhof und um meine Arbeit. Mit Alfons und Carl bin ich immer zusammen wählen gegangen. Im Flur der Feuerwehr im OT Köbeln hingen die Wahlzettel aus, die Kinder ließ ich dort warten. Aber ich denke, zur Bundestagswahl 2017, durfte ich Alfons mit in die Kabine nehmen. Er war sooo stolz. Wir sprachen viel über Politik zu Hause, auch weil Alex viele Jahre ehrenamtlich für die CDU im Stadtparlament von Bad Muskau arbeitete. Carl sprach sich 2017 für die Piraten aus; ich habe immer grün gewählt, kommunal auch links. Carl hat nun das 1. Mal gewählt, DIE PARTEI. Die Kinder sind damit groß geworden, dass wir auch politisch denken, auch wenn wir uns dabei nicht immer einig waren.

aufgeschrieben am 26.5.2019

Vorlesen im CTK

Im Krankenhaus erinnert alles an Alfons. Wo wir waren, was wir taten, sprachen. Ich erinnere mich an seine ersten Fragen an die Schwestern wegen des vielen Mülls, wie viele Menschen hier behandelt werden und wie viele Menschen hier arbeiten, warum vor einer Bluttransfusion immer ein Probeblut abgenommen wird…

Ich sehe uns aber auch im Foyer sitzen. Alfons weint, weil ihm eine dumme Schwester angemault hat. Er erzählt es mir erst unten und er will nicht, dass ich hochgehe und es kläre… Ich sehe ihn den Gang langspringen, nach dem gehaßten Fingerpieks. Alle dreivier Tage. Ich fühle dabei seine dünne Hand in meiner, er drückt zu, wenn der Pieks kommt. Wie tapfer er ist. Das alles denke ich, sehe ich, rieche ich. Wenn ich zum Vorlesen ins CTK gehe. Noch unregelmäßig, manchmal stehe ich unten vor dem Eingang und kann nicht in den 4. Stock fahren. Aber wenn ich dann lese, stelle ich mir vor, ich liege bei Alfons im Bett. Wie früher. Oder ich sitze bei ihm am Bett, als er auf der Station K1 lag. Ich lese Kindern vor, die vielleicht sterben werden und denen, die es geschafft haben. Ich fühle mich leer.

aufgeschrieben am 25.5.2019

Waldeisenbahn

Ich wollte mit Alfons noch im Sommer 2018 Waldeisenbahn fahren, aber die Krankheit und die Aufenthalte in der Klinik ließen es nicht zu. Dabei war es ein schönes Ritual, was wir uns in jedem Jahr vornahmen und oft auch klappte. Zuletzt fuhren Alfons und ich allein. Es war kurz vor dem Beginn meiner Kur im Juni/Juli 2017. Wir fuhren nach Weißwasser, gingen einkaufen und spazieren und Eisessen, vorbei an einem kleinen Brunnen, hin zum Tierpark. Ich weiß nicht mehr, ob wir beim Bäcker Dreißig etwas aßen oder im Imbiß am Bahnhof der Waldeisenbahn. Und dann fuhren wir zurück. Im Jahr davor, am 16.8.2016, fuhren wir zu dritt. Es war sehr frisch. Carl hatte eigentlich keine Lust. Mit 15 war es nicht so cool, mit dem kleinen Bruder einen Ausflug zu machen. Damit wir nicht so lange Aufenthalt hatten, fuhren wir von Muskau nach Weißwasser und dann nach Kromlau und später zurück. Ich kann mich nicht erinnern, ob wir noch etwas anderes unternahmen und leider gibt es nur Fotos, die Alfons von Carl und mir schoß.

In den Sommerferien 2016 mit der Waldeisenbahn unterwegs.

Es war schön, so langsam durch die Landschaft zu fahren. Wir fuhren auch mit dem Rasenden Roland auf Usedom/Darß? Und mit der Schmalspurbahn im Zittauer Gebirge bis nach Johnsdorf. Bei beiden Malen war Alfons noch sehr klein.

aufgeschrieben am 20.5.2019

Tanzen

Alfons tanzte gern, bewegte sich generell sehr gern, auch wenn er ab und an ermattet war, später auch richtig kaputt und blass und wir nicht ahnten, dass er sehr krank war.

Wenn ich Tanzende sehe, denke ich an Alfons. Wenn ich Musik höre, seine Lieblingsmusik (wie die Lieder Thunder und Human, die er als Junge hörte, der bald jugendlich werden wollte, oder aber auch die Kinderlieder von Rainhard Lakomy, die er mochte und liebte wie Carl und wir alle), denke ich an Alfons. Und kann beides nicht mehr*.

Es gibt schöne Fotos von Silvester 2016. Da tanzt Alfons ausgelassen mit seinem Papa. Oft tanzte er bei Diskobeleuchtung; eine solche kleine Kugel hatte er von Tante Elke geschenkt bekommen. Er tanzte mit Malte bei Malte oder bei uns zu Hause auf dem Sofa (Ich rief: Das Sofa ist kein Trampolin!). Es gibt kleine Videos davon. Wir tanzten als Familie im November 2016 auf der Tanzstundenabschlussfeier von Carl in der Turnhalle der Waldorfschule Cottbus. Alfons und Carl tanzten als Kinder in der Ananas-Ausstellung des Muskauer Parks**. Zum Fasching 2017 im Hort tanzt er als Soldat aus dem Märchen Das Feuerzeug. Im April 2018, zu Alfons‘ 9. Geburtstag am 3.4., kamen Don und Ben und Julia und Tante Elke und wir hatten viele Spiele vorbereitet. Zu sechst spielten wir „Stuhltanzen“. Welche Freude Alfons dabei hatte! Wir waren munter, laut und freuten uns aneinander.

Alfons hätte ausgelassen auf der Hochzeit von Andrea und Susan mit seinem Bruder Carl getanzt, mit seinem Papa, mit mir, mit anderen. Vielleicht hätte er sich gewagt, Karaoke zu singen. 

 

*Nicht mehr tanzen, nicht mehr Musik hören. In mir ist der Grund dafür weg. Dort gibt es eine Stille, die nicht nach Tanz und Musik verlangt. Wenn ich beides sehe und höre, dann kann ich es mir eben nur mit Alfons vorstellen. Dann stelle ich mir Alfons vor. In den Bildern, die ich beschrieben habe. Aber er ist nicht da und mit ihm ist viel gegangen. Es fühlt sich auch richtig so an. Es ist alles voller Schmerz und es fühlt sich für mich nicht gut an, zu tanzen oder Musik zu hören.

**Sie ist in den Gewächshäusern untergebracht. Dort waren wir oft. Zu viert, zu dritt, mit Freunden, zu zweit. Immer hörten wir die Musik aus der Jukebox, verschiedene Lieder rund um die Ananas. Immer sahen wir uns die echten Ananaspflanzen in dem zu heißen Gewächshaus an. Immer spazierten wir durch den Garten des Parks, wo Pflanzen nachgezüchtet werden, wo ein Bauerngarten angelegt worden war. Im April 2018 letztmalig, Alfons erkältet; wir sahen nach, was schon angepflanzt war, ich las ihm wie immer die Beschriftungen der Gartengeräte vor, die an der Gartenmauer hinter Plexiglas angebracht und ausgestellt waren, jahrhundertealte, merkwürdige Gartengeräte. Immer sahen wir sie uns an, wenn wir dort waren. Wir erinnerten uns daran, dass wir bei einem Besuch im Sommer überreife, dicke Brombeeren naschten. Das war ein großes Glück, dort zu sein, mit den Kindern zwischen all den Früchten und Blumen und der Musik.

aufgeschrieben am 12.5.2019

Muttertag, 2018

Es gibt bei uns keine Tradition, diesen Tag zu begehen. Früher, in meiner Kindheit und Jugend, begingen wir den Frauentag. Später verblasste dies und meine Kinder mussten mir nicht dankbar sein dafür, dass ich für sie da war.

Im Krankenhaus in Cottbus bastelten die Lehrerinnen mit Alfons viel, auch ein Herz für mich zum Muttertag. Ich legte es damals auf meinen Nachtisch im Elternhaus. Jetzt sehe ich es jeden Tag zu Hause. Es bedeutet mir viel. Alfons‘ Schrift zu sehen. Dass er für mich etwas schrieb und malte. Voller Liebe und Konzentration und Hinwendung. Ich erinnere mich, wie er nicht auf den Muttertag wartete, sondern es mit sofort gab, an dem Tag als er es herstellte.

Wer ist Alfons?

Und was verbindet Alfons und mich?

Ich habe mit Alfons diesen Blog geschrieben, vor einem Jahr im Mai begonnen, weil wir die vielen Nachfragen nach Alfons und seiner Krankheit nicht mehr beantworten konnten. Viele Freunde und Freundinnen, die Familie, aber auch fremde Menschen lasen unsere Einträge. Sie warteten jeden Morgen darauf, dass es Alfons besser gehen würde. Während Alfons im Koma lag, konnte ich nicht mehr weiterschreiben. Alex und ich waren durchgängig bei ihm. Ich wollte erst wieder schreiben, wenn er aus dem Koma zurück sein würde… Erst ein viertel Jahr nach Alfons‘ Tod entschloss ich mich, seine Geschichten aufzuschreiben, von seinem Leben zu berichten. Seit dem sammle ich alle Erinnerungen zu jeder Tageszeit und notiere sie auf meinem Handy, später speichere ich sie auf meinem PC ab und wenn es an der Zeit ist, erzähle ich sie hier im Blog. Es werden immer mehr. Ich habe Sorge, mir reicht die Zeit nicht, um sie alle erzählen zu können. Weil es das einzige ist, was ich für Alfons noch tun kann: von ihm berichten, damit er nicht vergessen wird. Ich weiß, er ist in vielen Herzen und nicht alles muss gesagt werden. Aber das Schweigen über ein totes Kind ist eben ein anderes Schweigen. Für mich ist es ein Vermeiden, weil wir Angst vor dem Schmerz haben. Dabei löst das Sprechen über Alfons die Tränen, die wir um ihn doch weinen sollten. Er ist nicht freiwillig aus dem Leben gegangen. Er wollte leben. Also lasse ich ihn in den Geschichten weiterleben. Ich schreibe für mich und für Alfons und ich weiß, dass sein großer Bruder Carl ein Teil seiner Kraft, die er zum Weitermachen braucht, aus diesen Geschichten nimmt. Also schreibe ich auch für Carl. Ich halte damit auch etwas zusammen, was zerbrochen ist und nur noch in der Erinnerung funktioniert: eine Familie aus Vater, Mutter und zwei Kindern. Meine Familie ist durch viele Tiefen gegangen. Früh habe ich meine Mutti verloren und meinen Kindern fehlte sie als Oma. Aber da gibt es Tante Elke und ihre Tochter Julia und ihren Sohn Holger. Alle waren für Carl und Alfons wichtige Menschen. Und so habe ich versucht, zu begleiten, zu unterstützen, zu gestalten. Am Ende hat es nicht gereicht. Am Ende kommt zu früh der Tod und zerstört das Leben. Vielleicht erholt es sich, aber das weiß ich heute noch nicht. Heute fehlt Alfons. Als Bruder und Sohn und Freund.

Als Alfons ein Säugling war und ich mit ihm zum Arzt musste (in Döbern), sagte die Schwester an der Anmeldung: Was für ein schöner Name! Ich schaute erstaunt (und dachte an meine Oma, die den Namen furchtbar fand). Die Schwester sagte: Mein Großvater hieß so und war ein wunderbarer Mensch! 

Sind Sie die Mutti von Alfons?, fragte Schwester Julia auf der Station 39i der

Charité, als ich früh um sieben zu Alfons ins Zimmer wollte. Ja, sagte ich vorsichtig. Und sie sagte aus vollstem Herzen: Sie haben so einen wunderbaren, freundlichen Jungen!

 

Den Namen Alfons dachte sich Alex aus. Für mich sollte Alfons Caspar heißen. Aber da ich mich mit Carl durchgesetzt hatte bzw. Carl auch Alex gefiel, stimmte ich Alfons zu. Ich spürte, dass es passt. Und Alfons war sehr stolz auf seinen Namen, auch wenn er manchmal mit Alfons Zitterbacke geärgert wurde, lernte er diesen noch auf der Schallplatte bei Tante Elke kennen und war versöhnt damit. Manchmal zu Hause wenn uns Alfons zum Lachen brachte oder Quatsch machte oder wenn wir erfuhren, welche Erlebnisse er in der Schule hatte – dort gab es im Hort das Spiel „Schweigefuchs“, bei dem der verliert, der als erster spricht zum Beispiel beim Mittagessen; Alfons sagte in die Stille und voller Schalk in den Augen „Hallo“ und brachte alle zum Lachen; auch Frau Jerga, die doch um Ruhe bemüht war – also in solchen Momenten erzählte ich Alfons, dass ich mir Caspar als Namen ausgesucht hatte und ich sagte: Stell dir das einmal vor, wo du doch so schon allezum Lachen bringst.

Es war nicht immer lustig bei uns. Es war aber immer emotional, energisch, auch das Streiten, das Traurigsein, das Weinen, das Verzweifeln. Alfons nannte sich oft selbst Dummkopf, wenn ihm etwas nicht gelang. Oder er streikte, weinte, wenn er etwas als zu streng und zu ungerecht empfand und lief weg, hinaus in den Garten, auf die Straße, lief weg von uns. Oder er war verzweifelt, wenn wir uns als Eltern stritten. Dann begannen Alex und Carl und ich ihn zu beruhigen. Alfons und ich saßen dann im Flur, auf den unteren Stufen der Treppe die nach oben führte. Ich fasste seine Hände, umarmte ihn, kuschelte ihn, streichelte, wippte, wiegte, küsste ihn auf’s Haar, die Stirn, als er kleiner war auf die Wange.

 

Mit zunehmendem Alter drang das Äußere, was außerhalb der Familie war, in ihn ein. So kam er einmal aus der Schule nach Hause und sagte: Seid ihr auch wirklich meine Eltern und nicht nur Pflegeeltern? Ich wollte ihm das Familienbuch zeigen, mit den Geburtsurkunden, aber dann war das Thema wieder weg. Und tauchte erst im Elternhaus des CTK wieder auf, als eine Angestellte des Elternhauses übermütig und lauthals Alfons in die Wange zwackte und meinte: Ach, du bist so ein Süßer, dich würde ich ja auch am liebsten adoptieren. Alfons erzählte mir unter Tränen davon, fragte, was Adoptieren sei, ob das Menschen einfach so machen können, er doch aber Eltern hat und warum sie sowas einfach dahersagt. Er mochte nicht als „Süßer“ und „Schatz“ angesprochen werden. Wir sagten Alfons und Alfi; Alex oft mein Engel oder Schnuppel oder Großer. Ich sagte Mausepiep zu ihm. Für seine Freunde war er Alfi.

 

Einmal fuhr ich mit ihm, da war er noch klein, 4 oder 5 Jahre alt, durch Gablenz, einen Nachbarort von Bad Muskau. Er musste sich schon lange die Kirchen der Dörfer angeschaut haben und fragte, für mich völlig unvermittelt: Warum haben Jesus und Gott so viele Häuser? Warum braucht ein Mensch so viele Häuser zum Leben? Auch Carl machte sich in diesem Alter Gedanken über Gott und Jesus… Leider habe ich mir nicht notiert, was Carl als kleiner Junge unter der Dusche sagte, bei seinem Nachdenken über Gott. Ich weiß nur, dass es mich sprachlos gemacht hat, was in Carl vorgeht. Alfons nun habe ich erklärt, dass es keine Entscheidung von Gott oder Jesus sei, dass er so viele Häuser hat, sondern der Menschen, die an Gott denken wollen und weil es so viele Menschen gibt, gibt es viele Kirchen. Ich sah an seinem Gesicht, dass er das für eine Ausrede hielt. Er wusste, Jesus ist tot, das machte die vielen Häuser nicht logischer in seinen Augen. 

aufgeschrieben am 11.5.2019

Frühlingsfest 11.5.2019 / 21.4.2018

Alex rieb die ganze Nacht und den Morgen am 21.4.2018 Kartoffeln. Mit Mike und ein paar anderen Eltern buken sie Kartoffelpuffer. Ich stempelte mit ein paar Muttis mittels des Kartoffeldrucks Bildchen auf Baumwollbeutel. Es war warm, fast heiß. Alfons hatte eine zu dicke Hose an; er aß Eis mit Freunden und guckte, was so passierte auf dem Schulhof. Später saßen wir mit Carl zu dritt auf den Stufen hinter der Schule, in der Nähe des Saftstandes, und wir tranken etwas. Alfons musste ich mehrmals bitten. Er wollte noch zu Sabine, Ziegenkäse kaufen. Wir taten dies. Beim Lebensfreudefest sagte sie mir, wie blass und etwas abwesend ihr Alfons schien.

Ein Jahr davon, 2017, verkauften wir auch Kaffee und Kartoffeln. Da wurde die Idee mit den Kartoffelpuffern geboren. Eine Handvoll Eltern waren bei den Festen dabei. Es machte Spaß. Ich freute mich, dass sich Carl und Alfons freuten. Für mich war es wichtig, dass uns die Kinder engagiert sahen – wir konnten uns doch nicht über den Zustand der Welt beklagen und dann nichts tun. So taten wir kleine Dinge. In dem Rahmen den wir hatten. 

In diesem Jahr ist nun alles anders. Alex und ich, wir hatten uns vorgestellt dabei sein zu können. Aber es lies sich nicht normal besprechen. Das Erinnern an Alfons wurde zum Problem. Sein Bild sollte in der Klasse nicht hängen, das erfuhren wir 4 Monate nachdem wir es den Kindern Anfang November 2018 übergeben hatten. Von da an war alles mühselig. Und es gab kein menschliches Sprechen zwischen der Klasse und uns und der Lehrerin und Hortnerin. Eine Trauerbegleiterin erklärte den Klassenraum zum trauerfreien Raum. Die Eltern von Alfons‘ besten Freunden standen uns bei, aber letztendlich waren uns die Hände gebunden. Mittlerweile hängen selbstgemalte Bilder von Alfons im Klassen- und Hortraum. Ansonsten ist es, als hätte es Alfons an der Schule nicht gegeben. Kein Mitleid, kein Wort, kein Bild, keine Frage, kein Erkundigen nach uns. Dabei hat Alfons in vielen Herzen seine Spur hinterlassen. Er hat mit Frau Hinze gestritten, hat seine Freunde zum Lachen gebracht, was er mochte, hat gern gelernt und voller Freude mitgetan – und diese Schule, die voll des Geistes ist und Erhaben über manche Dinge und Ratschläge für jede Situation hat; diese Schule, in die wir uns einbrachten in AGs und Klassenfahrten, diese Schule schweigt. Nun geht Carl in seine Schule, die auch die Schule von Alfons ist, und erlebt, wie alle zur Tagesordnung übergehen. Aber er sieht Alfons auf dem Schulhof, wie sie sich zugewunken haben. Und ist damit allein.

Niemand hat ein Interesse daran, dass wir zum Frühlingsfest kommen. Unser Kind ist tot und damit endet unsere Daseinsberechtigung an der Schule. Ich habe ein halbes Jahr versucht, auf Alfons aufmerksam zu machen, auf unser Schicksal, hab gefragt, vorgeschlagen, mich angeboten… Aber es kommen keine Antworten, keine Einladungen, keine Hinweise, keine Ermutigungen. Keine ausgestreckte Hand. Ich bin müde damit und davon. Es tut mir leid für Alfons. Ich dachte, die Schule liebt ihn, so wie er die Schule geliebt hat. Aber das ist nicht so und so blieb ich heut zu Hause.

Ein totes Kind hat keinen Platz im Leben. Wir verwenden alle Kraft dafür, dass es weg bleibt, aus dem Sinn. Wir versuchen erst gar nicht, unsere Sprachlosigkeit und den Schock zu überwinden. Wir machen weiter, als wäre nichts passiert. Ich wünsche diese Erfahrung niemandem. 

aufgeschrieben am 03.5.2019

Theater und Tod

Carl hat mich heute zu BOYS DON’T CRY eingeladen. Ins Picollo. Wir waren dort fast vor einem Jahr zu BILDER EINER GROßEN LIEBE. Eine gute Freundin von Carl, Fiona, spielt in der Jugendtheatergruppe mit. Die Stücke sind berührend erarbeitet, gesprochen und getanzt. 

Carl und ich, wir erinnerten uns heute. Dass ich mit Alfons am 28.04.2018 zu MOMO ins Staatstheater gehen wollte; später allein fuhr, weil er hustete und schon wochenlang krank war. Er saß mit seinen Fußballsachen im Auto, weinte, wollte mit. Aber er war krank. Wir ahnten nichts. Noch am gleichen Abend bestellte ich Karten für Petterson & Findus, im Picollo, am 6.5.18. Aber dann lag Alfons schon im CTK. Wir ahnten nichts, waren da aber bereits voller Panik und schlimmster Ängste.

Carl und ich erinnerten uns daran, wie oft wir im Theater waren. Von Anfang an, als die Kindern noch klein waren. Mit Carl zu dritt oder ich mit ihm oder zu viert mit Alfons schon oder Carl mit Papa und Alfons mit Papa oder Alfons und ich… Im Apollo in Görlitz, im Theater in Görlitz, in den Häusern in Cottbus, einmal im Kaffee König zu Ritter Rost; mehrmals in Hoyerswerda und Görlitz und Muskau beim Traumzauberbaum von Reinhard Lakomy, deren Lieder wir alle liebten! Wir sahen Die Mittagsfrau, Die Zauberflöte, Ronja, die Räuberstochter, Das Wildpferd unterm Kachelofen, Dornrösschen, Peter Pan, Alfons mit seiner Klasse… Wir fuhren regelmässig ins Theater, einmal, zweimal im Jahr. Es war wie mit dem Vorlesen; es gehörte zum Leben und wir mochten es, uns Geschichten erzählen zu lassen.

Es fällt mir schwer davon zu schreiben. Ich hielt das nie für besonders. Wir haben es gern gemacht und die Kinder haben danach gefragt. Aber heute saß ich neben Carl und sagte zu ihm, vor vier Jahren saßen wir hier mit Alfons und haben dir zugeschaut bei der ROTEN ZORA, die ihr 2015 in der 8. Klasse aufgeführt habt. Und ich sagte zu Carl, vor einem Jahr, um diese Zeit, am Freitag, den 4.5.2018, um 20 Uhr, wurde Alfons vom Krankenhaus in Weißwasser ins CTK verlegt. Seine Blutwerte waren abgrundtief schlecht. Lebensbedrohlich schlecht.

Ich denke daran und weine und fühle jedes Detail; weiß, was wir anhatten, was wir sagten, dachten, wie wir Alfons trösteten, welches Wetter es war, was ich davor noch tat und nie wieder so tun würde. Ich vermisse Dich, Alfons. Dich fragendes und staunendes und dankbares Kind.

aufgeschrieben am 28.4.2019

Über Alfons

Er hat ein Schild getöpfert, was er am Haus anbringen wollte. Und wir haben es nicht geschafft. Es steht auf dem Fensterbrett, draußen, am Fenster neben der Eingangstür. Das steht „Alfons Papa Mama Carl“. Alfons hatte zu uns allen eine tiefe Bindung. Zu jedem anders und zu jedem innig. Auch zu Tante Elke, zu Julia, zu Manja, zu seinen Freunden, zu Oma Schmelze…

Schwester Maren schrieb mir kurz nach Alfons‘ 10. Geburtstag, dass der 3.4. der internationale Tag des „Finde einen Regenbogen“ ist. Ich war traurig, dass ich davon Alfons nicht mehr berichten konnte. Ich habe es ihm in mir drin erzählt, aber es wäre schön gewesen, er hätte es in seinem Leben erfahren. Weil es zu ihm passte, zu seiner Geschichte über den Steinbock Springinsfeld der ein Regenbogensteinbock sein wollte und einer wurde. Zu seinen vielen vielen Bildern mit Regenbögen darauf. Wie viele es waren, fiel mir erst nach seinem Tod auf. 

Je länger ich diesen Blog schreibe, umso häufiger frage ich mich, wie Alfons all das schaffen konnte, was er uns und anderen hinterlassen hat. Ich sammle seine Geschichten, um sie später hier niederzuschreiben; es werden immer mehr. Schaue ich mir die Fotos an, kommen neue Geschichten hinzu. Manche Fotos hat er selbst gemacht z.B. seine Füße fotografiert. Er hat uns Filme hinterlassen, die Alex auf einem kleinen geschützten Kanal veröffentlichte. Er war stets mit Dingen beschäftigt. Manchmal war er dabei unentschieden, dann weinte er verzweifelt. Er konnte darüber nicht hinweggehen, sondern verstrickte sich in Überlegungen und wir brauchten viel Kraft, ihn zu beruhigen und die Last der unendlichen Möglichkeiten abzunehmen. Erst das Trösten, Wiegen, Kuscheln, Festhalten, Streicheln halfen, manchmal aber auch nicht. Carl konnte ihn immer beruhigen, wenn er da war. Manchmal, wenn Alfons unzufrieden mit sich war oder wütend auf sich, weil etwas nicht gelungen war oder er etwas nicht verstanden hatte, schlug er sich heftig auf den Bauch oder an die Stirn, so als wollte er sich bestrafen. Ich Dummkopf, sagte er dann. Uns ängstigte das. Wir versuchten, ihn davon abzuhalten. Sei nicht so streng mit dir, sagte ich. Es ist nicht schlimm, Fehler zu machen. Es ist schwer auszuhalten, wenn die Kinder eigenbestimmt sind oder Dinge tun, die man nicht ganz versteht. Wir selbst wurden laut und verzweifelt und wie bei der Unentschiedenheit halfen am Ende Trost, Zuspruch, Liebe, Schutz.

Für manche Dinge in dem Heranwachsenden fanden sich Lösungen: mit 6 oder 7 Jahren machte sich Alfons über vieles Gedanken, was er rundherum wahrnahm. Er nahm immer mehr auch negative Eindrücke und Dinge wahr, die ihn tagelang beschäftigten, ohne das er uns als Eltern sofort davon erzählte bzw. er erzählte sie immer, aber manchmal erschloss sich erst nach Tagen die gesamte Geschichte. Abends fand er so im Bett nicht zur Ruhe. Da dachte ich mir in der Not ein „Spiel“ aus. Wir liegen vor dem Einschlafen im Bett und erinnern uns gemeinsam an 10 schlechte Dinge, die am Tag passiert sind und vergessen sie. Dann erinnern wir uns an 10 gute Dinge und mit denen schlafen wir ein. Am Anfang fiel es Alfons schwer, sich an das Gute vom Tag zu erinnern, später brauchte er das Spiel nicht mehr, um einschlafen zu können. Als Alfons älter wurde, reichte es auch, wenn wir die Sorgen besprachen. Das war so mit 7 oder 8 Jahren. Da sagte er auch eines Tages zu mir: Mama, ich bin zweigeteilt, in mir bin ich und dann ist dort mein Körper. Und mit meinem Körper kann ich sprechen und er sagt mir auch manchmal was. Als Alfons krank wurde, befragte er oft seinen Körper, ob er z.B. die Tabletten nehmen sollte oder nicht. Als die Stammzellentransplantation als Therapie feststand, sagte er mir eines Tages – er lag auf dem roten Sofa in der Stube – das sein Körper der Transplantation nicht zustimmt. Ich war sehr erschrocken. Wir alle waren doch im Ausnahmezustand und wussten nicht, was richtig und falsch ist. Ich bat ihn: Frag deinen Körper, ob es als Notvariante geht, bis dahin versuchen wir es auch anders mit homöophatischen Behandlungen, mit der craniosacralen Unterstützung. Ich war ungeduldig und fragte zwischendurch, was der Körper gesagt hätte. Alfons war ungehalten und sauer (ich habe vor allem seine Stimme im Ohr, wie er meckern und sauer sein konnte, weil er so energisch war; auch wenn er mich neckte und keck lachte, mich manchmal auslachte! Dann sagte ich entweder: Übermut tut selten gut oder Du bist ein Frechdachs!). Also Alfons war sauer und sagte: Mama, du hast mich unterbrochen. Jetzt muss ich von vorn anfangen, ihm das alles zu erklären. Ich hoffe so, dass ihm diese Möglichkeit geholfen hat, mit seinem schweren Schicksal umgehen zu können. Wir sprachen nicht sehr häufig darüber und doch bewegte ihn sein Schicksal! Das war am spürbarsten, wenn er sagte: Mama, ich will nicht sterbseln! 

aufgeschrieben am 22.4.2019

Karfreitag, 30.3.18. (Das Foto hat sich unten in die österliche Galerie nicht einfügen lassen und nach mehreren Versuchen bekommt es einen Platz ganz vorn. Es ist auch ganz besonders, weil es Alfons' letzte Ostern sind.) Das erste Mal allein Abwachsen.

Ostern

Meine Freundin Susan und ihre Lebensgefährtin Andrea waren zu Besuch über Ostern, auch Carl schaute vorbei und Alex war hier und malte – wie in jedem Jahr, nur nicht mehr mit den kleinen Jungs Carl und Alfons – Ostereier nach sorbischem Brauch. Mit heißem Wachs auf gekochtem weißem Ei, was dann in eine Farbe kam. Wenn man mit einer hellen Farbe anfängt, kann man weitere Wachsschichten auftragen und das Ei kann eine oder mehrere weitere Farben bekommen. Die schönsten Eier hat immer Alex gemalt. Alfons war in jedem Jahr leicht unzufrieden und wir motivierten ihn, nicht aufzugeben. Manchmal fiel das Ei auch aus der Hand und die Schale brach, manchmal rußte es beim Abwachsen und eine Stelle am Ei wurde schwarz. Immer Karfreitag taten wir dies. Diesmal hätten Alfons‘ Eier gut abgeschnitten, er wurde von Jahr zu Jahr sicherer im Umgang mit der Malerei; dieses Jahr waren Susans und Andreas Eier liebevolle Anfängereier. Wahrscheinlich hätte sich Alfons etwas lustig darüber gemacht, aber auch begeistert Ratschläge erteilt und ausgeholfen.

 

Ostern verlief bei uns Jahr für Jahr so: Karfreitag malten wir Eier; Ostersonnabend ruhten wir uns aus, spielten, radelten, bastelte, besuchten Omas und Tanten oder fuhren ins Kino; Ostersonntag wurden Ostereier und -nester gesucht (im letzten Jahr versteckte die Süßigkeiten Carl und man musste fix damit sein, weil Alfons schon um 7 Uhr wach und nicht mehr im Haus zu halten war) und Ostermontag war noch einmal ein Ausruhtag. 2017 fuhren wir mit Alfons Richtung Wittichenau und sahen den Osterreitern zu, so wie gestern, ohne Alfons. Mir liefen die Tränen. Ich spürte Alfons neben mir und gern hätte ich meine Hand auf seine Schulter gelegt, ihm die Mütze als Sonnenschutz geradegerückt, ihm auf Dinge aufmerksam gemacht. Auf die deutschen und sorbischen Lieder über Maria, die Zylinder der Reiter, die unruhigen Pferde in der nicht enden wollenden Prozession, die vielen gottesfürchtigen Menschen in Sonntagsstatt. So sahen wir die Welt, so sehe ich die Welt weiterhin und vielleicht nun Alfons durch mich?

 

Auf dem Osterei „Für Alfons“ steht, nicht sichtbar auf der anderen Seite des Eis, „von Mama“. Es liegt im Baum an Alfons‘ Grab. Ich habe es ihm gebracht. Ebenso Carls Ei, was auf dem ersten Bild ganz vorn am Fotorand zu sehen ist. Das Ei mit den roten Flammen…

 

Ich habe mich vorm Schreiben gefürchtet und gleich suche ich die so identischen Bilder der letzten Jahre heraus, vom Eiermalen an Karfreitag. Es schmerzt, zu sehen, was war und nie mehr sein wird. Andrea sagt, was für ein unglaublicher Reichtum von Alfons‘ Dingen in seinem zu Hause sind! Sie erzählen davon, wer er ist und was wir gemeinsam taten oder Alfons nur für sich, immer unter uns. Ich halte das alles für so selbstverständlich. Obwohl ich 40h/Woche arbeiten gehe und jeden Tag 2,5h zur Arbeit fahre – ähnlich bei Alex – gehörte meine Zeit den Kindern, den Büchern, den Fragen der Zeit, der Vergangenheit, der Zukunft. Es ist nicht besonders, so sollten alle Kinder aufwachsen können, hier, wo von allem genug da ist. Das wusste Alfons, dass es so nicht überall war und er konnte bewusst glücklich sein. Manja schrieb mir um Ostern, in Erinnerung an Alfons, wie sie seine pure Dankbarkeit erfahren hat. Er trug seine Gefühle auf der Zunge und war in der Lage, als Kind, seinem Freund zu sagen: Du bist ein richtig guter Freund für mich! oder Manja zu sagen: Es ist so schön, dass du da bist! Ich schreibe bald mehr von seiner Art, wie Alfons war.

aufgeschrieben am 7.4.2019

Alfons‘ Schaukel

Sie war ein Geschenk von Kathrin. Da drin stillte sie einst Franz und später Pauline und als die Kinder groß waren, kam die Schaukel zu uns. Sie lag erst einige Zeit oben in der Diele, dann baumelte sie in der Diele am Dachbalken und alle Haken zog Alfons‘ Schaukeln hinaus. Erst als Papa richtige Ösen verschraubte, war das Schaukeln sicher. Im Winter oben in der Diele und im Sommer im Eingangsbereich, im Vorbau. 

Alfons schaukelte mutig, leidenschaftlich, experimentell… Mit einem Buch, einem Hörspiel, einem Joghurt, einer Decke zum Kuscheln, wenn es draußen noch zu kalt war, im Frühling oder Herbst. Es war sein Lieblingsplatz.

Im Garten hing noch ein blaues Exemplar, auch von Kathrin, und auch bei den Kindern beliebt. Aber Alfons suchte unsere Nähe und war deshalb eher in seiner weißen Schaukel anzutreffen.

Manchmal saß ich mit einem Stuhl vor ihm und wir picknickten beide. Da war er selig, wenn ich Zeit für solche kleinen Pausen hatte (Sonst war ich sehr ausgefüllt und manchmal hektisch, weil es immer etwas zu tun gab und ich arbeiten ging). Er war sehr geduldig mit mir und verständnisvoll.

An der Schaukel musste Papa mehrmals die Seile oben reparieren und erneuern, weil sie durchgeschaukelt waren. Einmal setzte sich auch Hans hinein und das Seil riss. Da war Alfons auch ein ganz schadenfrohes Kerlchen…

aufgeschrieben am 14.4.2019

Als Alfons geboren wurde

Vor vier Tagen, am 3.4.2019, ist Alfons 10 Jahre alt geworden. Er ist 8 Jahre und 7 Tage nach Carl auf die Welt gekommen. Die Zeit nach Carls Geburt war nicht einfach. Ich hatte im Wochenbett eine Thrombose und Lungenembolie bekommen. Fünf Jahre dauerte es, bis alles verheilt war; auch die Angst in mir, es könne sich wiederholen. Aber ein zweites Kind wünschte ich mir. Ein Mädchen? Es gab Zeiten, mit 1 oder 2 Jahren, da sah Alfons wie ein Mädchen aus. Die Geburt verlief rasant. 1 Uhr Fruchtblase geplatzt, 3 Uhr Fahrt nach Weißwasser ins Krankenhaus, Baden; die Hebamme meint, es dauert; aber gegen 6 Uhr war Alfons da und Alex kam 6.30 Uhr, als er Carl untergebracht hatte. Als Baby musste ich Alfons immer kopfunter in meinen Armen schaukeln. Er liebte es. Vielleicht weil ich mit ihm im Bauch – ich ahnte von der Schwangerschaft noch nichts – und mit Carl und meiner Freundin Susan im Sommer 2008 auf dem Dom in Hamburg Karussell gefahren bin. Auch als Alfons größer wurde, wollte er gern kopfüber herumgetragen und gedreht werden. Er liebte seine Schaukel aus Baumwolle. Sie hing mit den ersten Sonnenstrahlen im Jahr im Vorbau zum Eingang, hofseitig. Wir hatten sie von Kathrin bekommen, wie auch die blaue Schaukel im Garten am Apfelbaum. In der Baumwollschaukel hing Alfons oft erschreckend schief drin und schaukelte halsbrecherisch. Im Winter hing die Schaukel dann in der Diele oben; da saß Alfons so manchen Morgen und hörte Pumuckl. Als Baby schlief er nach dem Stillen in jeder Sofaritze, so erzählte ich es oft den Kindern. Obwohl ich eine Babyschaukel gekauft hatte – Carl konnte nur im Tragetuch schlafen und entspannen und ich dachte, bei Alfons bereite ich mich besser vor. Aber er schlief überall. Er krabbelte, begann zu essen, zu laufen mit anderthalb, zu sprechen erst mit drei Jahren. Hunger machte ihn wütend, so wie Müdigkeit Carl wütend machte…

Schaukeln, kuscheln, drücken… das waren in all den Jahren von Alfons und uns wichtige Dinge. Oft auf dem roten Sofa. Hier lasen wir auch gemeinsam die Abenteuer von Asterix und Obelix, von Snöfrid, von Mama Sambona, das Mosaik und so viel mehr. Manchmal schaute Alfons fern und ich setzte mich hinzu, mit einem Kaffee, und massierte ihm seine Füße. Er liebte es. Als es ihm später in der Krankheit sehr sehr schlecht ging und er so berührungsempfindlich wurde, konnten wir ihm doch die Füße massieren. Selten lag ich auf dem Sofa, um ein Nickerchen zu machen. Dann legte sich Alfons manchmal frech auf mich, deckte mich zu. Wir ruckelten uns zurecht und dann lagen wir so aneinander gekuschelt. Manchmal machte sich Alfons auch einen Spaß daraus und freute sich, dass ich meckerte und es mir zu viel wurde. Manchmal sagte er auch, Mama, schlaf, und er machte sich klein und quetschte sich ans Fußende, hinter meine Beine, in die Kniebeugen hinein, und schaute fern und ich schlief. 

Nie hätte ich gedacht, dass das zu Ende sein könnte. Ich hatte meine Mutti früh verloren und andere Krisen überstanden. Irgendwie dachte ich, es gäbe Glück, Gerechtigkeit, einen Lebenssinn. Ich habe daran sogar geglaubt. Diese Grundsätze sind mit Alfons mitgegangen. In mir ist alles durcheinander und erschüttert. Ich suche mein Kind und kann nicht verstehen, was uns auferlegt ist. Ich sehe Carl und weiß, er trägt die größte Last. Ich bin alt und mein Kopf und Körper hat sich daran gewöhnt, dass es schwer zugeht im Leben. Aber er mit 17 erlebt den Verlust seines Bruders, auf den er sich einst so freute, mit dem er tollte, stritt, kuschelte, sprach, sang und einfach war, bis zum Schluß, bis zum Tod und darüber hinaus und macht eine Erfahrung, auf die er sich nicht vorbereiten konnte. Die eine einzig große Ungeheuerlichkeit ist.

aufgeschrieben am 30.3.2019

Worüber ich nachdenken muss

…vorgestern wurde Carl 18 Jahre alt. In vier Tagen wird Alfons 10 Jahre alt. Muss ich schreiben, wäre geworden?

Gerade kam der Holzkünstler Herr Schwarz und brachte Alfons‘ Baum für seinen Platz auf dem Friedhof. Wir sprechen mit ihm und es durchschüttelt mich, wenn ich verstehe, dass wir über Alfons sprechen und das er nicht mehr ist. Aber er ist überall und ich erinnere mich so lebhaft an ihn, sehe ihn in den Bildern in meinem Kopf. Ich vermisse ihn so furchtbar. Ich wünschte, er könnte mir erscheinen. Das berichten so viele, aber mir passiert es nicht. So gern möchte ich mein Leid und Alfons‘ Wegsein hinausschreien, der Schule einen Brief schreiben und dort sagen, wie weh es tut, wenn sie Alfons ignorieren mit Worten wie „trauerfreier Raum“, obwohl er so präsent war, obwohl wir schon lange an der Schule aktiv sind…

Alfons war ein leidenschaftliches, ein energisches Menschenkind. Er hat mich geneckt und manchmal über mich gelacht. Er hat geweint, wenn er nicht weiter wusste und zu viel auf ihn einströmte. Er war neugierig und dachte viel nach und war lebensfroh von einer ansteckenden und einnehmenden Art. Er sagte mal, dass das Schönste für ihn sei, die Kinder seiner Klasse zum Lachen zu bringen. Ich glaube, sie hatten eine wunderbare Zeit in den anderthalb, zwei Schuljahren. Alfons hat sie ausgelebt, so gut es ging. Er wäre gern öfters bei seinen Freunden in Cottbus gewesen, aber das ging nicht oft und war immer mühevoll zu organisieren. Die Male, die es klappte, war er glücklich. Aber er war auch so ein glückliches Kind, obwohl wir hier zu Hause auch schwere Zeiten durch haben.

In den letzten Tagen musste ich daran denken, wie Alfons es gut gefunden hätte, dass so viele Kinder und Jugendliche am Freitag nicht zur Schule gehen, um für die Umwelt auf die Straße zu gehen. Er sagte einmal – auch weil er am Tag zuvor auf KIKA eine entsprechende Sendung gesehen hatte – Elektroautos sind nicht wirklich umweltfreundlich, weil der Strom in ihren Batterien aus dem Kohlekraftwerk kommt; er müsste aus der Sonne sein, dann wäre es besser. Auch im Krankenhaus fragte er nach dem enormen Müll; er wollte Tiere nicht töten und es beschäftigte ihn, dass er trotzdem Schnitzel gerne aß; er litt darunter, wenn andere kleine Insekten und Schnecken zerquetschten und wir sprachen darüber, wie wir Müll vermeiden können. Er war sechs oder sieben Jahre, als er begann, darüber nachzudenken und bis zum Schluß hörte er damit nicht auf, sich Gedanken um andere zu machen, nicht nur um sich. 

Ich habe meine Kinder ermutigt, nachzudenken und sich eine Meinung zu bilden. Nicht nur einfach so zu leben und zu konsumieren, sondern bewusst Entscheidungen zu treffen. Manche Dinge fielen uns nicht schwer – wir flogen nie in den Urlaub, weil uns das Geld fehlte, aber es war auch gut, nicht zu fliegen, weil Flugzeuge Lebensräume verschmutzen und in sie eingreifen. Sie lernten von mir auch, dass es Kinder und Jugendliche (auch) in Deutschland gibt, die sich Lebensmittel aus dem Container holen, weil sie sich Essen nicht leisten können. Alfons hörte, dass es Carl auch tat, weil er es nicht einsieht, wenn Lebensmittel weggeschmissen werden. Beide trugen gebrauchte Kindersachen und es hat sie in ihrer Entwicklung nicht gestört; Carl sagt heute, es ist von allem genug da, weil so viel weggeschmissen wird, ich muss keine neuen Sachen besitzen. 

Ich denke auch heute noch, dass es gut war, mit meinen Kindern darüber zu sprechen und zu reflektieren, was sie sehen, was sie erleben und was mit ihnen passiert. Es gab immer Tage, an denen mich Zweifel beschlich, ob ich sie damit nicht überforderte. Z.B. auch als Alfons fragte, warum er diese schreckliche Krankheit hat und ich ihm sagte, dass ich es nicht weiß, aber das wir in einem Teil der Erde leben, wo dir geholfen werden kann und für wie viele Kinder geht das nicht, weil sie im Krieg leben. Was soll darauf ein Kind sagen? Was mag Alfons gefühlt haben? Und es nicht sagen konnte? Sollten wir nicht bemerken, dass man in einer großen und ungerechten Welt lebt? Wenn es sie überfordert hat, sagten und zeigten sie mir das oft sehr klar. Carl sagte mal: Ich bin nicht dein Straßenkind!  Alfons sagte: Sag nicht dauernd lebensbedrohlich (wenn ich von seiner Krankheit sprach)! Es ging ohnehin nicht um Lösungen für diese komplexen Dinge, erstmal ging es darum, mitfühlend zu sein!

Deshalb finde ich es gut, das Kinder und Jugendliche den Mut haben, widerständig zu sein! Dass was sie tun auf der Straße – Eintreten für das, was ihnen lieb und wertvoll ist – ist ebenso wichtig wie Schule! Es ist das praktische Leben. Dass sie es Erwachsenen nie recht machen können, sieht man daran, dass diese klagen, wie unpolitisch Jugendliche seien, wenn sich niemand wehrt und wehrt sich jemand, ist es der falsche Tag. Das finde ich albern. Im Gegenteil: die Kinder zeigen uns, wie bequem wir geworden sind. Genauso hätte ich es Alfons gesagt. Und vielleicht wäre er mit Carl am Freitag mit zur Demo in Cottbus gegangen.

aufgeschrieben am 24.3.2019

Vögel

Heute, bei einem Blick aus dem Bad, sah ich Meisen! Wie sie das kleine Vogelhäuschen untersuchten, was schon ein paar Jahre auf dem Badfensterbrett steht. Es baute einst der Mann von Tante Traudel und brachte es vorbei (mit einem selbstgebauten kleinen Hocker, mit dem Carl schon spielte und Alfons verarbeitete ihn zu einem „Pizzafahrzeug“). In dem Vogelhaus wohnte zwei Jahre niemand mehr, davor Wildbienen und davor, vielleicht 2014, ein Meisenpaar. Damals beobachteten wir von weitem den schnellen Anflug und das Verschwinden im Häuschen. In diesem Jahr nun soll es wieder so sein. Ich denke an Alfons, wie es ihn gefreut hätte. Und dann fallen mir zweidrei Erlebnisse mit Vögeln ein…

Die Geschichte vom Vogel, der im Mai 2018 in mein Zimmer flog. Alfons saß ganz ruhig auf dem Sofa; ich weiß nicht mehr, ob er mich wegen des Vogels gerufen hat… Der Vogel war plötzlich da, durch ein kleines oberes Fenster hineingeflogen. Ich wollte ihn fangen, freilassen, öffnete die anderen Fenster… Ich wollte ihn retten und wurde unruhig. Aber der Vogel war ja schon panisch und flog im Zimmer hin und her. Nichts half, er war zu schnell, zu ängstlich, er flog gegen ein geschlossenes Fenster und starb. Ich nahm ihn vorsichtig, sagte zu Alfons, er sei ohnmächtig und trug ihn hinaus. Alfons war still. Ich spürte, er wusste, wie es um den Vogel stand. Aber er sagte nichts. Ohne Hektik und Angst und Weinen. Ich rechnete eigentlich mit seiner Emotionalität. Sonst ging er mir bei jedem Käfer mit Kommentaren zur Hand, mit Verbesserungen, Anweisungen, Tränen, Fragen… immer in der Bemühung, die Tiere zu retten. Ich dachte nun beim Vogel, er sagt etwas, aber er war still und schaute meinen Bemühungen zu. Was dachte er? Warum fragte ich ihn nicht? Wovor hatte ich Angst? Ich habe allein geweint um den Vogel, als ich ihn im Garten erhöht ablegte und ihn mit Reisig zudeckte. Wir sprachen nie wieder über den Vogel, aber wir vergessen ihn nicht.

Eine Geschichte, die besser ausging, war die vom Eichelhäher. Schon Carl mochte diesen Vogel und auch Alfons erkannte ihn sofort, als er eines Abends durch das offene Fenster in die Schlafstube geflogen kam. Als ich Alfons zu Bett brachte, rief er, Mama ein Eichelhäher! Er saß in einem leeren Übertopf. Ich holte ein Handtuch und legte es vorsichtig darüber, nahm den Topf, ging zum Fenster und ließ den Vogel frei. Wir freuten uns!

Heute hörte ich Tauben gurren. Da dachte ich an Carl. Als kleiner Junge, er muss 5 oder 6 Jahre gewesen sein, kletterte er in den alten Apfelbaum Carola. Hoch oben hörte er auf die Tauben. Sie gurrten. Carl ahmte vorsichtig die Silben nach, immer klarer und deutlicher. Nach und nach gurrte er sicherer und die Tauben auf den Bäumen reagierten auf seinen Ton!

aufgeschrieben am 16.3.2019

Mein Schmerz

Ich denke jetzt oft an Alfons in den Gegensätzen: krank im Krankenhaus und glücklich-übermütig in seiner Schaukel im Vorbau zum Haus. Aber es gab ganz viel dazwischen. Seine Unzufriedenheit, sein Meckern, sein hoher Anspruch an sich selbst, sein herzzerreißendes Weinen. Er lebte so doll, so sehr, so intensiv, so gefühlsstark, mitfühlend. Wenn Alfons weinte, dann doll. Greinend, würde ich sagen. Manches Mal war es schwer, ihn zu trösten. Er ließ sich eben nicht vertrösten. Wir mussten wirkliche Lösungen finden. Das war immer fordernd. Weihnachten 2017 gelang nur Carl es, Alfons zu trösten; als dieser am 24.12. sein Geschenk nicht annehmen wollte, weil der Obdachlose an der Schule in Cottbus nichts hatte.

Aber es war auch immer heilsam. Es heilte meine Seele, das Aufgelöste, Aufgeregte und Anteilnehmende. Wie auch sein überschäumendes Lachen. Ich vermisse ihn so. Ich weine tagein und tagaus. Manchmal spreche ich im Auto mit Alfons, erzähle ihm, was ich sehe und was wir früher redeten und besprachen und wie wir uns die Welt erklärten. Ich bin halbtot vor Schmerz und gehe doch nur arbeiten und abends schlafe ich. Wenn Alfons sich etwas Schlaues überlegte oder etwas Verblüffendes sagte; da war ich oft erstaunt und fragte nach, woher er das wisse. Alfons sagte immer: aus mir heraus.

aufgeschrieben am 10.3.2019

Alfons und ich

Ich fuhr durch Weißwasser, am Freitag, meine Blicke streiften Orte, an denen Alfons und ich waren…

…wir fuhren dort in den Tierpark; in die Bibliothek, da war Alfons seit 2 Jahren angemeldet; erledigten Einkäufe bei Rossmann; dann schlenderten wir in den HERON-Buchladen und aßen im Anschluß in der Nachbarschaft ein Fischbrötchen in der „Seekiste“, preiswert und frisch, Alfons Bismark und ich Matjes. Manchmal liefen wir noch vor bis in den Spielzeugladen Kiank. Zuletzt im Februar 2018, auf der Suche nach einem Hasenkostüm für den Tierfasching. Wir fuhren aber auch mit Tutti und Muggefug, den beiden Zwergkaninchen* zurTierärztin. Später kamen noch 4 Neugeborene hinzu. Wir waren oft da:kastrieren, impfen, untersuchen. Jetzt lebt noch Weißchen und Toffel bei den Großen. Zwei der Hasenkinder zogen zu Malte um. Papa und Alfons bauten im April 2018 noch ein großes Freiluftgehege; da saß er oft drin und wir versuchten zum Impfen die Hasen zu fangen. Ich war ziemlich geschafft davon. Alfons durfte ab Mai die Tiere nicht mehr berühren…

Wenn ich Briefe zu versenden hatte, von der Arbeit oder privat, fuhr ich, wenn Carl und später Alfons neben mir im Auto saß, immer soweit wie möglich an den Briefkasten beim „Kräutergarten“ hier in Köbeln heran. Dann konnten wir das Fenster öffnen und die Jungs steckten vom Auto aus die Briefe in den Kasten ein. Es war ein großer Spaß: ob mir das nahe Heranfahren gelang und später den Kindern der Briefeinwurf.

In Erinnerung sind mir auch die Fahrten zur Schule. Fast jeden früh 7:10 oder etwas später – dann musste ich schon Gas geben und schimpfte im Auto, warum wir so oft auf den letzten Pfiff erst loskamen – fuhren wir über Pusack auf die Autobahn in Bademeusel Richtung Cottbus. Manchmal waren wir alle müde. Oft freuten wir uns aber an etwas, was wir sahen, in der Natur. Ich sagte zu den Kindern: Guckt mal, der Nebel…, der Sonnenaufgang…, langsam ist es früh nicht mehr so dunkel…, das Grün kommt schon raus… Wir sahen regelmäßig eine große Gruppe sehr mächtiger Hirsche, die vor der Autobahnauffahrt die Straße wechselten, sahen die Spuren der Wildschweine und ihrer Jungen, bestaunten überfrorene Bäume…

Auf dem Rückweg von der Schule – außer am Mittwoch, da fuhr Alfons mit Malte und Manja mit und verlebte oft einen schönen Nachmittag bei ihnen, von dem ihn Papa abholte, und außer am Donnerstag, da fuhren wir Töpfern in Spremberg – erledigten wir Einkäufe. Ab und an auch in dem kleinen Drogerieladen am Ortsausgang von Döbern Richtung Bad Muskau. Da bekamen wir alles, was das Herz begehrte. Kerzen, Kaninchenfutter, Stifte, Yu-Gi-Oh-Karten, Shampoo und Kinderzahnpasta… Alfons nahm sich immer viel Zeit für seine Entscheidungen, manchmal verzweifelte er auch daran, nicht selten fuhren wir ein weiteres Mal zum Laden, wenn er nichts für sich und sein Taschengeld gefunden hatte. Wenn Alfons etwas Spezielles suchte, klapperten wir auch den Spielzeugladen in BadMuskau ab oder den Lotto-Laden in der Schmelze… Fahre ich heute an diesen Orten vorbei, bin ich in Gedanken bei Alfons, höre, sehe und vermisse ihn...

*Zu den Zwergkaninchen gibt es noch eine weitere Geschichte, aber die an anderer Stelle (da gab es nämlich ein Paar Löwenköpfchen)…

aufgeschrieben am 9.3.2019

Zampern*, Fasching und Halloween

Im Januar kamen die Köbelner Zamperkinder vorbei, wie in jedem Jahr. Nur diesmal klopften sie nicht bei uns, so wie sonst. Sie winkten zu mir herein, durch das Fenster. Das war tröstlich, dass sie wussten und nicht vergaßen… Sonst haben Alfons und ich ihnen die Tür geöffnet und ich habe in zig Büchsen und Dosen Kleingeld gesteckt und unsere Restesüßigkeiten von Weihnachten verschenkt. Wir sind keine Faschingsnarren. Die ersten Jahre, als Alfons klein war, kam er hinter meinen Beinen gar nicht vor oder schielte von der Treppe aus zu den Kindern hinaus. Im letzten Jahr, Januar 2018, sagte er: Im nächsten Jahr will ich mit dir mit dabei sein. Ok, sagten die Muttis und freuten sich. 

 

Fasching dagegen feierte Alfons gern. In der Schule und im Hort, mit seinen Freunden, mit Frau Hinze und Frau Jerga. In der ersten Klasse – zum Märchenfasching – wählte er den Soldaten aus dem Märchen „Das Feuerzeug“ aus. Er kannte das Buch, aber vor allem die DDR-Verfilmung. In ihr gab es drei große Hunde und ein richtiges Feuerzeug. Beherzt verfolgte er die Idee, so ein Soldat sein zu wollen. Den Hut, die Hosen und die Gamaschen bekam ich im Internet. Die Jacke bestellte Alex beim Kostümverleih in Bagenz. Dort wurde sie extra in Kindergröße genäht und wir konnten sie ausleihen. Dann kam noch eine Ledertasche aus Tschechien** von mir dazu und mit Papa sägte und bemalte Alfons ein Feuerzeug aus Holz (und das auch erst, nachdem ich mit Alfons im Internet geprüft hatte, wie teuer richtige Feuerzeuge waren). Er war ein durch und durch stolzer Soldat, wie man auf den Fotos erkennen kann.

In der zweiten Klasse – zum Tierfasching – wollte Alfons nach einigen Überlegungen ein Zwergkaninchen sein. Wir hatten davon ja vier – Muggefug, Tutti, Weißchen und Toffel von denen an anderer Stelle zu lesen sein wird. Nur woher das Kostüm nehmen? – Carl war damals eine Maus. Ein Wolf war er beim Märchenfasching. Mit einer selbstgebastelten Maske und zig grauen Fellen, die wir bei Frau Mlinzk in Krauschwitz holten, deren Mann einmal Jäger war. Unsere Oma Maxi, eine Freundin von Frau Mlinzk, brachte uns auf die Idee. Diese Felle umgebunden, sah Carl einem stolzen und kämpferischen Wolf ähnlich. – Mit Alfons fuhr ich nach vielen Bastelideen, die alle verworfen wurden, in das Spielzeuggeschäft Kiank nach Weißwasser. Dort bekam Alfons ein Hasenkostüm und im NETTO eine Packung Nougat Bits, auf die ich schrieb: Futter für Zwergkaninchen. Er war irgendwie zufrieden, aber nicht soooo glücklich. Dieser Fasching im Februar 2018 war ein stiller Fasching.

 

Mehr Lust hatte Alfons am 31.10.2017: Halloween. Wir schnitzten und höhlten zwar jeden Jahr Kürbisse aus, aber verkleidet haben wir uns in diesem Herbst erstmalig. Und geschminkt. Dann zogen wir los, in dunkler Nacht, leider nur öffneten uns die Nachbarn nicht. Fast alles alte Leutchens. Enttäuscht ließen wir es sein. Ich konnte Alfons auch nicht richtig unterstützen, weil ich Halloween nicht so toll finde und das merkte er. Traurig zogen wir uns zurück. Später klopfte es noch an unserer Tür: eine Oma mit ihren Enkelkindern; sie bekamen nun Süßes von uns, nachdem auch sie weitestgehend erfolglos geblieben sind.

 

*Das Zampern (auch Zemper, Zempern oder Heischegang genannt) ist eine alte sorbische Tradition in zahlreichen Dörfern der Lausitz. Das Wort stammt vom sorbischen „Heischen, Einfordern“ (camprowanje). Entstanden ist das heutige Fest, das jährlich vor der Fastnachtszeit stattfindet, aus vorchristlichen Glaubensformen, Fruchtbarkeitszauber, Begrüßungs- und Vertreibungszauber. Das Maskieren und Verkleiden, das Lärmen und Musizieren sowie das Schlagen mit Lebensruten (Weiden- und Birken-Ruten) sollte böse Geister, Gespenster und Dämonen vertreiben. Vertreiben soll das Zampern auch den Winter, sowie den Frühling empfangen. … (aus: Wikipedia)

**Gerade suche ich diese Tasche, weil ich das Feuerzeug sehen wollte. Ich finde sie nicht. Scheinbar ist sie im Hort geblieben?

aufgeschrieben am 3.3.2019

Kranksein

Ich liege im Bett. Den ganzen Tag schon. Mit Schmerzen am gesamten Körper. Mein Kopf ist wie angeschwollen. Ich weiß nicht, ob ich krank bin oder ob der Schmerz meiner Seele nach außen drängt. Ich denke an Alfons und weine…

 

Alfons war wahrscheinlich nicht mehr oder weniger krank als andere Kinder. Alex und ich teilten uns die Krankentage auf. Manchmal ging Alfons auch zur Oma Schmelze, oft zu Tante Elke, im April 2018 sehr oft. Da dachten wir an einen verschleppten Husten… Alfons hatte auch Mumps, davon gibt es lustige Fotos. Eine Windpocke auf seiner Wange. Dafür zweimal hintereinander Scharlach. Da lagen nur einzwei Monate dazwischen.

Wenn sich Alfons verletzt hatte, half immer ein Pflaster. Problematisch wurde es nur beim Abmachen. Weil Alfons es nicht zuließ, blieb es tagelang dran. Auch lockere Zähne waren ihm ein Graus. Noch im Krankenhaus in Cottbus verlor er zwei Zähne, einen kurz vor der Katheter-OP und da überlegte er tatsächlich zusammen mit Frau Dr. Saribeyoglu, ihn während der OP rauszuziehen, falls er über das Wochenende zu Hause nicht rausfallen sollte. Er fiel zu Hause raus. Bei Carl gelang es uns, ganz ohne Zahnfee, alle Zähne zu sammeln. Bei Alfons verschwanden sie: im Wald, als seine Erzieherin Doreen ihn versehentlich mit dem Arm im Gesicht traf; noch mal in der Kita beim Spielen; eingewickelt in ein Taschentuch und doch verlegt… Was Alfons zusätzlich Ängste bereitete, was das Verschneiden der Finger- und Zehennägel. Da gingen tagelange Ankündigungen von mir voraus und als es soweit war, jammerte Alfons, stritt mit mir und diskutierte über den Sinn und Unsinn solcher Aktionen. Am Ende war nichts passiert, keine Schmerzen und alles war gut, aber 14 Tage später wiederholte sich alles. Wenn die Prozedur überstanden war, vergaß Alfons alles, sprang auf und lief davon. Ich blieb immer etwas gestresst im Bad zurück. Bis heute sehe ich Alfons und mich im Bad sitzen und die Nagelpflege betreiben. Manche Erinnerungen haben sich mir minutiös eingebrannt; da kenne ich jeden meiner Handgriffe und sehe den aufgebrachten Alfons neben mir…

All das war nichts zu dem, was auf Alfons mit dem 3.5.2018 zukam. Erbrechen, Kreislaufzusammenbrüche, OPs, Bluttransfusionen, schmerzhafte Unteruchungen wie die Lumbalpunktion, später die Hochdosischemo und die vielen Folgeerkrankungen in Berlin. All das ist an anderer Stelle in diesem Blog nachzulesen. 

Besonders sind mir Alfons‘ Fragen am 6.5.2018 an Frau Saribeyoglu in Erinnerung geblieben. An diesem Tag wurde er zum ersten Mal am Knochenmark punktiert. Er durfte sie alles fragen. Weil es mehrere Fragen waren, schrieb ich sie auf:

  • Wie lange hält das Medikament an?
  • Träumt man?
  • Ob man wirklich gar nichts merkt während des Eingriffs?
  • Wann die Ergebnisse da sind?
  • Wie lange ich ungefähr noch hierbleiben muss?

Da waren wir erst 3 Tage im Krankenhaus. Nach 3 Wochen konnten wir das erste Mal nach Hause. 6 Monate litt Alfons an MDS und den Folgen der Behandlung. Frau Saribeyoglu sagte mir später, als wir uns nach Alfons‘ Tod wiedersahen: nie hatte sie einen so lebhaften und wissbegierigen 10Jährigen getroffen, der sie mit den Fragen auch verunsicherte (was wir nie merkten; im Gegenteil gab uns diese Ärztin den Mut, den wir brauchten, um die folgenden Monate zu überstehen). Alfons fragte sie auch andere Sachen. Er bat um ein türkisches Rezept und wollte mit Papa für Frau Dr. Saribeyoglu kochen. Das klappte leider nicht mehr. Daran denke ich häufig. Auch wie er mich damit überraschte, dass er den für mich schwierig auszusprechenden Nachnamen der Ärztin beim ersten Hören erfasste und aussprechen konnte. Ich brauchte Wochen dafür. 

Noch eine schöne Geschichte aus dem CTK fällt mir ein: Im Labor bei der Blutabnahme – dem sogenannten Fingerpieks, vor dem Alfons immer

Angst hatte und den er immer bei Wiederaufnahme oder nach der Beurlaubung leisten musste – trafen wir manchmal nette Schwestern. Eine sagte einmal, während sich Alfons wie immer an meiner Hand festhielt und wir unsere Hände doll ineinander drückten, diese Kinder wie Alfons seien Helden für sie. Ich war erstaunt,dass sie Alfons‘ Namen kannte und das sie so ehrlichen Herzen aussprach, was wir fühlten und was Alfons Mut gab. Ich fragte nach, woher sie Alfons kannte. Sie sagte, sie arbeitet eigentlich in der Blutbank und hat schon so oft für Alfons die Bluttransfusionen zurecht gemacht. Was nicht gewöhnlich sein, nicht für Kinder und nicht in diesem Umfang. Wöchentlich ein-/zweimal. Über drei Monate hinweg. Sie sagte, wer das erträgt ohne Hader und Furcht und so klein ist, der verdient meine Hochachtung. Alfons ist ein Held für mich. Das tat Alfons gut, solche mitfühlenden und anteilnehmenden Menschen zu erleben.

 

2 Monate nach Alfons‘ Tod: Ich holte eine Grabkerze aus der Vorratskiste und sah, dass der Vorhang sich gelöst hatte, hinter dem die Kiste steht. Ich brachte es in Ordnung und war auf Augenhöhe mit der unteren Kante der Mikrowelle. Da sah ich unter der Mikrowelle etwas Weißes: eine halbe Cotrim-Tablette, die Alfons am Sonnabend und Sonntag immer nehmen musste. Vorbeugend gegen Lungenentzündung. Da sein Immunsystem sehr schwach war und da die Leukozyten nicht per Transfusion gespendet werden konnten, war er auf solche Medikamente angewiesen. Das Problem dabei: Alfons konnte keine Tabletten schlucken. Oftmals gelang es ihm erst nach Stunden, oftmals unter Tränen, immer mit neuen Techniken… Es blieb ein Gräuel. Es gab auch Phasen, wo ich Alfons vertraute, wenn er sagte, er nimmt sie allein. Ich war oft so am Rande meiner Kräfte…. Damals, 2 Monate nach dem Tod, habe ich also eine Hälfte der „habe ich genommen“-Tabletten gefunden. Es war so, als wäre es erst gestern gewesen. Als wäre Alfons da und würde mir etwas sagen wollen…

aufgeschrieben am 2.3.2019

Geburtstag

Ich kann mich nicht erinnern, was Alfons zu seinem 3. Geburtstag bekam. Ein Puzzle bestimmt. Er puzzelte in dem Alter unaufhörlich. Mit 4 wahrscheinlich ein Fahrrad. Ja, und immer ein Fotoalbum. Ich überlege seit Tagen, wie seines zu seinem 10. Geburtstag aussehen kann. Und Carls zum 18.. Bald ist es soweit…

 

Nun habe ich das zweite Wochenende mit der Auswahl von Fotos für Carls 18. Geburtstag zugebracht. Am 28.3.2019 ist es soweit und nur 7 Tage später wird Alfons am 3.4.2019 10 Jahre alt. Zu jedem neuen Lebensjahr gab es einen festlich gedeckten Tisch gleich am Morgen, manchmal Luftschlangen und -ballons, ein Geschenk, Blumen, so viele Kerzen wie die beiden alt wurden und ein Fotoalbum vom letzten Lebensjahr. Darauf freuten sich beide am meisten. Bei Carl ging ich irgendwann dazu über, einen Bilderrahmen zu gestalten. Die hängen nun in seiner WG. Alfons‘ Alben stehen hier. Carl bekommt seine an seinem 18. Geburtstag. Die letzte Fotozusammenstellung ist zum ersten Mal für beide Kinder identisch: sie bekommen eine Collage zum Aufhängen, mit gleichen Bildern.

 

Gefeiert haben wir ganz unterschiedlich. Mal mit wenigen Verwandten, mal mit mehr. Mal mit Freunden im Garten, mal im Kino, mal ging es zum Bowlen. Alfons gab sich sehr viel Mühe beim Gestalten der Einladungen. Jeden Freund bedachte er mit einem Spruch, mit einer Beschreibung seines Wesens. Und es gab immer den Lieblingskuchen von Carl, den Zupfkuchen, und für Alfons in der letzten Zeit den Papageienkuchen.

 

Alfons und ich haben auch Geschenke gebastelt. Für Papa. Für Carl. Carl malte Papa mit 10 Jahren ein Bild vom Rasenden Roland auf der Insel Rügen; Alfons bastelte ihm mit 6 oder 7 Jahren eine Herbstunruhe, die noch heute im Vorbau hängt. Einmal hängten wir auch kleine Einweckgläser mit Teelichtern auf und als Papa heim kam, leuchteten sie und Alfons war sehr stolz.

 

Den Namen Alfons überlegte sich Alex und da er bei Carl mit meinem Vorschlag mitgegangen war, ging ich bei Alex mit. Ich wollte, das Alfons Caspar heißen sollte. Das erzählte ich ihm ab und an, immer dann wenn er übermütig war und ich dann sagte, stell dir vor, jetzt würdest du noch Caspar heißen. Alfons liebte seinen Namen. Und zu seinem 10. Geburtstag hole ich ihm in der Schokoladenfabrik eine große Schoko-10. Das sagte er bei unserem letzten Beuch im Februar 2018 dort: wenn ich 10 werde, wünsche ich mir so einen Schoko-10 auf dem Geburtstagstisch. Und natürlich einen Papageienkuchen für seine Klassenkamerad*innen.

aufgeschrieben am 24.2.2019

Taschengeld

Ich habe eine Geschichte gesucht, die nicht zu lang ist…

Alfons bekam seit der 2. Klasse Taschengeld. Ich hatte daran gar nicht gedacht, obwohl ich Carl in dem Alter auch 1€ pro Woche gab, aber ich weiß nicht mehr, in welcher Klasse ich damit begann. Carl setzte sein Geld Woche für Woche in Star Wars Karten und später in Cola aus dem REWE um. Alfons sparte und hielt dann nach Lego Ausschau. Oft mußte er mich an sein Taschengeld erinnern, weil ich es vergaß, vor allem als er krank war und nicht mehr in die Schule fuhr und die Regelmäßigkeit verloren ging. Aber dann fiel es ihm wieder ein und weil ich zu einem Elefantengedächtnis neige, konnte ich mich an die letzte Zahlung erinnern und dann kamen manchmal schon 3-4€ am Stück zusammen. Aber Alfons fand auch andere Gelegenheiten, um an Geld zu gelangen. Wenn Papa auf dem Sofa einschlief, kullerten immer einige Münzen aus der Hosentasche und blieben dann liegen. Alfons fand sie, brachte sie zu mir und wir legten es in der Küche an einem Platz ab. Aber irgendwann sagte ich, nimm es, Papa lässt es hier liegen, ich glaube fast, Papa „verliert“ es für dich auf dem Sofa. Alfons freute sich. Auch wenn ihm Tante Elke oder Oma Schmelze etwas zusteckten, freute es ihn. Manchmal durfte er sich auch den Euro vom Einkaufskorb behalten und manchmal blieb ein kleiner Rest vom Busfahren mit Malte nach Spremberg oder vom Straßenbahnfahren mit Fynn zu ihm nach Hause. Wenn Alfons mit Malte mit dem Auto mitfuhr, ließ Manja sie oft am NORMA raus und sie holten sich etwas zu Naschen. Oder sie gingen einmal zum Bäcker und hinterließen für Manja den nebenstehenden Zettel… 

Die kleine Katzen-Börse* bekam er im Kindergarten zum Kindertag. Bis zuletzt war es sein Portemonnaie. Darin sammelte er auch Glassteine und andere Münzen, wie die aus dem Bunker in Frankreich. Gern lugte er auch ins Portemonnaie auf dem Küchenschrank, da sammelten wir den polnischen Zlotys und tschechischen Kronen, weil Alfons und Papa ab und an auf dem Markt in Leknica einkaufen gingen oder wir nach Polen oder Tschechien fuhren. Darunter gerieten auch italienische Lire von Oma und von denen wiederum zweigte Alfons ein paar ab und füllte sie in eine Tüte, die er in der Nähe des Hauses unters Laub steckte: sein erstes Geo-Caching-Versteck. Diese Tüte liegt noch neben mir auf meinem Schreibtisch…

 

*Die Börse war mal verschwunden und dann tauchte sie leer im Auto auf und keiner wusste warum und wieso….

aufgeschrieben am 17.2.2019

Blaumachtage*

Wir haben viel erlebt und unternommen. Gelesen, uns etwas angeschaut, sind weggefahren, haben miteinander Dinge besprochen, Fragen geklärt. Es gab immer besondere Tage und Rituale dafür.

Ein Ritual hieß Blaumachtage (von weiteren Ritualen schreibe ich hier bald). Ja, Alfons liebte die Blaumachtage** mit mir. Es gab also nicht so viele Blaumachtage, aber manchmal war er krank und manchmal die Schule zu und dann hatten wir einen außerordentlichen Tag frei und gingen in die Ananas-Ausstellung und ins Gewächshaus im Muskauer Park oder zum Bäcker frühstücken oder in den Tierpark. Er liebte es und fragte ab und an nach dem nächsten Blaumachtag. Aber ich erinnere mich auch, dass ich mich auch für die Arbeit entschieden habe und auf Alfons‘ traurigen Blick konnte ich nur sagen: ich gehe gern arbeiten und leider brauchen wir auch das Geld. Es war ein Austarieren zwischen den Bedürfnissen. Oft tat es mir leid, zu wenig Zeit zu haben, auch wenn ich wusste, ich bin viel mit den Kindern zusammen. Für mich blieb nicht viel Zeit, die ich ganz allein für mich hatte. Und nun, habe ich ein Meer voll davon.

 

*Erst später, als ich im mit Alfons seine Pumuckl CDs hörte, lernte ich den Ursprung der Blaumachtage kennen: Pumuckl hatte Meister Eder einen freien Tag für den Tierpark abgerungen und musste dann sehr darum kämpfen, ihn nicht zu verlieren. Wir haben also unsere Blaumachtage Pumuckl zu verdanken.

**Unter den Blaumachtagen gab es zuletzt viele Krankentage, vor allem dann schon 2018. Diese verbrachte er auch bei Tante Elke und er war sooo gern dort, weil sie immer kleine Spaziergänge durch Weißwasser unternahmen und Alfons sich etwas aussuchen durfte, was er gründlich und mit Bedacht tat.

aufgeschrieben am 16.2.2019

Wochenende

Die Sonne scheint und das ist für mich schwer auszuhalten. Der Regen und die grauen Wolken passten besser zu meinem Inneren. Die grelle Sonne, die nicht wärmt, lügt mir einen schönen Tag vor. Und Alfons kann sie nicht mehr sehen und nicht in Socken über den Hof laufen, vom Haus zu Papa ins Büro.

Alex ist mit dem Rad unterwegs. Er hätte mit Alfons die ersten Sonnenstrahlen genutzt, um eine kleine Runde zu fahren, um am Ende der Tour weit herum gekommen zu sein. Das war Papas Spezialität. Alfons meckerte darüber häufig, aber letztendlich waren alle Ausflüge voller Erlebnisse, Erfahrungen und Glück. Mir fällt die Geschichte ein, als Alex mit Alfons, Carl und Hans im Riesengebirge bei Schneetreiben und Kälte unterwegs war und Alfons mit den letzten Kräften den Aufstieg zur Baude schaffte. Und beim Runtergehen zu Papa sagte: Ich bin so glücklich, es geschafft und durchgehalten zu haben. Mit deiner Hilfe. So oft hat Alex uns im Krankenhaus von dieser Geschichte erzählt und Alfons damit Mut gemacht…

 

Aber jeder Tag am Wochenende begann mit einem Frühstück und Alfons‘ Frage: Was ist heute unser Plan? Zu viele Vorschläge brachten ihn zum Verzweifeln und manchmal gab es Tränen und mit viel Geduld sortierten wir alles. Immer kletterte Alfons nach dem Essen auf meinen Schoß und wir kuschelten, lachten, machten Späße und begannen dann mit dem Tag. Im Frühling gingen wir raus und befreiten die Frühlingsblüher vom Laub. Alfons half. Am liebsten schnitt er Dinge ab. Im Sommer war er im Sandkasten. Manchmal ging es in die Schwimmhalle oder nach Eichwege an den Dorfsee oder eben mit dem Rad waren wir unterwegs. Fußball hat Alfons immer gern gespielt, zuletzt gern Tischtennis. Schon seit dem Sommer 2017 lernte er es und in seinem letzten Sommer war er schon ein kleiner Profi. Zum Fußballspiel gehörten selbstgemalte Fußballshirts und solche, die er sich auf dem Polenmarkt gekauft hatte und auch seinen Freunden schenkte. Ebenso ein selbstgebastelter Pokal von der FußballWM 2018. Oder Unmengen an Fußballstickern, die er sammelte und aufklebte und eigene gestaltete. Der Fußball verband ihn mit vielen seiner Freunde. Am Wochenende gab es auch selbstgebackenen Kuchen von Mama und Alfons, leckeres Mittagessen von Papa, das Sonntagsmärchen, Pumuckl-Hörspiele, Legospiele, die Feuerwehrrunde oder ein Spaziergang zur Neiße; am Abend viele Runden Siedler von Catan und Mensch-ärgere-dich-nicht. Alfons war ein Fan vom Siedler-Spiel und gewann so gut wie jedes Spiel. Manchmal kamen Freunde von Alfons zu uns oder wir besuchten welche. Zum Beispiel Tante Elke. Manchmal war Mama auf Weiterbildung und es war ein Männerwochenende, manchmal war Papa zur Jagd und Mama mit den Jungs allein. Die Wochenenden waren immer zu kurz. Deshalb hatte Alfons einen Joker: die Blaumachtage…

aufgeschrieben am 10.2.2019

Kochen, Trinken, Essen, Schlemmen

Mit Alfons verbinden sich viele Eßerinnerungen und -rituale. Und weil die Fotoauswahl schon sooo riesig war, schreibe ich über die Blaumachtage (bei denen es auch ums Essen ging) und das Schlemmen mit Freunden in Extrageschichten.

Vorweg ein Hinweis auf die außergewöhnlichen Vorlieben von Alfons: Als Kleinkind aß er Schnecken und Erde, wenn er im Garten rumkroch und die Früchte des Maiglöckchens, wenn gerade mal niemand auf ihn guckte.

Gekocht hat fast immer Papa und beide Kindern waren von Anfang an dabei. Auf dem TrippTrappStuhl standen sie und rührten, putzten, schnitten und klauten sich etwas Schinken und Alfons gern die kleinen Tomaten. Ich buk. Zupfkuchen (Carls Lieblingskuchen), Papageienkuchen (Alfons‘ Lieblingskuchen), Apfelkuchen (den liebten alle!). Den Apfelkuchen buken wir oft am Sonntag (und was wir nicht schafften, zu essen, gab ich Alfons am Montag in die Schule mit; alle Kinder freuten sich über den Apfelkuchen). Wenn es ans Äpfelschälen ging, dauerte es Alfons oft zu lang. Er kam wieder, wenn ich die dicken Butterstreusel auf den Kuchen tat. Er naschte, wo er konnte. Kochen konnte ich gut Suppen und Vegetarisches; die Kinder verzogen bei Grünem oft die Nase. Dabei aßen Carl und Alfons gern Feta, Oliven und Spinat… Aber das veränderte sich mit Eintritt der Pubertät. Das hatte bei Alfons ja noch Zeit (wenn Carl rüpelig war, sagte Alfons oft mit mitleidigem Blick in unsere Richtung: Ich werde mal nie so frech zu euch sein in der Pubertät. Ich sagte oft: Warten wir es ab; es wird genau wie bei Carl sein…).

Aber zum Essen: Alfons liebte den Ziegenkäse von Sabines Ziegenhof, Bratnudeln oder Bratstullen mit Butter und Salz am Abend (das machte meine Mutter noch auf unserer Kochmaschine in der Altbauwohnung; bei uns tat es der Toaster und sie waren noch so gut!). Alfons war auch ein Schnitzelfan und wie Carl liebte er es, Wild zu essen; 2 mal im Jahr in der Blauen Maus in Groß Bademeusel oder einmal aßen wir in einer Wildgaststätte in Bayern und der Besitzer schaute mit großen Augen, wie unsere Kinder Wild bestellten, wo seine Kinder nach Burger und Pommes riefen. Ab April gab es bis in den Juni hinein in jedem Jahr Spargel. Wir holten ihn an einer Bude in Döbern: Spargel aus Preschen. Spargel mit Kartoffeln, Butter , Sauce Hollandaise und Schinken. Gern aß Alfons und auch Carl Spaghetti mit Pesto oder Papas Sandwiches! Und Kartoffeln mit Quark. Den machte ich immer mit Schnittlauch aus dem Garten, den Alfons dann abschneiden ging, und einer guten Portion Leinöl, was wir mochten. Sie liebten Frikassee mit Reis und Alfons tat sich vieeeele Kapern dazu. Je älter Alfons wurde, umso weniger Süßes mochte er, vielleicht war das auch krankheitsbedingt. Obwohl Saure Würmer gingen immer 🙂 Aber der Favorit war der Marzipankuchen von Bäcker Dreißig oder Chips oder manchmal einfach Rosinen. Dazwischen versorgte ich Alfons mit aufgeschnittenem Obst. Wir saßen dann auf dem roten Sofa, schnappelten Obst, ich las vor oder massierte Alfons die Füße.

An warmen Tagen saß Alfons draußen in seiner Schaukel, direkt unter dem Holzvorbau bei der Eingangstür. Ab und an und doch viel zu selten nahm ich mir einen Stuhl und setzte mich in die geöffnete Tür, genau gegenüber von Alfons in der Schaukel. Wir machten beide zusammen eine Obstpause und Alfons war sehr glücklich. Er sagte: Kommst du jetzt zu mir und wir sitzen hier? Ja, sagte ich und er strahlte.

Früh, wenn wir nach sieben Uhr zur Schule losfuhren, fand Alfons oft neben sich im Auto eine kleine Plastikschüssel mit aufgeschnittenen Äpfeln. Die aß er. Alfons war immer ein leidenschaftlicher Esser; hatte er Hunger, war sein Gemüt schwer am Grollen. Bei Carl war es fehlender Schlaf, der ihn mürrisch werden ließ. Bei Alfons der Hunger. War der gestillt, war die Welt in Ordnung. Als Alfons krank wurde und wir noch an eine Erkältung dachten, begann er schon weniger zu essen. Schulbrote kamen zurück (wenn er sie in der Schule nicht Carl geschenkt hatte) und abends aß er fast nichts. Carl schimpfte mit ihm. Wir wussten nicht, dass das fehlende Blut auch im Magen zur Verdauung fehlt. Manchmal knurrte dann doch der Magen, im Bett! Und Alfons flitzte zu gern die Treppe hinunter (ich musste mit dem Singen kurz innehalten) und holte sich ein steinhartes „Kaninchenbrot“ aus dem Beutel für altes Brot in der Küche und knabberte es im Bett. Voll die Krümmelei!

Da fällt mir noch ein süßes Ritual ein: Ab und an fuhren wir in die Schokoladenfabrik nach Hornow (schon mit Carl fuhr ich dorthin). Da kauften wir immer zwei kleine Tütchen selbst zusammengestellten Konfekts. Die Auswahl traf Alfons. Eine Tüte für Carl, eine für ihn. Einmal goß er sich auch einen Bademeister und im Februar 2018 waren wir ein letztes Mal mit Tante Elke dort, da gestaltete Alfons Schokoladen für die Südafrikarückkehrer. Er sagte mir an dem Tag, als er sah, dass man dort große Schokoladen-Zahlen kaufen kann: Wenn ich zehn Jahre als werde, möchte ich gern eine solche 10 haben. Ich werde sie Alfons auf seinen Geburtstagstisch stellen, am 3.4., und am 6.4. kommen seine Freunde und wir feiern mit Alfons.

Am Ende eine letzte Geschichte: Alfons war gern bei Tante Elke, die ihn lecker bekochte und so manchen Einkaufsbummel unternahm, wo sich Alfons (und früher schon Carl) nach Herzenslust Dinge u.a. Essen aussuchen konnte. Beide Kinder waren bescheiden und doch dankbar für diese Möglichkeit. Alfons tat sich dazu noch superschwer mit Entscheidungen, da konnte sich der Einkauf hinziehen… Als ich ihn eines Abends bei Tante Elke abholte, erblickten wir vor ihrem Wohnblock in Weißwasser einen mobilen Verkaufsstand. Es war schon dunkel. Wir wussten, das Auto versorgt die Bevölkerung in Weißwasser, die russisch-deutsche Wurzeln haben. Alfons erzählte mir von seinem Russischlehrer an der Waldorfschule (er mochte Russisch sehr), der das runde Knabbergebäck aus Russland mitgebracht hatte und Alfons Herz damit eroberte (auch mit einer einflügeligen gelben Miniplüschente, die Alfons zu seinem 8. Geburtstag bekam). Also kauften wir dieses Knabbergebäck zusammen mit vielen vielen russischen Pralinen am mobilen Verkaufsstand bei Tante Elke vorm Haus.

aufgeschrieben am 3.2.2019

Schnee

Es schneit seit mehreren Stunden und der Schnee wächst in unserem Hof.

Alfons wäre heute früh, noch bevor alle richtig aufgestanden sind, im Schlafzeug und in übergeworfener Jacke sowie mit seinen grünen Gartenlatschen beschuht hinausgerannt, um die ersten Schneebälle zu werfen. Ich hätte ihn halbnaß und nur widerwillig ins Haus geholt. Und ihm versprechen müssen, wir gehen gleich Schneemannbauen. Er hätte gelacht, voller Glück. Am Frühstückstisch wäre er aufgeregt gewesen, hätte danach gefragt, was heute unser Plan ist. Mittags würde er das Sonntagsmärchen schauen und am Nachmittag endlich mit mir den Schneemann bauen…

 

Auf dem Foto links sieht man uns beide im Januar oder Februar 2017. Unten gibt es noch mehr Fotos. Im März 2018 lernte Alfons noch Schlittschuhfahren, als nach mehreren Tagen mit -15 Grad der Eichsee im Park zugefroren war und Papa Carls Schlittschuh rauskramte und Alfons damit vorsichtig über den See schlitterte…

Als ich heute Manja schrieb, wie es gewesen sein könnte, wenn Alfons heute hier gewesen wäre… Da schickte sie zwei Foto und schrieb, Malte und ich haben für Alfons einen Schneemann gebaut…

aufgeschrieben am 27.1.2019

Gestern war ich in Braunschweig. Meine Freundin Kerstin besuchen, die ich 2017 auf der Reha in Neu-Fahrland kennengelernt hatte. Sie zeigte mir in Schandelah, wo sie wohnt, das Jurameer. Ein Geopark. In Gedanken las ich die Tafeln über Ölschiefer, Fossilien und die Erkundungsarbeiten Alfons vor. Danach fuhren wir zu einem Gedenkort des Außenlagers Schandelah-Wohld, welches zum KZ Neuengamme gehörte. Hier mussten die Häftlinge Ölschiefer abbauen, damit daraus Öl gewonnen werden konnte. Später sahen wir uns in Brauschweig die Burg Dankwarderode an. Dort war der Braunschweiger Löwe ausgestellt, der 800 Jahre alt ist. Und ein roter Mantel des Kaisers Otto des IV.. Alfons und ich haben überlegt, wie er ihn getragen haben mag und ich dachte, wie schade es ist, dass man das nicht erkennen konnte. Im Braunschweiger Dom schräg gegenüber haben Kerstin und ich Kerzen für Alfons aufgestellt und die große Orgel und einen riesigen 7-armigen Kerzenständer betrachtet. Es gab auch eine Fotoausstellung von obdachlosen Menschen aus Braunschweig über ihre Stadt…

 

Ich habe so viele Erinnerungen an Museumsbesuche mit Alfons oder mit Carl oder mit Carl und Alfons oder in Familie… 

Im Dezember 2015 sahen sich Alex, Alfons und ich die Anna-Amalia-Bibliothek an und Goethes Gartenhaus. Alfons interessierte sich für den Gingko-Baum und wir nahmen Samen mit, die zu Hause nicht keimten. Im Sommer 2016 kaufte ich einen großen Baum für Manjas Praxiseinweihung und einen kleinen Baum für Alfons. Er steht im Sommer im Hof in einem Kübel; im Winter in Alex‘ Büro. Nun werden wir ihn auf Alfons‘ Grab pflanzen.

Im Mai oder Juni 2017 fuhren Alex, Alfons und ich nach Wittenberg anlässlich der 500 Jahre Reformation. Wir sahen uns das Wohnhaus der Familie Cranach an. Alfons war an diesem Tag sehr damit beschäftigt, uns von den gerade aktuell gewordenen Spinnern zu erzählen. Ich weiß noch, dass wir einen Souvenirladen aufsuchten, um etwas aus Wittenberg mitzunehmen. Wir fanden dort Kinderbücher zum Thema, die wir kauften und uns fiel das MOSAIK* in die Hände und an der Kasse auch ein Spinner. Alfons war überglücklich. 

Aber wir waren im Februar 2016 auch in Dresden in der Tutanchamun Ausstellung, einem Nachbau seines Grabes und der Beilagen. Es war die Zeit, als sich Alfons sehr für Ägypten interessierte. Wir konnten uns die Bücher anschauen zu Hause, die wir noch von Carl hatten, der sich auch dafür begeistert hatte. Und wir suchten das Ägyptische Museum auf der Museumsinsel in Berlin auf, wahrscheinlich auch 2016. So wie wir uns das Technische Museum anschauten und das Naturkundemuseum in Berlin. Oder aber auch das Freiluftmuseum in Lehde im Sommer 2017 zusammen mit Asia und Leo oder das Energiemuseum in Knappenrode, in dem Alex mit Malte und Alfons unterwegs waren oder wir in Familie im Ziegeleiwerk Miltenau… Wo ich mit den Kindern oft hinging, war die Ananas-Ausstellung im Gewächshaus des Muskauer Parks. Im Garten naschte Alfons Brombeeren und ließ sich von mir immer die Namen aller Geräte vorlesen, die dort ausgestellt waren. Zuletzt waren wir im April 2018 dort…

Immer waren wir neugierig auf die Welt und haben sie Alfons und Carl gezeigt…

 

*Das MOSAIK ist eine Comicreihe, die es schon zu DDR-Zeiten gab. Mit drei lebhaften Jungs, die durch die Zeit reisen. In dem Fall durch das Leben Luthers. Zu Hause bestellten wir das MOSAIK und eine Zusammenfassung aller Mosaik-Hefte, die sich um die Reformation drehten. Wir lasen die Comics immer Anfang des Monats. Schafften alle Luther-Hefte und nur vier oder fünf Hefte zum neuen Thema der HANSE. Mittlerweile bekommen Ben und Don, die Söhne meiner Cousine Julia, die Hefte.

aufgeschrieben am 24.1.2019

Ich lege Wäsche. Nicht mehr im Bad. Da saß ich früher auf der geschlossenen Toilette und legte die Wäsche zusammen, während Alfons badete, in der „kleinen Wanne“, der Dusche. Er verstopfte den Ausfluß mit Waschlappen, sang, spielte mit Bechern und Schwimmfiguren, veräppelte und bespritzte mich manchmal. Als er klein war, lief regelmäßig das flache Duschbecken über. Als Alfons groß war, im letzten Jahr seines Lebens, konnte er nicht mehr richtig duschen und nicht mehr baden, weil der Katheter nicht naß werden durfte. Oft sang er russisch. Er liebte es, aber langsam verblassten die Erinnerungen an die Sprache, wo er nichts mehr hinzulernte. Wenn ich mit der Wäsche fertig war, nahm ich ihn aus der Dusche. Dann war das Bad zur Sauna geworden und Alfons oft fix und fertig. Ich wickelte ihn in ein Handtuch, setzte ihn auf den Toilettendeckel, rubbelte ihn ab, die Haare, die vollen, nassen, dunklen Haare. Seinen Körper. Manchmal war er sehr erschöpft. Ich weiß erst jetzt warum. Dann half ich ihm beim Anziehen. Wenn er genug Kraft hatte, rannte er barfuß los und ich rief ihn schnell zurück, wegen der vergessenen Hausschuhe. Manchmal zog ich ihm eine Mütze über die nassen Haare…

Meine Erinnerungen sind so detailreich, aber ich weiß nicht, ob ich ihn immer küsste und drückte und verzweifle damit, weil ich denke, ich habe ihn zu wenig gedrückt und meine Liebe gezeigt. Ich war auch an manchen Tagen ungeduldig, streng manchmal, genervt auch. Ich hab Alfons dann gesagt, mich nervt die Sache und nicht Alfons. Und ich sagte, dass das so nicht sein sollte und ich einfach kaputt bin. Mir fehlen seine Fragen, unsere kleinen Gespräche über die Welt und wie Menschen sind und wie er und ich das finden…

aufgeschrieben am 23.1.2019

Alfons fragte mich häufig, manchmal unvermittelt und immer ernst: Mama, hast du mich auch wirklich lieb? Und ich sagte immer: Alfons, ja klar habe ich dich lieb, das weißt du doch, Mausepiep, ich liebe dich über alles.

Ab und an war ich ungehalten, oft in Sorge, warum Alfons das fragt, wo wir so oft und eng beieinander waren, immer schaute ich ihn liebevoll an und küsste ihn dann auf die Stirn oder streichelte ihm über’s Haar. 


Manja sagte mal zu mir; mit einem Lächeln im Gesicht: Alfons ist klug, er wusste, du liebst ihn, aber er hat sich immer einen Nachschlag geholt und gewusst wie 🙂

 

Eine Erinnerung zu dem Foto: Es ist wahrscheinlich das letzte Foto von uns beiden hier zu Hause an der Neiße, beim letzten Spaziergang am 30.7.2018 aufgenommen von meinem Cousin Holger (der auch zur 5köpfigen Besuchergruppe für Alfons in der Charité gehörte). Da sitzen Alfons und ich auf einem großen Findling. Er spricht, lächelt, albert leicht und ich höre, lache und halte meine Arme verschränkt. Ich hätte ihn auch umarmen können, aber er war nun in dem Alter wo das nicht mehr einfach möglich war. Ich wartete, dass das von ihm ausging z.B. wenn er mir beim Sonntagsfrühstück nach dem Essen auf den Schoß kletterte und wir dann ausgiebig kuschelten, bis seine immer dünner werdenden Beine mich piesackten. Aber auf dem Foto waren wir draußen, öffentlich und da mochte Alfons nicht mehr so getätschelt werden. Das konnte ich gut spüren und es respektieren. Auf dem Bild sieht man unser Vertrauen und wie wir uns mögen. 

aufgeschrieben am 22.1.2019

18./19.1., Chekov, Carl legt als DJ Mr.Quint im Team Kraftwerk Sonne zum ersten Mal auf. Ihn so vollkommen in seinem Element zu sehen! Der Club war voll und die Leute haben getanzt. Ich dachte dabei an Alfons, dem es eine Freude war, die anderen Kinder, seine Freunde mit seinen Witzen zum Lachen zu bringen oder ihnen Geburtstagseinladungen mit ganz persönlichen Texten zu schreiben, die er sich für jeden Freund ausgedacht hat. Carl ist glücklich, wenn sie zu seiner Musik tanzen. Die beiden Jungs sind sich in manchen Dingen ähnlicher als ich dachte. Aber vielleicht verkläre ich das. Letztendlich haben sie es bei uns als Eltern, bei Freunden, bei meiner Tante und Familie gesehen, daß ein Einsatz für andere auch Freude bringen kann… Carl und ich haben auch etwas gesprochen, trotz Lärm, Dunkelheit und schlechter Luft. Er hat solches Bedürfnis mir zu sagen wie er an Alfons denkt und was er denkt. Er sucht sich auch andere Gesprächspartner. Er macht das so gut für sich. Ich habe ihm erzählt, das Josepha viel mit Alfons spricht und er zu ihr gesagt hat: Bitte sage Mama, sie soll sich nicht zu sehr Sorgen um Carl machen, ich passe schon auf ihn auf. Carl sagt, daß er das immer und überall wo er ist, so empfindet. Gleichzeitig sagt er weiter, ihm ist die Hälfte genommen worden. Er fühlt, als wäre mit Alfons‘ Sterben etwas Großes und Wichtiges aus ihm herausgerissen…

aufgeschrieben am 20.1.2019

Es ist Abend. Ich mache nichts. Ich bin müde und gehe nicht ins Bett. Früher war ich dankbar, am Abend eine Stunde für mich zu finden. Jetzt habe ich ein Meer voller Zeit. Um diese Zeit, am Abend, und an freien Tagen habe ich mit Alfons gebastelt, gelesen und gesprochen; gegessen und später Alfons ins Bett gebracht. Meistens gab es eine Geschichte aus einem Buch. Manchmal konnte mich Alfons überreden und ich erzählte ihm eine selbstausgedachte Geschichte vom Wichtel Klaus, der unter einer großen Eiche im Muskauer Park wohnte. Einmal ertappte er mich und sagte: Mama, dass haben wir doch heute erlebt. Nach dem Vorlesen und Erzählen löschten wir das Licht und ich sang seine drei Schlaflieder: La, Le, Lu, Schlaf, Kindlein, schlaf und Stille, stille… (Als Alfons ein Säugling war, sang ich Schlaf, Kindlein, schlaf. Dann bekam er von der Oma eine Spieluhr mit La, Le, Lu und von da an musste ich auch dieses Lied singen. Und als Alfons etwas größer war, bekam er raus, dass ich Carl immer Stille, stille sang. Von da an sang ich fast jede Nacht alle drei Schlaflieder für ihn. Er wusste sehr klar, was er wollte und solche Dinge tat ich gern.) Also ich sang und wir haben dabei zusammen gekuschelt. Ab und an schlief ich ein, manchmal schon beim Singen und Alfons sagte: Das ist nicht so schlimm. Oft war ich nach dem Erwachen wie gerädert und konnte den Rest des Abends nichts mehr tun. Ich liebte es aber auch, liegen zu bleiben, eng an Alfons gekuschelt, und meinen Gedanken nachzugehen. Manchmal dachte ich, er schläft schon und wenn ich mich wegstehlen wollte, sagte er leise: Mama, bleib noch kurz… Ich blieb. Manchmal mußte ich gehen, weil es noch zu tun gab, dann rief er: die Tür auflassen und das Licht lange an und ich sagte, dass mache ich doch immer und dann rief er mir unseren Gute-Nacht-Spruch hinterher „Schlaf gut, träum was Schönes, hab dich lieb und Gute Nacht“ und ich rief es zurück oder erst sagte ich es und dann er. Immer innig.

Ich spüre das, als wäre es gestern und mein Herz krampft sich zusammen. Ich weiß nicht, was ich diesem Schmerz entgegensetzen soll.

(Das Bild entstand im Sommer 2018 beim Zubettgehen. Wir haben es gemacht und mit einer Memo an Carl geschickt.)

 

Wichtige Ergänzung:

Es gab noch ein anderes Einschlafritual. Das mit Papa. Als Alfons klein und leicht war, trug ihn Papa an manchen Abenden auf seinen Händen vor seinem Bauch hoch ins Bett. Start war die Treppe. Alfons setzte sich auf Papas Hände und ließ sich „hochfliegen“, deswegen nannte sich das Ritual auch „Flieger“. Oben angekommen, landete der Flieger voller Schwung im Bett. Krach. Dann sprang Alfons flux wieder hoch und sprang nochmal mit Salto ins Bett. Bis zum Schluß. Auch am letzten Abend, am 30.7.2018, bevor es am nächsten Tag nach Berlin ging. Den „Flieger“ machte Papa nicht mehr so häufig, auch wenn Alfons immer mal wieder nachfragte: er war einfach zu schwer und lang dafür geworden.

In der Zeit in der Alfons krank wurde und schwächer war und wir aber noch zur Schule fuhren und es im Januar/Februar 2018 früh noch dunkel war, da habe ich Alfons häufig früh per Huckepack die Treppen runtergetragen zum Anziehen.

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