Über mein Tagebuch

Von "Mein Tagebuch" zu einem "Tagebuch über Alfons"

aufgeschrieben am 16.08.20

Da schreibe ich schon so lange und nichts weiß ich darüber, was es bewirkt. Manchmal sagt einer, wie schön ich schreibe. Manch eine sagt, es ist zu traurig. In mir entstehen immer neue Geschichten rund um Alfons und Carl und die Sorge, sie nicht alle zu Papier zu bekommen. Wenn ich das geschafft habe, habe ich alles zusammengetragen, was mir wichtig ist. Die Erinnerung an meine Kinder und an eine Familie, die irgendwie versucht hat, eine Familie zu werden. Mit der Scheidung und den Fragen um das Haus wächst der Scherbenhaufen an. Mit Alfons‘ nicht enden wollendem Wegsein und mit Carls Trauer um seinen Bruder zerbrach das Lebendigste, was mein Leben ausmachte. In den Kindern bin ich. In ihnen ist ihr Vater und sind alle anderen aus der Familie, sind ihre Freunde und Freundinnen. Der Scherbenhaufen ist also groß. Und die Aufgabe für Carl ist die, sich an den Scherben nicht zu stark zu verletzen und in dem Berg nicht unter zu gehen.  Der Selbstmord meiner Mutter und der Alkoholtod meines Vaters und später meines Stiefvaters lassen erahnen, dass ich immer mit Scherbenhaufen kämpfte und jetzt im letzten Drittel meines Lebens erst weiß, wie stark sie mich geprägt haben und wie lange es brauchte, um diese Muster zu verlassen. Ich ahne also, was Carl bevor steht. Neben all dem Schmerz und der Trauer die ihn und uns tagtäglich ausfüllt.

Deshalb schreibe ich von meinem Leben mit Alfons und Carl, damit sie wissen, dass sie es haben. Mit vielen glücklichen Momenten und in ungeahnter Vielfalt und Buntheit. Und dennoch schwang die Schwere des Lebens mit. Weil mein Leben schwer ist? Ich wünschte, es wäre anders. Ich wünschte, ich hätte meine Kindern bewahren können vor Krankheit und Streit und Tod. Ich bin wütend auf das Glück, das nie lange blieb. Tante Helga, eine Schwester meines Vaters, die nun ab und an bei mir ist, um nicht im Pflegeheim sein zu müssen, sagte: Unter jedem Dach ein Ach. Wenn dies so ist, dann ist mein Schicksal vielleicht nicht schlimm und ich sollte es tragen. Ich denke dann an die KInder in Deutschland, die jedes Jahr vor ihrer Zeit sterben. Durch Krankheit, Unfälle, Vernachlässigung und Mord. Jeden Tag drei Kinder vor ihrem 15. Geburtstag. 1.800 Kinder in Deutschland erkranken jedes Jahr neu an Krebs. Fast alle zwei Sekunden stirbt irgendwo auf der Welt ein Kind unter fünf Jahren. Das sind durchschnittlich 15.000 Kleinkinder jeden Tag oder 5,3 Millionen Mädchen und Jungen unter fünf jedes Jahr. Zusätzlich sind im vergangenen Jahr etwa 900.000 Kinder im Alter zwischen fünf und 14 Jahren gestorben – insgesamt also 6,2 Millionen Kinder unter 15 Jahren. (UNICEF)

So weiß ich darum, das viele Eltern und Freunde leiden. Es passiert im Stillen. Und löst nichts aus.

Bad Muskau, den 19.1.2019

Ich habe mich entschieden – 13 Wochen nach Alfons‘ Sterben – Alfons‘ Tagebuch als ein Tagebuch über Alfons weiterzuführen. Das Schreiben fällt mir schwer. Zum einen weil das Tippen im Tagebuch und das Sehen der Bilder mich pausenlos an Alfons‘ Leiden und die schwere Zeit erinnert, die nicht enden will. Zum anderen weil ich kaum erklären kann, warum ich das mache und ob es sinnvoll ist und lesbar wird.  

„Mein Tagebuch“ haben Alfons und ich geführt, um Kontakt mit den Kindern, den Freunden und der Familie zu halten. Nach und nach gab es mir auch Mut, im Schreiben diejenigen Dinge festzuhalten, die für uns damals unser Leben waren und die uns Hoffnung gaben inmitten von Angst und Sorge um Alfons. Mit dem Tod von Alfons steht damit aber auch fest, dass ich Alfons‘ letzte Lebenszeit festhielt. Die Monate der Krankheit, die Alfons in Bad Muskau, in Cottbus und Berlin verbrachte, bleiben auf diesem Blog. Auch das ist seine Geschichte. Hinzu kommen nun seine Geschichten aus neuneinhalb Jahren seines Lebens. Wir wissen, was uns Alfons für ein reichhaltiges Leben hinterlassen hat und ich habe mich entschieden, es im „Tagebuch über Alfons“ mit allen Lesenden zu teilen. Vielleicht habe ich auch die Hoffnung, mit dem Schreiben Alfons‘ Wegsein verstehen und annehmen zu können.

Unter den „Erinnerungen und Fotos“ will ich nach und nach all die kleinen Geschichten erzählen, die Alfons und uns als Familie passiert sind. Das sind Unternehmungen, Interessen, Träume, Gedanken, Gespräche, Wünsche, Überraschungen, Trauriges, Witziges… . Und ich will auch die Gegenstände zeigen, die Alfons hervorbrachte und die nun ohne ihn hier mit uns leben. Dazu möchte ich gern Stück für Stück all die Lebenszeichen sammeln, die es zwischen Alfons und seinen Freunden gab und gibt. Einige dieser Geschichten finden den Weg schon zu mir. Ich sammle sie und werde sie hier niederschreiben. Da der Blog kein Forum und keine Kommentarfunktion hat, freue ich mich, wenn ihr mir eure Erinnerungen an anett.quint@muskau.net sendet und ich sie hier ablegen kann.

Anett Quint, Mama von Alfons

"Mein Tagebuch" 2018

Ich bin Alfons und das ist mein Tagebuch. 

Ich bin neun und gehe in die 3. Klasse. Ich wohne in Bad Muskau. Spiele gern Fußball und Tischtennis. Neuerdings gehe ich mit Papa auf Geocaching-Touren. Mit Mama lese ich. Und mit Carl, meinem Bruder, skype ich, seit er in Cottbus in einer WG wohnt.

Im Mai 2018 bin ich an MDS erkrankt. Das war ein Schock für uns alle. Wie ich damit lebe, könnt ihr in meinem Tagebuch lesen, was Mama mit mir schreibt.

Weitere Beiträge